sillycilliBlue Whale

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„Es ist deine Entscheidung: Verlierst du die Challenge, verlierst du ihn.“

Johann gaffte auf die Nachricht in seinem Handy. Die drei Minuten, die er tatsächlich regungslos und völlig perplex mitten im Englischen Garten gestanden hatte, kamen ihm wie Stunden vor. Um das Eis in seiner Hand schmelzen zu lassen, hatte die Zeit der Erstarrung so oder so gereicht. Rosa, zähflüssige Versinnbildlichung des Sommers mit seiner übertriebenen Süße und kreischender Buntheit rann ihm zwischen den Fingern hindurch, tropfte auf den staubigen Gehweg und bildete dort kurzzeitig dunkle Flecken.

Der Tag war schon gelaufen, bevor er richtig angefangen hatte.

„Hey, Mann, dein Eis!“, riss ihn eine Männerstimme aus der Trance. Als er sich umschaute, sah er nur noch einen korkenzieherartig verdrehten Oberkörper auf einem Fahrrad und eine Hand, die in Richtung Johanns eigenen Armes deutete. Er verzichtete beim Anblick der rosa Pfütze auf einen Fluch und fühlte, wie sich der graue Schatten, der schon den ganzen Tag auf seinem Gemüt gelegen hatte, noch ein Stückchen weiter herabsenkte. Die Kugel Eis hatte 2,50 € gekostet und war der Versuch gewesen, seine Stimmung künstlich durch Zuckerzufuhr zu heben. Er hatte sie sich als Belohnung auf dem Weg zum Park gekauft, weil er es aus dem Bett geschafft hatte.

Dann war die Nachricht von einer unbekannten Nummer auf seinem Display aufgeploppt und er hatte die ganze Welt um sich herum vergessen.

 

11:07 Du bist nominiert. Die Challenge heute heißt „Pinocchio“. Weiß dein bester Freund eigentlich die Wahrheit über dich? Wir schon. Wenn wir dein Geheimnis für uns behalten sollen, erfülle die erste Aufgabe: Fahre mit dem Bus nach Hause. Du hast eine Stunde Zeit.

Es ist deine Entscheidung. Verlierst du die Challenge, verlierst du ihn.“

Johann war stirnrunzelnd stehen geblieben und hatte sich suchend um die eigene Achse gedreht. Wurde er beobachtet? Panik ergriff ihn, als er bemerkte, dass jemand, der ihn hier unter all den Sonnenbadenden, Volleyballspielenden, Biertrinkenden und Handykonsumierenden, beobachten wollte, sich nicht einmal verstecken musste. In der Masse wäre er unsichtbar.

„Schlechter Scherz, diese Nachricht kann jeder an jeden versenden auf gut Glück“, beruhigte ihn sein innerer Skeptiker, der immer erst alles anzweifelte, was Menschen panisch machte. Vor allem die allmorgendlichen Schlagzeilen einer diversen Tageszeitung, die er im Vorbeigehen am Kiosk las.

Schwitzend, vor 30 Grad heißer Umgebungsluft und ein bisschen vor Nervosität, betrachtete er die Nachricht noch einmal und erschrak: Unter dem Text gab es eine weitere Nachricht mit einem Bild. Von etwas, das ihm gehörte. Und das NUR ihm allein gehören durfte.

Johann erstarrte zur Salzsäule. Das war der Moment, in dem sein Eis vor ihm auf den Boden klatschte und ein Fahrradfahrer ihn mitleidig darauf aufmerksam machte.

Doch die ominösen Erpresser hatten Recht. Würde sein bester Freund Sven das zu Gesicht bekommen, wäre Johann für ihn gestorben. Keine Erklärungen oder Ausflüchte würden reichen, um wiedergutzumachen, was damals passiert war. Nicht, weil es ein Fehler war. Aber Sven würde es nicht verstehen.

Sven war schon immer der Schwächere gewesen. Als Johann und er einander vor zwölf Jahren in der Schauspielschule kennengelernt hatten, hatte der Zufall entschieden, dass sie sich für ein Projekt zusammentun sollten und der Zufall hatte entschieden, dass beide weder Freunde noch Verwandten in München hatten und einen Mitbewohner brauchten. Seitdem gab es die WG.

