Marie MinkusDas Foto des Unbekannten

8+

Ich zuckte zusammen. Mein Herz raste und ich war schweißgebadet. Nach einer Weile schaffte ich es, mich aus meiner Schockstarre zu lösen und im Bett aufzusetzen. „Es war nur ein Traum. Die Sache liegt Jahre zurück!“, redete ich mir immer wieder ein. Ich hatte seit 5 Jahren nahezu jede Nacht Albträume. Blut, dunkle Wälder oder Gestalten, die mich verfolgten. Ich konnte diese Bilder einfach nicht aus meinem Kopf bekommen, so sehr ich es auch versucht hatte. Jedes Mal war ich geschockt aufgewacht. Doch heute Nacht war etwas anders gewesen als sonst: Es hatte so real gewirkt und ich hatte wieder dieses flaue Gefühl im Magen, das Gefühl einer Vorahnung, wie ich es auch vor fünf Jahren gehabt hatte. Ich schüttelte den Kopf und versuchte, mich zu beruhigen. „Ich muss es vergessen!“, sagte ich mir immer und immer wieder, aber das ungute Gefühl blieb.

Obwohl ich eigentlich erst in zwei Stunden hätte aufstehen müssen, war an Schlaf nicht mehr zu denken. Zu groß war meine Angst, in meine Albtraumwelt zurückzukehren. Ich beschloss, nach unten zu gehen, um mich etwas abzulenken. Nachdem ich die Kaffeemaschine angestellt hatte, schaltete ich mein Handy an. 20 Nachrichten auf der Mailbox! Sie kamen alle von Kim, zu der ich seit „der Sache“ keinen Kontakt mehr gehabt hatte. „Was zur Hölle soll das? Ich hatte ihr damals klipp und klar gesagt, dass ich damit abschließen will und der Kontaktabbruch zu ihr nun einmal dazugehört!“, dachte ich genervt. Dennoch hörte ich die erste Nachricht ab. „Eva, ich ..ich weiß, dass du gesagt hast, dass ich dich in Ruhe lassen soll. Aber es ist wirklich wichtig!“ Kims Stimme zitterte und sie schluchzte.

Nachdenklich nippte ich an meinem Kaffee. Einerseits würde ein Telefonat mit ihr alles wieder hochbringen, andererseits hatte sie so panisch geklungen, dass ich mir ernsthaft Sorgen machte. Da mich mein Traum aber sowieso schon an alles erinnert hatte, dachte ich mir, dass ein Telefonat mit Kim es nicht mehr hätte schlimmer machen können. Kim nahm nach nur wenigen Sekunden ab. „Oh Eva, ich bin ja so unfassbar froh, dass du anrufst. Ich weiß nicht mehr was ich machen soll. Es geht schon seit Wochen und ich kriege kein Auge mehr zu“, sprudelte es aus meiner Freundin heraus. „Ganz langsam, Kim! Ich komme echt nicht mit“, antwortete ich. „Eva, ich…ich erhalte seit ein paar Wochen Drohbriefe. Und es geht immer um unser Erlebnis von vor fünf Jahren.“ „Erlebnis? Trauma würde es eher treffen“, dachte ich mir, aber ließ Kim weiterreden. „Ich traue mich kaum vor die Tür, ich höre Schritte und glaube, jemand verfolgt mich.“, wimmerte Kim. Mein Magen krampfte sich zusammen. „Warst du wegen der Drohbriefe bei der Polizei?“ „Natürlich nicht! Der Verfasser erwähnt das Ereignis. Soll ich die Polizei etwa belügen?“, fuhr sie mich an. Ich dachte einen Augenblick nach, was ich an ihrer Stelle tun würde. „Nein, ich würde auch nicht zur Polizei gehen“, dachte ich mir.

Da aber außer Kim, Melanie und mir niemand die Wahrheit kennen konnte, versuchte ich, Kim zu beruhigen. „Vielleicht bildest du dir die Schritte und das Gefühl, verfolgt zu werden, nur ein. Wir haben alle drei unsere Narben davongetragen. Ich mit meinen Albträumen, du scheinbar mit dem Verfolgungswahn und Melanie, nun ja, Melanie hat sich komplett zurückgezogen. Vielleicht steckt sie hinter den Drohbriefen. Sie hasst uns dafür, dass wir sie vor fünf Jahren in das Ganze hineingezogen haben und will uns Angst machen. Wer sonst könnte dahinterstecken?“ Kim schwieg einen Augenblick und ich war mir nicht sicher, ob mein Beruhigungsversuch geklappt hatte. „Okay, vielleicht hast du recht.“, murmelte Kim, klang aber nicht wirklich überzeugt. Ich verabschiedete mich von ihr und steckte mein Handy in meine Handtasche.

