CortexiopeiaAtemnot

„Man muss wissen, wie weit man zu weit gehen kann.“

John Cocteau

Es war ein unscheinbarer Tag, der sich wie so viele zuvor auch langsam entfaltete und wirkte, als würde ich am Abend der gleiche sein, der an diesem frühlingshaften, sonnenreichen und verheißungsvollen Morgen aufstand, um zuerst ins Bad zu gehen und sich danach einen Kaffee aufzubrühen, um gewohnte Routinen zu pflegen und den Tag zu begrüßen. Ein Anstoß, um alles so zu machen wie ich es schon immer machte, weil ich mich dazu entschied, es so zu wollen und sich nichts daran falsch anfühlte. Ohne es mir einzureden, war ich glücklich und auch an diesem Tag machte nichts den Anschein als würde sich daran etwas ändern. Doch manchmal sind es die kleinen Momente, welche die größten, unbarmherzigsten Wellen hervorrufen. An diesem Morgen, mit der Kaffeetasse in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, ahnte ich nicht, dass ich am Ende des Tages dazu gezwungen wurde, ein anderer Mensch zu sein. Nur, weil ich den richtigen, kurzem Moment verpasste und dadurch alles zerstörte.

 

1.

Ethan schloss mit zittrigen Händen die Tür zum Laden auf. Es war Mitte Januar und der Winter hielt Einzug in das kleine, behütete Städtchen. Wieder einmal gab es keine weißen Weihnachten und die dicken Schneeflocken, welche nun vom Himmel fielen, wirkten wie eine leeres Versprechen, welches sich nun doch noch halbherzig erfüllen wollte. Natürlich hatte es einen besonderen Charme, wie sich die karge Landschaft mit der weißen Decke umhüllte und die Welt zur Entschleunigung zwang. wie von selbst. Abends machte man es sich vor dem Fernseher oder Kamin bequem, schmiegte sich an seinen Partner und rückte näher zusammen. Eine schöne Zeit, in der sich einmal mehr die Möglichkeit eröffnete, sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man liebt und wichtig sind. Der Drang, nach draußen zu gehen ist gemindert und man nutzte die Zeit, sich nicht darüber zu ärgern, sondern sich an der Schneelandschaft zu erfreuen. Mit sicheren Blick aus dem eigenen Fenster. Ethan mochte den Winter immer noch am liebsten. Er konnte noch nie etwas mit dem Sommer anfangen, bei dem alle Welt es sich zur Aufgabe zu machen, möglichst schnell aus den eigenen, vier Wänden zu stürmen und seine Freizeit mit möglichst vielen Aktivitäten zu füllen. Der Sommer glich in seinen Augen an einen Wettkampf, an dem jeder teilnehmen musste, ob er wollte oder nicht. Wer wandert auf den schönsten Berg, wer läuft die weitesten Strecken in einer neuen Rekordzeit, wer sieht nackt am besten aus, weil er den ganzen Rest des Jahres für die Sommerfigur trainiert hat und wer hat die schönste, von der Sonne geküsste Haut? Auch wenn Ethan nichts mit den warmen Sommermonaten anfangen konnte, so waren es seine beiden kleinen Söhne, Aaron und Pascal, die davon profitierten und auch ihr Vater blühte zunehmend auf und freundete sich mit der Jahreszeit an. Das Leben ist ein ständiger Prozess der Veränderung und Ethan wusste ganz genau, was Veränderungen bedeuten könnten und wie schnell diese eintreffen können. Höchstwahrscheinlich war auch das Ertragen des Sommers ein solcher Wechsel, der sich langsam eingeschlichen hatte, aber sicherlich mit der Geburt seiner Söhne Einzug hielt. Eines der schönsten Dinge, welche ihm jemals passiert sind und mit jedem Tag ist er glücklich, dass er das Glück hatte, ein solches Leben führen zu dürfen, wo doch alles hätte auch ganz anders kommen können.

Es war Montagmorgen und für gewöhnlich konnte er den Tag in aller Ruhe damit beginnen, das Radio und den Computer einzuschalten und bei einer Tasse Kaffee E-Mailanfragen zu beantworten. Er arbeitete gerne in dem kleinem Elektroladen, der sich hauptsächlich auf Reparaturen spezialisierte. Die Stadt, in der er lebte, war wohl weltweit die einzige ihrer Art, in der Dinge noch repariert statt neu gekauft wurden. Er mochte den Gedanken, dass die Menschen an ihren Gegenständen hingen und versuchten, diese zu retten. Als hätten all die Radios, Computer und Schallplattenspieler eine Seele und es deshalb wert, ihnen mit besonderer Fürsorge entgegenzutreten, um diese nicht zu enttäuschen. Es erinnerte Ethan an einen japanischen Volksglauben, genannt Tsukumogami, bei dem Gegenstände zu boshaften Geistern wurden, wenn sie vergessen oder achtlos weggeworfen werden. Dahinter verbirgt sich zum einen wohl auch der Gedanke daran, dass man nicht alles ersetzen sollte, auch wenn unsere Wegwerfgesellschaft dazu neigt. Zum anderen aber auch dazu, blutrünstige und grausame Geschichten zu erfinden, die Kindern Angst machen sollen und versuchen, eben gegen die Wegwerfgesellschaft zu wirken. Ob das durch solche Erzählungen gelingen mag, ist zu bezweifeln, doch der Gedanke, von einem veralteten Smartphone im Schlaf erdrosselt zu werden, stellt sich für den ein oder anderen dennoch als unangenehm heraus.

