Lilis LesemomenteDas dunkle Geheimnis

 

Das dunkle Geheimnis

Rache

Ich weiß, Rache ist kleinlich und schäbig,

aber warum soll ich es einem, der mir etwas angetan hat, nicht heimzahlen?

Irgendwann, wenn die Sache längst vergessen scheint, ziehe ich ihm den Stuhl unter dem Hintern weg – manchmal erst zehn Jahre später.

 – Karl und wie er die Welt sah – Prestel –

Christian konnte er den Stuhl nicht mehr unter dem Hintern wegziehen. Christian war tot. Gestorben an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er lächelte hämisch. Traurig war er darüber nicht. – Wenn es auch seine Pläne durchkreuzte.

Damals hatte er Rache geschworen. Ewige Rache. Christian hatte ihm “sein Mädchen” ausgespannt. – Gut, den Status hatten er und Susanne nie geklärt. Vielleicht ein Fehler. Bestimmt sogar, zurückblickend. Und dennoch! Mitleid hatte er nicht. Was er stattdessen hatte, war der Wunsch nach Vergeltung. Und er wusste, genauso wenig wie Geld jemanden vor einer Krankheit bewahren konnte, genauso wenig konnte Christian ihm vor seiner Rache entkommen. Dann nahm er sich eben seinen Sohn vor.

Susanne hatte ihn von Anfang an verzaubert. Ihr zartes Wesen und ihre sportliche Art ergänzten sich optimal – ein Mädchen zum Pferde stehlen. In ihrer Gegenwart fühlte er sich unbeschwert und überglücklich. Gerade als sich zarte Bande zwischen ihnen entwickelten, kam Christian in die Parallelklasse. Mitten im ersten Halbjahr der 8. Klasse. Dessen Eltern hatten sich damals getrennt und er zog aus irgend so einem kleinen Nest knapp 30 km von Hannover entfernt in die Landeshauptstadt. Teufel, warum mussten sich zu der Zeit gerade dessen Eltern trennen?

Zunächst fand er Christian ja ganz nett, aber als sich Susanne von ihm abwandte um mit Christian zusammen zu sein, konnte er es kaum fassen. Ein unbändiger Zorn überkam ihn. Doch was sollte er machen? Er konnte ihm ja schlecht eine Kugel in den Kopf jagen, oder? Auf jeden Fall stand mit der Idee sein Berufswunsch fest: Er wollte Polizist werden. Falls er die Möglichkeit bekommen sollte, hatte er zumindest eine Waffe.

***

Da steht dieser Junge nun nach 22 Uhr im Schutz der Schatten der Bäume und starrt ins beleuchtete Fenster im ersten Stock des Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Dieser Bursche brauchte nicht glauben, dass das so weiter geht oder er gar bei diesem Mädchen landen könnte. So weit kommt es noch! Die Suppe würde er ihm ordentlich versalzen. Und er wusste auch schon wie.

***

Lukas wurde es heiß und kalt.

Auf dem Handy, dass er am Abend seiner Rückkehr im Flur neben der Schlüsselablage gefunden hatte, waren Fotos von ihm. In sehr guter Qualität. Fotos, die zeigten, wie er zu Danas Fenster hochschaute. Ihm war speiübel. Wenn das tatsächlich bekannt wird, in der Schule bekannt wird, dann ist er bei seinen Mitschülern, den Lehrern und vor allem bei Dana unten durch. Gestorben! Dann gilt er als mieser, widerlicher Spanner. Feige noch dazu. Durch seinen Herzschlag spürte er, wie sich sein Puls beschleunigte. Er hatte Angst. Regelrecht Schiss. Er musste zur Toilette. So also war es, wenn man Schiss hatte. Sein Magen rebellierte und er fühlte sich fiebrig. Wer hat ihm bloß das Handy in den Flur gelegt? Seine Mutter wohl kaum. War sonst irgendetwas verändert? Hatte er die Tür wirklich aufschließen müssen? An wen konnte er sich jetzt wenden? Wen um Rat fragen? Ihm fiel niemand ein. Die Sache war hoffnungslos.

