TwingoDas Geheimnis

1.    Jetzt I.

 

Es war dunkel und kalt. Zittrig hielt sie die Pistole an sich gedrückt. Sie wusste gar nicht wielang sie schon in der Türflucht stand und um die Ecke schaute. Dort wo ER immer war.

Neben den anderen zwielichten Gestalten im Halbdunkel einer Feuertonne. Junkies, Bettler, Säufer, Obdachlose – die Viertel in Hamburg bieten für den Abschaum der Gesellschaft genügend Treffpunkte. Und ER gehörte auch dazu. In seinen alten, dreckigen Klamotten, unrasiert und mit strähnigen Haar, meist mit einer Schnapsflasche im Haar.

Früher sah ER noch ganz anders aus, damals in ihrer Kleinstadt nahe Hamburg. Der Junge, der groß raus kommen wollte. Der Junge, der genauso immer angab und rumtönte wie sein toter Bruder. Zukunftsträume hatten sie alle, aber nur die Wenigsten erfüllten sich ihre auch. Sie hatte bald den Absprung geschafft, damals nach DEM VORFALL.

Neues Aussehen, neuer Name, neues Leben – Sie hatte wirklich an alles gedacht und sich ein Leben erkämpft das es wert war zu schützen! Vor IHM! Den Einzigen, der sie noch von früher kannte und der es, ihres Wissens nach, auch nach Hamburg geschafft hatte. Eigentlich war es ausgeschlossen, das irgendjemand in Hamburg sie kennen sollte. Aber letztens fiel ihr eine Anzeige in der Zeitung auf – und sie sah darin ein Bild von sich, von früher, mit knapp 18 Jahren. Darunter stand: Mädchen aus Steinkirchen gesucht! Wer Näheres weiß bitte bei der Zeitungsredaktion melden. Es winkt eine Belohnung! Chiffre – Nr. 1312

Seitdem dreht sich alles nur noch bei ihr darum IHN zu finden, der schon am Grab Rache für seinen Bruder forderte. Ein paar Telefonate und ein bißchen Stöbern im Polizeicomputer machten sie fündig. Steve Bahr lebte auch in Hamburg. Kein so erfolgreiches Leben wie sie, aber er musste der ominöse Absender der Zeitungsanzeige – und ihn galt es auszuschalten um ihr Geheimnis zu wahren, das nur sie kannte und mit ins Grab nehmen wollte.

Wie sie diese Leute hasste. Auch in ihrer Arbeit als Polizistin wurde sie immer wieder mit diesen Klientel konfrontiert und noch viel Schlimmeren. Es war oft nicht leicht, nach außen hin die Coole zu spielen, wenn mal wieder ein Mann seine Frau geschlagen hatte oder ein Kind missbraucht wurde. Viele alte Gefühle kamen da wieder hoch, die es in Schach zu halten galt.

Aber sie musste tun was zu war. Viel zu viel stand auf dem Spiel. Ihr Leben, ihre Existenz, ihre Identität – einfach alles.

Sie zitterte leicht. Vor Kälte? Angst? Keiner würde IHN vermissen – einen dreckigen, kleinen Penner im Großstadtdschungel fällt kaum auf. Und wenn er erstmal weg ist, gibt es keine Gefahr mehr für sie. Für sie und ihr neues Leben, das rein gar nichs mehr mit ihrer Vergangenheit zu tun hat. Es kam Bewegung in die kleine Gruppe um der Feuertonne. Alle nochmal auf Aufwärmen, bevor jeder von ihnen wieder sein Glück heute Nacht sucht.

Ihr spezieller Freund tauchte auf, aber nicht allein. Wer war der feine Typ im Anzug? Was hatter der hier verloren? Er gestekulierte wild und schien auf die Leute einzureden. Diese standen nur stumm und mit ausdruckslosen Gesichtern da. Er hatte ein Bild dabei, das er herum zeigte. Die Meisten schauten immer noch gleichgültig drein, hier und da ein Achselzucken, mehr rührte sich da nicht.

Durchwegs ratlose Gesichter. Der feine Pinkel musste wohl unverrichteter Dinge wieder weiter ziehen. Aber er gab noch nicht ganz auf, teilte das Bild an allen aus und wedelte mit einen dicken Briefumschlag. Wahrscheinlich eine Belohnung oder ein Kopfgeld für die Person auf den Foto, dachte sie. Diese Leute haben eh allen Stolz und Würde verloren und würden für ein paar Euros ihre Mutter verkaufen. Warum dann nicht jemand Fremdes ausliefern? Das Geld können sie alle gut gebrauchen.

Während der Mann im Anzug mit verdrießlichen Gesicht das Weite suchte, machten sich auch die dunklen Gestalten auf den Weg in die Nacht. Die Fotos wanderten in diverse Hosentaschen und nur wenige landeten auf den Asphalt oder fielen ins Feuer.

Der aufkommende Wind blies ein paar der Bilder auch in ihre Richtung. Mit fahrigen Händen hob sie eines der Bilder hoch und erschrak zu Tode – darauf war sie zu sehen! Sie im Alter von 18 Jahren!

 

2.       Jahre vorher

 

Maggie war ein liebenswertes und fröhliches Mädchen im Alter von 12 Jahren. Sie lebte in einer Kleinstadt nahe Hamburg und war in der Schule und bei ihren Freunden sehr beliebt.

Sie liebte es zu tanzen, Klavier zu spielen und mit ihren Hund „Dusty“ im Garten zu toben.

Auch die Sonntagskirche besuchte sie gerne und war sich sicher, „das Gott über sie wachte und sie und ihre Eltern beschützte“. Nur eines störte Maggies perfekte kleine Welt – Ein Junge namens Rick. Rick war zwei Klassen über sie, war zwei Köpfe größer und auch zweimal so dick wie sie. Er war der Schulrowdy, verprügelte jeden, der sich ihn in den Weg stellte und verbrachte mehr Stunden beim Direktor als im Klassenzimmer.

Besonders auf Maggie hatte er es immer abgesehen. Er stellte ihr ein Bein, das sie stolperte und hinfiel, zog sie an den blonden Zöpfen, begrapschte sie und machte sich über sie lustig.

