BineAlles Verloren

19+

 

Alles verloren

#„Komm heute Abend nicht zu spät Schatz, das letzte Mal war sehr unangenehm“ waren die einzigen Worte seiner Frau am Morgen. Wieder mal eine kleine Party und dennoch liebte Rainer seine Frau nach all den Jahren Ehe. Trotz ihrer Ermahnungen, wusste er ihre Strenge als Zuneigung zu deuten. Und streng war sie wirklich, denn sie hatte seine Ernährung umgestellt, er hasste es. Immer nur Salat und morgens eine Grapefruit, pfui.

Aber nur noch wenige Jahre trennten ihn von der wohlverdienten Rente und der Verbesserung seines Handicaps und der Club hatte schließlich eine gute bürgerliche Küche.

# In der Kanzlei angekommen, begrüßte ihn seine Sekretärin Anna.

„Ihr Brötchen steht schon bereit und natürlich ihr geliebter Milchkaffee mit Vollmilch“ sagte sie mit einem Schmunzeln zu ihrem Chef.

„Und der erste Klient hat abgesagt – krank. Sie können in Ruhe essen“ zwinkerte sie ihm zu.

Er wusste es: ein wunderbarer Tag. Beschwingt setzte er sich an seinen Schreibtisch und wollte gerade seinen Rechner starten, als er ein Handy sah.

Ein topmodernes IPhone, auch wenn er nicht genau wusste welches Modell.

„Anna“ rief er.

Ja, Herr Baumgarten? Stimmt etwas mit dem Brötchen nicht? Doch lieber Salami?“ fragte sie.

„Nein danke, Fleischkäse ist super. Aber auf meinem Schreibtisch liegt ein IPhone, haben Sie es liegen lassen?“

„Ich dachte, das ist Ihres? Ich habe doch kein IPhone.“ antwortete sie.

In der Tat, es sah seinem Handy recht ähnlich und doch…

„Sie haben wohl recht Anna, wie dumm von mir. Und danke für das Frühstück.“ entschuldigte er sich.

Als sie sein Büro wieder verließ, schaute er in seiner Jackettasche nach. Kein Handy. Hm, vielleicht doch seines. Die Dinger sahen aber auch alle gleich aus. Er nahm das Gerät und drückte auf „Entsperren“, bereit seinen Sperrcode einzugeben. Doch das Gerät entriegelte sich von selbst – ohne einen Code. Seltsam. Auch die Hintergrundbilder waren anders. Er öffnete die Anrufliste und stutzte. Bis auf eine gewählte Nummer… NICHTS.

Also doch nicht sein Handy, aber wem gehörte es? Und wie kam es an seinen Schreibtisch, ohne dass Anna es bemerkte hatte? Er schaute in den Kontakten nach und stellte verblüfft fest, dass nur eine Nummer gespeichert war, die gleiche wie in der Anrufliste, wie er nach kurzer Prüfung feststellte.

Er beschloss die Nummer anzurufen, um herauszufinden, wem das Gerät gehörte. Vielleicht konnte er es zurückgeben. Während er auf „Wählen“ drückte, dachte er noch, dass so wenigstens die Zeit bis zum nächsten Termin vergehen würde.

Er wollte nach mehrmaligem Klingeln auflegen, als er ein Atmen am anderen Ende der Leitung vernahm.

„Hallo, ist da jemand?“ fragte Rainer völlig unnötig.

Keine Antwort.

„Ich höre Sie doch, mit wem spreche ich?“

„Du hast mein kleines Präsent gefunden.“ kam die Antwort. Eindeutig männlich.

„Was soll das heißen?“ wollte er wissen.

„Vielleicht solltest du dir die Fotos ansehen und danach hören wir uns wieder“ sprach der Mann.

Rainer wollte eben nachfragen, ob es sich um eine Verwechslung handelte, als er merkte, dass die Person aufgelegt hatte. Er wollte es schon als Irrtum oder Scherz abhaken, als er den Ton einer eingehenden Nachricht auf dem IPhone vernahm.

Der Text lautete: „Schau dir die Fotos an, Rainer, oder willst du, dass alle dein Geheimnis erfahren?“

Nach all den Jahren? Nein das konnte nicht sein. Und dann öffnete er die Fotos…

# Unfassbar, das war unmöglich und doch sah er es. Er stöhnte auf. Anna kam erstaunt in sein Büro und fragte: „Ist alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen blass aus!“

„Ich…“ stotterte er „fühle mich nicht gut.“

„Soll ich einen Arzt rufen? Haben Sie eine Herzattacke?“ fragte sie mit Hinblick auf seine gesundheitliche Verfassung.

