minka0710Aimee´s Lächeln

In ihrer gesamten Wohnung gab es keinen Spiegel, bis auf einen, der ständig mit einem dunklen Tuch verhüllt war.Manchmal konnte sie sich nicht beherrschen. Der Drang war einfach zu gross, das Tuch zu entfernen.Wenn sie sich in dem Spiegelbild sah, starrte ihr ein Monster entgegen.Manchmal weinte sie, manchmal schrie sie laut ihre Wut heraus.Aber immer brannte der Hass in ihrem Inneren, bis sie keinen Atem mehr bekam und das Gefühl hatte, zu ersticken.

Samira sass in ihrem Auto und beobachtete das gegenüberliegende Haus. Seit Monaten observierte sie ihn schon, nachdem sie seinen Namen und Adresse herausbekommen hatte.Sie wusste, dass Hardy Laskowski auf die sechzig zuging. Deshalb erschrak sie, als sie ihn das erste Mal sah. Sie hatte einen Mann mit ergrautem Haar und einem Bauchansatz erwartet.Sein federnder Gang, die drahtige Figur, die davon zeugte, dass er sich sportlich betätigte, die dunklen Haare, die an schwarze Rabenfedern erinnerten, liessen ihn um einiges jünger aussehen. Das würde ihr Vorhaben um einiges erschweren.Vor langer Zeit hatte ihre Mutter ihr seinen Namen genannt.Die Adresse herauszufinden war nicht schwer.Dann begann sie, ihn zu beobachten. Seine Angewohnheiten herauszufinden.Sie musste sehr subtil vorgehen, um nicht entdeckt zu werden. Er war von Beruf Polizist und die waren geschult. Deshalb hatte sie sich auch zwei verschiedene Perücken gekauft. Eine blond und eine rothaarige, die sie wechselweise trug.Manchmal benutzte sie auch ein Kopftuch oder ein Cap.Inzwischen kannte sie alle Asylantenheime in Hamburg und Umgebung.Denn diese waren sein bevorzugtes Revier. Hier holte Hardy Laskowski sich, was er brauchte.Sobald er eines der Heime mit einem der Asylantinnen verliess, schlich sie ihm mit gezücktem Handy hinterher.Die Mädchen, teilweise noch in der Pubertät, folgten ihm meistens eingeschüchtert.Der schöne Hardy Laskowski in seiner Uniform war eine Instanz, der man zu folgen hatte.Einige bekamen grosse Augen, wenn sie seinen Porsche sahen.Er parkte seinen Wagen nie direkt vor den billigen Hotels, in denen er abstieg.Samira folgte ihm bis ins Foyer, wo er sich und seine Begleitung anmeldete. Niemand schien sich darum zu kümmern, wie jung die Mädchen noch waren. Ein Augenzwinkern und die Banknoten, die Hardy über den Tresen schob, reichten den Portiers.Später wurde Samira mutiger und folgte ihm die Treppe in einigem Abstand hinauf, bis zu den Zimmern.Hardy war so schwanzgeil, dass er sie nie zu bemerken schien.Allein die Vorstellung, was in diesen Zimmern passierte, reichte ihr.Sie hätte manchmal kotzen können, so übel wurde ihr bei diesen Gedanken.Als sie meinte, genug Material zusammen zu haben, entschloss sie sich, ihn damit zu konfrontieren.Und nun, nach vielen Wochen des Observierens, sass sie vor seinem Haus und wartete auf ihn.Nervös griff sie nach dem Handy in ihrer Handtasche. Natürlich war es noch dort, wo sie es hingesteckt hatte.

Als er im Hauseingang erschien, duckte sie sich unwillkürlich. Er überquerte mit forschem Schritt die Strasse und stieg in seinen feuerroten Porsche. Er musste sich förmlich zusammenfalten, um hineinzukommen.Samira verzog verächtlich das Gesicht. Das feuerrote Ding konnte sie bei einer Verfolgung wenigstens nicht aus den Augen verlieren. Er fuhr kreuz und quer durch die Stadt. Einen Moment lang beschlich sie das Gefühl, dass er mit ihr spielte.Endlich parkte er seinen Wagen unerwartet vor einem Cinemakomplex.Samira runzelte die Stirn. In ihren Augen war er nicht der Typ, der sich nachmittags Kinofilme ansah.Aber sie hatte lange genug auf eine Gelegenheit gewartet, ihm unverbindlich zu begegnen. Vielleicht war die Dunkelheit in einem Kinosaal von Vorteil.Sie folgte ihm ins Foyer.Er stand tatsächlich am Schalter und löste ein Ticket für die nächste Vorstellung.Sie stellte sich hinter ihm an.Sie atmete den vagen Duft von Leder und Zimt ein, ein herbes, männliches Parfüm, das nicht unangenehm roch. Eigentlich wollte sie ihn nicht riechen müssen, da er ihr zuwider war.Leider war es für ihren Plan unumgänglich, dass sie sich möglichst dicht neben ihn setzen musste.Er hatte seine Jacke neben sich auf dem Sitz abgelegt, so dass der Platz zwischen ihnen frei war.Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass sein Blick starr auf die Leinwand gerichtet  war.Der Film schien schon angefangen zu haben. Futuristische Raumschiffe beschossen sich gegenseitig vor der unendlichen Weite des Raumes.Diese Art Filme interessierten Samira nicht im Geringsten.Langsam, ganz langsam zog sie das Handy aus ihrer Tasche, während ihr Herz vor Aufregung klopfte.  Vorsichtig liess sie es in seine Jackentasche gleiten.Sie wollte sich gerade davonschleichen, als seine Finger plötzlich mit eisernem Griff  ihr Handgelenk umklammerten.Vor Schreck schrie sie leicht auf.