Während die anderen Kinder in der Schule waren um zu lernen, gab es für Rick nur eine Aufgabe: Essen, andere ärgern, verhauen und ihnen ihr Essensgeld wegzunehmen. Die ewigen Nachsitzestunden störten ihnen nicht die Bohne – Im Gegenteil. Dabei überlegte sein krankes Gehirn, wer denn sein nächstes Opfer wird.

In letzter Zeit genügte es ihn aber nicht nur seine Opfer zu ärgern und zu verhauen, es geilte ihn richtig gehend auf, wenn sie um Gnade flehten das er von ihnen abließ. Er hatte desöfteren schon sexuelle Fantasien gehabt und Maggie, die kleine blonde unschuldige Maggie, spielte darin eine große Rolle. Wie sie lasziv vor ihn hin und her wackelte in ihren Röckchen, die Bluse für ihn öffnete und ihre kleinen Brüste ihn zeigte. Schon der Gedanke daran brachte sein Glied in seiner Hose zum Wachsen und der Drang, dem nachzugehen wurde größer und größer. Die Pornos auf den Laptop seines großen Bruders reichten nicht mehr aus – er musste sie einfach haben, kostete es was es wollte.

Maggie vermied jeglichen Kontakt mit den schmierigen Rick, sie hasste seine Pöbeleien, das Gegrapsche, die widerlichen Rufe, die er ihr hinterherschickte „Maggie – Maus, bleib doch stehen, ich will mit deinen Zöpfen spielen“, die „Stöhn-und Knutsch – Geräusche, die er dabei machte, begleitet von diesen dröhnenden Lachen, das einen der Schauer über den Rücken fuhr.

Wenn die Schule aus war lief sie, so schnell sie konnte, nach Hause. Teilten sie sich und Rick ja den gleichen Heimweg – aber sie wollte nie, niemals ihn auf den Weg nach Hause treffen.

Dieses Ekelpaket, dieser Schwabbel, der nur Abscheu und Verachtung in ihr hervorrief.

Schon öfter hatte sie versucht mit ihren Eltern über Rick zu reden, der nicht nur sie, sondern auch andere Kinder schikanierte. Aber ihre Eltern waren auf diesen Ohr taub und meinten nur, das das Aufgabe von Ricks Eltern wäre.

In der Kirche betete sie zu Gott, das er ihr helfen möge.

Das sie das selbst in der Hand hatte, war ihr zu dem Zeitpunkt noch nicht klar.

 

 

3.    Jetzt II.

Was sollte Sie jetzt machen? Wer war dieser fremde Mann? Sie musste sich mit Steve Bahr treffen und erfahren was der fremde Mann von IHR wollte! Geld spielte dabei keine Rolle. Also war nicht Steve das Problem sondern der ANDERE MANN. Was hatte er gegen SIE in der Hand?

Keiner wusste von damals, was geschehen war. Und so sollte es auch bleiben.

Hatte jemand SIE gesehen, damals im Wald?

Sie musste mit Steve reden, dann würde sich vieles klären. Seufzend steckte sie die Pistole zurück ins Holster, stieß sich von der Mauer ab und lief mit hochgeschlagenen Kragen und der Kapuze auf den Kopf zu IHM hinüber. ER stand immer noch an der Feuertonne. Maggie blieb in gebührender Entfernung stehen und sprach ihn von der Seite an. „Hallo Herr Bahr“, Steve zuckte zusammen. Er musterte Maggie von oben bis unten und zuckte die Achseln. Was wollte diese Frau hier? Keiner von der sogenannten „Oberschicht“ war sonst hier anzutreffen.

Hier, bei den Verlierern, den Glücklosen, die nicht aufgaben auf ihre Suche nach dem Glück. Und das Tag für Tag, Abend für Abend, Nacht für Nacht.

„Herr Bahr, ich bin von der Polizeit“, Maggie zückte kurz ihren Ausweis. Steve ging auf Hab-Acht-Stellung und sagte nur „Ich habe nichts getan, Frau Polizistin, ich stehe hier nur rum. Wirklich, das können sie mir glauben.“

„Es geht nicht um sie, Herr Bahr“, Maggie überlegte sich ihre genaue Wortwahl, „Sondern um ihren Freund im Anzug“. Steve lächelte. „Ach so.Da weht der Wind her“. Er schaute Maggie leicht spöttisch an. „Frau Polizistin, man kann doch nicht so einfach seine Freunde verraten.“

Maggie lächelte spöttisch zurück. ER hatte sie nicht erkannt. Das war ja schon mal was

„Sie helfen bei einen Verbrechen mit, wenn sie mir weiterhelfen, Herr Bahr.“ Und sowas wird  von der Polizei belohnt. Kommen wir jetzt ins Geschäft?“

 

4.    Der Tag, der alles veränderte

Sie weiß es noch wie heute. Dieser Tag im Mai, der alles veränderte.

Sie und ihr bisheriges Leben.

Eigentlich war es am Anfang ein sehr schöner Tag. Die Sonne schien, Maggie hatte für ihre Hausarbeit eine 1 bekommen und nach Kunst, ihren Lieblingsfach, hatten sie frei.

Ihr spezieller Freund Rick saß den ganzen Tag schon beim Rektor, weil er das Schulhaus mit Graffitis besprüht hatte – von dem hatte sie auch ihre Ruhe. Also rundherum ein perfekter Tag.

Maggie packte ihre Büchertasche und lief singend und springend den Weg entlang – ohne Eile, endlich mal in aller Ruhe. Die Zöpfe flogen auf und nieder. Sie überlegte, ob sie einen Abstecher in den Wald machen sollte. Auf ihr wartete daheim eh niemand und beim letzten Streifzug hatte sie eine Hasenfamilie mit jungen Häschen entdeckt. Die wollte sie gerne wieder sehen. Während sie gedankenverloren vor sich hinlief, entdeckte sie auf der Bank am Wegesrand – Rick. Ihr Herz rutschte in die Hose. Was machte der hier? Er sollte doch in der Schule sein?

Lässig stand der große Junge auf und kam auf Maggie zu. „Na,  meine Schöne? Ich habe schon auf dich gewartet.“ Maggie wich zurück und lief mit gesenkten Kopf und schnelleren Schrittes weiter. „Bleib doch stehen, Maggie – Maus. Willst du nicht ein bißchen Spaß haben?“

Maggie schüttelte den Kopf und wich Rick aus, der sich provokativ vor ihr stellte und sie am Arm packte. „Lass mich los“, jetzt schrie sie nur noch und schüttelte ihn ab. Im gleichen Moment rannte sie los. Er konnte nur noch ihre Schultasche packen, die sie hinter sich abwarf.

