LindiDas Handy

7+

 

Linda Isabelle Erkens

 

 

 

 

 

Das Handy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Müde rieb sie sich die geröteten Augen. Wieder einmal war sie die Letzte im Büro. Die anderen Kollegen waren bereits vor über einer Stunde gegangen und hatten ihr teilweise mitleidige Blicke zugeworfen.

 

Anna machte regelmäßig Überstunden, als wolle sie überhaupt nicht nach Hause.

 

Seufzend fuhr sie den Computer herunter und machte den Bildschirm aus. Einen kurzen Moment verharrte sie und packte dann ihre Handtasche. Sie brauchte sich nicht beeilen. Niemand wartete auf sie.

 

Viele dachten sie wäre beziehungsunfähig, zu wählerisch. Andere fanden sie einfach nur seltsam. Still, auf die Arbeit fokussiert. Eine der wenigen, die nie auf ein Feierabendbier mitging.

 

Eigentlich war sie gar nicht so. Zumindest bis zu diesem verdammten Abend.

 

Daran wollte sie jetzt nicht denken, nicht schon wieder.

 

Sie stand auf und begutachtete den Schreibtisch. Alles war ordentlich zusammen geräumt. Zufrieden schulterte sie ihre Tasche und ging durch das leere Büro.

 

Es war recht dunkel, nur die Notbeleuchtung brummte leise.

 

Plötzlich klingelte ein Telefon. So spät rief im Büro sonst keiner mehr an.

 

Anna ging ein paar Schritte zurück und drehte den Kopf.

 

Das war nicht das Festnetztelefon, jemand musste sein Handy vergessen haben.

 

Am besten ignorierte sie es einfach.

 

Anna ging weiter. Das Klingeln verstummte, um sofort wieder zu ertönen.

 

Es konnte wichtig sein. Vielleicht war es der Besitzer?

 

Da sie es wirklich nicht eilig hatte ging sie doch wieder zurück und sah sich suchend um. Seltsam.

 

Langsam nährte sie sich wieder ihrem Schreibtisch. Es klang, als käme es genau aus ihrem Papiermülleimer.

 

Sie bückte sich und strich ihre langen Haare nach hinten. Neugierig nahm sie einige zerknüllte Blätter heraus und wühlte durch den Müll. Das Klingeln wurde lauter.

 

Tatsächlich. Ganz unten lag ein kleines, schwarzes Handy drin.

 

Kein neues Modell, die Technik war bereits schon länger veraltet.

 

Unbekannter Anrufer stand auf dem Display. Sie fischte es heraus und nahm das Gespräch an.

 

Hallo?“, fragte sie zaghaft.

 

Stille. Anna drückte den Hörer fester an ihr Ohr. „Hallo?!“

 

Schließlich hörte sie etwas. Ein Atmen. Es war jemand dran, wollte aber scheinbar nichts sagen.

 

Schnell drückte sie den Anrufer weg.

 

Irgendwie unheimlich. Am besten gab sie das Telefon beim Nachtportier ab. Sollte er sich doch darum kümmern.

 

Es vibrierte plötzlich in ihrer Hand und sie ließ es beinahe fallen. Eine neue Nachricht. Sie wusste selber nicht warum, aber sie klickte automatisch darauf.

 

Anna erstarrte.

 

Die Nachricht bestand nicht aus Worten. Es war ein Bild.

 

Genauer gesagt ein Foto … Von ihrem Gesicht!

 

Es war unscharf und stark vergrößert, aber es handelte sich eindeutig um sie.

 

Als wäre sie heimlich fotografiert worden.

 

Sie taumelte zurück. Alles fing an sich zu drehen.

 

Was war hier los?

 

Das konnte nur ein Scherz von ihren Kollegen sein.

 

Versteckte sich gerade einer von ihnen hier und beobachtete sie?

 

Unruhig lief sie auf und ab. „Das ist nicht witzig!“

 

Hier war niemand. Sie war vollkommen alleine.

 

Sie presste das Handy an ihre Brust und eilte davon.