Johann hatte seine Schauspielkünste dazu benutzt, jedes Wochenende einer anderen Frau einen selbstbewussten, bindungswilligen und gutgelaunten Partner vorzuspielen. Sven hatte seine Schauspielkünste dazu benutzt, ebendiesen Frauen am Telefon oder vor der Haustür weiszumachen, es gäbe hier nur ihn, Sven, Normalfigur und Nerdaussehen und keinen attraktiven, dunkelhaarigen Jonas, Hans oder Gustav. Bei Gustav hatte er jedoch fast seine Professionalität vergessen.

Und im Austausch gegen die vielen ausgebliebenen Körbe hatte Johann Sven sehr oft als psychische Stütze gedient. Sven hätte die Schule nicht ohne ihn geschafft. Er hätte nicht den Job bekommen, mit dem er jetzt so zufrieden war. Er hätte immer noch diese vergiftete Beziehung gehabt. Sven wäre ohne Johann gar nicht dort, wo er jetzt war.

Und ohne ihn würde er untergehen.

 

Zur Polizei konnte Johann nicht. Die würden ihn fragen, wieso er sich denn von irgendwelchen Streichen verarschen ließe. Auch das Bild zeigte nichts Verbotenes. Im schlimmsten Fall würden sie mit Sven reden.

Johann fuhr sich mit der Hand durch die Haare. Automatisch war er, während er nachdachte, wieder in Richtung WG unterwegs. Immer wieder schaute er sich um, aber er konnte nichts Verdächtiges erkennen. Ein glatzköpfiger Mann mit Hund an einer Ampel begegnete seinem Blick und schaute ihn unverfroren an. Dann wurde die Ampel grün und der Mann schaute weg und quälte sich zusammen mit seinem Hund und etlichen weiteren geröteten Gesichtern schnaubend und keuchend über den schwarzen Asphalt der Ludwigstraße.

Was, wenn er nichts tat und es ignorierte? Johann wischte sich den Schweiß von der Stirn und fühle sich plötzlich vollkommen verloren. Selbst am Himmel gab es keinen Punkt mehr, an dem man sich orientieren konnte, er war blau, als hätte jemand einen blauen Luftballon aufgeblasen und die Stadt hineingesteckt. Und genauso beengend fühlte sich diese blaue Hitze jetzt an. Johann begann zu zittern. Er beugte sich vor und stützte sich mit den Händen auf die Knie. Gerade wollte er den Mann an der Haltestelle neben ihm um eine Zigarette bitten, obwohl man bei der fitten Bevölkerung Münchens wahrscheinlich noch eher eine Selleriestange bekommen würde, da rauschte der Linienbus an ihm vorbei und hielt fünf Meter vor ihm. Immer noch schwitzend und keuchend lief Johann auf die offenen Türen zu und kramte währenddessen in seiner Hosentasche nach Kleingeld.

Als die Bustüren sich hinter ihm schlossen, traf ihn der Schlag. In Form einer Wand aus Hitze, abgestandener Luft und einem Geruch von einem Gemisch aus Deo, Schweiß, Sonnencreme und nassem Hund. Aus diesem Grund verabscheute Johann das Busfahren.

Zwei Mädchen im Teenageralter saßen auf den Sitzen vor ihm. „Hast du gestern ‚Living in L.A.‘ geschaut? Ich wusste, dass er sie betrügt! Und dann noch mit ihrer besten Freundin!“, fragte die Blonde ihre Freundin. Johann schloss die Augen. Er atmete hörbar tief ein und aus. Dennoch konnten die weiß hervortretenden Knöchel seiner Hand, mit der er die Haltestange umklammerte, seine aufkeimende Wut nicht verbergen.

„Jaa, oh mein Gott, genau! Und das, obwohl sie eindeutig eine Bitch ist.“, antwortete die Freundin angewidert.

Johann schluckte hart. In einem einstündigen Meditationseinstiegs – Youtubevideo hatte er gelernt, bei Unruhe in sein Inneres zu horchen. Er hörte seinen Geduldsfaden reißen.

„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte mit zarter Stimme eine junge Frau, die er jetzt erst bemerkte. Auf dem Arm trug sie ein barfüßiges Baby.

„Ob mit mir alles in Ordnung ist?!“, fuhr er sie an. „Die Frage ist eher, ob Sie noch ganz bei Trost sind, dem Kind keine Kappe anzuziehen! Ein einziger verfickter sonniger Tag und die Leute verlieren ihren Verstand!“ Die freie Hand zur Faust geballt, funkelte Johann die Frau an. Der ganze Bus schien aus Fassungslosigkeit zu bestehen. Die zwei Teenager hatten sich zu ihm umgedreht und verbargen nicht einmal ihre offen stehenden Münder. Die freundliche junge Frau hatte jetzt große glasige Augen und war einen Schritt zurückgewichen. Bis auf das Rumpeln des Busses herrschte Totenstille.

