AnneBegraben

Einige meiner Kollegen halten mich für geizig, weil ich auf Ebay hin und wieder Ausschau nach Schnäppchen halte. Als Anwältin könne ich es mir doch leisten, sagen sie. Ihnen ist das Glücksgefühl fremd, das ich auf meinen gelegentlichen Schatzjagden empfinde. Eben so ein Glücksgefühl empfand ich, als ich den Zuschlag für diese neuwertige Nikon samt SD-Karte bekam.

Jetzt sitze ich in meiner Küche und versuche meine Neugier zu zügeln. „Pollux99“ hatte vergessen, den Speicher zu löschen. Ein Hobbyfotograf hat sicher nichts zu verbergen, denke ich und drücke den Wiedergabeknopf auf der Nikon. Auf dem kleinen Display erscheinen ein paar Amateuraufnahmen, Landschaften, Sonnenuntergänge und dergleichen. Ich zappe schnell durch. Als die ersten Personen auf dem Bildschirm erscheinen, werde ich langsamer. In erster Linie sehe ich sich unterhaltende Frauen, die meisten von ihnen tragen eine ernste Miene. Vielleicht hat „Pollux99“ mimische Besonderheiten studiert. Das wahre Leben – so viel schöner als gestellte Portraits!

Foto 44 von 59. Die Frau mit dunklen Tränensäcken kommt mir bekannt vor.

Nachdenklich klicke ich weiter. Bei Foto 46 von 59 stockt mir der Atem. Es zeigt zwei Frauen mittleren Alters. Der einen steht die pure Verzweiflung, der anderen kühle Distanziertheit ins Gesicht geschrieben. Mein eigenes Abbild erkenne ich auf den ersten Blick. Ich zoome auf dem Display der Nikon dichter heran. Ich sehe mich leicht vorgebeugt an einem Tisch sitzen und  meine Tischnachbarin beobachten. Ich manövriere den Bildausschnitt nach links. Angestrengt krame ich in meinem Gedächtnis. Ich war nie gut darin, mir Gesichter zu merken. Dieses hier finde ich nach einer gefühlten Ewigkeit in einer Gedankentruhe, die ich abseits meines Schreibtisches lieber verschlossen halte. Edith P. war eine meiner Klientinnen. Ich hatte sie vor wenigen Monaten gegen den Verdacht des Menschenraubs verteidigt.

In mir wächst eine Ahnung und mit geschlossenen Augen bete ich, dass ich mich irre. Ich springe zurück zu Foto 44 von 59. Endlich erkenne ich auch die Frau mit den Tränensäcken. Ich wende den Blick erneut von der Kamera ab. Mit trockenem Mund und brennender Kehle stelle ich die Nikon auf meinen Küchentisch. Ich scheue mich davor, mir die übrigen Bilder anzusehen. Ich habe oft genug mit Verrückten zu tun, um zu verstehen, dass das hier garantiert kein Zufall ist. Ich kenne diese Typen. Männer mit dissozialer Persönlichkeitsstörung oder anderen seelischen Krankheiten. Männer, die mit Zurückweisung nicht umzugehen verstehen. Solche, die keine Grenzen akzeptieren, solche, die gefährlich werden.

Ich stehe auf, gieße mir ein Glas Rotwein ein und leere es in einem Zug. Dann nehme ich die Kamera wieder in meine Hand. Auch auf den nächsten Fotos erkenne ich mich bei verschiedenen Treffen mit weiteren Klientinnen wieder.

Ich versuche, meine aufkommende Übelkeit niederzukämpfen und meine Gedanken zu ordnen. Es ist kein Zufall, also muss es ein Ziel geben. Welche Absicht verfolgt „Pollux99“, wenn er mir nachstellt und mir so bereitwillig die Beweise dafür frei Haus liefert? Und wie gelang es ihm überhaupt, das über einen Handel bei Ebay zu bewerkstelligen? Was will er? Mich erpressen? Das ergibt keinen Sinn. Immerhin ist es vollkommen legitim, wenn sich Anwalt und Klient nicht nur in der JVA oder im Büro, sondern auch in der Öffentlichkeit treffen. Daraus kann mir niemand einen Strick drehen. Was will er also mit der ganzen Aktion erreichen?

