inn-siderArjetas Rache

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Über viele Jahre konnte ich ein beschauliches ja fast spießiges Leben führen, nicht eine spannende Seite hätte mein Leben der letzten Jahre hergegeben, aber jetzt scheint es mir notwendig schnell aufzuschreiben, was seit ein paar Tagen passiert, vor allem weil ich nicht weiß wie lange ich noch zu leben habe. Für meine Kinder, damit sie wissen warum ihr Vater in ihrer Kindheit zu Tode kam und besonders für meine Frau, die nur einen kleinen Teil der Wahrheit kennt.
Sie werden es wie einen tragischen Unfall aussehen lassen. Auch die Polizei wird das feststellen, es wird perfekt sein, sogar die Beamten die unser neues Leben organisiert haben werden keinen Verdacht schöpfen. Vielleicht werden sie mich aber auch auf offener Straße erschießen, damit alle unsere Freunde erfahren was ich getan habe.
Euch, meine liebe Michaela und meine Töchter bitte ich nur mich nicht zu hassen, vielleicht könnt ihr mir eines Tages zumindest zugute halten, dass ich nach den Verbrechen die ich begangen habe, dass ich nach den Lügen die ich aufgebaut habe Euch ein normales, behütetes Leben bieten wollte. Meine Taten sind durch nichts zu entschuldigen und so ersuche ich Euch, nein, ich flehe Euch an meinen Tod zu akzeptieren. So bleibt mir nur zu hoffen, dass sie Euch verschonen mögen.

 Länger sollte mein Geständnis nicht werden. Viele Jahre, die entscheidenden Jahre meines Lebens schossen mir gleichzeitig durch den Kopf seit ich die erste Nachricht erhalten habe. Sollte ich wirklich alles sagen oder doch nur die halbe Wahrheit. Letztendlich wurde mir diese Entscheidung schon drei Tage später abgenommen.

 Vor ungefähr sieben Jahren zogen wir in die Neubausiedlung des verschlafenen Unterthalkirchen, meine Frau Michaela meine Tochter und ich. Ich hatte einen Job im nur circa fünfzig Kilometer entfernten München angenommen, unser Leben schien perfekt. In der Siedlung wohnten mehrere jungen Familien, mit den wir bald Kontakt hatten. Wir luden uns gegenseitig ein, die Männer schauten zusammen Fußball, die Frauen trafen sich zu Kaffee und Kuchen. Oder zum Grillen. Die Männer standen am Grill, tranken Bier aus Flaschen und unterhielten sich über Fußball. Die Frauen saßen zusammen tranken Wein, sofern sie nicht gerade schwanger waren und tratschten ununterbrochen. Die meisten der Männer trafen sich morgens und abends im Pendlerzug zwischen der nahen Kreisstadt und München, sogar Fahrgemeinschaften zum Bahnhof gab es.
Ja, unser Leben war geordnet und als auch der Prozess zu Ende war, der der Grund des Geheimnisses war, warum wir in Unterthalkirchen lebten und das in Unterthalkirchen niemand kannte und auch niemand kennen durfte, gab es keinerlei Aufregung mehr in unserem Leben. Das Zeugenschutzprogramm in das ich zusammen mit Michaela kam, war bestens organisiert. Wir bekamen neue Namen, neue Papiere und Versicherungsnummern, die Doppelhaushälfte in Unterthalkirchen, meinen neuen Job in München besorgte ich mir selbst, mit unserem alten Leben gab es keine Verbindung mehr.

 Dann begann der Prozess. Zwei Beamte saßen mit mir im Flugzeug von München nach Berlin und wohnten auch im selben Apartment mit mir. Als Augenzeuge war ich für einen der letzten Prozesstage geladen. Der Staatsanwalt fragte mich, ob ich gesehen hätte, dass der Angeklagte seine Frau getötet habe, nickte ich. „Wir wollen das schon hören“, hatte der Staatsanwalt gesagt und ich sagte „ja“. Während ich meine Geschichte erzählte, konnte ich nicht umhin immer wieder Kreshnik anzusehen, der auf der Anlagebank neben seinem Verteidiger saß und mich ununterbrochen hasserfüllt anstarrte. Auch als Kreshnik des Mordes schuldig gesprochen und in Handschellen aus dem Saal geführt wurde, wandte sich sein Blick nicht von mir ab. Das Gesicht dieses Mannes, der nicht nur mein Arbeitgeber, sondern über Jahre auch mein Freund und Gönner war, verfolgt mich in den Wochen nach dem Prozess jede Nacht. Leichter wurde das erst nach der Geburt unserer zweiten Tochter und der allmählichen Sicherheit unseres Lebens in Unterthalkirchen und irgendwann schien die Vergangenheit weit, weit weg, viel weiter als die fünfhundert Kilometer zwischen hier und Berlin.