 

Vorbei an den leeren Schreibtischen.

 

Die Stufen hinunter und in die große Empfangshalle.

 

Der Portier saß hinter der Theke und sah sie verwundert an.

 

Alles in Ordnung? Sie sehen aus, als hätten sie ein Gespenst gesehen.“

 

Seine kleinen Schweinsäuglein musterten sie eingehend.

 

Hektisch blickte sie umher und zurück in sein rundes Gesicht.

 

Ja, ja. Alles gut. Tschüss“, rief sie und öffnete die Glastür zum Parkhaus.

 

Der feiste Portier sah ihr stirnrunzelnd hinterher.

 

Mittlerweile wollte sie nichts sehnlicher als nach Hause. Ihre Hand krampfte sich um das fremde Handy.

 

Natürlich war auch das Parkhaus verlassen und sie hörte ihre eigenen Schritte laut auf dem Betonboden. Klack … Klack …

 

Normalerweise machte sie sich keine Gedanken darum, plötzlich strahlte diese Stille etwas bedrohliches aus.

 

Erleichtert holte sie den Autoschlüssel heraus, wobei sie ihn beinahe fallen ließ.

 

Anna fuhr herum. Nichts. Sie war immer noch alleine.

 

Schnell schloss sie auf, ließ sich auf den Sitz fallen und betätigte die Zentralverriegelung. In Sicherheit.

 

Im Rückspiegel beobachtete sie die Umgebung und rechnete fast damit irgendwo einen Schatten huschen zu sehen. Sie fühlte sich beobachtet.

 

Das Handy war nicht zufällig in ihrem Papierkorb gewesen. Jemand wollte ihr Angst machen. Nur wer und vor allem warum?

 

In ihr meldete sich dieses leise Stimmchen, welches die Antwort längst kannte.

 

Sie atmete tief durch. Das konnte damit nichts zu tun haben. Es war doch schon lange her. Zitternd startete sie den Wagen.

 

Erst jetzt fiel ihr etwas an ihrem Scheibenwischer auf und sie beugte sich vor.

 

Es war etwas längliches, dünnes … Ein Rosenstiel. Er hatte Dornen, aber keine Blüte.

 

Sie betätigte den Wischer und wartete, bis er abfiel.

 

Irgendetwas sagte ihr, dass die Blüte nicht einfach abgebrochen war.

 

Niemand wollte ihr eine Rose schenken. Nur Dornen. Das hing mit diesem ominösen Handy zusammen. Eine kranke Botschaft.

 

Sie fuhr los und hielt abrupt an der Schranke. Sie konnte ihren Augen kaum glauben.

 

An der Spitze der Schranke hing ein blutrotes Spitzenhöschen.

 

Es wirkte geradezu surreal und sie blinzelte ungläubig.

 

Dann öffnete sich die Schranke und es baumelte in der Luft.

 

Das war absolut nicht lustig.

 

Mit quietschenden Reifen fuhr sie los und preschte heraus.

 

Viel zu schnell fuhr sie durch die Stadt.

 

Ihr fiel das heutige Datum ein, der 21 März.

 

Das war ihr bis jetzt noch garnicht aufgefallen.

 

Es war auf den Tag genau ein Jahr her. Bloßer Zufall?

 

Keiner wusste was sie getan hatte. Unmöglich.

 

Unbewusst schüttelte sie den Kopf. Es musste einen anderen Grund dafür geben.

 

Sie hatte nur einmal in ihrem ganzen Leben einen Fehler gemacht und dieser verfolgte sie. Bis in ihre Träume.

 

Endlich kam sie vor ihrem Haus an und parkte umständlich ein. Sie blieb kurz sitzen und wartete ab.

 

Als sich nichts rührte stieg sie schnell aus und beeilte sich hinein zu kommen.

 

Der Hausflur war kalt und muffig. Hier musste irgendeiner geraucht haben stellte sie naserümpfend fest. Bestimmt der junge Student aus der ersten Etage.