„Das hast du dir wohl so gedacht, Schätzchen.“ Seine Stimme klang leicht amüsiert. „Wolltest du mich etwa bestehlen?“ Samira schüttelte den Kopf. Vor Angst war ihr die Stimme im Hals stecken geblieben. Hatte sie sich wirklich so dämlich angestellt?„Meinst du etwa, ich hätte nicht bemerkt, dass du mich verfolgst?“ Seine Augen glitzerten böse im schummrigen Licht. „Lassen Sie mich sofort los, sonst schreie ich,“ zischte sie. „Ruhe da vorn,“ beschwerte sich eine Stimme hinter ihnen.Einen Augenblick abgelenkt, lockerten sich seine Finger ein wenig. Samira nutzte die Gelegenheit, um ihm ihren Arm zu entziehen und das Weite zu suchen. So schnell sie konnte rannte sie zu ihrem Auto und verriegelte die Tür. Ein Blick zurück zeigte ihr, dass er das Gebäude ebenfalls verlassen hatte. Das Handy gezückt, stand er vor dem Eingang und fotografierte ihr Auto. Ihr war klar, dass er sie anhand des KFZ- Zeichens ausfindig machen würde. Name und Adresse herauszubekommen, sollte für ihn kein Problem sein. Er war Polizist und sass an der Quelle. Ein kleines Lächeln spielte um ihre Mundwinkel. Er würde sie finden.

 

Hardy Laskowski zwängte sich in sein Statussymbol und verfluchte sich, dass es kein Van war. Im Moment waren diese Gedanken aber zweitrangig. Er war wütend, dass das kleine Luder ihm entwischt war. Was hatte sie nur von ihm gewollt? Das würde er hoffentlich erfahren, sobald er sich das Handy genauer ansah, das sie ihm zugespielt hatte. Er öffnete die Seiten und erstarrte. ICH KENNE DEINE GEHEIMNISSE, lautete die Botschaft. Was für schwerwiegende Geheimnisse konnte sie schon von ihm wissen? Sie kannte ihn doch gar nicht. Er hatte sie jedenfalls noch nie in seinem Leben gesehen. Und sie wäre ihm bestimmt aufgefallen, da sie genau in sein Beuteschema passte. Das Grinsen verging ihm, als er sich die folgenden Seiten ansah. Sie schien ihn schon seit Monaten observiert zu haben. Warum hatte er sie nicht bemerkt? Er sah sich, wie er in Uniform ein Asylantenheim betrat. Wahrscheinlich hatte es dort wieder Streitereien gegeben, die es zu schlichten galt.Diese heissblütigen Ausländer bekamen sich bei jeder Kleinigkeit in die Haare und dann flogen gleich die Fetzen. Auf der nächsten Aufnahme sah er sich mit einer schönen, blutjungen Frau das Heim verlassen. Das Luder verfolgte ihn bis zu dem jeweiligen  Hotel, in dem er abstieg. Sogar bis hinauf zu den Zimmern war sie hinter ihnen hergeschlichen, um sie zu filmen. Leider war er sehr deutlich zu erkennen. Er könnte sich im Zweifelsfall also nicht herausreden. Man sah ebenfalls, dass das Mädchen an seiner Seite noch sehr jung war. Fast noch ein Kind. Er erinnerte sich nicht mehr an dieses spezielle Mädchen. Im Laufe der Jahre hatte er so viele Mädchen abgeschleppt. Seit wann beobachtest du mich, du Luder? Er war doch sonst immer so aufmerksam, fast schon misstrauisch, was das anbelangte. Du hast sie wahrscheinlich nicht bemerkt, weil du geil warst, du Idiot, beschimpfte er sich. Was wollte sie nun also von ihm? Wenn sie dieses Material seiner Dienststelle zuspielte, wäre er geliefert. Langsam kochte der Zorn in ihm hoch. Seine Finger umklammerten das Handy, bis die Fingerknöchel weiss hervortraten. Er war kurz davor, das Handy aus dem Fenster zu schmeissen und mit dem Absatz genussvoll zu zertreten, bis die Splitter durch die Gegend flogen. Er atmete tief durch und versuchte, sich zu beherrschen. Damit war nichts gewonnen. Sie hatte bestimmt noch zig Kopien angefertigt. Vielleicht brauchte er das Handy auch noch, auf der Suche nach irgendeinem Hinweis. Bleib ruhig, denk nach. Was will sie? Ihn erpressen? Er musste fast lachen. Mit seinem Polizistengehalt konnte er keine grossen Summen aufbringen. Oder hatte sie irgendetwas anderes im Sinn? Er besah sich die Fotos und Filme noch einmal in Ruhe, der Reihe nach. Sie sah selbst ausländisch aus. Könnte es sein, dass er eine ihrer Freundinnen etwas zu hart herangenommen hatte und sie nun Rache wollte? Er hatte ihr Autokennzeichen. Er würde ihren Namen und ihre Adresse erfahren. Dann würde er schon herausfinden, was sie von ihm wollte.

Samira schloss die Tür hinter sich.„Er hat das Handy.“ Sie blickte auf ihre Mutter hinab, die zusammengesunken in einem Sessel vor dem Fenster sass, um das Leben der Anderen durch eine Glasscheibe zu verfolgen. Ihre Mutter hatte die Wohnung seit über zwanzig Jahren nicht mehr verlassen. „Er wird dich finden“ murmelte sie. „Das soll er ja.“ Samira schwang sich auf die Fensterbank, um ihrer Mutter ins Gesicht zu sehen. Die Augen ihrer Mutter funkelten sie an. „Er ist gefährlich.“ „Ich weiß, deshalb habe ich mich gut vorbereitet.“ Samira schnaubte durch die Nase. „Du willst doch auch Rache. Auge um Auge, Zahn um Zahn.“

„Du weißt, wie sehr ich ihn hasse. In meinem ganzen Leben habe ich noch nie jemanden so gehasst, wie ihn.“ „Ich weiß. Ich habe es oft genug gehört. Aber jetzt bin ich endlich alt genug, um dich zu rächen.“

„Ich habe Angst um dich. Ich will dich nicht verlieren.“ Ihre Mutter zerknüllte nervös die Decke über ihren Knien. “Du bist das einzige, was meinem Leben noch einen Sinn gibt.“

„Ich pass schon auf mich auf,“ beruhigte Samira sie. Sie hatte ihrer Mutter nicht erzählt, wie fit Hardy Kowalski noch aussah. Das würde sie nur noch mehr beunruhigen. Ihre Mutter schloss die Augen, um ihre Tochter nicht ansehen zu müssen. „Wenn du die Gelegenheit hast, töte ihn“ stieß sie hervor. „Ich wünschte, ich wäre in der Lage, es selbst zu tun.“ Ich werde sie töten müssen, falls sie versucht, mich zu erpressen.

