MadMoDas wahre Gesicht

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1.

Das grelle Licht im Kellerflur ließ mich meine Augen zusammenkneifen. Der Geruch der frisch gewaschenen Maschinenwäsche atmete ich tief ein. Immer wieder denke ich, andere würden mich für verrückt halten, wenn die wüssten, dass ich diesen Geruch immer wieder tief einatme. Den Flur entlang kam mir wie jeden Morgen keiner entgegen, erst im Treppenhaus kam mir Pfleger Jonas entgegen. Ein kurzes Nicken und schon waren wir wieder aneinander vorbei. Oben in der ersten Etage kamen mir dann schon mehr meiner Kollegen entgegen, aber auch einige Patienten die so früh schon hoch waren. Mein Gott, können die nicht noch eine halbe Stunde länger schlafen, jeden Morgen hoch zu müssen obwohl man eigentlich frei hat, da gibt es sicherlich besseres. Aber das Krankenhaus ist ja auch kein Hotel, zum Glück. Im Schwesternzimmer angekommen, meine Kollegen aus der Nacht warten schon auf die Frühschicht, mit frisch gekochtem Kaffee. Ein murmelndes „Guten Morgen!“. Schwester Kathrin plapperte gleich drauf los, wollte mir gleich von ihrem spannendsten Fall in der Nacht erzählen, doch dafür war ich noch nicht aufnahmebereit. Ich lächelte, nickte in Ihren Wortpausen. Währenddessen nahm ich mir einen heißen Kaffee, der Geruch stieg mir in die Nase und erweckte gleich die ein oder andere Gehirnzelle. Ich setzte mich neben Kathrin und da kamen auch schon meine weiteren Kollegen, die heute mit mir den Frühdienst übernahmen. Als alle eine Platz hatten und ihren heißen Kaffee in den Bechern, stoppte Kathrin mit ihrer Erzählung. Es gab eine kurze und knappe Übergabe der drei Patienten, die bei uns noch in der Notaufnahme lagen und noch auf die Stationen verlegt werden mussten. Ein älterer Patient mit einem Herzinfarkt, der andere hatte ein akutes Nierenversagen und eine junge Frau, die gestürzt war und zur Überwachung des leichten Schädel Hirn Traumas aufgenommen wurde. 6:30 Uhr und die Nachtschicht verließ uns in ihren wohlverdienten Feierabend. Ich war heute mit Thorsten und Isabella in der kardiologischen Notaufnahme. Isabella und ich kennen uns bereits seit 6 Jahren, wir haben zusammen unsere Ausbildung gemacht und bereits vieles zusammen durchgestanden. Es ist nicht immer einfach was hier auf Arbeit passiert. Wir gehen an unsere Grenzen, um all unsere Patienten best möglichst behandeln zu können. Wir sehen die Menschen leiden, sterben, aber auch glücklich und dankbar das Krankenhaus wieder verlassen. Das schweißt zusammen. Wir drei sitzen zusammen auf einer Patiententrage und warten auf unseren ersten Fall. Isabella erzählt von ihrem Wochenende, hat sie sich doch wieder mal mit dem jungen Assistenzarzt Gabriel getroffen. Grieche und passt genau in das Beuteschema von ihr. Sie war gerade dabei zu erläutern, wie der Filmabend beendet wurde, da wurden wir von unserem Piepser unterbrochen, der erste RTW kam mit einem Patienten der akute Luftnot, mit Brustenge verspürte. Ich übernahm den Patienten, mit dem Kardiologen Dr. Bluhm. Die Übergabe des Rettungsdienstes: männlicher Patient, 72 Jahre, verspürte am Morgen ein Druckgefühl auf der Brust, welches er zunächst vernachlässigte, ca. 6:30, im Bad verstärkten sich die Symptome und