ElinBrandmal

6+

 

Sie drehte sich um sich selbst, doch um sie herum waren nur Flammen. Wo waren die anderen? Hatten sie es raus geschafft? Jemand schrie, ganz in ihrer Nähe. Es war ein verzweifelter, schmerzerfüllter Schrei. So grausam. Dann war es wieder still. Nur noch das lodernde Feuer und die knarrenden Balken, die sich ächzend in der Hitze bogen waren zu hören.  Sie wollte um Hilfe rufen, doch ihre Lungen brannten von dem vielen Rauch, den sie eingeatmet hatte. Sie musste husten und es fühlte sich an, als würde es ihr die Lunge zerreißen. Die Hitze war unerträglich, doch lang nicht so schlimm wie der widerliche Geruch nach verbranntem Fleisch, der ihr in die Nase stach. Sie zog sich ihren Pulli über die Nase. Ihre Augen tränten, sie konnte nicht mehr sehen wo sie hinlief. In welcher Richtung war dieser verdammte Ausgang aus dieser Hölle? Sie hatte völlig die Orientierung verloren, als sie versucht hatte vor dem Feuer zu fliehen. Doch wo sie auch hinlief, die Flammen kamen ihr immer näher. Sie spürte wie sie sich durch ihren Pulli fraßen und die Haare an ihrem Arm versengten. Panik überkam sie und sie schrie auf vor Schmerz. Auf ihrer Haut bildeten sich große, rote Brandblasen, doch niemand kam ihr zu Hilfe. Das Atmen war fast unmöglich geworden und alles in ihr schrie nach Wasser. Plötzlich hörte sie über sich ein bedrohliches Knarren. Gerade noch so schaffte sie es, sich vor dem herunterfallenden Balken, mit einem uneleganten Sprung auf den Bauch zu retten. Da sah sie ihn. Den Ausgang. Er war weniger als 20 Meter vor ihr. Hoffnung kam in ihr auf. Sie konnte es schaffen. Sie versuchte wieder aufzustehen, ihre Beine drohten bei jedem Schritt nachzugeben. Ihr wurde schwindelig; Sie hatte zu viel Rauch eingeatmet. Plötzlich bildete sich wieder eine Feuerwand vor ihr. Bald wäre der Weg zum Ausgang komplett abgeschnitten. Sie musste sich beeilen. Noch ein paar Schritte, sie war schon so nah. Aber ihre Beine gehorchten ihr nicht mehr. Ihr war so schwindlig, alles schien sich zu drehen. Der Ausgang sah auf einmal wieder so fern und unerreichbar aus. Sie sank auf die Knie. Dann wurde alles um sie herum schwarz…

 

Schweißgebadet wachte Alina auf. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie brauchte einen kurzen Moment, bis sie wieder wusste, dass sie in ihrem Zimmer war. Sie drückte auf den Knopf an ihrem Wecker und die Anzeige leuchtete ihr viel zu grell entgegen. Die Augen zusammenkneifend, versuchte sie die Uhrzeit zu entziffern. Es war gerade mal Viertel vor Fünf. Dieser verdammte Albtraum wurde in letzter Zeit wieder schlimmer und brachte sie noch um das letzte bisschen Schlaf. Sie stand auf und ging ins Bad, um sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Die Kälte tat gut und sie merkte, wie sie wieder etwas klarer im Kopf wurde. Ihr Spiegelbild sah jedoch immernoch schrecklich aus. Nicht dass Alina nicht hübsch war, man sah ihr aber an, dass sie keine Nacht mehr durchschlafen konnte. Sie stützte sich am Waschbeckenrand ab und blickte an ihren Armen herunter. Beim Anblick der entstellten Haut lief ihr ein Schauer über den Rücken. Sie zog sich ihren Cardigan über, um ihre Brandnarben zu verdecken, bevor sie wieder in Ihr Zimmer ging. Sie lief grundsätzlich nur mit langen Ärmeln rum, aus Angst auf ihre Narben angesprochen zu werden. Damals bei einem Scheunenbrand, war eine ihrer Freundinnen ums Leben gekommen. Jetzt wurde sie jedes Mal, wenn sie ihre Arme betrachtete an diesen schrecklichen Augenblick erinnert.  Vor fast zwei Jahren war sie umgezogen, um einen Neuanfang zu machen. Das hatte die ersten paar Monate auch ziemlich gut funktioniert, doch dann hatten die Albträume wieder angefangen. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und begann ihre Aufschriebe durchzulesen, schlafen konnte sie jetzt sowieso nicht mehr. Gegen halb Sieben stand auch ihre Mitbewohnerin Melanie auf, nachdem sie ihren Wecker etwa 5 Minuten hat Klingeln lassen. Alina packte ihre Sachen wieder zusammen und ging unter die Dusche. Bevor sich Melanie wieder beschweren konnte, dass sie das Bad immer dann belegte, wenn sie sich auch fertig machen musste. Melli war eine der wenigen Personen mit denen Alina sich gut verstand. Sie hatte eigentlich kaum Freunde und auch Melli würde sie nicht unbedingt dazu zählen, doch sie genoss es sich mit ihr zu unterhalten. Meistens liefen die Unterhaltungen aber darauf hinaus, dass Melanie sich über den übermäßigen Plastikverbrauch der Nachbarn aufregte oder über die Vorteile einer veganen Lebenseinstellung schwärmte. Doch auf keinen Fall durfte man sie vor ihrem ersten Bio-Kaffee mit Sojamilch ansprechen. Also ging Alina ihr morgens einfach aus dem Weg. Während sie ihre Haare föhnte, hörte sie es schon an der Badezimmertür klopfen. „Noch 2 Minuten! Ich bin gleich fertig!“, von draußen kam nur ein genervtes Schnauben zurück. Sie zog sich ihren schwarzen Hoody über und schloss die Tür auf. „Na endlich! Weißt du, nicht nur du musst in die Uni, auch andere haben so früh schon Vorlesungen und würden sich gerne davor noch fertig machen.“, sie stockte kurz mit ihren Vorwürfen, „Mann, siehst du scheiße aus! Hast du die Nacht durch gemacht oder sind Augenringe jetzt in Mode?“

Alina antwortete mit einem Augenrollen und machte sich an ihr vorbei in die Küche. Sie schnappte sich einen Apfel aus der Obstschale und verließ das Haus. Vor der Tür setzte sie sich die Kapuze auf, nur noch einzelne Strähnen ihrer blonden, langen Haare hingen vorne heraus. Sie kannte weinige Leute in der Stadt, aber sie machte sich auch nicht die Mühe neue Menschen kennen zu lernen. Sie lief fast immer zur Uni, wenn es ihr möglich war. Nicht nur weil Melli sie dazu gedrängt hatte, sondern auch weil im Monat kaum noch Geld für Benzin übrigblieb. Straßenbahnen mied sie generell. Da waren ihr zu viele Menschen, die sich auf engstem Raum zusammenquetschten. Außerdem machte sie gerne einen kurzen Umweg durch den Park, um wenigstens ein bisschen von der Natur mit zu bekommen. Die frische Landluft jeden Morgen, vermisste sie seit ihrem Umzug in die Großstadt am meisten. Wie eigentlich jeden Morgen war nichts los im Park. Der einzige andere Mensch, den sie sah, war ein Penner, der noch auf einer Bank schlief, obwohl die Sonne langsam schon ziemlich hell wurde. Verdammt, heute würde wieder ein ziemlich heißer Tag werden. Dachte sie sich und lief weiter am kleinen Entensee entlang, durch die Baumallee.