Ethan schlürfte gerade an seinem Kaffee, merkte, dass dieser noch eine Spur zu heiß war, als er das Klingeln der Eingangstür vernahm, welche damit den ersten Kunden des Tages ankündigte. Er blickte hoch und sah einen sympathisch aussehenden Mann mittleren Alters, der im Gegensatz zu Ethan nicht nur mit einem bemerkenswert dichten Bartwuchs glänzen konnte, sondern auch noch alle Kopfhaare besaß. Damit rief er schon vor dem ersten Wort der Kommunikation Ethan’s Neid hervor, welcher sich schon Anfang Zwanzig von seiner Haarpracht verabschieden musste. „Guten Morgen, was kann ich für Sie tun?“, sagte Ethan geschickt und in vorbildlicher Dienstleistungsmanier. „Hi. Mein Laptop hat am Wochenende leider den Geist aufgegeben und ich kann ihn seitdem nicht mehr anmachen, dabei bräuchte ich ihn momentan wirklich dringend, weil ich einen wichtigen Auftrag zu erledigen habe.“, sagte der Mann mit beruhigender, erklärender Stimme. Ethan hatte ihn noch nie zuvor gesehen.  Aufgrund seines Erscheinungsbildes passte dieser auch nicht in die kleine Stadt. Über die Jahre hinweg hatte Ethan ein Gespür dafür bekommen, was es bedeutete, Teil dieser kleinen Stadt zu sein. Nicht jeder kannte jeden, aber doch bemerkte man es, wenn ein frischer Wind an einem vorbeizog. Jemand, der nicht eins mit der Stadt war. Noch nicht lange die gleiche Luft inhalierte, einen anderen Atemrythmus hatte. Ethan wollte überprüfen, ob ihn sein Gespür auch dieses Mal nicht betrügt und als er die Laptoptasche des Mannes entgegennahm, fragte er ihn, ob er neu in der Stadt sei. „Wie kommen Sie darauf?“, sprudelte es gehetzt aus ihm heraus. Ethan war für einen Moment überrascht über die viel zu schnelle Reaktion seines Gegenübers. Kurz darauf tat es ihm leid,  offensichtlich einen Schritt zu weit in die Privatsphäre des Mannes getreten zu sein. Er entschuldigte sich, während er die Tasche öffnete und versuchte, den Laptop zu starten. „Sie müssen sich nicht entschuldigen, ich war nur etwas überrascht. Ich bin tatsächlich erst vor zwei Wochen hierhergezogen. Merkt man mir das etwa an?“, fragte er und lächelte dabei. „Etwas.“, antwortete Ethan knapp und grinste dabei, um nicht den Anschein zu erwecken, dass er der vorherigen Situation mehr Bedeutung beipflichtete als notwendig. Ethan inspizierte den Laptop, kam aber nicht sonderlich weit, da sich dieser nicht einschalten ließ. „Haben Sie denn das Ladekabel dabei?“, fragte Ethan. „Oh, verdammt, das hab ich in der Eile vollkommen vergessen. Ich wollte möglichst zur Öffnungszeit bei Ihnen im Laden sein, damit dieser schnellstmöglich repariert ist. Ich kann nochmal schnell nach Hause fahren und es holen.“, entgegnete der Mann, der sichtlich peinlich berührt davon war, nicht daran gedacht zu haben. Ethan wollte ihm entgegenkommen und vielleicht auch beweisen, dass er sein mangelndes Einfühlungsvermögen mit seinem Fachwissen wieder wettmachen kann und sagte ihm, dass er höchstwahrscheinlich ein passendes Ladekabel da habe, er dieses aber raussuchen musste. „Füllen Sie doch kurz noch dieses Formular mit ihren Daten aus und vergessen Sie nicht eine Nummer, auf der ich Sie erreichen kann.“ Der Mann nahm das Formular und einen Kugelschreiber entgegen und machte sich daran, dieses auszufüllen. Er blickte kurz auf und fragte Ethan, wie lange denn eine Reparatur dauern würde. „Schwer zu sagen, da ich nicht weiß, was das Problem ist. Ich rufe Sie heute im Laufe des Tages an und im besten Fall könnte es sogar sein, dass Sie de Laptop heute Abend wieder abholen können.“, erwiderte Ethan und hoffte, damit keine Hoffnungen geschürt zu haben. Denn wie er bereits erwähnte, wusste er nicht die Ursache des Defektes und der beste Fall wäre, dass er heute Abend einen weiteren, glücklichen Kunden hat, im schlimmsten Falle allerdings muss er diesem Kunden am Abend einen irreparablen Laptop inklusive einer Rechnung in die Hand drücken. 

„Danke, das wäre super. Sie erreichen mich den ganzen Tag unter der Handynummer. Mein wichtigstes Arbeitswerkzeug haben Sie ja gerade in der Hand und daher habe ich heute dann wohl frei.“, sagte er und entfernte sich langsam vom Thresen und in Richtung Ausgang. „Alles klar, ich melde mich, Herr…?,“ dabei suchte er auf dem ausgefüllten Formular dessen Nachname und als er ihn entdeckte, blieb ihm geschockt die Luft weg, um zu antworten. „Lockhart.“, antwortete der Mann und verließ den Laden.