 Michaela, die in Berlin noch Michelle hieß, hatte mich unterstützt und war stolz, dass ich den Mut aufbrachte gegen Kreshnik auszusagen. Sie hatte Arjeta gekannt, wir gehört irgendwie schon zur Familie und beide wussten wir, dass die Familie Rache üben würde, aber letztlich vertrauten wir den Beamten des Zeugenschutzprogramms.

Vor ein paar Tagen hat sich das schlagartig geändert. Das Leben, das wir nun schon sieben Jahre führten, unser beschauliches Leben kam nicht nur ins Wanken, diesem Leben wurde ein Ende gesetzte.

 Es begann letzten Montag. In dieser Woche war ich an der Reihe unsere Fahrgemeinschaft aus drei Münchenpendlern zum Bahnhof und zurück zu fahren. Beim Einsteigen in meinen Wagen sprachen wir über das Spiel, das wir uns abends ansehen wollten, als mein Nachbar sagte, „jetzt hätte ich mich beinahe auf dein Handy gesetzt“ und es mir reiche. „Sieht ein bisschen aus, wie mein altes, wahrscheinlich haben die Kinder damit gespielt“, sagte ich „und es im Auto vergessen“. Ich steckte das Handy in meine Jackentasche. Zuhause angekommen ging ich damit ins Bad, ich war neugierig, denn ich hatte sofort gesehen, dass es nicht mein altes Handy war und schaltete es ein. Es war durch keine PIN geschützt und zeigte mir drei WhatsApp-Nachrichten an. Es waren drei Bilder, alle drei von gleichen Absender, kein Name nur eine Nummer, die ich nicht kannte, die Ländervorwahl +389. Das erste Bild zeigte mich und war älter, vielleicht zehn Jahre alt, ich schob es nach oben, das zweite war ein Bild meiner Familie, ein neues Bild, erst ein paar Wochen alt aus dem letzten Urlaub. Das dritte Bild ließ mir das Blut gefrieren, es war ein Grabstein, Arjetas Grabstein, heute war ihr Todestag.

Nachts konnte ich kein Auge zumachen, ich hatte die Ländervorwahl gegoogelt. Mazedonien. Arjeta war Mazedonierin, ihre Familie lebte immer noch in Mazedonien, damals zumindest. Tausend Fragen schossen mir durch den Kopf, die Antworten, wenn überhaupt nicht zufriedenstellend. Was wusste Arjetas Familie? Arjetas Familie musste doch zufrieden sein, ihr Mörder saß hinter Schloss und Riegel und ich hatte gegen ihn ausgesagt. Oder kam die Nachricht von Kreshniks Familie? Hatten sie mich sieben Jahre lang gesucht und jetzt gefunden? Nein, das konnte nicht sein, Kreshniks Familie lebte schon lange in Berlin und kam aus Albanien. Und wie kam das Handy in mein Auto? Oder war es gar nicht im Auto, hatte es der Nachbar dabei? Nein, der Nachbar war ein Einheimischer. Ein abgesperrtes Auto aufmachen war für Kreshniks Leute sicher kein ernsthaftes Problem.

 Am liebsten hätte ich mir den Dienstag freigenommen, aber ich fuhr wie immer zur Arbeit, das Handy nahm ich mit. Im Büro war nicht allzu viel los, es herrscht Sommerflaute und so fiel es nicht weiter auf, dass ich nicht in der Lage war, vernünftige Arbeit zu leisten.