Sie lief und lief. Richtung Wald. Dort kannte sie sich aus, dort konnte sie sich verstecken. Ihr wurde heiß. Das Zopfband ihres Zopfes löste sich und fiel herunter – sie merkte es nicht einmal. Hinter ihr rannte jetzt auch Rick. „Bleib stehen, Maggie – Maus, ich krieg dich doch eh“. Da war es wieder, dieses dröhnende, bedrohliche Lachen. Sie würde nie stehen bleiben, niemals. Nie würde sie dieser abscheuliche, schreckliche Typ in seine Finger bekommen.

Gleich nach der Lichtung im Wald führte der Weg zu einem See. Dort gab es eine Biegung und im Untergehölz waren viele hohle Bäume. Dort konnte sie sich verstecken.

Bis dahin galt es nicht schlapp machen und nicht stolpern. Maggie wich Ästen und Wurzeln aus, hinter sich das stetige Schnaufen von Rick, der gut mit ihr Schritt hielt.

Verdammt, seid wann kann der so gut rennen? Und wieso wusste er, das sie die letzte Stunde frei hatte? Hatte der Rektor nicht aufgepasst und ist er von der Schule abgehauen? Oder stand er gar draußen und hat sie beobachtet, als sie heimlief? Hatte der Rektor nicht sogar gesagt, „er solle sein Geschmiere wieder abwischen?“ War er vielleicht eh schon draußen und konnte sie umso leichter abfangen? Tausend Fragen schossen Maggie durch den Kopf. Aber dafür war später Zeit. Jetzt hieß es laufen, immer weiter laufen – und Entkommen.

 

5.   Jetzt III.

 

Steve schaute Maggie argwöhnisch an. „Um was für eine Belohnung sprechen wir, Frau Polizistin?“. Maggie schob ihn einen Umschlag hin. „Herr Bahr, wir wissen, das sie auf der Straße leben. Diese kleine Aufmerksamkeit wird ihnen sicher über die nächsten Tage hinweghelfen.“ Steve warf einen kurzen Blick hinein und lächelte. „Das nennt man Bestechung, Frau Polizistin, oder täusche ich mich da?“  Maggie wurde langsam ungeduldig, ihre Hand rutschte Richtung Holster und sie griff zur Pistole. Wieso musste er es ihr so schwer machen?

Sie packte ihn, zog ihn zur nächsten Hauswand und hielt ihn die Pistole unter die Nase. „Du hattest deine Chance, du Penner. Wenn du das Geld nicht willst – deine Sache. Entweder du rückst jetzt den Namen raus oder ich schlepp´ dich ins Revier. Widerstand gegen die Staatsgewalt und Verweigerung der Aussage. Da kommt einiges zusammen.“ Steve schluckte und sah, das Maggie keinen Spaß machte. „Ok, ok. Sie haben gewonnen – Der Typ heißt Steffen. Steffen Maurer.“

 

Maggie überlegte. Wer war das? Der Name sagte ihr gar nichts.

„Was wollte ihr Freund hier bei ihnen und den anderen Leuten?“ Sie hoffte auf weitere Antworten. „Er sucht im Auftrag seines Auftraggebers eine Frau.“. Steve steckte ihr das Bild mit ihren Gesicht entgegen. Maggie schluckte und nahm das Bild von ihm entgegen. „Der Auftraggeber hat wohl eine Belohnung für diese Frau ausgesetzt. Und meine Freunde und ich sind den ganzen Tag ja unterwegs“, Steve lächelte Maggie unschuldig an, „und etwas Kleingeld kann jeder von uns gut gebrauchen. Was ist jetzt mit meiner Belohnung, Frau Polizistin?“

Sie ließ Steve Bahr los, gab ihn den Briefumschlag und steckte die Waffe weg. „Danke Frau Polizistin. Aber jetzt müssen sie auch mir ihren Namen verraten!“ Er grinste sie an. Maggie drehte sich um. „Berger, Davidswache Hamburg.“, sie zeigte nochmal kurz ihren Ausweis und lief dann durch die dunkle Nacht. Nichts wie weg hier.

Es gab Wichtigeres zu tun.

 

6.   Das Geheimnis

Sie lief und lief. Es kam ihr wie Stunden vor. Da war die Biegung. Kurz den Weg zum See angetäuscht und schon ging es links herum weiter. Da – ihr Ziel war schon in Augenhöhe. Auf einmal geriet sie ins Straucheln. Ein dicker Ast lag quer, genau vor ihren Füßen. Sie geriet ins Wanken, fing sich wieder. Aber Rick nutzte diese kleine Schwäche aus und ergriff sie an ihrer Bluse und zog sie im Fallen mit sich herunter. Durch den Aufprall rollten sie auf den leicht moderigen Waldboden Richtung Unterholz und blieben dann beide erschöpft liegen. Während Maggie sich gerade aufrappelte und auf allen Vieren weiterkriechen wollte, zog Rick sie an ihren Füßen zurück und warf sich auf das wehrlose Mädchen. Endlich war er seinem Ziel nahe. Während Maggie um Hilfe schrie und mit Händen und Füßen versuchte sich zu wehren, riss er ihr Rock und Höschen vom Körper, zog seine Hose zur Hälfte herunter und drängte sich zwischen ihre Beine.Maggie konnte nicht mehr schreien und kämpfen. Sie wimmerte jetzt nur noch „Nein, hör auf. Bitte hör auf“. Aber Rick hörte nicht auf – unter lauten Gestöhne und ein paar gezielten Stößen verschaffte er sich Erleichterung. Er rollte sich von Maggie herunter und schnaufte lauthals neben ihr. Maggie kämpfte jetzt nur noch mit den Tränen – den Tränen, den Schmerz, den Ekel, den Abscheu und den Hass. Sie hasste ihn. Dafür sollte er büßen. „Gott, warum hast du mir nicht geholfen?“ „Warum ich??“ Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie musste hier weg, weg sofort. Wenn er sich wieder aufrappelt, was kommt dann? Nochmal das Ganze von vorne? Das überlebt sie nicht!