es trat eine akute Luftnot ein. 07:05 Uhr rief der Patient selbstständig die Leitstelle. Patient zu jedem Zeitpunkt wach und ansprechbar, EKG war unauffällig, der Troponin Wert erhöht. Die eingeleitete Therapie mittels Sauerstoff, Nitrospray und Morphin schlug gut an, Symptome wurden gelindert. Die Sanitäter schoben den Patienten zu Platz 4, wo der Patient auf die Trage umgelagert wurde. Ich klebte die Elektroden für das EKG neu, suchte mir die nötigen Utensilien zusammen. Dr. Bluhm führte gleichzeitig die ersten Untersuchungen durch, wie auch die Erhebung der Anamnese des Patienten. Dann war ich an der Reihe, die pflegerische Aufnahme, den Patienten befragen, noch einmal, nur dieses mal von mir. Ich lächelte ihn an und sagte:“ Hallo mein Name ist Lou, ich bin heute in der Notaufnahme für Sie zuständig, neben unserem Dr. Bluhm. Ich bräuchte einmal Ihren vollständigen Namen von Ihnen, sowie ihr Geburtsdatum.“ Zwar haben wir das alles bereits aus der Krankenkassenkarte einlesen können, aber zur Identifikation müssen wir diese Frage immer noch einmal stellen. Er grummelte: „Das wissen Sie doch alles eh schon!“ Ich musste genau hinhören um zu verstehen was er sagte. Ich erklärte ihm die Situation und er antwortete widerspenstig: „Karl Heiner, geboren am 22.01.1948.“ Ich merkte wie mir schwindelig wurde und sich Schweißperlen auf meiner Stirn bildeten. Ich hielt mich an der Patiententrage fest, in der Hoffnung nicht umzukippen. Toll, ich hatte schon wieder nichts gefrühstückt. Ich riss mich zusammen und machte weiter mit der Aufnahme von Herrn Heiner. Als ich damit fertig war und die Anordnungen von Dr. Bluhm ausgeführt hatte, konnte Herr Heiner nach oben zur speziellen Untersuchung des Herzens. Als der Transportdienst ihn abholte, wünschte ich ihm alles Gute. Von ihm kam ein grummeliges: „Jeder bekommt das was er verdient.“ Ich spürte wie meine Hände ganz kalt wurden und sich erneut Schweißperlen auf meiner Stirn sammelten. Werde ich krank? Das kann ich gerade nicht gebrauchen, stecke doch mitten im Umzug und habe die nächsten 12 Tage Dienst. Ich ging in unseren Aufenthaltsraum. Nahm mir einen Kaffee und ein trockenes Brötchen, setzte mich und dachte an den letzten Satz des Patienten. Merkwürdig, es gibt öfter grummelige Patenten ohne Dankbarkeit, aber das ließ mir irgendwie keine Ruhe. Seine Stimme tauchte immer wieder auf. Im Laufe des Dienstes habe ich noch zwei weitere Patienten betreut, doch Herr Heiner wollte mir nicht aus dem Kopf gehen. Das passiert mir sonst nur mit Patienten mit einer außergewöhnlichen Krankengeschichte oder mit denen ich mich gut verstanden habe. Aber Herr Heiner war doch eigentlich nur ein 0815 Patient. 13:30 Uhr die Übergabe an den Spätdienst war erledigt und wir konnten Feierabend machen. Einen ruhigen Dienst konnte man auch in der ganzen Hektik mal ganz gut vertragen. Isabella und ich wollten noch zur Eisdiele und uns unser erstes Eis in diesem Jahr holen. Eine Kugel Pistazieneis und eine Kugel Mandeleis gab es für mich. Wir genossen die Frühlingsstrahlen am Wasser im Sandstrand. Auf dem Weg nach Hause holte mich die grummelige Stimme von Herrn Heiner wieder ein. Und ich versuchte mir einzureden „ein ganz normaler Patient wie jeder andere“.

2.