„Nein“ meinte er „mir ist wohl der Fleischkäse heut nicht bekommen. Geht gleich wieder.“

„Wie Sie meinen“ zweifelte Anna und sah das kaum berührte Brötchen.

Nachdem sie sein Büro verlassen hatte, stand er wackelig auf und schloss die Tür. Er setzte sich zurück und starrte erneut auf das Foto. Mit einem Wisch stellte er fest, dass weitere Fotos mit Details zu sehen waren. Aber das war unmöglich, denn er selbst hatte nach diesem Beweis gesucht. Ohne Ergebnis. Er war sich sicher, dass er zerstört war und doch bestand kein Zweifel, dass es so war.

Der einzige Beweis seiner Vergangenheit. Er dachte alle Ängste der Entdeckung überstanden zu haben. Und doch war plötzlich die Vergangenheit zurückgekehrt in Form von Fotos mit eindeutigen Beweisen.

# Er packte seine Sachen und fuhr nach Hause. Ein wunderschöner Tag am Markkleeberger See und sein Haus mit direktem Blick, aber dafür hatte er jetzt keine Zeit.

Er stürzte in sein Arbeitszimmer und rannte dabei fast seine Frau Marianne um. Wo war noch das Schreiben?

„Schatz ist was passiert? Was machst du da?“ fragte seine Frau.

„Wonach sieht es denn aus“, kam es von ihm gereizt „ich suche was.“

Er sah ihre hochgezogene Augenbraue und dass sie ihn irritiert ansah. Was für Bild musste er abgeben, so schwitzend und mit rotem Gesicht. Nicht das sie noch misstrauisch wurde.

 „Tut mir leid Schatz, ich habe ein wichtiges Dokument für den heutigen Termin vergessen. Ich bin ein wenig unter Stress geraten.“ beschwichtigte er.

„Aber denk an heute Abend, der angesehene Staatsanwalt Schulze kommt auch zur Party.“

„Ich versuche es Marianne, ich melde mich später.“, sagte er. Auf einen dieser Abende hatte er gar keine Lust.

Sie wollte gerade gehen, noch leicht enttäuscht, als er hinzufügte: „Ich liebe dich Schatz!“

„Geht es dir wirklich gut?“

„Wieso? Darf ich meiner Frau nicht sagen, dass ich sie liebe?“

„Normalerweise tust du das nicht ohne Grund.“ Wunderte sie sich „wie damals, du weißt schon – vor 30 Jahren.“

„Also das war ja nun nicht das letzte Mal oder?“ bemerkte er, fühlte bei ihrer Aussage jedoch Unbehagen.

„Natürlich nicht. Egal Schatz, melde dich dann bitte.“

„Was?“

„Na um mir wegen der Party Bescheid zu geben.“ erinnerte Marianne ihren Mann.

„Das mache ich.“

Sie lächelte ihn an und verließ das Zimmer. Er schaute ihr nach und besann sich dann wieder auf seine Suche. Da war es Schwarz auf Weiß. Kein Beweis. Wie lange war das her? Fast 30 Jahre. Und doch schien es einen Beweis seiner Vergangenheit zu geben.

# Nachdem er zurück im Büro war, überlegte er, was zu tun war. Was konnte der Mann von ihm wollen? Vermutlich Geld. Aber wer konnte er sein? Er war so vorsichtig gewesen. Selbst vor seiner Frau und den Kindern hatte er es verschwiegen, mit Erfolg. Überhaupt hatte er Erfolg. Als Anwalt zu Beginn seiner Karriere hatte er Glück, eine Stelle als Hausjustiziar beim Energiekombinat von Leipzig zu bekommen. Seine Frau hatte liebevoll die beiden Kinder Hans und Christin großgezogen, während er fleißig Karriere machte. Halbtags arbeitete Marianne als Altenpflegerin und sorgte abends mit ihren Partys für sein Weiterkommen. Nun war er schon seit 15 Jahren Seniorpartner in einer der angesehensten Kanzleien von Leipzig und seine Frau Marianne hatte vor acht Jahren aufgehört zu arbeiten. Manchmal ging sie noch ehrenamtlich in ihre alte Arbeitsstelle, um den Menschen dort Gesellschaft zu leisten. Ihre Kinder waren mittlerweile beide in die Welt entschwunden und auf ihre Weisen erfolgreich. Es fehlten nur noch Enkelkinder.

