Jamuna HalscheidAus Liebe

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23. März 2020: Nele

Freitagabend, mal wieder alles voll. Die Küche hat alle Hände voll zu tun und braucht ewig für die vielen bestellten Essen. Wir Kellner hören uns dann die Nörgeleien ungeduldiger Gäste an. Es ist definitiv anstrengend, aber doch liebe ich diesen Job. Und das nicht wegen des Getränkemixens, des Ausschenkens, des Hin- und Herlaufens oder des Abräumens der Tische, sondern wegen der Menschen. Sie sind es, die mich faszinieren, sie sind es, die ich in all ihren Details beobachte. Zu ihnen allen denke mir Geschichten aus. Ich male mir aus, warum sie hier sind und in welchen Beziehungen sie zueinanderstehen: Erstes Date, Hochzeitstag, Mädelsabend… Heute zum Beispiel sitzen hinten rechts am Vierertisch zwei Jungs, zusammen mit zwei Mädchen. Das sieht eindeutig nach einem Doppeldate aus. Ich würde sagen, Erik und Moritz, Julia und Jenny. Erik und Julia flirten, sie sind schon auffällig dicht aneinander gerutscht, flüstern ab und an. Erik erzählt und Julia grinst verträumt. Einen Tisch weiter sitzen Barbara und Heiko. Ganz klar „Routineessengehen“ am Freitagabend gegen die schlechte Stimmung in der Ehe. Bringt nichts. Barbara stochert in ihrem Salat, unzufrieden, weil sie lieber den Burger genommen hätte und Heiko hat sein Schnitzel gleich schon auf. Nächste Bestellung wird der Absacker, der die Laune aber auch nicht anheben kann. Und dann am kommenden Freitag das gleiche Spiel, aber anderes Restaurant, als würde das etwas ändern.

„Oh hey Sie, Sir, Sie haben ihr Handy vergessen! Warten Sie!” Ich drücke meiner Kollegin das volle Tablett mit Bestellungen in die Hand und laufe dem Mann mit dem grauen Mantel und dem Hut hinterher, der an der Garderobe ganz gedankenverloren in den Spiegel gestarrt hatte und dabei sein Handy, das er dort auf die Ablage gelegt hat, wohl gänzlich vergessen hat.

„Puhh“, keuche ich und bleibe stehen. Den hole ich nicht mehr ein. Ohne sich auch nur einmal umzudrehen, als hätte er die Rufe gar nicht wahrgenommen, ist der Mann zu seinem Auto geeilt, eingestiegen und sofort losgefahren. Na, was der wohl in seinem Spiegelbild gesehen hat, denke ich und schmunzle. Und jetzt? Das Handy in meiner Hand ist ein iPhone, neueres Modell, schwarz. Ich klicke auf den Homebutton und sehe bloß einen Standardhintergrund, als wäre es noch auf Werkeinstellungen. Ich versuche es zu entsperren und tatsächlich… kein Passwort. Und auch jetzt, kein Hinweis auf Persönlichkeit oder gar Nutzung dieses Handys. Keine Apps, weder Social-Media noch Nachrichtendienste oder Spiele, keine Musik.

Oh Gott, ich steh hier schon viel zu lange rum, auf dem Parkplatz. „Nele wo warst du? Es ist Freitagabend, jeder verdammte Tisch besetzt und du machst einfach mal selbstbestimmt eine kleine Pause?”, brüllt Niko mich an. „Es tut mir leid, ich habe das Handy hier gefunden und wollte es dem Besitzer hinterher bringen, aber er war zu schnell.” „Okay, leg es zu den Fundsachen und dann los. Die drei dort drüben warten schon länger darauf ihre Bestellung aufzugeben.”

2 Uhr. Endlich Feierabend. Meine Füße tun weh, meine Smartwatch zeigt mir 9 gelaufene Kilometer an… und da sag nochmal einer ich sei unsportlich. Mein Kopf dröhnt, mein Bett ruft nach mir. Aber im Personalkämmerchen fällt mein Blick auf die Kiste, auf der mit schwarzem Edding das Wort „Fundsachen“ unsauber geschrieben steht. Ich klappe sie auf und starre auf das schwarze Handy. Tu es nicht Nele, sage ich zu mir selbst. Leg es wieder hin, er wird es abholen oder nicht, aber du bist keine Kriminaldetektivin. Aber ich kann nicht anders. Viel zu viel Fantasie, viel zu viel Neugier steckt in mir. Ich habe das Gefühl vor einem Geheimnis zu stehen, das mich anzieht als hätte es magische Kräfte. Ich will es lüften. Und so ist es letztendlich mein eigener Charakter, der mich verrät.

