NiciDas bist du mir schuldig

25+

Prolog

1986

Es war eine stürmische Nacht im April gewesen. Schon seit Stunden wartete Marie in dem noblen Wohnzimmer. Während sie es sich zu Beginn des Abends noch auf dem teuren Sofa gemütlich gemacht und sich an Tee und Pralinen bedient hatte, zwischenzeitlich sogar eingenickt war, lief sie nun immer ungeduldiger auf und ab durch den großzügig geschnitten Raum mit Blick auf den weitläufigen Garten, den die riesigen Panoramafenster freigaben. Seit Stunden hatte sie hier ganz allein gewartete, doch nun schien sie ihrem Ziel ganz nah zu sein, denn seit einer halben Stunde durchbrachen immer wieder Schreie aus den oberen Räumen die unerträgliche Stille im Haus. Marie wischte sich die schweißnassen Hände an ihrer verwaschenen Jeans ab. In ihre Anspannung mischte sich Vorfreude. Immer wieder sah sie in den Flur, die geschwungene Treppe hinauf, aber nichts tat sich. Gerade als die antike Standuhr zur Mitternacht schlug, öffnete sich im Obergeschoss eine Tür und Marie sprang auf. In ängstlicher Erwartung kam der junge Mann die lange Treppe hinunter. Jeden seiner Schritte setzte er mit Vorsicht und Bedacht, denn in seinen Armen hielt er ein kleines Bündel. Am Fuße der Treppe verharrte er und sah Marie direkt in die Augen. Sie konnte seinem Blick kaum standhalten und schaute zu Boden, da sich aus den von dunklen Augenringen umgebenen Augen, eine einzelne Träne zu lösen schien. Marie hörte, wie er tief ein- und wieder ausatmete und ihr dann das rosa Bündel übergab. Ohne einen Blick auf das Neugeborene in ihren Armen, verließ sie fluchtartig die Stadtvilla.

 

1.       1.

Es war der letzte Schultag. Obwohl Meike viel zu spät aufgestanden war, auf das Frühstück, nicht aber auf die Dusche verzichtet hatte und mit nassen Haaren aus ihrer kleinen Altbauwohnung gestürmt war, war ihre Laune hervorragend. Ein Glück, dass sie gestern einen Parkplatz direkt vor ihrer Haustür gefunden hatte, so musste sie nun nicht auch noch nach ihrem kleinen Smart in einer der verzweigten Nebenstraßen der Altstadt suchen. Sie warf ihre Tasche auf den Beifahrersitz und stieg selbst auf der Fahrerseite ein. Die Straßen der kleinen Stadt waren zu dieser Uhrzeit noch recht leer, so dass Meike zügig die Auffahrt der Autobahn erreichte. Ein Blick zur Uhr ließ sie zusammenzucken. Es war doch schon später als gedacht und Meike hatte am letzten Tag vor den Ferien wirklich keine Lust auf den Sermon ihres Chefs, wenn sie zu spät am Hermann-Hesse-Gymnasium aufschlagen würde. Sie konnte seine Stimme förmlich hören, wie er sie von oben herab für ihren laxen Lebensstil rügte. Sie trat auf`s Gas und ordnete sich auf die Fahrspur Richtung Neheim ein. Auf der Autobahn war schon einiges los. Was 15 Minuten Verspätung so ausmachen können, dachte Meike. Musik! Sie brauchte Musik, um sich abzulenken. Die Uhr schien heute schneller zu laufen als an anderen Tagen, besonders wenn sie mal wieder bis spät nachmittags in einer Fachkonferenz festsaß. Sie zog ihr Handy aus der Jackentasche. Beim Versuch, es zu entsperren, fiel es ihr aus der Hand. Das Mobiltelefon rutsche Richtung Gaspedal. „Scheiße!“, schrie Meike und beugte sich in den Fußraum, um ihr Telefon aufzuheben. Ein kurzer Blick auf den fleckigen Teppich am Fahrzeugboden reichte aus und der kleine Smart driftete auf den Seitenstreifen. Meike riss das Steuer in einer Schrecksekunde herum und brachte das Auto zurück in die Spur. „Das hätte mir gerade noch gefehlt“, flüsterte sie mit klopfendem Herzen. Immerhin hatte sie ihr Handy greifen können. An ihm klebte ein Aufkleber der ´Nein zu Drogen` – Kampagne ihrer Schule, der sich wohl auch im Fußraum befunden haben musste. Meike nahm ihn kurzer Hand und klebte ihn über die Digitalanzeige der Uhr. „So, du hetzt mich nicht!“, entfuhr es ihr in ihrem unbewusst immer wieder durchschlagenden Lehrerton. Meike entsperrte das Handy und aktivierte die Blutooth – Verbindung, die jedoch nicht zu standen kommen wollte. „Was ist denn -“ Blick vom Display auf die Straße, Vollbremsung. Meikes Wagen kam ins Schleudern. Sie konnte ihn noch gerade eben auf den Seitenstreifen lenken, um nicht auf den plötzlich vor ihr aufgetauchten LKW aufzufahren. Dennoch hatte sie keine Chance mehr, ihren Wagen noch unter Kontrolle zu bringen und krachte 100 Meter weiter in die Leitplanke. Schwarz. Meike sah sich um. Sie erkannte den verwunschenen Garten hinter ihrem Elternhaus und den alten Kirschbaum. „Pflück etwas Salat und bring es den Hasen, Meike!“, hörte sie die sanfte Stimme ihrer Mutter. Meike sah hoch in das Gesicht ihrer lächelnden Mutter. Ihre Gesichtszüge waren fein und ihre Haut zart wie Porzellan. Und doch war da auf ihrer Stirn immer diese Sorgenfalte. Meike sah ihre Mutter fragend an, doch die sagte nur: „Jetzt guck doch nicht so skeptisch, es geht mir gut!“ Meike sah an sich herunter auf das goldene Armkettchen an ihrem Handgelenk, dann begann sich plötzlich alles zu drehen, Meike wollte schreien, aber sie bleib stumm.

„Die Frau ist bewusstlos“ waren die ersten Worte, an die Meike sich erinnern konnte. Dann fühlt sie den hämmernden Schmerz in ihrem Kopf. Wo war sie? Was zum Teufel war passiert? Sie fühlte eine Hand an ihrer Schulter und öffnete vorsichtig die Augen. Keine 10 cm von ihrem Gesicht entfernt erkannte sie einen Mann, der sie besorgt ansah. „Wo bin ich?“, wollte sie sagen, aber ihre Lippen bewegten sich lautlos. „Sie kommt zu sich!“, rief der Mann und wendete sich dann wieder Meike zu: „ Sie hatten einen Unfall. Sie sind in die Leitplanke gefahren. Der Airbag wurde nicht aktiviert. Wahrscheinlich sind Sie mit dem Kopf auf das Lenkrad geknallt. Können Sie sich bewegen? Haben sie Schmerzen?“ „Kopf…“, röchelte Meike. „Ich gebe Ihnen etwas gegen die Schmerzen, dann bringen wir Sie ins Krankenhaus“, antwortete der Mann, der offenbar ein Sanitäter war.