Er war der Kranke, der Spanner, der Stalker. Er war der Böse. Was sollte er nur tun? Die Gedanken schossen ihm nur so durch den Kopf. Keinen der Gedanken konnte er richtig greifen oder gar beantworten. Er war verliebt. Verliebt in Dana. Dem schönsten Mädchen auf der Schule. Quatsch, auf der ganzen Welt. Seiner Welt. Es war zum Verzweifeln.

Wwwt. Wwwt. Das Handy vibrierte. Fast wäre es ihm aus der Hand gefallen. Eine SMS. Der Ton war also stumm und die Vibration eingeschaltet. “Lass das Mädchen in Ruhe!” Die Nachricht war unmissverständlich. Von einer Konsequenz, wenn er es nicht tat, stand nichts geschrieben. Doch die Aufnahmen auf dem Handy waren beunruhigend genug. Er konnte sich ausmalen, was passierte, wenn er es nicht tat. Er wollte nicht, dass irgendjemand davon erfuhr.

Er sollte sie also nie wieder sehen dürfen. Nie mehr auch nur anschauen dürfen. Jetzt bekam er auch noch Schüttelfrost. Sein ganzer Körper spielte verrückt. Er musste sich unbedingt beruhigen, sich eine Strategie zurechtlegen. Leichter gesagt als getan.

Dieses verdammte Handy hatte sich sofort entsperrt, als er es in die Hand nahm. Per Fingerabdruck. Er konnte in dem Moment nur staunend aufs Handy blicken. Wie, verdammt noch mal, kam jemand ins Haus und wieso konnte jemand seinen Fingerscan einfügen? Und wer wusste, dass er sich nachts vor Danas Fenster “herumtrieb”? Er hatte sich bisher nie beobachtet gefühlt. Jetzt würde er am liebsten alle Fenster zumauern.

Lukas hatte angenommen, dass das Handy, das er im Flur gefunden hatte, seiner Mutter gehörte. Nach Vaters Tod war ihr das Handy nicht mehr so wichtig. Früher schleppte sie es überall mit sich herum, damit er sie immer erreichen konnte. Die beiden waren verliebt wie zwei Teenager. Doch heute ließ sie es überall herumliegen. Doch als er das Handy zur Seite legen wollte, entsperrte es sich und zeigte, wie er im Schatten vor Danas Haus stand und zu ihr hochblickte. Ihm wurde abermals schlecht.

***

Pitti, bist du zu Hause?” – die Stimme ihres Vaters dröhnte durchs Haus. Selbst durch die geschlossene Tür konnte sie ihn hören. Sie wird sich wohl nie daran gewöhnen. Doch die feste Stimme ihres Vaters gehörte sozusagen “zum Equipment”. Als Polizist braucht man eine Stimme, die verständlich ist und keinen Widerspruch duldet. “Aber doch nicht zu Hause” denkt Dana und schüttelt den Kopf. Pitti antwortet nicht. Ihre Mutter hat beim Bügeln sicher wieder ihre Kopfhörer auf und hört eines ihrer Hörbücher. Seit ihre Augen bei schlechtem Licht fast die Buchstaben nicht mehr erkennen, ist sie auf Hörbücher umgestiegen. Die Qualität der Hörbücher sei viel besser geworden. Immer mehr Schauspieler lesen die Texte ein und das hat mit “normalem Vorlesen” ja so gar nichts mehr gemeinsam. “Die Geschichte wird lebendig erzählt”, schwärmt ihre Mutter immer, wenn Dana sie darauf anspricht. Kein Wunder also, dass sie voll in den Geschichten aufgeht. Oft hört Dana ihre Mutter einfach in die Stille des Hauses hinein lachen. Dann genießt sie den Moment, in dem ihre Ma so fröhlich und ausgelassen wirkt. Dafür hört Pitti, wie Paps sie liebevoll nennt, niemanden. Blind und taub ist sie dann sozusagen. Und superlieb. Wenn ein Mensch ein goldenes Herz hat, dann ihre Mami. “Pitti!” – dröhnte es wieder durchs Haus. Zeit, selbst einmal nachzusehen und Papa “Hallo” zu sagen. Obwohl Dana auf die Launen ihres Vaters gern heute Abend verzichtet hätte. Die Begegnung mit Lukas an ihrem ersten Schultag nach den Osterferien hing ihr immer noch nach.

