buecherundelisabethChris

Ich hätte es wissen müssen. Fassungslos greife ich nach meinem Mantel, stürme mit zorngeröteten Wangen durch die Haustür und ziehe sie hinter mir schneller und kräftiger zu, als es nötig gewesen wäre. Mit einem lauten Knall fällt die Tür ins Schloss, während ich die geschieferte Treppe hinunter jage und in einer Manteltasche nach dem Schlüssel für den winzigen Fiat 500 suche, der auf dem Pflaster vor dem Haus parkt. Als mir durch die Berührung des rauen Stoffes ein brennender Schmerz unter die Haut fährt, bereue ich es, den kostspieligen Überwurf so ungezügelt von der Garderobe gerissen zu haben. Der grobe Putz unter den Kleiderhaken kam meiner Hand ungemütlich nah und hinterließ eine rote Schürfwunde auf einem Knöchel meines Zeigefingers. Viel stärker als meinen verletzten Finger bereue ich allerdings die Tatsache, überhaupt hierhergekommen zu sein. Ich hatte tatsächlich angenommen, sie wäre wenigstens ein bisschen erfreut über meinen Besuch.  Wut und Enttäuschung sickern durch meine Innereien und eine verdächtige Feuchtigkeit breitet sich in meinen Augen aus. Fang jetzt bloß nicht an, zu heulen, denke ich und öffne endlich die Autotür, um sie gleich darauf wieder wie einen Schutzschild hinter mir zu schließen. Ich erinnere mich an die Bedenken, die sich wegen dieser Reise in meinen Gedanken breit gemacht hatten und ich erinnere mich an den Entschluss, ihre Worte nicht zu sehr an mich herankommen zu lassen. Beherrscht schiebe ich mir eine Sonnenbrille auf die Nase, die mir angesichts des schlechten Wetters ein blasiert divenhaftes Aussehen verleihen muss. Aus einem unerfindlichen Grund fühlt sich das gut an. Dann starte ich den Motor und lasse das Auto aus dem Tor des Gehöfts rollen, aus dessen Fängen ich mich fünf Jahre zuvor befreit zu haben glaubte. Ähnliche Begegnungen mit dieser unausstehlichen Frau würden sich in den nächsten Tagen wiederholen und wenn Samantha nicht bereits im Sterben liegen würde, würde ich sie dafür wahrscheinlich umbringen. Ihretwegen muss ich erneut mit der Person auskommen, die mein Selbstwertgefühl grundlegend zerstört hat. Noch in dem Augenblick, in dem mein Kopf diesen Gedanken ausformuliert, tut es mir leid, ihn überhaupt gedacht zu haben. Ich bin für Samantha zurückgekommen und ich werde erst wieder gehen, wenn es vorbei ist. Es ist nicht ihre Schuld, dass unsere Mutter eine intolerante alte Hexe mit festgefahrenen Vorurteilen ist, für die es schlicht unterzogen wäre, sie als konservativ oder traditionell zu bezeichnen. Ich hätte wissen müssen, dass sie noch immer nicht akzeptieren kann, wer ich bin.