Da sah sie es. Vor ihr auf dem Weg lag ein Handy. Es sah fast neu aus, es hatte nicht mal einen Kratzer. Sie schaute sich um doch konnte niemanden entdecken dem das Handy gehören könnte. Sie schaltete es ein. Der Sperrbildschirm zeigte einen Steg, der ins Wasser führte und die Uhrzeit. Wahrscheinlich ein voreingestelltes Bild. Das Handy scheint echt noch neu zu sein.  Sie wischte einmal mit ihrem Finger über den Bildschirm, es war nicht gesperrt. Auf dem Handy waren nur vorinstallierte Apps, kein Hinweis darauf wem es gehören konnte. Sie tippte auf „Kontakte“. Nur die Mailbox und ein Kundenservice des Anbieters waren eingespeichert. Sie öffnete die Galerie, vielleicht fand sie dort etwas, das einen Hinweis auf den Besitzer geben könnte. Na endlich! Das sah doch mal vielversprechend aus. Es gab zwei Ordner. Einer mit Hintergrundbildern und einer mit dem Namen „X“. Sie klickte auf den zweiten. Es tauchten mehrere Bilder auf, alle wie es schien mit demselben Motiv. Ihr lief es eiskalt den Rücken hinunter. Mit zitternden Fingern tippte sie auf das erste Bild. Es zeigte eine junge Frau in dunkler Kleidung, die gerade den Park betrat, in dem Alina sich gerade befand. Aus ihrem schwarzen Hoodie ragten vorne ein paar lange, blonde Strähnen hervor. Und obwohl es etwas verschwommen war, war sie sich dennoch sicher! Jemand hatte mit diesem Handy heimlich Bilder von ihr gemacht. Hektisch blickte sie um sich. Wer auch immer sie fotografiert hatte, musste sie schon länger beobachtet haben. Sie wollte zum nächsten Bild wischen, doch der Bildschirm wurde plötzlich schwarz. Er leuchtete nur noch einmal kurz auf, um eine durchgestrichene Batterie anzuzeigen, dann war der Bildschirm wieder dunkel. Der Akku war also leer. Verdammt. Sollte sie zur Polizei gehen? Nein sie würde sich die Bilder erst nochmal ansehen. Vielleicht hat ihr übermüdetes Gehirn ihr gerade auch nur einen Streich gespielt. Obwohl sie sich selbst nicht richtig glaubte, steckte sie das Handy in die Tasche und machte sich weiter auf den Weg zur Uni. Alle paar Schritte drehte sie sich nochmal um, aber sie konnte niemanden sehen der den Anschein machte sie zu verfolgen. Dennoch konnte sie das Gefühl nicht los werden beobachtet zu werden.

 

Der Hörsaal war zur Hälfte gefüllt. Doch es gab nur eine Person, nach der sie suchte. „Hey Alina, hier drüben!“

Sie drehte sich zu der vertrauten Stimme. Rick stand drei Reihen vor ihr und winkte ihr zu. Er lächelte, wie eigentlich fast immer. Sie setzte sich zu ihm.  „Hey was ist los?“, Rick bemerkte jedes Mal, wenn sie etwas bedrückte. Sie schaute prüfend um sich, ob jemand ihr Gespräch hören könnte, dann fing sie an Rick von dem Handy zu berichten, dass sie vor wenigen Minuten im Park gefunden hatte. „Und warum bist du nicht zur Polizei gegangen?“, er schaut sie besorgt an. „Was, wenn du einen Stalker hast? Solche Typen können gefährlich werden!“

„Ich weiß ja noch nicht einmal ob die Bilder wirklich von mir sind. Ich will sie mir erst noch einmal anschauen, bevor ich irgendetwas überstürze.“, sie blickte auf ihre Hände. Es war ihr irgendwie peinlich jetzt, wo sie darüber nachdachte. Warum sollte jemand ausgerechnet sie stalken. Rick legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Wie du meinst, aber lass mich wenigstens nach der Uni vorbeikommen, dann kannst du mir die Bilder zeigen und wir gehen gemeinsam zur Polizei, wenn an der Sache was dran ist.“

Als sie nach der Uni endlich wieder zu Hause war, stand Melanie gerade in der Küche und kochte. „Möchtest du auch was Alina?“, Melanie fragte sie jedes Mal, wenn sie am Kochen war. Und es hatte schon seine Vorteile, wenn die Mitbewohnerin eine talentierte Köchin war, doch heute hatte sie keinen Hunger. „Nein danke, ich habe schon gegessen.“, gab sie als Antwort zurück und ging weiter in ihr Zimmer. Sie wollte so schnell es geht das Handy laden und sich die Bilder noch einmal ansehen. Sie tippte nun zum zweiten Mal an diesem Tag auf den Ordner mit dem Namen „X“. Wieder lief ihr ein Schauer über den Rücken. Das war sie auf den Bildern, da gab es keinen Zweifel. Die ersten paar Bilder zeigten sie Im Park. Dann eins vor ihrer Haustür, eins wie sie sich mittags einen Döner holte. Sie hatte einen Stalker. Die Bilder wurden immer unheimlicher. Sie beim Einkaufen und eins muss ein paar Reihen hinter ihr in der Uni während einer Vorlesung gemacht worden sein. Auf dem Foto unterhielt sie sich gerade mit Rick. Immer panischer werdend blätterte sie den Ordner durch. Bei dem letzten Bild, das sie sich anschaute, lies sie vor Schreck das Handy fallen. Das Bild war in ihrem Zimmer gemacht worden, während sie geschlafen hatte.

Der Besitzer dieses Handys war in ihrem Zimmer gewesen und hatte nachts ein Bild von ihr gemacht. Hektisch blickte sie sich um. Wie ist er hier reingekommen? Alina stiegen Tränen in die Augen. Sie durfte jetzt bloß nicht panisch werden. Sie begann alles abzusuchen, unter dem Bett, im Schrank, hinter der Tür und unter ihrem Schreibtisch, doch niemand war in ihrem Zimmer. Etwas ruhiger setzte sie sich auf ihr Bett, wenigstens war sie jetzt allein hier. Doch außer Melanie und ihr hatte niemand einen Schlüssel zu der Wohnung.

Es klingelte und Alina hörte, wie Melanie die Tür öffnete. Kurz darauf stand Rick in ihrem Zimmer. Mit besorgtem Blick setzte er sich zu ihr aufs Bett.

„Ich habe mir die Bilder noch einmal angesehen. Rick, jemand war in meinem Zimmer.“, sie musste wieder anfangen zu weinen. „Jemand stand in meinem Zimmer und hat mich beim Schlafen fotografiert! Ich habe solche Angst!“

Rick nahm sie in die Arme und streichelte ihr beruhigend über den Kopf.

 „Alles wird wieder gut, vertrau mir! Und jetzt zeig mir die Bilder, dann gehen wir gemeinsam zur Polizei.“

 „Das Handy ist mir vorhin aus der Hand gefallen. Es müsste hier irgendwo auf dem Boden liegen.“

Er hob es auf und setzte sich wieder neben sie.

„Alina, auf dem Handy sind keine Bilder.“

Bei diesen Worten zog sich ihr der Magen zusammen. Sie hatte sie doch eben noch angesehen. Erschrocken nahm sie ihm das Handy aus der Hand. Die Galerie war leer. Wo waren die Bilder von ihr?