9. Juni 2010: Nele

„Na meine Schöne, hast du gut geschlafen?“ Freddy beugt sich zu mir, um mir einen Kuss zu geben. Kein normaler Kuss, ich spüre sein Verlangen. Seine groben Hände erkunden meinen Körper, bevor ich überhaupt richtig wach bin. So ist er nun mal, er liebt dich, sage ich mir immer wieder. Aber viel entscheidender und so viel tückischer: Ich liebe ihn. Schon lange weiß ich, dass er nicht nur mich begehrt. Er begehrt sie alle, alle Mädchen, alle Frauen. Er kann sich nicht zurückhalten, nicht kontrollieren, seinen Trieb nicht unterdrücken. Er kann nichts dafür. Schon lange hat er es mir gesagt: „Nele, du bist so schön, aber du reichst nicht. Ich brauche mehr, das verstehst du doch, oder?” Artig habe ich ihm zugestimmt, verständnisvoll genickt. Freddy ist 22 als ich ihn auf dem Geburtstag meiner Freundin kennenlerne, ich bin erst 16 und himmle ihn seit der ersten Sekunde an. Und auch jetzt, nachdem vier Monate vergangen sind, bewundere ich ihn. Noch immer kann ich gar nicht fassen, dass er sich tatsächlich für mich interessiert, dass er mir diese Aufmerksamkeit schenkt, dass ich die Auserwählte bin. Also drehe mich zu ihm, erwidere seinen Kuss, gebe mich seinen Berührungen hin und versuche ihm genau das zu geben, was er möchte, versuche sein Verlangen zu stillen, versuche genug zu sein.

Nachdem er gekommen ist, zieht er sich rasch an. So macht er es immer, aber nur weil er auch seinen Freiraum braucht, nicht, weil er mich nicht liebt. Heute streichelt er sogar noch eine Weile mein Bein, bevor er langsam anfängt zu grinsen. „Ich habe eine Idee, Nele“, sagt er und eröffnet mir einen Plan, der so grausam ist, dass ich das Gefühl habe nicht atmen zu können. Ich bin wie gelähmt, wie in Trance. Aber weil ich doch an Liebe glaube, stimme ich zu. Ich stimme zu, Schreckliches geschehen zu lassen und zu helfen. Stimme zu, Steine ins Rollen bringen, Marionette eines Drahtziehers zu werden und doch verantwortlich für das Schreckliche zu sein, das ich geschehen lassen werde.

24. März 2020, 5 Uhr: Nele

Brr brr brr. Was ist das? Ich schrecke hoch. Die Uhr auf meinem Nachtschränkchen zeigt 5 Uhr. Ich greife nach meinem Handy, aber es ist stumm. Da fällt mir ein… Ich springe aus dem Bett, laufe zur Kommode und schnappe mir das Handy des Fremden. Tatsächlich: drei verpasste Anrufe und eine Mitteilung. Unbekannte Nummer… Ich rede mir zu, will sowohl das Handy als auch die Nachrichten ignorieren, aber keine Chance. Entgegen aller Warnungen des Engelchens auf meiner linken Schulter, gehorche ich doch dem Teufel auf der rechten Seite und öffne die Mitteilung. Ein fataler Fehler… Mir wird heiß und kalt, ein Schauer nach dem anderen jagt mir den Rücken hinunter. Mir wird schwindelig, schlecht, ich spüre einen sauren Geschmack im Mund, alles dreht sich, ich wanke ins Bad und schaffe es gerade noch meinen pochenden Kopf über die Kloschüssel zu halten, bevor ich mich übergebe. Das kann nicht sein, das darf nicht sein. Diese Mitteilung zeigt ein Bild von mir, von Nele, von einer früheren Nele. Von einer 16-jährigen Nele mit langen dunklen Haaren, stark geschminkt, in kurzem Rock und knappem Oberteil. Die Lippen formen ein Lächeln, aber die Augen zeigen die gleiche Trauer wie noch heute.