 Wann es genau war, kann ich heute nicht mehr sagen. Es dürfte so in den Ferien zwischen dem vierten und fünften Semester gewesen sein oder kurz danach, als mein Vater arbeitslos wurde und mir das Taschengeld kürzen musste. Also suchte ich mir einen Job und ich fand sehr schnell einen. Ich hatte eine möbliertes Zimmer bei einer älteren Dame in einer nicht schlechten Wohngegend Berlins und kam fast täglich an einem Lokal vorbei. Bisher waren mir nur die schicken Autos aufgefallen und die südeuropäisch anmutenden Menschen, die hin und wieder an den Stehtischen vor dem Lokal etwas tranken und rauchten. Heute ging ich die Straße langsam entlang und zum ersten Mal fiel mir der Zettel „Aushilfe gesucht“ auf. Ob er schon länger im Fenster des „Kucova“ hin wusste ich nicht, ich ging ohne zu zögern hinein. Die Einrichtung kam mir edel und teuer vor. Tische und Stühle aus dunklem fast schwarzen Holz. Alle Tische waren weiß gedeckt, Silberbesteck, edle Weingläser, ich versuchte mein Erstaunen zu unterdrücken und gelassen zu wirken. Fast über die ganze Länge des Lokals zog sich eine Theke, im gleichen Holz mit viel Messing beschlagen. An der Wand dahinter war ein Spiegel und Glasregale mit unzähligen Spirituosen von denen ein Glas davon wahrscheinlich teurer war, als das Zeug, das mein Vater seit seiner Arbeitslosigkeit die ganze Woche soff. Eine Frau und ein Mann arbeiteten hinter der Theke, polierten Gläser und rückten die Flaschen gerade.
„Was willst du“, zischte die Frau als sie mich sah und kam hinter der Theke vor. Sie war vielleicht Ende zwanzig, hübsch, so ungefähr einssiebzig groß, dunkle südländische Haut, schwarze Haare. Sie trug einen engen schwarzen Rock, der bis knapp über die Knie reichte und eine blütenweiße Bluse. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich meine alte Jeans und ein nicht gerade frisch gewaschenes, altes T-Shirt anhatte, als sie mich von oben bis unten musterte.
„Ihr sucht eine Aushilfe“, sagte ich und versuchte locker zu wirken, „was wäre da so zu tun?“
„Was denkst Du was eine Aushilfe in einem Restaurant macht“, sagte sie, „Aushilfsjobs.“ Und nachdem sie mich nochmals abfällig von oben bis unten angesehen hatte, verschwand sie in einer Tür neben der Theke. Ich wollte ihr noch ein „Äh“ oder „Moment“ hinterherschicken aber sie war weg.
Der Typ hinter der Theke, einen Kopf größer und deutlich breiter als ich warf einen Kellnerblock und einen Kugelschreiber auf die Theke. „Schreib Namen, Adresse und deine Handynummer auf, vielleicht melden wir uns.“

 Ein paar Tage später rief tatsächlich jemand aus dem Kucova an und bestellte mich für abends zum Aushelfen in der Spülküche ein und „geh hinten rum, bloß nicht durch die Vordertüre.“
Und so schrubbte ich ein paar Stunden lang Töpfe, räumte Teller in den Geschirrspüler, schaffte Essensreste raus und entsorgte leere Flaschen.
Der einzige der mit mir sprach war Bekim, der kleine dickliche Koch des Kucova, zumindest sagte er mir was ich zu tun habe. Die anderen in der Küche redeten auch nicht viel, zumindest nicht mit mir. Die „jugoslawische Schönheit“, ihren Namen hatte sie mir nie gesagt war für die Gäste zuständig. Ihr Lächeln, das sie nur den Gästen schenkte, war genauso perfekt wie ihr Outfit. Zwei weitere junge Frauen arbeiten im Service. Der „Jugo-Schrank“ stand immer hinter der Theke. Er schenkte Getränke ein, stellte Wein bereit, aber immer wenn ich einen Blick durch die Fenster werfen konnte, wenn ich Müll raus brachte oder auf dem Nachhauseweg an der Vordertür vorbei ging, sah ich wie sein starrer Blick durch das Lokal streifte, so als hoffe er einen Streit zu entdecken, den er dann sofort nieder prügeln durfte. Später wurde mir klar, dass er auf Kreshnik aufpasste.
So ging das mehrere Wochen, das Kucova war immer gut besucht, wenn die Küche schloss, wurde ich nachhause geschickt. Doch wenn ich mir hin und wieder ein Bier in einer Kneipe vergönnte, die ich mir leisten konnte und auf dem Nachhauseweg nochmals am Kucova vorbeikam, waren immer noch viele Gäste da.

 Im Prozess wurde ich gefragt, wann ich Kreshnik kennenlernte und da musste ich wirklich überlegen, denn in den ersten Wochen kannte ich ihn noch gar nicht. Eines Abends sagte die schöne Jugoslawin, ohne mich anzusehen, „komm morgen eine Stunde früher, Kreshnik will dich sehen.“
„Wer ist Kreshnik?“ erlaubte ich mich sie anzusprechen doch ihr Blick der mich durchbohrte sagte mir, ob ich auch nicht wisse, wer der liebe Gott oder Angela Merkel sei.