„Das kann nicht sein! Ich schwöre dir, eben war da noch ein Ordner mit Bildern! Jemand hat mich verfolgt und Fotos von mir gemacht.“

„Du sahst die letzten paar Tage echt ziemlich fertig aus. Du brauchst einfach wieder ein bisschen Schlaf, um einen klaren Kopf zu bekommen. Du warst schon beim Mittagessen so abwesend, als würdest du jeden Moment auf deinem Stuhl einschlafen.“, er streichelte ihr über die Arm, wie bei einem kleinen Kind, das einen Albtraum hatte.

„Aber wir haben doch gar nicht zusammen zu Mittag gegessen. Ich war doch in der Bibliothek oder nicht?“ Langsam bekam sie Kopfschmerzen, jetzt wo sie drüber nachdachte, war sie sich doch nicht mehr so sicher. Was war nur los mit ihr?

„Doch wir waren zusammen in der Mensa. Erinnerst du dich nicht?“ Sie konnte sich wirklich nicht erinnern. „Wann war das letzte Mal, dass du mehr als 3 Stunden die Nacht geschlafen hast?“

Sie überlegte, auch daran konnte sie sich nicht erinnern. Sie wachte nachts dauernd auf, immer durch denselben Albtraum. „Ich weiß es nicht, aber die Bilder waren da. Das kann ich mir nicht eingebildet haben.“

 „Aber auf dem Handy sind keine Bilder. Es hat nur jemand verloren. Wenn du willst bring ich es für dich zum Fundbüro.“

„Nein!“, Sie wurde langsam sauer. Er glaubte ihr nicht. „Die Bilder waren wirklich da. Ich bilde mir das nicht nur ein. Du musst mir glauben!“

„Alina, wenn man so wenig schläft, spielt einem der Verstand öfter mal Streiche. Ich glaube dir ja, dass du denkst die Bilder gesehen zu haben, doch es gibt auf diesem Handy keine Bilder.“

„Du willst also sagen, ich bin verrückt, oder was?“

„Nein, du bist nicht verrückt. Du musst dich nur ein bisschen ausruhen, das ist alles. Hey, ich versuch dir nur zu helfen.“

„Großartige Hilfe! Die kann ich mir gerne sparen.“ Ihre Worte klangen etwas aggressiver, als sie es gewollt hatte. „Sorry war nicht so gemeint.“, versuchte sie sich zu entschuldigen, doch sie konnte es Rick anmerken, dass er gekränkt war.

„Nein ist schon gut, du bist nur müde, ich versteh dich… Ich lass dich dann auch jetzt besser in Ruhe. Ich muss eh noch ein bisschen lernen und hab nicht mehr so viel Zeit. Wir sehen uns morgen.“ Und damit ging er aus ihrem Zimmer und lies sie wieder allein. Verdammt, so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Aber sie war wirklich ziemlich müde, vielleicht hatte Rick ja doch recht. Sie nahm sich das Handy und schaltete es wieder ein. Der Ordner war immer noch verschwunden. Plötzlich vibrierte das Handy und es blinkte das Symbol für eine Nachricht auf. Jemand hatte ihr gerade eine SMS gesendet. Der Absender hatte die Nummer unterdrückt. Sie tippte auf die Nachricht. Sie enthielt nur ein Datum „10.06.2017“, doch das reichte aus, um Alina wieder in Angst zu versetzen. Es war der Tag, der ihr bis heute Albträume bereitet. Der Tag, an dem es gebrannt hatte. Das Handy vibrierte wieder. Die zweite Nachricht versetzte sie nicht weniger in Angst. „Ich weiß was passiert ist, Alina.“ Das konnte sie sich nicht einbilden. Und Zufall war es auch nicht. Der Absender wusste, dass sie das Handy gefunden hatte. War das sein Plan? Sie erst zu stalken und dann mit ihrer Vergangenheit zu terrorisieren? Aber wie konnte er von dem Brand wissen? Sie versuchte sich zu beruhigen. Viele wussten davon, es hatte immerhin in der Zeitung gestanden. Sie griff nach ihrem eigenen Handy und wählte eine Nummer, die sie seit Jahren nicht mehr angerufen hatte.

„Hallo?“, die Stimme rief viele Erinnerungen in ihr wach. „Hey Nora? Hier ist Alina.“

„Alina? Wow, ich habe ja ewig nichts mehr von dir gehört! Warum rufst du an?“ Sie klang überrascht, schien sich aber dennoch zu freuen mal wieder von ihrer ehemaligen Freundin zu hören.

„Mir sind heute ein paar seltsame Dinge passiert. Deshalb wollte ich fragen, ob dich irgendwer auf das Feuer damals in der Scheune angesprochen hat oder ob du mit jemandem darüber geredet hast.“ Ihr war klar, dass sie damit Noras Freude über den Anruf direkt wieder kaputt gemacht hatte, doch Nora war die einzige, mit der sie über den Brand reden konnte.

„Wir hatten ausgemacht nie wieder darüber zu sprechen und das habe ich auch gemacht. Was damals in der Scheune passiert ist, war ein tragischer Unfall und damit Schluss. Es wäre echt besser, wenn du einfach versuchst die Sache zu vergessen. Ich habe echt gehofft du rufst mich wegen was anderem an und nicht um mich an den schlimmsten Tag meines Lebens zu erinnern.“ Und damit legte Nora ohne ein weiteres Wort auf.

Was eine Wiedervereinigung. Noch jemand bei dem sie es sich heute verkackt hatte. Sie legte sich auf ihr Bett und schloss die Augen, doch konnte sich auf keinen Gedanken fokussieren. Ihr Herz raste immer noch. Viel zu aufgebracht, um sich jetzt ausruhen zu können, stand sie wieder auf. Erstmal musste sie ihren Kopf frei bekommen. Sie ging zur Wohnungstür und nahm sich ihren Schlüssel vom Haken. Sie wollte gerade zur Tür raus, da hörte sie Melli rufen. „Du bist schon wieder da?“ Verwirrt blieb sie stehen. „Was meinst du? Ich geh jetzt erst.“ Melanie streckte ihren Kopf durch die Zimmertür. Und schaute sie verwirrt an.

„Ich dachte, ich hätte eben die Wohnungstür zu fallen gehört, da dachte ich du bist raus gegangen.“ Sie zuckte mit den Achseln.

„Das muss Rick gewesen sein.“ 

„Nein Rick habe ich gesehen. Der ist schon vor einer Viertelstunde gegangen, er sah aber überhaupt nicht glücklich aus. Habt ihr beiden gestritten? Das geht mich ja eigentlich eh nix an. Egal, ich halt dich nicht weiter auf, das mit der Tür habe ich mir dann wohl nur eingebildet.“  Schon war Melli wieder in ihrem Zimmer verschwunden. Jemand ist in ihrer Wohnung gewesen. Sie musste hier raus. Sollte sie Melanie warnen? Aber nicht einmal Rick glaubte ihr, dann würde Melanie ihr erst recht nicht glauben. Sollte sie zur Polizei? Und was sollte sie denen sagen? Hallo, ich würde gerne eine Anzeige gegen Unbekannt machen, weil ich vielleicht einen Stalker habe. Ich habe Bilder von mir auf einem Handy entdeckt, die jetzt aber nicht mehr da sind und meine Mitbewohnerin hat vorhin gehört wie die Tür zu gegangen ist. Sie merkte selbst, wie verrückt das Ganze klang. Vielleicht verlor sie auch einfach ihren Verstand. Beim Nachdenken war ihr gar nicht aufgefallen, wie weit sie eigentlich gelaufen war. Ihre Füße hatten sie fast automatisch in den Park getragen. Sie bekam eine Gänsehaut. An der Stelle hatte sie das Handy gefunden. Wurde sie vielleicht gerade beobachtet? Sie schaute sich um. Nur der Penner von heute Morgen. Er schlief nicht mehr, sondern durchsuchte einen Mülleimer nach Pfandflaschen. Er blickte auf und als er sie bemerkte grinste er sie an, wobei er eine Reihe fauliger, gelber Zähne entblößte. „Hey Kleine, suchst du das hier?“, er ging auf sie zu und streckte ihr ein Foto entgegen. „Ist dir vorhin aus der Tasche gefallen. Hab gedacht ich heb‘s mal auf, falls du wieder vorbei kommst. Wäre ja auch schade um die hübschen Mädchen auf dem Foto gewesen.“ Er stank nach Alkohol und Schweiß. Wiederwillig griff sie nach dem Bild. Ihr Herz wurde schwer, als sie die vier Mädchen auf dem Foto erkannte. Alle sahen so glücklich aus, Sarah, Maria, Nora und sie. Alle Vier, die beim Brand dabei waren. Das Bild ist etwa eine Woche vor dem Feuer in der Scheune entstanden. Bevor Maria gestorben war und sie mit den hässlichen Brandnarben zurückgelassen hatte.