Nein, das wollte er nicht gefährden. NIEMALS! Er schnappte sich das fremde Handy und begann, sich die Fotos genauer anzusehen. Immerhin war eine Fälschung nicht ausgeschlossen und das Ganze ein blinder Versuch. Doch eine genaue Überprüfung zeigte Details in dem Dokument, die Anfangszeit im Energiekombinat und Namen der Kollegen. Verdammt.

Es blieb nur eine Wahl! Er musste Kontakt aufnehmen.

# Er öffnete seine Schublade und nahm sich die Flasche Whiskey, die er dort heimlich aufbewahrte. Bevor er Kontakt suchte, musste er sich beruhigen. Dann fing er an auf dem fremden IPhone eine Nachricht zu tippen:

„Ich habe die Fotos gesehen. Was wollen Sie von mir?“

Er starrte auf das Gerät und versuchte, eine Antwort herauf zu beschwören, aber nichts geschah.

Dann verließ er das Büro und ignorierte seine fragend blickende Sekretärin. Ziellos irrte er durch die Stadt, seine Termine, egal. Anna würde, wie immer, spitzfindige Ausreden finden, dachte er.

Seine Frau sah ihn erstaunt an, bei dessen früher Ankunft zu Hause.

„Golf habe ich ausgelassen, um pünktlich zur Party zu sein.“ sagte er und schaute zum wiederholten Mal auf das Handy.

Etwas verblüfft antwortete Marianne „Schön.“.  Mehr fiel ihr zum Verhalten ihres Mannes nicht ein, aber was hatte er heute mit dem Handy?

„Stimmt was mit deinem Handy nicht?“

„Nein, warum fragst du?“

„Du schaust doch sonst nicht so oft auf das Ding oder muss ich mir Sorgen machen?“

Er wurde rot. „Sorgen?“.

„Naja, nicht dass du eine Affäre hast oder dich vor der Party drücken willst?“

„Ich doch nicht“ sagte er und schaute dabei erneut auf das IPhone. Seine Frau wurde misstrauisch und überlegte, ob Rainer in letzter Zeit anders war.

Plötzlich gab das Handy einen Ton von sich und Rainer wurde weiß im Gesicht.

„Ich bin in meinem Arbeitszimmer.“ entschuldigte er sich. Dann las er die Nachricht.

„Eine Million Euro!“

# So viel Geld hatte er nicht, dazu müsste er alle seine Besitztümer veräußern. Aber das würde seine Frau misstrauisch machen und ihn ruinieren. Er fing an zu tippen: „So viel habe ich nicht…“

Prompt die Antwort: „Nicht mein Problem, Anwalt. In 2 Tagen will ich das Geld.“

Rainer legte verzweifelt seinen Kopf auf die Schreibtischplatte.

Am anderen Ende der Leitung jedoch verfiel ein Mann in ein grimmiges Lächeln.

„Hab ich dich endlich, nach all den Jahren.“

# Rainer erwachte aus einem unruhigem Schlaf, der letzte Abend blitzte auf. Smalltalk, vegetarische Häppchen und eindeutig zu viel Alkohol für ihn. Schnell weg, bevor Marianne wieder mit ihrer Grapefruit kam.

Anna schaute ihren Chef verblüfft an, um die Uhrzeit kam er nie, selbst sein Frühstück war noch nicht fertig. Und überhaupt benahm er sich seit gestern eigenartig.

„Wollen Sie ihren Kaffee und ein Brötchen?“ fragte sie dennoch.

„Gerne Anna. Gestern Abend gab es wieder nur den gesunden Fraß.“ sagte er und verdrehte seine Augen.

Als sie mit Kaffee und einem Brötchen mit Salami zurückkam, bat er sie, sich zu setzen. Vielleicht wusste sie etwas…

„Anna war gestern außer Ihnen noch jemand in meinem Büro, bevor ich kam?“, fragte er, denn er erinnerte sich, als letzter die Kanzlei am Tag vor dem Handyfund verlassen zu haben.

„Nein Herr Baumgarten. Ist denn etwas nicht in Ordnung? Fehlt etwas?“

„So kann man das nicht sagen, eher etwas zu viel.“ bemerkte er.

Anna schaute ihn an, als ob er den Verstand verloren hätte und ja so fühlte er sich beinahe. Eine Million Euro. Er musste herausfinden, um wen es sich handelte, aber was dann?

„Sind Sie wirklich sicher, dass niemand in meinem Büro war? Ein Fremder…“ versuchte er es erneut.