Hardy Laskowski wanderte in seiner Wohnung auf und ab, während er nachdachte.Diese kleine Schlampe würde ihn nicht hinter Gitter bringen. Wenn es bekannt wurde, was er mit minderjährigen Mädchen angestellt hatte, wäre er geliefert.Selbst, wenn es Asylantinnen waren. Kein Gesetz der Welt würde ihn retten.Er hätte kotzen können. Zum Glück hatte er ihren Namen und ihre Adresse. „Samira“ fluchte er vor sich hin. Wahrscheinlich war sie selbst eine von denen, die hier Asyl suchten. Die sich von einer anderen Schlampe hatte aufwiegeln lassen, es ihm heimzuzahlen. Sich zu rächen, indem sie ihn anzeigte. Vielleicht hatte er eine von denen doch etwas zu hart angepackt. What ever, sie hatten es alle überlebt. Jedenfalls hatte er nichts Gegenteiliges gehört. Er würde ihr also einen Besuch abstatten müssen. Am besten, wenn sie es am wenigsten erwartete. Im Morgengrauen. Sagte man nicht, dass das die Stunde des Todes wäre, in der die meisten Menschen ihre Seele aushauchten? Sie würde allerdings keines natürlichen Todes sterben, bei ihr würde er nachhelfen. Und vorher würde er sie ordentlich durchvögeln. Er leckte sich die Lippen, wenn er an ihr junges, festes Fleisch dachte. Es würde eine schöne Nacht werden.

Samira ging nicht in ihre offizielle Wohnung zurück. Schon vor zwei Monaten hatte sie sich unter falschem Namen eine kleine Wohnung angemietet. Einfach, aber möbliert, damit sie bewohnt aussah und er nicht misstrauisch wurde, sobald er sie betrat. Sie hatte alles genau geplant, es durfte nichts schiefgehen. Diese Chance hatte sie nur einmal. Und sie hatte vor, zu überleben. Wochenlang hatte sie in einem Fitnessstudio ihre Muskeln gestählt und ihre Reaktionsfähigkeit ausgebaut. Ein kleines Detail beunruhigte sie etwas. Sie hatte keine Ahnung, wann er erscheinen würde. Ihr Instinkt sagte ihr, dass es bald sein würde. Nachdem er sich die ganzen Fotos und Filme angesehen hatte, wäre seine Wut auf sie immens groß. Die Wahrscheinlichkeit lag nahe, dass er sie in dieser Nacht schon besuchen würde.Sie begann, ihre Vorbereitungen zu treffen. Sie holte ihre Wäscheleine aus dem Bad und spannte sie etwa dreissig Zentimeter über dem Boden um Tisch- und Stuhlbeine, in der Hoffnung, dass er darüber stolpern würde. Ihr war jedes Mittel recht, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Dann drehte sie sämtliche Glühbirnen aus ihrer Halterung. Im Gegensatz zu ihm, kannte sie sich in der Wohnung auch in der Dunkelheit aus. Die Kabelbinder legte sie auf der Anrichte bereit. In der Erinnerung an seinen Duft, den sie im Foyer des Kinos wahrgenommen hatte, versprühte sie ihr Parfüm grosszügig in den Räumen. Er sollte nicht die Möglichkeit haben, sie durch ihren Geruch ausfindig zu machen. Samira verzog das Gesicht. Vielleicht hatte sie es doch etwas zu gut gemeint. Es roch, wie in einer Parfümerie. Sie holte das Messer hervor, dass sie sich vor kurzem gekauft hatte. Die Schneide blitzte höllisch scharf auf, als sie es nachdenklich in der Hand drehte. Ihr war etwas mulmig zumute, wenn sie daran dachte, wozu sie es benutzen wollte. Samira setzte sich still in die dunkelste Ecke des Zimmers auf einen Stuhl und wartete auf ihn. Das Messer lag griffbereit in ihren Händen.

Hardy hatte seine unbändige Wut mit einem Whisky gebändigt. Er zog sich dunkle Kleidung an und schnallte sich das Holster um die Hüfte. Seine Lederjacke verdeckte die Pistole. Es war kurz nach drei, als Hardy aufbrach, um Samira einen Besuch abzustatten. Etwas ähnliches wie Vorfreude durchfuhr seinen Körper. Hardy beschloss, seinen auffälligen Porsche mehrere Strassenzüge von ihrer Behausung entfernt, zu parken.Die frische Nachtluft belebte seine Sinne. Der Himmel wölbte sich pechschwarz über ihm, ohne Mond und Sterne. Nicht einmal die Bäume und Häuser warfen einen Schatten. Sie würde bestimmt nicht damit rechnen, dass er so schnell die Initiative ergriff. Bestimmt lag sie schon lange im Bett und träumte von ihm. Hardy grinste. Wahrscheinlich wartete sie darauf, dass er sich bei ihr meldete. Er rückte unwillkürlich sein Holster gerade. Er hatte die Pistole, er hatte die Macht. Was sollte sie schon tun, wenn er ihr den Pistolenlauf an die Schläfe hielt? Wahrscheinlich würde sie vor Angst in die Hose machen. Allein schon der Gedanke an ihre Ohnmacht erregte ihn. Ein Blick auf die parkenden Autos vor ihrem Haus sagte ihm, dass sie zu Hause war. Er hatte sämtliche Utensilien dabei, Türen zu öffnen. Durch seinen Job war er in der Lage, sämtliche Vorteile zu nutzen. Leise öffnete er die Haustür mit einem speziellen Dietrich. Im Treppenhaus war alles ruhig. Es roch nach Reinigungsmitteln und verkochtem Essen. Die Nachbarn schliefen den Schlaf der Gerechten. Irgendwann würde der Knall eines Pistolenschusses jemanden von ihnen wecken-oder auch nicht. Aber noch war es nicht so weit. Leise, ganz leise, huschte er die Stufen bis zu ihrer Wohnungstür empor. „Schöne Maid, mach dich bereit“ summte er vor sich hin. Er leckte sich voller Vorfreude die Lippen. Eins nach dem anderen, ermahnte er sich.

