Lota L.Das Handy

Als Sven am Montag Abend nach Hause kam, lag in seinem Briefkasten ein Handy. Es war schwarz, ein Mittelklassemodell und hatte minimale Abnutzungsspuren. Es wäre ein ganz gewöhnliches Handy gewesen, wäre nicht auf dem Sperrbildschirm ein Bild von ihm selber zu sehen.

Sven erkannte das Foto genau, er grinste darauf am Plateau des Teide-Vulkans auf Teneriffa. Aufgenommen letzten September und geteilt mit seinen Freunden. Verwirrt drehte er das Handy hin und her und wischte schließlich nach oben, um den Bildschirm zu entsperren. Sein Pulsschlag beschleunigte sich. Auf dem Startbildschirm war ein anderes Teneriffa-Foto von Sven zu sehen.

Stirnrunzelnd betrat er sein Haus, legte das Handy auf den Küchentisch und ging ins Badezimmer, um sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Als er in die Küche zurückkehrte, lag das Handy noch immer da, wo er es hingelegt hatte. Sven fuhr sich mit einer Hand durch die Haare und setzte sich langsam und zögernd an den Tisch. Er starrte das Handy an und das Handy starrte zurück. Sven musste zuerst blinzeln.

Er nickte kurz, als wäre er zu einem Schluss gekommen, und streckte die Hand nach dem Handy aus. Beim Berühren zuckte er kaum merklich zusammen, doch hatte er es kurz darauf wieder in seiner Hand und entsperrte es. Methodisch ging er die Einstellungen durch auf der Suche nach dem Besitzer. Ob ihm sein Kumpel Roland wohl einen Streich spielen wollte?

Die Anrufliste war leer, keine Kontakte angelegt, keine e-Mail-Adresse oder InstantMessenger eingerichtet. Dann öffnete er die Galerie und schnappte nach Luft, als ihm Tausende Bilder von ihm ins Gesicht sprangen. Mehr Teneriffa-Fotos. Der Biergarten mit Freunden. Die Familienfeier von Merle. Ein Selfie vor dem frisch erworbenen Jaguar vor zwei Jahren. Die Grillparty seiner Kanzlei. Hochzeit von Roland und Julia. Fotos vom letzten Date mit Lara.

Ungläubig scrollte Sven schneller durch die Vorschaubilder. Die Fotos schienen die letzten zehn, nein, fünfzehn oder zwanzig Jahre seines Lebens akribisch abzudecken. Es waren so viele, dass er sich noch nicht einmal an alle erinnern konnte, aber die meisten riefen Erinnerungen hervor. Sven griff nach einem Taschentuch und tupfte den Schweiß von seiner Stirn, während er immer weiter in die Vergangenheit abrutschte. Angekommen bei den Fotos von seinem Staatsexamen, wo er unbekümmert und strahlend lächelnd Arm in Arm mit Roland sein Zeugnis in die Kamera hielt, merkte Sven, dass seine Hände zitterten, und legte das Handy ab. Er hörte sein Herz so laut schlagen, dass es das Ticken der Wanduhr übertönte, klammerte sich mit schweißnassen Händen an die Stuhllehnen und zwang sich zu atmen. Ein und ausatmen. Ein und aus. Ein. Aus.

Als er sich wieder beruhigt hatte, wollte er sein eigenes Handy aus dem Jackett herausholen. Seine Finger griffen ins Leere. Sven fluchte laut, sprang auf und tastete vergeblich mit beiden Händen sein Jackett ab in blinder Hoffnung, einen harten rechteckigen Gegenstand zu ertasten. Das konnte doch nicht wahr sein, dachte er, ausgerechnet heute! Er suchte mit den Augen hektisch seine Küche und den Hausflur ab, überprüfte den Hauseingang und schaute in seinem Auto in der Einfahrt nach, doch nirgendwo war sein Handy zu finden. Mit einem Knall schlug er schließlich die Autotür zu und kehrte zurück ins Haus.

Das fremde Handy lag noch immer auf dem Küchentisch. Misstrauisch nahm Sven es mit spitzen Fingern hoch und wählte seine eigene Nummer. Er hörte seine eigene Mailbox-Ansprache, kurz und knapp: „Sven Maurer, Kanzlei Torndt, Liebermann, Maurer und Partner.“ Nach dem Piep legte er auf.