2. 

Nachdem der Mann den Laden verlassen hatte, brauchte Ethan einen Moment, um seine Gedanken zu sortieren. Lockhart. Ein Name wie ein Stein, der Ethan unbemerkt in den Weg geschmissen wurde. Ein großer Stein und doch stolperte er vollkommen wehrlos und ungeschützt über den Stein und versuchte, nicht zu stürzen. So wie damals. Lockhart. Kein gewöhnlicher Name, aber sicherlich auch keiner, der einzigartig ist. Natürlich gab es die Möglichkeit, dass es sich dabei nur um einen unglücklichen Zufall handelte. Vielleicht hat es gar nichts mit ihr zu tun. Vielleicht. 

Nachdem sich Ethan etwas beruhigt hatte, machte er sich an die Arbeit und suchte zuerst das Ladekabel für den Laptop. Auch wenn er es als einen Zufall abgetan hatte, so wollte er diesen Auftrag schnellstmöglich erledigen und zog ihn deshalb anderen Reparaturen  

vor. Vielleicht handelte es sich nur um eine Kleinigkeit und er konnte den Laptop mit wenigen Handgriffen reparieren. Er wusste, dass ihn ein solches Ereignis wie eben den ganzen Tag versauen konnte, weil er den an sich nagenden Gedanken zwar verdrängen konnte, aber im Hinterkopf und in all seinen Handlungen bleibt er dennoch bestehen und bohrt sich langsam aber sicher an die Oberfläche. Daher wollte er sich beeilen und vielleicht schaffte er es auch schon, die ganze Sache zu erledigen, bevor sein Chef um 11 Uhr mit der Spätschicht beginnt. Er ging zu einer größeren Kiste, in der er fein säuberlich verschiedene Ladekabel sortiert und mit wenigen Handgriffen bereits das Richtige hatte. Er schloss das Kabel an den Laptop an und trank ein paar kurze Schlücke von seinem Kaffee, der mittlerweile etwas erkaltet war. Er blickte dabei auf den Bildschirm des defekten Laptops und wartete, ob sich etwas tat und tatsächlich, nur wenige Momente später fuhr er hoch und zeigte das Markenlogo an. Kurz darauf war der Bildschirm mit dem Nutzernamen zu sehen, der beinahe fließend in den Starbildschirm hinüber glitt. Bis dahin war alles so, wie es sein sollte und Ethan konnte keinen Defekt erkennen. Er erkannte jedoch, dass das Hintergrundbild voreingestellt war und somit  nicht auf die Persönlichkeit seines Kunden schloss. Das ist zwar relativ selten, aber auch nicht ungewöhnlich. Ethan setzte sich auf den Stuhl vor sich und wollte eben in die Systemeinstellungen gehen, als er auf dem Startbildschirm einen Ordner, um genau zu sein den einzigen Ordner darauf,entdeckte. Normalerweise würde ihn so etwas nicht interessieren, weil es die Privatsphäre seiner Kunden betraf und diese wollte er auf jeden Fall wahren. Doch in diesem Fall war es etwas anderes, denn der Ordner lautete: „Für Ethan.“

Wie aus heiterem Himmel beschleunigte sich der Atem von Ethan und er konnte sein Herzpochen nicht nur deutlich in seinem Brustkorb spüren, er hörte es auch. Fordernd. Laut. Eindringlich. Das Pochen hallte in seinem Kopf und er spürte, wie er einen Schweißausbruch bekam. Denn nun konnte er es sich einreden wie er wollte, aber dies war kein Zufall mehr. Der Ordner drohte Ethan mit seiner bloßen Anwesenheit und wollte von ihm geöffnet zu werden. Ethan wusste, dass er ihn nicht einfach ignorieren konnte. Früher oder später würde ihn die Nachricht, die sich in dem Ordner befinden sollte, erreichen. Er bewegte den Mauszeiger auf den Ordner und öffnete diesen durch einen Doppelklick. Auch wenn er dagegen ankämpfte, seine schlimmsten Befürchtungen stellten sich als wahr heraus: Er war so lange vor der Wahrheit weggelaufen und er hatte die Arroganz zu denken, schneller gewesen zu sein. Nun stand sie vor ihm – nackt, gnadenlos und nicht einmal mit dem geringsten Anzeichen von Anstrengung. Im Gegensatz zu ihm. Schweißgebadet wählte er die Nummer von Kevin Lockhart, nachdem er Bilder gesehen hatte, die er nie hätte sehen wollen. Bilder an ein altes Ich. Mit einer deutlichen Nachricht an die Gegenwart. 

„Aaah, wie ich sehe, hast du bereits festgestellt, dass es meinem Laptop nur an Energie gefehlt hat, nicht wahr?“, sagte Lockhart als Ethan ihn anrief. „Was wollen Sie?“, forderte Ethan als Antwort ein und versuchte dabei stärker zu klingen als er sich fühlte. 