Sie überlegte: „Nein, nicht dass…- oh warten Sie. Gestern waren die Fensterreiniger da, wobei es gestern nur einer war. Komisch war der.“

„Wie sah er aus?“ schoss Rainer zurück.

„Ach herrje, wie ein Fensterputzer halt in Arbeitskluft und seinen Utensilien.“

„Nein nicht doch. Wie alt war er? Wie sah das Gesicht aus?“

Misstrauisch zog Anna eine Augenbraue hoch.

„Ich weiß nicht genau. Schon älter, vielleicht 50 oder doch Ende der 50?“

„Und seine Statur? Etwas Auffälliges? Irgendetwas?“

Sie versuchte sich zu erinnern „Hm also ich denke, er trug einen Ehering und von der Statur eher schlank, aber nicht trainiert. Wieso wollen Sie das wissen?“

„Ich glaube der Mann hat sein Handy vergessen, auf meinem Schreibtisch.“

„Ach so“, meinte Anna erleichtert „wieso rufen Sie dann nicht einfach bei der Firma an beziehungsweise kann ich das ja machen.“

„NEIN“ brüllte Rainer. „Entschuldigung, aber das werde ich selbst übernehmen. Suchen Sie mir doch bitte die Kontaktdaten heraus.“

Eine halbe Stunde später hatte er den Chef der Firma am Apparat und erläuterte, den Fund des von ihm gefundenen Handys und fragte, ob man nachvollziehen könne, wer gestern in der Kanzlei Dienst hatte. Nach kurzer Pause erhielt er seine Antwort.

„Die Kollegen Schreiber und Haller.“

„Ist einer der beiden schon älter?“

„Klar der Mario, Mario Schreiber. Ist schon lange bei uns und sehr verlässlich. Er hatte neulich auch von der Ausschreibung für die Fensterreinigung bei ihrer Kanzlei berichtet. Armer Schlucker…“

Aber da hörte Rainer schon nicht mehr zu und legte auf. Mario Schreiber, woher kannte er den Namen?

# Mario hatte endlich frei. Seine Frau erwartete ihn schon nervös.

„Und hat alles geklappt“ Sind wir bald reich?“ fragte sie. „300.000€, ach was wird das toll. Ein teurer Urlaub steht uns nach all der Zeit auch zu.“ sinnierte sie weiter. Sie dachte immer noch, dass es nur um das Geld geht. Typisch Frau. Er wollte nur Rache.

„Was ist denn nun Mario?“ immer musste sie ihm alles aus der Nase ziehen.

„Er hat das Handy gefunden und auch die Fotos geöffnet.“ erwähnte er genervt.

„Und hast du das Geld gefordert?“

„Ja, in zwei Tagen soll er es auftreiben.“ meinte Mario.

Er schaute genervt auf seine Frau. Immer diese Fragen, er wollte doch nur seine Ruhe und natürlich Rache.

„Stimmt etwas nicht?“ fragte sie noch nervöser.

„Er meinte, er hat das Geld nicht.“

„Wieso das denn, warst du nicht deutlich genug? Sind die Fotos nicht lesbar?“, fragte sie

„Hm“ entgegnete er „vielleicht sollten wir deutlicher werden.“ Manchmal war ihre Fragerei doch sinnvoll.

„Woran denkst du Mario?“ fragte Carola mit ängstlichem Gesicht.

„An eine Warnung!“ Ihn stückchenweise leiden lassen, bevor er alles hochgehen lassen würde.

# Rainer wusste, dass er den Namen kannte, aber woher? Wie in Trance schaute er auf dem fremden Gerät die Fotos an. Und dann sah er es. Dort auf Seite 4 des Dokuments stand es. Schreiber. Natürlich kannte er ihn, allerdings kannte dieser auch sein Geheimnis, schließlich verbrachten sie viel gemeinsame Zeit beim Energiekombinat. Wie konnte er das vergessen. Damals als er noch jung war. Natürlich hatte er Mario verdrängt, er war nicht stolz auf diese Episode, zumal Mario wegen ihres Handelns erwischt wurde. Dieser kam frisch und naiv vom Studium, es sollte ein Leichtes werden ihn zum Mitmachen zu überzeugen, aber Mario hielt zuerst dagegen. Doch Rainer war zu tief drin, um sich wegen dieses Grünschnabels zu gefährden. Dann musste er härtere Maßnahmen anwenden, wie seine Unterstützer forderten. Das Letzte, was er von Schreiber hörte, war, dass er seinen Job verlor. Seinetwegen. Kein Wunder, dass Mario nun Rache wollte, zumal er ein privilegiertes Leben führen durfte. Aber eine Million Euro…?

