Lisa StidlAliqua

8+

Das salzige Wasser umschloss ihre Füße, als sie das Boot verließ. Der Tag brach an, während sie die schweren Körbe, gefüllt mit Fisch, zu dem kleinen LKW schleppte. Routiniert verstaute sie die Strohgeflechte mit dem saftigen Fleisch. Den intensiven Geruch nahm die junge Frau kaum mehr wahr.

„Aliqua“, unterbrach der alte Herr sie, „Du bist ein Engel.“

Sie lächelte. Sie war alles, aber sicher kein Engel.

„Wirklich“, sprach er weiter, „Meine Frau sagt immer, die Güte, die du in diese kleine Stadt bringst, kann man von deinen himmelblauen Augen ablesen.“

„Das ist sehr nett.“ Aliqua küsste den alten Mann auf die kalte Wange. Die Seeluft klebte an seiner runzligen Haut.

„Später holst du dir einen Fisch.“ Es war mehr ein Befehl, als eine sanfte Erinnerung. Aliqua kannte den Unterschied. Dieser Mann würde nur schwer eine Widerrede zulassen.

„Wie immer.“ Sie unterstützte den alten Herrn nicht nur aus Güte bei dieser Knochenarbeit. Der Fisch, der hin und wieder abfiel, war eine nahrhafte Mahlzeit, die sie gerne annahm.

Aliqua spazierte über den Strand, zu der kleinen Holzhütte, in der sie lebte. Vögel kreischten in der Luft. Die Wellen des Meeres brachen am Ufer und erzeugten einen rhythmischen Ton. Von ihrer Veranda aus überblickte sie einige Sekunden das rauschende Meer und wünschte sich, an der Meeresoberfläche zu treiben. Sich tief sinken zu lassen und alles zu vergessen.

In ihrer Hütte steuerte sie schnurstracks das Waschbecken an, um das Salz aus ihrem Gesicht zu waschen. Die salzigen Partikel lösten sich unter dem Wasser von ihrer Haut und brannten in ihren Augen, als sie damit in Berührung kamen. Sie sah in den Spiegel und erkannte neben den roten Äderchen den Himmel – direkt in ihren blauen Augen.

Doch in der Mitte dieses Himmels stand ihre tiefschwarze Iris, hoch am Himmelszelt, und verspottete sie. Diese dunkle Sonne erinnerte sie daran, nicht überheblich zu sein und zu glauben, sie könne ihre Vergangenheit hinter sich lassen.

„Nein, nein, Aliqua. Du bist wer du bist. Das wirst du niemals ändern. Egal, wie sehr du hoffst, den Himmel deiner Augen auch in deinem Herzen zu finden“, verhöhnten sie die Stimmen ihrer Vergangenheit.

Unnachgiebig starrte sie weiterhin in ihre stechenden Augen. Darin war sie meisterhaft. Das hatte sie früh gelernt: Sei niemals die Erste, die wegblickt. Sonst hast du verloren. 

Krampfhaft umklammerte sie den Waschbeckenrand. Ihr Atem kam stoßweise. Das erste Mal war der Wunsch da, die dunkle Augenfarbe ihres Vaters zu haben und nicht diese engelsgleichen Augen ihrer Mutter. Ihre Geschwister ähnelten alle ihrem Vater, nur sie nicht. Dafür hatte sie seinen scharfen Blick, seine Disziplin, sein Durchhaltevermögen geerbt.

Der Gedanke an ihre Familie vibrierte unnachgiebig in ihrem Körper. Sie hatten sie erzogen – zu einer Kampfmaschine fabriziert. Ihre Persönlichkeit geformt, ohne sie jemals zu fragen, ob es ihr Wille war, kalt und unbarmherzig zu werden.

Und jetzt war nichts mehr übrig. Ihr Wesen war zu Staub zerfallen. Wer war sie denn, wenn sie ihre Vergangenheit verabscheute und in die Zukunft nicht konnte, weil sie nicht daran glaubte, diese zu verdienen? Sie war kein Engel des Himmels, sie war eine Botschafterin der Unterwelt. Das eine wäre sie gerne, das andere hatte sie hinter sich – beides schien nicht zu ihr zu passen.