Wie sentimental Frauen doch waren. Ein kleines rotes Herz, von Blüten umrahmt, zierte ihre Wohnungstür. Dieses Schloss zu öffnen, war schon lächerlich einfach. Er betrat Ihre Wohnung und wäre beinahe rückwärts wieder hinausgestolpert. Penetranter Parfümduft schlug ihm entgegen und benebelte seine Sinne. Er verzog das Gesicht und versuchte, durch den Mund zu atmen. Das war ja widerlich. Er fragte sich, ob sie mit Absicht das Parfüm verschüttet hatte oder ob das ein Unfall gewesen war. Den Gedanken an eine Absicht verwarf er sofort. Wozu sollte sie so etwas dämliches tun? Wahrscheinlich war ihr die Flasche vor Nervosität aus den Händen geglitten. Er war überzeugt, dass sie etwas plante, was sie überforderte.Er öffnete vorsichtig die Tür zum nächsten Raum. Im ersten Moment bekam er es gar nicht mit, als er stolperte und plötzlich auf dem Boden lag. Verflucht, er hätte eine Taschenlampe benutzen sollen. In diesem Raum sah man ja die Hand vor den Augen nicht. Hoffentlich war sie durch den Lärm nicht wach geworden. Ehe er sich aufraffen konnte, sprang sie auf seinen Rücken und hielt ihm ein Messer an den Hals. Überrascht wurde ihm klar, dass er sie unterschätzt hatte. Das kleine Weibsstück hatte ihn tatsächlich ausgetrickst. Mit einer heftigen Seitwärtsbewegung schmiss er sich herum und warf sie ab, ehe sie zustechen konnte. Rasch sprang er auf und zog seine Pistole.

 

„Das hast du dir wohl einfacher vorgestellt,“ keuchte er.

Nein, so hatte sie das natürlich nicht geplant. Eigentlich sollte er jetzt, mit Kabelbindern gefesselt vor ihr liegen. Sie hätte sofort zustechen sollen. Dieser Fehler durfte ihr nicht noch einmal passieren, falls sie überhaupt noch eine Gelegenheit bekäme, ihn zu überrumpeln. Vorsichtig bewegte sie sich rückwärts krabbelnd, auf die hinterste Ecke des Raumes zu. Bleib ruhig, sagte sie sich, obwohl ihr Brustkorb sich keuchend hob und senkte. „Ich höre dich.“ Er kicherte böse.“ Du entkommst mir nicht. Wir wollen doch noch ein bisschen Spass miteinander haben.“ Ihr wurde übel. An diese Variante hatte sie überhaupt nicht gedacht. „So, wie du Spass mit den anderen Frauen hattest?“ Entfuhr es ihr. Schnell presste sie die Lippen aufeinander, damit ihr nicht noch mehr Worte entschlüpften, die ihre Position verraten könnte. „Ach, da drüben steckst du also,“ frohlockte er. „Rate mal, was ich hier habe. Eine Pistole, und wenn du nicht artig bist, erschiesse ich dich.“ Samira krallte ihre Finger um den Schaft ihres Messers. Wenn du nicht artig bist, ersteche ich dich, dachte sie wütend. Sie hörte, wie er sich in ihre Richtung bewegte. Ihr zitterten die Knie vor Anspannung. Sie umfasste das Messer mit beiden Händen, die Spitze vor sich gerichtete. Wenn er sie erreichte, würde sie zustechen. Plötzlich hörte sie, wie er über ihre nächste Falle stolperte. Er versuchte, sich zu fangen. Aber anstatt auf den Boden zu knallen, stürzte er auf sie zu, geradewegs in ihr ausgestrecktes Messer hinein. „Verflucht, was fällt dir ein.“ Er wankte und fiel vor ihr auf die Knie. Er stöhnte auf, zog das Messer aus seinem Körper und warf es zur Seite. Samira hörte es über den Boden schlittern. „Du dämliches Weibsstück, das wirst du büssen.“ Sie sprang hastig auf und rannte ins Schlafzimmer. Die Tür schlug sie hinter sich zu und schloss ab. Verdammt, verdammt, verdammt. Was sollte sie nun tun? Anscheinend war das Messer nicht sehr tief in ihn eingedrungen. Es war nur eine Frage von Minuten – Sekunden? Ehe er die Tür aufbrechen würde. Samira traten die Tränen der Verzweiflung in die Augen. Mama, ich hab´s vermasselt. Hoffentlich kannst du mir verzeihen.

„Hallo, Samira. Willst du mich nicht hereinlassen? Wir könnten viel Spass miteinander haben. Der kleine Kratzer, den du mir beigebracht hast, stört dabei nicht weiter. Er macht mich höchstens wütend, sehr wütend sogar.“ „Ich rufe die Polizei.“ Er lachte. „Tu das. Aber eigentlich ist sie ja schon da.“ Sie blickte sich hektisch im Raum um. Hier waren keine Stolperfallen angebracht. Soweit hatte er gar nicht kommen sollen. Ihr Blick fiel auf die hässliche Nachttischlampe mit dem gusseisernen Fuss. Das war ihre einzige Chance. Schnell zog sie den Stecker heraus, schnappte sich den einzigen Stuhl im Raum und stellte ihn neben die Tür. Dann stieg sie darauf. Der Sockel der Lampe lag schwer in ihrer Hand. Hardy trat die Tür mit einem Schwung auf, Samira schlug mit aller Kraft zu. Er taumelte in den Raum hinein und fiel der Länge nach auf den Teppichboden. Blitzschnell rannte sie in den Wohnraum und schnappte sich die Kabelbinder. Hastig band sie seine Handgelenke auf dem Rücken zusammen. Seine Knöchel stellten eine grössere Herausforderung dar. Der Schweiss stand ihr auf der Stirn. Wieso sah das in den Filmen bloss immer so einfach aus? Zum Glück erinnerte sie sich daran, dass er eine Pistole bei sich hatte. Sie zog sie aus dem Holster und setzte sich, am ganzen Körper zitternd, auf das Bett. Erschöpft lehnte sie den Kopf an die Wand. Die Pistole locker in der Hand haltend, sah sie auf ihn herab. „Das hättest du jetzt nicht gedacht, alter Mann“ schnaufte sie. Der alte Mann regte sich noch immer nicht. Um Himmels Willen, sie hatte ihn doch hoffentlich nicht getötet.