Foto 57 von 59. Ich stocke wieder, trotz der angestauten Sommerhitze in meiner Küche wird mir kalt. Der Fall von  Cornelia M. beschäftigt mich schon seit einer halben Ewigkeit. Vor anderthalb Jahren wurde ihr Ehemann festgenommen. Er wurde angeklagt, seine Kinder misshandelt, seinen Sohn Jannik M. sogar getötet zu haben. Kurz darauf wurden die Ermittlungen gegen Cornelia M. aufgenommen. Mittlerweile sitzt sie in Untersuchungshaft. Das Bild auf der Nikon zeigt eines unserer letzten Treffen vor ihrer Verhaftung. Ihr wird vorgeworfen, die Straftaten ihres Mannes vertuscht und Jannik M. zu diesem Zwecke in einem Wald vergraben zu haben. Die besondere Tragik des Falls verbirgt sich in einem Detail: Der Junge war zu diesem Zeitpunkt noch nicht tot gewesen. Sie hatte ihn lebendig begraben. Das Gericht muss nun klären, ob sie sich darüber im Klaren war und ob sie aus eigenem Antrieb oder auf Anweisung ihres Mannes gehandelt hatte. Als Strafverteidigerin spreche ich nie für eine Tat. Ich spreche für Menschen, in meinem Falle überwiegend Frauen, und deren Rechte. Meine Pflicht ist es, dafür zu sorgen, dass sie immer noch als Mensch und nicht als Monstrum verurteilt werden.

Mir schwirrt der Kopf und ich gieße mir ein zweites Glas Wein ein. Wie hatte mir „Pollux99“ so gezielt nachstellen können? Hatte er mich gehackt? Oder gibt es einen Maulwurf in meiner Kanzlei? Nein, das halte ich im Grunde für ausgeschlossen. Die Frage nach „Pollux99“ Identität lässt sich hier nicht beantworten. Jedoch kommt mir bei dem Gedanken eine Idee. Ich greife nach dem Karton, in dem er mir die Kamera zugeschickt hatte. Das Adressschild ist beschädigt. Natürlich war er nicht einfältig genug gewesen, seine Daten als Absender auf der Frankierung stehen zu lassen. Ich werfe den Karton in das Hundekörbchen unter meinem Küchentisch und zucke unwillkürlich zusammen. Mit einem Blick nach unten vergewissere ich mich, dass Jacky nicht darin liegt. Natürlich tut er es nicht! Ich hatte ihn ja selbst nach draußen gebracht. Bei dem Wetter konnte sich mein alter Labradorrüde im Garten ein sonniges Plätzchen zum Dösen suchen.

Ich wische mir meine schweißnassen Finger an meiner Jeans ab, setze mich auf und nehme die Nikon wieder in die Hand. Foto 58 von 59 muss ich länger betrachten, um es zu verstehen. Es zeigt wieder eine Aufnahme aus der Natur.

Zurück zur Landschaftsfotografie, stutze ich.

Das Bild ist etwas zu dunkel. Mit Mühe erkenne ich einen dichten Wald. Ich ziehe die Helligkeit der Aufnahme hoch und spüre, wie meine Ohren zu glühen beginnen. Eine Stelle des Bodens wird nicht von Laub bedeckt. Ich sehe einen zusammengekratzten Erdhügel und schließe abermals meine Augen. Ich bin mir sicher, „Pollux99“ hat hier Jannik M.s Grab fotografiert.

Ich bin selbstverständlich dramatischere Bilder gewohnt, blutige Bilder. Aber die landen normalerweise auf meinem Schreibtisch im Büro und nicht in meiner Küche. Für Gewöhnlich trenne ich mein Arbeits- von meinem Privatleben. Diese Fotos gehören nicht hierher. Das macht diese Situation gerade so bizarr. Was will „Pollux99“ damit bezwecken? Warum hat er mich überhaupt ins Visier genommen? Natürlich werde ich oft für meine Arbeit angefeindet. Aber auch in Deutschland gibt es weit üblere Fälle als den von Cornelia M.. Medienwirksamere Fälle. Und auch da gibt es Angeklagte, die verteidigt werden müssen. So ist nun einmal die Rechtslage. Wieso trieb „Pollux99“ sein Spiel also ausgerechnet mit mir?