 

Sie wachte auf. Da die Vorhänge zugezogen waren, konnte sie nicht einschätzen, ob es Morgen oder Abend war. Langsam kroch sie aus ihrem kleinen Bett. Die fleckige Bettwäsche war seit Monaten nicht mehr gewechselt worden. Das 4 – jährige Mädchen packte mit der einen Hand ihren Stoffhasen bei den Ohren und machte sich auf den Weg zum Schlafzimmer ihrer Mutter. Mama war da. Gut. Vorsichtig griffen ihre kleinen Finger nach der Decke, unter der sich die junge Frau zusammengerollt hatte, und zog sie so weit zurück, dass sie das Gesicht ihrer Mutter erkennen konnte. Die Schminke war verlaufen. Sie hatte sich wieder in den Schlaf geweint. „Mama! Mamaaa! Wach auf, ich habe Hunger!“, bettelte sie. Doch weder ihre Worte, noch das leichte Schubsen konnte sie aufwecken. Das kleine Mädchen gab auf. Sie ging zum Kühlschrank und öffnete die Tür. Außer zwei Dosen Bier und einem Glas Senf enthielt er nichts. Auch im Wohnzimmer fand sie nur eine leere Chipstüte. Da entdeckte sie die Handtasche ihrer Mutter auf dem Cochtisch. Sie suchte nach dem Portemonnaie, fand es und öffnete es. Aber es enthielt nichts weiter als einem abgerissenen Knopf und einem zusammengeknüllten Kassenbon. Verzweifelt kullerten ihr ein paar dicke Tränen die Wangen hinunter. Nach ein paar Minuten der Hilflosigkeit zeigte sich aber Entschlossenheit auf ihrem Gesicht. Sie zog ihre Hausschuhe an, legte ihren Hasen zurück in ihr kleines Bett und machte sich auf den Weg durch das kalte Treppenhaus auf die Straße. Draußen war es hell. Zunächst blendeten sie die Strahlen der warmen Frühlingssonne. Da stand sie nun in ihrem zerschlissenen Nachthemd, mitten auf dem Gehweg einer stark befahrenen Straße. Die Menschen, die hier ihrer Wege gingen, beachteten sie nicht weiter. Ein Junge, der auf seinem Skatboard vorbei flitzte, rief ihr zu: „Ey, du kleines Drecksblag, wasch dir mal die Haare!“ Von der anderen Straßenseite kam eine ältere Dame mit ihrem Dackel auf sie zu. Die sah nett aus. „Ich habe Hunger! Hast du eine Mark für mich?“, fragte sie, während sie zu Boden blickte. „Mädchen, du kannst doch nicht so auf der Straße herumlaufen!“, empörte sich die Dame. „Weiß deine Mutter denn, dass du hier einfach fremde Leute anbettelst. Das gehört sich nicht! Hat man dir denn keine Manieren beigebracht!“, wetterte sie weiter, während sie mit einer Hand in ihrer Manteltasche kramte und ein Markstück herauszog, um es dem verzweifelten Mädchen mit mahnendem Blick in die kleine Hand zu legen.

 

2.       2.

Die Sommerferien hatten ja gut angefangen. Nach einer Nacht im Krankenhaus war Meike mit einer Gehirnerschütterung und einem Schleudertrauma nach Hause entlassen worden. Sie lag auf ihrer pinken Couch. Björn hatte ihr noch einen Tee gebracht und ein neues Päckchen Zwieback auf den Couchtisch gestellt, bevor er zur Arbeit gefahren war. Mehr konnte sie ihrem Magen im Moment nicht zumuten. Die starken Kopfschmerzen hatten eine permanente Übelkeit mit sich gebracht. Betäubte sie diese mit einer Schmerztablette, reagierte ihr Magen mit Sodbrennen.  Meike setzte sich auf. Es dauerte immer ein paar Minuten, bis sie den Schwindel überwunden hatte, der sie jedes Mal überkam, wenn sie sich in eine senkrechte Position brachte. Nach einigen Minuten stand sie vorsichtig auf. Auf dem Weg zur Küche stützte sie sich zunächst auf dem antiken Wohnzimmerschrank auf, den ihr ihrer Mutter geschenkt hatte. Die marmorne Platte fühlte sich kühl an unter ihren schweißnassen Händen. An der Wand entlang schlurfte sie in die Küche, um sich ein neues Kühlpack aus dem Gefrierschrank zu nehmen, da klingelte es an der Tür. „Augenblick!“, rief Meike in weiser Voraussicht, dass es wohl etwas länger dauern würde, bis sie die Wohnungstür erreichte. Klopfen. „Ja doch!“, rief sie erneut. Heute ging sie am Spiegel in der Diele vorbei, ohne ihre Frisur zu kontrollieren, bevor sie die Tür öffnete. Sie hatte weiß Gott andere Sorgen. „Ich dachte schon, Sie wären nicht zu Hause, Frau von Bühren! Wollte gerade wieder gehen!“, begrüßte sie ihr Postbote, nachdem sie die Tür geöffnet hatte. „Oh, sind Sie krank?“, fragte er peinlich berührt mit einem Blick auf ihr Schlabberoutfit. „Es geht schon“, antwortete Meike kurz. „Ja, ich habe einen Brief für Sie, passte nicht durch den Briefschlitz, da dachte ich, ich übergeb ihn eben persönlich. Ich weiß ja, dass sie zu Hause sind, sind ja schon wieder Ferien. Ihren Beruf müsste man haben! Ich sag ja immer -“ „Danke“, unterbrach Meike den Redeschwall des Beamten kühl und machte ihm die Tür vor der Nase zu. Ihr Augenrollen wurde ad hoc bestraft von einem stechenden Schmerz in ihrem Kopf.

Zurück auf der Couch betrachtet Meike den dicken Umschlag, kein Absender. Sie riss ihn auf und hielt ein Mobiltelefon in den Händen. „Mein Handy!“, frohlockte sie, bemerkte aber in der gleichen Sekunde, dass sich das Gerät irgendwie fremd anfühlte. War das ihr Handy? Sie hatte es nach dem Unfall nicht finden können. Wahrscheinlich war es aus dem Auto geschleudert worden oder lag noch irgendwo in dem Wrack von Totalschaden. Vielleicht hatte die Abschleppfirma es gefunden und ihr geschickt. Sie drückte den Homebutton und wurde aufgefordert, ihr Gesicht vor die Kamera zu halten, um mit Hilfe der Face – ID das Handy zu entsperren. Zögerlich hielt sie das Telefon vor ihr Gesicht und hörte so gleich den vertrauten Entsperrton. Also doch ihr Handy. Doch Meike spürte keine Erleichterung. Irgendetwas stimmte hier nicht. Meike fröstelte. Ein Blick auf das Display  zeigte zwar die gewohnten Apps, aber das Hintergrundbild von Björn und ihr am See war nicht mehr da. Meike drehte das Telefon in ihrer Hand, vielleicht war die Software bei dem Unfall in Mitleidenschaft gezogen worden. Von außen jedoch war das Handy unversehrt. Kein Kratzer, kein Riss, keine abgeplatzten Stellen. „Wie kann das sein?“, hauchte sie. Die Fotogalerie! Sie würde nachsehen, ob ihre Fotos noch gespeichert waren. Sie tippte auf das entsprechende Icon und der Fotoordner öffnete sich unverzüglich. Die ersten Bilder zeigten Meike als Kind. Auf einem Schaukelpferd vorm mit Lametta behängten Weihnachtsbaum, mit Zopffrisur und einem Eis in der Hand und eins im Badeanzug mit einem Katzenbaby auf dem Arm. Wann waren diese Fotos entstanden? Meike konnte sich nicht erinnern, wann diese Aufnahmen gemacht worden waren. Aber ihre stolzen Eltern hatten vom einzigen Wunschkind so viele Bilder geschossen, dass sie vermutlich eh nicht alle kannte. Aber wie waren sie auf ihr Handy gekommen? Sie scrollte weiter und entdeckte Bilder von ihrem jugendlichen Antlitz. Meike mit Kurzhaarfrisur und knallrot gefärbten Haaren in engen Jeans und weiten Oberteilen. War das Karneval gewesen? Meike erinnerte sich, ein Jahr als Punk zum Kirchenkarneval im Jugendzentrum gegangen zu sein, aber wann hatte sie je rote Haare gehabt? Oder trug sie eine Perücke? Wieso konnte sie sich nur so rudimentär an all das erinnern? Meike stiegen die Tränen in die Augen. „Was ist nur mit mir?“, fragte sie sich. Mit zitternden Fingern schob sie die Fotos weiter  nach oben, so dass wieder neue zum Vorschein kamen. Meikes Herz begann zu rasen. Blut! Meike stand inmitten einer Pfütze aus Blut mit einem Kerzenständer in der Hand. Am Boden vor ihr lag ein fremder Mann. Meike schrie und schmiss das Handy von sich durch den Raum. Sie hielt sich die Hände vor die Augen. „Nein, nein, nein, nein…“, wiederholte sie gebetsmühlenartig. Dies ist ein Traum! Du wachst gleich auf! Bleib ruhig! Doch nichts geschah. „Ich werde verrückt.“, sagte sie leise zu sich selbst. Wieso kann ich mich nicht erinnern? Das muss ein Scherz sein. Ja! Hier spielt mir jemand einen ganz bösen Streich! Die Fotos sind bestimmt bearbeitet. Soll das lustig sein? Wer tut sowas?, Meikes Gedanken überschlugen sich. Langsam stand sie auf, ging zwei Schritte, bückte sich  und griff nach dem Handy. Erneut entsperrte sie es mit der Face – ID. Das letzte Foto. Sie sah es sich noch einmal genauer an, vergrößerte den Ausschnitt um ihr deutlich zu erkennendes Gesicht herum, um eventuelle Spuren von Photoshop zu entdecken, doch das Bild wirkte echt. Meike begann zu weinen, erst leise, dann immer hysterischer, und brüllte schließlich um Hilfe. Sie konnte nicht sagen, wie lange sie sich in diesem Zustand befand und wann sie sich beruhigte, jedenfalls war es draußen schon dunkel, als Björn sie zusammengekauert und zitternd unter dem Esstisch hockend fand. Er erkannte den Nervenzusammenbruch und rief einen Rettungswagen.