Aliqua ließ den Beckenrand los. Ihre blonden Locken band sie zu einem strengen Zopf, der ihre Kopfhaut kribbeln ließ.

Es war Zeit einzukaufen. Zeit die leeren Straßen der Innenstadt zu nutzen, bevor das Chaos losging. Heute war Markttag – zu Mittag wären die Straßen geflutet mit Passanten und die Marktstände von Menschentrauben umringt. Aliqua verabscheute die Ansammlung der Menschen an diesem Tag und erledigte jedes Mal früh vormittags ihre Einkäufe, bevor sie später mit anderen Marktbesuchern durch die engen Gassen geschoben wurde.

Sie kaufte frisches Gemüse und holte die ihr versprochene Ration Fisch.

„Zur Feier des Tages, ein richtig dickes Stück, mein Engel“, sagte die Frau des Fischverkäufers.

Aliquas Herz krampfte und ihre Finger zitterten unbemerkt. Diese liebevolle Bezeichnung, trieb alte Sehnsüchte in ihr hoch. Wenn sie hierbleiben würde, musste sie das unterbinden.

Neben ihr wurde ein Moped angelassen und der stinkende Rauch des Auspuffs stieg in ihre Nase. Angewidert, wandte sie sich an den Fischer, der ihr das verpackte Fleisch reichte. Der Mopedfahrer drückte ein paar Mal demonstrativ auf das Gaspedal. Aliqua fiel es äußerst schwer, dem Fahrer nicht die Leviten zu lesen. Sie ermahnte sich, wegen des bisschen Lärms, keine sinnlose Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Sie war dabei, endlich vor dem zermürbenden Kosenamen und dem ohrenbetäubenden Gefährt zu flüchten, als sie etwas unverhofft am Fuß traf. Aliqua hielt inne und scannte ungerührt den Boden. Ein Turnbeutel lag vor ihren Füßen.

„Warte!“, rief sie, aber der Mopedfahrer setzte seinen Weg unbeirrt fort. Erneut rief sie, aber durch dieses laute, abscheuliche Ding, war ihre Stimme natürlich nicht zu hören.

„Sieh doch im Beutel nach. Vielleicht findest du dort einen Namen“, riet ihr die Fischverkäuferin.

Zögerlich öffnete sie den Stoffrucksack. Sie hatte keine Lust im Leben von fremden Menschen zu stöbern. Sie wusste, welche Konsequenzen das haben konnte. Doch etwas anderes blieb ihr nicht übrig, wenn die Person ihre Habseligkeiten zurückerlangen sollte.

Im Rucksack fand sie Lebensmittel, aber keine Brieftasche oder einen Ausweis, die den Namen der Person verraten hätten. Das Handy war ihr einziger Anhaltspunkt.

Aliqua drückte auf die Knöpfe des Mobiltelefons. Der schwarze Sperrbildschirm verschwand und gab den Zugriff auf das Telefon frei.  Aliquas Augen krallten sich an der Fotografie fest, die den Hintergrund zierte. Jede noch so kleine Kontur, brannte sich in ihren Schädel.

Ihr Atem stockte kurz, ihre Ohren wurden hellwach und es gab nur eine Möglichkeit: Sie rannte.

Sie verfolgte beinahe panisch den Weg, den das Moped zurückgelegt hatte. Hektisch rekonstruierte sie die Umrisse des Fahrers und seines Gefährts, aber egal wie weit sie lief, das Moped samt Lenker waren nirgendwo zu entdecken.

Nachdem sie lange geradeaus gelaufen war, blieb sie stehen und schüttelte den Kopf. Vergleichbar weit war sie das letzte Mal vor über einem Jahr gelaufen, als sie vor ihrer Vergangenheit geflüchtet war.

Rasch beförderte sie das Handy in ihre Hosentasche, damit das Foto niemand zu Gesicht bekam. Mit rasendem Herzen ging sie nach Hause, legte den Einkauf ab und setzte sich danach ans Meer. Das Wasser umspielte ihre Zehen. Das schmatzende Geräusch der Wellen durchdrang ihre Ohren und versuchte, die Gedanken zu vertreiben, die sie quälten.