„Immer mit der Ruhe, Ethan. Weißt du eigentlich, wie lange es gedauert hat, dich aufzufinden? Viel zu lange. Da wirst du mir doch bestimmt noch ein paar Momente geben, in denen ich es genießen kann, dass ich derjenige bin, der dich daran erinnert, was für eine widerliche Existenz du bist. Also…einmal tief Luft holen und durchatmen. Solange du es noch kannst.“ Ethan spürte sofort, dass diese Randbemerkung durchaus gewollt war und sie hatte ihr Ziel nicht verfehlt. „Gut, damit wäre ja alles geklärt, Ethan. Ich nehme an, du hast die Bilder ganz genau begutachtet, die ich dir geschickt habe?“ „Ja, ich…“, stammelte Ethan. „Du hältst jetzt erst einmal die Luft an und hörst mir genau zu. Auf den Bildern siehst du, was du angerichtet hast. Das ist dein Werk und alles nur, weil du deine perversen Vorlieben an meiner Schwester ausleben musstest und sie nun den Preis dafür bezahlen muss. An manchen Tagen weiß ich nicht einmal, ob sie mich nun erkennt oder ob sie durch mich hindurch sieht, weil alles, was sie ausmacht, damals gestorben ist. In der Hinsicht ist sie vielleicht wirklich gestorben, nur eben nicht so wie du es einfädeln wolltest.“ Ethan wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Es gab nichts. Keine Entschuldigung. All das, was ihm vorgeworfen wurde, stimmte. „Na, sprachlos?“, setzte Lockhart nach und rammte damit den Pfahl noch weiter in sein Herz. Nichts. Keine Entschuldigung. Alles stimmte. 

3. 

Es geschah vor neun Jahren. Ethan war ein anderer Mensch als er heute war und das aus dem Grund, weil ihn dieser eine Tag zu einem anderen Menschen machte. Er dachte in den letzten Jahren immer wieder an diesen Tag zurück und kein Tag verging, an dem er nicht daran erinnert wurde. Ethan lernte über eine einschlägige Seite Faye kennen. Die Seite war nicht dazu gedacht, einen Partner fürs Leben zu finden, sondern einen, der bestimmte Bedürfnisse und Vorlieben bevorzugt, welche man nicht unbedingt bei einem ersten Date erfragt. Ethan hatte in vergangenen Beziehungen entdeckt, dass es seine Lust immens steigerte, wenn er während dem Sex seine Hände um den Hals seiner Partnerin schlang und zudrückte. Dominierte. Beim ersten Mal noch ganz leicht, doch irgendwann wurde es immer fester und härter und wenn eine Frau nicht mehr weiter gehen wollte, verlor Ethan die Lust und das Interesse. Er wollte immer mehr Kontrolle, er wollte sehen, wie einem Menschen nach und nach die Luft wegbleibt, langsam an der Grenze des Bewusstseins schwebte, während er immer härter und härter zustieß. Keine Frau in seinem Leben war bis zu diesem Zeitpunkt bereit, so weit zu gehen wie er es sich wünschte.  Bis er Faye kennenlernte. Faye war das perfekte Gegenstück für seine Bedürfnisse und sie übersprangen das erste Kennenlernen in einem Restaurant und trafen sich direkt in einem Hotelzimmer. Sie verbrachten die ganze Nacht dort und lösten sich erst in den späten Vormittagsstunden voneinander. Seitdem war das Hotel ihr gemeinsamer, geheimer Treffpunkt.  Faye war bereit, Grenzen auszutesten und immer weiter zu gehen. Sie war diejenige, die „Fester!“ sagte, obwohl sie schon kaum mehr Luft bekam und doch ging es ihr  nie zu weit und die beiden konnten sich gegenseitig vertrauen, so dass ein Codewort zwar ausgemacht aber nie benötigt wurde. Es ging immer genau so weit wie beiden es wollten. 