Nachdem ich mich fertig gemacht hatte, stieg ich in mein Auto und fuhr in Richtung Uni. Ich versuchte, das Gespräch mit Kim zu verdrängen, doch es gelang mir nicht. Hatte ihr wirklich jemand Drohbriefe geschrieben? Als ich mein Auto auf dem Parkplatz der Universität parkte, kam eine junge Frau winkend auf mich zu. Eigentlich wäre ich jetzt am liebsten alleine gewesen. „Hi Eva, bist du für die Klausur heute vorbereitet?“, fragte sie mich, nachdem ich ausgestiegen war. „Hi Jessy“, entgegnete ich, ohne auf ihre Frage einzugehen. Meine Freundin musterte mich nachdenklich. „Geht es dir gut?“, fragte sie besorgt. „Ja, war nur eine kurze Nacht“, antwortete ich, da ich nicht mit ihr über meine Albträume reden wollte. Jessy runzelte ungläubig die Stirn, sagte aber nichts mehr.

Schweigend liefen wir zur Universität. Das Gespräch mit Kim ging mir einfach nicht aus dem Kopf. „Okay, es war bestimmt wirklich nur Melanie, die sich einen Scherz erlaubt hat, um uns Angst zu machen“, sagte ich mir, doch alleine die Vorstellung, es könnte doch noch jemand außer Melanie, Kim und mir von dem Ereignis wissen und hinter den Briefen stecken, machte mich wahnsinnig.

Nachdem ich die Klausur hinter mich gebracht hatte, machte ich mich auf den Weg zur Universitätsbibliothek. Als ich die Tür öffnete, fühlte ich mich gleich ein wenig besser. Ich liebte den Geruch von Büchern und auch die Ruhe, die in der Bibliothek, wenn auch meist nur aufgrund der strengen Art der Bibliothekarin, herrschte. Ich suchte mir einen abseits stehenden Tisch, um mich in Ruhe auf meinen Vortrag vorbereiten zu können, und platzierte meine Tasche auf dem Stuhl. Obwohl meine Gedanken sich mit der Vorbereitung hätten beschäftigen sollen, konnte ich nur an Kims Telefonat denken. „Okay, es reicht!“, sagte ich mir, stand auf und begann, die Regalen nach den passenden Bücher zu durchsuchen.

Als ich zwei Stunden später aus dem Universitätsgebäude lief, wartete meine Freundin Jessy schon auf mich. „Wie lief es denn?“, wollte sie wissen. Ich seufzte. Da meine Gedanken bei Kim gewesen waren, hatte ich mich natürlich nicht auf die Klausur konzentrieren können. „Ist nicht so mein Tag heute“, antwortete ich. „Du weißt ja, wenn etwas ist, bin ich jederzeit für dich da. Willst du drüber reden? “, bot Jessy an, doch ich hatte zu große Angst, dass mir etwas über Kim oder sogar die Sache herausrutschen könnte und wollte ohnehin so schnell wie möglich Nachhause. „Nein, bis morgen“, entgegnete ich und stieg in meinen Wagen.

Zuhause angekommen wollte ich lieber noch einmal nachsehen, ob Kim sich vielleicht noch einmal bei mir gemeldet hatte, da ich mein Handy während der Klausur und in der Bibliothek ausgeschaltet hatte. Ich öffnete den Reißverschluss, steckte die Hand in meine mal wieder viel zu überfüllte Handtasche und versuchte, mein Handy zu ertasten. Nach kurzer Zeit zog ich ein Handy hervor. Doch ich war verwirrt. Ich besaß ein schwarzes Handy und das in meiner Hand war weiß. Verdutzt betrachtete ich das Gerät.