Dort drüben, das ist sie, höre ich jemanden sagen und stecke das eingeschweißte Sandwich, die Chipstüte, die Fünfminutenterrine und die Wasserflasche in einen Beutel, nachdem ich sie bezahlt habe. Bei den Ohhs und Ahhs der Leute, die dieser bahnbrechenden Feststellung gelauscht haben, schwingt ein süffisant anmutender Unterton mit, der mich die Augen verdrehen lässt. Ich kann den faltigen Gesichtern hinter dem Regal mit den Reinigungsmitteln ansehen, was sie über mich denken. Ich bin eine unliebenswürdige Abscheulichkeit. Sie reden über mich, als würden sie mich kennen. In all der Zeit, in der ich nicht hier war, hat sich nichts geändert. Gar nichts. Sie kennen nur den Teil von mir, den sie ihnen präsentiert hat und das, was ihre eigenen Köpfe sich über mich zusammengereimt haben. Eigentlich wollte ich noch mehr Besorgungen machen, bevor ich zurück in die Pension fahre. Unter den Blicken dieser Leute belasse ich es bei dem Einkauf meines spärlichen Abendessens, steige erneut in das kleine Auto, das viel besser für die Straßen und Parkplätze in der Großstadt geeignet ist, und steuere es zu dem Feldweg, der in der kommenden Zeit meine Anschrift in der deutschen Metropole ersetzen wird. Der andauernde Nieselregen macht die Erde unter den Reifen weich und den glänzenden Lack der Karosserie schmutzig. Durch den Nebel türmt sich am Ende des Weges der Umriss eines zweistöckigen Landhauses auf. Mit dem cremigen Weiß der unteren Etage, der dunkel gehölzerten Vertäfelung des Balkons darüber und der ländlichen Umgebung hätte die Pension durchaus einladend aussehen können.  Doch jetzt blendet das frisch gestrichene Weiß meine müden Augen und die tiefbraune Farbe des Holzes erinnert mich an die verdreckten Herzen der Menschen in diesem Ort. Als ich den kurzen Weg zwischen meinem Wagen und dem Eingang der Pension zurücklege, atme ich die kühle, wassergetränkte Luft ein und kann dabei den Schmutz ihrer Seelen auf der Zunge schmecken. In mir macht sich das Bedürfnis breit, meinen Mund mit Seife auszuwaschen und herauszufinden, wie ich die Luft anhalten kann, bis ich wieder zurück in Berlin bin. Erleichterung überkommt mich, als ich die gefensterte Eingangstür öffne und die Rezeptionistin nicht zu sehen ist. Schleichend steige ich die Treppe nach oben und erst als ich in mein Zimmer eintrete, die Tür hinter mir schließe und zischend Luft ausstoße, fällt mir auf, dass ich tatsächlich den Atem angehalten habe.

Ich kippe den Beutel mit meinem Einkauf über dem Bett aus und obwohl ich keinen Appetit habe, entscheide ich mich dazu, etwas zu essen. Als ich nach der Fünfminutenterrine greifen will, fällt mir zwischen den ungesunden Nahrungsmitteln das fleckige Display eines Handys auf. Verwundert darüber, dass ich das Handy in den Beutel und nicht wie gewöhnlich in meine Manteltasche gesteckt habe, strecke ich meinen Arm danach aus und ziehe es zu mir heran. Es dauert einen Augenblick, bis mir klar wird, dass dieses Modell weiß und nicht schwarz ist. Meine Handys sind immer schwarz. Abgesehen von dieser Offensichtlichkeit sind beide Geräte identisch. Das ist nicht mein Handy, stelle ich verblüfft fest. Ich muss es vorhin beim Einkaufen versehentlich eingesteckt haben. Die Kassiererin in diesem lächerlich zwergenhaften Supermarkt hatte einen furchtbar unordentlichen Ladentisch. Ich war froh darüber, in dieser Gegend überhaupt eine Einkaufsmöglichkeit gefunden zu haben, aber es wäre überhaupt nicht verwunderlich, wenn ich zwischen meinem Einkauf auch noch die Haargummis und einen der angebrochenen Kylie-Jenner-Lippenstifte finden würde, mit denen die Kassiererin gerade zu Gange war, als ich bezahlen wollte. Das Handy könnte aber genauso gut in meine Tasche gerutscht sein, als ich Samantha besuchen wollte, überlege ich weiter. In der Annahme, den Besitzer des Handys ausfindig machen zu können, drücke ich auf die runde Taste am unteren Ende des Bildschirms. Die Zeitanzeige auf dem Display leuchtet auf, zu meiner Erleichterung gibt es keinen Sperrcode, der meinem Vorhaben im Weg steht. Mit meinem aufgeschürften Finger wische ich über die Anzeige, um zu dem Startbildschirm des Telefons zu gelangen. Plötzlich entfährt mir ein keuchender Laut, als sich der Bildschirm verändert. Überrascht reiße ich die Augen auf und schiebe das Handy mit meinen Händen ungläubig ein Stück von mir weg. Minutenlang starre ich auf das Display, dessen Leuchten nicht erlöschen will, und grüble fieberhaft, was ich von dieser Sache halten soll. Aus dem Handy starrt mein 17-Jähriges Selbst zu mir zurück und lacht mich aus. Nein, das tut sie nicht, korrigiere ich mich selbst.  Sie lacht dich nicht aus. Sie – oder ich – hatte einfach einen guten Tag. Das Hintergrundbild des weißen Handys zeigt eine alte Aufnahme von mir, die Samantha gemacht und anschließend mit einem furchtbaren Filter irgendeiner App bearbeitet hatte. Damals mochte ich dieses Bild sehr, weil ich darauf glücklicher aussehe, als ich mich an vielen Tagen gefühlt habe. Nachdenklich ziehe ich die Augenbrauen zusammen, ignoriere meinen Argwohn und durchforste das Handy nach Informationen. Aber da ist nichts. Keine Bilder in der Galerie. Keine Nachrichten. Keine außergewöhnlichen Apps. Nichts. Da ist nur das Bild von mir.