Ethan erhielt an dem Tag, an dem es doch zu weit gehen sollte, eine Nachricht von Faye,  in der sie ihm schrieb, ob sie es „heute nicht einmal anders machen sollten“ und lud ihn zum ersten Mal zu sich nach Hause ein. Er liebte ihre dominante Art, das einzufordern, was sie wollte, sich aber im gleichen Atemzug sexuell vollkommen hinzugeben. Auch, wenn es ein besonderes Arrangement war, dass sich die beiden immer nur im Hotel trafen, packte Ethan die Neugier, was ihn im Zuhause von Faye erwartete und er sagte zu. Sie schickte ihm die Adresse und Zeit. Sie freue sich sehr auf den Abend, schrieb sie ihm noch. Am Abend traf er an der besagten Adresse ein, klingelte an der Klingel mit dem Namen „Lockhart“ und als sie ihm die Tür öffnete, spürte er sofort, wie das Blut in seinen Penis pumpte und er sich nichts anderes wünschte als sie von ihrer unnötigen Kleidung zu befreien. Er wollte in ihr sein, spüren, wie warm und feucht sie war. Einen Moment innehalten und den Moment und den einzigartigen Geruch von Sex inhalieren, dessen Vorfreude darauf eine einmalige, aufregende Atmosphäre erzeugte. Faye blickte Ethan an und er wusste, dass auch sie nichts lieber wollte als sich ihm zu offenbaren und vollkommen hinzugeben, doch sie legte ihm einen Finger auf den Mund und sagte „Wie bereits gesagt…heute machen wir es anders.“ Dabei nahm sie seine Hand und entführte ihn in Richtung Wohnzimmer, wie er kurz darauf entdecken sollte. „Möchtest du etwas trinken?“, fragte Faye und mimte dadurch die perfekte Gastgeberin. Ethan verneinte. Die Lust hatte ihn und seine Gedanken bereits fest im Griff. Im Wohnzimmer angekommen, entdeckte er einen Strick, der von der Decke hing. Bevor er fragen konnte, antwortete sie bereits: „Ich möchte mich dir heute vollkommen hingeben. Ich will wehrlos sein und du sollst alles mit mir machen, was du willst. Ohne Hemmungen. Ich will nichts davon mitbekommen.“ „Ich…was meinst du?“, stotterte Ethan, der ahnte, in welche Richtung der Abend laufen sollte, er sich aber nicht sicher war, ob er das auch selbst wollte. „Ich werde mich in diesen Strick fallen lassen und du wartest, bis ich nicht mehr bei Bewusstsein bin und wenn es dann so weit ist, kannst du mit mir machen, was du willst. Ich möchte aufwachen und mich benutzt fühlen. Überall.“ „Faye…ich weiß nicht. Ist das nicht etwas zu heftig?“ „Komm schon“, flüsterte sie in Ethans Ohr und lecke dabei sanft die Außenseite und hauchte ein „das wird geil.“ Auch wenn Ethans Erektion für einen kurzen Moment abschwächte, kam diese innerhalb kürzester Zeit wieder zurück und härter als zuvor. Es war der Reiz der Gefahr, der Ethan erregte und er war sich sicher, dass sowas nur mit einer Frau möglich war, die bereit war, so weit zu gehen wie Faye. Wer weiß, ob sich jemals wieder eine Frau finden lässt, die bereit dazu ist, ihr Bewusstsein aufzugeben und er sich an ihr vergehen kann wie er möchte. Er hatte großen Respekt vor der Situation hatte, dennoch war es die Neugierde und die Lust, die ihn einwilligen ließ. Sie küssten sich leidenschaftlich und als er sie ausziehen wollte, sagte sie, dass er warten solle. Er nickte und küsste sie nur noch heftiger, erregt von der Vorstellung auf das, was kommen würde. Faye löste sich langsam von ihm, schob ihren Zeigefinger in ihre Hose und blickte ihn dabei tief an. Kurz darauf zog sie den Finger wieder heraus und streichelte damit die Lippen von Ethan, welche sich mit einem feuchten Film benetzten. Ethan spürte, dass dieser Abend anders war als all die Abende zuvor, die er mit ihr verbrachte. Beide waren aufgeheizt und voller Lust, welche sich mit jeder Berührung, mit jedem Blick und jedem Stöhnen entladen wollte. „Lass uns loslegen.“, hauchte Faye. Ethan nickte und beobachtete, wie sie sich in Richtung Strick begab. „Fang nicht zu früh an, du musst sicher gehen, dass ich nichts merke.“ , sagte sie und ließ sich im Stehen in den Strick fallen. Ethan wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, dass es ihre letzten Worte sein sollten. Er wusste es auch dann nicht, als er ihr die Hose auszog und von hinten nahm, während sie noch in der Schlinge hing. Und er wusste es auch nicht, als er ihren leblosen Mund berührte, erst mit seinen Lippen und dann mit seinem Penis. Doch er wusste es als er plötzlich ein Gefühl der Panik in sich aufkeimen fühlte. Bevor er sich entlud, checkte er ihren Puls und spürte…nichts. Sie war tot.

4.

Die Gedanken von Ethan kreisten und er war sich nicht sicher, ob er den Bruder von Faye richtig verstanden hatte, daher hakte er nach: „Sie…lebt?“ 