Und dann pingte das Handy. Eine neue Nachricht: „Wie sieht es aus Anwalt? Oder brauchst du eine kleine Erinnerung, worum es geht.“

Da hatte Rainer eine Idee. Angriff war bekanntermaßen die beste Verteidigung. Er begann zu tippen.

„Du weißt, dass ich so viel Bargeld nicht habe, Mario!“

Er drückte auf Senden und ein Lächeln umspielte seinen Mund. Dann kam seine Sekretärin Anna mit einem Umschlag rein mit einem „persönlich“ Stempel. Verblüfft öffnete Rainer den Umschlag und zog 2 Blätter hervor. Die erste Seite entsprach dem Deckblatt des Dokumentes. Sein Herz raste. Auf Seite 2 war ein kurzer Text verfasst: „Das nächste Mal landen die Details in der Kanzlei und bei deiner Frau.“

So viel zum Angriff.

# Carola hörte die Antwort als Erste und schnappte sich das Gerät vor ihrem Mann. Dann kreischte sie: „Er weiß, wer du bist.“

„Was?“

„Er nennt dich Mario! Woher weiß er das?“ Sie scrollte im Verlauf nach oben und stutzte. Aus der Angst wurde Wut: „Was soll das heißen: eine Million Euro? Bist du übergeschnappt? brüllte sie ihn an und setzte ein „Idiot“ hintendran. Dann warf sie ihm das Handy entgegen und verließ den Raum. Er schaute auf die Nachricht. Mario – sein Name Schwarz auf Weiß. Mist. Er war ihm auf den Fersen und nun musste er aufpassen, Erpressung war schließlich strafbar. Das konnte er sich von seinem Peiniger nicht gefallen lassen. Dieser gewitzte Anwalt war schließlich an seinem verpfuschten Leben Schuld, er konnte nicht mehr als Ingenieur arbeiten. Dann musste er eben anders vorgehen und zur Not auch ohne seine Frau, denn er wollte Baumgarten bluten sehen. Er sollte alles verlieren. Seine Frau würde sich schon beruhigen, das tat sie immer. Er wählte die Nummer von dem Handy.

„Mario?“ kam es zögerlich von Rainer.

„Welcher Mario? Netter Versuch Anwalt. Ich muss wohl nochmal klarstellen, wer hier das Sagen hat.“ sagte Mario im Eiseston.

„Entschuldigen Sie…“ begann es am anderen Ende der Leitung.

„Für Entschuldigungen ist es ein bisschen spät, findest du nicht? Dazu hattest du 30 Jahre Zeit. Wenn du nicht willst, dass jetzt alles rauskommt, beschaff lieber die Million.“

„Aber so viel Bargeld habe ich nicht, vielleicht können wir uns einigen?“ versuchte es Rainer.

„Nein eine Million und nichts anderes.“

„Woher weiß ich, dass Sie keine Kopien haben und ich das Original erhalte.“

„Du wirst mir wohl vertrauen müssen Rainer. Wenn das eine Brücke ist, solltest du über diese gehen.“ Sprach er und lachte. Dann legte er auf. Rainer schien zu verstehen und verfiel in Panik. Das gefiel ihm.

# Jetzt wusste es Rainer, er war sich sicher. Es war Mario Schreiber. Dieses Sprichwort mit der Brücke hatte er früher so oft von ihm gehört. „Wenn deine Aussage eine Brücke wäre, würde ich nicht darüber gehen“, sagte Mario damals immer wieder bei Rainers positiven Hypothesen zu den Folgen.  Und nun wusste er auch, dass Mario gar nicht das Geld wollte. Es ging darum, ihn leiden zu sehen, vermutlich würde er auch das Dokument veröffentlichen, egal was er zahlte. Ihm blieb keine Wahl. Erneut verfasste er eine Nachricht auf dem IPhone: „Wann und wo?“

Die Antwort darüber würde alles entscheiden.

# Mario freute sich über das schnelle Eingeständnis, jetzt hatte er ihn endlich soweit. Vielleicht würde er das Geld ja doch zusammen bekommen. Dann konnten er und Carola sich zur Ruhe setzen und Rainer würde dennoch seine gerechte Strafe bekommen. Er sah plötzlich, wie Carola auf ihn zukam.

„Du musst das beenden“ begann sie „das führt zu nichts. Ich weiß, was er dir angetan hat und wie er dich zum Mitmachen zwang, aber jetzt wo er weißt, wer du bist…“.