***

Dabei fing der Tag so wunderschön an. Sie freute sich auf den Schulbeginn nach den Osterferien, genoss den Sonnenschein und die Pfingstferien waren zudem auch schon in Sicht. An dem verlängerten Wochenende wollen ihre Eltern mit ihr ins Disneyland nach Paris fahren. Sie trug ihre neuen Micky Maus Sneaker und bemerkte beim Gehen gar nicht, dass sie zielsicher auf eine Gruppe Jugendlicher zusteuerte. Ihr Blick war die ganze Zeit auf ihre neuen Schuhe gerichtet, deren Anblick ihr ein fettes Grinsen ins Gesicht zauberten. Hätte nicht jemand laut “hey” gerufen, wäre sie vermutlich mitten in die Gruppe hineingelaufen. Wie peinlich! Da kam sie gerade nochmal mit dem Schrecken davon. Ein paar Schritte weiter konnte sie jedoch schon wieder über sich selbst schmunzeln und ein gefährlicher Impuls machte sich breit: Übermut. Mit einem strahlenden Lächeln ging sie aufs Schulgebäude zu. Weiter vorn, beim Eingang zur Schule, sah sie Lukas auf dem Mauervorsprung sitzen. Ein Junge aus ihrer Parallelklasse. Mit seinen verstrubbelt aussehenden braunen Haaren erkennt sie ihn immer schon von weitem. Er strahlt so eine Zufriedenheit und Ruhe aus, dass man ihn gar nicht stören mag. Sie hofft, dass sie im nächsten Schuljahr an der Theater AG teilnehmen kann. Der Kurs war im letzten Jahr schon voll und beim Losverfahren hatte sie kein Glück. Lukas aber hatte einen Platz dort erhalten. Dana lächelte verträumt. Das wäre zu schön!

Hallo, Lukas!” sagt sie, als sie auf gleicher Höhe mit ihm ankommt. Als Antwort erhält Dana nur ein mürrisches “Morgen!”. Das kennt sie gar nicht von ihm. Sonst grüßt er, wenn Dana sich getraut hat etwas zu ihm zu sagen, verhalten und schüchtern zurück. Bevor sie lange überlegen kann, sprudeln die Worte auch schon aus ihrem Mund “Geht es Dir nicht gut?” “Lass mich einfach zufrieden, Dana”. Oh! Damit hatte sie nun ganz und gar nicht gerechnet. Überrascht und ohne ein weiteres Wort stolpert Dana in das Schulgebäude. “Bloß weg hier”, denkt sie, während sich eine leichte Röte über ihr Gesicht zieht. “Zumindest kennt er meinen Namen.”

Verdammt!”, denkt Lukas. “So sollte es bestimmt nicht laufen. Nach einer schlaflosen Nacht, die ihm mehr Rätsel als Lösungen aufgab, war er gereizt und ratlos. Alles, was er wollte, war mit Dana zusammen zu sein. Alles, was er sollte, war, sich von ihr fern zu halten. Was sollte er nur tun? Sie sah verletzt aus, als er sie so grob zurückgewiesen hatte. Das tat ihm weh.

Was habe ich dir gesagt?” – die Nachricht bekam Lukas abends nach 23 Uhr auf sein unfreiwillig neues Handy. Und wieder konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Die Nachricht enthielt keinen Absender, keine Telefonnummer an die er sich zurückwenden konnte. Und ihm fiel immer noch niemand ein, an wen er sich wenden könnte. Er hatte keine Lösung parat. Er wusste nicht mehr weiter. Was sollte er nur tun? Er konnte ja schließlich nicht einfach aufhören zu atmen. Oder doch? Das konnte doch nicht die Lösung sein.