Die Zeitanzeige auf dem Display verändert sich. Es ist 20 Uhr. Ich wähle Marisas Nummer und zupfe nervös an der aufgerissenen Haut an meinem Finger. Komm schon. Nimm ab. Nachdem unzählige Male das dumpfe Piepen des Freizeichens durch den Lautsprecher dröhnte, nimmt Marisa den Anruf endlich an und ich nehme begierig ihre beruhigende Stimme in mich auf. Tina? Wie geht es dir? Wie war die Fahrt? Sie fragt, wie mein Tag war und ich weiß, dass sie eigentlich fragen will, wie meine Eltern waren und ich weiß auch, dass sie die Antwort auf diese Frage irgendwie bereits kennt, weil sie mich kennt. Sie will die Antwort trotzdem von mir hören, weil ich mich erst besser fühle, wenn ich es laut ausgesprochen habe. Also erzähle ich ihr von meinem Tag. Ich erzähle ihr, wie die Rezeptionistin hinter ihrem Tresen erstarrte, als sie den Namen auf meiner Reservierung sah und dass sie sofort zu ihrem Telefon hechtete, als ich mich umsah, um mein Zimmer ausfindig zu machen. Ich erzähle ihr, dass ich auf den Hof meiner Eltern fuhr, um Samantha zu besuchen und wie meine Mutter einen grollenden Sturm der Empörung auf mich herabregnen ließ, als sie mich erblickte. Ich erzähle ihr, wie sie mich als ihre Tochter verleugnet hat und dass ich abartig wäre und dass sie sich wünscht, ich würde gehen und Samantha würde bleiben. Ich erzähle ihr von Samanthas Tränen und wie sie meine Mutter anflehte, mich zu ihr kommen zu lassen. Marisa fragt, ob ich Samantha schon von dieser Sache mit Chris erzählt habe. Nein, das habe ich nicht, gebe ich kleinlaut zu. Ich erzähle ihr von dem Handy und von dem Bild und ich sage ihr, wie sehr sie mir fehlt und dass ich es kaum erwarten kann, wieder bei ihr zu sein und dass mir die gemeinsamen Morgenstunden in unserer Wohnung unendlich weit weg vorkommen. Sie sagt, die Sache mit dem Handy und dem Bild sei womöglich nur ein dummer Scherz von irgendeinem Trottel aus dem Ort und ich glaube ihr. Ich werde das Handy im Fundbüro abgeben und einfach vergessen, dass es jemals aus meinem Beutel auf das Bett gefallen ist. Morgen werde ich wieder dorthin fahren – zu meiner Mutter und zu Samantha. Und morgen werde ich Samantha von Chris erzählen. Später ist die Leitung leer und ich lasse mich seufzend in die steifen Kissen auf meinem Bett fallen, wobei ich mir beinahe den Kopf an der Bettkante angeschlagen hätte. Ohne Essen im Bauch und mit Marisas Versprechen im Ohr, dass alles gut werden würde, dämmere ich in einen unruhigen Schlaf.