 

„Gib mir jetzt endlich ´ne Kippe!“, motzte sie und nahm einen Schluck Bier aus der Dose.  „Du schnorrst schon den ganzen Tag bei mir, Alte! Kauf dir mal selber welche!“, kam es nicht weniger unfreundlich zurück. Die Clique hatte sich wie jeden Abend am Treffpunkt unter der Brücke versammelt. Hier wurde die Zeit totgeschlagen und der Frust mit Alkohol betäubt. Plötzlich traf sie der Schein einer Taschenlampe, die herannahenden Schritte waren von der Clique unbemerkt geblieben. „Polizei! Jetzt ist Schluss hier mit der Party! Wie alt seid ihr? 14? 15? Ab nach Hause, Morgen ist Schule!“, sprach der Gesetzeshüter mit fester Stimme. „Beruhig dich, Bulle, wir gehen ja schon!“, maulte ein Junge. Sie saß immer noch auf der Mauer und fuchtelte an den Fransen ihrer zerrissenen Jeans: „Du, ich kann nicht nach Hause“, sagte sie leise zu dem Jungen mit dem Irokesenschnitt. „Meine Alte, liegt doch nur besoffen im Bett oder brüllt mich an.“ „Dann komm halt mit, aber Kippen gibt`s keine mehr“, bekam sie zur Antwort. Erleichtert stand sie auf. Der Polizist blickte zufrieden, als die Clique den Platz räumte und rief noch hinter den Jugendlichen her: „Und nehmt gefälligst euren Müll mit!“

 

3.       3.

„Frau von Bühren, ich bin froh, dass sie das Barbiturat so gut vertragen. Ich habe hier ihre Untersuchungsergebnisse“, säuselte der betagte, weißhaarige Arzt. Meike saß still auf einem bequemen Stuhl vor seinem riesigen Schreibtisch. Die Psychiatrische Klinik am Kreuzbachtal überließ die Einrichtung der Arztzimmer offensichtlich den Fachärzten selbst. Meike erkannte, dass dies kein 0815 Praxismobiliar war, sondern ein antikes Stück aus der Gründerzeit. „Wir haben ja einige Tests durchgeführt und ich kann guten Gewissens sagen, dass es ausschließlich erfreuliche Nachrichten gibt. Die Kernspintomographie zeigt keinerlei organische Ursachen für eine mögliche retrograde Amnesie. Wir konnten weder Blutergüsse, noch Hirnblutungen, die von ihrem Autounfall her rühren, feststellen. Auch Tumore können wir ausschließen. Auf ihr Drängen hin haben wir dann ja noch die Single-Photon-Emissions-Computertomographie durchgeführt und dabei festgestellt, dass alle Gehirnbereiche ausreichend mit Blut versorgt werden. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, dass ich diesem invasiven Verfahren nur zugestimmt habe, weil ich mich Ihrem Vater, ein einflussreicher Mann, freundschaftlich verbunden fühle und ich ihm noch einen Gefallen schuldig war. Denn auch die durchgeführten Gedächtnistests haben keinerlei Hinweise auf eine Beeinträchtigung des Langzeitgedächtnisses ergeben.“ „Ja, aber…“, Meike konnte ihren Satz nicht zu Ende führen. Vielleicht lag dies am Sedativum oder aber an ihrer immer noch nicht nachlassenden Verwirrung. „Gehen Sie beruhigt nach Hause und spannen Sie mal aus. Ein Unfall kann auch eine enorme psychische Belastung sein, ein regelrechtes Trauma auslösen.“ „Ja, dann danke“, sagte Meike schlicht, bevor sie das Besprechungszimmer verließ. Eine Stunde später saß sie mit gepacktem Koffer in der Eingangshalle der Klink und versuchte vergeblich, Björn zu erreichen. Mangels eines Mobiltelefons nutze sie dazu den öffentlichen Fernsprechautomat im Foyer. Nun blieben ihr nur noch 20 Cent für einen letzten Anruf, denn ihr Kleingeld war jedes Mal, wenn Björns Mobilbox sich einschaltete, durchgerasselt. Sie beschloss, sich ein Taxi zu rufen.

Meike stand mit knurrendem Magen vor ihrem Kühlschrank. Sie fand zwar Kartoffeln, Möhren, Salat und mehrere Pakete Tofu darin, verspürte aber keinerlei Ambitionen, sich etwas zu kochen. Also zog sie ihren Mantel an, nahm einen 20 Euro – Schein aus dem Schreibtisch und machte sich auf zu ihrer Lieblingspizzeria. Dazu musste sie ein paar Stationen mit dem Bus in einen anderen Stadtteil fahren, den sie sonst lieber mied. Sozialer Wohnungsbau reihte sich an zwielichtiges Etablissement. „Rathausplatz“, blinkte die Anzeigentafel auf und Meike drückte auf den „Stopp“ – Button, um sicher zu gehen, dass der Busfahrer anhielt. Sie stieg aus. Am Brunnen hatte sich eine Gruppe Jugendlicher versammelt, die rauchten und pöbelten, da sie offensichtlich nichts Besseres mit ihrem Tag anzufangen wussten. Meike machte einen Bogen um die Truppe und überquerte den Platz in Richtung Geschäftsstraße. „Clarissa!“, ein Mann fasste ihr an die Schulter. Meike drehte sich um und blickte erschrocken in das Gesicht eines etwa 50 Jahre alten Mannes. Das grau – melierte, schulterlange Haar hing ihm strähnig ins Gesicht. „Kennen wir uns?“, fragte Meike höflich, denn allzu oft war sie schon in der Stadt von Eltern ihrer Schüler angesprochen worden, die sie außerhalb des Schulsettings nicht immer direkt zuordnen konnte. „Willst du mich verkohlen? Ich bin`s doch, der Heinz“, sagte der Fremde und verstärkte seinen Griff an Meikes Schulter. „Ich würd dich ja normaler Weise nicht so auf der Straße anquatschen, aber ich war nun schon dreimal vergeblich im Blue Moon. Wo warst du? Geht man so mit Stammkunden um?“, erzürnte er sich. „Sie… Sie müssen mich verwechseln.“, stammelte Meike. „Jetzt mal im Ernst, du hältst dich wohl für was Besseres. Ich bring meinen schwer verdienten Zaster zu dir und nun willst du mich nicht ´mal kennen“, blökte er weiter. „Entschuldigen Sie, ICH KENNE SIE NICHT!“, schrie Meike ihm ins Gesicht, riss sich los und ging zielstrebig weiter. Sie hoffte, einen selbstbewussten Eindruck zu hinterlassen, denn innerlich zitterte sie wie Espenlaub. Was hatte er von ihr gewollt? Blue Moon? Was sollte das sein? Eine Disco? „Das war das letzte Mal, dass ich bei dir war, du Schlampe!“, hörte Meike den Mann rufen. Sie ging nun noch schnelleren Schrittes weiter, ohne sich noch einmal umzusehen und fühlte sich erst wieder sicher, als sie den vertrauten Gastraum der Pizzeria „Rosaria“ betrat. Sie setzte sich an einen kleinen Tisch am Fenster und beobachtete die Leute, die die Gaststätte passierten. Als Enzo, der Kellner sie fröhlich begrüßte, zuckte sie unwillkürlich zusammen. „Herzeliche Willkommen schönes Fräulein, lange nichte gesehen! Darfe iche etwas zu trinken bringen, eh?!“, säuselte er mit übertrieben italienischem Akzent. „Ein Wasser, bitte.“ „Sehre gerne. Iche hole Speisekarte“, antwortete Enzo zufrieden. „Moment,…“, hielt Meike ihn zurück „kennst du das Blue Moon?“ Enzo schaute irritiert, dann entfuhr ihm ein spöttisches Lachen „Wase iste dase für eine Frage? Jeder kennte dase Blue Moon!“ „Ich nicht“, antwortete Meike ehrlich. „Ist wohl ´ne Bildungslücke. Ist das eine Disco? Jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen!“, lachte Meike und überspielte damit ihre Ungeduld. „Due weißte dase wirklich nichte“, kam Enzo die Erkenntnis. „Das Blue Moon iste eine Puff!“