„Wie kommen Sie an das Foto? Das ist nicht von mir.“, ihre Stimme brach, sie hatte alle Fotos und sonstigen Erinnerungen von damals vernichtet und dann den Kontakt zu allen, die sie kannte abgebrochen. Sie wollte nie wieder an die Zeit, bevor sie umgezogen war erinnert werden.

„Doch, doch, da bin ich mir sicher, hab dich ja gesehen. Wenn ich‘s nicht besser wüsste würde ich sogar sagen, dass du’s absichtlich fallen gelassen hast. So wie des Handy heut Morgen. Ich hätt‘s fast genommen, aber des wäre ja Diebstahl, dann muss es ein anderer genommen haben, weil heut Mittag wars weg.“

Alina verstand kein Wort. Der Mann war eindeutig betrunken. Was meinte er damit, sie hatte das Bild verloren? Aber so viel hatte sie mitbekommen, er hatte gesehen, wem das Handy gehörte.

„Das Handy! Wer hat es verloren? Haben Sie ihn gesehen?“

Er musterte sie prüfend. „Haben wir ein kleines Gedächtnis Problem, oder was? Keine Sorge des passiert mir auch ab und zu, wenn ich zu viel gesoffen hab. Du hast das Handy heute Morgen einfach auf den Boden gelegt und bist dann wieder gegangen. Ich fand das komisch, aber als ich dir hinterhergerufen hab, bist du einfach weggerannt. Da hab ich überlegt mir das Handy zu nehmen, aber bin dann wohl doch wieder eingepennt. Als ich dann aufgewacht bin war‘s jedenfalls weg. Und ich hab‘s nicht genommen. Bin ja kein Dieb!“

„Das kann nicht sein! Ich war das nicht. Sie müssen sich geirrt haben.“

„Ne, bin vielleicht ein Suffkopf, aber wenn jemand die Kapuze so weit ins Gesicht zieht, dass nur noch ein paar blonde Strähnchen rausschauen, den erkennt man wieder. Und wenn dann so komische Dinger gedreht werden, da erinnert man sich doch dran. Hast einen ganz schönen Sprung in der Schüssel, wenn du mich fragst.“

Ohne ein Wort der Verabschiedung, ließ sie den Penner stehen und ging davon. Anstatt ihren Kopf frei zu bekommen, war sie nur verwirrter geworden. Wie konnte sie das Handy in den Park gelegt haben, mit Bildern von sich selbst drauf? Um es dann selbst wieder zu finden? Das war doch Schwachsinn! Der war einfach nur besoffen, da kann man sich sowas schonmal einbilden. Aber das Foto von ihren Freundinnen? Das konnte doch kein Zufall sein. Wo hatte er dieses Foto her.

Alina zuckte zusammen, als ihr Handy in der Tasche vibrierte. Erleichtert sah sie, dass Rick sie anrief. „Ist alles okay bei dir? Du hast so komische Sachen gepostet, da wollte ich sichergehen, dass bei dir alles in Ordnung ist.“ Sie musste lachen, hier war gar nichts mehr in Ordnung. Sie konnte sich nicht erinnern, irgendwas hochgeladen zu haben. Sie glaubte echt langsam den Verstand zu verlieren. „Was für Sachen soll ich gepostet haben? Ich bin gerade unterwegs im Park. Rick ich glaube ich verliere langsam den Verstand. Der Mann im Park meinte, ich hätte heute Morgen das Handy auf den Boden gelegt. Aber wie hätte ich denn bitte Bilder von mir selbst machen sollen?“

„Welche Bilder Alina? Es gab nie irgendwelche Bilder. Ich habe das Handy gesehen. Vielleicht hat der Mann ja recht, und du hast das Handy dort platziert. Vielleicht erinnerst du dich einfach nur nicht mehr daran. Ich habe den Artikel gelesen, den du gepostet hast. Heute ist es genau drei Jahre her, seitdem das Mädchen in dem Feuer gestorben ist. Das war ein ziemlich traumatisches Erlebnis, vielleicht versuchst du unterbewusst so damit klar zu kommen.“

„Wieso hast du den Artikel gelesen? Wie wusstest du davon?“

„Du hast ihn vor einer halben Stunde hochgeladen, erinnerst du dich nicht? Deshalb habe ich doch angerufen. Weil heute der Tag ist, an dem es passiert ist und ich habe mir Sorgen gemacht. Warte kurz ich schick dir den Link.“

Sie fühlte sich auf einmal so matt. Stimmt heute war der 10. Juni. Alle Energie in ihr verschwand fast schlagartig und sie merkte wie wenig sie die letzten Nächte geschlafen hatte. Sie klickte auf den Link, den Rick ihr geschickt hatte und wurde zu einem Artikel von vor fast 3 Jahren weitergeleitet. Der Zeitungsartikel war nicht sehr lang. Sie kannte ihn schon fast auswendig, so oft hatte sie ihn damals gelesen.

 

Tote nach Brandstiftung

 

Am 10.06.2017 kam es gegen 21 Uhr zu einem großen Scheunenbrand. Die Polizei geht davon aus, dass es sich um eine fehlgeschlagene Brandstiftung handelt. Demnach soll die 17-jährige Maria S. mit einer Kerze in die Scheune gegangen sein, um dort den Tank eines Traktors anzuzünden. Nachdem sich eine Stichflamme gebildet hatte, breitete sich das Feuer sehr schnell im Heu aus, das zum Trocknen in der Scheune gelagert wurde und ließ ihr keine Zeit mehr zu entkommen. Nachdem ihre Kleidung Feuer gefangen hatte, kam die vermutete Brandstifterin ums Leben. Die anderen drei Mädchen, die sich zum Zeitpunkt des Feuers in der Nähe befanden, kamen mit leichten, bis schweren Verbrennungen davon. Nach Aussage der Mädchen, hatten sie gesehen, wie Maria S. in die Scheune ging und haben kurz darauf das Feuer bemerkt, woraufhin Alina G. in die Scheune rannte, in dem Versuch, das Mädchen aus dem Feuer zu retten. Kurz darauf traf die Feuerwehr ein. Die 18-jährige Alina G. konnte nach ihrem vergeblichen Rettungsversuch aus dem Feuer geborgen werden und erholt sich mittlerweile im Krankenhaus wieder von ihren Verbrennungen. Der Scheunenbesitzer hat derweilen eine Klage an die Familie der Brandstifterin eingereicht, in der er einen Verlust von über 80.000 Euro angibt.