Etwa dreizehn Stunden später stehe ich erneut auf dem Treppenabsatz meiner Eltern. Ich wische die feuchten Hände an meiner Jeans ab, dann balle ich eine Hand fest zusammen und drücke mit dem aufgeschürften Zeigefinger der anderen Hand auf die Klingel. Die Schlüssel in meiner Faust bohren sich in meine Haut und für einen bedeutungslos kleinen Moment lenkt der Schmerz meine Aufmerksamkeit auf sich und weg von der grauenerregenden Person, die sich hinter dem Eingang in unerträglich schleppender Geschwindigkeit nähert. Wortlos öffnet meine Mutter die Tür und lässt mich eintreten. Ich erinnere mich an meinen gestrigen Besuch, der bis zu diesem Punkt auf die gleiche Weise verlief, bevor meine Mutter in Hassreden ausbrach und ich ihr zähneknirschend den Rücken zuwandte. Dieses Mal hänge ich den Mantel nicht an die Garderobe und da er heute nicht tropfend das blanke Parkett meiner Mutter beschmutzt, ist es wohl in Ordnung. Sie rümpft die Nase, als sie mich mustert und sie mustert mich lange. Zu meiner Erleichterung behält sie heute ihre boshaften Gedanken für sich und deutet mir, vorauszugehen. Ich spüre ihren bohrenden Blick in meinem Rücken, wage es aber nicht ihr zu sagen, dass ich ihre wertvolle Dekoration, die sich reizenderweise überall im Haus breit gemacht hat, weder stehlen noch beschädigen werde. Samantha muss wahnsinnig viel Überzeugungsarbeit geleistet haben, um unsere Mutter dazu zu bringen, mich ohne eine einzige spitze Bemerkung in ihr Haus kommen zu lassen. Das möchte ich unter keinen Umständen zunichtemachen. Samantha begrüßt mich mit einem sehr leisen Freudenschrei und einer langen warmen Umarmung. Obwohl sie mir versichert, dass es nicht so wäre, sehe ich, dass sie diese kurze Bewegungseinheit erschöpft haben muss. Schweratmend und mit zitternden Augenlidern lässt sie sich auf ihrer Liege nieder. Sie ist blass und dünn und ihre einst leuchtenden Augen werden von den dunklen Ringen darunter übertönt. Auf dem Kopf trägt sie ein farbenfrohes Tuch, das sie mit ihren hellen knöchernen Händen zurechtrückt. Sterben ist keine schöne Angelegenheit, erklärt sie schulterzuckend.

Ich nehme an ihrer Seite Platz, sage, dass ich sie vermisst habe und beteuere ihr, dass die Farben ihres Kopftuches wunderbar zu ihrem neuen Teint passen. Daraufhin lacht sie ein herzerwärmendes und echtes Lachen und beginnt damit, mich mit Fragen über die vergangenen fünf Jahre zu löchern. Also erzähle ich ihr von meinem Leben. Ich erzähle ihr von dem Leben und den Menschen in Berlin und von deren Aufgeschlossenheit. Ich erzähle ihr von meiner Arbeit beim Mizzy Magazine und wie Rory Gilmore mich dazu inspiriert hat, Journalistin zu werden. Ich erzähle ihr von Marisa und mir und höre ein durchdringendes erzwungenes Räuspern im Flur. Meine Abartigkeit und meine Lügen haben hier keinen Platz, sagt meine Mutter. Kein Mensch kann mit meiner hässlichen Krankhaftigkeit ein gemeinsames Leben führen. Niemand kann mich lieben. Samantha ist die schöne Tochter. Ich glaube ihr – wie damals. Dann verlasse ich das Haus, dieses Mal ohne den lauten Knall und mit einem hohlen getrübten Blick.