„Schellingstraße“, sagte die blecherne Frauenstimme ungerührt, um den nächsten Halt anzukündigen. Als die Bustüren sich öffneten, stürmte Johann so hastig nach draußen, dass er fast die Wartenden umrempelte, die wie gewöhnlich eine Gasse für die Aussteigenden gebildet hatten.

„Was für eine Scheiße“, murmelte er und trat gegen einen Verteilerkasten.

Zehn Minuten später trat er über die Schwelle der Tür zu der Dreizimmerwohnung, die er sich mit seinem Mitbewohner teilte. Er schloss die Tür behutsam hinter sich und legte seine Tasche auf den Boden.

„Hey, Mann! Du bist ja schon zurück! Wie ist es gelaufen?“, begrüßte ihn sein Mitbewohner, als Johann die Küche betrat. Svens Strahlen tat Johann im Gegensatz zu dem der Sonne gut. Das hieß, er wusste nichts. Es lockte ein Lächeln auf Johanns Gesicht, als wäre es eingeübt und schon tausendmal praktiziert worden. Sven bemerkte nichts von den Strapazen der Busfahrt. Wenn Johann souverän wirken wollte, dann tat er das. Vor Sven durfte er keine Schwäche zeigen, das würde ihnen nur beiden schaden.

„Das Casting war gut“, log Johann. „Sie melden sich morgen bei mir, ob ich die Rolle habe. Wir reden später, ich leg mich kurz hin.“

Sven nickte und verspeiste seelenruhig seinen zweiten Muffin zum Frühstück. Höchstwahrscheinlich war er gerade erst aufgestanden. Erst heute Abend würde er wieder zu seiner Schicht als Nachtwächter losziehen. Den Job hatte Johann für ihn klargemacht. Zu Sven und seinem Gemüt passte ein ruhiger, geregelter Job ohne viel Gespräch viel besser als der Job, auf den er hingearbeitet hatte. So wie Johann auch. Eine begehrte Stelle am Theater. Sie hatten sich beide beworben. Das Theater hatte sie vor einem Jahr beide zum Vorstellungsgespräch eingeladen, aber nur Johann war erschienen. Sven war nicht erschienen, denn er hatte die elektronische Einladung nie zu Gesicht bekommen.

Es war ein Leichtes gewesen, Svens E-Mail- Account zu knacken. Svens Gutgläubigkeit könnte von schlechten Menschen ausgenutzt werden. Er konnte froh sein, dass er Johann zum Freund hatte, der immer ein Auge auf ihn hatte. In einem der vielen tiefgründigen Gespräche, die Johann am Tag vor der Bekanntgabe der Eingeladenen mit Sven hatte, hatte Sven ihn quasi zwischen den Zeilen darum gebeten, dafür zu sorgen, dass er die Stelle nicht bekäme. Sie hatten darüber geredet, wie belastend Theater sein kann. Die verschiedenen Persönlichkeiten, die man einnehmen muss, zum Beispiel. Und dass man keine wirkliche Sicherheit hat, so als Künstler. Johann hatte Sven schon vor sich gesehen, wie er jeden Tag mit ihm am Küchentisch sitzen würde, Haare raufend. Und immer verzweifelter werden würde mit seinem neuen Job, den er immer gewollt hatte, aber selbst nie gemerkt hatte, wie gestresst er dadurch wurde.

Also hatte Johann gehandelt. Und irgendjemand hatte diese E-Mail in die Finger bekommen, die Johann abgefangen und gelöscht hatte. Nach so langer Zeit.

 

Johann setzte sich an seinen Schreibtisch und startete seinen Laptop. Er musste herausfinden, wer ihn verraten wollte. Was hatte es überhaupt mit dieser Challenge auf sich? Oder war es bloß ein Streich? War es jemand aus dem Theater? Seine Finger flogen bereits über die Tastatur, da vibrierte es in seiner Hosentasche und sein Klingelton (Wendler sang „Egal“) ertönte. Am liebsten wäre es ihm egal, aber er musste sich die Nachricht ansehen, vielleicht war sie aufschlussreich und jemand wollte ihn beglückwünschen, dass er Bus gefahren war.