 

Der nahm es auch mit der Hausordnung nicht so genau.

 

Anna schloss ihre Wohnung auf und zog während des eintreten ihre Schuhe aus. Achtlos ließ sie die Turnschuhe liegen, nahm das Telefon an sich und warf ihre Tasche auf den Boden.

 

Ihre Wohnung war klein, nur ein Schlafzimmer und einen Wohnraum mit Küchenzeile. Es reichte für sie alleine. Mehr Platz brauchte sie nicht.

 

Der alte Parkettboden war zerkratzt und die Wände auch nicht mehr wirklich weiß. Doch das war unwichtig. Wie so viele andere Dinge auch.

 

Sie ging zu ihrer abgenutzten, aber gemütlichen Couch und setzte sich.

 

Wieder klingelte das Handy und sie zuckte erschrocken zusammen.

 

Diesmal ging sie nicht dran. Das Klingeln war laut und drängend.

 

Anna starrte es wie ein seltenes Tier an und knetete ihre Finger.

 

Am besten hätte sie es dort einfach liegen gelassen. Aber nun befand es sich in ihrer Wohnung. Dieser nervige Klingelton machte sie ganz nervös.

 

Der Anrufer war extrem hartnäckig.

 

Endlich hörte es auf. Aber es blieb nicht still.

 

Es vibrierte, schon wieder eine neue Nachricht.

 

Dieses kleine, verfluchte Telefon machte ihr richtig Angst. Das war eigentlich unsinnig. Schließlich war es nur ein Gegenstand und konnte ihr nichts anhaben.

 

Aber es gehörte jemandem. Und derjenige hatte sie heimlich fotografiert. Er hatte ihr den Dornenstiel und das Höschen als Hinweis hinterlassen.

 

Das alles konnte nur damit zusammenhängen. Dabei hatte sie mit Niemanden je darüber geredet. Kein Wort. Niemals.

 

Sie musste die Nachricht lesen. Wenn sie es wissen wollte, blieb ihr nichts anderes übrig. Dabei wollte sie doch nur vergessen.

 

Es ist etwas anderes, dachte sie. Da draußen ist ein Verrückter, der ihr nur einen Schrecken einjagen wollte. Das konnte ganz harmlos sein. Ein gelangweilter Spinner.

 

Nichts weiter. Sie konnte es ignorieren. Am besten warf sie es weg.

 

Ihr Blick wanderte zu dem geschlossenen Fenster.

 

Sie konnte es einfach raus werfen. Dann wäre es zerstört und die ganze Sache erledigt.

 

Es würde auf der Straße aufschlagen und in viele Teile zerspringen. Diese Vorstellung gefiel ihr. Ihm einfach das Instrument nehmen.

 

Anna dachte immer an einen Mann. Und wenn es eine Frau war?

 

Das konnte doch genauso möglich sein.

 

Mit zitternden Händen legte sie es neben sich auf die Couch und ging in ihre Küche.

 

Im Kühlschrank befand sich noch eine halbe Flasche Wein.

 

Alkohol war auch keine Lösung, aber es tat gut sich zu betäuben. Es half ihr beim verdrängen. Sie nahm sie heraus und trank direkt daran.

 

Es schmeckte säuerlich und abgestanden. Trotzdem nahm sie noch einen großen Schluck. Sofort spürte sie eine warme Welle, die sie etwas beruhigte.

 

Dabei wollte sie nicht mehr soviel trinken.

 

Es hatte Tage und Wochen gegeben, in denen sie sich in den Schlaf trank.

 

Diese Albträume machten sie fertig. Sie wurden zwar weniger, aber sie hörten nicht auf.

 

Genauso wenig wie die Schuldgefühle. Sie leerte die Flasche und rülpste laut.

 

Egal, es hörte keiner.

 

Sie stellte die Flasche auf die Theke und wischte sich eine Träne fort.

 

Dieses Selbstmitleid war abstoßend. Und sie hatte es auch nicht verdient, weder ihr eigenes noch das Mitleid von Anderen.Manchmal konnte sie sich selbst nicht leiden.