***

Nach einer abermals durchwachten Nacht genoss Lukas das milde Sonnenlicht, das ihm durch die Baumkronen ins Gesicht schien, während er zurückgelehnt mit geschlossenen Augen am Ufer des Sees saß. Da vernahm er das Knacken eines Zweiges und eine warme Hand legte sich auf seine Schulter. “Was ist los mit Dir?” hörte er Danas Stimme. Er erschrak zutiefst. Sogleich spannte er seinen Körper an. Als er jedoch in ihre Augen sah, bekam er einen Kloß im Hals und er konnte zunächst nur versuchen, ruhig zu atmen. Er schluckte. Es war ein unbeschreiblich schönes Gefühl mit ihrer Hand auf seiner Schulter da zu sitzen. Diese ungewohnte und herbeigesehnte Nähe verschlug ihm den Atem.

Nach ein paar tiefen Atemzügen beruhigte er sich und die Anspannung der letzten Tage fiel von ihm ab. Er berichtete Dana alles. Jetzt reinen Tisch zu machen, bevor das Unvermeidliche geschah, erschien ihm mit einem Mal als das Vernünftigste der Welt. In Danas Gesicht konnte er verschiedene Gefühlsregungen ablesen. Freude, Verwunderung, Stolz und Wut. Es war ein wahres Wunderwerk an Emotionen, dass er an ihren Gesichtszügen ablesen konnte. Und er fühlte sich anschließend unendlich erleichtert. Dana fand es überhaupt nicht schlimm, dass er abends gegenüber auf der anderen Straßenseite stand und zu ihr hinaufblickte. Im Gegenteil. Sie hatte es bereits gewusst und sich insgeheim darüber gefreut, dass er ihr Beachtung schenkt. Diese Stunde der Wahrheit am See war eine echte Wohltat. Doch sie mussten auch wieder zurück in die Realität. Und Lukas war sich nicht sicher, ob dieser Unbekannte ihm jetzt in diesem Moment nachstellte und weitere Fotos machte. Und Lukas konnte nicht einschätzen, was dann alles passieren würde. Und nun hatte er auch noch Dana mit in die Geschichte hineingezogen. Doch Dana blieb völlig unbeeindruckt.

Weißt du was? Mein Vater ist doch Polizist. Nun, ihn würde ich jetzt in eigener Sache nicht unbedingt bitten wollen, das zu klären. Er ist ziemlich empfindlich was mich, seine “einzige Tochter”, angeht. Ist wahrscheinlich ´ne Berufskrankheit und als Vater ebenso normal. Aber ich könnte seinen Kollegen mal fragen und um seine Einschätzung bitten. Jan ist total in Ordnung. Er quatscht nicht viel, ist immer freundlich und ihm kann man vertrauen, denke ich. Wenn ich zu Hause bin, rufe ich ihn mal an. Oder besser noch, ich fahre gleich mit dem Rad bei ihm vorbei und spreche mit ihm. Willst Du mitkommen?” – Das traute sich Lukas jedoch nicht. “Wenn wir nun zusammen in der Öffentlichkeit auftauchen, bevor das geklärt ist, weiß ich nicht, was passiert. Vielleicht fährst du lieber allein zu diesem Jan und wir telefonieren später.” Im selben Moment wurde ihm heiß und kalt zugleich. Jetzt tauschte er tatsächlich mit Dana die Telefonnummern aus. Ein Glücksgefühl machte sich breit. Als Dana jedoch mit dem Fahrrad fortgefahren war, beschlich ihn die Angst abermals. Was ist, wenn nun Dana etwas geschah? Über die Konsequenzen war ja noch nichts bekannt. Nur, dass er sie in Ruhe lassen sollte. Hoffentlich war dieser Zustand bald vorbei.