Bei Rolands Nummer brauchte er ein paar Versuche: er wusste, dass die sie nach der Vorwahl bloß aus den Zahlen 2, 3 und 7 bestand – nur deswegen hatte er sich die Mobilnummer überhaupt merken können – doch in welcher Reihenfolge noch mal? Nach einer Weile schien die Nummer zu funktionieren.

„Hey Rollo, ich bin’s“, sagte Sven erleichtert, als er schließlich die Stimme seines besten Freunds hörte.

„Sven!“ hörte er an seinem Ohr. „Hast du eine neue Nummer?“

„Nein, kann bloß mein Handy nicht mehr wieder finden, habe es vielleicht im Büro liegen gelassen. Und da hatte ich dieses hier eben in der Hand und… Hey, sag mal, warst du das mit dem Handy mit den ganzen Bildern? Wenn ja, sag’s mir gleich, es ist nämlich ein ganz schlechter Scherz.“

„Wovon redest du denn bitte?“ Rolands Stimme klang verwirrt. „Handy mit vielen Bildern?“

„Na ja, es lag dieses Handy in meinem Briefkasten, und es hat ganz viele Bilder von mir, es müssen Tausende sein. Ganz schön gruselig, wenn du mich fragst.“

Sven hörte ein Kichern aus der Leitung.

„Warte… stalkt dich da jemand oder was?“ Rollo prustete, als er weitersprach: „Die Kleine, von der du letztens erzählt hattest, vielleicht? Wie heißt sie bloß, Bettina oder so? Oh la la!“

Sven knirschte verärgert mit den Zähnen. „Lass den Spaß, Rollo!“

Nach einem letzten Kichern hörte sein bester Freund mit dem Lachen auf und sagte versöhnlich: „Ja ja, ist ja gut, ich höre ja auf. Aber im Endeffekt ist es doch nur ein Handy, oder? Im Zweifel hatte sich jemand eben einen Scherz erlaubt – und bevor du jetzt was sagst, ich war’s nicht, versprochen.“

Sven spürte, wie sich seine Schultern entspannen, und merkte erst dann, wie fest er das Handy umklammerte gehalten hatte. „Ok“, sagte er ruhig. „Gut, dass du es nicht warst.“

„Willst du vielleicht mal spontan zu uns? Julia und ich waren dabei Chili con Carne zu kochen, es wäre genug da für drei. Nimm doch das Handy mit, wir können dann darüber reden. Vielleicht fällt Julia ja auch etwas dazu ein.“

Sven dachte kurz darüber nach und nickte schließlich mit einem zaghaften Lächeln. „Danke für die Einladung, Rollo. Ich bin in zwanzig Minuten da.“

 

Ein paar Stunden später saßen Sven und Roland zusammen auf dem Sofa. Julia räumte noch die Spülmaschine ein und kam gerade zurück ins Wohnzimmer, als Sven ein fremdes Klingeln aus seiner Jackentasche hörte. Zuvor hatte Julia darauf bestanden, beim Chili kein Wort über das Handy zu verlieren, und Sven hatte beim Abendessen angefangen, sich das erste Mal seit seinem Feierabend zu entspannen.

Rollo runzelte die Stirn und sah seinen Freund erwartungsvoll an. Es dauerte einen Augenblick, bis Sven begriffen hatte und in die Jackentasche griff. Die Nummer auf dem Display kam ihm vage bekannt vor. „Hallo?“

„Hallo Sven“, hörte er an seinem Ohr. „Thorsten hier, wollte mal fragen, ob’s am Freitag bei 20 Uhr bleibt.“

„Freitag? Ach so. Ja, sicher. 20 Uhr geht klar. Aber sag mal… woher hast du eigentlich diese Nummer hier?“ antwortete Sven.

„Wie, die hattest du doch eben auf Facebook gepostet. He, bist du jetzt doch schon so alt, dass du anfängst Sachen zu vergessen?“

Svens Mund stand offen. Er hörte kaum, was Thorsten ihm am anderen Ende der Leitung sagte, murmelte schließlich etwas Unzusammenhängendes zum Abschied und legte auf. Roland sah mit hochgezogen Brauen zu, wie Sven zuerst geduldig und daraufhin immer schneller und aggressiver aufs Handydisplay tippte und schließlich mit grimmiger Miene zu seinem Kumpel aufsah.