 

Ihr Bauch grummelte. Sie hatte viel zu wenig gegessen.

 

Jemand kennt dein Geheimnis. Nein, nein, nein …

 

Sie schob diese leise Stimme zur Seite. Das konnte keiner wissen!

 

Da ist etwas anderes, dachte sie und biss sich auf die Zunge.

 

Mit steifen Beinen ging sie wieder zurück.

 

In dem ganzen Jahr hatte sie nie auch nur ein Wort darüber verloren.

 

Doch bezahlt hatte sie trotzdem dafür. In den langen Nächten voller schlafloser Stunden, abgelöst von den schrecklichen Träumen. Es verfolgte sie.

 

Vom Alkohol leicht berauscht nahm sie das Handy wieder in die Hand.

 

Ob sie die Nachricht las oder nicht, machte keinen Unterschied.

 

Es konnte nichts schlimmes darin stehen. Keiner wusste es.

 

Das war alles harmlos. Sie kicherte leise und zog die Nase hoch.

 

Anna zählte innerlich von fünf herunter und klickte auf die Mitteilung.

 

Es war eine Frage. Kurz und einfach. Und sie veränderte alles.

 

Panisch las sie die wenigen Worte immer und immer wieder.

 

Kannst du Nachts überhaupt noch schlafen?

 

Das durfte doch nicht wahr sein.

 

Fieberhaft suchte sie nach einer logischen und vor allem harmlosen Erklärung.

 

Es wollte ihr partout nicht einfallen. Ihre Gedanken wanderten immer in dieselbe Richtung.

 

Das Datum war doch kein bloßer Zufall.

 

Das alles passierte schließlich genau heute, ein Jahr danach. Doch warum?

 

Rache, schoss es ihr durch den Kopf.

 

Schon wieder vibrierte es und sie verkrampfte sich.

 

Komm in den Keller! Ungläubig las sie den Satz. Das wurde langsam gefährlich.

 

Sie musste verrückt sein, wenn sie dieser Aufforderung nachkam.

 

Das war eindeutig eine Falle. Viel zu gefährlich.

 

Die Polizei war immer noch eine Option. Doch es war äußerst unwahrscheinlich, dass sie etwas unternahmen. Dafür war nicht genug vorgefallen. Da war Anna sich sicher. Eine gute Portion Realismus besaß sie schließlich noch.

 

Die Polizei kam erst, wenn es zu spät war. Und die Gefahr, das womöglich alles ans Licht kam, war zu groß. Das Risiko konnte sie nicht eingehen.

 

Verzweifelt warf sie das Handy von sich weg. Im hohen Bogen flog es durch die Luft, knallte laut gegen die Wand und blieb auf dem Boden liegen.

 

Dieses Spiel machte sie nicht mit. Egal wer dahinter steckte, er konnte sie kreuzweise.

 

Anna vergrub ihr Gesicht in ihre Hände und atmete ein paar Mal durch.

 

Bloß keine Panikattacke bekommen. Das fehlte gerade noch.

 

Sie hatte lange gebraucht um sie los zu werden und hatte keine Lust mehr darauf.

 

Es klingelte schon wieder und sie fuhr hoch.

 

Das war doch wohl ein Witz! Das Ding funktionierte immer noch.

 

Sie kniff sich in den Arm. Das konnte doch nur ein schlechter Traum sein.

 

Autsch. Das fühlte sich real an.

 

Es klingelte und klingelte. In ihren Ohren dröhnte es.

 

Das hörte einfach nicht mehr auf.

 

Es vergingen Minuten bis es endlich verstummte.

 

Sie stand auf und hob es erneut auf. Nicht einmal das Display war gesprungen.

 

Schon wieder vibrierte es.

 

Eins musste man demjenigen lassen. Er gab nicht auf.

 

Widerwillig öffnete sie die neue Nachricht und schnappte nach Luft.

 

Damit hatte sie nicht gerechnet. Es war eine Todesanzeige. Mehrmals las sie den vertrauten Namen.