Sie hasste es, wie die Zeitung sie als Heldin darstellen wollte. Sie hatte damals nur zusehen können, wie Maria langsam von den Flammen verschluckt wurde, ohne irgendetwas tun zu können. Sie schloss die Augen, doch sofort kam ihr das verbrannte Gesicht ihrer Freundin vor Augen.

„Ich geh jetzt heim. Ich muss mich ausruhen.“

 „Ich komm später nochmal vorbei, um nach dir zu schauen. Mach nix unüberlegtes, okay?“

„Okay.“ Und sie legte auf. Was passierte mit ihr? War sie verrückt? Gab es keinen Stalker, sondern nur sie selbst? Konnte sie sich einfach nicht mehr erinnern? Das war ihr alles zu viel. Am liebsten wäre sie einfach davongerannt. Bis ihre Probleme weit hinter ihr lagen. So wie damals. Nur scheiße, wenn die Probleme hinterherrennen.

„Melli, ich bin wieder da.“, es kam keine Antwort zurück. Alina ging in ihr Zimmer und schaltete ihren Laptop ein. Sie musste den Beitrag löschen. Sie tippte ihren Benutzernamen und das Passwort, für ihren Account ein. Falsches Passwort. Mist, sie hatte sich doch hier irgendwo ihre Passwörter aufgeschrieben. Sie gab ihr Passwort zum zweiten Mal ein. Wieder kam die Meldung „Falsches Passwort“. Sie klickte auf Passwort zurücksetzen, doch ihre E-Mailadresse stimmte nicht mehr. Wie schlimm konnte dieser Tag noch werden. Frustriert ließ sie sich auf ihr Bett fallen und rieb sich die Schläfen. Langsam glaubte sie wirklich verrückt zu werden. Wieso konnte sie sich nicht erinnern ihr Passwort geändert zu haben. Sie spürte etwas Hartes unter sich. Das Handy. Kerzengerade saß sie da, jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt. Wie kam es auf ihr Bett? Hatte sie es nicht auf dem Schreibtisch liegen gelassen, bevor sie gegangen war? Sie wischte über den Bildschirm. Die Galerie war geöffnet. Die Fotos waren wieder da. Nein, das waren andere Bilder. Sie im Park, wie sie die Enten fütterte? Das konnte nicht sein. Sie hatte sich noch nie dafür interessiert, die Enten zu füttern. Und konnte sich auch nicht daran erinnern, dies jemals getan zu haben. Sie schaute sich das nächste an. Sie unterhielt sich mit einer älteren Dame. Doch Alina konnte sich nicht erinnern, sie jemals zuvor gesehen zu haben, obwohl das Bild so verschwommen war und sie sie kaum erkannte. Sie unterhielt sich nie mit anderen Menschen, sondern versuchte ihnen gezielt aus dem Weg zu gehen. Sie blätterte den Ordner weiter durch, doch bei keinem der Bilder konnte sie sich erinnern dort gewesen zu sein. Die Bilder konnten nicht real sein.

Sie nahm ihr Handy und wählte Ricks Nummer. „Hallo? Alina, bist du okay?“

„Ich weiß es nicht.“ Sie vergrub ihren Kopf in den Händen. „Ich glaube irgendwas stimmt mit mir nicht! Ich sehe wieder Bilder von mir. Auf dem Handy, doch an Orten, an denen ich nicht mal war. Oder ich erinnere mich einfach nicht mehr. Entweder, ich bilde mir die Bilder nur ein oder mein Stalker weiß mehr über mich als ich selbst. Falls es denn einen Stalker gibt und ich nicht einfach verrückt werde. Ich mache Dinge und kann mich dann später nicht mehr dran erinnern. Ich bin an Orten, an denen ich nicht mal war.“ Ihr fiel auf wie komisch das ganze klingen musste. „Ich glaube, ich werde verrückt. Oder bin es schon längst.“

„Nein, du bist nicht verrückt. Du hast einfach viel durchmachen müssen. Ich habe mal gelesen, dass bei Menschen, die ein traumatisches Erlebnis hatten, das Unterbewusstsein versucht das Erlebte zu verarbeiten. Und dann kommt noch der Schlafentzug dazu, das macht die Psyche irgendwann nicht mehr mit. Wir suchen dir Hilfe, okay?“

„Okay.“, ihre Stimme klang erstickt.

„Ich komm zu dir. Leg dich einfach ein bisschen hin. Und merk dir, wenn du irgendwelche Bilder oder so sehen solltest, das ist nicht real. Nur dein Unterbewusstsein, dass dir einen Streich spielt. Hast du mich verstanden?“

„Es ist nicht real.“, gab sie als Antwort zurück.

In ihrer Tasche vibrierte es. Es war das Handy, sie hatte eine neue Nachricht bekommen. Das ist nicht real.

„Die Zeitung lügt Alina!“ Die Nachricht war nicht real!

Eine weitere Nachricht kam an. „Du bist eine Mörderin!“ Das war nicht real!

Der Nachricht war ein Video angehängt. Nicht real! Unsicher tippt sie auf das Video.

Das Video wurde vermutlich mit einer Webcam aufgenommen. Die Qualität war nicht sonderlich gut, aber es reichte aus, um zu erkennen wer zu sehen war. Es zeigte Melanies Zimmer. Sie lag auf dem Bett, mit dem Rücken zur Kamera. Dann drehte sie sich um und sah in Richtung Tür. „Alina bist du da?“ Es blieb still. Sie drehte sich wieder auf den Bauch und las in ihrer Zeitschrift weiter. Plötzlich löste sich ein Schatten aus der Lücke neben ihrem Schrank. Die Person war nur verschwommen, aber es reichte, um die blonden Strähnchen unter dem Kapuzenpulli zu erkennen. Dann drehte sie der Kamera den Rücken zu und ging wie in Zeitlupe auf das Bett zu. Das war sie, Alina, die sich jetzt langsam dem Mädchen auf dem Bett näherte. Was hatte sie da in der Hand? War das ein Messer? Schockiert sah sie zu, wie sie selbst immer näher an Melanies Bett lief, ohne dass diese etwas zu merken schien. Dann raste das Messer auf das nichtsahnende Mädchen herunter und bohrte sich in ihren Rücken. Ein Schrei, der Alina fast das Herz zerriss. Melanie versuchte sich zu der Person umzudrehen, die das Messer wieder aus ihrem Rücken gezogen hatte. „Alina?“ Ihre Frage war nur ein schwaches Flüstern. Sie keuchte, als das Messer wieder auf sie niederstach. Sie versuchte es abzuwehren, doch ihre Kraft reichte nicht aus. Ihre Hände vielen schlaff neben sie. Sie röchelte beim Atmen, dann war sie still. Doch das Messer stach immer weiter auf sie ein. Dann war das Video zu Ende. Das war nicht real! Nur in ihrem Kopf. Bitte, lass es nicht real sein. Zitternd stand sie auf und ging aus ihrem Zimmer. Mit Tränen in den Augen klopfte sie an Melanies Zimmertür. „Melli? Bist du da?“ es kam keine Antwort. Vorsichtig öffnete sie die Tür. Sie wusste nicht, mit was sie gerechnet hatte, doch der Anblick ihrer toten Mitbewohnerin hatte sie so sehr geschockt, dass sie sich übergeben musste. Die Matratze war in Blut getränkt, das sich auch über den Boden unter dem Bett verteilt hatte. Ihr Blick war leer, auf irgendeinen Punkt mitten in der Luft gerichtet. Melanie war tot. Alina hatte sie getötet. Was passierte mit ihr? Schluchzend sank sie auf die Knie. „Was habe ich getan? Ich habe sie getötet!“

„Ja das hast du!“ Erschrocken drehte sich Alina zu der Stimme hinter ihr um, konnte aber nur noch den Holzschläger sehen, der auf sie zugerast kam.