„Rollo“, sagte er. Seine Stimme hörte sich für ihn selbst ganz weit weg an. „Mach bitte mein Profil auf Facebook auf. Irgendwie kann ich mich da gerade nicht einloggen.“

 

Sven traute seinen Augen nicht. Das letzte Mal war er bei Facebook vor drei Tagen aktiv, das wusste er noch genau. Da hatte er eine neue Stellenanzeige von seiner Kanzlei geteilt und ein Foto von Merle mit „gefällt mir“ markiert. Nun starrte er stumm auf die letzte Statusmeldung von seinem Profil, geteilt vor etwa zwei Stunden: „Hallo zusammen, leider ist mein Handy kaputt, SIM-Karte komplett hin. Habe deswegen eine neue Nummer: siehe unten. P.S. Denjenigen, der mir damals das Handy als wasserfest verkauft hatte, verklage ich morgen am besten. :-)“ Unter dem Eintrag fünf „gefällt mir“, zwei lachende Gesichter.

„Ich… ich hatte das nicht geschrieben.“ Svens Stimme zitterte etwas und brach beim letzten Wort ab. Julia sah ihn besorgt an und legte ihm die Hand auf die Schulter. Rollo knetete seine Hände, schaute Sven prüfend an und dann den Boden vor sich, als er leise sprach. „Sven?“ Sein Kumpel blickte nicht auf. Rollo räusperte sich und versuchte es noch ein Mal lauter: „Sven. Du… hast doch nichts genommen, oder?“

Sven zuckte zusammen und starrte Roland mit großen Augen an. „Wie meinst du das?“

Rollo zuckte unbeholfen mit den Schultern und neigte leicht den Kopf. „Na ja, du weißt schon. Damals im Studium…“

„Spinnst du oder was, Mann? Das ist lange her. Du glaubst doch nicht, ich würde es immer noch machen!“

„Ruhig Blut, Mann. So meinte ich es doch nicht.“ Rollo hob versöhnlich die Hände und sprach weiter: „Du weißt doch noch, dass du dich damals auch nicht an alles genau erinnern konntest.“

Die beiden Männer schienen Julia vergessen zu haben, die stirnrunzelnd zwischen Roland und Sven hin und her schaute. Sie öffnete den Mund, als wenn sie etwas sagen wollte, schien es sich wieder überlegt zu haben und schloss ihn wieder. „Ich hole ein Glas Wasser“, sagte sie an niemand Bestimmtes und verließ den Raum.

Sven hatte seinen Kopf in den Händen vergraben. Seine Stimme klang müde und leise. „Es ist nicht wie damals an der Uni. Ich war jung und unvernünftig. Es hatte sich einiges verändert. Ich habe mich verändert.“

Rollo ließ sich einige Sekunden Zeit, bis er durchatmete und nickte: „Ok. Ich glaube dir.“

Sein Freund nickte kaum merkbar zurück.

Nach ein paar Minuten wurde ihm ein Glas Wasser gereicht. Er blickte hoch und sah Julia vor sich stehen. „Es wird alles gut, Sven“, sagte sie ruhig. „Möchtest du vielleicht die Polizei rufen?“

Sven brauchte nur wenige Sekunden, um zu einer Entscheidung zu kommen. „Nein, keine Polizei“, sagte er mit einer festen Stimme. „Sicherlich erlaubt sich da jemand bloß einen Scherz mit mir. Einen geschmacklosen Scherz, aber dennoch.“ Er zog seine Mundwinkel künstlich nach oben. „Wenn ich den erst einmal erwische!“ Sein Gelächter klang hohl in den Raum hinein und erstarb rasch.

 

Die ersten Fotos wurden am nächsten Tag gepostet. Sven ließ sich krankschreiben und verbrachte die Hälfte des Tages damit, das Handy anzustarren, und die andere Hälfte damit, es zu ignorieren. Er zuckte jedes Mal zusammen, wenn das Mobiltelefon klingelte oder Benachrichtigungen eingingen. Es schien, als hätten alle Freunde und Kollegen bereits die neue Nummer gespeichert und die alte gelöscht. Sein Facebook-Account blieb Sven noch immer unerreichbar; auch der Versuch, das Passwort zurückzusetzen, wurde nicht von Erfolg gekrönt.