Mit einer Sonnenbrille auf der Nase und einem belegten Brötchen in der Hand trotte ich durch die einzige Straße in dieser Stadt, in der Geschäfte zu finden sind und halte nach einem Ort Ausschau, an dem ich der schrecklichen Stimme in meinem Kopf entfliehen kann. Vor dem örtlichen Gemeindeamt halte ich inne. Gedankenversunken starre ich auf das Gebäude und versuche mich daran zu erinnern, welche Überlegung die Begegnung mit meiner Schwester und meiner Mutter aus meinem Gedächtnis vertrieben hat. Meine Augen fixieren das Eingangstor und ich denke an das Fundbüro, das direkt hinter den Türen liegt. Das Fundbüro. Das Handy. Ich wollte heute das Handy im Fundbüro abgeben. In meinem Beutel suche ich nach dem weißen Gerät und als ich es schließlich greifen kann, leuchtet das Display des Telefons auf und eine Nachricht erscheint darauf.

Du hast geweint. Du siehst viel schöner aus, wenn du lachst. Du bist die

schöne Tochter.

Mehrmals lese ich die Worte auf dem Bildschirm, meine Augen suchen nach einem Hinweis auf den Absender. Du bist die schöne Tochter. Samantha? Ist das Handy von ihr? Ich drücke die Nachricht weg und schaue auf mein lachendes vergangenes Selbst und denke an den Tag, an dem die Aufnahme gemacht wurde. Samantha hatte das Bild gemacht. Sie war aber nicht der Grund für mein Lachen. Es war der Tag, an dem ich Chris traf. Chris. Kurz überlege ich, dann rufe ich aufgeregt erneut die Nachricht auf und lese jedes Wort noch ein weiteres Mal. Und noch einmal. Du siehst viel schöner aus, wenn du lachst. Das sind seine Worte. Nachdem ich stundenlang in meinem Zimmer den Tränen erlegen war, bin ich im Flur in ihn hineingerannt und hätte dabei fast den großen Garderobenspiegel umgestoßen und das war es, was er zu mir sagte. Damals lachte er mir charmant und selbstsicher ins Gesicht und flüsterte mir einige tröstende Worte ins Ohr. Ist er etwa hier? Zögernd sehe ich die Straße hinauf und herunter und kann ein älteres Ehepaar auf der anderen Straßenseite ausmachen. Sonst ist niemand zu sehen. Wieder sehe ich auf die Nachricht.

Du hast geweint. Du siehst viel schöner aus, wenn du lachst.

Das kann doch kein Zufall sein. Die Nachricht muss von Chris sein.

Du bist die schöne Tochter.

Oder ist es Samantha? Hat sie gehört, was Chris zu mir gesagt hat? Aber dann muss sie von uns gewusst haben. Meine Gedanken verlieren sich in wilden Spekulationen und für einen kleinen Moment verstummen sie schlagartig, bevor sie wieder laut werden. Noch während ich angestrengt darüber nachdenke, ob all das ein schlechter Scherz oder bitterer Ernst sein soll, erscheint eine neue Nachricht auf dem Display.

Hast du ihr von uns erzählt?

Mir stockt der Atem, das Handy rutscht mir unter dem frischen Schweißfilm auf meiner Haut durch die Finger, und bevor es mir herunterfallen kann, lasse ich es in meine Tasche gleiten. Ich drehe mich auf dem Absatz um und laufe so schnell es geht, ohne dabei verdächtig auszusehen, weg vom Fundbüro und zu meinem Auto. Ich fühle mich beobachtet. Von allen Seiten. Als ich an dem Bäcker vorbeikomme, bei dem ich mir vor nicht allzu langer Zeit ein Brötchen gekauft habe, das ich irgendwo fallen gelassen haben muss, stolpere ich über meine eigenen Füße. Meine Beine werden steif, dann tragen sie mich in kriechendem Tempo ein Stück näher an das heran, was in mir ein unerklärliches Panikgefühl aufsteigen lässt. Ich nehme die Sonnenbrille ab. Auf der anderen Seite des Backwarenschaufensters erkenne ich Chris. Er sieht aus wie damals und starrt von seinem Tisch mit funkelnden Augen zu mir herüber. Dann renne ich.