„Wie um alles in der Welt kommt ein fremdes Handy in meine Tasche? Ich hatte sie die ganze Zeit bei mir“, wunderte ich mich. Dann fiel es mir ein: In der Bibliothek hatte ich meine Tasche unbeaufsichtigt an meinem Tisch stehen lassen, während ich nach Büchern geschaut hatte. Doch wer würde sein Handy in eine fremde Tasche stecken? „Vielleicht sollte ich es einfach morgen im Fundbüro der Uni abgeben“, dachte ich mir. Doch andererseits würde es ja nichts schaden, mal zu schauen, was sich auf dem Handy befand und so könnte der Besitzer vielleicht auch schnell gefunden werden. Unschlüssig, was ich tun sollte, drehte ich das Handy umher. Ich hielt inne und betrachtete die Rückseite des Handys. Jemand hatte in schwarzen Druckbuchstaben „FÜR EVA“ darauf geschrieben.

Mein Magen krampfte sich zusammen und ich musste an Kim denken, die mir von Drohbriefen berichtet hatte. „Sei nicht paranoid!“, sagte ich mir. Meine Neugier siegte und ich beschloss, das Handy zu durchsuchen. Es war angeschaltet und hatte keinen Sperrcode. Ich öffnete verschiedene Apps, doch das Handy schien neu zu sein. Keine Nachrichten, keine Musik,… Als Letztes öffnete ich die Galerie, in der sich nur zwei Bilder befanden, und tippte das erste an. Mir wurde schwarz vor Augen und alles schien sich zu drehen. Ich musste mich am Tisch abstützen, um nicht umzukippen. „Das kann einfach nicht sein!“, wimmerte ich.

Mein ganzer Körper begann zu zittern und Schweiß perlte auf meiner Stirn. Mein Herz schien nach diesem Schock für einen Moment auszusetzen. Ich setzte mich und die Schwärze legte sich allmählich. Ich starrte das Bild an. Es zeigte mich im Wald, bei „der Sache“, damals vor fünf Jahren. Auf meinem weißen Top, das ich an diesem Abend getragen hatte, hatte sich ein Blutfleck gebildet. Mein Gesicht war bleich und ich starrte in Richtung des aufgewühlten Waldbodens. Das Bild schien aus einem Busch heraus gemacht worden zu sein, denn Zweige verdeckten einen Teil des Bildes. Dennoch war ich deutlich darauf zu erkennen. Mit zitternden Händen wählte ich das zweite Bild aus und es verschlug mir erneut die Sprache. Dieses Bild zeigte Melanie, Kim und mich blutverschmiert an der selben Stelle im Wald stehend. Wer hätte diese Bilder machen können? Und warum war der Fotograf damit nicht zur Polizei gegangen? Ein Bild von drei blutverschmierten Teenagerinnen hätte die Polizei bestimmt stutzig gemacht! Und warum erhielt ich das Bild erst fünf Jahre später? So viele Fragen schossen mir durch den Kopf.

Plötzlich klingelte das Handy und ich fuhr zusammen. Der Anrufer wurde als „Unbekannt“ angezeigt. Ängstlich nahm ich den Anruf an. „Hallo?“, meldete ich mich mit leiser, zitternder Stimme. „Hallo Eva, hat Ihnen mein Geschenk gefallen?“ Die verzerrte Stimme am anderen Ende der Leitung ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. „Was… was wollen Sie?“, fragte ich ängstlich. „Das werden Sie noch früh genug erfahren“, antwortete der Anrufer. „Halten Sie es für lustig, mir so etwas zu schicken?“ „ Schalten Sie die Nachrichten an!“, befahl mir die unbekannte Stimme, ohne auf meine Frage einzugehen. Mit wackeligen Knien ging ich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Eine Nachrichtensprecherin begann gerade mit einem Beitrag. „Heute Nachmittag wurde von einem Jogger eine Leiche auf einem Feldweg am Stadtrand von Berlin gefunden. Es handelt sich um die dreiundzwanzigjährige Melanie Karlsen.“ Erneut drehte sich alles und mir wurde schwarz vor Augen, doch dieses Mal klappte ich zusammen.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Wohnzimmerboden. Stöhnend rieb ich mir den vom Sturz dröhnenden Kopf und sah mich verwirrt um. Dann fiel mir alles wieder ein: die Drohbriefe an Kim, die Bilder, der Anruf und Melanies Tod. Nach einer Weile gelang es mir, mich aufzusetzen. Das mysteriöse Handy lag neben mir auf dem Boden, doch als ich es an mich nahm, sah ich, dass der unbekannte Anrufer aufgelegt hatte. Aber er hatte eine Nachricht hinterlassen. „Glauben Sie mir jetzt, dass ich es ernst meine?“ Ich wusste nicht, was ich noch tun sollte. Dann fiel mir ein, dass ich Kim warnen musste. Schließlich hatte sie mir von den Drohbriefen erzählt und ich hatte angedeutet, dass es Melanie sein könnte, doch nun war ich nicht mehr so überzeugt.