„Überrascht, Arschloch?“, sagte Lockart mit einer derartigen Intensität, dass sie Ethan erschüttern ließ. Ethan konnte nicht leugnen, dass er von der Nachricht eiskalt überrascht wurde, aber er wusste auch, dass es wohl keinerlei Gründe gab, sich zu freuen. Er war zwar kein Mörder, aber er war sicher daran beteiligt, ein Leben zerstört zu haben. Auch wenn er sich vor der Antwort fürchtete, so fragte er nach, wie das möglich ist.“ „Du hast Eier, auch noch genau das zu fragen. Aber wieso auch nicht, denn nachdem ich dir das erzählt habe, werde ich dafür sorgen, dass alle wissen, was du getan hast. Wer du wirklich bist – nicht der gute Ehemann mit den zwei süßen, kleinen Kinder und einer Frau, der ganz sicher nicht die Luft wegbleibt, wenn du sie fickst“. Ethan war erschrocken darüber, dass er über seine Familie so genau Bescheid wusste und war sich sicher, dass Lockhart dies nicht ohne Weiteres erwähnt hatte. Wie alles in dem Gespräch. Jedes Wort, jeder Satz und jede Anmerkung war dafür konzipiert, ihn in kleinen Teilstücken zu zerstören und leiden zu lassen. „An dem Abend, an dem du unser Leben zerstört hast, hatte Faye Geburtstag. Sie sagte mir auch, dass sie den Abend nur daheim verbringen möchte und nichts großes vorhabe. Sie war noch nie der Mensch, der sich etwas aus Geburtstagen machte. Für sie war es nur ein weiterer, normaler Tag. Nicht erwähnenswert und wenn überhaupt nur dafür da, dass man daran erinnert wird, dass das Leben vergänglich ist. Ich allerdings war nie so. Meine kleine Schwester…ich liebe sie und daher war es mir schon immer wichtig, ihr eine Freude zu machen und sie zu überraschen. An diesem Geburtstag sagte ich ihr, dass ich auf Geschäftsreise bin und es dieses Mal wirklich nicht schaffe, auch eine Kleinigkeit für sie zu organisieren. Um dem ganzen eine Krönung aufzusetzen, habe ich sogar Blumen bestellt, welche durch einen Kurier zugestellt wurden. Zusammen mit einer Karte, auf der stand „Tut mir leid, dass ich nicht da sein kann. Alles Gute zum Geburtstag.“ Sie rechnetet wohl wirklich nicht damit, denn ansonsten wärst du nie in der Lage dazu gewesen, sie an diesem Abend zu besuchen und zu missbrauchen. Aber zum Glück war ich an diesem Abend da. Als ich zu ihrer Wohnung kam, stand die Tür einen Spalt offen. Ich wunderte mich und klopfte an, rief ihren Namen und als keine Antwort kam, trat ich ein. Ich hatte sofort kein gutes Gefühl bei der Sache, rief weiter, bekam weiterhin keine Antwort. Ich schaute im Bad nach, im Schlafzimmer, in der Küche. Nichts. Bis ich ins Wohnzimmer kam und sie entdeckte. Wie sie dort hing. Leblos. Ich rannte los, schrie und hebte sie aus dem Strick. Sie atmete nicht mehr. Ich weinte, schrie ihren Namen lauter als könnte ich sie dadurch zum Aufwachen bewegen. Das Adrenalin schoss mir in die Venen und auch, wenn man denkt, in einer solchen Situation die Fassung zu verlieren, schaffte ich es, genau das Richtige zu tun. Ich zückte mein Handy, schaltete den Notruf auf Lautsprecher, während ich ihr versuchte, sie wieder zu beleben. Ich machte weiter und weiter und weiter, bis der Notarzt eintraf. Ich rettete ihr somit das Leben. Zerstört hast du es.“

Ethan brauchte einen Moment, um das, was ihm gerade gesagt wurde, zu verkraften. Als Ethan an diesem Abend bemerkte, dass die ganze Situation außer Kontrolle geriet, reagierte auch er blitzschnell. Er zog Faye wieder an. Er blickte sich um, wollte nach Anzeichen suchen, die seine Anwesenheit verraten hätten, aber da sie nicht lange gezögert haben, war nichts zu finden. Er stürmte aus der Wohnung und machte dabei wohl den glücklichen Fehler, diese nicht zu schließen. Ethan rannte, bis seine Lungen schmerzten. Er erlaubte es sich aber nicht, stehen zu bleiben, sondern er lief solange weiter, bis er daheim war. Dort angekommen, hielt er in seinem Flur kurz inne und flüchtete dann ins Badezimmer. Er übergab sich, weinte und blieb die ganze Nacht dort liegen. All die Jahre dachte Ethan, er habe an diesem Abend einen Menschen getötet und immer hatte er Angst, dass man ihm irgendwann auf die Schliche kommen würde Die Polizei vor seiner Tür steht und ihm unangenehme Fragen stellt, auf die er keine plausiblen Antworten finden würde. Doch dies passierte nie. Stattdessen kam der Bruder von Faye und riss all die Wunden auf, von denen er dachte, dass diese endlich verheilt waren. 

„Es war wirklich eine fantastische Idee mit dem Strick, Ethan. Für die Polizei war die Sache klar: Es war versuchter Selbstmord. Alles deutete darauf hin und es gab keinerlei Hinweise, die Gegenteiliges behauptet hätten. Doch ich wusste, dass irgendwas nicht stimmen konnte. All die Jahre, aber ich konnte natürlich nichts beweisen. Bis ich vor einiger Zeit mal wieder durch die alten Sachen meiner Schwester stöberte, die ich seit der Wohnungsauflösung bei mir lagerte. Dabei fand ich auch ihren Laptop – übrigens genau der, den du vor dir hast. Ich stöberte herum und als ich im Browserverlauf eine Datingseite entdeckte, wurde ich neugierig. Da ich an ihrem Laptop war, war es ein einfaches, ein neues Passwort anzufordern und dann in den Posteingang der Seite zu kommen. Und da entdeckte ich alles. Ich las all eure Gespräche, bei denen sich mehr offenbarte als mir lieb war. Dennoch wurde mir klar, dass ich auf der richtigen Spur war und ich wühlte weiterhin in euren Chatverläufen, bis ich alle Informationen hatte, die ich brauchte, um dich aufzufinden. Einfach war es nicht, aber all die Mühe wert. Wer hätte auch ahnen können, dass du komplett von der Bildfläche verschwindest und in ein hunderte Kilometer entferntes Dorf ziehst, in dem dich niemand kennt. Hast du Amy hier auch kennengelernt?“, fragte Lockhart und traf bei der direkten Erwähnung des Namens seiner Frau genau den richtigen Punkt. „Ach, was frage ich dich? Von jemanden, der all die Jahre ein Leben aufgebaut hat, welches auf der Grundlage eines Trümmerhaufens von Lügen basiert, erwarte ich auch keine echten Antworten. Ich frage sie einfach selbst.“ In diesem Moment schien die Welt für Ethan stillzustehen, schlagartig schoss ihm das Blut in den Kopf und er vernahm das starke Pochen in seinem Kopf, welches ihn zusätzlich in die Panik verleitete. Sein Atem beschleunigte sich und bevor er überhaupt daran denken konnte, dass Lockhart bluffte, hörte er auch schon seine wimmernde Frau im Hintergrund. „Amy!“, schrie er ins Telefon und wurde sich plötzlich seiner Hilflosigkeit bewusst, in der er sich befand. „Du verdammtes Schwein, was hast du vor?“, sprudelte es aus Ethan heraus. Lockhart lachte dabei. Er genoss es förmlich, dass Ethan nun klar war, in welcher Position er sich befand. Wer die Zügel in der Hand hielt. „Was ich vorhabe, Ethan? Ich werde dir zeigen, was es bedeutet, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Wie es ist, wenn der Mensch einen nicht mehr erkennt, sondern nur noch mit leeren Augen durch einen hindurchsieht, während der Speichel aus dem Mund läuft. Wie es ist, wenn der Körper noch da ist, aber alles darin nicht mehr. Du wirst sehen, was passiert, wenn einem Menschen die Luft wegbleibt. Und auch, was passiert, wenn jemand, der diesen Menschen liebt, nicht so schnell da ist wie ich es damals war.“ Damit legte Lockhart auf. 