Ich nippe noch einmal an meinem Glas, bevor ich zögerlich mein Handy zücke. Ich rufe die Ebay-App auf und schreibe „Pollux99“ eben diese Frage: „Warum ich?“

Sekunden später ploppt die Gegenfrage auf: „Hast du uns vergessen?“

Mein Kopf fühlt sich an wie ein prall aufgeblasener Ballon, meine Wangen werden heiß. Ich tippe: „Was soll das?!?“

„Oder hast du uns verdrängt?“, erscheint kurz darauf im Chat.

„Was zur Hölle willst du von mir?! Wer bist du???“, frage ich.

„Manches lässt sich nicht rechtfertigen“, schreibt er.

Das ist mir alles zu blöd! Ich schmeiße mein Handy auf den Küchentisch und leere mein Glas. Ich fühle meinen Puls in meinem ganzen Körper dröhnen. Ich spüre, dass sich rote Flecken auf meinen Wangen bilden, wie immer, wenn ich kurz vor dem Explodieren stehe.

Ich wandere getrieben in der Küche auf und ab, stolpere dabei über meine eigenen Füße und schieße meine Latschen quer durch den Raum.

Mein Handy auf dem Tisch piept leise und ein rotblinkendes Licht sagt mir, dass ich eine neue Benachrichtigung habe. Ich quittiere es mit einem Schnauben. Ich lasse mich doch nicht verarschen!

Entnervt wende ich mich ab, beuge mich über die Küchenspüle und drehe den Wasserhahn auf. Wieder und wieder tauche ich mein Gesicht in das eisige Nass, das ich in meinen Händen sammle, bis meine Nase zu laufen und meine Haut zu kribbeln beginnt. Ich trockne mich mit zu viel Küchenpapier ab. Nachdem ich mir den restlichen Rotwein eingegossen habe, setze ich mich zurück an den Küchentisch und starre auf die Kamera. Kein noch so kleiner Kratzer auf dem Display, keine Abdrücke am Griff, kein winziges Zeugnis ihres Vorbesitzers schadet ihrem tadellos gepflegten Erscheinungsbild. Nur diese Fotos beweisen, dass sie nicht frisch und unbenutzt direkt aus einer Fabrik in Indonesien kommt.

Foto 59 von 59. Als die Aufnahme auf dem Display erscheint, werden meine Fingerspitzen taub. Ein hoher Pfeifton, erzeugt durch die Synapsen in meinem Gehirn, überschreit schrill jeden aufkeimenden Gedanken. In meinem Kopf existieren keine Worte mehr, nur noch Bilder, Szenen einer Vergangenheit, die ich längst verdrängt und fast vergessen hatte. Sie schießen zwischen meinen Schläfen hin und her, überdecken sich gegenseitig, verlöschen plötzlich vor meinen Augen, um kurz darauf an den Nervensträngen der Erinnerung zu zerren, die ich vor Jahren zu kappen versuchte.

Über all dem Chaos schwebt das Foto, das „Pollux99“ wohl eingescannt hatte, um es auf die Speicherkarte zu schieben. „25. März 1999“, steht in der unteren rechten Ecke. Das Bild zeigt zwei grinsende Kinder im Alter von neun Jahren. Ein Junge und ein Mädchen, einander wie aus dem Gesicht geschnitten. Nur der kleine Leberfleck über ihrer linken Augenbraue unterschied damals Sandra von ihrem Zwillingsbruder Simon.

Ich war elf, als ich sie zum letzten Mal sah. Ich verbrachte einen Teil der Sommerferien bei meiner Tante und meinem Onkel. Urlaub auf dem Bauernhof, würde man das heute nennen. Bis auf Sandra und Simon waren alle Kinder in dem kleinen Kaff Armenau entweder deutlich älter oder ein paar Jahre jünger als ich. Manchmal fühlte ich mich wie das sprichwörtliche dritte Rad, vor allem wenn die Zwillinge wieder ihre rätselhaften Insider-Sprüche raushauten. Trotzdem trafen wir uns jeden Tag zum Spielen. Manchmal sammelten wir alte Zigarettenstummel, die die Jugendlichen auf dem Spielplatz hinterlassen hatten, und rauchten sie heimlich. Am liebsten bauten wir uns kleine Buden aus Stöckern in Hecken oder unter engstehenden Bäumen. Besonders stolz waren wir auf unser Geheimversteck.