Als sie die Augen wieder öffnete, dröhnte ihr der Schädel. Was war passiert? Das erste, das sie sah, waren drei Benzinkanister, die vor ihr auf dem Boden standen. Sie saß in ihrem Zimmer vorm Bett. Sie konnte ihre Hände nicht bewegen. Sie waren, wie es sich anfühlte, hinter ihrem Rücken mit Kabelbinder um den Bettpfosten zusammengebunden. Sie blickte sich im Zimmer um. Da stand sie vor ihr, das Mädchen, mit dem Hoodie und den blonden Strähnchen. Zuerst dachte Alina, sie war nun so verrückt, dass sie sich selbst sah. Doch dann zog das Mädchen die Kapuze vom Kopf und die Perücke ab. Kannte sie sie?

„Was willst du von mir?“ Da wurde es ihr schlagartig bewusst. Nicht sie hatte ihre Mitbewohnerin umgebracht. „Du hast Melanie umgebracht!“, Alina durfte jetzt nur nicht anfangen zu weinen Sie war doch nicht verrückt. Sie musste stark bleiben und versuchte einen klaren Kopf zu bewahren.

„Ja, das habe ich. Aber jeder wird denken, dass du es warst. Genauso wie ich es war, die das Handy im Park platziert hat.“

„Aber warum?“ Das Mädchen vor ihr war eindeutig verrückt.

„Du kanntest meine Schwester.“ Da fiel ihr die Ähnlichkeit auf. Kein Wunder, dass sie ihr so bekannt vorkam. Sie hatte Marias Augen und ihre dünnen Lippen. Kein Zweifel. Maria hatte ihr einmal von ihrer großen Schwester erzählt. „Tara?“

Tara ignorierte ihre Frage einfach. „Du hast sie umgebracht! Meine Schwester ist tot und das ist allein deine Schuld.“

„Nein, ich“, ihre Stimme versagte. „Es war ein Unfall.“ Jetzt konnte sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten.

„Oh ich weiß alles!“, Alina merkte, wie Tara vor Zorn immer lauter wurde. „Sarah hat mich angerufen, bevor sie sich in ihrem Zimmer erhängt hat, weil sie mit der Schuld nicht mehr leben konnte.“ Tara drehte sich um, nahm einen der Benzinkanister und begann, ihn in ihrem Zimmer auszukippen.

„Was hast du vor Tara?“ Wieder wurde Alina einfach ignoriert.

„Sie meinte, ich hätte die Wahrheit verdient. Ihr seid damals zur Scheune gegangen, wegen einer dämlichen Mutprobe! Weißt du meine Schwester hat dich verehrt und wäre am liebsten so gewesen, wie du damals. Beliebt, mit vielen Freunden. Sie wollte nur dazu gehören und dafür hätte sie so einiges gemacht. Aber ihr habt sie immer wieder nur verarscht. Genau wie heute vor drei Jahren. Ihr habt ihr erzählt, es spukt in der Scheune. Sie sollte nur mit einer Kerze mindestens zehn Minuten, allein darin verbringen. Und natürlich hat sie es gemacht, sie konnte vor dir ja nicht zugeben, dass sie zu große Angst davor hatte. Und während Nora und Sarah unten das Scheunentor zugehalten haben, bist du an der Seite über eine Leiter in die Scheune geklettert, um sie zu erschrecken. Und was ist dann passiert?“ Beim Erzählen war sie weiter durchs Zimmer gelaufen und hatte den zweiten Kanister ausgelehrt.

„Also weißt du doch nicht alles.“ Der Tritt in den Magen raubte Alina die Luft. Sie krümmte sich nach vorne und keuchte. Keine so gute Idee, jemanden zu provozieren, der einem die Hände hinterm Rücken verbunden hatte.

„Ich will es von dir hören!“, Tara schrie sie an und Speichel löste sich aus ihren Mundwinkeln. Sie hatte komplett die Kontrolle über ihre Wut verloren.

„Wir hatten sie in die Scheune gelockt und ich war außenrumgelaufen, um über die Leiter an der Rückseite zu dem kleinen Fenster zu kommen.“ Alinas Stimme zitterte beim Reden. Doch sie versuchte gefasst zu bleiben. Rick hatte versprochen, er würde gleich vorbeikommen. Sie musste nur Zeit schinden bis er da war. Also erzählte sie langsam weiter. „Ich konnte den Lichtschein der Kerze sehen, die wir ihr gegeben hatten. Maria stand noch immer in der Nähe der Scheunentür. Also habe ich mich leise am Fenster runtergelassen und mich dann hinter einem Heuballen versteckt. Sie muss etwas gehört haben, denn sie hat in die Dunkelheit gerufen. „Hallo? Ist da jemand?“ ihre Stimme klang so ängstlich.“ Die Faust traf sie noch unerwarteter, als der Tritt vorher.
„Ihr habt sie terrorisiert! Und ihr habt sie leiden lassen, nur weil ihr es lustig fandet! Für euch war sie nur irgendeine Mitläuferin, aber für mich war sie alles!“ Eine Träne lief über ihr wutverzerrtes Gesicht. Sie wischte sie weg. „Erzähl weiter!“, presste zwischen ihren zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Maria hat Angst bekommen und ist zum Tor zurück. Doch Nora und Sarah haben von außen dagegengehalten, als sie versucht hat, raus zu kommen. Sie haben gekichert und ihr durch das verschlossene Tor zugerufen, dass die zehn Minuten noch nicht um sind. Sie hat angefangen zu weinen. Dann hat sie sich umgedreht und versucht mithilfe der Kerze irgendwas in der Dunkelheit zu erkennen. Ich glaube sie wollte sichergehen, dass sie allein in der Scheune war. Dann hat sie angefangen sich umzusehen. Entweder wollte sie jedes Versteck überprüfen oder sich einfach nur von ihrer Angst ablenken. Als sie in meiner Nähe war, bin ich schreiend aus meinem Versteck gesprungen. Maria hat geschrien und die Kerze fallen gelassen. Der Boden war voll mit trockenem Heu, das sofort in Flammen aufging. Ich bin zurückgewichen, doch Maria hat versucht die Flammen aus zu treten, doch sie breiteten sich zu schnell aus. Ich habe ihr zu gerufen, sie solle weg von den Flammen. Nora und Sarah hatten mittlerweile mitbekommen, dass etwas nicht stimmte und sind durch das Tor auf uns zu gekommen. Dann gab es eine riesige Stichflamme. Der Tank, des Traktors neben Maria hatte Feuer gefangen.“ Tara begann im Zimmer auf und ab zu laufen. „Die Hitze war überwältigend. Maria hatte zu nah dran gestanden, ihre Kleider brannten und ihr Gesicht war komplett verbrannt. Sie schrie vor Schmerz. Dann griff sie sich an den Hals. Sie sie bekam keine Luft mehr.“ Alina erinnerte sich daran, wie die Ärzte es ihr erklärt hatten. Thermisches Inhalationstrauma. Die Hitze hatte Marias obere Atemwege verbrannt und sie erstickte, weil sie wegen der Brandblasen in ihrem Rachen zu wenig Luft bekam.