Was hat das alles zu bedeuten? Dieses Leben, diese frühere Nele, habe ich verbannt. Nie wieder wollte ich die Erinnerung heraufbeschwören. Wer steckt dahinter? Wer ist dieser Mann? Freddy, es muss Freddy sein… er scheint das witzig zu finden, will mir vermutlich einen Schreck einjagen. Ich versuche mich zu beruhigen, will Freddy anrufen, ihn zur Rede stellen, aber meine Hände zittern noch zu sehr. Noch immer scheint der Boden unbefestigt, ich spüre immer wieder brennende Magensäure aufsteigen. Zu schlimm sind die Erinnerungen, zu sehr werde ich in die Vergangenheit zurückgedrängt. Wie viele Jahre ist es her? Ist Freddy nicht noch im Gefängnis? Zahlen, Daten, Erinnerungen… alles verschwimmt vor meinen Augen, bevor es dunkel wird.

10. August 2010: Nele

Gerade mal zwei Monate ist es her, dass Freddy mir seinen Plan eröffnet hat und schon hat alles seinen Lauf genommen. Alles hat sich verändert. Mittlerweile haben wir beinahe eine Routine gefunden. Ich ekele mich vor mir selbst und empfinde einen tiefen Hass, wenn ich an das denke was ich tue und dabei auch noch von Routine spreche. Etwas Furchtbares, etwas Schreckliches ist für mich normal geworden.

Schon früh habe ich gemerkt, dass all meine Liebe für Freddy, so stark sie auch war, nie ausreichen würde um dieses Verhalten, diese Taten zu rechtfertigen. Ich wollte aussteigen, wollte aufhören, mich trennen, vergessen was geschehen ist, so gut es eben geht. Aber zu spät. Als hätte Freddy es geahnt, hat er vorgesorgt und sich ein Mittel beschafft, das mich unter Druck setzt, mich zum Bleiben zwingt. Ein Video, dass dafür sorgt, das auch ich weiterhin Teil dieser Grausamkeit bin. Ein Video der ersten Vergewaltigung.

Verena war ihr Name, ich kannte sie aus dem Französischunterricht. Sie war in meiner Parallelklasse, ein sehr schüchternes Mädchen mit unreiner Haut und etwas zu viel Gewicht auf den Hüften, aber durchaus auf der Suche nach Zugehörigkeit. Das perfekte Opfer, schoss es mir sofort durch den Kopf als ich sie zum ersten Mal wiedersah, nachdem Freddy mich in den Plan eingeweiht und als Mitarbeiterin angestellt hatte. Ich habe sie angesprochen und ihr von meiner Party am kommenden Wochenende erzählt, zu der ich sie ganz herzlich einladen würde. Dresscode: möglichst sexy. Ich weiß noch genau wie es sich angefühlt hat. Meine Arme und meine Beine haben gekribbelt, mir war übel, mein Bauch, der ohnehin leer war, rebellierte, aber trotzdem brachte ich die Worte heraus, schaffte es die Einladung herzlich zu verkaufen, schaffte es, dass Verena am Samstagabend um 19 Uhr am vereinbarten Treffpunkt erschien. Freddy hat mich gelobt und ich empfand tatsächlich Stolz. Ich hatte das Gefühl etwas geschafft zu haben, freute mich über seine Anerkennung… bis es dann losging.

Obwohl ich nur zum Beschaffen der wehrlosen Opfer zuständig sein sollte, forderte Freddy mich auf bei seinem Teil der Arbeit, wie er es nannte, dabei zu bleiben. Ich sollte neben der Matratze, die wir auf den Boden der angemieteten Garage gelegt hatten, Platz nehmen und ganz genau beobachten was er tat, sollte genau hinsehen. Und weil ich ihm stets gehorchte schaute ich zu wie Freddy sich auf Verena presste, ihr den Mund zuhielt, in sie eindrang, immer und immer wieder nach vorne stieß. Unbeachtet, scheinbar sogar unbemerkt, blieben ihre Rufe, ihre Tränen, ihr Zittern und ihr Strampeln, ihr Kratzen. Und ich saß da regungslos, fassungslos, stumm. Ich tat nichts, griff nicht ein, hielt ihn nicht ab, sah nicht weg, ich ließ es geschehen. Ich habe Verena nicht nur ausgeliefert, sondern auch noch zugesehen. „Freddy ich bin raus, ich mach das nicht mehr, ich kann das nicht.”, gestand ich nach dieser ersten Tat, zitternd und unter Tränen. „Das glaube ich nicht”, war seine einzige Antwort, bevor er mir die installierte Kamera zeigte, das Videotape herausnahm und die Garage verließ. Seitdem weiß ich, dass es keinen Ausweg gibt, ich kann mit niemandem darüber reden, kann niemanden um Hilfe bitten, weder die Polizei noch meine Eltern. Denn dieses Video zeigt nicht bloß Freddy und Verena, sondern auch mich. Dicht neben den beiden, regungslos, kühl, erstarrt. Es zeigt mich, Nele, die Mittäterin, die Verantwortliche.