 

„12:25 Hallo Pinocchio. Ehrlich gesagt, war das noch gar nichts. Zweite Aufgabe: Wirf deinen Laptop aus dem Fenster. Jetzt. Du hast fünf Minuten Zeit. Verlierst du die Challenge, verlierst du ihn.“

Für Johann klang das einfach absurd. Was hatte jemand von einem kaputten Laptop?

 

Hinter dieser Nachricht befand sich ein weiteres Bild. „Oh nein“, dachte Johann. „Wie kann jemand das alles wissen? Johann, du Dummkopf, wieso warst du so nachlässig!“ Diese Scheiße machte ihn langsam, aber sicher rasend.

Auf dem Bild waren Briefe. Er konnte nicht nachschauen gehen, ob jemand die Briefe entwendet hatte oder nur einmal fotografiert. Sie waren normalerweise in einem Spind auf der Arbeit. Er hätte sie einfach vernichten sollen.

Dadurch dass Sven nachts arbeiten ging und morgens immer schlief, war es Johann, der die Post reinholte. Der Postbote kam immer zur gleichen Zeit. Die Briefe von Svens Mutter brauchte Sven überhaupt nicht zu sehen. Wenn er nicht die ständigen Vorwürfe der Mutter hörte, ging es ihm besser. Die Frau wollte über ihren Sohn bestimmen, Johann konnte das nicht zulassen. Sven selbst hatte ihm erzählt, in welchen schrecklichen Streit die beiden geraten waren und dass er am liebsten nie wieder von der Mutter hören wollte. Folglich wollte er auch die Briefe nicht sehen, das war ja eigentlich sein Wunsch gewesen. Da Sven, naiv wie er war, auch sein Handy ohne Sperre ständig auf dem Küchentisch liegen ließ, sah Johann das als Aufforderung, auch bei der Handynummer der Mutter ein paar Änderungen durchzuführen. Ihre Nummer war ab sofort geblockt und an ihre Stelle im Adressbuch war eine andere, um eine Ziffer verschiedene Nummer gewichen. Sven hatte sie anrufen wollen, aber nie erreicht. Johann hatte Sven erklärt, dass die Mutter jetzt wahrscheinlich eine neue Nummer hätte und diese ihm einfach verschwiegen hätte, weil sie nach dem Streit nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte.

Sven glaubte ihm und er würde es sicher nicht gutheißen, jetzt die Briefe der Mutter zu finden. Johann kaute auf seiner Unterlippe. Er hatte keine Ahnung, was passieren würde, wenn er einfach nichts tat. Im schlimmsten Fall machten diese Spinner ernst, ob es nun witzig gedacht war, oder nicht. Das durfte nicht passieren. 4 Minuten. Aus der Küche hörte er Sven mit Geschirr klirren. Johann stützte den Kopf in die Hände und rieb sich die Augen.

Wenn er sichergehen wollte, dass die Informationen geheim blieben, würde er seinen Laptop rauswerfen müssen, damit er mehr Zeit bekam. Ihm blieb sonst nichts übrig. Ein Gedanke schlich in seinen Kopf, den er vehement verdrängte. Nein, Sven konnte es unter keinen Umständen erfahren. Sven war alles, was er hatte. 3 Minuten. Sven würde ihn allein lassen und fortan würde er sein Dasein als einsamer Mittdreißiger stiften, der keine Ziele hatte und sein Leben alle paar Monate neu begann, auf der Bühne. Für das Zusammenleben mit einer Frau hatte er sowieso keine Geduld. Niemand verstand und kannte ihn so gut wie Sven. 2 Minuten. Vielleicht würden diese Leute damit aufhören, wenn er diese nächste Aufgabe erledigt hatte. Er sprang von seinem Stuhl auf, der prompt umfiel und hinter ihm auf den Holzboden krachte. 1 Minute, sagte die Anzeige auf seinem Laptop, der noch aufgeklappt auf dem Schreibtisch stand.