Langsam kehrte Leben in seinen Körper zurück. „Alle Achtung, du hast es tatsächlich geschafft, mich auszuknocken.“ Er rollte sich auf den Rücken und richtete sich ächzend zu einer sitzenden Position auf. „Falls du glaubst, du hast jetzt gewonnen, täuscht du dich“ höhnte er. „Vielleicht solltest du die Gelegenheit nutzen und mich jetzt erschiessen. Aber vorher hätte ich noch gern gewusst, was genau du eigentlich von mir willst. Zu deiner Information, ich habe nur ein einfaches Polizistengehalt.“

„Ich will dein Geld nicht.“ „Was willst du dann von mir?“„Schade, dass du nicht von selbst darauf kommst. Ich habe dir doch das Handy zugesteckt. Darauf waren doch Hinweise genug.“ Er lachte verächtlich. „Meinst du etwa die Schlampen, die in unser Land kommen, um Asyl zu suchen?“ Samira schüttelte fassungslos den Kopf. Er war ein Psychopath durch und durch.

Er lachte dreckig. „Die wollen sich hier in unserem Land doch nur gesundstossen, mit ihren Forderungen nach Wohnungen, Essen, Kleidung und jeder Unterstützung, deren sie habhaft werden können. Sie schleppen ihre gesamte Sippschaft hier an und der Staat muss zahlen. Die jungen Männer terrorisieren unser Land, lassen Bomben hochgehen, alles unter dem Namen ihres Allahs. Sie töten und vergewaltigen unsere Frauen, wie es ihnen passt und reden sich mit verletzter Ehre heraus…“. „Vergewaltigungen sind ja wohl eher deine Sache“ warf Samira kühl ein. „Darum geht es dir also, um Rache. Bin ich einer deiner Freundinnen zu nahe getreten? Huhu, sie haben sich alle gern von mir vögeln lassen.“

„Das glaubst du.“ Samira wurde übel, wenn sie seinen Tiraden noch länger zuhören musste. Der Tag war inzwischen angebrochen. Morgenlicht schimmerte durch das Fenster. Samira sah auf ihn herunter. Er sah erbärmlich aus. Durch den Schlag auf den Kopf war eine Wunde aufgeplatzt, die seine Haare dunkel nässte. Ein rotes Rinnsal lief an seiner Schläfe entlang und versickerte unter dem Wangenknochen. „Du siehst echt beschissen aus“ frohlockte sie. Seine gletscherblauen Augen funkelten sie zornig an. „Woran du ja wohl nicht ganz unschuldig bist.“ „Gern geschehen.“ Sie stand auf und holte ihr Handy aus dem Wohnzimmer. Dann machte sie ein Foto von ihm. „Was soll das“ fuhr er auf. Sein Blick war dunkel vor Zorn. Er konnte seine Wut schlecht verbergen. „Macht dich so etwas an?“ „Ich werde noch mehr Fotos von dir machen. Dann wirst du noch erbärmlicher aussehen.“ Samira grinste bösartig. Er spuckte in ihre Richtung. „Aber vorher werde ich dir noch eine Geschichte erzählen.“ „Die kannst du dir sonst wo hinstecken“ keifte er. „Binde mich endlich gefälligst los. Was du hier machst, ist Freiheitsberaubung.“ „Egal, wie du das nennst, es bleibt dir im Moment nichts anderes übrig, als mir zuzuhören.“ Er schloss die Augen, als wenn er eine Wand zwischen ihnen aufbauen wollte. Zum Glück konnte er das mit den Ohren nicht machen.

 „Vor vielen Jahren wuchs sie in Kabul, in Afghanistan auf“ begann Samira ihre Geschichte. „Ich weiss, wo das liegt, du blöde Schnepfe“, knurrte er ungehalten, “komm zur Sache.“ Samira liess sich nicht beirren. „Das Mädchen war sehr schön. Da ihre Eltern Angst hatten, dass die Taliban sie entdecken könnte, wurde sie, als sie vierzehn Jahre alt war, in den Keller verbannt. Nur des Nachts im Schutz der Dunkelheit, durfte sie an die frische Luft. Über die Jahre hinweg legten die Eltern möglichst viel Geld zur Seite, da sie ihrer Tochter, sobald sie älter wurde, die Flucht ermöglichen konnten. Das Mädchen war sechzehn Jahre alt, als sie aus Afghanistan floh.“ „Eine rührende Geschichte“ unterbrach Hardy sie. Samira sah ihn kalt an. „Halte den Mund und hör einfach weiter zu.“ Sie richtete seine Pistole vielsagend auf ihn. „Die junge Frau bezahlte ihre Fluchthelfer, die sie bis an die türkische Grenze brachten. Dann verschwanden sie, mit ihrem Geld und dem der anderen, die mit ihr flohen. Ihr weiterer Weg war eine Odyssee, die ich dir ersparen werde, da sie nicht relevant für dich ist.“ „Nett von dir“ warf er gelangweilt ein. „Hör einfach weiter zu“ schnauzte sie ihn an. „Es dauerte fast ein Jahr, ehe sie Deutschland erreichte. In Hamburg kam sie in ein Auffanglager. Sie wollte nur eines, die Sprache erlernen, eine Arbeit annehmen und aus dem Lager herauskommen. Sie fühlte sich nicht sicher unter den begehrlichen Blicken der Männer im Lager. Die Situation mutete sie ähnlich an, wie in Afghanistan. Immer wieder gab es Streit unter den heissblütigen Männern. Immer wieder musste die Polizei kommen, um zu schlichten oder Festnahmen vorzunehmen. Eines Tages eskalierte ein Streit und es geschah ein Mord. Diesmal verhörten die Polizisten alle, die in dem Lager wohnten. Als die junge Frau ebenfalls zu dem Hergang vernommen wurde, fiel sie einem jungen Polizisten besonders auf. Er konnte den Blick nicht von ihr wenden. Die hier vernehme ich, teilte er seinen Kameraden mit, die ein verschwörerisches Grinsen austauschten. Die junge Frau war verängstigt, vertraute aber dem schönen, jungen Mann mit den stahlblauen Augen, der so freundlich zu ihr war. Sie bemerkte die Kälte nicht, die hinter dem Gletscherblau lauerte.“ Samira forschte in dem Gesicht vor sich nach irgendeiner Regung. Er tat ihr den gefallen nicht. Sein Blick war weiterhin hasserfüllt auf sie gerichtet. „Der Name des Polizisten war Hardy Laskowski und die Frau war Aimee.“ Langsam sickerte die Erkenntnis in sein Gehirn. Seine Augen weiteten sich. „Das ist Jahre her. Kommst du mit diesen alten Geschichten jetzt daher und willst Rache?“ Samira nickte. Er schien es immer noch nicht zu begreifen. Sie dachte daran, was ihre Mutter ihr vor einigen Jahren erzählt hatte.