Sie zog sich leise hoch, erst auf allen Vieren, dann stand sie – zwar wackelig, aber sie stand. Schnell zog sie Rock und Höschen wieder an und schaute voller Abscheu und Hass auf ihn. Wie er immer noch schnaufend wie eine Dampfwalze auf Moos und Farnen lag. Sein kümmerliches kleines Würstchen zwischen seinen Eiern. Wie sie ihn hasste. Seinen fetten, wabbeligen Körper, der sich auf und ab bewegte. Sein abgestandener Pommes – Cola-Atem.

„Ich hasse dich“, flüsterte sie. „Ich hasse dich.“ Sie schaute sich um. Was könnte sie nehmen um ihn k.o. zu schlagen? Den Ast? Den Stock? Nein, besser. Da lag ein Stein. Ziemlich groß. Ob sie das schafft? Einen Menschen zu schlagen? Sie, die nicht mal einer Fliege ein Leid zufügen konnte? In dem Moment drehte er sich zu ihr um. „Maggie – Maus, wie wäre es noch mit einer Runde?“ Er lachte ihr sein dreckiges, dröhendens Lachen entgegen. Sie blickte ihn nur voller Abneigung und Ekel an. Ihn, der er ihr hier auf den kalten, moosbewachsenen Waldboden die Unschuld genommen hatte. Etwas was man im besten Falle und in romantischer Stimmung mit seinen Freund erleben sollte. Sie kannte keine Gnade mehr. „Da hast du deine Runde, du

Scheusal, du Ekel, du Monster“, die Schimpfworte schossen nur so aus ihr heraus, während sie den Stein immer und immer wieder auf ihn nieder fallen ließ –  immer wieder immer wieder.

Rick wusste kaum wie ihn geschah und er bemühte sich aufzustehen. Aber bereits der erste Schlag saß und er taumelte zurück. Er versuchte sich mit Händen und Beinen zu wehren, aber Maggie schlug wie im Rausch weiter zu. Rick versuchte sie noch anzuflehen „Hör auf, hör auf, bitte hör doch auf“, aber es gab kein Erbarmen, keine Gnade. Bald schon war der Stein in Maggies Hand rot vor Blut, es war überall zu sehen: Sein Blut auf seinen Kopf, in seinem Gesicht, auf seinen Körper, auf ihren Händen, ihren Kleid…

Sie sah nur noch rot, blutrot. Erst als sich am Boden unter ihr nichts mehr rührte, hörte sie auf. Was hatte sie getan? War er tot? Als ob sie das interessieren würde. Sie beugte sich nochmal über ihn rüber – schnaufte er noch? Nein, er rührte sich nicht mehr, gut so.

Sie lief zum See und wusch sich erstmal so gut es ging ihre Hände und ihre Kleider, warf den Stein ins Wasser und rannte aus den Wald so schnell sie konnte.

Auf den Weg sammelte sie ihre Haarschleife und ihre Büchertasche ein. Verstohlen sah sie sich um. Es war keine Menschenseele auf den Weg. Keiner auf den Weg in den Wald. Keiner hatte sie gesehen.

Im Wald lag Rick stöhnend vor Schmerz. Sein Kopf dröhnte und schien zu platzen. Er konnte vor lauter Blut nichts mehr sehen. „Maggie, Maggie“ flüsterte er. Zu mehr war er nicht mehr fähig. Er konnte die Augen nicht mehr aufhalten. Erstmal ausruhen, dachte er bei sich. Das war sein letzter Gedanke.

Doch nicht nur Rick und Maggie waren an dem Tag im Wald. Noch jemand anders war auch da und sah Rick in seinen letzten Atemzügen. Verstört und voller Angst rief die Person den Notarzt an und erzählte unter Tränen, das ein Junge mit zertrümmerten Kopf auf den Waldboden liegt. In den Händen eine Schleife von Maggies Zöpfen.

Daheim duschte Maggie ausgiebig, steckte die Kleider in einen Müllbeutel und stopfte diesen in die Mülltonne. Sie hängte das Kreuz in ihren Zimmer ab – Gott hatte sie heute in ihrer größten Not verlassen –  und sie hatte keinen Grund mehr an ihn zu glauben.

 

 

 

 

7.   Danach

 

Wieviel Leid kann ein Kind ertragen? Wielang kann es schweigen, ohne das es zerbricht? Maggie lernte DAMIT zu leben.

Ricks Tod wurde schnell nach dem anonymen Anruf publik. Den Polizisten bot sich kein schöner Anblick – ein pubertierender Jugendlicher, der einige Kilos zuviel auf den Rippen hatte, lag mit heruntergelassenen Hosen und zertrümmerter Schädeldecke auf einer Lichtung im Wald. An den Toten fand man keine Fingerabdrücke und keine Beweismittel. Die Schleife war längst das Besitztum jemand anderen. Auch die akribische Reinigung der Fingernägel waren nicht das Werk von Maggie, die in Eile nur den Stein entfernte und sich reinigte. Die Polizei vernahm alle Klassen, Lehrer, Kinder. Die meisten hatten eh nur das Gleiche zu berichten: Rick war ein Rowdy, der alle verprügelte, beklaute und den kaum einer mochte – ein widerlicher Kotzbrocken, ein Angeber. Grund für einen Mord hatte die Hälfte der Schule – inklusive den Rektor, der mehr Zeit mit Rick verbringen musste als ihn lieb war. Die meisten waren auch froh, das er nicht mehr da war. Am meisten aber Maggie.

Die Ermittlungen liefen ins Leere und die Beweislage gab nicht viel her. Den Fall eines unbeliebten Teenagers aufzuklären war nicht höchste Priorität bei der Polizei. Ein weiterer unaufgeklärter Fall, der zu den anderen dazugelegt wurde. Ein toter Jugendlicher mehr oder weniger, auf den es kaum ankommt.

Vermisst wurde er höchstens von seiner Familie, die an der Beerdigung an seinen Grab fast zusammen brachen und um ihr „armes Kind“ jammerten. Ja, ja das arme Kind, wenn die wüssten dachte sich Maggie. Natürlich musste die ganze Schule zur Beerdigung – Anweisung des Rektors. „Sonst ständen die Eltern allein am Sarg“, raunte man sich am Friedhof zu. Ricks Brüder waren am Grab außer sich – aber eher vor Wut als vor Trauer. Steve schwor Rache für den kleinen Bruder und schwenkte seine Fäuste – ein weiterer Rowdy mehr in der Familie. Für Maggie war dies ein weiterer Tag, den sie über sich brachte. So wie die anderen davor auch und die, die noch kommen werden. Sie hatte sich eh sehr verändert. Wenn ihre Eltern sich mehr für sie interessiert und gekümmert hätten, wäre es ihnen aufgefallen.