Atemberaubt werfe ich mich in das Bett, richte meine Augen auf die Zimmerdecke und beginne damit, meine Gedanken zu ordnen. Hat Chris mir das Handy zugesteckt? War er das wirklich? Vorhin beim Bäcker? Er muss es gewesen sein. Es könnte immer noch ein blöder Witz von irgendjemandem sein, der meine Geschichte kennt, denke ich und dann denke ich, dass niemand die Geschichte mit Chris kennt. Außer vielleicht Samantha. Nein. Unmöglich. Das wüsste ich. Aber warum sollte er mir dieses Handy geben? Warum die Nachrichten und das Foto?

Bevor ich es mir noch einmal anders überlegen kann, greife ich nach dem Handy und will die Nummer wählen, von der die Nachrichten stammen. Ich rufe die Nachrichten auf, aber eine Telefonnummer oder eine Rückruf-Funktion kann ich nicht finden. Ich komme mir schrecklich dumm vor und suche noch etwa zwanzig Minuten verzweifelt nach einer Möglichkeit, Chris persönlich zu erreichen, bevor ich es aufgebe. Dann tippe ich eine Antwort.

Ich werde es ihr erzählen. Sie hat die Wahrheit verdient.

Und das stimmt. Samantha war immer aufrichtig, sie hat mich nie verurteilt. Sie trifft keine Schuld. Es war das erste und das einzige Mal, dass ich sie hintergangen habe und ich kann es nicht ertragen, ihr in den letzten Jahren nie von Chris erzählt zu haben. Sie hat die Wahrheit verdient. Während ich noch eine stille Ewigkeit auf das Handydisplay starre und auf eine Antwort warte, fallen mir die Augen zu. Als ich am nächsten Morgen erwache, ist der Posteingang noch immer leer. Gut.

Später stehe ich zum dritten Mal mit dem Schlüssel in meiner Faust und verschwitzten Handflächen vor der Haustür meiner Familie. Die Erinnerung an meine Autofahrt hierher ist verschwommen und ich schiebe es auf den schlechten Schlaf in der letzten Nacht. Ich werfe einen Blick auf das Display des weißen Handys und bin zugleich genervt und neugierig, als tatsächlich eine neue Nachricht angezeigt wird. Begierig wische ich über den Bildschirm und öffne die Messenger-App.

Bist du dir sicher, dass sie und deine Beziehung zu ihr die Wahrheit

vertragen?

Plötzlich bildet sich ein Kloß in meinem Hals. Er hat Recht. Sie könnte mich hassen. Sie könnte von mir enttäuscht sein und ich würde ihre Freude an unserer verbleibenden gemeinsamen Zeit auf diesem Planeten mit ganzer Wucht zerschmettern.

Samantha hat einen schlechten Tag. Meine Schwester liegt gekrümmt in ihrem Bett, sie ist noch blasser als gestern und ihre Haut glänzt unter der Hitze, die sie vollständig umhüllt. Schweigend halte ich ihre Hand eine lange Zeit und ich überlege eine ebenso lange Zeit, ob ich ihr von Chris erzählen soll. Ich mache es nicht.

Heute ist mir zum ersten Mal wirklich klar, wie krank Samantha ist und dass sie stirbt. Sie wird diese Welt verlassen, sie wird mich verlassen und sie wird es bald tun.