„Ich war in einem fremden Land, unter Menschen, deren Sprache ich nicht kannte. In dem Lager fühlte ich mich nicht sicher. Die vielen Männer machten mir Angst. Ich wollte da raus. Es gab Behörden, die mir halfen, deutsch zu lernen. Ich hoffte, bald eine Arbeit zu bekommen und eine eigene Wohnung. Dann passierte der Mord in unserem Heim.Ich hatte keine Ahnung, was genau geschehen war. Aber die Polizisten wollten, dass wir ihnen alle zu einer Aussage zur Verfügung standen. Als ich ihn sah, stand die Welt kurz still. Er war der schönste Mann, den ich je gesehen hatte.Er nahm mich einfach mit sich. Ich hielt ihn für meinen Retter und folgte ihm willig. Der Name dieses Mannes war Hardy Laskowski.

 „Sie hat dich geliebt.“ Samira starrte ihn an. Hardy Laskowski runzelte die Stirn. „Du bist ihre Tochter, stimmt`s.“„Und leider auch deine“ stellte Samira trocken fest. Er lachte hämisch. „Was soll das jetzt werden? Eine Wiedervereinigung?“ „Ich würde gern deine Seite der Geschichte hören.“ „Mir geht es nicht gut. Ich habe Kopfschmerzen und deine Spielchen gehen mir auf die Nerven.“ Speichel lief aus seinem Mundwinkel. Samira wandte sich angeekelt ab. Das Messer. Wo hatte sie es gelassen? Sie erinnerte sich, dass er es von sich geschleudert hatte, nachdem sie es ihm in den Körper gerammt hatte. Leider hatte seine Lederjacke das meiste abgefangen. Sie stand auf und ging ins Wohnzimmer zurück. Auf allen Vieren kroch sie auf dem Boden herum. Ohne dieses Messer wäre ihr Plan verloren. Plötzlich sah sie die Klinge unter dem Schrank aufblitzen. Erleichtert nahm sie es an sich. Vielleicht würde ihm das auf die Sprünge helfen. Sie ging zurück und setzte sich auf das Bett. Das Messer spielerisch in der Hand haltend, liess sie es vor seinem Gesicht hin und herpendeln. „Erinnerst du dich jetzt?“ Er blickte auf. Seine Augen verfolgten entsetzt das Schwingen der Klinge. „Das kannst du nicht tun.“

„Ich kann alles tun, was ich will.“„Damit kommst du nicht durch.“ Seine Stimme hatte einen jämmerlichen Beiklang. „Warum nicht. Du bist doch auch damit durchgekommen.“ „Es war ein Unfall“ behauptete er. „Unfälle passieren immer wieder“ stimmte Samira ihm zu. „Erzähle mir einfach aus deiner Sicht, wie es passiert ist.“