Ich stellte meine Eieruhr auf 25 Minuten, dann soll der Kuchen fertig sein. Der Heißhunger auf einen leckeren Mandarinenpuddingkuchen überkam mich am Morgen und zum Glück hatte ich dafür alles im Haus. Und was könnte es schöneres geben als an einem Sonntagmorgen einen Kuchen zu backen, denn man dann am Nachmittag mit einer Freundin vernaschen kann. Der Kuchen im Ofen und die Eieruhr tickte. Ich nahm das Mehl und den Zucker um diesen wieder zurück in den Schrank zu stellen. In diesem Moment spürte ich wie ich am ganzen Körper anfing zu zittern, die Schweißperlen liefen meine Stirn runter. Das Mehl und der Zucker fielen aus meiner Hand, zurück auf die Arbeitsfläche und ich spürte wie der Boden unter meinen Füßen immer weicher wurde. Ich sah nur noch schwarz vor meinen Augen und hörte nur noch die Eieruhr ticken. Tick Tack Tick Tack Tick Tack Tick Tack, plötzlich Stille. Dann wieder Tick Tack Tick Tack Tick Tack, ich spürte langsam die kalten Fliesen unter meinem Rücken. Ich blinzelte mit den Augen und ich sah verschwommen die Decke meiner Küche über mir. Tick Tack Tick Tack Tick Tack Tick Tack. Ich setzte mich langsam auf und griff nach meinem Wasserglas. Ich spürte erneut wie ich zu zittern anfing und die Schweißperlen mir die Stirn hinunter liefen. Tick Tack Tick Tack Tick Tack. Ich stand instinktiv schnell auf um dem ein Ende zu setzen. Die Küche sah ich nur noch verschwommen, ich griff nach der Eieruhr und stellte sie aus. Stille. Ich spürte wie sich mein Blutdruck wieder normalisierte. Die Kaltschweißigkeit legte sich und ich konnte endlich ein Schluck Wasser trinken. Ich sank auf die Küchenfliesen, lehnte mich an meinem Küchenschrank und atmete tief ein und aus. Ich schrieb Isabella, dass sie heute doch nicht kommen könne, da es mir nicht so gut geht. Oben auf dem Dachboden angekommen roch es nach alten Möbeln, Büchern und Holz. Hier stand alles herum, was die Leute aus unserem Haus nicht mehr benötigten, aber sich auch nicht von trennen wollen. Ein altes Sofa von dem Gärtner Timothy, welches seine Oma im vererbt hatte, er fand es aber so scheußlich das er es weder in der Wohnung haben wollte, noch brachte er es übers Herz, das Sofa auf dem Sperrmüll zu entsorgen, vielleicht bringt es ja irgendwann nochmal Geld. Eine alte Büchersammlung von Opa Wilhelm, der unten im Erdgeschoss wohnt, stand direkt neben dem Sofa. Also wer eine ruhige Leseecke braucht ist auf unserem Dachboden genau richtig. Jetzt musste ich, zwischen all dem Krämpelkram den meine drei Nachbarn hier untergebracht hatten , meinen einen Umzugskarton finden. Die einzige Sache die ich hier oben von mir verstaut hatte, weil ich meine Vergangenheit hinter mir gelassen habe und nicht ständig damit konfrontiert werden wollte. Aber jetzt war wohl der Zeitpunkt gekommen, sich erneut damit zu beschäftigen. Alleine ohne Familie, ohne Therapeut. Ich habe es die letzten 26 Jahre geschafft dann werde ich mich jetzt auch alleine damit beschäftigen. Oder sollte ich Isabella dazu holen? Immerhin war ich immer für sie da, wenn sie jemanden brauchte, sie kannte mich am längsten. Aber auch sie wusste nichts von meiner Vergangenheit, denn das hab ich alleine mit mir ausgemacht. Nein noch war ich nicht soweit jemanden einzuweihen. Ich wusste ja noch nicht einmal warum mich die Panikattacken schon wieder überfallen. Bevor ich den Grund nicht wusste muss ich da alleine durch. Nachdem ich hinten rechts in der Ecke des Dachbodens angekommen war, fand ich meinen Karton, neben der alten Spielekiste von Carlotta, dem Kind unserer Vermieterin. Mit großen Augen guckte mich aus der Kiste ein Mischtier aus Maus und Kaninchen an. Als ich die Kiste einen Stück nach rechts rückte drang ein tiefes „Willst du mit mir spielen?