Auf den neuen Facebook-Post von seinem Account wies ihn Roland am Abend hin. „#nostalgiechallenge – poste die nächsten fünf Tage jeden Tag Fotos von dir, die mindestens 10 Jahre alt sind!“ las er auf seinem Profil. Tatsächlich fröstelte es Sven beim Gedanken, er hätte den Beitrag vermutlich genauso formuliert, wäre er denn jemals auf den Gedanken gekommen, bei einer solchen Challenge mitzumachen. Begleitet war der Aufruf zur Challenge von zwei Fotos von vor etwa 12 Jahren, auf einer Feier gegen Ende des Studiums. Sven sah Fotos von sich wild tanzend mit einer Tequila-Flasche in der Hand, mit leicht bekleideten Mädels im Arm, völlig ausgelassen und ganz klar betrunken. Er schloss die Augen und dachte nach. Diese Fotos oder diese spezielle Party weckten keine Erinnerungen, doch wunderte es ihn nicht. Solche Feiern und sein benebelter Blick waren typisch für die Zeit. Er ballte die Fäuste. Seit seinem Studienabschluss hatte er sich viel Mühe gegeben, sich nie wieder in einem solchen Zustand blicken zu lassen, besonders vor seinen Kollegen nüchtern und professionell zu wirken. Genau vor denselben Kollegen, die bereits dabei waren, belustigte Kommentare unter den Fotos zu hinterlassen.

An diesem Abend öffnete Sven das erste Mal seit Jahren wieder eine Flasche Tequila.

 

„Es gefällt mir gar nicht, wie du aussiehst“, sagte Roland am darauffolgenden Tag in der Küche von Sven, als er ihm eine Frischhaltedose mit selbstgemachtem Essen in den Kühlschrank stellte. „Julia macht sich auch Sorgen. Hattest du überhaupt geschlafen?“

Svens Augen waren rot umrandet. Er tigerte durch die Küche und nickte geistesabwesend, als Rollo seine Frage wiederholte.

„Hast du irgendeine Ahnung, wer es sein könnte?“ frage Roland. „Und warum gerade diese Fotos?“

„Ich weiß es ja auch nicht!“ Sven schrie die Antwort fast heraus. Einen Moment später hielt er inne. „Sorry. Ist ja nicht deine Schuld.“

Roland winkte ab. „Mach dir nichts daraus. Wir müssen versuchen herausfinden, was hier vor sich geht. Wer hatte denn diese Fotos überhaupt?“

„Vermutlich jeder, der mich während der Studienzeit kannte. Du, Merle, Toby. Aber du sagst, du seist es nicht. Bei Merle kann ich’s mir nicht vorstellen, und Toby habe ich seit Jahren nicht mehr gesprochen. Ich habe keine Ahnung mehr, wer sonst die Fotos haben könnte. Ich hatte sie ja selbst völlig vergessen.“

„Hast du es schon versucht, das Facebook-Konto zu melden?“

Sven verdrehte die Augen und nickte. Er suchte etwas auf dem Handy heraus und zeigte Roland die Antwort: “ ‚Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, einen möglichen Verstoß zu melden. Solche Meldungen sind uns sehr wichtig, damit wir eine sichere und einladende Nutzererfahrung sicherstellen können. Wir haben das von dir gemeldete Profil geprüft und festgestellt, dass es nicht gegen unsere Standards verstößt.‘ Und so weiter und so fort. Sichere und einladende Nutzererfahrung, von wegen. Wenn das alles vorbei ist, finde ich schon einen Aufhänger, um sie zu verklagen.“ Sven zuckte mit den Schultern. Ihm war es klar, dass in seiner jetzigen Situation eine Klage kurzfristig nicht helfen würde.

 

Roland blieb bei Sven, bis die nächsten Fotos gepostet wurden. Der Beitrag hieß „#nostalgiechallenge Tag 2: wenn deine Zukunft direkt vor dir liegt!“, und dieses Mal waren drei Bilder angehängt.