Erst als ich beinahe vor einen Bus gelaufen wäre, erwache ich aus meinen Gedanken. Meine Füße kleben zitternd auf dem Asphalt am Straßenrand, erschrocken schaue ich auf und spähe auf die vorbeirasenden Fenster des Fahrzeuges. Einen gebrochenen Augenblick lang erkenne ich durch die Fenster hindurch das außergewöhnlich attraktive Gesicht eines jungen Mannes auf der anderen Straßenseite. Chris. Er ist hier. Mit dem dröhnenden Laut einer Hupe löse ich meinen Blick von dem Gesicht und schaue dem Bus hinterher, dessen Fahrer schimpfend an der nächsten Seitenstraße abbiegt. Als ich zurück auf die Stelle sehe, an der Chris gestanden hatte, ist er verschwunden. Was für ein Spiel treibt diese Person eigentlich? Ich greife nach dem weißen Handy in meiner Manteltasche und bin nicht überrascht, als ein Pop-Up-Fenster mir eine neu eingegangene Nachricht anzeigt. Ich öffne sie.

Wenn du es ihr nicht erzählst, werde ich es tun.

Mein Herz hämmert gegen meinen Rippenbogen und meine Knie vibrieren noch immer von der vorbeizischenden Fahrtluft des Busses. Ich verstaue das Handy in meiner Tasche und sehe mich suchend nach allen Seiten um. Wo steckt er? Nach einigen Minuten hole ich das Handy wieder heraus und schreibe ihm eine Nachricht.

Was willst du von mir?

Als unendliche zwei Minuten später keine Antwort kommt, beschließe ich, zurück in die Pension zu fahren. Ich fühle mich leer und ausgelaugt und in meinem Inneren breitet sich erneut das unangenehme Gefühl aus, verfolgt zu werden. Ständig blicke ich zurück, aber Chris ist nirgendwo zu sehen. In meinem Zimmer angekommen, falle ich ins Bett und anschließend in einen unbehaglichen, ruhelosen Schlaf. Immer wieder taucht Chris in meinem Kopf auf und dann taucht Chris mit Samantha auf und dann taucht Samanthas lebloser Körper auf.

Ich schrecke auf und werfe einen frustrierten Blick aus dem Fenster. Draußen ist es bereits dunkel geworden. Ich stehe auf, um das Licht anzuschalten. Plötzlich zieht sich alles in mir zusammen – auf dem Balkon vor meinem Fenster steht ein Mann und erwidert meinen Blick. Im Gegensatz zu mir hat er einen unerschrockenen, selbstsicheren und entschlossenen Ausdruck in den Augen. Amüsiert über meinen gelähmten Gesichtsausdruck feixt er mich an. Geh weg. Bitte. Ruckartig löse ich mich aus meiner Schockstarre, eile geduckt ans Fenster und lasse die Rollläden herunter. Lass mich in Ruhe. Anschließend schalte ich alle Lichter ein, verriegele die Tür und greife das Telefon, das Chris mir zugesteckt hat. Mehrere neue Nachrichten werden auf dem Display angezeigt.

Du hast mich zurückgelassen.

Wir hätten ein gemeinsames Leben führen können.

Du hast gesagt, du könntest mich nicht lieben…

Aber du hast es nicht einmal versucht.

Ich habe es versucht! Schreiend werfe ich das Handy gegen die Zimmerwand, bevor es splitternd zu Boden fällt. Meine Wangen werden feucht, mir entfährt ein schluchzender Laut und ich sinke zu Boden. Mit leerem Blick starre ich auf das Telefon. Minutenlang verharre ich in meiner Position und rühre mich nicht. Ich habe es wirklich versucht, denke ich und will, dass er das weiß. Auf dem Boden liegend strecke ich meinen Arm aus und greife nach dem Handy. Das Display ist zersplittert. Als ich es anschalte, flackert das Bild, aber ich kann deutlich erkennen, was auf dem Bildschirm angezeigt wird. Es ist das lachende Bild meines 17-jährigen Ichs. Auf meinem Gesicht prangt ein Fadenkreuz. Ohne zu registrieren, wie lange ich es tue, stiere ich auf die Linien, die mich in mehrere Teile spalten. Irgendwann verschwindet das Bild und erneut erscheint eine Nachricht auf dem Handy.

Sag es ihr. Sonst werde ich dich verletzen, so wie du mich verletzt hast.