„Ich habe Aimee geliebt“ beteuerte er. „Na klar“ Samira fuchtelte mit dem Messer vor seiner Nase herum. „Als sie erfuhr, dass sie schwanger war, glaubte sie tatsächlich, dass ich sie heirate.“ „Und, warum hast du es nicht getan? Du hast sie doch sooo geliebt.“ „Unterbrich mich nicht immer,“ fauchte er sie an. „Ich heirate doch keine Asylantin, muslimischen Glaubens.“ Samira zuckte zusammen. Sie musste sich zusammenreissen, um ihm nicht für diese Bemerkung das Messer zwischen die Rippen zu jagen. „Manchmal wurden einige von uns als Polizeischutz angefordert, wenn wichtige Personen ein Event veranstalteten.  Auf einer dieser feiern lernte ich Doreen kennen. Sie hätte mich normalerweise überhaupt nicht interessiert. Sie wirkte so blass und nichtssagend.  Wenn ich nicht erfahren hätte, dass sie aus einem sehr reichen Elternhaus stammte. Sie verliebte sich in mich. Als sie schwanger von mir wurde, wollte sie, dass ich sie heirate.“ Samira wurde übel, wenn sie diesen eitlen, selbstverliebten Narzissten vor sich betrachtete. Selbst lädiert sah er leider noch gut aus. Er bemerkte, wie sie ihn ansah. „Kannst du mir nicht endlich die Fesseln abnehmen“ jammerte er. „Es ist sehr unangenehm, sich auf diese Art mit dir zu unterhalten.“ Sie starrte ihn indigniert an. „Du bist ein widerlicher Jammerlappen. Es ist mir lieber, so, wie es jetzt ist. Die Fesseln dürften deine Geschichte nicht weiter beeinträchtigen. Du hat also die andere geheiratet, weil sie Geld hatte.“ Er grinste sie listig an. „Eigentlich wollte ich sie auch nicht heiraten. Ich hatte überhaupt keinen Bock auf Familie und das ganze Drum und Dran. Aber da Doreen buchstäblich Rotz und Wasser heulte, bestach ihre Mutter mich mit der Aussicht, mir einen Wunsch zu erfüllen. Mein Traum war damals ein knallroter Porsche.“ Er zuckte mit den Achseln. „Die Frauen fliegen übrigens auf so etwas.“ „Nicht alle“ wandte Samira trocken ein. „Jetzt musste ich Aimee nur noch beibringen, dass ich quasi schon verheiratet war. Ich verabredete mich also mit ihr. Irgendwie schien sie es missverstanden zu haben. Als ich dort ankam, hatte sie den Tisch für zwei Personen gedeckt. Du weißt schon, mit Kerzen, Wein und dem ganzen Palaver. Ich schätze, sie erwartete einen Heiratsantrag. Am liebsten wäre ich sofort wieder gegangen. Dann sagte ich es ihr. Im ersten Moment starrte sie mich verständnislos an. Dann wurde sie wütend. Ich erwarte ein Kind von dir, du hast mir die Ehre genommen, wenn ich Brüder hätte, würden sie dich töten… Ich riet ihr zur Abtreibung. Kein Mensch brauchte es zu erfahren. Ich töte mein Kind nicht. Ich bin gläubige Muslimin, schrie sie mich an. Ach ne, und wieso töten die gläubigen Muslime unter dem Namen Allahs  Menschen. Denk nur an 9.11 in Amerika und die anderen terroristischen Bombenanschläge in der gesamten Welt. Das hat jetzt mit uns nichts zu tun, sagte sie kalt, ich habe dich geliebt und geglaubt, dass du mich zu einer ehrbaren Frau machen würdest. Nun wurde ich auch wütend. Ich heirate doch keine Muslimin, du musst dich eben damit abfinden. Da fing sie an zu kreischen. Ich werde es ihr erzählen, deiner Frau, sie spie die Worte förmlich heraus, deinem Vorgesetzten, deinen Kollegen, der ganzen Welt, dass du ein Kind von einer Muslimin erwartest. Ich werde sagen, dass du mich vergewaltigt hast, ich werde es beweisen können durch einen Vaterschaftstest, so dass du dich nicht herausreden kannst. Du wirst alles verlieren, was dir etwas wert ist… Und dann lachte sie hysterisch und lachte und lachte. Sie drehte einfach durch. Das grässliche Lachen sägte an meinen Nerven. Ich wollte einfach, dass es aufhört. Also nahm ich das Messer vom Tisch und schlitzte ihr die Mundwinkel auf, bis unters Jochbein. So, nun kannst du bis in alle Ewigkeit lachen, habe ich gesagt. Es sah tatsächlich so aus, als ob ein breites Clownslachen ihr Gesicht verzierte.“ Er schüttelte, noch nachträglich, erstaunt den Kopf. Samira musste an sich halten, um nicht sofort auf ihn zuzustürzen. Dieser Psychopath zeigte keinerlei Mitleid. Ihr war übel. Trotzdem musste sie es fragen. „Tut es dir leid, was du ihr angetan hast?“ „Ich schätze, sie hat es überlebt, sonst wärst du nicht hier.“ Samira hob das Messer vor ihre Augen und drehte es in ihren Händen. Ein Sonnenstrahl liess die Klinge effektvoll aufblitzen. Seine Augen weiteten sich. „Das hast du jetzt nicht wirklich vor.“ Sie grinste ihn an. Ein süsses Gefühl der Macht durchströmte ihren Körper. Zum ersten Mal zeigte er Angst. „Was denkst du wohl, warum du hier bist.“ Er schüttelte den Kopf. „Das wirst du dich nicht trauen.“ „Meinst du? Ich glaube, ich werde es sogar geniessen.“ Ihre Stimme war sanft, aber bestimmt. So, wie man kleinen Kindern mitteilt, dass sie jetzt keine Süssigkeiten bekamen, weil sie ungezogen gewesen waren. „Warum ist sie nicht selbst gekommen, um sich an mir zu rächen,“ versuchte er, sie abzulenken. „Aimee hatte einen Schlaganfall. Sie ist halbseitig gelähmt. Glaub mir, sie wäre gern selbst gekommen. Sie hasst dich immer noch. Du hast ihr ganzes Leben versaut, wenn man es auf einen Nenner bringen will.“ „Es gibt gute Chirurgen“ wandte Hardy verzweifelt ein. Ein Speichelfaden sickerte unappetitlich seitlich an seinem Kinn herunter. „Dann weißt du ja Bescheid, wohin du dich wenden kannst, wenn das hier erledigt ist.“ Samira kniff ihre Augen drohend zu Schlitzen zusammen. Dann stand sie auf und ging auf ihn zu. Sie kniete sich neben ihn hin  und liess das Messer wirkungsvoll vor seinen Augen kreisen. Hardy Laskowski wand sich in seinen Fesseln, versuchte vergeblich, ihr zu entkommen. Dann nässte er sich ein, wie sie mit Genugtuung bemerkte. Adrenalin schoss durch ihren Körper, als sie die Klinge am Mundwinkel ansetzte und nach oben zog. Er versuchte verzweifelt, sie abzuwehren. Samira liess sich nicht beirren. Kaltblütig schlitzte sie ihm den anderen Mundwinkel ebenfalls bis zum Jochbein auf. „Jetzt hast du was zu lachen, Hardy. Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“ Hardy jaulte auf. Blut lief aus seinem aufgeklafften  Mund und färbte die Zähne rot. Es sah wirklich schauderhaft aus. Samira holte ihr Handy und richtete es auf ihn. „Schöne Grüsse von Aimee. Lache Hardy, zeige ihr dein schönstes Lächeln. Es wird sie freuen, wenn sie es sieht.“ Samira wischte das Messer ab und steckte es in ihre Handtasche.Als sie ging, liess sie die Haustür offen stehen. Irgendjemand würde ihn bald finden.Er sollte nicht sterben. Er sollte noch möglichst lange etwas von seinem gewissen Lächeln haben.