Und so mache ich immer weiter, suche Mädchen aus, locke sie zur Garage, aber sehe nicht zu. Ich liefere sie aus und renne davon. Renne, um die Bilder in meinem Kopf loszuwerden, renne, um die Schuldvorwürfe nicht zu hören. Ich renne bis meine Lunge brennt, mein Herz sich beinahe überschlägt, bis meine Muskeln schmerzen, bis ich mich übergebe. Jedes Mal, jede Woche. Acht Mädchen habe ich bislang überbracht. Das Leben von acht Mädchen habe ich bereits zerstört. Das Leben von Verena, von Asra, von Stefanie, von Cara, von Luisa, von Helena, von Leila und vor ein paar Tagen auch das meiner Freundin Lissie.

Aber auch ich leide, ich bin am Ende, ich kann nicht mehr. Meine Kleidung schlackert nur noch um meinen dünnen Körper, meinem Gesicht fehlt jegliche Farbe, meine Augen sind geschwollen. Jede Bewegung schmerzt, jeder Gedanke noch viel mehr und jegliches positive Gefühl hat mich schon lange verlassen. Es gibt nur einen Ausweg, ich muss flüchten, muss weg von hier, muss neu anfangen. Irgendwo an einem anderen Ort, weit weg von hier. Ich muss eine andere Nele werden. Eine Nele, die keine Mittäterin ist, die nicht verantwortlich ist. Nele ohne lange dunkle Haare, ohne weibliche Rundungen, ohne auffällige Kleidung.

8. November 2010: Nele

Ich habe es geschafft, habe mich befreit. Ich bin nach Amerika gezogen und habe mich hier bei Tante Lea in Ohio ganz gut eingelebt. Die High School ist anders als meine alte Schule in Köln. Viel größer, viel anonymer, viel passender für die neue Nele, die sich versteckt, die sich duckt, die niemals von jemandem erkannt oder gar bemerkt werden möchte. Meiner Tante lüge ich vor Freunde gefunden zu haben, mit denen ich mich regelmäßig verabrede. Während dieser angeblichen Treffen renne ich. Renne bis meine Lunge brennt, bis mein Herz sich überschlägt, bis meine Muskeln brennen, bis ich mich übergebe. Weiterhin jede Woche. Bis zu meiner Abreise, habe ich noch neun weitere Mädchen beschafft und ausgeliefert und für sie renne ich, für sie kotze ich, für sie bin ich jede Nacht wach. Und doch sind sie es, die leiden, deren Leben ich zerstört habe.

24. März 2020, 12 Uhr: Nele

Als ich zu mir komme hängt Leas Kopf über mir. Meine Tante klopft mir immer wieder gegen die Wange: „Hallo, Hallo Nele”. Mühsam schlage ich die Augen auf. „Oh Gott sei Dank, der Krankenwagen ist schon unterwegs, was ist denn passiert? Dieses ganze Arbeiten macht dich noch ganz krank, ich habe es ja gesagt. Mittags im Büro und abends noch in diesem blöden Restaurant. Nele wirklich, das Geld brauchst du doch gar nicht. Wenn es finanziell so eng ist, helfe ich dir! Bitte, sei doch vernünftig…”

Mehr höre ich nicht, nur ein Rauschen nehme ich wahr. „Wo ist das Handy?“, schießt es mir durch den Kopf. Ich setze mich ruckartig auf und versuche aufzustehen, wobei ich mich an der Toilette abstütze. Ich brauche dieses Handy, ich muss dieses Foto vernichten. Wankend schaffe ich es ins Schlafzimmer, während meine Tante weiter auf mich einredet. Mit aller Kraft drehe ich mich zu ihr um: „Geh jetzt. Mir geht es gut, ich brauche keinen Krankenwagen und keinen Babysitter.” „Aber Nele.” „Nein, geh.“ Ich dränge sie zur Tür, schiebe sie hinaus und verriegle das Schloss.