 

Scheiße“, sagte sie laut und schluckte.

 

Mit einem Mal war alles wieder da. Als würde sie in der Zeit zurückreisen.

 

Bilder drängten sich in ihren Kopf.

 

Sie ließ es sinken und merkte gar nicht wie es ihrer Hand entglitt und auf den Teppich fiel. Ihr war schwindlig und sie wankte zum Fenster.

 

Draußen war es bereits dunkel. Sie öffnete es und atmete die kühle Nachtluft ein.

 

Ihre schlimmsten Befürchtungen waren wahr geworden.

 

Jemand kannte ihr Geheimnis.

 

Einatmen. Ausatmen. Ruhe bewahren.

 

Es brachte nichts, wenn sie jetzt vollkommen ausflippte. Irgendwie musste sie bei klarem Verstand bleiben.

 

Das hätte nicht passieren dürfen. Nicht auch noch das.

 

Dabei hatte sie bis heute gedacht, es ginge nicht mehr schlimmer.

 

Wer schickte ihr die Nachrichten?

 

Sie musste jetzt darauf reagieren. Ihr blieb nichts anderes übrig.

 

Anna kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Wollte er sich rächen?

 

Ihr wurde schlagartig schlecht. Wollte er sie töten?

 

Warum hast du das getan?“, flüsterte sie. Nach einem ganzen Jahr.

 

Und woher wusste jemand von ihr?

 

Die Todesanzeige hatte sich in ihr Hirn gebrannt.

 

Sie konnte weglaufen. Einfach hier verschwinden.

 

Die Konfrontation mit einem Fremden. Womöglich voller Hass auf sie …

 

Flucht war eine Möglichkeit. Aber das war feige. Sie war stets feige.

 

Nur deswegen befand sie sich genau in dieser Lage.

 

Weil sie lieber wegsah als einzugreifen. Weil die Angst um sich selbst größer war als der Wunsch zu helfen.

 

Aber sie hing an ihrem Leben und sie hatte verdammt nochmal Schiss.

 

Ich muss kämpfen“, murmelte sie.

 

Heute war nicht der Tag um aufzugeben. Anna lief in die Küche und öffnete ihre Schublade mit dem Besteck.

 

Sie hatte einen Entschluss gefasst.

 

Einmal würde sie tapfer sein und sich stellen. Wer auch immer im Keller auf sie wartete. Er wartete nicht umsonst.

 

Sie würde kommen. Aber nicht unbewaffnet. Ein langes Tranchiermesser fiel ihr in die Augen und sie holte es heraus.

 

Die Klinge glänzte im Licht und sie betrachtete es mit einer Mischung aus Ekel und Faszination.

 

Nein, sie wollte niemandem weh tun. Im Gegenteil, sie wusste nicht einmal ob sie dazu fähig war. Aber sie würde sich zur Not verteidigen.

 

Hoffentlich musste sie das nicht.

 

Der Keller war generell ein unschöner Ort. Dort standen eine Wäschespindel und drei Waschmaschinen. Ansonsten war der Raum leer.

 

Kalter, grauer Beton. Daneben war nur noch der kleine Heizungsraum.

 

Ihr grauste es vor dem, was sie dort unten erwartete.

 

Das Messer bebte in ihrer Hand. Anna hielt den Griff fest umschlossen, damit es nicht auch noch hinfiel.

 

Langsam ging sie zu ihrer Wohnungstür und stockte. Ihr Herz schlug ganz schnell in ihrer Brust.

 

Es war ihr noch nie so schwer gefallen, ihre Wohnung zu verlassen.

 

Gleichzeitig wuchs die Neugier. Sie wollte endlich wissen wer auf sie lauerte.

 

Es gab zu viele offene Fragen und sie brauchte Antworten.

 

Sie schloss kurz die Augen und sah die Todesanzeige vor sich.

 

 

 

 

Lisa Berger

 

geb. 8.7.1990 – gest. 18.3.2020

 

 

Viel zu früh bist du aus unser aller Leben entschwunden.