„Ich hab‘ dich eh nur zum Pornoschauen gebraucht, scheiß drauf.“, zischte Johann wütend. Er zog das Ladekabel ab, klemmte das Gerät unter den Arm, trug es zum Fenster, hob es über das Fensterbrett und hielt es über dem Abgrund. Unter ihm ging es drei Stockwerke nach unten. Der Bürgersteig war menschenleer. Rechts und links kam niemand. Johanns Herz klopfte. Er ließ los. Kerzengerade segelte das Ding in die Tiefe. Genau in dem Moment, als es mit einem Splittern und Scheppern auf dem Pflaster aufkam und in tausend Teile zerbrach, kam zehn Meter weiter aus einem der Nachbarhäuser eine Person aus der Eingangstür. Siedend heiß fiel Johann ein, dass er nicht einmal bedacht hatte, dass jemand aus der Tür treten konnte, er hatte nur links oder rechts die Wege kontrolliert. Die Frau war weit genug weg gewesen. Schnell verschwand er aus ihrer Sichtweite. Sein Puls raste jetzt und er musste sich erst einmal beruhigen. Wie vor etwas mehr als einer Stunde stand er keuchend und schwitzend da, leicht gehockt und mit den Händen auf den Knien. Aus der Küche hörte er Wasserrauschen und den schrecklichen Gesang von Sven, der den noch schrecklicheren Song „Das kleine Küken piept“ im Radio mitsang.

Er schien nichts zu wissen. Johann musste weitersuchen, bevor mehr passierte. Was hatten sie noch gegen ihn in der Hand? Fieberhaft dachte er nach. Ein paar Haare hatte er sich schon ausgerissen, aber er merkte es kaum. Irgendjemand musste ihn beobachten, wie konnte derjenige sonst wissen, dass er Bus gefahren war und den Laptop weggeworfen hatte? Eine bleierne Schwere drohte sich über seine Glieder zu legen. Er wusste nicht weiter und ließ sich auf den Boden sinken.

„Egal“, rief sein Handy. „Fuck“, sagte Sven und entsperrte es sofort.

 

„12:45 Hallo Pinocchio. Uns macht es ein bisschen Spaß, dir auch? Wir haben zwei Pillen in der Brusttasche deiner Jacke platziert. Eine löst Brechreiz aus. Die andere nicht.Nimm eine. Du hast eine Stunde Zeit. Verlierst du die Challenge, verlierst du ihn.“

Darunter ein Foto von ihm. Zusammen mit Svens Ex -Freundin Josephine.

Johann seufzte. Josi hatte Sven für ihn verlassen. Besser so, denn er hatte schon immer gefunden, dass sie nicht zu Sven passte, sondern ihn zu sehr belagerte, ihm keinen Freiraum ließ und ihn für sich haben wollte. Ihre falsche Art wollte er kurzerhand beweisen, indem er Josi auf sich aufmerksam machte. Bei solchen Frauen half sein attraktives Äußeres so gut wie seine charmante Art. Nachdem er sie fünfmal zufällig allein in der Wohnung angetroffen hatte, war sie schwach geworden und hatte mit ihm geschlafen. Dann hatte sie Sven erzählt, dass sie ihn für Johann verlassen wollte. Die arme Josi war aus allen Wolken gefallen, als Johann behauptet hatte, sie würde sich die Zuneigung nur einbilden und könne sich vom Acker machen. Sven und er waren sich einig gewesen, dass Josi wohl ein ernstes Problem mit ihrer Auffassungsgabe hatte und Sven sowieso ohne sie besser dran war.

Den Trennungsschmerz hatten die beiden weggefeiert und ihre Freundschaft unzählige Male mit dem Trinkspruch „Bros before Hoes“ besiegelt. Johann musste bei der Erinnerung an diese Zeit fast lächeln. Sie hatten den Spaß ihres Lebens gehabt.

Dass ein Foto existierte, auf dem man Johann und Josi eng umschlungen und in einen leidenschaftlichen Kuss vertieft sah, hatte Johann nicht gewusst. Es sah so aus, als hätte Josi es aufgenommen.

Er wählte die unbekannte Nummer. Sofort wurde er mit der Mailbox verbunden.

„Fuck, was hast du gegen mich, Josi!“, fluchte Johann. Bis jetzt hatte er gar nicht an Josi gedacht. Wollte sie sich über ein Jahr später an ihm rächen? Wieso sollte sie dieses Foto so lange zurückgehalten haben? Nur um mehr belastendes Material gegen ihn aufzutreiben? In dieser Nacht war viel Alkohol im Spiel gewesen, vielleicht hatte sie es damals vergessen und das Bild erst vor kurzem wieder gefunden. Aber wieso hasste sie ihn denn so sehr? Weil sie ihn geliebt hatte?