Erneut sacke ich auf den Fußboden und krieche jetzt zurück zu diesem schwarzen Ungeheuer. Brr Brr Brr. Oh Nein, es brummt. Unbekannte Nummer, eine neue Mitteilung. Ich ahne was diese Mitteilung enthält bevor ich sie öffne: Ein Video. Das Video. Noch nie habe ich es gesehen und auch jetzt kann ich es nicht abspielen. Ich möchte einfach nur verdrängen und vergessen. Aber erneut beginnt dieses verdammte Handy zu vibrieren. Diesmal ein Anruf, den ich zitternd entgegennehme.

„Ich weiß wer du bist, Ich weiß was du getan hast”, höre ich eine verzerrte Frauenstimme sprechen. Eine Frau? „Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?”, bringe ich stammelnd heraus. „Was ich will? Rache. Gerechtigkeit.” „Wer sind Sie?” „Das wirst du noch früh genug erfahren. Komm zurück nach Deutschland. Komm dahin wo es begonnen hat. Komm oder dieses Video geht an alle deine Freunde, deine Familie, an die Polizei. Dein Flug ist gebucht. Check-in um 14 Uhr.” Dann ein klicken in der Leitung, der Anruf wurde beendet.

„Verdammter Mist“, rufe ich und werfe das Handy aufs Bett. Eigentlich will ich möglichst viel Abstand zwischen mich und das Ding bringen, es einfach aus dem Fenster werfen. Aber wie schon vor zehn Jahren, werde ich gezwungen zu bleiben. Ich sehe auf die Uhr, mir bleiben drei Stunden bis zum angeblichen Check-In. Ich denke an den Hutmann. Er schien so unauffällig, so schmächtig, so unscheinbar mit dem grauem Mantel. Einzig der lange Blick in den Spiegel hat mich stutzig gemacht. Es muss Freddy gewesen sein, auch wenn ich ihn nicht erkennen konnte. Außer Freddy fällt mir kein Mann ein, der sich an mir rächen wollen würde und dem ich es zutrauen würde mich über diese Distanz und über all die Veränderungen ausfindig zu machen. Aber wer ist diese Frau?  Leider würden mir einige einfallen, die Grund zur Rache hätten. 17, um genau zu sein.

Ich beginne erneut nachzurechnen. Die Vergewaltigungen waren alle im Jahr 2010. Nachdem ich geflohen war, hatte ich nicht nur eine neue Adresse, sondern auch eine neue Rufnummer und eine neue Mailadresse. Außer meiner Eltern konnte mich niemand mehr erreichen. Freddy hat wohl oft vor dem Haus meiner Eltern gewartet, hat geklingelt und nach mir gefragt, ist wütend geworden, aber nie aggressiv. Hatte er sich seine ganze Wut aufbewahrt, um es mir jetzt heimzuzahlen? Oder hat es ihn so wütend gemacht, dass er für wenigstens eine seiner Taten büßen musste und ich nicht? Dabei war es Medina, die ihn hat auffliegen lassen. Nachdem ich nicht mehr da war, hat Freddy seine Opfer selbst auserwählt, aber Medina unterschätzte er. Sie wehrte sich, kratzte und biss ihn. Aber viel wichtiger, Medina redete und sorgte so dafür, dass Freddy verurteilt wurde. Sechs Jahre Gefängnis lautete sein Urteil. Sechs Jahre für das Leid, das er ihr zugefügt hatte. Sechs Jahre für den Täter und ein so großes Leid für das Opfer, das es sie in den Selbstmord getrieben hat. Medina hat gekämpft für eine Gerechtigkeit, die nicht existiert, denn diese Taten können nicht ausgeglichen werden. Dieses Leid kann weder nachempfunden, noch übertragen oder wiedergutgemacht werden, niemals.