 

Du kamst mit dem Schmerz und der Erinnerung nicht mehr zurecht.

 

 

In Liebe

 

Deine Eltern Rosemarie und Herbert Berger

 

Dein Bruder Daniel Berger

 

 

 

Sie war dafür verantwortlich und das tat weh. Und aus diesem Grund musste sie in den Keller und sich dessen stellen was sie erwartete.

 

Wie in Zeitlupe öffnete sie die Tür und spähte heraus. Er konnte bereits vor der Tür warten. Das Treppenhaus lag ruhig vor ihr. Es war keiner da.

 

Sie lehnte die Tür nur an, falls sie wieder schnell hinein musste. Auf Zehenspitzen tapste sie beinahe lautlos die Stufen hinunter.

 

Je näher sie dem Keller kam, desto langsamer wurde sie.

 

Vor der grauen Metalltür blieb sie stehen und lauschte. Es war nichts zu hören.

 

Jetzt kam die Angst wieder hoch und nahm sie gefangen.

 

Sie spürte wie sich Schweiß in ihren Achseln bildete und das Shirt daran klebte.

 

Das Messer voraus öffnete sie die Tür und riss ungläubig die Augen auf.

 

Ein kleiner Tisch und zwei Stühle standen dort. Auf einem saß ein junger, attraktiver Mann. Er sah sie erwartungsvoll und überhaupt nicht überrascht an.

 

Er hatte sie erwartet und scheinbar auch nicht daran gezweifelt, dass sie auch wirklich kam.

 

Seine blauen Augen sahen direkt in ihr Gesicht. Das Messer beachtete er nicht.

 

Die nackte Glühbirne über seinen Kopf ließ ihn unnatürlich bleich wirken.

 

Er blinzelte nicht, wirkte beinahe unwirklich. Wie eine Erscheinung.

 

Anna leckte sich über ihre trockenen Lippen. Sie fühlte sich wie in einem Film.

 

Die Szenerie war fremd und unwirklich zugleich.

 

Ohne ein Wort zu sagen, nickte er zu dem Stuhl ihm gegenüber.

 

Nach kurzem Zögern schloss sie die Tür und setzte sich. Dabei hielt sie immer noch das Messer fest.

 

Er hatte augenscheinlich keine Waffe dabei und sie entspannte sich ein wenig.

 

Sie räusperte sich und musterte ihn unverhohlen.

 

Er wirkte sehr gepflegt. Die Haare kurz geschnitten, sein Gesicht glatt rasiert.

 

Das blaue Hemd war perfekt gebügelt.

 

Sie konnte ihn sich gut als Bankangestellten vorstellen. Vertrauen erweckend.

 

Der Typ Mann, den sich ältere Damen als Schwiegersohn wünschten.

 

Die Stille machte sie verrückt. Warum sagte er nichts?

 

Unruhig rutschte sie auf dem Stuhl herum und wartete.

 

Seine Augen waren seltsam. Anna konnte ihn kaum ansehen.

 

Sie wirkten erschreckend gefühllos. Eiskalt.

 

Es verging einige Zeit bis er endlich sprach. Seine Stimme war ruhig und angenehm.

 

Warum?“

 

Anna schaute ihn verwirrt an.

 

Was meinen sie?“

 

Seine Lippen verzogen sich nach unten.

 

Das weißt du genau!“, sagte er schneidend. Er duzte sie einfach.

 

Ich weiß nicht was sie meinen“, entgegnete sie und sah auf die Tischplatte.

 

Warum hast du ihr nicht geholfen?“

 

Er wusste es. Natürlich. Sonst würden sie hier nicht sitzen.

 

Sie spürte die Tränen über ihr Gesicht laufen. Leugnen würde nichts bringen. In seiner Stimme lag eine Sicherheit, was jede Lüge unnütz machte.

 

Ich hatte Angst“, gab sie zu.

 

Es tat irgendwie gut endlich darüber zu reden. Nach einem langen Jahr war es endlich aus ihr heraus.