5. 

Fassungslos blickte Ethan auf sein Handy als das Gespräch so plötzlich abgebrochen wurde. Die Drohung hatte seine Wirkung erreicht und er zweifelte keinen Moment daran, dass Lockhart es ernst meinte. Ethan wusste, dass er bei seiner Frau und seinen Kindern war und er war sich auch sicher, dass er bei ihm zuhause war. Lockhart wollte ihn leiden sehen und wusste auch, dass Ethan mindestens eine halbe Stunde brauchen würde, bis er an seinem Haus ankam. Sollte sich die Drohung bewahrheiten, so war Amy bis dahin bereits längst tot. Von seinen Kindern ganz zu schweigen. Er fühlte sich hilflos. Aber vor allem fühlte er sich schuldig, denn hätte er damals anders reagiert und hätte ganz normale, harmlose Sexvorlieben gehabt, wäre all dies nicht passiert. Er wusste, dass er es verdient hatte, sich genau so zu fühlen. Er bereute es nur, dass dies auf den Rücken seiner geliebten Familie ausgetragen wurde. Ethan hatte nur eine Chance, ihr Leben zu retten: Indem er sich selbst opferte. Er stürzte aus dem Laden heraus und dachte mit keinem Moment daran, diesen abzuschließen. Während er zu seinem Auto rannte, rief er die Polizei und schilderte dieser die Situation, dabei ließ er die Beweggründe von Lockhart außen vor. Dafür sollte sich im späteren Verlauf ein Moment finden, in dem er sich erklären konnte. Sich für schuldig an dem Leid eines anderen Menschen bekennen sollte. Mit zittrigen Händen, er wusste nicht, ob es durch die Kälte oder der Aufregung war, öffnete er seine Autotür. Er stieg ein, startete den Wagen, der im ersten Moment nicht direkt anspringen wollte. Ethan kannte das Problem bereits, da sein in die Jahre gekommenes Auto den Winter nicht so sehr mochte wie er und jeden Morgen dafür sorgte, dass Ethan mehrere Momente damit verbachte, den Wagen immer und immer wieder neu zu starten. An manchen Tagen hatte er Glück und er konnte direkt losfahren, an anderen wiederum dauerte es eine gefühlte Ewigkeit. Ethan fluchte und schrie sein Auto an, welches sich davon offensichtlich beeindrucken ließ und ihm die Fahrt gewährte. Er raste und achtete nur sporadisch auf die Geschwindigkeitsregeln. Er erhoffte sich dadurch, eine bedeutende Zeitersparnis erfahren zu können. In jedem Fall musste die Polizei und der Krankenwagen vor ihm eintreffen. Ansonsten wäre es zu spät. Er weinte vor Verzweiflung und wenn nicht der Schnee seine Sicht behinderte, so waren es seine Tränen, die diese verschleierte. Erst als Ethan an seinem Haus ankam, hörte er plötzlich auf zu weinen und zu schreien. Er stürzte aus dem Wagen, ließ den Schlüssel stecken und das Auto laufen. Seine Einfahrt war bereits in Blaulicht getränkt und ein kurzes Gefühl der Erleichterung machte sich in Ethan breit. „Bitte, lass sie am Leben sein“, flüsterte er zu sich selbst, während er zur Haustür rannte, bei der bereits ein Polizeibeamter auf ihn wartete. Er machte kurz Anstalten ihn am Eintreten zu hindern, doch Ethan entgegnete ihm sofort, er wohne hier. Er ging direkt in sein Haus, rief nach Amy. Nach Aaron und Pascal. Keiner von ihnen antwortete, stattdessen sah er nur einen Polizist auf sich zukommen, der scheinbar das Sagen hatte. „Wo ist meine Frau?“, rief ihm Ethan verzweifelt entgegen. „Ihrer Frau und den Kindern geht es gut. Wir hätten allerdings ein paar Fragen an Sie, die wir dringend stellen müssen.“ Ethan sank erleichtert zu Boden. 

6.