Ich kramte mein eigenes Handy aus meiner Handtasche und wählte Kims Nummer. „Eva, es ist furchtbar, was mit Melanie passiert ist. Ich habe so Angst.“, sagte Kim. „Das stimmt. Kim, ich muss dir etwas erzählen: Jemand hat mir heute ein Handy in meine Handtasche gesteckt und darauf…“ Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und überwand mich, das Schlimme auszusprechen. „Darauf sind zwei Bilder von uns im Wald an dem Abend vor fünf Jahren“, schluchzte ich. Meine Augen wurden wässrig und mir rannen Tränen über die Wangen. „Oh mein Gott! Ich wusste es! Ich wusste, dass uns das ein Leben lang verfolgt!“, entgegnete Kim panisch. „Das ist noch nicht alles. Ich habe auf diesem Handy einen seltsamen Anruf bekommen. Ich weiß nicht, wer es war, denn die Stimme war verzerrt, aber er könnte etwas mit dem Tod von Melanie zu tun haben. Er hat mir gesagt, ich solle die Nachrichten einschalten, als gerade der Beitrag über Melanies Tod kam“, berichtete ich ihr. „Denkst du, er ist der Verfasser der Drohbriefe?“, fragte Kim ängstlich. Ich holte tief Luft. „Wäre durchaus möglich.“ „Eva, was machen wir denn jetzt? Wir können nicht zur Polizei, sonst kommt das Ganze raus!“ „Du hast recht, Kim. Willst du zu mir kommen? Zu zweit wären wir sicherer.“, schlug ich vor. „Gute Idee. Dann würde ich mich auch sicherer fühlen.“, pflichtete mir meine Freundin bei.

„Ich habe morgen ein wichtiges Meeting und komme dann gegen Abend. Ich bleibe dann übers Wochenende und da können wir gemeinsam überlegen, was wir tun. Eva, ich hoffe so sehr, dass nichts mehr passiert“, schluchzte Kim. Nach dem Telefonat ging ich ins Wohnzimmer, um das mysteriöse Handy zu holen. Obwohl ich unfassbare Angst hatte, was der Unbekannte als nächstes tun würde, wollte ich das Handy nicht aus den Augen lassen. Mit beiden Handys in der Hand lief ich die Treppe hinauf und legte mich auf mein Bett. Doch an Schlaf war nach den Ereignissen des heutigen Tages natürlich nicht zu denken. Nervös kaute ich auf meiner Unterlippe herum, als ein Handy klingelte. Panisch sah ich zu meinen beiden Handys auf dem Nachttisch. Es war das neue Handy und auf dem Display erschien der Anrufer „Unbekannt“.