 Natürlich betrat ich das Kucova durch die Hintertür. Ich hatte meine besten Klamotten an, sie unterschieden sich von den anderen eigentlich nur dadurch, dass sie meine Mutter gewaschen hatte, aber immerhin. Im Lokal saß ein Mann, er mochte so Anfang Vierzig gewesen sein, er blättere in irgendwelchen Unterlagen, die jugoslawische Schönheit saß daneben. Mit einer Handbewegung winkte er mich zu sich, „du bist also Alexander und hilfst seit ein paar Tagen in der Küche.“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage und als ich mir einen Stuhl nehmen wollte, spürte ich wieder den Blick der jugoslawischen Schönheit der mich durchbohrte und ich blieb stehen. Meine Überlegung ob ich Kreshnik wohl auch duzen sollte, war damit auch beantwortet.
„Was hast Du alles bei uns bisher gemacht?“
„In der Küche geholfen, Töpfe gescheuert, Müll entsorgt und ich war auch schon mit Bekim im Großmarkt.“
„Hast Du Familie?“
„Vater und Mutter.“
„Keine Geschwister, keine Frau?“
„Keine Geschwister und eine Freundin.“
„Wo wohnst Du?“
„Nur ein paar Straßen von hier, ich habe ein möbliertes Zimmer und“ ich machte eine Pause.
„Und?“
„Hin und wieder bei meiner Freundin. Sobald wir es uns leisten können, wollen wir uns eine kleine Wohnung suchen und zusammenziehen.“
„Und heiraten?“
„Warum nicht“, sagte ich überrascht.
„Familie ist wichtig“, stellte er fest, „Bekim sagt, du bist fleißig und zuverlässig.“
Ich sagte nichts.
„Setz Dich“, er deutete auf einen Stuhl, „Du kannst weiter für mich arbeiten, Du musst aber auch noch andere Aufgaben übernehmen.“
Ich wollte nachfragen, was ich zu tun hätte, aber für Kreshnik war das Gespräch zu Ende, „Silvija wird alles mir dir regeln.“
Die jugoslawische Schönheit hieß also Silvija, war sie Kreshnik Frau, Freundin, Geliebte oder doch nur eine Mitarbeiterin, gerne hätte ich das gewusst. Silvijas Blick durchbohrte mich erneut, ich verstand und verzog mich in die Küche.

 Die nächsten Wochen waren wie immer. Viel stumpfsinnige Arbeit in der Küche, nur mit dem Unterschied, dass ich nicht am Ende der Woche ein paar Scheine in die Hand gedrückt bekam, sondern am Ende des Monats Geld auf dem Konto hatte.
Da ich Kreshnik nun kannte, sah ich ihn fast jeden Tag. Bisher hatte ich ihn für einen Gast gehalten. Meist saß er mit anderen Männer immer am gleichen Tisch, sie aßen und tranken. Ich hatte mir eine neue Jeans gekauft und Hemden und so durfte ich nun auch mal ins Lokal wenn Gäste da waren, um die Getränkekühlschränke aufzufüllen oder leere Flaschen wegzubringen. Eines Tages winkte mich Kreshnik an seinen Tisch. „Hast Du schon eine Wohnung?“
„Nein , günstige Wohnungen sind rar.“
Einer der Männer gab mir einen Zettel. „Geh dahin, sag Du kommst von Ilir.“

Zusammen mit Michelle machte im mich gleich am nächsten Vormittag auf den Weg. Sollte Kreshnik mich fragen, so wollte ich ihm sagen können, dass ich mich umgehend gekümmert hatte. Die Wohnung war ideal, fand Michelle, ich fand sie zu groß, aber Michelle dachte weiter. Drei Zimmer, Küche, Bad und die Miete war deutlich unter dem was ich erwartet hatte und nur ein paar Minuten vom Kucova entfernt. Der Eigentümer, er betrieb einen Obst- und Gemüseladen an der Straßenseite im Erdgeschoss, wohnte auch im Haus. Er stellte keine Fragen. Mir war nicht ganz wohl bei der Sache, aber Michelle meinte, wir wären blöd die Wohnung nicht zu nehmen.
Tatsächlich fragte mich Kreshnik noch am gleichen Abend und als ich sagte, ich würde mich gerne bei Ilir bedanken, lächelte er nur, „wir helfen uns immer gegenseitig.“

 Ich weiß nicht mehr wie oft ich an diesem Dienstag im Büro das Handy in die Hand genommenen, die drei Nachrichten angesehen und gehofft hatte, dass eine weitere, vielleicht erlösende Erklärung kam. Aber nichts passierte und so fuhr ich abends mit dem Zug nachhause.

 Michelle hatte keinen Moment gezögert. Sie packte ihre Sachen und zog von Zuhause aus, sie räumte auch mein Zimmer aus, malte die Wände der neuen Wohnung an und kaufte Möbel bei Ikea. Schon zwei Wochen später wohnten wir in unserer gemeinsamen Wohnung über dem Laden, bei dem wir natürlich regelmäßig einkauften.