Nach Freddys Verurteilung ging ich davon aus, dass sich nun alle Opfer melden würden. Täglich erwartete ich den Anruf. Ich hoffte fast sogar darauf, denn ich wollte büßen. Büßen für das Leid, das ich zugefügt hatte. Ich wollte von meiner Schuld erleichtert werden und von der Last befreit. Aber Asra, Verena, Helena, Lissie und alle anderen blieben stumm. Keine hat jemals gesprochen, bis jetzt. Bis jetzt habe ich die unerträgliche Last der Schuld getragen. Die Schuld, die mich erdrückt, die mich rennen und kotzen lässt, die mich schlaflos lässt, die mich verfolgt. Zehn Jahre lang habe ich mich im Kreis gedreht. Im Kreis mit den Schuldgefühlen, mit der Verantwortung, mit dem Leid, mit den Bildern der Mädchen, mit den Schreien und Rufen Verenas. Aber irgendwie habe ich mir ein Leben aufgebaut, habe die Schule hinter mich gebracht und schnell Arbeit gefunden. Mit Ehrgeiz und Disziplin habe ich mich durchgeschlagen, ich habe gekämpft. Und jetzt? Sollte ich auf die Stimme hören und nach Deutschland zurückkehren? Ich verdiene eine Strafe und sollte gerade stehen für die Verbrechen, für die Grausamkeiten. Ich weiß, ich sollte büßen. Aber trotzdem sträubt sich etwas in mir. Etwas, das sich Lebenswille, Hoffnung und Optimismus nennt. Nach so vielen Jahren Leere und Kummer, spüre ich ab und an endlich wieder Freude. Mein Small Talk ist nicht mehr bloß Geschwätz, sondern offenbart tatsächlich etwas von mir. Ich bin wie eine Blume, die sich nach einem Unwetter für eine Zeit geschlossen hielt, lange Jahre so verharrte, aber diesen Frühling Kraft schöpft und beginnt sich zu öffnen. Sie blüht nicht, sie strahlt und scheint nicht, aber sie öffnet sich.

Ich brauche Zeit, Zeit zum Überlegen. Ich will dieses Leben nicht ruinieren, möchte nicht zurück nach Deutschland gehen, zurück zur Garage, zurück in den Albtraum. Die Büchse der Pandora, die die dunkelsten Stunden meines Lebens enthält, wurde zwar geöffnet, aber muss ich sie deswegen noch weiter ausräumen? Kann ich sie nicht einfach wieder schließen? Ich denke an mich, an mein Leben, das doch gerade erst beginnt und jetzt soll es wieder vorbei sein?

Löschen. Ich drücke die Taste und verbanne Video und Bild von dem iPhone des Fremden. Ich setze es auf Werkseinstellungen zurück, schalte es aus und beschließe es gleich im Ohio River loszuwerden, als es plötzlich an der Tür klingelt.

24. März 2020, 12 Uhr: Verena

Ich habe sie geliebt. Ich habe dieses Mädchen geliebt. Von ihr beachtet zu werden, war schon immer mein größter Wunsch. Ich wurde immer links liegen gelassen, saß unbeachtet hinten in der Ecke. Um mein Gesicht möglichst zu verdecken, ließ ich meine Haare immerzu ins Gesicht fallen, ich versteckte mich. Ich war jung, hatte nur sehr wenig Selbstbewusstsein und Angst, große Angst. So sehr sehnte mich nach einem kleinen Lächeln von ihr, einer Begrüßung, nach einem Zeichen, dass sie mich wahrnimmt. Bis zu diesem einen Tag, der meinen sehnlichsten Wunsch erfüllte und mich gleichzeitig für immer zerstörte: Nele lud mich zu ihrer Party ein. Ich war außer mir vor Freude und bekam endlich einen Auftrieb. Hoffnung machte sich in mir breit. Die ganze Woche überlegte ich was ich anziehen könnte und dachte über Make-Up und Schmuck nach. Fast jeden Tag lief ich in die Stadt, um die verschiedenen Geschäfte zu durchkämmen. An diesem Abend wollte ich stark und selbstsicher erscheinen, er sollte perfekt werden und mein Leben endlich verändern. Ich wollte genauso wie erwünscht aussehen: möglichst sexy. Um Punkt 19 Uhr stieg ich an jenem Samstagabend mit rot geschminkten Lippen und dunklen Augen aus meinem Auto. Nur ein paar Sekunden nach mir erschien Nele an dem vereinbarten Treffpunkt an der Garage, wie immer sah sie wunderschön aus und sexy sowieso. Erst als Nele zitternd die Garage öffnete und mich wortlos hineinstieß, bemerkte ich, dass etwas nicht stimmte. Mein Herz klopfte vor Panik und nicht mehr vor Verliebtheit, als ich den jungen Mann erblickte, der mit nacktem Körper auf einer Matratze posierte, die in der Mitte der Garage auf dem Boden lag. Der Anblick ekelte mich an, ich stammelte verständnisloses Zeug, versuchte meine Gedanken zu sortieren und dann ging plötzlich alles so schnell. So schnell wurde der schönste Traum meines Lebens zum schlimmsten Albtraum, der mein Leben, wie es zuvor gewesen war, beendete.