Ich streckte zitternd die Hand nach dem Gerät aus. Doch dann hielt ich inne. Sollte ich wirklich rangehen und mit dieser furchterregenden Person reden? Schließlich entschied ich mich dazu, mit dem Anrufer zu reden. Möglicherweise konnte ich herausfinden, ob er tatsächlich etwas mit dem Mord an Melanie zu tun hatte. „Haben Sie die Nachrichten gesehen?“, fragte die verzerrte Stimme. „Ja“, entgegnete ich knapp. „Denken Sie immer noch, ich mache nur Spaß?“, fragte mich der Anrufer. Okay, ich durfte meine Angst nicht zeigen! Ich versuchte, ruhig zu bleiben, was mir aber nicht wirklich gut gelang. „Haben Sie etwas damit zu tun?“, fragte ich ihn. „Was denken Sie denn?“, antwortete die verzerrte Stimme belustigt. Ohne ein weiteres Wort legte der Unbekannte auf. Inzwischen war ich recht überzeugt, dass er hinter dem Mord und auch den Drohbriefen an Kim steckte, denn es wäre schon ein merkwürdiger Zufall, wenn Täter unabhängig voneinander so viele schlimme Dinge zufällig zur selben Zeit und dann auch noch genau mit meinen beiden Freundinnen, die mit mir in „die Sache“ involviert waren, tun würden. Da Kim, Melanie und ich nach dem Abitur aber an unterschiedliche Orte gezogen waren und ein ganzes Stück voneinander entfernt wohnten, schloss ich nicht aus, dass er einen Komplizen haben könnte. „Was soll ich nur tun? Ich kann einfach nicht zur Polizei gehen! Dann würde herauskommen, was damals vor fünf Jahren passiert ist. Melanie, Kim und ich haben versucht, damit abzuschließen und ich will nicht den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen“, dachte ich mir, aber weiterhin von einem Unbekannten, der möglicherweise hinter einem Mord steckte, kontaktiert zu werden, machte mich wahnsinnig. Ich dachte noch einige Zeit darüber nach, was ich tun sollte, aber konnte mich einfach nicht entscheiden. Ich beschloss, wenigstens zu versuchen, ein bisschen zu schlafen. Ich würde einen klaren Kopf brauchen können.

Da war das Bild, das ich so oft im Kopf hatte, wieder: eine Gestalt, die zusammensackte, das ganze Blut, das Geräusch einer Bürste, mit der eine blutbedeckte Hand versuchte, die Spuren zu beseitigen… Doch dieses Mal war etwas anders als in meinen anderen Träumen. Ich hörte aus dem Erdgeschoss das Quietschen einer Tür. Ich öffnete die Augen. Meine Kleidung war nassgeschwitzt und ich hatte wieder einen meiner schlimmen Zitteranfälle. Dann schien mein Herz einen Moment auszusetzen, als ich es hörte: Das Quietschen einer Tür war kein Traum gewesen! Aus dem Erdgeschoss meines Hauses erklang es wieder.

Ich bekam Panik. Sollte ich nach unten gehen? Aber meine Angst war zu groß. Mein Herz raste. Vielleicht machte mich die Sache mit dem mysteriösen Anrufer und Melanies Tod aber auch so fertig, dass ich mir wieder Dinge einbildete, genau wie damals vor fünf Jahren. Angsterfüllt horchte ich, ob es noch weitere Geräusche aus dem Erdgeschoss gab. Doch alles war still. An Einschlafen war nun aber nicht mehr zu denken und so lag ich den Rest der Nacht wach.

Nach mehreren Stunden traute ich mich endlich nach unten. Mit leisen, vorsichtigen Schritten schlich ich die Treppe hinab. Alle Türen im Erdgeschoss waren verschlossen. Ich atmete auf. Wahrscheinlich hatte ich mir das wirklich nach den Ereignissen des vergangenen Tages nur eingebildet. Doch auch heute war da wieder dieses flaue Gefühl im Magen.

Als ich etwas später aus der Haustür trat, überprüfte ich mehrmals, ob ich auch wirklich abgeschlossen hatte. Auf dem Weg zu meinem Auto mischte sich zu dem flauen Gefühl in meinem Magen noch etwas anderes: Das Gefühl, beobachtet zu werden. Ängstlich blickte ich in alle Richtungen, doch ich konnte niemanden sehen. Panik ergriff mich und ich hetzte zu meinem Auto. Ich schlug die Türen zu und aktivierte die Kindersicherung. „Mach dich nicht lächerlich! Der ganze Kram mach dich echt paranoid!“, sagte ich mir, doch es überzeugte mich nicht.

Zum Glück verlief die Zeit in der Uni ohne weitere Zwischenfälle. Als ich Zuhause angekommen war, ging ich erst einmal ums Haus und überprüfte alle Fenster und Türen. Beruhigt atmete ich auf. Es gab keine Einbruchsspuren. Ich ging ins Haus und setzte mich an den Küchentisch. Als ich gerade ein Buch aus meiner Tasche holen wollte, vibrierte sie. Panisch kramte ich nach den beiden Handys. „Bitte lass es mein eigenes Handy sein!“, flehte ich. Doch es war das weiße Handy. Ängstlich sah ich auf das Display. Eine neue Nachricht, natürlich von „Unbekannt“. Zitternd öffnete ich den Chat. Er hatte mir eine Bilddatei geschickt. Ich betete, dass es nicht ein weiteres Bild von der Nacht vor fünf Jahren war, doch als die Datei öffnete, wurde mir schlecht. Das Bild zeigte mich, allerdings nicht in der furchtbaren Nacht, sondern heute.