 Eines abends, als Silvija in die Küche kam, sprach sie mich an, „um 9:45 kommt Arjeta am Flughafen an, aus Skopje. Du holst sie ab und bringst sie hierher, nimm den Audi.“ Sie legte einen Schlüssel auf den Tisch. Gerne hätte ich gefragt, wer Arjeta sei und wie ich sie erkenne, aber ich wollte nicht schon wieder einen von Silvijas gefährlichen Blicken riskieren.
 Ich erkannte Arjeta sofort. Sie sah Silvija ähnlich, später erfuhr ich, dass sie ihre Schwester war. Arjeta war noch viel schöner und das besondere an ihr, sie lächelte warmherzig, was Silvija vollkommen fremd war. „Ich bin Alexander“, stotterte ich sie an „ich komme vom Kucova und darf Sie abholen.“
„Ja“, sagte sie und lächelte, „wir müssen noch mein Gepäck holen.“

 Der Staatsanwalt hatte mich beim Prozess auch gefragt, ob ich wusste, dass Arjeta schwanger gewesen sei. Ich hatte entsetzt die Augen aufgerissen, „nein, das wusste ich nicht“, log ich. Ich hatte sehr bald bemerkt, dass Arjeta unglücklich war, eine Liebesheirat war das wohl nicht gewesen, ich musste nach ihrer Ankunft in Berlin Besorgungen für sie erledigen. Hin und wieder durfte ich sie fahren, zum Einkaufen oder zum Arzt. Kreshnik saß wie immer mehrmals in der Woche mit seinen Freunden, Geschäftspartnern oder was immer die anderen Männer waren, abends im Kucova, hin und wieder war Arjeta dabei. Dass Arjeta von mir schwanger war, erfuhr ist erst kurz vor ihrem tragischen Tod.

 Unser Leben war unbeschwert, wir hatten keine Sorgen. Meine Arbeitszeiten waren zwar unregelmäßig meist abends und nachts. Nebenbei studierte ich ein bisschen, was mir aber nicht mehr wichtig war und dennoch konnten Michelle und ich viel Zeit zusammen verbringen. Und um ihr den Antrag zu machen auf den sie sehnsüchtig wartete, bat ich Kreshnik um einen Abend im Kucova.
Silvija selbst begrüßte Michelle freundlich als wir das Kucova betraten, so wie sie das bei allen Gästen tat. Der Jugo-Schrank brachte uns teuren Wein, das Essen war unbeschreiblich, noch nie zuvor waren wir so bewirtet worden. Und als ich Michelle vor dem Dessert fragte, ob sie mich heiraten wolle, stieß sie einen schrillen Entzückensschrei aus. Kreshnik, das gesamte Personal, auch Bekim kam schnell aus der Küche gelaufen und die anderen Gäste applaudierten begeistert. Arjeta stand neben Kreshnik und lächelte.
Ich legte meine Kreditkarte auf den Tisch und diesesmal war Silvijas Blick der mich durchbohrte schmerzhaft. „Willst Du Kreshnik beleidigen“, zischte sie mich an.

 Schon kurz nach unserer Hochzeit war Michelle schwanger. Nicht, dass das überraschend gekommen wäre. Seit wir die gemeinsame Wohnung hatten, überließ Michelle nichts mehr dem Zufall. Die Hochzeitfeier fand natürlich im Kucova statt. Meine Mutter hörte nicht auf zu weinen, mein Vater soff wie immer, nur, dass der Wein, die Spirituosen teurer waren als alles was er bisher so in sich hinein geschüttete hatte und meine Schwiegereltern waren stolz auf den gepflegten Umgang ihrer Tochter.

 Gekostet hat uns das nichts. Und mittlerweile fand ich auch nichts mehr dabei. Mein Gehalt war nicht schlecht, unter den Küchenhilfen Berlins gehörte ich sicher zu den Spitzenverdienern. Fast wichtiger aber waren die günstige Wohnung, die Geschenke, wie die Einrichtung des Kinderzimmers und die Zuwendungen in bar. Der Jugo-Schrank, ich durfte ihn mittlerweile Tomor nennen, war immer in Kreshniks Nähe und er begleitete Kreshnik auch zu nächtlichen Treffen. Ich saß am Steuer und wenn es besonders spät wurde, steckte mir Tomor wortlos einen Schein in die Brusttasche, bevor ich nach Hause ging. Mehrere Scheine steckte er mir zu, als wir spät nachts vom Wannsee zurückkamen. Wie immer musst ich im Auto bleiben, aber im fahlen Mondlicht sah ich wie der Mann mit dem Kreshnik sprach, zusammenbrach und am Boden liegenblieb, nachdem Tomor schnell auf ihn zusprang. Zwei Tage später las ich in der Berliner Morgenpost, dass eine männliche Leiche am Ostufer des Wannsees mit einem Messer in der Brust gefunden wurde, die Leiche eines Mannes der der Berliner Drogenszene und der Russenmafia zugerechnet würde, wobei sich die Polizei dazu nicht weiter äußern wolle.