Sie kippte nach vorne und blieb reglos liegen. Ich war mir nicht sicher, ob sie zu dem Zeitpunkt überhaupt noch lebte. Nora und Sarah waren glaube ich wieder nach draußen gerannt, doch um mich herum waren überall Flammen. Ich wollte zu Maria, doch der Weg war mir abgeschnitten. Ich konnte sie nicht erreichen.“

„Du hast sie sterben lassen!“ Tara war stehen geblieben, ihr Blick auf einen imaginären Punkt auf dem Boden fixiert. Ihre Worte waren fast nur noch geflüstert. „Nein du hast sie umgebracht. Und ihr dann die Schuld gegeben. Sie war so ein liebes Mädchen, sie hätte nie irgendjemandem schaden können.“ Tara hatte sich aus ihrer Trance gelöst und schaute Alina wieder direkt an. „Ihr habt ihr die Schuld gegeben. Sie war eine Brandstifterin.“ Tara lachte. „Ausgerechnet Maria. Die aus Mitleid nicht einmal eine Spinne zertreten hat. Aber dafür bezahlst du!“ Sie nahm den letzten Kanister und kippte ihn über Alina. Die Flüssigkeit brannte in ihren Augen und der Gestank bereitete ihr Kopfschmerzen. Doch das war ihr geringstes Problem. Tara hatte angefangen mit einem Zippo zu spielen. Immer wieder ließ sie es aufklappen, entzündete es und schloss es wieder. Klick Klack

„Wir wollten das doch nicht! Wir haben Panik bekommen. Wir hatten sie immerhin in der Scheune eingesperrt. Wenn das irgendwer herausgefunden hätte. Also haben wir uns eine Ausrede einfallen lassen, warum wir in der Scheune waren und Maria tot war. Es war das einfachste, ihr die Schuld zu geben, sie konnte ja nichts mehr dagegen sagen, sie war tot!“ Dieses Mal war sie auf den Tritt vorbereitet gewesen, doch das brachte ihr überhaupt nichts. Sie keuchte und krümmte sich vor Schmerzen, als ihre Rippen brachen.

„Weißt du, was du unserer Familie damit angetan hast?“ sie schrie wieder und war den Tränen nah. Klick Klack „Was du mir angetan hast? Mein Stiefvater hat uns verlassen, weil er nicht mit einer Brandstifterin in Verbindung gebracht werden wollte. Meine Mutter hat sich selbst die Schuld gegeben. Sie war der Meinung sie hat Maria zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt und ist am Ende daran zerbrochen. Sie hat nicht mehr schlafen können, nichts mehr gegessen, ging nicht mehr zur Arbeit. Wir sind in Schulden fast erstickt.“ Klick Klack „Jeden Monat neue Mahnungen. Ich habe alles versucht mich um sie zu kümmern, doch am Ende habe ich auch sie verloren. Ich war allein und so voller Hass.“ Klick Klack

Wo blieb Rick? Er wollte doch schon längst da sein. Sie brauchte mehr Zeit. Sie musste es irgendwie schaffen sich von den Kabelbindern zu befreien.

„Aber warum hast du Melanie umgebracht? Sie hatte doch nichts mit der Sache zu tun.“ Ihre Handgelenke waren schon ganz wund. Irgendwo hatte sie mal gelesen, dass man sich von Fesseln befreien kann, wenn man sich den Daumen auskugelt.

„Ich wollte dich leiden lassen. Am Anfang wollte ich dich soweit bringen, dass du selbst glaubst verrückt zu sein, also bin ich dir gefolgt und hab mir Infos über dich beschafft. Dein Tagesablauf, deine Lieblingsklamotten und wer dir nahesteht. Doch anscheinend hast du keine Freunde mehr, die einzigen die dir nahestehen, sind Rick und Melanie.“ Tara hatte beim Reden wieder angefangen auf und ab zu laufen. Perfekt, sie war abgelenkt. Sie griff nach ihrem Daumen und wartete, bis Tara ihr den Rücken zu zugedreht hatte. Knack Tränen schossen ihr in die Augen und sie biss sich auf die Unterlippe, um nicht laut aufzuschreien. Aber es hatte funktioniert Tara hatte nichts mitbekommen.

„Ich wollte dir das wegnehmen, was dir am wichtigsten war. Und dann ist mir klar geworden, dass dir andere Menschen scheiß egal sind. Dir war damals schon deine eigene Freiheit wichtiger als die Wahrheit zu sagen. Du wolltest lieber unschuldig sein, auf Kosten anderer. Du hast Maria noch ein letztes Mal ausgenutzt und zu etwas gemacht, was sie nicht war, eine Brandstifterin.  Also mach ich dich zu etwas, was du nicht bist.“ Tara grinste sie triumphierend an. „Halt, das stimmt nicht. Ich mach dich zu etwas, was du schon immer warst, was du nur verheimlicht hast. Eine Mörderin! Du hast deine Mitbewohnerin umgebracht und danach deine Wohnung angezündet, um die Spuren zu verwischen. Der Mann an der Tankstelle wird auch nur sagen, er erinnert sich an ein Mädchen mit blonden Haaren und einem schwarzen Kapuzenpulli, das drei Benzinkästen gekauft hat. Leider hast du es aber nicht mehr rechtzeitig aus der Wohnung geschafft und bist elendig verbrannt. Wie klingt das für dich?“ Klick Klack Sie beugte sich zu Alina runter und hielt ihr die Flamme des Feuerzeugs vors Gesicht. Das war ihre Chance. Sie stieß ihren Kopf nach vorne gegen Taras Stirn. Während sie versuchte zu begreifen, was gerade passiert war, stieß Alina sie mit beiden Füßen von sich weg. Wie ein Blitz durchzuckte sie erneut der Schmerz ihrer gebrochenen Rippen. Doch sie konnte keine Zeit verlieren. Tara taumelte nach hinten. Alina riss ihre Hände aus den Fesseln und sprang auf. Sie schubste Tara um, sie fiel mit dem Kopf gegen den Schreibtisch und sank zu Boden. Sie stöhnte und war schon wieder dabei sich aufzustützen. Alina schnappte sich ihr Handy und rannte los.

Sie war nicht richtig durch die Tür raus, da wählte sie schon Ricks Nummer. Komm schon! Geh rann! Sie blieb nicht stehen, sondern lief immer weiter. „Hey, was gibt’s? ich bin grade im Auto, auf dem Weg zu dir.“

„Du musst mir helfen Rick. Wo bist du? Ich lauf dir entgegen.“ Sie war jetzt schon ziemlich außer Atem und ihre Rippen schmerzten bei jedem Schritt.

„Ich bin grad in der Friedrichstraße und bieg gleich in die Wilhelmsstraße. Was ist denn passiert? Du klingst so außer Atem.“ Die Wilhelmsstraße war ganz in der Nähe.

„Erzähl ich dir gleich! Fahr einfach weiter du siehst mich gleich.“ Und wie sie das gesagt hatte, bog auch schon Ricks alter Opel um die Kurve. Er hielt neben ihr und sie ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. „Scheiße, was ist denn mit dir passiert? Soll ich dich in ein Krankenhaus bringen?“ Er roch an ihr. „Ist das Benzin?“

„Fahr los! Sie könnte jeden Moment hier auftauchen!“ Alina blickte hektisch die Straße runter, doch Tara schien sie nicht verfolgt zu haben. Dennoch wollte sie hier so schnell wie möglich weg.

„Wer verfolgt dich? Wer hat dir das angetan?“ er fuhr los, blickte aber immer wieder besorgt zu ihr rüber. „Am besten ich bring dich ins Krankenhaus. Hier trink erstmal was.“ Er reichte ihr eine Wasserflasche. „Und jetzt erzähl was passiert ist.“

Gierig trank sie einen großen Schluck, musste dann aber langsam machen, weil ihre Seite schmerzte.