 

Er nickte und lehnte sich nach vorne. Zwang sie ihn anzusehen.

 

Du hast dich versteckt wie ein feiges Schwein und hast einfach zugesehen.“

 

Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Anna weinte hemmungslos.

 

Das Messer legte sie auf den Boden zwischen ihren Füßen und wischte über ihr nasses Gesicht.

 

Sie hat dich gesehen.“

 

Das versetzte ihr den Tiefschlag. Sie schluchzte auf und Rotz lief ihr aus der mittlerweile roten Nase. Es war ihr egal.

 

Wie konntest du nur? Du hast gesehen, was die zwei Ungeheuer ihr angetan haben. Und du hast nichts dagegen unternommen!“

 

Ich … Ich hatte so schreckliche Angst“, wiederholte sie.

 

Sein Blick war geradezu sezierend. Kein Fünkchen Mitgefühl oder Verständnis für Anna. Sie konnte das tatsächlich verstehen. Ihr würde es an seiner Stelle nicht anders gehen.

 

Während der Vergewaltigung wurde sie geschlagen und gewürgt. immer wieder. Sie hat geblutet und um Hilfe geschrien. Du hast dir das alles angesehen.“

 

Anna wusste jedes Detail von diesem Abend. Nächtelang verfolgten sie diese Bilder. Sie hörte immer noch die Schreie.

 

Damals war sie wie gelähmt vor Angst. Sie hatte nichts tun können. Wollte einfach nur nicht entdeckt werden und womöglich dasselbe erleben.

 

Es tut mir leid“, presste sie hervor.

 

Er lachte kurz auf und schüttelte den Kopf.

 

Dafür ist es zu spät. Du kannst es ihr nicht mehr sagen.“

 

Oft hatte sie sich vorgestellt zu ihr zu gehen und es ihr zu sagen. Aber sie schämte sich. Abgrundtief.

 

Sie hat es nicht mehr ausgehalten. An diesem Abend wurde sie zerstört.“

 

Am liebsten wollte sie aufspringen und wegrennen.

 

Doch sie durfte nicht noch einmal feige sein.

 

Du hast sie umgebracht“, sagte er und fixierte sie.

 

Nur du allein. Wenn du nur Hilfe geholt hättest … Es hätte nicht so weit kommen müssen.“

 

Er hatte recht. Sie hätte es verhindern können.

 

Danach hast du sie nicht mal mehr angesehen. Ihr wart Kommilitoninnen. Wie kann man nur so kalt sein.“

 

Das Gegenteil war der Fall. Sie ertrug vor lauter schlechten Gewissen ihren Anblick nicht mehr.

 

Warum hat sie nichts gesagt?“, fragte sie leise.

 

Weil sie es von dir hören wollte. Sie konnte gar nicht fassen, dass du kein Wort gesagt hast. Bis heute!“

 

Jetzt war sie auch noch für ihren Tod verantwortlich.

 

Lisa hat sich nur gequält“, fuhr er eindringlich fort. „Sie konnte kein normales Leben mehr führen. Keinen Mann kennenlernen, an Kinder nicht zu denken …“

 

Keins der Worte verfehlte seine Wirkung.

 

Wie ausgelöscht“, sagte er lauter. „Und du hättest es verhindern können.“

 

Wer bist du?“, fragte sie.

 

Ich bin ihr Bruder. Das ganze letzte Jahr konnte ich zusehen wie meine Schwester immer mehr daran kaputt ging. Und du alleine bist schuld!“

 

Sie hätte das verhindern können. Wie sollte sie da widersprechen?

 

Ich weiß nicht was ich sagen soll. Es tut mir unendlich leid. Ich habe es so oft bereut.“

 

Er atmete tief ein und starrte sie an.

 

Es gibt dafür keine Entschuldigung und auch kein Verzeihen. Dafür ist es viel zu spät. Du bist nicht besser als diese Monster. Nein. Du bist sogar noch schlimmer!“

 

Anna fühlte sich seltsam leer. Als hätte er ihre Energie aufgesaugt.