***

Frauen sind heutzutage selbstbewusst”, sagte sich Dana in Gedanken immer wieder. Es war wie ein Ritual. Und dann lag ihre Hand auf Lukas Schulter und alles war mit einem Mal ganz einfach. Er mochte sie. Das spürte sie und das sagte er ihr auch. Und ihr erging es nicht anders. Nun hatte irgend so ein Irrer Lukas ein Handy untergejubelt und erpresste ihn mit Fotos von ihm. Die Drohung war jedoch offen. Dieses Gefühl der Unsicherheit, dieses Nichtwissen, was passieren sollte, wenn er sich nicht an die Vorgaben hält, übte einen enormen Druck auf Lukas aus. Das spürte sie. Und das war auch absolut verständlich. Sie würde mit Jan darüber sprechen. Er ist immer sachlich, hat Weitblick und vor allem Verständnis. Jan polterte nie so los wie ihr Vater.  

Als Dana bei Jan ankam war sie ganz schön durchgeschwitzt. Sie hatte ordentlich in die Pedale getreten, weil sie so lange wie möglich mit Lukas am See gesessen hatte. Um pünktlich zu Hause sein zu können, musste sie nun Gas geben.

Jan war glücklicherweise zu Hause. Er hatte mitten in der Stadt eine kleine 2-Zimmer-Wohnung mit Balkon, auf den sie sich nun setzten. Mit leiser Stimme und einem Eistee in der Hand erzählte Dana Jan von den Fotos auf dem gefundenen Handy und der Aufforderung, sie nie mehr wiederzusehen. “Weiß dein Vater schon davon?”, war Jans erste Frage. “Nein. Mir war es vorerst lieber, mit dir zu sprechen. Papa hat mich lieb, ich weiß. Aber es besteht keine Gefahr für mich und er ist immer sehr empfindlich, wenn es um mich und “Jungs” geht. Ich mag Lukas. Und Lukas mag mich. Das möchte ich mir nicht durch irgend jemanden kaputt machen lassen. Und schon gar nicht durch meinen eigenen Vater.” “Ja, das kann ich verstehen. Und trotzdem. In dem Fall wäre es nicht verkehrt, ihn einzuweihen. Es betrifft ja letztendlich auch dich und dein Wohlergehen.” Jan ließ sich trotzdem darauf ein, sich erst einmal umzusehen. “Hast du zufällig die Telefonnummer des Handys, das Lukas unfreiwillig bekommen hat?” Natürlich hatten Lukas und Dana daran gedacht. So ganz hasenfüßig waren sie nun doch nicht unterwegs.

***

Es stellte sich heraus, dass die SMS-Nachrichten über einen nicht zurückverfolgbaren Internetaccount gesendet worden waren. Das macht die Sache nicht einfacher, doch unlösbar ist es nicht. Da musste dann doch der IT-Spezialist der Polizei ran. Und das konnte Jan ohne Franks Wissen nicht in Auftrag geben. Die Sache würde unschön enden, wenn Dana ihren Vater nicht ins Vertrauen ziehen würde. Unter Kollegen muss man sich vertrauen können und so eine Aktion hinter dem Rücken wäre ein absoluter Vertrauensmissbrauch.

Falls es also ein Dummer-Junge-Streich war, war er zumindest gut geplant. Auf jeden Fall will dieser Jemand Lukas einen gehörigen Schrecken einjagen und unerkannt bleiben. Im schlimmsten Fall will er ihm etwas antun. Je mehr Jan darüber nachdachte, desto mehr sah er auch Dana in Gefahr. Viele Straftaten geschahen, weil jemand zur falschen Zeit am falschen Ort war. So wurden schon ganze Familien ausgelöscht. Nein, er musste Frank informieren. Oder besser noch, Dana weihte ihn endlich ein.