Diese Waffe in ihrer Hand. Sein schmerzverzerrtes Gesicht. Niemals würde sie vergessen, wie sie ihren Cousin – ihren engsten Vertrauten – das letzte Mal in die Augen gesehen hatte. Aber sie war nicht umhingekommen, die Strafe zu vollziehen. Er hatte gestohlen und sie war eine Anführerin.

„Früh musst du es lernen, mein Kind“, hatte ihr Vater immer gesagt. „Du bist nicht dazu geboren, ein Engel zu sein, du wirst jene töten, die uns nicht mehr nützlich sind.“

„Nützlich“, murmelte sie.

Die altbekannte Leere kehrte in ihren Brustkorb zurück und verdrängte das Rasen ihrer Nerven. Wer war sie denn, dass sie entschied, wer nützlich war und wer nicht?

Sie war ein Niemand. Ihrer Sonne fehlte das Licht. Und trotz Wut war sie zu entkräftet, um sich dem Bösen in ihr hinzugeben. Also trieb sie irgendwo dazwischen und versank allmählich still und heimlich in den Tiefen des Meeres. Ohne dabei gesehen zu werden. Ihre krankhafte Vergangenheit würde sie nicht vermissen und in ihrer Gegenwart wusste niemand, wer sie war. Sie wusste es ja selbst nicht einmal.

Ein Piepen drängte sie aus ihren Gedanken. Instinktiv griff sie in ihre Hosentasche und checkte ihr Handy. Nichts. Misstrauisch erfasste sie die Umgebung, aber niemand war zu erkennen. Als sie einen Hinterhalt ihres Klans vermutete, der gleich über sie hinwegstürmen würde, hielt sie inne. Das gefundene Mobiltelefon in der anderen Hosentasche, presste sich unauffällig an ihren Oberschenkel.

Sie schälte es hervor, atmete und drückte darauf, um Gewissheit zu haben.

Tränen liefen über ihre Wangen. Ein Wimmern verließ ihre Kehle. Erneut ein Foto. Ein Foto von ihr und diesem alten Mann, der seine Schulden nicht bezahlt hatte und sie ihn dafür… Die Erinnerung war zu grausam, um sie weiter zu verfolgen. Das Handy landete mit einem dumpfen Aufprall im Sand. Aliquas Hände bebten.

Die Worte der Kurznachricht hallten in ihr wider. „Vergiss nie, was du getan hast.“ 

Nein, das würde sie niemals. Ihre Taten verfolgten sie bis in ihre Träume.

Ihre Familie schickte ihr diese grausamen Fotos – ganz sicher! Aber warum? Warum sorgten sie nicht gleich für ihren Tod oder zerrten sie an den Haaren zurück in dieses schreckliche Leben?

Verzweifelt erkannte Aliqua, dass es noch mindestens ein Foto gab, das sie erreichen würde. Ein Mord. Ein Mord, der sie tiefer erschüttert hatte, als jede andere Schandtat. Ein Mord, dem sie für nichts auf der Welt erneut in die Augen blicken würde. Mit zittrigen Händen beförderte sie das Handy in hohem Bogen ins Meer. Lange nachdem die Wellen des Aufpralls nicht mehr zu sehen waren, verließ sie den Strand Richtung Hütte.

Als der Einkauf verstaut war, grübelte sie, ob es klüger gewesen wäre, das Handy zu behalten. Womöglich hätte es ihr nach der Anwendung ein paar technischer Tricks Auskunft gegeben, wo sich ihre Familie aufhielt und welche Hintergedanken sie verfolgten.

Aber zu groß war die Angst vor der Vergangenheit, die sie durch das Handy einholen würde.

Aliqua entschied erneut, in die Innenstadt zu laufen. Warum, wusste sie nicht genau. Sie hatte wohl das Gefühl, dass ihr Leben weniger von ihrer Familie beherrscht wurde, wenn sie nicht zu Hause blieb, einen Fluchtplan schmiedete und verschwand. Der Wille nach Freiheit trieb sie in die Menschenmenge, damit sie die, am Morgen unterbrochenen Besorgungen, nachholen konnte.