Sie war stiller als früher, zog nur noch Hosen an und machte sich meist einen Zopf. Das unbeschwerte Mädchen mit den Zöpfen gab es nicht mehr. Nur noch ein ernster, meist gleichgültig wirkender Teenager, der sich hinter seinen Büchern und Zeichnungen verkroch und sonst kaum noch Interessen hatte. Auf Klavier und Tanzen hatte sie keine Lust mehr und auf Gottesdienst sowieso nicht. Manchmal wirkte sie geradezu provokativ, wenn laute Metalmusik aus ihren CD – Player klang, die über Gott lästerte und ihn verhöhnte. Ihre Eltern verurteilten diese „Teufelsmusik“, aber Maggie ließ sich schon lange nichts mehr sagen.

Einzig ihr Hund „Dusty“ war ihr einziger Vertrauter. Ihm hatte sie alles erzählt, was ihr geschehen war. In sein Fell hatte sie geweint und ihn verzweifelt umarmt. Von ihm hatte sie Liebe und Verständnis bekommen – die Liebe und das Verständnis, die eigentlich Eltern in so einen Fall ihren Kind geben müssten. Er tröstete sie bei Alpträumen, wenn sie schreiend erwachte oder wenn sie sich in den Schlaf weinte.

Ohne „Dusty“ hätte sie das ALLES nie ausgehalten, ihr geliebter, treuer Hund. Und sie zählte die Tage, die Jahre, die sie noch in diesen Ort, diesen Kaff verbringen musste. Mit 18 würde sie ausziehen, und ihr neues Leben beginnen. Ein Leben ohne Leid, Kummer und unterdrückten Schmerz.

Weit weg von allen was sie mit Rick Bahr verband.

 

 

8.   Jetzt IV.

Daheim knallte sie die Waffe auf den Tisch, erledigte sich ihrer Kleider und zog den Laptop zu sich ran. Wer war dieser Steffen Maurer? Wer war sein Auftraggeber? Der Name sagte ihr überhaupt nichts. Der Polizeicomputer spuckte genauso wenig über den Typen raus. Ledig, wohnhaft in Hamburg, keine Vorstrafen, kein Eintrag. Beruf: Detektiv. Gut, wenigstens ein Anhaltszeichen. Sie musste ihn abfangen, hören was er wusste, was er von IHR wollte.

Ihn musste jemand geschickt haben – sie zu finden. Was wollte derjenige? Rache? Für was? Das sie die Welt von dem Scheusal Rick befreit hatte? Eigentlich hätte sie dafür eher einen Orden verdient. Und wieso auf den Weg? Wenn jemand was von ihr wollte, konnte er sich ihr direkt stellen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Sie hatte von nichts und niemanden Angst und ihr Freund, ihre Clock, und sie würden mit jeden fertig werden, der sich IHR in den Weg stellte. Sie ging über Leichen – denn nur wer sich im Leben wehrte, kam weiter.

Sie holte sich die Zeitungsanzeige nochmal her. Wer auch immer nach ihr suchte, kannte sie. Soviel war sicher. Und er wollte sie auf jeden, möglichen Weg finden – über die Zeitung oder  Leute auf der Straße. Fehlten nur noch Suchplakate an Bäumen und Laternenmästen und ein Aufruf im lokalen Fernsehsender. „Wer kennt diese Frau? Wer kennt Maggie Burger? wohnhaft damals: Steinkirchen, Alter damals: 18 Jahre. jetziger Wohnort: unbekannt – aber mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit Hamburg. jetziges Aussehen: unbekannt. Für sachdienliche Hinweise winkt eine Belohnung.“

Aber so leicht würde sie es ihren vermeintlichen Verfolger nicht machen. Sie hatte damals ihr ganzes Gespartes in ihre Verwandlung gesteckt. Nasen-, Kinn- und Ohrkorrektur, aufgespritzte Lippen, eine Brustvergrößerung sowie Haarextensions rundeten die Verwandlung von Maggie Burger zu der taffen Polizistin Monica Berger ab. Selbst ihre Mutter erschrak beim ersten Mal, als sie sie nach ihren Schönheitsops auf Handybildern sah und wenn sie sie nicht gekannt hätte, hätte auch sie sie wieder erkannt.

Die Experten hatten wirklich eine Meisterarbeit an ihr vollbracht – also daran konnte es nicht liegen. Und diese unterlagen ihrer Schweigepflicht. Von der Seite aus hatte Maggie nichts zu befürchten.

Sollte sie SELBST einfach auf die Suchanzeige antworten. Aber was? Sollte sie sich gleich zu erkennen geben? Oder den oder diejenigen erstmal zappeln lassen? Sie nagte an ihren Nägeln und lief in der Wohung hin und her. Erstmal einen Schluck aus der kalten Bierflasche. Die Lichter der Stadt lagen ihr zu Füßen. Hier in ihrer Penthousewohung hatte sie den perfekten Blick auf Hamburg. Die Stadt, die niemals schlief und wo sich nach einigen Jahren endlich wohl, „zu Hause“ fühlte.

Sie öffnete ihren Laptop, gab die Web – Adresse der Zeitung ein, suchte den Bereich „Suchanzeigen“ und schrieb unter der Chiffre – Nr. 1312: „Ich könnte ihnen Hinweise zu der gesuchten Person geben. Bitte melden sie sich unter Chiffre 1313 bei mir.“

So der erste Schritt war getan  – jetzt hieß es abwarten. Was nicht zu den Stärken von Maggie zählte. Den Anwalt würde sie erst morgen früh aufsuchen.

Mehr würde sie heute nicht mehr erreichen. Seufzend verschwand sie unter der Dusche und machte es sich auf ihrer Couch bequem. Ihre Wohnung war groß, hell und modern eingerichtet und konnte glatt als Einzeige einer Katalogseite dienen.  Trotz allem wirkte alles kalt und nüchtern bei Maggie. Sie legte keinerlei Wert auf Nippes, Bücher, Bilder oder Pflanzen.