Anfangs war es nur eine Mulde an einem alten Bahndamm gewesen. Die Kleinbahn fuhr schon seit Jahren nicht mehr. Darum war der Erdwall von Sträuchern, kleinen Bäumchen und üppigem Unkraut bewachsen. Mit Holz und Planen, die wir von einem Futtersilo geklaut hatten, hatten wir die Mulde zunächst nur überdacht. Als uns das nicht mehr reichte, gruben wir uns weiter in den Damm rein. Das Gestell mit der Plane wurde zum Vordach einer Höhle. Die beim Graben anfallende Erde, Steine und ausgerissene Bäumchen und Sträucher wurden zu Mörtel und Putz. Im wilden Gestrüpp war unser Versteck perfekt getarnt. Erst als wir einmal ein Lagerfeuer machten, entdeckte uns ein Spaziergänger vom nahen Waldweg aus. Ich bekam fürs Kokeln eine gehörige Standpauke von meiner Tante, Sandra und Simon ein paar Tage Hausarrest. Aber davon ließen wir uns nicht unterkriegen. Während die Beiden ihre Strafe absaßen, baute ich weiter unsere Höhle aus.

An dem Tag, als sie endlich wieder raus durften, hatte ich eine Schachtel Zigaretten von meinem Onkel geklaut. Wir wollten die Freiheit der Zwillinge feiern. Ich traf sie am Bahndamm. Ein satter Landregen hatte eingesetzt, die Art Regen, die heute nur noch selten fällt, ein Regen, der Regenrinnen überschwappen lässt und die Weizenernte für mehrere Tage lahmlegt. Vom Waldweg bis zur Höhle schritt ich voran, mit stolzer Körperhaltung und breitem Grinsen im Gesicht. Sandra und Simon würden angesichts meiner geleisteten Arbeit große Augen bekommen! Ich hatte nicht nur weitergegraben, sondern auch Erdmöbel gebaut. Mittlerweile erinnerte unsere kleine dreckige Mulde an eine wohnliche Clubhöhle.

Als wir das Vordach unseres Verstecks erreichten, blieb ich stehen, um Sandra und Simon den Vortritt zu lassen. Sie inspizierten mein Werk akribisch und quittierten meine Arbeit mit gebührendem Lob. Ich hockte mich unter die Plane und zündete mir eine Zigarette an. Wir hatten ausgemacht, nicht direkt in der Höhle zu rauchen, damit unsere Kleider und Haare den Geruch nicht annahmen. Einmal Hausarrest in den Sommerferien war genug.

Sandra kam zu mir und setzte sich neben mich. Ich gab ihr die Zigarette und sie zog daran. Lucky Strike, viel besser als die ausgelutschten Kippen vom Spielplatz. Sie grinste mich an und presste den Qualm durch die Lücke, die ein ausgefallener Milchzahn hinterlassen hatte.

Auf unserem kleinen Dach prasselte der Regen. Wir bemerkten nicht, wie sich das Wasser sammelte, wie sich die Plane durchbeulte. Sie selbst hätte wahrscheinlich dem Gewicht mehrerer Hektoliter standhalten können. Die Steine und die Erde, die wir zu ihrer Befestigung aufgeschichtet hatten, taten es nicht. Die Wassermassen zerrten am aufgeweichten Fundament. Der lockere Boden des Dammabschnitts, den wir von seiner Vegetation weitestgehend befreit hatten, erledigte den Rest. Ein tonnenschweres Gemisch aus Wasser, Steinen und Sand kam ins Rutschen und riss das umliegende Erdreich mit.

Eine ganze Schlammlawine brach über uns herein. Dass sie die Plane dabei vor sich her schob, war mein Glück. Durch sie wurde ich hangabwärts gedrängt. Ich rollte und schlitterte den nassen Bahndamm herab, bis ich es irgendwie schaffte, meine Füße unter mich zu bringen und den Schlammmassen davon zu stolpern.

Als ich mich atemlos umdrehte, konnte ich sehen, wie sich Sandra unter dem Geröll hervorkämpfte. Ich rannte zurück zu ihr und fing an zu graben. Nach kurzer Zeit war sie frei. Die Plane war auch ihre Rettung gewesen.

Wir sahen den Bahndamm hinauf. Schlamm und Steine hatten unsere Höhle vollständig verschüttet. Von Simon fehlte jede Spur.