Naja, Rache ist süß. An die Stelle meiner Liebe ist unendlicher Hass getreten. Hass, Wut, Rache. Ich will, dass Nele leidet, eigentlich wünsche ich ihr sogar den Tod, aber das wäre zu leicht. Der Tod würde erlösen, würde befreien, aber das gönne ich ihr nicht.

Bei dem Gedanken an meinen Plan, läuft mir gerade tatsächlich das Wasser im Mund zusammen, als es plötzlich an der Tür klopft. Wer kann das denn jetzt sein? Weil ich niemanden erwarte, beschließe ich einfach nicht aufzumachen. Ich lehne mich zurück und will mich erneut dem Ablauf meines Racheplans hingeben. Aber schon wieder klopft es, diesmal weniger zurückhaltend. Es klingt als würde es kein „Nein“ dulden und als die dunkle Männerstimme spricht, wird mir auch klar warum. „Polizei hier. Machen Sie sofort die Tür auf.” Mist. Ich lasse meine Haare ins Gesicht fallen und öffne den Polizisten die Tür.

24. März 2020, 12.30 Uhr: Nele

Das ist bestimmt Ulli, Leas Mann. Können die mich nicht einfach in Ruhe lassen? Sie meinen es ja wirklich gut und ich bin beiden unglaublich dankbar für alles was sie mir ermöglicht haben, aber auch jetzt behandeln sie mich noch immer wie die 16-jährige Nele. Sie denken ich bräuchte ihren elterlichen Schutz, vielleicht gerade, weil ich sie an meinem Leben nie teilhaben ließ…

„Sie meinen es wirklich nur gut“, sage ich mir, nehme ein paar tiefe Atemzüge, setze ein Lächeln auf und öffne die verschlossene Tür.

Mir entfährt ein Schrei, sofort stellt er seinen Fuß in die Tür, sodass jeder Versuch sie zu schließen scheitern würde. Unsanft stößt er mich zurück. Ich lande auf dem Rücken, wie ein Marienkäfer. Ausgeliefert, schutzlos, kraftlos. Ich habe verloren. Und doch beginne ich zu schreien und zu rufen, wie im Kampf. Ich stürze mich auf seine Beine und will ihn herunterreißen, aber er scheint wie eine Statue. Ich kämpfe, aber ohne Gegner. Freddy bewegt sich nicht, spricht nicht, tut mir nichts. Ich werde still, mein Herz rast. Vorsichtig stehe ich auf bis ich ihm in die Augen sehen kann. „Freddy?”, sage ich. Keine Antwort. Ich sehe ihn an, er hat sich verändert. Die Jahre im Gefängnis haben ihn verändert, das ist ganz deutlich. Seine früher lebhaften Augen wirken trist und leer. Dunkle Ringe liegen unter ihnen, die Wangen sind eingefallen und auf der Stirn hat er tiefe Sorgenfalten. Er wirkt tatsächlich deutlich älter als er ist, er wirkt erschöpft und mutlos.