Einzig ein Poster hing hinter der Couch mit dem Spruch „Never give up“ – ihr Lebensmotto.

Sie frottierte ihre Haare und zappte im Bademantel lustlos zwischen den Fernsehprogrammen hin und her. Sie würde heute mal bald schlafen gehen. Doch daraus wurde nichts.

Das Telefon klingelte und sie erschrak, als sie die Nummer sah – ihre Mutter. Sie hatte sie seit Wochen nicht mehr gehört.

Nach ihren Auszug aus Steinkirchen vor 8 Jahren hatte sich der Kontakt zur ihrem Elternhaus erheblich abgekühlt. Gelegentliche Telefonate waren das einzige, was noch blieb. Ihre Eltern wollten nicht nach Hamburg und sie wollte für kein Geld der Welt dahin zurück, wo sie ihre Kindheit verlor. Einziger Wermutstropfen war „Dusty“, der immer noch bei ihren Eltern war und den sie schon aus Vernunft so einen Ortswechsel nicht zumuten wollte.

Sie ergriff den Hörer. „Hallo Mama“. Auf der Gegenseite hörte sie nur Schluchzen und Weinen.

„Mama, was ist los? Was ist passiert? Ist was mit Papa?“

„Nein, mein Kind.., nein. Es ist..es ist..Dusty!“ Sie sprang von der Couch auf. „Was ist mit Dusty“

Ein erneuter Weinanfall unterbrach das Gespräch. „Er lag heute abend tot auuf der Fußmatte, mit durchgeschnittener Kehle. Wer macht nur sowas?“

Maggie erstarrte. Nein, nicht ihr treuer Hund. Nicht er. „Mama, ich bin sofort da. Rühre nichts an, ok?“. Sie legte auf, zog sich an und fuhr nach Hause. Vielleicht gab es Spuren, Fingerabdrücke – irgendetwas. Der, der es auf sie abgesehen hatte, wollte nicht nur Rache – er wollte sie am Boden sehen. Aber ohne ihr. Nachdem jetzt „Dusty“ auch noch mit hinein gezogen wurde,  hieß das Krieg. Sobald sich die Person melden würde, die sie suchte, würde sie aufsuchen – und dann konnte derjenige nur noch um sein Leben betteln.

Aufgewühlt fuhr sie dahin, wo sie eigentlich nie mehr hin wollte.

 

9.   Danach II.

Aber nicht nur Maggie musste ihr Leben damals meistern. Es gab noch eine Person. Die, die Rick im Wald sterbend vorfand, mit Maggies Schleife in seiner Hand. Die, die ihn mehr als alles auf der Welt vergötterte, obwohl er sie nie sah. Nicht bemerkte. Nicht näher kannte. Die, die alle Spuren im Wald und an Rick entfernt hatte, die auf Maggie als Täterin schließen ließen. Die, die nach außen hin kühl und unnahbar wirkte und innerlich aufgewühlt, voller Wut, Trauer und Hass war. Ein kleines, unscheinbares Persönchen, das Rache schwor. Rache für Rick, Rache für eine Liebe, sie nie erleben würde, Rache für ein Leben, das sie nie lebte.

Maggie sollte leiden, leiden bis zu ihrem Tod. Sie setzte einen möderischen Plan auf, wie sie mit ihr verfahren wollte. Aber nicht gleich, nein. Sie wollte warten. Geduld ist die größte Tugend. Sie ahnte, wie groß Maggies Schmerz war, wie schwer sie sich innerlich verletzt und gedemütigt fühlte. Sie konnte eins und eins zusammen zählen und ihr war klar, was da im Wald passiert ist. Rick war kein Unschuldslamm, sicher nicht. Aber trotzdem hatte er es nicht so verdient zu sterben. Mit heruntergelassenen Hosen und eingeschlagenen Schädel.

Auch die Polizei hasste sie, die sich kaum Mühe machten, den Fall aufzuklären. Wieder ein Teenager mehr auf der Todesliste. Ach, den mochte eh keiner? –  umso schneller weg mit der Akte. Ok., sie hatte es ihnen nicht leicht gemacht. Sie hatten aber kaum Fragen gestellt oder Ricks Computer durchforstet oder den Rektor gefragt, auf WEN er es in der Schule immer am meisten abgesehen hatte. Dann wären sie sicher auf MAGGIE gekommen. Aber nach ein paar Monaten wäre sie wieder frei gekommen. Ein kleiner Eintrag in ihren Vorstrafenregister und fertig.

Nein, damit würde sie nicht davon kommen. Sie sollte leiden, noch mehr leiden als jetzt.

Und wenn das Leid am Größten wäre, würde sie sich ihr zu erkennen geben.

 

 

 

 

10.    Jetzt V.

Maggie war in weniger als 30 Minuten an ihren alten Elternhaus. Sie stürmte herein und schon öffnete sich die Tür. Mutter lief ihr weinend entgegen, in den Händen den treuen, alten „Dusty“, eingewickelt in einer Decke. Noch immer schauten seine treue Augen sie liebevoll an. Maggie sank zusammen, nahm ihrer Mutter den Hund aus den Armen und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Während sie ihn liebkoste, streichelte und immer wieder seinen Namen flüsterte kam auch ihr Vater ihr entgegen. Auch er wirkte geknickt und unglücklich. „Maggie es tut mir leid“, sie hörte ihn kaum, so leise sprach er.

„Ist euch irgendetwas aufgefallen, Mama, Papa? Lief jemand durch den Garten? Kam jemand zu Besuch? Habt ihr ein Geräusch gehört?“ Ihre Eltern konnten nur verneinen. Dusty wäre wohl abends nochmal draußen gewesen und durch den Garten getobt, wie immer. Er hätte zwar mal kurz gebellt, aber das hieß bei dem alten Jungen nichts. Er verwechselte schon öfter in letzter Zeit Personen mit Bäumen oder vermutete Menschengeräusch da, wo nur das Gebüsch im Wind raschelte. Maggie gab ihm einen letzten Kuss und übergab ihn wieder ihrer Mutter. Sie packte ihr Spurensicherungsset aus und verteilte Kontrastpulver über Dusty, sein Halsbnd, die Wunde, die Fußmatte, sowie über Äste, Zweige und den größten Teil des Gartens. Es gab viel zu viele Fingerabdrücke, hauptsächlich die ihrer Eltern und natürlich von ihr.