“ aus dem Inneren der Kiste. Vor lauter Schreck machte ich einen Schritt zurück, doch zum Glück war die Kiste dann still. Ich kramte meinen Karton aus der Ecke hervor. Mein Atem ging schneller und ich musste mich konzentrieren um nicht die Fassung zu verlieren. Das Fitzelchen Licht an der Dachbodendecke fing an zu flackern, der Wind pfiff an der Hauswand. Nun gut nun musste ich den Karton wohl auch öffnen um Licht ins Dunkle zu bringen. Der Karton war feucht und eingestaubt. Ich öffnete den Deckel und der Geruch von feuchter Pappe und einem leichten Geruch von Zimt stieg mir in die Nase. Mir wurde übel. Zimt konnte ich noch nie ausstehen. Das Licht war mir keine sonderlich große Hilfe, doch die Handytaschenlampe eine wahrlich großartige Erfindung. Der Karton war nicht sonderlich voll, doch ich konnte mich weder erinnern was ich hier aufbewahrte, noch wusste ich wonach ich suchen sollte. Ich wusste nur das in diesem Karton meine Vergangenheit steckt, eine Vergangenheit die ich nicht mehr kannte. Eine Vergangenheit die ich niemals mehr aufleben lassen wollte. Eine Vergangenheit die ich geschafft hatte, seit 10 Jahren zu verdrängen. Doch jetzt war es soweit, dass ich mich erneut damit auseinandersetzen musste, um zu erfahren was in der Hölle meine Panikattacken nach so langer Zeit wieder auslöst. In dem Karton lag ganz oben eine graue, weiche, warme Wolldecke. Als ich diese herausnahm, musste ich stark husten, eine Staubwolke befreite sich aus der Decke. Unter der Decke lag ein Märchenbuch und ein dickes Buch mit Geschichten von Astrid Lindgren. Außerdem fanden sich Kassetten mit Kinder- und Jugendhörbüchern in dem Karton. Ein passender Kassettenrekorder befand sich ganz unten im Karton. Daneben fand ich ein altes Nokia 3310, sowie einen Briefumschlag. Zunächst probierte ich den Kassettenrekorder aus und ja er spielte mein Lieblingshörbuch Tom Sawyer einwandfrei ab. Das Nokia Handy versuchte ich einzuschalten mit dem Gedanken, das funktioniert doch eh nicht. Da hatte ich mich getäuscht. Beim durchforsten des Handys stieß ich zunächst auf die SMS die verschickt wurden. Doch das erstaunliche, es gingen ständig SMS raus, immer an die gleiche Nummer, doch keine einzige SMS war auf dem Handy eingegangen. Wurden die gelöscht? Aber warum löschte man dann nicht auch die versendeten? Das machte für mich keine Sinn. Die Nachrichten waren auch sehr einfach gehalten. „Wo bist du?“ „Wann kommst du zurück?“ „Wir haben Hunger.“ „Karl, bitte lass uns reden.“

Nur alleine die vier Nachrichten ließen meinen Atem stocken. Ich hörte das Blut in meinem Kopf rauschen, mein Herz pumpen und meine Lunge nach Luft schreien. Ein, Aus, Ein, Aus. Lou, konzentrier dich! Ich packte das Handy zunächst wieder zurück in den Karton. Nun noch zum letzten Teil des Kartons, der Umschlag. Er war nicht zugeklebt. Der Umschlag bereits vergilbt. Ich öffnete ihn. Drin war ein Brief. Beim öffnen überkam mich die Geruchsflut von Zimt. Schon wieder. Mir war schlecht. Ich konzentrierte mich auf dem Brief. Ich nahm ihn heraus und las. Wort für Wort. Zeile für Zeile. Bis zum Ende. Mich überkam das Gefühl keine Luft mehr zu bekommen. Ich versuchte nach Luft zu schnappen. Doch mein Körper tat nicht mehr das was ich von ihm verlangte. Mein Herzschlag wurde schneller und schneller. Ich konnte keinen Punkt mehr mit meinen Augen fixieren. Zunächst verschwamm alles, dann wurde es schwarz um mich herum.