Meine Kehle schnürte sich zu und ich hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Das Bild schien heute Morgen aufgenommen worden zu sein, als ich gerade zu meinem Auto lief. Mein Gefühl, beobachtet worden zu sein, war also keine Paranoia gewesen. Ich schluchzte. Ich hatte keine Ahnung, was ich weiter tun konnte. Das Handy klingelte. Zögernd nahm ich ab. „Hallo Eva, wie gefällt Ihnen das Bild?“, fragte der Unbekannte. „Was um alles in der Welt wollen Sie von mir?“ Ich war selbst überrascht, dass ich so wütend klang, doch vermutlich war es die Verzweiflung und Angst, die mich dazu brachten. „Für heute genügt es mir, Ihnen zu sagen, dass Sie ihr Haus heute Nacht vielleicht etwas besser sichern sollten. Nicht, dass noch jemand bei Ihnen einbricht.“ Mit einem leisen Lachen legte der Anrufer auf.

Ich hatte mir das letzte Nacht also vermutlich nicht eingebildet! Er war im Haus gewesen! Oder wollte er mir wieder nur Angst machen? Langsam war ich echt verzweifelt, denn ich hatte keinen blassen Schimmer, was die Intention des Anrufers war. Wollte er mir tatsächlich etwas antun? Nach einigen Minuten konnte ich wieder etwas klarer denken. „Ich muss Kim warnen“, dachte ich und wählte ihre Nummer. „Komm schon! Nimm ab!“, flüsterte ich immer wieder vor mich hin, doch nach einer Weile schaltete sich die Mailbox an. Dann fiel mir ein, dass Kim gestern erzählt hatte, dass sie heute ein Meeting haben würde, bei dem sie ihr Handy vermutlich hatte ausschalten müssen. „Kim, ruf bitte sofort zurück, wenn du das abhörst! Es ist wichtig.“

Die Stunden verstrichen, doch es kam keine Antwort von Kim. Ich versuchte es nochmal bei ihr. Als nach ein paar Sekunden jemand abnahm, atmete ich erleichtert auf. „Kim, ich muss mit dir reden.“, begann ich. Doch die Stimme an Kims Handy ließ mir das Blut in den Adern gefriere. „Kim kann gerade nicht“, antwortete mein Gesprächspartner mit einer verzerrten Stimme und lachte. „Was machen Sie mit ihr?“, fragte ich mit zitternder Stimme. „Jetzt nichts mehr.“ Ich brauchte nicht weiter nachzufragen, was er damit meinte. „Ich rufe die Polizei!“, schrie ich panisch und verzweifelt. „Das wagen Sie nicht, Eva. Sie wissen, dass Sie das nicht können. Oder wollen Sie, dass die Polizei ein paar interessante, fünf Jahre alte Bilder bekommt?“ Dann war es still am anderen Ende der Leitung. Meine Panik wuchs. Er würde mich bestimmt nicht am Leben lassen, nachdem er Melanie und Kim, die anderen beiden Frauen auf dem Foto, aus dem Weg geräumt hatte. Aber er hatte recht. Ich konnte nicht zur Polizei gehen. Ich stellte mir aber die Frage, warum der Täter nicht einfach mit den Bildern zur Polizei gegangen war und stattdessen fünf Jahre wartete und mordete. Er hätte uns leicht ins Gefängnis bringen können. Die Bilder brachten uns mit „der Sache“ in Verbindung und würden die Ermittler auf die richtige Spur führen, geradewegs zu mir. Ich wolle nur noch, dass es aufhörte.