Meike hatte das Essen nicht  genießen können und es viel zu schnell heruntergeschlungen. Deshalb bestellte sie noch einen Magenbitter. Ob sich der mit ihren Medikamenten vertrug? Egal, sie musste sich schließlich auch etwas Mut antrinken, denn sie war fest entschlossen, dem Blue Moon einen Besuch abzustatten. Das Foto auf dem mysteriösen Handy, war es vielleicht dort entstanden? Kannte man sie dort? Oder hatte der Mann sie tatsächlich nur verwechselt. Meike verspürte wieder diese innere Unruhe. Sie ging die Straße hinunter und folgte der Wegbeschreibung, die Enzo ihr gegeben hatte. Gute 10 Minuten später stand sie vor einem heruntergekommenen Haus, das dringend einen Anstrich benötigt hätte. Reste der noch vorhanden Farbe waren tatsächlich blau. Die Tür war natürlich am helligten Tag verschlossen, es gab aber eine Klingel. Meike drückte zweimal. Nach einigen Sekunden, die ihr wie eine Ewigkeit erschienen, hörte sie Schritte, dann öffnete eine ältere Frau im Kittel die Tür. „Hier is` noch geschloss-“, krächzte sie unwirsch mit ihrer Reibeisenstimme, bevor sie stockte und sich ihr genervter Gesichtsausdruck in ein breites Lächeln verwandelte. Dies enthüllte ihren nur noch rudimentär bezahnten Mund. „Kindchen, da biste ja! Warste geschockt wegen Oleg? Nu` komm erstma` in die gute Stube! Ich bin zwar noch nicht fertig mit Putzen, aber wo du nun endlich wieder da bist… .“ „Kennen Sie mich?“, unterbrach sie Meike. „Du bist ja ganz schön durcheinander, Clarissa! Zimmer 203, das sauberste überhaupt. Muss ich nie viel tun“, antwortete die rundliche Dame verwirrt. „Sie meinen, ich arbeite hier?“, stellte Meike die nächste Frage. Sie fühlte einen skeptischen Blick an sich herunter- und wider heraufgleiten. „Sicher. Zumindest haste das, Kind, bis die Sache mit Oleg war.“ „Darf ich reinkommen?“ Die Alte zuckte mit den Schultern, drehte sich wortlos um und ging wieder hinein in das alte Gebäude. Meike folgte. Sie gingen durch eine weitere Tür in einen großzügig angelegten Barbereich mit Tanzfläche, aber auch der hatte schon bessere Zeiten erlebt. Eine weitere Tür führte in einen langen Gang, der einen Linksknick machte. Schon von Weitem sah Meike den verwaschenen, schmuddelig-rötlich anmutenden Fleck im Teppich, direkt vor Zimmer 203. Meike versuchte zu schlucken, doch ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Fassungslos erkannte sie die Szenerie, die sie auf dem letzten und schlimmsten Foto in der Galerie des mysteriösen Handys gesehen hatte. „Kindchen, jetzt sach doch ma`! Was is`n passiert mit`m Oleg? Haste was geseh`n?“, fragte die Putzfrau. „Wer… ist denn… dieser Oleg?“, brachte Meike nur stammelnd hervor. Ein Redeschwall der erneut abschätzig blickenden Frau ergoss sich über Meike, den sie aber nur noch wie aus der Ferne wahrnahm, denn als sie Zimmer 203 betrat, fiel ihr Blick auf einen auf dem Nachkästchen liegenden Zettel, der die Anschrift ihres Elternhauses preisgab.

 

Sie hämmerte mit aller Kraft gegen die geschlossene Badezimmertür. „Mach schon auf, verdammt!“, brüllte sie. Seit 20 Minuten hatte sie nun erfolglos auf ihre Mutter eingeredet. Hier stimmte doch etwas nicht! Panik machte sich breit. Warum antwortete ihre Mutter nicht? Meistens war es ihr egal, was die kaputte Alte so machte, aber jetzt gewann die Angst überhand. Wie eine dunkle Vorahnung. Mit aller Wucht schmiss sie sich gegen die morsche Tür. Sie ächzte gequält, aber gab dem Gewaltakt nicht nach. Die Angst stieg nun weiter in ihr hoch, schnürte ihr die Kehle zu. „Mama, verdammt!“, schrie sie und warf sich erneut gegen das alte Holz. Es knackte laut. Ihr Herz schlug ihr mittlerweile bis zum Hals. Dies war nicht nur der Anstrengung geschuldet, sondern auch der sich weiter ausbreitenden Panik. Mit einem lauten Schrei warf sie ihren zierlichen Körper ein letztes Mal gegen die Tür und knallte auf der anderen Seite auf den harten Fliesenboden, als diese endlich nachgab. Was sie dann sah, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Ihre Mutter saß auf dem Badewannenrand und starrte apathisch auf die Rasierklinge in ihrer Hand. „Bist du bescheuert?“, schrie sie und schlug ihrer Mutter die Klinge aus der Hand. Blut tropfte auf den matt gewordenen Fliesenboden. „Scheiße!“, fluchte sie und steckte sich den blutenden Finger in den Mund. Das schien ihre Mutter aus ihrer Trance zu holen, sie blickte auf. „Was soll die Scheiße, Mama? Als ob wir nicht schon genug am Arsch wären!“, heulte sie jetzt und ihre Mutter schloss sie in die Arme und weinte mit ihr. „Es tut mir so leid, dass ich dir nicht die Mutter seien konnte, die du verdienst! Aber es ist alles nicht meine Schuld…, ich habe damals, bevor du zu mir kamst, ein Kind verloren. Das war der schlimmste Schmerz, den ich jemals im Leben verspürt habe!“, gestand ihr ihre Mutter und sie fühlte auf einmal neben all dem Hass so etwas wie Mitleid mit der gebrochenen Frau. „Das wusste ich nicht…“, gab sie zurück. „Ich konnte danach keine Kinder mehr kriegen, deshalb habe ich dich… adoptiert.“ „Was? Das sagst du mir jetzt?“, fragte sie entsetzt. „Wer? Wer sind meine leiblichen Eltern?“ „Ich habe noch eine alte Adresse. Du kannst sie haben. Ich sehe ein, dass es ein Fehler war, zu denken, ich könnte mein eigen Fleisch und Blut mit einem fremden Kind ersetzen. Mein Leben macht keinen Sinn mehr. Geh und finde dein Glück bei diesem reichen Pack, die denken ihr Vermögen und ihr gesellschaftlicher Status stellt sie über jedes Gesetz. Du bist genau wie sie. Du denkst, du seist etwas Besseres.“ Sie fühlte körperlichen Schmerz, als die Worte ihrer Mutter sich tief in ihr Herz bohrten und ihre Seele in Fetzen zerschnitten. Jetzt spürte sie auch die Kühle des Badezimmerbodens deutlich unter ihren Füßen. Wortlos stand sie auf, packte ein paar Sachen zusammen und verließ die Wohnung ein allerletztes Mal. Diesmal für immer.

 

4.       4.