Das erste erkannte Sven sofort, es war ein Selfie von ihm vor seinem ersten Bewerbungsgespräch.

„Ein bisschen peinlich ist es ja schon“, kommentierte Roland schmunzelnd. „Heutzutage würdest du dich nie mit einer solchen Krawatte sehen lassen. Eigentlich ist es aber gar nicht so wild, oder?“

Sven lächelte kurz und öffnete das zweite Bild. Das Foto von der Kanzlei von außen, das er kurz vor dem Gespräch aufgenommen hatte. Auch das war ihm zwar leicht unangenehm, aber schließlich erträglich. Er fing bereits an, sich etwas zu entspannen, als er schließlich das dritte Bild öffnete und mitten in der Bewegung erstarrte. Auf dem Foto war eine Nahaufnahme von ihm zu sehen, von hinten, im selben Anzug, vor derselben Kanzlei. Er stand davor und rauchte einen Joint.

Roland schnappte hörbar nach Luft.

„Oh je. Du hast ein Foto davon, wie du vor dem Bewerbungsgespräch gekifft hast?“

„Nein! Ich hatte vor dem Gespräch keinen Joint geraucht. Ich hatte bis dahin doch damit aufgehört. Du weißt es doch noch, Roland! Ich hatte aufgehört.“

„Das dachte ich auch, dass du zu dem Zeitpunkt schon aufgehört hättest. Aber das bist doch du auf dem Foto. Und das hier ist ganz bestimmt keine Zigarette.“

„Da stimmt doch etwas nicht, Rollo. Ich weiß es noch, ich erinnere mich an das Gespräch und auch an das blöde Selfie von davor. Ich war clean! Ich weiß nicht, woher dieses Foto kommt, aber das …“ Sven schluckte und setzte noch mal an: „… aber das bin nicht ich!“

Roland starrte Sven schweigend an. „Wenn du dir da ganz sicher bist und wenn das nicht du bist.“ Er leckte sich die Lippen, schaute das Bild an und wieder Sven. Er neigte kurz den Kopf und fragte: „Du hast jetzt keinen verschollenen Zwillingsbruder, richtig?“

Sven schaute ihn ungläubig an.

Rollo nickte: „Habe ich auch nicht gedacht. Aber vielleicht sollten wir doch die Polizei rufen.“

Sven sprang auf und fing an in der Wohnung auf und ab zu gehen. „Nein, keine Polizei. Du siehst doch, welchen Eindruck die Fotos vermitteln!“

„Wenn das auf dem letzten Foto nicht du bist, ist doch alles ok damit.“

„Das mit dem Joint bin nicht ich, aber der auf den Fotos gestern, das war ich. Und aus der Party-Zeit könnte es Fotos mit einem Joint geben. Was macht das denn für einen Eindruck! Nein, keine Polizei, wirklich nicht.“

„Das musst du natürlich wissen. Aber er wird weitermachen. Er hatte doch geschrieben, fünf Tage #nostalgiechallenge, und es sind erst zwei vorbei.“

„Dann wird er eben noch drei Tage lang Saufgelage-Bilder reinstellen. Schlimmer als jetzt kann es doch gar nicht mehr werden.“

Sven wirkte zerknirscht, als er versuchte, weiter auf seinen besten Freund einzureden. Nach einiger Zeit gab Roland nach und fuhr nach Hause. Sven konnte diese Nacht lange nicht einschlafen. Er sah sich bei einem Bewerbungsgespräch, bei dem ihm eine Tequila-Flasche aus der Innentasche des Anzugs fiel und vor den Augen seiner Gesprächspartners zerbrach. Schweißgebadet wachte er auf.

 

Am dritten Tag der Challenge fühlte sich Sven auf alles vorbereitet. Als der Abend näher rückte, goss er sich Tequila ein, setzte sich auf die Couch und aktualisierte immer wieder seine Facebook-Pinnwand, bis der Beitrag „#nostalgiechallenge Tag 3: ein bisschen Spaß muss sein!“ auftauchte.

Zur Vorbereitung knackte er mit den Fingern, prostete dem Handydisplay zu und fühlte sich nach einem kräftigen Schluck schließlich mutig genug, das erste der drei Bilder zu öffnen. Ein Foto vom dunkelblauen VW in der Einfahrt seines Elternhauses. Sven erkannte seinen ersten Wagen, zum 18. Geburtstag geschenkt bekommen. Soweit so harmlos.