„Einen Scheiß weiß er“, entgegnete Mario „das war nur ein Schuss ins Blaue. Ich habe mit ihm telefoniert und jetzt weiß er, wer das Sagen hat. Eben hat er mich nach der Übergabe gefragt.“

„Und du denkst, auf einmal hat er den Betrag?“ fragte sie kopfschüttelnd „und dann? Was passiert dann? Spätestens bei der Geldübergabe weiß er, wer du bist und ruft die Polizei.“

„Er wird mich nicht sehen, wenn er das Geld in einen Papierkorb wirft.“

„Und was passiert mit den Dokumenten?“

Ich werde es veröffentlichen, mit oder ohne Geld.“

„Aber wie kannst du nur? Wir wollten doch nur ein bisschen Geld für uns.“

„Du vielleicht, ich will ihn leiden sehen.“ antwortete er mit flackernden Augen.

So hatte sie ihren Mann noch nie gesehen und das nach der schweren Zeit. War er überhaupt noch der Mann, den sie kannte und liebte?

„Ich habe einen Termin beim Arbeitsamt“ entgegnete Sie und verschwand in Richtung Schlafzimmer.

Er brauchte ihre Unterstützung für den Fortgang nicht. Dann machte er sich daran, die Nachricht für die Übergabe zu schreiben: „Morgen 11Uhr am Spielplatz hinterm Wildschweingehege vom Wildpark. Wirf den Koffer mit dem Geld in den Mülleimer und geh. Sobald ich das Geld habe, bekommst du das Originaldokument.“

#Rainer las die Instruktionen und wusste, was zu tun war. Er würde mit seiner Frau reden müssen, ebenso mit der Kanzlei und ein weiteres wichtiges Telefonat führen. Er berief ein Meeting mit den Partnern der Kanzlei ein und startete so die Umsetzung seines Plans.

„Marianne?“ rief er beim Eintreten in ihr Haus.

„Schatz es ist mitten am Tag.“

„Gewöhn dich daran“ sagte er ihr „ich habe meinen Vorruhestand soeben begonnen.“

„Du hast… was?“ fragte sie und musste sich setzen.

„Ich habe soeben den Vertrag unterschrieben. In einem Meeting habe ich die Partner in Kenntnis gesetzt und nach einigen höflichen Protesten haben sie eingewilligt.“

„Und was ist der wahre Grund?“ fragte Marianne, denn sie kannte ihren Mann gut genug. Er liebte seine Arbeit.

„Ich werde erpresst!“

„Oh…“stöhnte sie auf „wieso?“.

„Marianne, du weißt, dass ich dich liebe, aber ich habe dir in der Vergangenheit nicht alles erzählt. Aber jemand kennt mein Geheimnis und hat Beweise gefunden. Ich weiß gar nicht, wie ich dir das sagen soll…“

Während er den Tränen nahe war, rang er nach Worten für seine Beichte. Seine Frau hingegen war erstaunlich ruhig. Keine Affäre dachte sie. Endlich wollte er ihr anvertrauen, was sie längst wusste. Die Zeit im Energiekombinat, natürlich hatte sie viel mitbekommen, sie war ja nicht blöd. Seine heimlichen Treffen und Telefonate…

„Brauchst du nicht Rainer, ich weiß es.“

„Ich glaube nicht, dass du weißt, was ich getan habe.“

„Doch seit mehr als 30 Jahren. Ich weiß nicht alle Details, aber ich habe genügend gehört.“

„Wieso hast du nie etwas gesagt?“ fragte er.

„Ich wollte, dass du es mir sagst und es hätte nichts geändert. Aber was genau sind denn die Beweise?“

„Er hat die Dokumente“ sprach er und reichte ihr das IPhone mit den Bildern.

„Und ich dachte, das hättest du geprüft.“

„Das hatte ich, aber so viel war zerstört.“

Dann betrachtetet sie die Fotos und fragte: „Wer?“

„Seite 4 – Mario Schreiber. Meine größte Schandtat in all der Zeit. Schau dir auch die Nachrichten an.“

Als sie alles gelesen hatte fragte sie: „und nun?“

„Er will Rache, egal ob ich zahle oder nicht, er wird veröffentlichen. Aber ich habe einen Plan.“

„Deshalb der Ausstieg aus der Kanzlei, du schützt sie und uns wegen der drohenden Veröffentlichung. Was passiert jetzt?“

Dann erzählte Rainer ihr seinen Plan und was er bisher wusste.