 

 

 

 

9 thoughts on “Aimee´s Lächeln

  1. Wow, was für eine Geschichte! Sie hat mich von Anfang an gepackt und bis zum Schluss nicht losgelassen. Sehr spannend geschrieben! Nur zwei Sachen waren für mich nicht schlüssig. Zum einen hätte ein Polizist sie nicht eher in der „offiziellen“ Wohnung gesucht? Und warum sitzt er still da und lässt sich das Gesicht aufschneiden. Hier hätte ich mir noch etwas mehr Abwehr gewünscht. Klar, er war gefesselt, aber er hätte sich wegdrehen und winden können. Ansonsten gefällt mir deine Geschichte wirklich sehr gut.
    Liebe Grüße
    Angela (Stunde der Vergeltung)
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stunde-der-vergeltung

  2. Moin, tolle Storie die du dir da ausgedacht hast. Der Titel passt gut zum Plot und die Geschichte fesselt einen schon. Womit ich nicht ganz so klar kam, war deine Bildsprache. Es wirkte für mich so als wenn du auf Krampf versuchst Metaphern zu wählen die noch niemand gefunden hat.
    Beispiel :

    die dunklen Haare, die an schwarze Rabenfedern erinnerten

    …möchtest du das jemand zu dir sagt, „deine Haare erinnern mich an Rabenfedern“? Kann ich mir nicht vorstellen und dies ist nur ein Beispiel von vielen. Aber wahrscheinlich auch nur mein empfinden für deinen Stil.

    LG Frank aka leonjoestick (Geschichte: Der Ponyjäger)

  3. Liebe Minka,
    an Kritik habe ich nichts, was nicht schon von den beiden genannt wurde.
    Ich finde es super, dass du mit deiner Geschichte ein so wichtiges Thema ansprichst. Niemand sollte das durchmachen müssen, was Aimee (und all die anderen Mädchen) durchmachen mussten. Leider kommt das in der Realität noch immer viel zu häufig vor. Der Racheakt ist auf jeden Fall nachvollziehbar und ich fand es mal ganz schön, die Geschichte aus der Sicht der Person zu betrachten, die sich rächt und nicht aus der Sicht der Person, die das Smartphone findet. Habe ich auf der Website so noch nicht gelesen. Mein Like hab ich dir dagelassen.
    Liebe Grüße,
    Jess

  4. Hi Minka,
    wirklich cool, mal aus der Sicht der Person zu beginnen, die das Handy jemandem zuspielt. Das hat mir wirklich gut gefallen. Auch die Geschichte an sich fand ich gut und dass du aus beiden Perspektiven geschrieben hast. Ich lasse dir sehr gerne mein Like da. LG, Melli
    P.S.: Vielleicht magst du meine zweite Geschichte auch noch lesen. Würde ich freuen zu lesen, was du zu dieser sagst.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/ohrenbetaeubende-stille

  5. Die unterhaltsam geschriebene Geschichte entwickelt einen Sog, der einen gemächlich, aber stetig hineinzieht. Man möchte wissen, was Samira beabsichtigt und warum . . . und liest weiter, ohne sich ablenken zu lassen bzw. wieder anzusetzen. Das ist für mich der erste Maßstab, an dem sich eine Kurzgeschichte messen lassen muss.

    Handwerklich gut gemacht, bildhafte, gelegentlich derbe, aber zum Milieu passende Sprache, vielfältiger Wortschatz. Der erfahrene Leser merkt schnell: Hier war kein Anfänger am Werk. Besonders im ersten Drittel hält der Spannungsbogen: Was verbindet die aus völlig unterschiedlichen Welten stammenden Hardy Laskowski und Sarina miteinander? Augenscheinlich wenig. Diese Dramaturgie beschleunigt unmerklich das Lesetempo, hält einen in der Spur . . .

    Am Ende münden eine ausgeprägte Frauenverachtung (wie sie in jeder Kultur vorkommt), Macht- und sexueller Missbrauch und unterschiedliche Lebens- bzw. Sichtweisen zwischen westlicher und nichtwestlicher Kultur in einen nachvollziehbaren Racheakt, der das Geschehene zwar nicht rückgängig machen kann, aber die Seelenqual zweier Opfer lindert. Oder es zumindest soll. Doch ist es eine gute Tat, wenn man sich über das geltende Recht hinwegsetzt, um persönliche Bedürfnisse zu stillen? Wohl kein westlicher Richter (der in unserer zivilisierten, über Jahrhunderte gereiften Justiz in seinen Urteilen niemals Rache als Maßstab anlegen darf) würde die Tat Samiras gutheißen – er darf es nicht, das ist unser Wertekonsens. Ist das also die bessere Gerechtigkeit? Oder ist geltendes Recht manchmal das größte Unrecht? Manche offiziellen Urteile werden von nicht wenigen Menschen als das genaue Gegenteil von Gerechtigkeit empfunden.

    Dieser lesenswerte Kurzthriller ist in mehrere große Konfliktfelder eingebettet, von denen eines bedingt durch die (politisch gewollte) ungefilterte Zuwanderung überwiegend junger Männer aus frauenunterdrückenden Kulturen und den damit verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen an Aktualität noch zunehmen wird.

  6. PS:
    Der Satz „Ich werde sie töten müssen, falls sie versucht, mich zu erpressen“ würde perfekt (mit wörtlicher Rede versehen) an den Anfang des nächsten Absatzes passen. So wie es aktuell ist, irritiert es mich. Und da ich schon dabei bin: Im selben Absatz heißt Laskowski plötzlich Kowalski.

  7. Liebe Minka,
    die Idee zu deiner Geschichte gefällt mir sehr gut und auch der Titel macht richtig was her. Dein Schreibstil gefällt mir ebenfalls. Einige Sachen sind mir aber aufgefallen, die nicht ganz stimmig sind.
    * In einem Absatz nennst du Laskowski Kowalski
    * „Ich werde sie töten müssen, falls sie versucht, mich zu erpressen.“, soll, denke ich, schon zum folgenden Absatz gehören.
    * Hardy zieht in der Wohnung seine Pistole. Später, im Schlafzimmer, schreibst du aber, dass Samira die Pistole aus dem Holster zieht, dabei war sie dort ja gar nicht mehr.
    * „Denk nur an 9.11 in Amerika“ – Es fehlt ein Wort (an den 9.11.) und du meinst bestimmt den 11.09.! Das müsstest du auf jeden Fall ändern!
    Aber das sind ja Kleinigkeiten, die leicht zu korrigieren sind.
    Liebe Grüße aus dem Maislabyrinth, Andrea

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