 Dem Staatsanwalt konnte ich sagen, dass ich mitansehen musste, dass Kreshnik tötete oder töten ließ. Das war wichtig, um zu beweisen, dass Kreshnik skrupellos war.
Dann kam unsere erste Tochter zur Welt.

 Auch in der Nacht zum Mittwoch konnte ich nur wenig Schlaf finden. Als ich sicher war, dass Michaela schlief, schlich ich mich in die Garage und schaltete das Handy an, das ich im Handschuhfach versteckte hatte. Eine neue Nachricht. Ein Bild. Es zeigte mich und die beiden Nachbarn am Hauptbahnhof in München. Ich brauchte eine Weile, bis ich klar denken konnte, dann schaute ich mir das Bild genauer an. Kein Zweifel, das bunte Hemd des Nachbarn, im Zug hatten wir noch darüber gelacht, seine Frau hatte es ihm gekauft und er musste es anziehen. Das Bild war heute Morgen aufgenommen worden. Der oder die hatten mich in München gesehen, dann wussten sie wahrscheinlich auch mit welchem Zug ich gefahren war, und …, ich wollte nicht weiterdenken. Ich wollte zurückschreiben, wer bist du, was willst du von mir, als mir auf dem Bild ein Mann auffiel, der ein paar Meter hinter uns stand. Ich vergrößerte das Bild, kein Zweifel, Tomor. Es sah auch nicht so aus, als wolle er sich verstecken. Er wollte, dass ich ihn erkenne. Als Kreshnik verhaftet wurde, konnten Tomor fliehen, nun hatte er mich gefunden, Kreshniks Familie war hinter mir her.

 Ich fragte Kreshnik ob ich Arjeta bitten dürfe, Taufpatin unserer Tochter zu werden, als zwei Männer das Lokal betraten. Sie zeigten Kreshnik ihre Ausweise, er bat sie an seinen Tisch und Silvija servierte ihnen Kaffee. Von der Küche aus konnte ich beobachten, dass sie ihn befragten und Fotos zeigten. Kreshnik schüttelte immer nur den Kopf und zuckte mit den Schulten, sollte wohl heißen, nein ich kenne den Toten nicht, keine Ahnung, was soll ich damit zu tun haben.

 Am Mittwoch meldete ich mich krank und blieb zuhause. Vor dem Essen setzte ich mich auf die Terrasse, das Handy vibrierte im meiner Hosentasche. Ich sah mich vorsichtig um, Michaela war in der Küche beschäftigt. Wieder ein Bild, Arjeta mit unserer Tochter bei der Taufe, ich erinnerte mich gut an das Bild: Arjeta blickte direkt in die Kamera und strahlte. Silvija hatte das Bild gemacht. Silvija, – mir schnürte es die Kehle zu. Wenn Silvija auch das Bild am Münchener Bahnhof gemacht hatte, dann hatte mich auch Arjetas Familie gesucht und gefunden und das bedeutet nur eins, Silvija wusste alles.

 Ein paar Tage später waren die beiden Bullen bei mir zuhause. Sie fragten was ich bei Kreshnik mache, was ich von seinen anderen Geschäften wisse und ob ich den Toten vom Wannsee kenne. Ich zeigte auf meinen Schreibtisch und erzählte, dass ich Student sei, dass ich Familie habe und deshalb im Kucova als Küchenhilfe jobbe, weil wir das Geld bräuchten. Von anderen Geschäften wisse ich nichts, ich sei immer nur in der Küche oder im Hinterhof. Sie schienen mir zu glauben, denn sie bedankten sich, ließen ihre Karte da, falls mir noch etwas einfiele. Ich erzählte Michelle, dass ich nicht glaube, dass Kreshnik krumme Geschäfte mache, aber das ich vorsichtshalber das Bild mit der strahlenden Arjeta und unserer Tochter bei der Taufe weggestellt habe, falls die Polizei wiederkommen und sich bei uns umsehen würde. Michelle interessierte das nicht weiter. Sie wusste auch nichts von Keshniks Unternehmungen, sie schätzte seine Großzügigkeit die sich auch wieder bei der Taufe gezeigt hatte.