Das zweite Foto war im Wagen von innen aufgenommen. Man sah Svens Arm am Schaltknüppel und auf dem Beifahrersitz eine Kiste Bierflaschen und zwei Tequila-Flaschen. Eine der Flaschen war halbleer. Ein paar leere Flaschen lagen im Fußraum. Svens Puls beschleunigte sich. Er zwang sich zu atmen, ein und wieder aus. Ein und aus. Ein… und das nächste Foto öffnen. Seine Augen weiteten sich, und beinahe ließ er das Handy fallen. Mit zitternden Händen legte er es ab und trank sein Glas auf Ex.

Das Foto zeigte eine leicht verschwommene Aufnahme von ihm, torkelnd vor dem Auto, die Fahrertür offen, die Rücklichter an, in seiner Hand eine halbleere Flasche.

 

„Trunkenheit am Steuer?“ Rolands Stimme hörte sich verunsichert an. „Das ist ernst, Sven. Ich will es ja nicht sagen, aber da scheint dich jemand wirklich auf dem Kieker zu haben.“

„Was soll ich denn tun, Rollo? Ich habe nie getrunken, wenn ich gefahren bin. Mein Vater hätte mich sonst umgebracht. Das Foto ist verschwommen, aber es sieht nach mir aus! Wie kann es sein?“

„So langsam sieht das alles nicht mehr nach einem Scherz aus. Du bist mein bester Freund, aber ich muss dich das jetzt fragen: wem hast du etwas angetan?“

Sven schwieg. Er schwieg weiter, als Rollo ihm noch eine Frage stellte: „Und warum willst du nicht die Polizei einschalten?“

Konnte es sein? Svens Gedanken wurden unzusammenhängender, je mehr die Tequila-Flasche leerer wurde. Er war nicht mehr so geübt im Trinken wie damals, als… Nein, das konnte wirklich nicht sein. Oder doch?

Auch diese Nacht schlief er unruhig und wurde von wirren Träumen geplagt. In seinem Traum roch er Blumen und Erbrochenes, war in eine Schlägerei verwickelt, verfing sich in zerwühlten Laken und tanzte mit Julia, während von jeder Ecke aus Kameras auf ihn gerichtet waren.

 

Der vierte Tag der Challenge zog sich in die Länge. Sven fühlte einen kurzen Moment der Dankbarkeit für Julias Kochkünste, als er ihr Risotto im Kühlschrank entdeckte und verzehrte, doch der Rest des Tages fühlte sich zäh wie Gummi an.

Er ertrug den Anblick des Handys immer weniger, je näher die Zeit des nächsten Facebook-Posts rückte. Beim Gedanken daran, welche Fotos dieses Mal enthüllten werden könnten, lief ihm kalter Schweiß den Rücken herunter. Er zwang sich, nicht daran zu denken, nicht an all das zu denken, was passiert war. Konnte es sein? Nein. Sven wollte es nicht einmal wissen. Kurz bevor die Fotos gepostet werden würden, drehte er das Handy mit dem Display nach oben und schob es zitternd auf dem Couchtisch weiter von sich weg. Er leckte sich über die Lippen, die Hände zu Fäusten geballt, die Augen huschten immer wieder übers Handy und dann wieder auf die gegenüberliegende Wand, wieder zum Handy und wieder weg.

Als das Handy laut klingelte, sprang er kreischend aus der Haut. Sein Herz klopfte, als würde es aus der Brust hinausspringen. Er griff reflexartig danach und hielt inne. Im Hintergrund hörte er ein Geräusch. Es war ein Wimmern, und er brauchte eine Weile zu begreifen, dass der Ursprung des Geräuschs er selber war.

Das Handy hörte auf zu klingeln und fing sogleich wieder an. Sven rang mit sich und nahm es schließlich in die Hand, um aufs Display zu schauen. Als er den Namen seines besten Freundes darauf erblickte, wich ein kleiner Teil seine Anspannung von ihm. Zögernd hob er ab.

„Hast du die Fotos gesehen?“ hörte er sofort Rolands Frage.