 

Wertlos. Das passte, sie war wertlos.

 

Er stand auf und holte eine Tasche, die er scheinbar in eine Ecke abgelegt hatte.

 

Dann holte er ein Blatt Papier und einen Stift heraus und schob es zu ihr herüber.

 

Erst jetzt bemerkte sie die dünnen Handschuhe, die er trug.

 

Wenn du es wieder gut machen willst. Dann schreib es auf.“

 

Erstaunt sah sie ihn an. „Was?“

 

Schreib auf, dass du alles gesehen und ihr trotzdem nicht geholfen hast.“

 

Sie griff nach dem Kugelschreiber und drehte ihn zwischen den Fingern.

 

Ihr war bewusst, dass sie es tun musste. Sie war es ihr schuldig, die Wahrheit.

 

Erst zögerlich, dann stetig schneller fegte der Stift über das Papier.

 

Es war alles wieder präsent und sie schrieb es Wort für Wort nieder.

 

Als sie fertig war fühlte sie sich befreit.

 

Er trat hinter sie und las. Ganz aufmerksam und still.

 

Schließlich machte er einen zufriedenen Laut.

 

Das ist gut.“

 

Anna bebte vor Aufregung und drehte sich zu ihm.

 

Sie war am Ende. Völlig fertig.

 

Und was ist jetzt?“, fragte sie ängstlich.

 

Seine undurchdringlichen Augen nahmen einen mitleidigen Ausdruck an. Zum ersten Mal an diesem nicht endenden Abend.

 

Ein Leben für ein Leben.“

 

Es hallte in ihren Ohren nach und sie versuchte die Bedeutung zu verstehen.

 

Nein“, sagte sie mit einer piepsigen Stimme. „Bitte nicht.“

 

Er zuckte bedauernd mit den Schultern. „Du bist eine Mörderin.“

 

Ich will nicht“, rief sie und sprang auf.

 

Er verzog den Mund spöttisch.

 

Das hast du nicht zu entscheiden. Du musst dafür büßen.“

 

Schwindel erfasste Anna und sie wurde panisch. Das Messer!

 

Sie musste es aufheben. Schwankend beugte sich sich hinunter und fiel dabei hin.

 

Ihr war ganz komisch. Sie lag auf dem eiskalten Boden und blutete im Gesicht.

 

Zu spät. Du hattest ein ganzes Jahr Zeit und hast nichts getan.“

 

Sie hörte seine Stimme wie durch Watte.

 

Du musst aber auch jeden Abend trinken. Du hast dich selber vergiftet, Anna.“

 

Er lachte höhnisch auf und sie erbrach sich zitternd.

 

Der Wein war vergiftet, dachte sie träge.

 

Du bist einfach nicht mehr mit deiner Schuld klargekommen. Du hast den Abschiedsbrief geschrieben und alles erklärt, um dich dann umzubringen. Traurig.“

 

Rache, war das letzte Wort was ihr durch den Kopf ging, bevor sie starb.

 

Die Tür öffnete sich leise und Schritte nährten sich. Er drehte sich zufrieden um.

 

Danke“, sagte sie und fiel ihm in die Arme. „Für alles!“

 

Er streichelte ihr sanft über den Rücken und nahm dann ihr Gesicht in die Hände.

 

Sie hat es verdient. Ich bereue nichts.“

 

Lisa lächelte erleichtert. Endlich hatte Anna bekommen, was sie verdiente.

 

Die Traueranzeige sah aber auch wirklich echt aus. Sonst hätte sie das alles auch nicht aufgeschrieben. Sie musste denken, dass ich mich umgebracht habe.“

 

Er lächelte. „Keiner wird an ihrem Selbstmord zweifeln.“

 

Was Anna ihr angetan hatte, kam einem Mord gleich.

 

Ein Leben für ein Leben. So musste es sein.

 

Nach ihrer Rache würde sie endlich ein Neues beginnen können.

 

 

 

 

 

ENDE

 

 

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