„Liebe Amy,

Ich schreibe dir diesen Brief, weil ich leider nicht mehr weiß, wie ich dich sonst erreichen kann und ich hoffe, dass dich dadurch meine Worte erreichen. Auch wenn es nun absolut nichts mehr bringt und viel zu spät kommt, so tut es mir leid, dass ich dir damals nie die Wahrheit gesagt habe. Nie gesagt habe, was vor vielen Jahren passiert ist. Ich habe es dir nicht erzählt, weil ich es dir verheimlichen wollte. Ich habe diesen Teil meines Lebens komplett von mir abgeschnitten als wäre es ein Geschwür, welches mir jeden Tag Schmerzen bereitet. Denn genau das hat es: Jeden Tag Schmerzen bereitet. Erst als ich in die Stadt kam und dich kennengelernt habe, konnte ich vergessen. Den Teil von mir vergessen, der dafür verantwortlich war, eine Frau getötet zu haben. Dank Lockhart weiß ich, dass ich seine Schwester zwar nicht getötet habe, aber ich habe dafür gesorgt, dass sie nun ein Leben führen muss, welches sie ganz sicher so nie geplant hatte. Vielleicht wollte sie irgendwann genau das haben, was wir hatten: Eine glückliche Familie, mit zwei süßen Kindern. Verheiratet und glücklich, mit einem eigenen Dach über den Kopf und dem Plan, das Leben gemeinsam bis zum Ende der Tage zu verbringen. All das soll ihr nicht gegönnt sein und ich bin schuld daran. Vielleicht hätte ich sie retten können. Wäre ich nicht so feige gewesen oder hätte mich von der Angst besiegen lassen…vielleicht wäre ihr dann ein solches Leben vergönnt gewesen. Ich habe es zerstört – und letztendlich habe ich dadurch auch unseren Traum zerstört. Ich habe einen fatalen Fehler gemacht und muss nun dafür büßen. Und das werde ich, denn ich habe das Wichtigste in meinem Leben verloren – dich und die Kinder. All die Jahre habe ich diesen dunklen Teil von mir begraben und hatte die Arroganz zu glauben, dass alles nun vergessen ist und ich sorglos leben kann. Falsch gedacht. Zusammen mit Lockhart hat mich diese Vergangenheit wieder eingeholt. Er wollte mich leiden sehen. Mir meine Familie grausam entreißen und mich so einsam und hilflos fühlen lassen wie er es all die Jahre war. Und auch, wenn er all das geschafft hat, so muss ich auch zugeben, dass ich es verdient habe und es ihm nicht verübeln kann. Ich muss für das, was ich Faye angetan habe, büßen. In der besagten Nacht verlor sie nicht nur das Bewusstsein, sondern die Sauerstoffzufuhr war zulange unterbrochen. Nicht lange genug, um zu sterben, aber doch reichte es aus, um ihr Gehirn irreparabel zu schädigen. Seitdem liegt sie im Wachkoma und sie wird nie wieder die Person sein, die sie einmal war. Alles, was sie ausmachte, war verschwunden und ich kann nur vermuten, wie es für Lockhart sein musste, in ihr Gesicht zu blicken und zu wissen, dass seine Schwester zwar physisch da war, aber alles was sie ausmachte, war für immer vollkommen verschwunden. Die Polizei ging damals von einem versuchten Selbstmord aus, der missglückte. Es gab keinerlei Anzeichen von Außenwirkung, da sie sich auch selbst in den Strick fallen ließ und daher wurden auch keine weiteren Maßnahmen eingeleitet, um nachzuforschen, ob an diesem Abend noch jemand da war. Als ich damals davon rannte, hoffte ich insgeheim darauf, davonzukommen. Und ich tat es. Der einzige, den dieser Abend nicht los ließ, war der Bruder von Faye. Ich würde ihm so gerne sagen, wie leid mir das alles tut, aber ich weiß auch, dass das nie etwas ändern würde. Ich habe meine Chance verpasst. 

Ich glaubte wirklich, dass Lockhart dich an diesem Tag dafür büßen lässt, was ich verbrochen habe. Auf der einen Seite bin ich froh, dass er nie vorhatte, dich zu töten. Dich nur festhielt und darüber aufklärte, was ich getan hatte. Alles zeigte. Doch dir oder den Kindern weh zu tun war nie seine Intention. Er bluffte, damit die Wahrheit, die ich tief in mir vergraben hatte, ans Tageslicht kam. Deshalb war ich an diesem Tag auch bereit, dem Polizeibeamten alles zu sagen und kein Detail auszulassen. Ich musste meine meine Schuld begleichen – auch, wenn das bedeutete, dass ich euch verliere. Am Ende schaffte Lockhart genau das, was er wollte: Er zerstörte meine Familie so wie ich seine zerstörte. Letztendlich gibt es an der ganzen Sache keinen Gewinner, nur Verlierer. 

Ich bin nicht in der Situation, zu fordern.  Mir bleibt nur noch zu hoffen, dass du mir irgendwann verzeihen kannst und wir uns vielleicht sogar wieder annähern können, sobald ich aus dem Gefängnis bin. Ich liebe dich von ganzem Herzen und habe dies auch immer getan. Gib unseren Söhnen einen Kuss von mir uns sage ihnen, dass Papa sie liebt. 

Vielleicht bis bald. 

Dein Ethan.“

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