Sandra kletterte und sprang, teils auf allen Vieren, den Abhang hinauf, schrie, grub, warf Steine und Holz, was immer sie zu fassen bekam, hinter sich, immer wieder hysterisch kreischend und nach Simon rufend.

Ich hockte wie erstarrt an der Stelle, an der ich Sandra ausgegraben hatte. Ich fühlte nichts. Nicht den kalten Regen auf meinen Wangen, nicht die Schrammen und Prellungen, die mir die Lawine eingebracht hatte, nicht die Schürfwunden an meinen Händen oder den Knöchel, den ich mir beim Wegrennen verstaucht haben musste. Ich hockte nur da. Nicht einmal, als sich Sandra umdrehte und nach mir rief, um Hilfe flehte, konnte ich mich rühren.

Minuten starrte ich untätig vor mich hin, bis ich es schaffte, aufzustehen. Ich stolperte ein paar Schritte seitwärts, machte einen kleinen auf Sandra zu. Ich zuckte zusammen, als ich plötzlich eine Hand im Schlamm auftauchen sah. Eine verdreckte, bleiche, reglose Kinderhand. Starr wie die Hand einer Puppe.

Ich drehte mich um und rannte los.

Ich lief nicht davon, um Hilfe zu holen. Ich floh. Ich floh vor Simons toter Hand. Ich rannte den halben Kilometer zurück nach Armenau, die Dorfstraße hoch zum Hof meines Onkels, der rauchend in der Veranda saß und dem Regen zusah. Ich riss die Haustür auf. Dreckig und blutverschmiert stürzte ich humpelnd an ihm vorbei. Ich schleppte mich in mein Zimmer und setzte mich aufs Bett. Als mir eine gefühlte Ewigkeit später meine Tante ein großes Handtuch um die Schultern legte, fing ich an zu heulen. Irgendwie schaffte es mein Onkel zwischen den Schluchzern Wortfetzen wie „Lawine“, „Bahndamm“ und „Simon“ herauszufiltern. Obwohl er sofort handelte, kam jede Hilfe zu spät. Simon war im Schlamm erstickt.

Nach diesem Sommer 1999 hatte ich keinen Fuß mehr in dieses verfluchte Dorf gesetzt. Das alles hatte ich zu vergessen versucht. Mein Unterbewusstsein konnte ich bis heute nicht davon befreien. Kreischende Kinder auf dem Spielplatz bescheren mir eine Gänsehaut. Ein Wetterumschwung reicht aus, um mich erst nicht schlafen und dann die bleiche und dreckige und tote Kinderhand in meinen Träumen erscheinen zu lassen.

Ich ziehe mein Handy zu mir heran und entsperre den Bildschirm. Ein dumpfes Dröhnen wie von einer riesigen Bassbox, die auf den einsetzenden Takt lauert, hat das Pfeifen in meinem Kopf abgelöst. Die Ebay-App springt auf. Im Chat erscheint eine neue Textbox.

„Wird Zeit, dass du selbst mal zum Spaten greifst.“

Mir wird übel. Ich kann nicht länger sitzen und stehe auf. Mir ist schwindlig, mein Schädel dröhnt. Die Hitze in meiner Küche wird unerträglich. Ich brauche frische Luft, beuge mich über den Tisch und reiße das Fenster auf. Ein sanfter Windzug weht mir ins Gesicht. Ich lehne mich ihm mit geschlossenen Augen entgegen und atme tief durch. Vielleicht sollte ich einen Spaziergang machen. Jacky schnappen und einfach laufen. Er liebt es, in dem kleinen Wäldchen hinter meinem Garten herumzuschnüffeln. Bewegung würde uns beiden guttun. Ein langer Spaziergang und ich kann wieder klar denken, so ist es doch immer.

Und vielleicht werde ich bei meiner Rückkehr feststellen, dass es gar keine Kamera gibt. Ich würde erkennen, dass das hier nur wieder einer meiner Alpträume ist. Vielleicht schlafe ich in Wirklichkeit, liege im Weindelirium auf meinem Sofa und mein Unterbewusstsein treibt wieder einmal Schabernack.

Meine Atmung wird ruhiger. Genau, es ist der Stress. Ich sollte in solchen Zeiten, wenn ich Fälle wie den von Cornelia M. bearbeite, am besten ganz die Finger vom Alkohol lassen.