Klangvolle Rhythmen luden zum Tanzen ein, so wie an jedem Markttag. Ein Mann tanzte nahe an Aliqua heran, schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. Geschickt umging sie seine Annäherung.

Sie hielt vor dem Obststand und atmete behutsam aus.

Es wurde gelacht, gedrängt, ausgiebig getanzt. Aliqua war sich spätestens jetzt sicher, dass es besser gewesen wäre, in der Hütte zu bleiben. Diese unterschiedlichen Eindrücke störten ihre Konzentration.

Schnell bestellte sie das gewünschte Obst. Als sie angerempelt wurde, packte sie reflexartig den Arm der Person und starrte ihr hasserfüllt in die Augen. Es war ein junges Mädchen, das sie leicht verängstigt ansah. „T-t-tut mir leid. Es ist so voll hier.“ Aliqua nickte, damit das junge Ding verstand, dass alles in Ordnung war. Zumindest zwischen ihnen.

Ärger überkam sie. Ihr Leben wurde erneut von ihrem Klan gesteuert und das, ohne ihre körperliche Anwesenheit. Hatte Aliqua sich nicht geschworen, diesmal bis zuletzt zu kämpfen? Sie war doch eine Kampfmaschine, warum bekam sie stets weiche Knie, wenn eine Konfrontation mit ihrer Familie bevorstand? „Weil du nichts bist, ohne deine Familia, Aliqua.“

Wie hypnotisiert, steuerte sie durch die Menge. Sie reihte sich in der Schlange zum Bäcker ein. Unzählige Menschen standen vor ihr, hinter ihr, neben ihr. Ein Mann mit weißer Baseballkappe, ein paar Meter vor ihr in der Schlange, stieß unachtsam gegen einen kleinen Jungen, der verängstigt davonlief. Eine Mutter jonglierte zwei Kinder in ihren Händen, während sie Brotlaibe verstaute. Der Jugendliche vor ihr, bewegte sich zur Musik, die unüberhörbar aus seinen Kopfhörern strömte, und stieß mit jeder Bewegung aufs Neue gegen Aliqua. Die Warteschlange schien nicht kürzer zu werden und ihre Nerven auf einem dünnen Drahtseil zu balancieren.

Als sie dann endlich an der Reihe war, beäugte der Bäcker sie besorgt. „Aliqua? Jemand hat ein Päckchen für dich abgegeben.“

„Wer?“, fragte sie, ohne lange zu überlegen.

„Der dort. Der mit der weißen Kappe.“ Der Bäcker deutete aus dem Laden. Aliqua riss das Päckchen achtlos an sich, folgte der angezeigten Richtung und fand die Kappe in Sekundenschnelle. Diesmal würde sie dieser Person folgen!

Unsanft stieß sie gegen Passanten. Das war ihr egal. Die Wut vernebelte ihren Blick. Der Hass rauschte durch ihre Venen. Ihre Konzentration schwand weiter. Tränen stiegen in ihre Augen.

„Nicht weinen. Wir weinen nicht. Sonst fühlen wir. Dann wird uns der Blick für die Arbeit vernebelt“, hörte sie ihren Vater sagen und sah die besorgten Augen ihrer Mutter, die immer nur geschwiegen hatte.

Doch die Tränen kamen unaufhaltsam. Sie hatte die Kontrolle verloren. Unter ihren wässrigen Augen verschwamm das Weiß der Kappe, aber sie schaffte es trotzdem, der Person auf den Fersen zu bleiben. Während sie drängte, riss sie an dem Paket. Verletzte dabei einen Fingernagel, aber das war nicht wichtig. Sie zog ein glattes, dünnes Papier aus dem Karton, und ließ die Verpackung schließlich auf die Pflastersteine fallen, wo sie sogleich von Tanzenden zertreten wurde. Aliqua bemerkte von all dem nichts, ein stummer Schrei durchzuckte sie. Schüttelte ihr Herz kräftig.