Als ich die Nachrichten anschaltete, war es bestätigt: Kim war tot. Allerdings überkam mich weniger Trauer als bei Melanies Tod, denn die Angst und Verzweiflung waren das Einzige, was ich nach den heutigen und gestrigen Erlebnissen gerade fühlte. Ich musste in Ruhe nachdenken, was ich tun konnte, um den Mysteriösen aufzuhalten. Da ich aber immer noch unter Schock stand, war ich heute nicht mehr dazu fähig, einen klaren Gedanken zu fassen. Voller Panik wählte ich die Nummer meine Freundin Jessy, die ich an der Uni kennengelernt hatte. „Hi Eva, was gibt es?“, meldete sich Jessy. „Jessy, ich…ich weiß nicht mehr weiter!“, schluchzte ich. „Was ist denn passiert?“, fragte meine Freundin besorgt. „Ich bekomme schlimme Anrufe und Nachrichten von einem Unbekannten“, berichtete ich ihr mit zitternder Stimme. „Eva, du solltest damit zur Polizei gehen!“, drängte sie mich. „Nein, das kann ich einfach nicht. Ich kann dir nicht sagen, warum.“, entgegnete ich. Hoffentlich hatte ich nicht schon zu viel gesagt. Obwohl ich Jessy wirklich mochte, durfte sie nichts von dem Vorfall vor fünf Jahren wissen. „Okay Eva, du kannst in dieser Verfassung nicht alleine Zuhause bleiben. Was hälst du davon, wenn du ein paar Sachen packst und das Wochenende bei mir bleibst?“, bot Jessy an. Sie schien sich wirklich Sorgen zu machen. Einerseits wollte ich sie nicht in etwas hineinziehen, aber andererseits war meine Angst vor dem Unbekannten inzwischen so groß geworden, dass ich es nicht länger alleine aushielt. Mit meiner Freundin Jessy würde ich mich wohler fühlen. Also stimmte ich zu, das Wochenende bei ihr zu verbringen.

Eine halbe Stunde später parkte ich mein Auto vor Jessys Haus. Sie wartete an der Haustür auf mich und nahm mich in den Arm. „Oh Eva, das tut mir so leid. Aber bei mir bist du sicher. Der unbekannte Anrufer weiß bestimmt nicht, dass du bei mir und nicht Zuhause bist.“ Ich kaute nachdenklich auf meiner Unterlippe. Sollte ich ihr die Wahrheit sagen oder verschweigen, dass der Unbekannte mich heute Morgen vor meinem Haus beobachtet hatte und es durchaus möglich war, dass er mir unauffällig hierhin gefolgt war. Ich beschloss, Jessy nicht noch mehr in Panik zu versetzen und nickte ihr nur knapp zu. „Danke, dass ich bei dir bleiben darf.“, sagte ich und ging mit ihr ins Haus.

Jessy und ich versuchten, uns abzulenken, indem wir ein bisschen TV schauten. Doch die unbekannte, verzerrte Stimme war immer im meinem Hinterkopf. Als ich es gerade zumindest ein bisschen geschafft hatte, mich auf den Film zu konzentrieren, schaltete sich der Fernseher plötzlich aus und es wurde dunkel im Wohnzimmer. Es schien, als sei der Strom ausgefallen. „Verdammt, nicht schon wieder!“, fluchte meine Freundin. „Seit ein paar Tagen spielen die Sicherungen verrückt und ich muss sie andauernd am Sicherungskasten wieder einschalten. Der Handwerker kann aber erst am Montag kommen.“ Ich bekam Panik. Im Stockdunkeln zu sitzen und im Hinterkopf zu haben, dass ein Verrückter meine beiden Freundinnen getötet hatte und mich terrorisierte, machte mich fast wahnsinnig.

„Ich werde mal an den Sicherungskasten gehen. Kannst du in der Zeit nach oben gehen und die Notkerzen holen, die ich in meinem Schrank habe?“, bat Jessy mich. Während sie in Richtung Küche ging, lief ich die Treppe hinauf. Meine Augen begannen langsam, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Ich betrat ihr Schlafzimmer und öffnete den großen Schrank, in dem sich die Kerzen befanden. Da das Licht noch immer nicht angegangen war, schloss ich, dass die Sicherung, die Jessy einschalten wollte, komplett den Geist aufgegeben hatte. Als ich mich gerade nach unten beugte, um die Kerzen zu nehmen, hörte ich ein Knacken hinter mir. „Sei nicht paranoid!“, sagte ich mir immer wieder. Mein Herz raste. Ich traute mich nicht, mich umzudrehen. Zu groß war meine Angst, dass es soweit war und ich dem Anrufer und Mörder meiner Freundinnen begegnen würde. Nachdem ich einige Zeit so dagestanden war, hörte ich Jessys Stimme aus dem Erdgeschoss. „Eva, ist alles in Ordnung? Du bist schon seit einer Ewigkeit da oben.“ Ich atmete tief ein. „Okay, ruhig bleiben!“, sagte ich mir immer wieder und drehte mich langsam in Richtung Tür. Das Blut gefror mir in den Adern.