Nachdem Meike zurück auf die Straße gelaufen war, übergab sie sich auf den Bürgersteig. Ein Mann wechselte die Straßenseite. „So früh schon besoffen, die scheiß Nutte!“, hörte sie ihn sagen, aber Meike kämpfte immernoch mit den Magenkrämpfen, die nun einen weiteren Schwall der eben verzehrten „Pizza  Rosaria“ ans Tageslicht beförderten. Schweiß ran ihr über die Stirn. Sie wollte nur noch nach Hause, so schnell wie möglich. Wie gern hätte sie jetzt Björn angerufen, aber sie hatte ja seit dem Unfall kein  Mobiltelefon mehr und auswendig wusste sie seine Nummer sowieso nicht. Als sich ihr Magen wieder beruhigt hatte schleppte sie sich zurück zur Bushaltestelle. Ihr war schwindelig und dann und wann musste sie noch immer sauer aufstoßen. Aber sie nahm sich keine, Zeit um an einem Kiosk eine Flasche Wasser zu kaufen. Die letzten Meter rannte sie sogar taumelnd über den Rathausplatz, um den Bus noch zu erreichen, der gerade im Begriff war, die Türen zu schließen und abzufahren. Keine 20 Minuten länger hätte sie es hier ausgehalten, um auf den nächsten Bus zu warten.

Zurück zu Hause, zog sie ihre Jeansjacke aus und warf sie auf das Schränkchen im Flur. Dabei fiel ihr Blick auf das ihr mittlerweile völlig unbekannte Bild im Spiegel. Es blickte ausdruckslos und kreidebleich zurück. Was hatte die Adresse ihrer Eltern im Blue Moon zu suchen gehabt? Und warum glaubte die burschikose Putzfrau, sie zu kennen? Meike nahm eine von ihren Tabletten ein, legte sich auf die Couch im Wohnzimmer und wickelte sich fest in ihre Wolldecke, die ihr Björn letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Wo war er nur? Es wurde Nachmittag, dann Abend und immer noch kein Zeichen von Björn. War ihm doch alles zuviel geworden mit ihr? Meldete er sich deshalb nicht? Sie hatte zwar den Eindruck gehabt, dass er Verständnis für sie aufgebracht hätte, als sie ihm von den mysteriösen Bildern auf ihrem Handy erzählt hatte, aber wer widersprach schon einer Verrückten? Das Handy. Es lag immernoch auf dem Couchtisch neben dem aufgerissenen Briefumschlag. Meike nahm ihn noch einmal in die Hand und drehte ihn auf der Suche nach einem Absender. Plötzlich bemerkte sie, dass die Ecke eines gelben Post-its aus der Öffnung hervorguckte. Meikes Puls begann zu rasen. Würde dieser Zettel alles erklären? Es gab eine Erklärung, redete Meike sich ein. Es musste so sein. Langsam zog sie den kleinen, gelben Zettel aus dem Umschlag hervor. Die Worte darauf waren in einer filigranen Handschrift geschrieben, vermutlich von einer Frau: „Die guten Jahre sind vorbei! Stell dich der Polizei oder es sterben deine liebsten Menschen!“ Als Meike die Botschaft las, wusste sie, dass Björn tot war.

 

Sie stand schon seit einer halben Stunde unter der Dusche. Der letzte Freier, den ihr Oleg vermittelt hatte, war keiner ihrer Stammkunden gewesen. Dieses perverse Schwein hatte gestunken, als habe er sich seit Tagen nicht gewaschen. Doch was sollte sie machen? Sie war sich bewusst gewesen, dass Oleg die ganze Zeit „zu ihrem Schutz“ vor der Tür gestanden hatte. Nun gut, wenigstens hatte er die Uhr punktgenau im Blick und auch dafür gesorgt, dass der Ekeltyp die Kohle schon vorher herausgerückt hatte. Sie drehte das Wasser ab und hüllte sich in ein Handtuch. Als sie zurück in ihren Arbeitsbereich kam, lag wieder kein Geld auf der schäbigen Bettdecke. Ihre Hände begannen zu zittern. Sie brauchte dringend etwas zur Beruhigung. Wütend riss sie die Tür auf. „OLEG! Wo ist meine Kohle?“, schrie sie! „Hey Kleine, jetzt halt mal die Füße still! Du glaubst wohl, ich schmeiß dir die Tacken hinterher. Weißt du eigentlich, was mich das alles kostet, mich hier um dich zu kümmern?“, Oleg drehte sich weg mit einem arroganten Grinsen im Gesicht. Das war zuviel! Diesmal war er zu weit gegangen! Seit Tagen hatte sie nichts Richtiges gegessen und aus Geldmangel in letzter Zeit sogar auf die Kondome verzichtet. Beim Hinausgehen packte sie den Kerzenständer, der neben der Tür stand. Ihre ganze Wut entlud sich in einem heftigen Schlag, den sie Oleg auf den Kopf versetzte. Den Schlag hatte er nicht kommen sehen. Der schmächtige Mann ging zu Boden. Blut lief auf den schmuddeligen Teppich und benetzte ihre nackten Füße. Was hatte sie getan? Minutenlang stand sie zitternd im Gang, blickte in Schockstarre auf den am Boden liegenden Mann und lauschte dem Rauschen in ihren Ohren. Die Geräusche in ihrer Umgebung nahm sie nicht  mehr wahr.

 

5.       5.

„Ich habe ihn ermordet“, schrie Meike durch das Polizeipräsidium und haute mit der Faust auf den Tisch. „Dann schildern Sie uns bitte die Umstände und verraten Sie uns endlich, WEN Sie ermordet haben!“, der junge, blond gelockte Polizeibeamte rührte in seiner Kaffeetasse. „Ich weiß es nicht! ICH WEIß ES DOCH NICHT!“, brüllte Meike. „Ich kann mich nicht erinnern, aber ich bin sicher, ich habe es getan! Deshalb stelle ich mich jetzt, damit nicht noch Schlimmeres passiert!“ „Aber wie kommen Sie denn darauf, dass Sie jemandem das Leben genommen haben, wenn Sie sich doch gar nicht daran erinnern?“, fragte der Diensthabende genervt. „Ich kann es beweisen!“, fiel Meike plötzlich ein und legte dem überraschten Polizist das Handy mit dem Bild von ihr, Meike, in der Blutlache auf den Tisch. Dann ging alles ganz schnell: „Frau von Bühren, Sie stehen unter dringendem Tatverdacht, eine Straftat mit Todesfolge begangen zu haben. Sie sind hiermit festgenommen. Sie sind nicht verpflichtet, eine Aussage zu machen, wenn Sie sich damit selbst belasten.“ Das Mordopfer sowie die Tatwaffe hatte man schon vor einigen Wochen gefunden, am Ort, den auch das Foto zeigte. Es handelte sich hier um einen gewissen Oleg Dzialkowsi, einen russischen Zuhälter, milieubekannt.

„Mund auf, bitte“, eine behandschuhte Hand führte ein Wattestäbchen in Meikes Mund, um einen Schleimhautabstrich zu nehmen. „Wir gleichen ihre DNA mit der am Tatort gefundenen ab, dann wissen wir mehr“, sagte die freundliche Polizistin, die zu Meike in die Zelle gekommen war. Auch ihre Fingerabdrücke hatte man ihr mithilfe eines elektronischen Gerätes abgenommen.  Meike war erschöpft. Sie hatte keine Worte mehr und auch keine Tränen. In was für einem Albtraum war sie da gefangen? Ihr alltägliches, glückliches Leben schien ihr eine Ewigkeit her zu sein. Es würde niemals wieder so sein wie früher. Björn war tot. Und sie eine Mörderin. Ohne Erinnerung. Aber eine Mörderin. Zumindest musste sie vorgeben, eine zu sein. Meike verbrachte die kommenden Tage nahezu bewegungsunfähig in ihrer Zelle. Die Last ihrer dunklen Gedanken lähmte sie. Mit jedem Tag wurde sie blasser und schmaler, da sie kaum Nahrung zu sich nahm. Es war, als hätte ihr Körper aufgegeben. In Endlosschleifen gingen ihr die immer gleichen Gedanken durch den Kopf. Wenn sie vor Erschöpfung einschlief, träumt sie, verfolgt zu werden, gejagt von sich selbst. Dann erwachte sie schreiend und schweißgebadet auf ihrer harten Pritsche in der Untersuchungshaft.