Ich denke an Marisa und mir wird schlecht. Marisa ist greifbar. Sie ist echt. Sie ist mein Leben. Chris wird nicht aufhören. Wenn ich nicht tue, was er verlangt, wird er versuchen, meine Liebe zu Marisa zu unterbinden. Das weiß ich. Ich weiß es, weil ich mit einem Mal seinen Schmerz fühlen kann. Ich muss zu Samantha. Mit diesem Ziel vor Augen gebe ich zwei Buchstaben in die Handytastatur ein, bevor ich mich aufraffe, das Handy in meine Manteltasche stecke und ihn mir anschließend überwerfe.

OK

Ich drücke den Autoschlüssel in meiner Hand so fest, dass meine Haut mit Sicherheit noch lange Zeit später von seinem Abdruck gekennzeichnet sein wird. Ich drücke auf den Klingelknopf und sehe, dass die Wunde an meinem Finger tiefer und röter ist als gestern.

Samantha sieht mir an, dass mich etwas beschäftigt und bekräftigt mich, ihr davon zu erzählen. Also erzähle ich ihr von Chris.

Ich erzähle ihr, dass er in mein Leben trat, als ich ihn unabdingbar brauchte. Ich erzähle ihr, dass er mir Komplimente machte und dass er mit mir flirtete. Ich erzähle ihr, dass er mich tröstete und dass wir uns öfter trafen und dass er mich zum Lachen brachte. Ich erzähle ihr, dass wir uns nah waren und dass wir uns in einer Nacht noch näher waren. Ich erzähle ihr, dass sie nichts davon wissen durfte, weil er mit ihr zusammen war. Er war mit ihr zusammen, weil er einen Grund brauchte, in unserem Flur aufzutauchen.

Besorgt nimmt Samantha mein Gesicht in ihre Hände und erklärt, dass all das nicht möglich sei. Ich sage ihr, dass es stimmt und dass wir sie hintergangen haben. Ich habe sie betrogen, obwohl sie meine einzige Freundin war. Sie war eine wirkliche Freundin.

Ich erzähle ihr, dass er mich vor fünf Jahren daran hindern wollte, zu gehen und dass er hier überleben wollte. Mit mir. Ich erzähle ihr, dass ich ihn lieben wollte, damit die anderen mich lieben konnten. Ich erzähle ihr, dass ich es nicht geschafft habe, ihn zu lieben, weil wir gleich sind. Er und Ich. Weil wir Frauen mögen.

Ich erzähle ihr, dass ich ihn verletzt habe. Ich ließ ihn zurück, als ich diesen anderen Teil von mir akzeptiert habe. Ich ließ ihn zurück, als ich ihn nicht mehr brauchte.

Samantha sieht mich ungläubig an. Sie glaubt mir nicht. Um ihr die Sache mit Chris zu beweisen, um ihr seine Worte zu zeigen, ziehe ich ein Handy aus meiner Tasche. Das Display ist gesprungen. Dann halte ich inne. Das Telefon ist schwarz. Ich starre es an und aus dem verdunkelten Display starren die Augen eines charmanten und außergewöhnlich attraktiven jungen Mannes zurück.

Samantha legt ihre Hand auf meine und spricht aus, was ich nun ebenfalls erkannt habe.

„Ich hatte nie einen festen Freund,

Christina.“

2 thoughts on “Chris

  1. Ähm…., wow.
    Du hast hier etwas geschafft, was bisher noch nicht viele Geschichten hier geschafft haben. Du hast mich etwas ratlos zurück gelassen! Das ist keine Kritik, sondern im Gegenteil, ein Lob! Ich finde Deinen Schreibstil sehr gut, die Geschichte ließ sich flüssig und angenehm lesen.
    Das Ende, auch wenn ich es nicht ganz verstanden habe, fand ich großartig. Du schaffst es mit dem Schlusssatz die Geschichte abzurunden und weiter Fragen aufzuwerfen. Ich mag das sehr!
    Mein Like hast Du!

    P:S. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen („Glasauge“) und ein Feedback da zu lassen.

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