# Am nächsten Morgen gegen 9 Uhr saßen Rainer Baumgarten und seine Frau gemeinsam vor dem Telefon. Jetzt würden sie den Anruf bei der Polizei tätigen müssen.

# Mario erwachte gegen 9 Uhr. Verwundert stellte er fest, dass Carola schon aufgestanden war. Gestern war sie nach ihrer Rückkehr direkt mit Kopfschmerzen ins Bett gegangen. Frauen, vermutlich ihre Wechseljahre. Er ging in die Küche und fand einen Zettel: „Ich hole Frühstück“.  Sehr gut, dass war sein großer Tag.

# Rainer wollte die Nummer wählen, als es an der Haustür klingelte. Seine Frau stand auf und kam nach einigen Minuten mit einem Gast zurück.

„Wer ist das?“ fragte Rainer verwundert über seine Frau, denn schließlich hatten sie keine Zeit.

„Das wird dich interessieren!“

# Er hielt es nicht mehr aus, er wollte nicht mehr auf Carola warten und brauchte sie zur Durchführung nicht. Nervös fuhr er zum Wildpark und spazierte zu besagtem Spielplatz. 10Uhr, er hatte Zeit, sich in Ruhe einen guten Beobachtungsposten zu suchen. Wartend trippelte er auf und ab, nun wird es bald soweit sein. 11Uhr und nur ein paar Spaziergänger und Besucher des Wildparkes in Sicht, aber kein Anzeichen von Rainer. Da tauchte plötzlich ein älterer Herr mit tief sitzendem Hut auf, der eine große Tüte bei sich trug. Er schaute sich um und warf die Tüte in den Mülleimer.

„Wer sagt’s denn.“ murmelte Mario und wartete, bis der Mann außer Sicht war. Dann rannte er zum Mülleimer, schnappte sich die Tüte und ging zu seinem Auto.

# „Setzen Sie sich doch“ sagte Marianne zu der Frau. Rainer schaute beide irritiert an.

„Mein Name ist Carola Schreiber.“ sagte die fremde Frau. „Ich bin die Frau von Mario“ ergänzte sie.

„Sie sind wer?“ fragte Rainer ungläubig, „Was wollen Sie hier? Marianne, ruf die Polizei!“

„Warte doch mal Rainer.“ entgegnete seine Frau.

„Ich weiß, dass muss eigenartig sein, wo mein Mann sie doch gerade erpresst. Und ich bin keineswegs unschuldig, aber seit gestern ist mir klar geworden, mein Mann nicht zu bremsen ist. Nach all den Jahren der Entbehrungen wollte ich endlich ein wenig Glück und das mit Hilfe ihres Geldes. Wo Sie doch so viel haben und damals ungeschoren davon gekommen waren. Ganz im Gegensatz zu Mario, er konnte nie wieder in seinen alten Beruf zurück, sein Ruf wurde zerstört. Er ist jetzt Fensterputzer, können Sie sich das bei seinen Qualifikationen vorstellen? Niemand wollte ihn mehr nach Bekanntwerden seines Handelns. Und nach 10 Jahren ohne Tätigkeit als Ingenieur, ist man bei der schnellen Technikentwicklung nicht mehr gefragt.“ schniefte sie.

Nach kurzer Pause fuhr sie fort: „Als ich gestern hörte, dass Sie ihn identifiziert hatten, bekam ich Angst und mir wurde bewusst, dass wir kein Stück besser wären. Außerdem geht es Mario nur noch um Rache. Ursprünglich wollten wir doch nur ein kleines Stück vom Kuchen. 300.000€, wer hat schon eine Million. Da beschloss ich, zu Ihnen zu kommen.“ sie zog einen A4 Umschlag hervor und reichte ihm diesen. Er machte ihn hastig auf und da war sie. Seine Akte. Nach all den Jahren sah er seine Stasi-Akte „IM Rainer“. Ein Inoffizieller Mitarbeiter (IM) zu DDR Zeiten, der sich freiwillig gemeldet  und darauf die Stelle im Energiekombinat erhalten hatte, um Systemfeinde zu finden und weitere IM’s anzuwerben.

„Wie?“ fragte er.