Meike konnte nicht sagen, wie viele Tage vergangen waren, als sie eines Morgens in den Verhörraum gebeten wurde. „Frau von Bühren, sind Ihre Erinnerungen mittlerweile zurückgekehrt? Oder zumindest Fragmente?“, fragte der Polizeibeamte, der sich als Herr Struwe vorgestellt hatte. „Nein, nichts“, sagte Meike tonlos. „Ich möchte ehrlich zu Ihnen sein, wir stehen vor einem Rätsel. Ihre DNA stimmt mit der am Tatort sichergestellten überein, aber die Fingerabdrücke auf dem Tatwerkzeug sind nicht Ihre.“ Meike sah auf, ein kurzer Schimmer von Hoffnung in ihren Augen. „Vielleicht waren Sie am Tatort, vielleicht haben Sie den Mord beobachtet und dann verdrängt. Dies könnte ein Schutzmechanismus des Gehirns -“ „Ich war das gar nicht?“, fragte Meike hoffnungsvoll. „Aber das Foto…“ „Tja“, gab Herr Struwe schulterzuckend zurück „das wissen wir nicht. Aber da keine Fluchtgefahr besteht, haben wir keinen Grund, Sie hier weiter festzuhalten. Halten Sie sich aber weiter zu unserer Verfügung.“ „Aber – nein – ich meine,… ich kann nicht  nach Hause! Bitte, sind Sie denn ganz sicher, dass es nicht doch meine Fingerabdrücke -“ „Frau von Bühren, gehen Sie nach Hause.“

 

Seit einer Ewigkeit blickte sie auf ihr Handydisplay. Auf dem Foto, das sie erhalten hatte, sah sie sich – in einer Blutlache stehend – neben Olegs leblosem Körper. Seit ihrer Flucht aus dem Bordell hatte sie versucht, jede Erinnerung an diesen verhängnisvollen Abend zu verdrängen, auszulöschen. Sie schämte sich. Sie war zu der Person geworden, die sie niemals hatte seien wollen: ein Ebenbild ihrer „Mutter“. Und jetzt gab es auch noch einen Mitwisser. Wie hatte er sie gefunden? Bei ihrer Arbeit hatte sie nie ihren bürgerlichen Namen „Becker“ erwähnt und seit dem Umzug sich auch noch nicht bei ihrer neuen Adresse gemeldet. Sollte das das Ende sein, ihren elenden Lebens? Sie war verzweifelt. Sie hatte soviel mehr verdient und das hatte ihre „Mutter“ ihr alles genommen. In den letzten Wochen, in denen sie untergetaucht war, hatte sie sich mehr und mehr mit ihrer Vergangenheit beschäftigt. Warum hatte ihre leibliche Mutter sie bloß weggegeben? Wie kann eine Frau so etwas nur tun? Dafür konnte sie kein Verständnis aufbringen. Ihren Vater hatte sie einige Male beobachtet. Er war stets gut gekleidet mit einem gutmütigen Gesicht. Die Traurigkeit in seinen Augen sah nur, wer selbst tiefe Trauer kannte. In ihren Augen traf ihn keine Schuld. Einmal saß er in einem Café mit einer jungen Frau, ihrer Schwester. Sie wünschte sich so sehr, sie hätte an ihrer Stelle mit ihrem Vater am Tisch gesessen. Und es war auch beinahe so, als wäre sie es gewesen, denn das Gesicht der jungen Frau, war ihr Ebenbild. Und das war die Lösung! Sie löschte alle persönlichen Daten von ihrem Mobiltelefon, außer der Fotogalerie, schrieb eine Notiz auf ein Post-it und steckte das Handy in einen wattierten Umschlag.

 

6.       6.

Verzweifelt saß Meike im Taxi, das sie zu ihrer Wohnung brachte. Sie hatte sich einen Plan zurecht gelegt. Keinen vielversprechenden, aber zumindest war es ein Plan. Zu Hause angekommen würde sie all ihre Lieben warnen, denn der Absender des Handys meinte es ernst. Das hatte er mit Björns Tod bewiesen. Sie würde offen sagen, dass sie bedroht würde und sich alle in Acht nehmen sollten. Dieser Wahnsinn – ihr Wahnsinn – durfte nicht  noch mehr Menschen das Leben kosten. Zu Hause angekommen verlor Meike keine Zeit und ging der Reihe nach ihr Adressbuch durch. Zum Glück war sie in der Hinsicht  noch ´old-school`. Sie war nicht  nur eine der wenigen Leute in ihrem Alter, die noch einen Festnetzanschluss besaßen, sie hatte auch akribisch alle Telefonnummern ihrer Freunde und Verwandten in ihren Lehrerkalender eingetragen. Die Gespräche dauerten jedoch länger als gedacht. Schon der erste Anruf bei ihrer besten Freundin Bine verschlang eine gute halbe Stunde. Zunächst hatte Bine gefragt, wo sie die letzten Tage gesteckt habe und dann versucht, ihre Sorge als Paranoia abzustempeln. So war der Plan nicht effektiv. Alles schien aus dem Ruder zu laufen. Da klingelte zwischen dem dritten und vierten Telefonat auf einmal das Telefon. Meike zuckte zusammen ob des ungewohnten Tons. In der Regel riefen sie nur noch ihre Eltern über das Festnetztelefon an. „Von Bühren“, meldete sich Meike dann aber doch recht zügig, ihre Eltern hatte sie ja sowieso anrufen wollen. „Meike? Hier ist Papa. Mama ist tot.“

Meike verbrachte die Nacht bei ihrem Vater. Rosalinde von Bühren war auf der Straße von einem PKW überfahren worden. Der Täter hatte Fahrerflucht begangen. In der von Bühren – Villa saßen Meike und ihr Vater Eberhard stundenlang wortlos vor dem Kaminfeuer. Irgendwann durchbrachen Meikes Worte das Schweigen: „Ich glaube, das war kein Unfall.“, sagte sie leise, aber bestimmt. Entgegen ihrer Erwartung widersprach ihr Vater nicht. „Wie kommst du darauf?“, fragte er stattdessen. Meike hatte keine Kraft mehr, irgendetwas zu verschleiern und so brach ihr ganzes Elend aus ihr heraus. „Papa, ich werde bedroht. Ich habe vielleicht etwas Schlimmes getan.“ „Was hast du getan, Mädchen, du kannst mir alles anvertrauen. Wir haben ja nur noch uns beiden, … außer…“, Eberhard verstummte und sah Meike ermutigend an. „Es gibt ein Bild von mir, an einem Tatort. Jemand wurde ermordet, ein gewisser Dzialkowski. Meine DNA wurde am Tatort entdeckt, aber die Fingerabdrücke auf der Tatwaffe stimmen nicht mit meinen überein. Ich muss mich stellen, sonst sterben Menschen -“ Herr von Bühren schlug die Hände vor sein Gesicht und weinte. Meike beteuerte, sie habe keine Erinnerung an all das und sie zweifele an ihrem Verstand, ja, aber glaube, dass sie es nicht getan hatte. Doch all das konnte ihren Vater nicht beruhigen. Schließlich stand er auf, ging die Treppe hinauf und Meike hörte, wie ihr Vater die Klappleiter zum Dachboden ausfuhr. Nach einer viertel Stunde kam er zurück mit einer alten Blechdose. Er setzte sich wieder in seinen Ohrensessel. Meike hatte sich inzwischen in eine Decke gehüllt und auf den Boden nah vor das Feuer gesetzt, doch all das schien nicht gegen das Frösteln zu helfen, dass sie immer heftiger schüttelte. Mit zitternden Fingern öffnete Eberhard von Bühren die Dose und reichte Meike einen Zeitungsausschnitt, den er daraus hervorzog. „Unbekannter überfährt junge Frau an Fußgängerüberweg“, lautete die Schlagzeile. Meike las laut vor: „ Am Abend des 9. Januar 1985 wurde an der Ruhrallee, Ecke Widaystraße, eine schwangere Frau auf dem Fußgängerüberweg überfahren. Sie überlebte schwer verletzt, verlor aber ihr ungeborenes Baby im 8. Schwangerschaftsmonat. Der Täter beging Fahrerflucht. Zeugen berichten, dass es sich um einen dunklen Mercedes gehandelt habe. Das Kennzeichen ist unbekannt. Mit sachdienlichen Hinweisen wenden Sie sich bitte an die örtliche Polizeidienststelle.“ Meike sah verwirrt zu ihrem Vater auf: „Was ist das?“, fragte sie. „Das ist das Erbe deiner Mutter.“