Diese Kinderaugen. Voller Angst. Sie starrten sie flehend an. Immer noch hatte sie das Wimmern des kleinen Jungen in ihren Ohren, wie er bis zum letzten Atemzug um sein Leben bettelte. Es war nie geplant, ihn zu töten. Doch am Ende war sie gezwungen, sein Kinderlachen verstummen zu lassen. Er hatte zu viel gesehen.

Aliqua faltete die Fotografie und steckte sie in ihre Hosentasche. Die Menschenansammlung lichtete sich und sie sah, wie die Person in einem Hotel verschwand.

Sie hielt kurz inne, sorgte für trockene Wangen und folgte ihr ins Innere des Gebäudes. Das Hotel war elegant eingerichtet – eleganter als die anderen Läden und Unterkünfte in dieser kleinen Stadt. Musik spielte im Hintergrund und eine Empfangsdame lächelte sie an.

Aliqua fackelte nicht lange, sondern nannte ihren Familiennamen. Sie vernahm, wie das Lächeln der Dame kurz wackelte. Die Rezeptionistin fing sich hastig wieder. „Ich bringe Sie auf das Zimmer.“

„Nein! Ich brauche bloß die Zimmernummer… Jetzt!.“

Aliqua war jetzt wieder in ihrem Element. Ihre Miene war ernst, damit man verstand, sie würde keine Widerrede zulassen. Als sie die Nummer hatte, fuhr sie in den letzten Stock und hastete zur größten Suite, die es in diesem Hotel gab.

Es war soweit. Ihre Vergangenheit wartete. Genau vor ihrer Nase. Es war vorbei mit dem Weglaufen. Endgültig.

Vorsichtig öffnete sie die Tür. An ihrer Zögerlichkeit merkte sie erst jetzt, wie viel Angst in ihr vorherrschte.

Es war still im Zimmer. Vom Hotelflur aus sah sie, dass die Tür zum Balkon geöffnet war. Die Vorhänge schwangen im Wind, der den Raum mit einem sanften Säuseln erfüllte.

Systematisch drang sie in das Zimmer vor. Zu ihrem Leidwesen vernahm sie keine Stimmen, an denen sie Orientierung finden konnte. Nach dem Wohnraum durchsuchte sie die Nebenräume, entdeckte allerdings nicht eine Menschenseele in der Suite.

Misstrauisch wandte sie den Blick zur Tür, durch die sie gekommen war, aber dort war niemand aufgetaucht. Dieses Zimmer war auf den Namen ihrer Familie gebucht, also wo waren sie? Was wurde gespielt?

Aliqua blieb es nicht erspart. Sie musste die Suite nach Hinweisen durchsuchen. Sie checkte die Unterlagen auf dem Schreibtisch und schluckte schwer, als sie die übermittelten Fotos vorfand. Doch ein Zettel, versteckt hinter den schrecklichen Ablichtungen, nahm ihre Aufmerksamkeit schnell ein. Eine Nachricht in geschwungener Schrift zog sich über den oberen Teil des Blattes:

 

Luca,

ich werde ein Jahr weg sein. Wenn ich danach nicht wieder zurückkomme, schicke mir diese Fotos. Erinnere mich daran, wie dunkel meine Seele ist.

Ich werde in der Hütte am Strand sein, in der wir früher immer unsere Urlaube verbrachten.

Schicke mir diese Fotos. Denn nichts als meine eigene Rache habe ich verdient, wenn ich euch im Stich lasse.

Aliqua.

 

Ihr Herz hämmerte fest gegen ihre Brust. Um ihre Kehle schnürte sich ein unsichtbares Band.

Das war ihre Schrift. Es war kein Traum gewesen. Sie hatte diese Nachricht hinterlassen. Ohne ihre Vergangenheit war sie nichts, ihr Verstand hatte sie immer wieder daran erinnert. Das hatte sie damals ebenso gewusst, wie heute. Sie legte den Zettel auf den Tisch zurück und trat benommen auf den Balkon.

Was war, wenn sie weder vorwärts, noch rückwärts konnte? War sie denn fähig, für immer in dieser Zwischenwelt zu leben? Zwischen dem Zwang, ihr fabriziertes Ich zu sein, und der Sehnsucht, endlich so zu werden, wie es ihr Herz forderte!