Die Stimme klang merkwürdig hoch und quietschend. Sven schwieg und hörte laut und aufgeregt an seinem Ohr: „Warst du es? Sven, du musst mir jetzt unbedingt sagen, dass du es nicht warst! Ich weiß ja von den Partys und den Drogen und sonstigen Dummheiten, aber DAS?“

Sven fühlte seine Beine ganz weich werden. Gerade noch rechtzeitig schaffte er es auf die Couch ohne umzufallen, doch das flaue Gefühl im Magen ließ nicht ab. Sein Herzschlag dröhnte so laut in seinen Ohren, dass er nichts anderes mehr hörte, bis er irgendwann wieder einen Blick auf das in seiner Hand festgekrallte Handy warf und feststellte, dass Roland bereits aufgelegt hatte.

Er biss sich in die Fingerknöchel der anderen Hand und konnte den Blick nicht vom Handy ablassen. Er musste nachschauen. Vielleicht waren es ja doch nur die Saufbilder und nicht… vielleicht waren es nur die Saufbilder. Er musste es wissen.

 

Der Beitrag hieß „#nostalgiechallenge Tag 4: ich weiß noch, was ich jenen Sommer getan habe!“ Beim Öffnen des ersten Fotos keuchte Sven vor Erleichterung, wie harmlos es aussah. Es zeigte ihn eng umschlungen mit einem jungen Mädchen, vielleicht achtzehn Jahre alt, er die Hand auf ihrem Hintern, sie den Arm um seine Schulter, beide lachten ausgelassen in die Kamera. Er schloss die Augen und wischte den Schweiß von seiner Stirn ab, bevor er weiter machte. Das zweite Bild stammte vom seiner späteren Stunde desselben Abends. Sven sah sein jüngeres Ich das Mädchen enger an sich drücken, der Spaghettiträger ihres roten Tops verrutscht, die Blicke beider benebelt.

Sven leckte sich über die Lippen und hielt den Atem an, als er das darauffolgende Bild öffnete. Ein Zimmer in einem Studentenwohnheim. Schummriges Licht. Zerwühlte Laken. Neben dem Bett eine Handtasche, genau dieselbe, die das junge Mädchen auf den Bilden davor über der Schulter hatte. Etwas Rotes auf den Laken.

Es kostete ihn viel Überwindung, das nächste Foto anzuklicken. Es war ein Ausschnitt aus einem Zeitungsartikel mit dem Titel „Vergewaltigung im Studentenwohnheim“. Sven brachte es nicht über sich, mehr als den Titel des Zeitungsartikels zu lesen. Er fühlte sich neben sich, als wäre die Welt um ihn unwirklich, als würde er verblassen. Das letzte Bild war ein Portraitfoto von dem Mädchen, vermutlich etwas jüngeren Datums als die anderen Bilder. Svens Kopf fühlte sich wie Watte an. Jeder Pulsschlag hämmerte in ihm, laut wie der Beat der Partymusik. Er sah in ihre Augen und wusste, dass sie ihm bekannt vorkam. Die Kopfschmerzen wurden unerträglich. Er schloss die Augen.

Um ihn herum der entfernte Geruch von Alkohol und ein blumiger Duft, ganz nahe bei ihm, süß und betörend und vermischt mit frischem Schweiß. Ein Körper, eng an ihn gepresst, ihre Rundungen nur durch dünnen Stoff von ihm entfernt. Seine Hand an ihrem Hintern, feste zudrücken, ihr halbherziger Versuch, die Hand wegzuschieben. Pille in ihrem Bier, sie wurde entspannter, ihr Zimmer, das Keuchen und das Klatschen von Haut an Haut, bis er sich schließlich befriedigt von ihr abrollte.

Er erinnerte sich, beschämt wieder zu seinen Sinnen zu kommen und sich aus dem Zimmer zu schleichen, kaum einen Blick auf sie geworfen, schon damals bemüht, das alles zu vergessen, weit in seinem Gehirn zu vergraben und nie wieder hervorzuholen. Bis zum heutigen Tag konnte er sich noch nicht einmal an ihr Gesicht erinnern.

Nur an den Duft erinnerte er sich noch und spürte ihn wieder, immer deutlicher, süß und blumig direkt vor ihm. Er öffnete die Augen und sah Julia vor sich stehen.