Er griff in die Jacke, die über einem Sessel hing. Da waren zwei Pillen. Er steckte sie in die Hosentasche. Wie lange waren sie schon in der Jacke gewesen? Er erinnerte sich daran, seine Jacke gestern bei den Proben angehabt zu haben, dort gab es eine Garderobe. Ansonsten hatte er sie nirgendwo hängen lassen. Eine Pille war grün, die andere rot. Sehr witzig. Das war kein guter Scherz mehr. Es hatte ihn seinen Laptop gekostet. Hektisch lief Johann in seinem Zimmer auf und ab. Wie sollte er denn binnen zehn Minuten herausfinden, wer hinter dem Ganzen steckte?

Irgendwo musste er jetzt anfangen. Wütend wählte er Josis Nummer, die letzte, die er von ihr hatte. Mailbox. Dann rief er bei fünf seiner engsten Kollegen aus dem Theater an. Alle versicherten ihm glaubhaft, niemand hätte einen Scherz geplant und keiner könne sich vorstellen, dass jemand ihm etwas Böses wollte. Aber Schauspieler waren immer glaubhaft. Nach dem letzten Anruf war Johann schweißgebadet und völlig erschöpft. Wann würde dieses Spiel denn aufhören? Er setzte sich auf den Rand seines Bettes und plötzlich war in ihm der überwältigende Drang zu weinen. Wieso wollte ihm irgendjemand den einzigen Freund abnehmen, den er hatte? Zehn Sekunden lang ließ er zu, dass sein Körper schluchzte, dann zog er die Nase hoch. Er musste Josis Nummer herausbekommen. Er sprang auf, schüttelte sich, um schlechte Gedanken abzuwerfen (für kurze Performances gelang das auch) und ging mit festem Schritt und Entschluss zu Sven in die Küche. Der spülte inzwischen pfeifend Geschirr.

Johann setzte ein Grinsen auf.

„Ich weiß, es klingt komisch, aber hast du vielleicht noch –“, weiter kam er nicht, denn Sven hob die Hand.

 

„Moment, ich bekomme eine Nachricht. Sven las irritiert vor: “Diese Nachricht ist für Johann. Er hat noch eine Minute Zeit.“

„Was soll das denn bedeuten?“, fragte er dann verwirrt und wollte Johann das Display hinhalten.

„Fuck. Ich bin gleich zurück.“, ächzte Johann. Er griff nach einer ungespülten Salatschüssel, die noch von gestern auf dem Tisch stand und hastete durch die Eingangstür ins Treppenhaus. Er raste drei Stockwerke tiefer bis ins Erdgeschoss, sodass Sven keinen Verdacht schöpfen würde.

„Wo bist du, du Bitch?? Schau genau hin!“, brüllte er, nahm die grüne Pille zwischen Daumen und Zeigefinger und bevor er noch einmal überlegen konnte, steckte er sie in den Mund und schluckte sie unter.

Dann begann Johann zu röcheln. Das war kein Brechreiz. Er versuchte zu schlucken, doch es gelang ihm nicht. Die Pille saß tief in seinem Hals. An einer Stelle, die ihn am Atmen hinderte. Er ließ den Eimer scheppernd fallen und schlug wild mit den Armen um sich, schlug sich auf die Brust, auf den Bauch, kniete sich auf die kalten Fliesen des Treppenhauses und brachte nicht mehr heraus als ein heiseres Krächzen.

Keiner hörte den Todeskampf, den Johann in diesen Minuten führte. Keiner kam zufällig vorbei in diesen wenigen Sekunden, die über Leben und Tod entschieden.

Ganz allein lag Johanns Körper später gekrümmt auf den Fliesen. In seinem Hals eine Vitamintablette. In seiner Hosentasche eine weitere.

 

 

 

Am Tag der Beerdigung schien die Sonne unbarmherzig heiß auf die schwarzen Klamotten der Beiwohnenden.

Viele Leute, die Johann vom Theater gekannt hatten, waren da und trauerten. Oder spielten die Trauernden. Sven hatte das noch nie so richtig unterscheiden können und vielleicht konnte das niemand. Zu keinem Zeitpunkt.

„Ich wollte dir noch eine Chance geben.“, sagte Sven mit herabhängenden Schultern, leise, in Richtung Sarg. „Ich wollte dir die Chance geben, zu gestehen. Das hier hatte ich nicht gewollt.“

One thought on “Blue Whale

  1. Hi,
    eine gute Story hast Du geschrieben. Das Spiel war eine wirklich gute Idee. Du hast einen guten und flüssigen Schreibstil. Und auch das Ende hat mit gefallen.

    P.S. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte („Glasauge“) zu lesen und ein Feedback da zu lassen.

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