„Was meinen Sie?“

„Wie sind Sie an die Akte gekommen? Ich habe direkt zu Beginn meine Unterlagen bei der Gauck-Behörde angefordert und 10 Jahre später noch einmal. Nichts.“

„Ich habe von Beginn an in der Behörde gearbeitet. Bis vor ungefähr sieben Jahren, wo sie weiter das Personal reduzieren mussten. Eines Tages hielt ich Ihre Anfrage in der Hand und erzählte es Mario. Er überredete mich, die Akte verschwinden zu lassen. Daher bekamen Sie eine negative Antwort. Es war damals nicht schwer, das zu machen, wo ja auch so viele ehemalige Stasi-Mitarbeiter in der Bundesbehörde beschäftigt waren. Viele taten so etwas, aber vorrangig zum Selbstschutz.“

„Aber warum erst jetzt? Es hätte nur noch meinem Ansehen und der Kanzlei geschadet.“ fragte er.

„Ich hatte die Akte versteckt und aus dem System genommen, aber ich hatte Bedenken, die Akte aus dem Gebäude zu schmuggeln. Kurz vor meiner Entlassung überwand ich mich und versteckte sie zu Hause. Mario hatte nach langem Drängeln endlich aufgehört von der Akte zu sprechen, aber plötzlich sah er Sie in dieser Zeitschrift mit ihrem perfekten Leben und bedauerte plötzlich, die Akte nicht zu haben. Da habe ich sie ihm gegeben.“

# Mario öffnete die Tüte und sah die Essensreste. Wütend warf er die Tüte aus dem Auto. Man hatte ihn verarscht.  Er fuhr nach Hause und wollte zusammen mit der Stasi-Akte zur Leipziger Volkszeitung (LVZ) fahren. Dann eben ohne Geld. Oder doch lieber die BILD Zeitung. Genau! Er suchte in der Wohnung nach den Dokumenten. Weg, genau wie seine Frau.

„Was wollen Sie jetzt Frau Schreiber?“ versuchte Rainer zu erfahren.

„Nichts außer, dass sie meinen Mann nicht anzeigen. Er hat so gelitten. Sie haben ihn damals gegen seinen Willen zur Mitarbeit als IM gezwungen. Mit der Familie konnten Sie ihn nicht erpressen. Daher haben Sie Ihn tagelang festgehalten und mit Licht seine Sinne für Zeit getäuscht. Man könnte es heute auch Folter nennen. Das schulden Sie ihm nach allem. Mehr will ich nicht.“

„Aber was ist mit Ihnen?“

„Machen Sie, was Sie wollen.“

„Ich danke Ihnen und werde selbstverständlich nicht gegen Sie beide vorgehen. Sie haben recht, es war das Schlimmste, was ich getan habe und dafür gibt es keine Entschuldigung, auch wenn mich mein Führungsoffizier dazu zwang.“

„Mein armer Mario, wie konnten Sie nur damit leben?“ fragte sie ihn.

„Ich hatte keine Freude daran und jahrelang Albträume. Ich selbst werde mir das nie verzeihen. Ihr Mann wurde kurz vor der Wende auch angewiesen eine solche spezielle Behandlung durchzuführen, um jemanden zum Mitmachen zu zwingen. Er kennt also beide Seiten.“ sagte er.

„Das muss schrecklich für ihn gewesen sein.“ sinnierte Carola.

„Das Gefühl hatte ich nicht.“

„Wie kommen Sie darauf?“

„Mario hatte in jenen Tagen immer ein boshaftes Lächeln auf den Lippen und ich dachte nur, was für ein Monster habe ich da geschaffen.“

Carola sah ihn entsetzt an und begann stumm zu weinen.

Ja, die BILD Zeitung ist perfekt. Er rief an und ließ sich zu einem Redakteur durchstellen. Er berichtete von der Stasi-Akte eines angesehen Anwalts.

„Haben Sie die Akte?“ fragte der Redakteur gelangweilt.

„Nein, aber ich habe Fotos davon.“

„Die könnten gefälscht sein und überhaupt, wen interessiert noch der Schnee von gestern. Solange es keine Berühmtheit oder kein Politiker ist, ist das keine gute Story. Sorry.“ Sagte der Redakteur und legte auf.

Schreiend rannte Mario durch die Wohnung und warf dann seinen Fernseher auf den Boden und trampelte völlig entfesselt darauf rum.

Wieder hatte er alles verloren!

ENDE

19+

10 thoughts on “Alles Verloren

  1. Hi. Eine wirklich tolle Geschichte. Spannend bis zum Schluss. 🤗
    Allerdings bin ich mir noch etwas unschlüssig, für wen ich mehr Mitleid empfinde. 😉
    Fall du wieder mal was schreibst, gib bitte Bescheid – würde mich freuen, wieder etwas von dir lesen zu dürfen.
    👍

    0

Schreibe einen Kommentar