Abgeknickte Zweige und Äste ließen vermuten, das jemand im Garten zuvor war. Aber durch den Regen der letzte Tage ließen sich keine genauen Fußabdrücke feststellen. Es war echt wie verhext. Und für einen Hund würden sich auch ihre Freunde in der Spusi nicht auf den Weg von Hamburg nach Steinkirchen machen.

Sie kroch selbst nochmal auf allen Vieren durch den Garten. Erneut schossen ihr Tränen ins Gesicht. Ihr lieber, alter, treuer Freund. Geopfert für die Rache eines Unbekannten. Oder war es gar kein Unbekannter, schoss es ihr im gleichen Moment durch den Kopf! Vielleicht hatte deswegen Dusty keinen Laut von sich gegeben – weil er die Person kannte. Jemand aus Steinkirchen, der auf Ricks Seite stand und sie leiden lassen wollte.

Sie wischte sich den Dreck von den Knien, packte ihre Sachen ein und verabschiedete sich von ihren Eltern. Diese wollten Dusty im Garten begraben. Maggie fragte erneute ihre Eltern: „Wer war heute oder die letzten Tage bei euch? Zu Besuch? Hatte jemand Hilfe gebraucht? Wollte sich jemand was ausleihen?“ Ihre Eltern schauten sie groß an. Nein, sie konnten sich nicht erinnern. Aber wenn ihnen was einfiele, würden sie ihr Bescheid sagen. Maggie lief zum Auto – früher hatten sie sich und ihre Eltern immer viel zu sagen. Sie erzählten gegenseitig von ihren Tag, Maggie berichtete von der Schule und ihren Hobbys, man zog über die Nachbarn her oder lachte über den neuesten Klatsch und Tratsch. Heute hatten sie sich gar nichts mehr zu sagen. Ihre Mutter setzte noch an „Maggie, willst du nicht hier übernachten?“ Aber Maggie winke nur ab. „Tut mir leid, Mam. Ich muss morgen früh raus. Schickt mir Bilder, wenn ihr Dusty begraben habt. Wir telefonieren.“ Und schon saß sie im Auto und fuhr weinend zurück nach Hamburg

Auf natürlichen Weg würde sie heute keinen Schlaf mehr findne. Aber sie musste ihre Kräfte schonen. Neben ihrer privaten Angelegenheiten musste sie auch noch ihren Dienst durchstehen. Mit einer Schlaftablette und einen Glas Wasser sank sie in einen unruhigen Schlaf.

Der nächste Tag – ein völliges Chaos. Sie hatte vergessen, den Wecker zu stellen. Völlig schlaftrunken sprang sie aus den Bett, zog sich an und unter Zähneputzen rief sie auf den Revier an. „Krämer, hier Berger. Tut mir leid, mein Wecker ging nicht. Ich bin in 10 Minuten da. Sag Becker Bescheid, ja?“. Ihr Chef hasste Zuspätkommen wie die Pest – sprich sie würde die nächste Wochenendschicht aufs Auge gedrückt bekommen – Wie toll! Gerade jetzt schien auch alles schief zu laufen.

Hetzend, mit Waffe, Handy, Geldbeutel und Autoschlüssel unterm Arm stolperte sie die Treppe hinunter. Ab ins Auto und ab durch die Mitte – was in Hamburg gar nicht so leicht war.

Gut das sie immer ein paar Schleichwege in petto hatte. Viel zu schnell schnitt sie die Kurven der verkehrsberuhigten Zone und erntete böse Rufe und Beschimpfungen. Den Fahrradfahrer konnte sie gerade noch so ausweichen. Puh, das war knapp. Ein Unfall hätte ihr gerade noch gefehlt.

Kurze Zeit später, Davidswache. Ihr Einsatzort für die nächsten 5 Monate. „Am Puls der Zeit“, hatte es ihr Chef genannt. Darauf konnte sie gerne verzichten. Jeden Tag sich mit alkoholisierten Pennern, Junkies und Nutten aus der Herbertstraße herumzuschlagen. Sie sehnte sich nach ihrer „Hauptwache“ am Rathaus, wo es doch kultivierter zuging. Der raue Ton auf derr Reeperbahn ag ihr gar nicht. Aber wenn Not am Mann war, hieß es sich gegenseitig auszuhelfen. Und die Davidswache hatte Hilfe dringend nötig. Einige Gewaltdelikte, sexuelle Übergriffe, Bandenkriege und Drogenvorfälle galt es zu klären. Langweilig wurde es da nie – aber dafür sollte man auch fokussiert und aufmerksam sein. Sonst könnte man schnell selbst Opfer eines Schusswechsels oder eines Messers im Rücken werden.

Sie stürmte in die Wache, murmelte ein „Guten Morgen“ und ließ sich an der Anmeldung ihren Einsatzort für den Vormittag geben. Sie wendete sich gerade zum Gehen, als eine Stimme scharf hinter ihr „Frau Berger, einen Moment“ sagte – oh nein, Becker hatte sie erwischt. Mist. Sie dachte, sie könnte ihn entgehen, schneller als er sein.

„Sind wir heute ein bißchen zu spät, Frau Berger?“ Er kam zu ihr die Treppen von seinen „Office“ herunter. Sie senkte den Blick. Bloß nicht jetzt mit ihm anlegen. Nach einer kurzen, traumlosen Nacht, die nicht den entspannten Schlaf brachte, den sie versprach. Und ohne Kaffee, ihren Lebenselixier, war sie ihm gesprächstechnisch völlig ausgeliefert.

„Es tut mir sehr leid, Herr Becker. Mein Wecker ging heute früh nicht. Ich hole selbstverständlich die verlorene Zeit nach.“ Sie redete in kleinkindhafter Manier und mit zerknirschter Miene und hoffte, das Becker sich damit zufrieden gab. „Meine liebe Frau Berger“, setzte er an, oh nein, das verhieß nichts Gutes, „das ist schon das dritte Mal in diesen Monat.“

„Gerechtfertigerweise gäbe es als Wiedergutmachung nur die Übernahme der nächsten drei Wochenendschichten.“ In der Wache wurde es schlagartig still. Alle Polizisten schauten auf sie. Maggie schluckte, dieses Arsch. Er mochte sie nicht und sie ihn nicht. Ihr Chef an der Hauptwache hatte noch gemeint, das die 5 Monate an der Reeperbahn für sie eine willkommene Abwechslung „vom trögen Dienst in der Stadt“ wären. Aber so hatte sie sich das Ganze nicht vorgestellt. Wieder ein Mann, der ihr vorschreiben wollte, was sie zu tun hatte.