 Kreshnik und Arjeta gingen am Ufer entlang. Es war ein kleiner See mitten in einem Wald, der nur über einen schmalen Weg erreichbar war. Wir waren hier schon öfters, hier war man ungestört, hier fanden oft lange Gespräch statt oder irgendwelche Pakete wurden umgeladen. Der Wald gehörte wohl auch Kreshnik oder einem seiner Landsleute. Etwas entfernt vom See lehnte Tomor am Auto und beobachtet sie, ich saß im Wagen. Alles war wie immer. Plötzlich gerieten sie in Streit, durch das offenen Wagenfenster konnte ich beide schreien hören, verstand aber nicht was sie sagten. Arjeta fuchtelte mit den Armen und Kreshik wurde immer lauter. Sie schrien sich an, auf mazedonisch oder albanisch, so erzählte ich das auch später der Polizei. Ich erschrak, aber Tomor schien das nichts auszumachen, Kreshnik holte aus und schlug Arjeta brutal ins Gesicht. Arjeta fiel und Kreshnik trat sie in den Bauch.

 „Woher wussten Sie, dass sie tot war oder vermuteten Sie das nur?“ fragte mich der Staatsanwalt.
„Sie bewegte sich nicht mehr, ich glaubte sie sei tot.“
„Und was geschah dann?“
„Kreshnik kam zurück stieg ein und wir fuhren zum Kucova.“
„Es hat sich niemand um Arjeta gekümmert?“
„Nein.“
„Und dann?“
„Kreshnik sagte zu Tomor, er solle zurückfahren und das regeln“, log ist.
„Und was haben Sie gemacht?“
„Ich gab Tomor den Autoschlüssel und ging in die Küche an meine Arbeit.“
Der Gerichtsmediziner bestätigte, dass Arjeta brutal geschlagen und lebensbedrohlich verletzt wurde, der Tod aber letztlich durch Ertrinken verursacht wurde.
Keshnik Verteidiger bezichtigte mich der Lüge und argumentierte noch, dass der einzige der die Wahrheit kenne Tomor sei, aber das Gericht hätte die Aussage Tomors ohnehin nicht als glaubwürdig erachtet und verurteilte Kreshik, seine Ehefrau ermordet zu haben.

 Nachdem ich mich noch zwei oder drei Stunden im Bett hin und her gewälzt hatte, stand ich auf und kochte Kaffee. Ich überlegte, ob ich Michaela ins Vertrauen ziehen sollte. Natürlich wusste Michaela, dass ich es war, der Kreshnik ins Gefängnis gebracht hatte und sie wusste auch, dass sich Kreshnik rächen würde. Aber Kreshnik saß im Gefängnis. Oder hatte man ihn schon rausgelassen? Weil man neue Beweise am Mord seiner Frau gefunden hatte? Unmöglich.
Die Bilder auf dem Handy waren eindeutig. Tomor hatte mich gefunden und Silvija auch. Aber was sollte ich Michaela antworten wenn sie mich fragte warum sich Silvija rächen wolle? Sie müsse doch froh sein, dass ich geholfen habe den Mörder ihrer Schwester wegzusperren.
Das Handy vibrierte. Ich ging ins Bad. Wieder ein Bild. Ich auf meiner Terrasse. Mir wurde schlecht. Das Bild war gestern aufgenommen worden, als ich das Bild von Arjeta bei der Taufe meiner Tochter bekommen hatte. Ich hing mich über die Toilette und kotze mir die Eingeweide aus dem Leib. Sie waren da, vor meinem Haus und warteten nur auf die richtige Gelegenheit, mich umzubringen.
Schnell wusch ich mir das Gesicht und lief in die Küche zurück, „ihr müsst weg, pack ein paar Sachen, nimm die Kinder und fahr.“ Erstaunt sah mich Michaela an, „Du siehst schrecklich aus, Du bist wirklich krank, geh zum Arzt.“
„Kreshniks Leute haben uns gefunden, ihr müsst weg“, schrie ich wieder.
Jetzt kam auch Panik bei Michaela auf, „nach so langer Zeit, aber wo sollen wir hin, unsere neuen Freunde kennen unsere Geschichte nicht.“
„Das ist doch egal, nur weg. Unsere Tarnung ist nichts mehr wert, pack die Kinder und fahr zu deinen Eltern nach Berlin, bevor Tomor hier rein kommt.“
Es schien als hätte Michaela den Ernst der Lage schlagartig begriffen. Eine halbe Stunde später saßen die drei im Auto und fuhren los. Die Idee Oma und Opa zu besuchen, von denen die beiden Mädchen noch nie etwas gehört hatten, fanden sie total spannend.