***

„Ja, ist gut Jan. Du musst nicht vorbeikommen. Ich will auch nicht, dass Lukas etwas geschieht. Ich werde mit ihm reden.“

Kaum hatte Dana aufgelegt, klopfte es an der Tür und ihr Vater stand im Zimmer. „Mit wem telefonierst Du denn noch nach 23 Uhr? Und wer ist dieser Lukas?“ wollte er wissen. Es fühlte sich an wie ein geplanter Sprung ins kalte Wasser. Keine schöne Vorstellung. „Wollen wir uns in der Küche zusammensetzen?“ fragte Dana. „Dann erzähle ich Dir, worum es geht. Diese ein, zwei Minuten brauchte sie jetzt um sich zu sammeln. Wenigstens einer von ihnen sollte nun ruhig bleiben können und das wird ihr Vater sicher nicht sein. „Wo ist eigentlich Deine Mutter? In letzter Zeit ist sie viel unterwegs und ich hatte noch keine Gelegenheit, sie danach zu fragen.“ „Du arbeitest ja auch zu viel, Papa. Mama ist zwei Straßen weiter bei Susanne und schaut, wie es ihr geht und ob sie etwas für sie tun kann. Du weißt doch, ihr Mann ist vor ein paar Wochen verstorben. Er war Steuerberater und hatte Krebs.“ Susanne“, schoss es ihm durch den Kopf. An sie hatte er seit Jahren nicht mehr gedacht. Wie es ihr wohl gehen mag, vor allem jetzt nach Christians Tod, das hatte er sich nie gefragt. Das schlechte Gewissen machte sich breit. Wenn er es genau betrachtete, hatte er all die Jahre nicht an Susanne gedacht. Pitti war schon immer gern mit Susanne und Christian zusammen gewesen, saß abends auch mal mit den Beiden auf der Terrasse auf ein Glas Wein. Es versetzte ihm einen leisen Stich. Pitti. Seine supersüße, emotionale, hübsche Frau. Ein regelrechter Wirbelwind, wenn man ihr Temperament betrachtete. Und doch war sie sein Ruhepol. War sie nicht da, vermisste er alles. Das Leben. Die Wärme. Aber nun würde er sich erst einmal anhören, was sein Töchterchen zu berichten hätte.

Dana dachte an Lukas und wie er sich wohl fühlen mochte. Sie wird ihn nachher noch anrufen, falls es nicht zu spät wird und ihm von dem Gespräch mit ihrem Vater erzählen. Doch das müsste sie jetzt er einmal führen. Schnell tippte sie noch eine Nachricht an Jan in ihr Handy und ging runter in die Küche. Ihr Vater wartete bereits auf sie.

***

„Ich spreche jetzt mit ihm. Drück mir die Daumen.“ Als die Nachricht auf Jans Handy erschien, atmete er auf. Als Polizist konnte er sich sämtliche Schreckens-Szenarien vorstellen, viele hatte er schon selbst gesehen und so etwas lässt einen nie mehr los. Wenn Dana jetzt mit Frank sprach, konnte er genauso gut schon einmal die Rückverfolgung des Internetaccounts in Auftrag geben. Warum Zeit verschwenden? Wenn es sich um einen Streich handeln sollte, war es etwas überzogen. Aber wenn es tatsächlich Jemand mit bösen Absichten war, der Lukas und Dana etwas antun würde, war jede Minute kostbar.

„Kannst du bitte für mich herausfinden, zu welchem Anschluss diese IP-Adresse gehört?“ fragte er einige Minuten später André. „Es wäre gut, wenn du mir die Information gleich geben könntest. Das ist für dich ja sicher ein Klacks. Ich hole mir nur eben einen Kaffee und bin gleich wieder da.“ „Ist gut. Geht in Ordnung.“ sagte André, für den so etwas nun wirklich das kleinste Problem war.

Als Jan zurückkam und sein Blick auf die Anschrift des Anschlusses warf, wurden seine Augen immer größer. Das kann doch nicht wahr sein!