In ihr staute sich die Wut – jetzt bloß nicht durchdrehen, Maggie, darauf wartete dieser Arsch von Becker nur. „Natürlich Herr Becker“. Nahm ihre Unterlagen und ging los. Sollte er jetzt denken was er wollte. Und je eher sie wieder in ihren Hauptrevier war, umso besser.

Nach vier Stunden Vernehmungen im Rotlichtmilieu, Überprüfung von zwei Gewaltdelikten und der Aufnahme von vier Einbrüchen und drei Ladendiebstählen, ließ sie sich mittags im Cafe ums Eck nieder. Was für ein Tag. Sie war müde, ausgelaugt und selbst die drei Kaffees to go hatten sie nicht wirklich wach gekriegt.

Endlich Ruhe. Sie bestellte das Tagesgericht und eine Cola und blätterte durch ihr Handy.

Da, endlich. Die Chiffre – Antwort auf die sie geantwortet hatte.

„Wollen wir uns treffen, das sie mir ihre Informationen mitteilen können?

Gruß P.“

 

Sie überlegte siedendheiß. Was war der nächste Schritt. Es sollte sich jemand mit ihren vermeintlichen Feind treffen. Aber bestimmt nicht sie. Es musste ein Strohmann her, aber wer?

 

Und sie musst noch diesen Steffen Maurer treffen. Verdammt, wenn nicht ihr Kopf so hämmern würde. Da kommt bestimmt eine Migräne. Am Liebsten würde sie sich jetzt in ihr Bett verziehen, die Rolläden schließen und einfach nur schlafen. Aber das war sie auch Dusty schuldig, das sie sich um seinen Mörder kümmerte.

Sie verschlang das Essen und die Cola, meldete sich vom Dienst ab und lief zum Auto. Unterwegs noch schnell die Adresse von Stefan Maurer gegoogelt und los ging ihre weitere Suche nach Mister oder Misses X oder besser gesagt P.

Stefan Maurer wohnte in einer der schöneren Ecken von Hamburg in Eppendorf. Als Detektiv musste man wohl gut verdienen, dachte sie, als sie vor einer schicken Altbauwohnung stand.

„Stefan Maurer – Privatdetektiv“ stand auf den geschnörkelten Türschild. Maggie atmete tief durch und dann klingelte sie. „Maurer“, hörte sie eine sonore Stimme an der Gegensprechanlage. „Guten Tag, Herr Maurer, mein Name ist Berger, ich bin von der Polizei. Ich würde mich gerne mit ihnen über unseren gemeinsamen Freund Steve Bahr unterhalten.“

Der Türdrücker ließ sie ein und sie lief zum 2. Stockwerk hoch. Herr Maurer wirkte nicht mehr so gepflegt wie beim letzten Mal. In Jogginghose, T-Shirt und Dreitagebart ließ er Maggie in  seine Wohnung. „Entschuldigen sie meinen Aufzug, Frau Berger. Heute ist mein freier Tag und da schlafe ich gerne länger aus.“

Er setzte ihr einen Kaffe vor und bat sie Platz zu nehmen. Sie kam gleich auf den Punkt. „Herr Maurer, von Herrn Bahr weiß ich, das sie einen Auftraggeber haben, der eine ganz bestimmte Frau sucht. Stimmt das? Wer ist dieser Auftraggeber? Wir haben einen ähnlichen Fall auf der Wache, der sich mit ihrer Suche deckt. “ Der hintere Teil war zwar so nicht korrekt, aber so wusste sie, das er ihr Informationen zuspielen würde.

„Ja, mein Auftraggeber sucht diese Frau, früher noch 18, heute sicher um die 36. Sie heißt Maggie Burger und hatte in Steinkirchen gewohnt. Leider kann ich ihnen nichts zu meinen Auftraggeber sagen. Er hat mich über Email angeheuert und will ikognitio bleiben.“

Mist, das gab es doch gar nicht. „Und das macht sie gar nicht stutzig Herr Maurer. Ein unbekanner Auftraggeber eine Unbekannte sucht?“ Er lachte und kämmte sich durch das Haar. „Die Person hat gut gezahlt und auch im Voraus. Wissen sie, Frau Berger, der Beruf des Privatdetektives ist heute nicht mehr so gefragt wie vielleicht vor ein paar Jahren. Da ist man froh über jeden Auftrag. Man möchte ja gut leben,  die Miete muss bezahlt werden und ein paar Extras sollen ja auch heraus springen.“

Sie gab ihn natürlich Recht. Für Geld würde fast jeder alles machen – sogar seine Freunde verraten, die Großmutter verkaufen. Sie schien hier auch nicht weiterzukommen. Sie musste nach Hause. Eine Kopfschmerztablette nehmen und die Sache mit dem Strohmann inszenieren. Es musst langsam mal Bewegung in das Ganze kommen.

„Frau Berger“, sie war schon weit weg in ihren Gedanken, als sie die Stimme von Herrn Maurer hörte. Er verglich gerade das Bild der 18jährigen Maggie mit ihr. „Sie sehen der Vermissten ja etwas ähnlich.“  Er schaute erneut auf das Bild und sie. „Da sehen sie, sie hat auch die Grübchen wie sie und der Mund ist auch ähnlich geschwungen. Obwohl ihrer ja viel voller ist, wenn man das so sagen darf.“ Maggie erschrak, was sagte er da. Sie musste weg, ihr wurde schlecht und sie hatte nicht länger Lust sich von Stefan Maurer mustern zu lassen. Einmal Detektiv immer Detektiv…“Ja, das kann sein“, sie lachte. „Ich muss jetzt weiter. Danke, das sie sich Zeit für mich genommen haben und danke für den Kaffee“. Sie nahm ihre Tasche und ging. Stefan Maurer sah ihr lange nach. Dann setzte er sich an seinen Rechner. Es galt eine wichtige Email zu schreiben.

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