 Auf der Fahrt vom See zum Kucova sprachen wir nicht. Das war auch nichts Besonderes. Ich hatte nichts zusagen und Tomor befolgte nur Befehle. Kreshnik erledigte Telefonate oder tippte auf seinem Handy, alles war wie immer. Und wie immer parkte ich im Hinterhof des Kucova.
„Geh rein“, sagte Kreshnik zu Tomor, der wie immer wortlos gehorchte. Dann wandte er sich an mich, „fahr zurück und bring Arjeta nach Hause.“

 Ich wollte die Rollläden schließen, es sollte verlassen aussehen. Sollte Tomor die Nachbarn fragen, würden sie sagen wir seien weggefahren. Ich wollte mich im Haus verstecken. Ich würde bei der Polizei anrufen und einen Einbruch melden, sobald ich etwas Verdächtiges hören würde. Wenn ich Glück hätte würde Tomor geschnappt, identifiziert und für viele Jahre ins Gefängnis wandern. So aussichtslos kam mir meine Lage gar nicht mehr vor. Aber Silvija, was wäre wenn Silvija ins Haus eindringt? Ich verwarf den Gedanken, Silvija würde Tomor vorschicken. Vom Küchenfenster aus sah ich eine schwarze Limousine. War das Tomor? Folgte er Michaela? Ich sollte nicht mehr erfahren, dass dies der perfekte Unfall einer Frau und ihrer beiden Töchter werden sollte.

 Ich schoss dem Waldweg entlang. Wenn sie noch lebte musste sie schwer verletzt sein. Ich war erleichtert als sich sah, dass Arjeta am Ende des kleinen Stegs saß. Ich lief zu ihr, setzte mich neben sie und legte meinen Arm um ihre Schultern. Sie zuckte zusammen, sie hatte Schmerzen. „Wie geht es dir?“ flüsterte ich. Sie sagte nichts. Ihr Gesicht war geschwollen, Blut lief aus ihrem Mund. Ich wusste nicht ob sie schon mehr tot als lebendig war.
„Ich soll dich nachhause bringen.“ versuchte ich es erneut, „kannst Du aufstehen?“
„Ich bin schwanger“, sagte sie mühsam.
„Aber dann müsste sich Kreshnik doch freuen“, sagte ich. „Familie ist wichtig“, ich versuchte Kreshnik zu imitieren um sie aufzuheitern.
Ganz langsam schüttelte sie den Kopf, „Kreshnik kann keine Kinder bekommen“.
Mit wurde heiß und kalt gleichzeitig. Vor ein paar Wochen hatten Arjeta und Kreshnik heftigen Streit, als schon keine Gäste mehr im Lokal waren. Geschlagen hatte er sie damals nicht, war aber nicht weit davon entfernt. Diese Blöße wollte er sich vor seinem Personal wohl nicht geben. „Bring sie nach Hause“, befahl er mir. Arjeta hatte die ganze Fahrt über geweint, in der Auffahrt von Kreshniks Villa am Stadtrand hielt ich den Wagen an, umarmte sie und nützte es ohne zu Zögern aus, dass sie sich von mir trösten lies.
„Bin ich?“ stammelte ich.
Sie nickte langsam, „sonst kommt niemand in Frage“.
„Und weiß es Kreshnik?“
„Er wird mich heute Abend tot schlagen, wenn ich es ihm nicht sage.“
„Und wenn Du es ihm sagst?“
„Dann wahrscheinlich auch und Du solltest weit weg sein. Versprich mir, dass Du mich und mein Kind rächst, wenn er uns etwas antut.“
Ich nickte und sagte leise, „ja das tue ich“.
Wir saßen noch ein paar Minuten schweigend am Steg und plötzlich wusste ich, was ich zu tun hatte um Michelle nichts erklären zu müssen und mein Leben zu retten.

 Es kostete keine Mühe, Arjeta von Steg zu stoßen. Mit einem Fuß hielt ich sie unter Wasser, sie war zu schwach, um sich zu wehren.

Ich hatte Glück. Die beiden Beamten waren im Büro als ich kam und sagte, dass ich bereit wäre gegen Kreshnik auszusagen, dass ich wisse, dass es da noch andere Geschäfte gäbe, als das Kucova und dass ich gesehen hätte, dass er seine Frau erschlagen und dass ich aber nicht wisse, was Tomor mit der Leiche gemacht habe.

 Das Handy vibrierte wieder.
Kein Bild, nur ein kurzer Text: ICH BIN DA
Ich drehte mich um. Es war nicht nur ihr Blick der mich durchbohrt, es war auch ein Messer. Ich spürte entsetzlich großen Schmerz und das warme Blut, mein warmes Blut, das aus dem Bauch quoll als sie das Messer hineinstieß und drehte und drehte. „Arjeta hat mir erzählt, wer der Vater ihres Kindes war, du Mörder.“ zischte Silvija.

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