„Nele, es ist vorbei“, sagt er schließlich ganz ruhig. „Was ist vorbei?”, frage ich. „Mein Leben und jetzt auch deins. Ich war im Gefängnis, ich hatte Zeit nachzudenken, ich habe bereut, mich geschämt und gehasst. Je mehr Zeit vergangen ist, desto mehr habe ich mich selbst angeekelt. Immer wieder habe ich Pläne geschmiedet, um mir das Leben zu nehmen. Und dann wurde ich vor 6 Monaten und drei Tagen entlassen. Das Leben sollte weitergehen. Man bekommt Hilfe, um sich wieder einzufinden. Hilfe bei der Wohnungs- und Jobsuche. Und naja, das hat mir Kraft gegeben. Ich habe etwas gefunden, das mich erfüllt, weißt du? Ich mache eine Ausbildung zum Schreiner und baue Tische, Stühle, Möbel. Ich bin ein Mensch, ich arbeite, ich lebe. Menschen machen doch Fehler. Du hast auch Fehler gemacht, Nele. Also warum soll ich ewig bereuen und büßen? Ich will leben, seit 5 Monaten will ich leben. Ich will eine Familie haben, schön oder?“ „Stopp hör auf. Du bist ein Schwein, ein Arschloch. Wie ein Tier hast du dich auf Frauen geworfen, ihre Schreie und Rufe einfach ignoriert. Du kennst nur den Trieb, hast keine Gedanken, kein Herz und kein Gefühl! Ja Freddy, auch ich habe Fehler gemacht, aber ich war nie gefühllos, nie herzlos, nie gedankenlos. Erst jetzt nach 10 Jahren, kann ich endlich etwas aufatmen, beginne zu leben und dann kommst du und sagst du hättest das Gleiche verdient?”

„Wozu die Diskussion, Schlampe? Es ist vorbei.”

„Warum sagst du das? Warum bist du hier?”

„Ich bin hier, um uns den Tod zu schenken, weil das Gefängnis kein Leben ist. Verena ist hinter uns her. Sie hat mir das schwarze Handy da zukommen lassen und mir ganz genaue Anweisungen gegeben, was ich damit tun sollte. Ich wusste nicht, dass es dabei auch um dich geht. Sie sagte mir ich sollte nach Amerika fliegen und es genau in dem Restaurant liegen lassen. Erst als ich dich dort sah, wusste ich, dass sie uns beide zerstören wird. Also, Nele, ich helfe dir, helfe uns beiden zu sterben, bevor sie unser Leben zerstört”

„Du meinst du hilfst mir? Auf deine Hilfe verzichte ich gerne, verschwinde verdammt. Verschwinde aus meinem Leben!”

Er macht einen Schritt auf mich zu, ich spüre seinen Atem auf meiner Stirn und plötzlich ist sie da. Ich blicke direkt in die Öffnung einer Pistole. „Nein, bitte nicht, du hast doch selbst gesagt, dass das Leben beginnt, bitte nicht.”

24. März 2020, 15 Uhr: Verena

„Tuu-t mir lee-id”, stottere ich „ich öff-nne ni-ie die Tür. Weil ich doch so-o vi-eel Angst habe.” Die beiden Polizisten sehen mich einen Moment lang fragend an, wechseln dann einen Blick und nicken sich zu. Der eine geht um mich herum, packt meine Hände und legt sie in Handschellen. Der andere verkündet mir „Sie sind festgenommen. Wir haben den dringenden Hinweis erhalten, dass sie eine schwere Straftat planen. Sagt Ihnen der Name Frederik Lemkot etwas?“ „Verdammter Dreckskerl“, zische ich.

Später auf dem Revier erzähle ich in allen Einzelheiten meinen Plan und betone, dass ich genau das durchführen wollte und auch immer noch will: Nele fesseln und quälen, bis ihr die Augen aus dem Gesicht fallen, bis sie zu schwach ist, um auch nur einen Laut von sich zu geben, bis ihr sehnlichster Wunsch der Tod ist. Kühl und distanziert beschreibe ich meine Phantasien. Ich sehe es nicht ein, Reue zu zeigen, denn ich empfinde sie keineswegs. Ich bin einfach nur wütend, traurig und erschöpft. Die Polizisten hören mir geduldig zu und verweisen mich an eine Psychologin, die mir einen Klinikaufenthalt als Strafe auferlegt. Kein Protest, kein Gefühl, keine Regung ist in mir, nur Gleichgültigkeit. Denn ein Leben habe ich seit jenem Samstagabend sowieso nie wieder gehabt und auf die Ruhe im Tod werde ich für immer verzichten müssen. Freddy hat Nele getötet und mir so nicht nur mein Leben genommen, sondern auch das friedliche Sterben nicht gegönnt. Nele ist tot, tot ohne zu büßen, hat die Erlösung erhalten ohne Qual, wird niemals büßen, wird nicht bestraft, wird nie erfahren, dass sie auf dem Video nicht zu sehen ist.

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