Ich lache leise auf, lache über meine eigene Dummheit. Ich seufze und öffne meine Augen. Was für ein großartiger Samstag! Die Nachmittagssonne steht auf der anderen Seite des Hauses, dadurch liegt mein Garten weitestgehend im Schatten. Nur an seinem Ende, dort, unter den beiden Kirschbäumen, kommen ihre Strahlen noch hin. Dort, wo sich Jacky am liebsten dösend den Pelz wärmt.

Dort, wo jetzt ein dreckiger Spaten am Zaun lehnt.

Dort, wo vor wenigen Stunden ganz sicher noch kein frisch zusammengescharrter Erdhügel zu sehen war.

 

19 thoughts on “Begraben

  1. Liebe Anne,
    deine Geschichte hat mir sehr gut gefallen! Wenig aktive Handlung, keine Ortswechsel und nur eine handelnde Person im Vordergrund und trotzdem total spannend! 🙂 Das ist genau mein Geschmack von Kurzgeschichte. Außerdem gefällt mir dein Schreibstil. Insbesondere die Rückblende ist verdammt gut geschrieben. Die Beschreibung der Höhle ist sehr anschaulich und zB. die Stelle, an der eines der Kinder den Zigarettenrauch durch eine Zahnlücke zwischen den Milchzähnen bläst, macht die Geschichte anschaulich und lebendig. Das sind diese Kleinigkeiten, die man schnell überliest, aber die die Geschichte erst richtig rund machen.
    Mein Herzchen hast du!

    LG
    Merle

    (Meine Geschichte heißt Sepia, falls du mal vorbeischauen magst.)

  2. Liebe Merle,

    ich danke dir vielmals für dein Feedback! Ich dachte, ich würde in dieser Geschichten-Flut schlichtweg untergehen, aber ein solcher Kommentar baut wirklich wahnsinnig auf <3 Natürlich werde ich gleich mal vorbeischauen und sichten, was du dir hast einfallen lassen. Ich bin gespannt 🙂

    Liebe Grüße
    Anne

  3. Liebe Anne,
    ich bin gerade auf deine Geschichte gestoßen und muss sagen es ist mit eine der besten Geschichten, die ich hier bisher gelesen habe. Dein Schreibstil hat mir richtig gut gefallen und bei der Rückblende mit der Höhle war ich ganz in die Geschichte versunken. Die Geschichte kommt ohne viel „drumherum“ aus und ist gerade deshalb sehr angenehm zu lesen. Du hast meiner Meinung nach definitiv zu wenig Likes, deshalb gebe ich dir schon mal einen mehr! 🙂
    Mach weiter so und liebe Grüße
    Farina

    Vielleicht hast du ja auch Lust bei mir vorbeizuschauen. Ich würde mich freuen.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/splitter-einer-identitaet

    1. Liebe Farina,
      entschuldige bitte meine späte Reaktion ^^ Leider gibt es ja auch noch das „Real Life“, das einem die Zeit zum Lesen, Schreiben und für so viele andere schöne Dinge deutlich verkürzt. Deinen Kommentar habe ich aber schon vor einiger Zeit gelesen und mich wirklich darüber gefreut! Solcher Zuspruch macht doch mal Mut, am Ball zu bleiben – ich danke dir dafür 🙂
      Und natürlich werde ich gerne mal bei dir vorbeischauen, um auch deine Geschichte zu lesen.

      Liebe Grüße!
      Anne

  4. Liebe Anne

    Deine Geschichte ist großartig.

    Ich mag deine Story total und zudem deinen Schreibstil.
    Hat mich direkt begeistert.

    Die Grundidee ist gut gewählt und ordentlich dargestellt, die Protagonisten klar und toll angelegt, das Finale spannend und überraschend zugleich.

    So mag ich Kurzgeschichten.
    Zumal du sehr minimalistisch daher kommst.

    Du kannst sehr stolz auf dich.
    Und auf deine einmalige Geschichte.

    Du brauchst auf jeden Fall noch viele Likes.
    Mach Werbung, bis die Trommel glüht.
    Deine Geschichte hat es verdient.

    Ganz liebe Grüße und schreib auf jeden Fall weiter.

    Denn du hast ein riesiges Potenzial.

    Ich lass dir liebend gerne ein Like da.
    Ehrensache.

    Dir persönlich wünsche ich nur das Beste der Welt.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Ich würde mich sehr freuen.
    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Vielen Dank.
    Swen

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