Aber es stand doch schwarz auf weiß auf diesem Zettel. Sie hatte selbst gefordert, dass sie zurückkehrte. Das war ihre Handschrift, das waren ihre Forderungen. Es lag so viel Hass in ihrem Herzen, dass sie sogar bereit gewesen war, ihn auf sich selbst loszulassen. Sich ihr eigenes Herz mit diesen grausamen Fotos zu brechen.

Aliqua warf einen Blick in die Tiefe und wie erwartet, winkte ihr aus einer schattigen Nebengasse eine Person zu. Sie wusste, was das bedeutete. Jemand wartete darauf, sie mitzunehmen. Dagegen würde sie nicht ankommen.

Sie nickte entmutigt. Ließ das Hotelzimmer hinter sich und nahm den Aufzug. Sie würde zurückkehren. Dem Schatten erneut erlauben, ihre Sonne einzunehmen.

Das Mitgefühl zerrte schon jetzt an ihrem Herzen. Mitgefühl für all die unschuldigen Menschen, denen sie wehtun würde. Sie verließ den Fahrstuhl und nickte der Empfangsdame zum Abschied zu.

Sie trat auf die Straße und steuerte in die dunkle Seitengasse. Am Ende erkannte sie ihren Bruder, der süffisant lächelte. Er hatte gewusst, dass sie wiederkommen würde.

Aliqua hasste ihn. Aber warum fehlte ihr die Kraft, sich zu lösen? Weil sie glaubte, ohne ihre Vergangenheit niemand zu sein? Weil sie annahm, sie könnte sich niemals selbst lieben? Aber war es denn umso viel besser, wieder ihr altes Leben aufzunehmen?

Der Zwang, nicht mehr durch ihre Verbrechen definiert zu werden, hatte sie ins tiefe Meer gezogen, ihre Lungen zerquetscht und ihr den Wunsch nach Leben geraubt. Und jetzt würde sie jeden Kampf gegen dieses abscheuliche Dasein von einem Moment auf den anderen wieder aufgeben?

Am Ende der Gasse stand ein dunkler Jeep. Ihr Bruder packte sie am Arm, ohne ein Wort zu verlieren. Wie benebelt taumelte sie neben ihm durch die schattige, feuchte Gasse. Vergangene Schandtaten zogen wild an ihrem Herzen und versuchten sie zu stoppen. Sie schrien förmlich vor Verzweiflung, im Einklang mit der Panik, die durch ihre Venen raste. „Nein, Aliqua. Wenn du jetzt aufgibst, dann wirst du dir nie verzeihen. Wir werden dir niemals verzeihen“, flehten und drohten sie gleichermaßen.

Schlagartig überkam sie in all der Panik eine selige Gewissheit. Eine Gewissheit, die sie nie zuvor verspürt hatte. Während sie fortgezogen wurde, war es plötzlich kinderleicht. Aliqua war wie der Sand im Meer, den sie täglich mit ihren Augen verfolgt hatte. Beweglich. Immer wieder veränderbar. Sie musste nicht definiert werden, um zu sein. Sie konnte mit der Strömung treiben und existieren. Ohne Vergangenheit, ohne Zukunft.

Die Wagentür wurde geöffnet und ihr Bruder lächelte wieder. Aliquas Augen scannten die Umgebung. Das Gemisch an Verzweiflung, Panik und Ungewissheit bahnte sich einen Weg zu ihrem Brustkorb, durchfuhr ihr Herz. Jetzt oder nie. Blitzschnell griff sie an die Waffe in ihrer Hose.

Bevor sie verschwand, fielen Schüsse, die durch den Lärm von Trommeln übertönt wurden. Sie sah ein letztes Mal in das Gesicht ihrer blutenden Vergangenheit. Dieses Mal überkam sie kein Mitgefühl. Sie war weder gut noch böse.

Denn eines war ihr in diesem Moment bewusst: Auch auf der Sonne gibt es dunkle Flecken. Und vielleicht, würde die Schale ihrer tiefschwarzen Seele eines Tages aufbrechen und Sonnenstrahlen hereinlassen.

 

 

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