Sie hatte sich die Kapuze des schwarzen Pullovers, der locker zwei Nummern zu groß war, tief ins Gesicht gezogen. Irgendwie fühlte sie sich geborgen in dieser textilen Hülle. Sie trug ihn oft nach einem langen Arbeitstag oder, wenn sie krank im Bett lag. Der frische Geruch des Waschpulvers beruhigte sie und beschützte sie vor der Welt da draußen, voller Demütigungen und Enttäuschungen. Sie öffnete die Tür des Fitness – Tempels und fühlte sich sofort fehl am Platz. Schon vor zwei Wochen war sie zum ersten Mal hier gewesen und hatte sich über die Kosten einer Monatskarte informiert. Diese brachte ihr den Vorteil, nicht direkt eine Mitgliedschaft abschließen und so ihre persönlichen Daten preisgeben zu müssen. Seitdem war sie fast täglich dort gewesen und hatte sich unauffällig im Sauna- und Barbereich herumgedrückt. Heute wollte sie es endlich wagen. In den vergangenen vierzehn Tagen hatte sich schon die ein- oder andere Möglichkeit geboten, ihren Plan zu Ende zu führen, aber sie hatte nicht den Mut aufbringen können, ihn durchzuziehen. Im Grunde war sie kein schlechter Mensch. Nur verzweifelt und getrieben von einer Scheißangst. Nach jeder verpassten Gelegenheit war sie zunächst erleichtert gewesen, nicht diesen Schritt gegangen zu sein, aber zurück in ihrem Unterschlupf war die Panik zurück gekommen und sie hatte sich eine weitere schlaflose Nacht lang kasteit. Es ging nicht anders, es gab keinen Ausweg. Heute würde sie den Schneid aufbringen und es tun. Um ihn zu gewinnen, den Kampf um ein letztes Stück Normalität.

Björn trat aus dem Kraftraum heraus und trocknete sich mit einem Handtuch das schweißnasse Gesicht. Während er an der Bar vorbeiging, rief er der jungen Frau hinter dem Tresen zu: „Mach mir doch schonmal einen Weizengrasshot fertig, ich spring` schnell unter die Dusche!“ „Klar, doch!“, flötete die rothaarige, leidlich hübsche Thekenfrau, die sofort ein winziges Glas mit einer grünen Flüssigkeit befüllte und auf dem Tresen vor einem leeren Barhocker platzierte. Schnurstracks ging sie auf die Dame zu und bestellte einen Proteinshake. „To go, bitte!“, verlangte sie. Die Rothaarige warf ihr nur einen abschätzigen Blick ob ihres für diesen Ort ungewöhnlichen Outfits zu und bückte sich, um die Dose mit dem Proteinpulver aus dem Schrank zu nehmen. Das war schneller vonstattengegangen, als erwartet. Sie zupfte nervös an den Fäden des sich schon auflösenden Bündchens ihres Pullovers. Mist! Doch dann spielte ihr das Schicksal in die Hände und  das Telefon klingelte. „Andys Fitnesspalast“, meldete sich die Angestellte in freundlichstem Singsang. „Der Chef, ja der ist hinten, Moment ich schau` mal, ob er Zeit hat“, antwortete ebendiese dem unbekannten Anrufer, machte auf dem Absatz kehrt und ging in Richtung der hinteren Geschäftsräume.

Das kleine Fläschchen mit dem Cyanid hatte sie schon im Ärmel ihres Pullovers geöffnet. Es war doch wirklich allzu leicht gewesen, es zu beschaffen und genauso einfach hatte es sich gestaltet, das kleine Gefäß in das Shotglas mit dem Weizengrascocktail zu entleeren. Sie drehte sich noch einmal um, doch sowohl die Tür zum Trainingsraum, als auch die zum Chill-out  – Bereich blieben verschlossen. Sie wollte gerade das Weite suchen, als die Bardame aus dem Privatbereich des Studios zurückkam. Ok, also musste sie nun doch noch auf ihren Shake warten. Die Frau hinter der Theke, die keinen Hehl aus ihrer Missachtung für die seltsame Erscheinung an ihrer Bar machte, vermied es, ihre Energie in Smalltalk zu investieren und brachte nur ein unfreundliches „Bitte!“ hervor, als sie ihr den Pappbecher mit umweltfreundlichem Bambusstrohhalm hinüberschob. Während sie das Kleingeld aus ihrer Hosentasche zusammensuchte, kam Björn gewohnt lässig zurück aus dem Duschbereich. Seine blonden, noch feuchten Haare hatte er zurückgekämmt. Er schenkte der Tresenfrau ein hollywoodreifes Lächeln, das sie mit einem verlegenen Grinsen beantwortete. „Zum Wohl!“, sagte sie schüchtern. Björn hob das Glas und führte es zu seinen Lippen. „NEIN!“, wollte sie noch rufen, aber das Wort blieb ihr im Hals stecken. Und schon hatte Björn das Gemsich heruntergeschüttet. Mit zitternden Händen nahm sie ihren Becher und verließ den „Fitnesspalast“ ohne einen Abschiedsgruß durch das Portal.

 

7.       7.

„Moment, willst du mir sagen, dass Mama angefahren wurde? War sie schon einmal schwanger, bevor sie mich bekam?“, fragte Meike. „Nein, mein Mädchen, es ist alles noch viel schrecklicher. Deine Mutter fuhr den Unfallwagen.“ Wortlos reichte Eberhard seiner Tochter ein weiteres Artefakt aus der Blechdose. Es war ein Foto von ihrer jungen Mutter, die in jedem Arm ein Neugeborenes hielt. „Ich erkenne Mama“, sagte Meike leise, während ihr eine Träne die Wange herunterlief. „Wer sind die Babies?“ „Das links bist du, mein Schatz, und rechts ist deine Schwester Sonja.“ „Ich  habe eine Schwester?“, brach es aus Meike heraus. „Eine Zwillingsschwester?“ „Ich erzähle es dir von vorn“, brachte Eberhard von Bühren hervor. Das Sprechen fiel ihm schwer. Es schien, als koste ihn jeder Satz einen Teil seiner schwindenden Lebensenergie. „Deine Mutter plagten nach dem Unfall unüberwindbar scheinende Gewissensbisse. Sie brachte es nicht über sich, sich der Polizei zu stellen, da sie an dem besagten Abend auch Alkohol zu sich genommen hatte. Sie schämte sich dafür. Stattdessen suchte sie Kontakt zu ihrem Opfer, Marie Becker. Zunächst unter einem Vorwand, dann offenbarte sie sich. Die beiden Frauen waren einander zu diesem Zeitpunkt schon so sehr ans Herz gewachsen, dass Marie Becker nicht sofort zur Polizei lief. Zumindest glaubte ich das damals. Heute denke ich, dass es einfach Berechnung war. Die Frauen schlossen einen Pakt. Marie verlangte, da deine Mutter kurze Zeit später mit euch Zwillingen schwanger wurde, dass sie eines der Kinder bekommen würde. Es war die schwerste Entscheidung unseres Lebens und ich habe sie bis heute bereut, aber wir vereinbarten, dass der erstgeborene Zwilling, du Meike, bei uns bleiben würde und das zweite Kind, Sonja, Marie Becker zu sich nahm. Deine Mutter gebar euch beide hier zu Hause, noch am gleichen Abend nahm Marie Sonja mit und brach den Kontakt zu uns ab. Vermutlich aus Angst, wir könnten es uns anders überlegen. Deine Mutter war die Königin des Verdrängens, sie sprach nie wieder von Sonja. Stattdessen verwöhnte sie dich, ihr nun einziges Kind, wie eine Prinzessin. Du musst zugeben, es hat dir an nichts gefehlt. Sie hat das vermutlich mit sich selber ausgemacht, so war sie, deine Mutter. Mich hingegen hat der Verlust unseres zweiten Kindes nicht mehr losgelassen. Vielleicht war das Schlimmste, dass ich mit niemandem darüber reden konnte. Und so beschloss ich nach zweieinhalb Jahren, mich auf die Suche nach Marie Becker und Sonja zu begeben. Ich fand sie und behielt sie im Auge. Doch was ich da sah, bereitet mir große Sorgen. Marie litt unter Depressionen. Ich schätze, dass sie Sonja nie als ihr eigenes Kind annehmen konnte und sie auch deshalb oft sich selbst überließ. Aufgrund der Erkrankung Maries, war  sie nicht in der Lage gewesen, zu arbeiten. So kam sie nur mehr schlecht als recht über die Runden. Ich versuchte hier und da zu helfen, mit Geld, das ich anonym verschickte, aber ich hatte da kaum Möglichkeiten. Einmal sprach ich Sonja auf der Straße an. Ich ließ es aussehen wie einen Zufall. Da war Sonja ca. 15 Jahre alt. Für einen Moment sahen wir uns in die Augen. Ich war mir sicher, sie spürte die Verbindung, aber dann schrie sie mich an: „Verpiss dich, du alter Wichser!“ Sonja rutschte ins Milieu ab und verdiente ihren Lebensunterhalt als Prostituierte. Und wir waren Schuld daran. Sie hatte ja nie einen Vater gehabt, nur eine unzuverlässige, lieblose Mutter, kam früh mit Alkohol und Drogen in Kontakt und führte ein aussichtsloses Leben. Ich kann nur vermuten, dass Sonja irgendwann von ihrer Herkunft erfuhr und jetzt den Mord an ihrem Zuhälter auf dich abwälzen will. Außerdem übt sie Rache an dir, weil du das Leben hattest, das auch ihr zugestanden hätte.“