***

Frank atmete schwer. Sein Töchterchen hatte sich verliebt. In Lukas. Und dieser wird auch noch bedroht. Nun, naja, nicht so richtig bedroht aber irgendwie schon. Er konnte sich ausmalen, wie sich ein junger Bursche fühlen mag, der mit solchen „Stalker-Fotos“ konfrontiert wird. Er hatte keine Idee, was er nun zu Dana sagen sollte. Da saß er nun mit seiner heranwachsenden Tochter am Küchentisch und musste sich Sachen anhören, die er unter gar keinen Umständen hören wollte. Wie er es schaffte, ruhig zu bleiben, wo er doch sonst bei jedem Wort in Richtung „Jungs“ austicken könnte, wunderte ihn selbst. Dana schwieg. Sie hatte lauter Fragen, die er gerade nicht beantworten konnte oder wollte. Wie das Handy in das Haus der Wegeners gekommen sein konnte? Wie ein Fingerabdruckscan eingelesen werden kann ohne den Finger zu haben? „Das klingt schon nach krimineller Energie“, hörte er Dana sagen. Höchste Zeit, das Thema zu wechseln.

„Und mit wem hast du vorhin telefoniert?“ „Mit Jan, deinem Kollegen.“ So musste es sich wohl anfühlen, wenn man grün im Gesicht wird. Da klingelte es an der Tür. Hatte Pitti etwa ihren Haustürschlüssel vergessen?

Doch vor der Tür stand Jan. „Hallo, Frank. Kann ich Dich mal kurz sprechen? Dana hat dir sicher schon von unserem Gespräch erzählt.“ Jan reichte ihm einen Zettel. Auf dem Zettel stand eine IP-Adresse und seine Anschrift.

„Mensch Frank, nun überleg doch mal! Dass du damals in deinem Stolz gekränkt warst – geschenkt. Aber dass du nach zwanzig Jahren immer noch einen Groll gegen Christian hegst und das nun an seinem Sohn auslassen willst, das musst du mir schon erklären. Wenn du jetzt nicht die Kurve kriegst, machst du dich letztendlich strafbar. Dann kannst du froh sein, wenn es nicht dermaßen eskaliert, dass du deinen Job verlierst, deine Frau verlierst und auch deine Tochter nichts mehr von dir wissen will.“ – Das saß! Noch einmal wollte er sicher nicht seinen Lebensinhalt verlieren. Er zuckte die Schultern. „Das habe ich nicht gewollt. Ich war tatsächlich immer noch sauer auf Christian.“ Wie sollte er nur seiner Tochter und Pitti in die Augen schauen, wenn das rauskommt? Tja, er hatte Jan bei Dienstbeginn seine Geschichte mit Susanne erzählt. Dass dieser sich nach all den Jahren noch daran erinnern konnte, zeichnete ihn als guten Freund und Kollegen aus. Er konnte sich wirklich glücklich schätzen. Warum hatte er das all die Jahre nur nie gesehen?

7 thoughts on “Das dunkle Geheimnis

  1. Hallo, ich finde die Idee zu der Geschichte wirklich gut, allerdings fehlt mir am Ende etwas der Spannungsbogen. Während sich die meiste Zeit eine gewisse Spannung aufbaut, flacht diese dann zum Ende doch etwas abrupt ab. Aber ansonsten hat mir die Geschichte gefallen.

  2. Hallo, mir hat die Geschichte auch gut gefallen, aber ich sehe es tatsächlich ähnlich. Beginn und Hauptteil sind spannend und zum Ende ist es fast so, als hätte dir ein bisschen die Zeit gefehlt. Du schreibst aber wirklich gut, lass dich nicht entmutigen.

  3. Hallo,

    gutes Potential für einen Roman.

    Für eine Kurzgeschichte zu komplex – es ist mehr eine Novelle. Zudem fehlt mir auch am Ende die Spannung/Überraschung.
    Falls Du Dich auf das Genre Kurzgeschichten festlegen willst, befasse Dich mit den Merkmalen, die eine Kurzgeschichte ausmachen und feile an Deinem Werk. Kurzgeschichten machen unglaublich Spaß – grade weil sie so einfach scheinen, aber doch so gut durchdacht sein müssen.

    Ich habe auch mehrfach neu ansetzen müssen, bis ich von einer Novelle weggekommen bin und mit meinen Kurzgeschichten zufrieden war.

    Mach weiter 🙂

    Sonnige Grüße
    Xanny

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/niemand
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/maedchenmoerder

Schreibe einen Kommentar