 

„Sie war meine Schwester.“

Ihren Augen loderten hasserfüllt und schienen Sven zu durchbohren. Er hatte sie noch nie so gesehen. Ihre Stimme war wie immer ruhig und fest, doch dieses Mal durchzogen von Kälte.  Instinktiv versuchte er sich ein Stück von ihr wegzubewegen, doch sie beugte sich näher an ihn heran. Der blumige Duft, der von ihr ausging, verursachte ihm Übelkeit.

„Du weißt noch nicht einmal mehr ihren Namen, nicht wahr?“ Julia wartete nicht auf eine Antwort. „Verena hieß sie. Du hattest das Leben von Verena zerstört.“

„Oh Gott“, flüsterte Sven kaum hörbar. „Es tut mir so leid. Es ist so lange her, ich meine… es tut mir so leid.“

„Was soll es mir bringen, dass es dir leid tun? Was soll es ihr gebracht haben?“

„Ich… ich weiß es nicht.“ Sven brachte die Worte kaum heraus. Jedes davon fühlte sich brüchig an, als würde es noch in seinem Mund in Krümel zerfallen, bevor er es überhaupt aussprechen konnte.

„Sie war schwanger, wusstest du das?“

Er schreckte hoch, die Augen aufgerissen, und erstarrte. Die Welt schien eingefroren zu sein.

Julia wendete ihren Blick nicht von ihm ab. „Was meinst du wohl, woher ich die Aufnahmen habe, die es damals nicht gab? Wenn man die Kamera nur etwas unscharf stellt und ihn mit Kleidung aus dem Secondhandladen eindeckt, sieht er dir wirklich zum Verwechseln ähnlich. Natürlich weiß er nichts darüber, wofür ich die Fotos brauchte, und wird es nie erfahren. Für ihn war es bloß ein harmloser Spaß.“

„Rol…“ Svens Zunge fühlte sich schwer in seinem Mund an. Er brachte es nicht fertig, den Namen seines besten Freundes auszusprechen.

„Er hat keine Ahnung.“ Julias Blick wurde eine Nuance weicher, sie wendete sich das erste Mal für einen Moment von Sven ab. „Am Anfang wusste ich nicht, ob er nicht mit dir unter einer Decke steckte. Ob er davon wusste. Er war ein Mittel zum Zweck, um dir näher zu kommen. Um irgendetwas zu finden, was dich so zerstören würde, wie es Verena damals zerstört hatte. Später…“ Ihre Stimme zitterte leicht. Sie hielt inne, sammelte sich und fuhr fort mit ihrer gewohnt ruhigen Stimme. „Später konnte ich ihn nicht mehr verlassen. Es hätte ihm das Herz gebrochen, weißt du. Er ist ein guter Mensch. Er sollte nicht so leiden wie Verena, oder ich.“ Sie blickte ihm wieder in die Augen. „Oder du.“

Svens Gehirn kämpfte damit, all das zu verarbeiten, was er soeben gehört hatte. Ihm war übel. Alles um ihn herum schien sich zu drehen, der einzige Fixpunkt Julias Augen, von denen Sven sich wie festgenagelt fühlte, zu keiner Bewegung fähig.

Julia ließ langsam ihre Augen von oben nach unten über Sven gleiten. Er bekam eine Gänsehaut. Ihm fröstelte. „Bestimmt hast du bereits begriffen, dass in dem Essen, das ich dir mitgegeben hatte, ein kleines Extra enthalten war.“ Sie lächelte fast ohne ihre Mundwinkel zu heben. Sven dachte entsetzt daran, dass er noch nie ein weniger fröhliches Lächeln gesehen hatte. Sie schaute ihm weiterhin fest in die Augen, als sie sagte:

„Schließlich müssen wir noch das Foto für Tag 5 schießen.“

 

Der Beitrag hieß „#nostalgiechallenge Tag 5: damals & heute“, daran angehängt waren zwei Fotos. Auf dem ersten sah man ein paar Chucks mit auffälligen bunten Schnürsenkeln, die Sven damals besonders gern getragen hatte. Auf dem zweiten schlangen sich dieselben bunten Schnürsenkel fest um Svens Hals.

 

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