Meike war sprachlos. Die Tränen rollten ihr mittlerweile in Sturzbächen über die Wangen. Sie drückte ihren Vater an sich, der heute noch viel älter wirkte als 71. Meike weinte und weinte. Um das Schicksal ihrer Mutter und ihres Vaters und um ihre verlorene Schwerster Sonja. Auf einmal ergab alles Sinn. Alle Fotos auf dem mysteriösen Handy zeigten nicht sie, Meike, sondern Sonja. Der Face – ID war es nicht möglich gewesen, die Gesichter zweier eineiiger Zwillinge zu unterscheiden, deshalb hatte sie das Telefon problemlos entsperren können. Und auch ihre und Sonjas DNA waren durch gängige Tests nicht voneinander zu unterscheiden gewesen. Was hatte Sonja getan? Wie musste sie sich wohl fühlen? Ein bisschen konnte Meike ihre Schwester sogar verstehen. Sonja wäre nicht zu diesem Menschen geworden, der sie nun war, wenn sie unter den gleichen Bedingungen aufgewachsen wäre, wie sie selbst. Meike fühlte sich unendlich schuldig. Aber warum hatte Sonja sich nie gemeldet und ihr nun Freund und Mutter genommen? Das Schellen der Türklingel riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Vater stand auf, um die Tür zu öffnen. Da es schon spät war und Eberhard von Bühren heute besonders wackelig auf den Beinen, begleitete Meike ihn. Über die Kamera, welche die Eingangstür zeigte, sahen sie eine Gestalt im schwarzen Kapuzenpullover, die ihnen den Rücken zudrehte. Eberhard von Bühren nahm den Hörer der Gegensprechanlage ab und fragte: „Wer ist da?“ Dem alten Mann fiel der Hörer aus Hand, als sich die Gestalt umdrehte und sagte: „Ich bin`s Papa, Sonja.“

 

ENDE

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14 thoughts on “Das bist du mir schuldig

  1. Hallo Nici!

    Die Parameter hast du super umgesetzt, dir ist eine spannende Kurzgeschichte gelungen! Mir hat sie sehr gut gefallen. Ein Like von mir für deine Geschichte.

    LG , Florian

    PS. Ich würde mich sehr freuen, wenn du auch meine Geschichte lesen und vlt einen kurzen Kommentar als Feedback und – sollte dir die Geschichte so gut gefallen – sogar ein Like da lassen würdest!

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/schach-matt

    1+
  2. Moin Moin Nici,

    eine tolle Geschichte die du dir da ausgedacht hast. Dein Stil ist sehr lebhaft und deine Beschreibungen kommen sehr bildhaft daher. Deine Dialoge wirken sehr authentisch und man fühlt mit deinen Charakteren. Dein Spannungsbogen ist gut ausgearbeitet. Hat mir gut gefallen…

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für‘s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

    1+
  3. Liebe Nici,
    und wieder eine Zwillingsgeschichte! 😀 Wenn ich hier so weiterlese, dann werden mir in Zukunft alle eineiigen Zwillinge unheimlich sein… 😀
    Ich finde deine Geschichte ist sehr gut geschrieben, sehr detaillreich und bildhaft. Ich hatte auch das Gefühl, dass du viel recherchiert hast. Zum Beispiel, als die vielen Tests bei Meike gemacht wurden, um Schäden an ihrem Gehirn auszuschließen.
    Das Einzige, was mich „gestört“ hat, ist die Länge deiner Erzählung. Zum Beispiel die Szene im Fitnesstudio hätte es für mich persönlich (!) gar nicht gebraucht, obwohl sie sehr gut geschrieben ist. Für mich ist dein Werk eher eine Medium-Story als eine Kurzgeschichte 😀
    Trotzdem habe ich sie bis zum Ende gelesen und sie hat mir – wie gesagt – sehr gut gefallen.
    Daher habe ich dir auch ein Herzchen dagelassen.

    LG
    Merle (Geschichte: Sepia)

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  4. Ganz lieben Dank für deinen hilfreichen Kommentar! Das ist mal eine ausführliche Kritik! Danke auch, dass du dir soviel Zeit genommen hast, die Geschichte zu Ende zu lesen. Ich war selbst überrascht, wie lang sie geworden ist.😉 Ich bin gespannt auf deine Geschichte und setze sie auf meine Leseliste!

    1+
  5. Liebe Nici,
    so eine laaaaange Geschichte. Wow! Aber nun fällt mein Kommentar auch etwas länger aus 😬. Bereits bei deinem Prolog hattest du mich in deinen Bann gezogen und bereits dort musste ich schmunzeln, denn meine Protagonistin heißt Marie. Was eine Überraschung! Ich mag deinen Stil sehr und mit unverbrauchten Bildern beschreibst du herrlich die Stimmung (z. B. gebetsmühlenartig).
    Gekonnt arbeitest du ein Sachthema 🤩 ein, ohne dabei belehrend zu wirken. Ich sage nur retrograde Amnesie, Sedativum …
    Deine Geschichte ist so verdammt spannend und sie gehört zu meinen Topfavoriten. Ich bin einfach nur begeistert, vielleicht auch, weil ich Zwillingsgeschichten so faszinierend finde und selbst eine geschrieben habe. Da war es sehr spannend zu sehen, wie du an das Thema herangegangen bist. Und ich hatte natürlich auch vorher recherchiert wie das bei eineiigen Zwillingen mit DNA und Fingerabdruck aussieht.

    Bei mir hatte eine Teilnehmerin in meine Kommentare geschrieben: „Das doppelte Lottchen einmal anderes“ und das gebe ich gerne an dich weiter. Suuuper!!!
    Viel Erfolg weiterhin 🍀! Mein Like 👍 hast du und wenn dich meine Geschichte interessiert, sie heißt „Happy birthday“ 🎈.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/happy-birthday
    Du kannst sie auch anhören. Der Link zum Hörbuch steht in meinem Profil oben.
    Liebe Grüße,
    Martina

    1+
    1. Wow, jetzt bin ich platt, liebe Martina! So ein herzlicher und umfangreicher Kommentar! Ich freue mich darüber sehr. Fühl dich gedrückt! Ich lese deine Geschichte jetzt zum Einschlafen. 😉
      Vielen Dank nochmal und liebe Grüße!

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