„Melanie ist tot.“ Alina wusste nicht wie sie die Ereignisse der letzten Stunde in irgendeinem Zusammenhang erklären konnte. „Du hast doch den Artikel gelesen? Das Mädchen das gestorben ist, Maria. Ihre Schwester ist bei mir aufgetaucht. Sie gibt mir die Schuld am Tod ihrer Schwester. Deshalb wollte sie sich rächen und mir den Mord an meiner Mitbewohnerin anhängen und mich dann in der Wohnung verbrennen lassen.“ Alina wurde auf einmal ganz schummrig im Kopf. „Kannst du mal kurz rann fahren? Ich fühl mich nicht so gut.“ Doch Rick grinste sie nur an und fuhr einfach weiter. „Keine Sorge, das waren nur ein paar Beruhigungsmittel.“

Da wurde ihr plötzlich alles klar. Tara hatte nicht allein agiert. Wie hätte sie auch die Fotos von sich machen können. Sie hatte von Anfang an einen Komplizen. Jetzt ergab alles einen Sinn. Wieso war sie da nicht schon früher dahintergekommen. Die Fotos, die gelöscht wurden, das war er gewesen. Er hatte die Tür offen gelassen für Tara und er war es, der sie immer wieder an ihrem geistigen Zustand hat zweifeln lassen. „Du warst das! Warum?“ Sie versuchte gegen den Drang zu kämpfen die Augen zu schließen, doch sie hatte keine Chance und musste der Ohnmacht nachgeben.

Alles drehte sich. Irgendwer schrie. Nein, es waren zwei Stimmen. Sie stritten sich. Alina brauchte eine Weile, bis sie begriffen hatte, was geschehen war. Sie fühlte sich so benommen. Der Boden, auf dem sie lag, war kalt und hart. Sie ließ die Augen geschlossen, da sie nicht wollte, dass Rick und Tara mitbekamen, dass sie wach war. Alina hörte wie Rick Tara anschrie.

„Das war nicht so geplant gewesen. Es war nie die Rede davon gewesen das irgendjemand stirbt!“

„Pläne ändern sich halt mal!“ Tara klang nicht weniger aufgebracht.

„Du hast gesagt, wir machen ihr nur ein bisschen Angst, bis sie an ihrer eigenen geistigen Gesundheit zweifelt. Es war nie die Rede davon gewesen sie umzubringen. Und erst recht nicht Melanie. Sie hatte doch nichts mit der Sache zu tun gehabt!“ Er hielt kurz inne. „Hätte ich sie nicht aufgegabelt, wäre sie bestimmt zur Polizei gegangen. Dann wäre alles aufgeflogen!“

„Mit was für Beweisen denn? Die hätten ihr kein Wort geglaubt.“

„Du bist doch wahnsinnig. Ich bin jedenfalls raus aus der Sache.“ Es klang so, als wolle Rick gehen. Seine Stimme entfernte sich langsam.

„Hey, dafür bezahl ich dich nicht!“ Tara schrie ihm hinterher.

„Dann behalt dein beschissenes Geld!  Aber ich hab kein Bock mich in einen Doppelmord verwickeln zu lassen!“

Dann hörte sie nur ein Keuchen und jemand der zu Boden stürzte. Alina konnte nicht anders, sie musste die Augen öffnen. Sie kannte die Wohnung nicht in der sie jetzt war. Sie lag auf dem Boden, mit Blickrichtung zur Eingangstür. Rick lag etwa zehn Schritte von ihr entfernt auf dem Bauch. Aus seinem Rücken ragte ein Messer. Tara beugte sich über ihn. „Du willst raus? Schön jetzt bist du raus. Du hast doch nicht ernsthaft gedacht, du kannst einfach so gehen. Das Risiko, dass du dich verplapperst ist viel zu hoch.“ Rick lag mit dem Gesicht zu ihr. „Ich hätte eh nicht genug Geld gehabt, um dich zu bezahlen Rick.“ Sein Blick war voller Entsetzen und Bedauern. Ein Blutrinnsal floss aus seinem Mundwinkel, dann war sein Blick leer. Er war tot. Trauer durchschoss Alina und eine Träne lief ihr übers Gesicht. Er hatte sie hintergangen, doch das hatte er nicht verdient. Schnell schloss sie ihre Augen wieder, bevor Tara sie bemerkte. Dann war es still. Alina wartete noch eine Viertelstunde, die sich angefühlt hatte wie Stunden, bis sie sich traute, ihre Augen wieder zu öffnen. Rick lag immer noch vor ihr, doch Tara war verschwunden. Prüfend blickte sich Alina nochmal um, bevor sie vorsichtig aufstand und so leise wie sie konnte, zur Eingangstür ging. Sie drückte die Klinke nach unten und lehnte sich vorsichtig gegen die Tür. Jetzt nur kein lautes Geräusch machen. Doch die Tür bewegte sich kein bisschen. Sie war verschlossen. Verdammt, was sollte sie jetzt machen? Verzweifelt blickte sie sich um. Das Messer steckte immer noch in Ricks Rücken. Mit einem schmatzenden Geräusch zog sie es heraus. Alina verzog das Gesicht. Sorry Rick. Sie ging auf die nächste Tür zu, die sie sah, auf der Suche nach einem anderen Ausgang oder dem Schlüssel. Wo war Tara? Vorsichtig drückte sie die Klinke nach unten. Es war die Küche. Und sie wurde erwartet. Vor ihr saß Tara auf einem Stuhl mit Blick zur Tür, ihr Zippo in der Hand. „Das wird dir nicht mehr viel bringen.“ Tara machte ein Kopfnicken in Richtung der Waffe, die Alina in der Hand hielt. Jetzt roch sie es. Hier irgendwo strömte Gas aus. Der Herd. „Nein, Tara tu das…“ sie konnte ihren Satz nicht beenden. Tara hatte schon mit ihrem Daumen das Rad an ihrem Feuerzeug nach unten gedreht. Das letzte was sie sah war wie sie von einem riesigen Feuerball verschluckt wurde.

Um sie herum war alles weiß. Sie konnte sich nicht bewegen, doch der Boden unter ihr war weich. War sie tot? Dann hörte sie die Stimmen. Wie aus weiter Entfernung wurden die Worte zu ihr rüber getragen.

„40% ihrer Körperoberfläche sind verbrannt. Wir können noch nicht sagen, wieviel Schaden ihr Gehirn durch den Sauerstoffmangel genommen hat. Es ist wahrscheinlich besser, wenn sie nicht mehr aufwachen würde.“

„Sagen sie doch so etwas nicht. Sie ist doch noch so jung.“

„Sie hat 2 Menschen erstochen. Und wenn es nicht zufällig zu der Gasexplosion gekommen wäre, hätte sie vielleicht sogar noch mehr Menschen ermordet. Wer weiß das schon. Sobald sie aufwacht verbringt sie jedenfalls den Rest ihres Lebens hinter Gittern, vermutlich als Schwerbehinderte.“

 

„Ja sie haben recht, wahrscheinlich ist es besser so. Und das andere Mädchen, das noch in der Wohnung war, wird sie es schaffen?“

 

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One thought on “Brandmal

  1. Heute habe ich mir vorgenommen, nur Geschichten zu lesen, die nur einen Like und noch keine Kommentare haben. Und was soll ich sagen… das war eine sehr gute Entscheidung 🙂

    Die Geschichte ist wirklich sehr spannend, flüssig geschrieben und mal etwas ganz anderes. Wirklich gelungen! Ich mag die Hauptakteurin, trotz ihrer dunklen Vergangenheit und das Ende ist sehr gelungen.

    LIKE!

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