Im Türrahmen stand eine große Gestalt. Es war ein junger, muskulöser Mann, den ich noch nie zuvor gesehen hatte. Schweigend stand er da und starrte mich an. Mein Blick blieb an seinem Shirt hängen. Es war voller Blut. Mein Herz raste. „Jessy!“, schrie ich verzweifelt. Ich hörte ihre Schritte auf der Treppe. Ich wollte nicht, dass sie, die einzige Freundin, die mir nach den Morden an Melanie und Kim noch geblieben war, auch noch umkam. Doch bevor ich noch etwas sagen konnte, um sie zu warnen, war es zu spät. Der Mann zog ein Messer aus seiner Hosentasche und stach es Jessy in den Bauch. Sie sackte zu Boden. Der Täter wandte sich von Jessy ab und starrte mich an. „Warum haben Sie das getan?“, wimmerte ich. „Kannst du dir das nicht denke, Eva?“, antwortete er und zog eine Augenbraue nach oben. „Bereust du nicht, was vor fünf Jahren passiert ist?“ Ich nahm all meinen Mut zusammen. „Er hatte den Tod verdient. Nach allem, was er Kim angetan hat.“ Der Mann kniff die Augen zusammen. „Du denkst doch nicht ernsthaft, dass Kims Vergewaltigung damals es gerechtfertigt hat, dass ihr Adam dafür tötet, oder?“

Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Es kam alles wieder hoch und ich war genauso wütend wie damals. „Natürlich! Wenn Kim zur Polizei gegangen wäre, wäre Adam wegen der Vergewaltigung ein paar wenige Jahre ins Gefängnis gekommen und hätte sein Leben danach einfach unbeschwert weitergelebt. Der Polizei nichts zu sagen und die Sache selbst in die Hand zu nehmen, war das Richtige, nachdem er Kims Leben zerstört hat!“ Der Mann trat einen Schritt auf mich zu. Blut tropfte von dem Messer in seiner Hand. „Ich muss schon sagen, ihr drei habt es wirklich erstaunlich gut hinbekommen, die Spuren zu verwischen und den Mord zu vertuschen. Aber eben nicht gut genug.“ Er kam noch einen Schritt näher. „Ich bin euch gefolgt, als ihr seine Leiche aus dem Haus getragen und schließlich im Wald vergraben habt.“ Erneut trat er einen Schritt auf mich zu. Ich wich zurück und drückte meinen Rücken gegen die harte Wand. „Er hatte seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Verwandten und niemand hat ihn vermisst. Warum tun Sie das alles und warum erst fünf Jahre später?“ Die Hand um das Messer verkrampfte sich. „Er wurde vermisst! Er hatte mich, seinen besten Freund. Ihr habt einen Teil meines Lebens zerstört. Ich wollte zur Polizei gehen, aber dann dachte ich mir, dass das Gefängnis nicht Strafe genug für euch wäre. Ich wollte euch das Selbe antun, wie ihr Adam damals. Ich dachte, fünf Jahre sind genug Zeit, damit ihr euch wieder in Sicherheit wähnt und denkt, ihr seid damit davongekommen.“

Ich wusste nicht, was ich noch tun konnte, um den Unbekannten aufzuhalten. „Bitte, tun Sie das nicht!“, flehte ich ihn an, als er weiter auf mich zukam und sich vor mir aufbaute. Ich wusste, dass ich keine Chance haben würde. „Ich hätte zur Polizei gehen sollen. Lieber wäre ich jetzt bis an mein Lebensende hinter Gittern, als hier zu sterben!“ Ich konnte aber nicht weiter darüber nachdenken, als ich einen stechenden Schmerz im Bauch spürte, der mich alles um mich herum vergessen ließ. Ich sackte zu Boden. Blut floss aus der Einstichwunde. Dann wurde alles um mich herum schwarz…

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