3.

Ich schlug meine Augen auf. Die Decke war weiß. Die Uhr tickte in meinem Zimmer. Pflegerin Olga kam ins Zimmer mit einem fröhlichen: „Ein wunderbaren Guten Morgen Herr Heiner“. Ich fühlte mich schlapp meine Augenlider waren schwer, meine Beine fühlen sich an als wären Sie von schweren Sandsäcken zugedeckt. Mein Herz schlug schnell und mir fiel es schwer Luft zu holen. Und dann noch diese aufgesetzte Fröhlichkeit von Olga. Denkt Sie ich würde Ihr Taschengeld geben so freundlicher sie ist? Jeden Morgen dasselbe. Dieses Heim, öde und langweilig. Die alten Menschen kaum noch aktiv und vegetieren im Heim vor sich hin. „Geh raus! Ich will heute nicht aufstehen. Ich bin immer noch Herr über mich selbst und wenn ich sage ich will nicht, dann will ich nicht. Also raus mit dir!“, befahl ich Olga barsch. Aber anstatt in Richtung Tür zu gehen, kam sie auf mich zu und blickte besorgt drein. Ich sähe blass aus und mein Puls würde ihr auch nicht gefallen. Ja mein Gott kann schon sein das es mir heute nicht so gut geht, aber das heißt nicht das es ihr zusteht über mich zu entscheiden. „Ich rufe gleich den Hausarzt an, Sie müssen durchgecheckt werden.“ Was verstehen die denn nicht, ich melde mich schon wenn ich der Meinung bin ich muss zum Arzt. Kaum lebt man im Altenheim wird man für alles bevormundet. Ich hasse es. Keiner wagt es mich zu bevormunden. Ich kann mich aber nur noch mit Worten wehren, für alles andere bin ich zu schwach und das weiß Olga. Da ist meine Schwachstelle, wo früher meine größte Stärke drin war. Der inkompetente Arzt von nebenan konnte natürlich auch nichts feststellen und auf mich hört auch er nicht. Heißt es nicht immer die sollen Ihren Patienten zuhören, davon hab ich bisher keinen getroffen. Und kaum war der Arzt weg, standen die Rettungskräfte neben meinem Bett um mich schon wieder ins Krankenhaus zu fahren. Wie gesagt auf mich hört ja eh keiner. In der Notaufnahme des Krankenhauses angekommen, wurde ich direkt wieder von Arzt und Pflege empfangen. Hat man ab einem gewissen Alter denn gar keine Ruhe mehr vor denen. Und das ganze Spiel fing von vorne an, die Fragerei des Arztes, dann dasselbe von der Schwester, irgendwelche Untersuchungen und dann liegt man da, ständig läuft jemand an dir vorbei aber beachtet dich nicht. Wenn du dich lautstark bemerkbar machst, wirst du im rauen Ton gebeten die Klappe zu halten. Bis die einen Plan haben was die mit dir anfangen sollen, lassen sie dich liegen und das dauert manchmal Stunden. Dann liegt man da, hört das Piepen der Geräte, den ein oder anderen Patienten schreien, die Ärzte irgendwelche Fachbegriffe ins Telefon rufen und die Pflegekräfte schweißgebadet umherlaufen ohne zu wissen was sie tun. Schwester Lou war heute für mich zuständig. Jung und schüchtern, wirkt kompetent aber unterdrückt. Ich studierte sie, doch schlau wurde ich nicht aus ihr. Sie macht ihren Job scheinbar gerne, doch irgendetwas machte sie nervös. Ständig blickte sie wild umher, guckte auf die Uhr und kam nicht zur Ruhe. Doch sobald sie zu mir kam wurde sie immer unruhiger, versuchte es zu überspielen, doch mir spielt man nichts vor. Am Nachmittag kam der Arzt und Schwester Lou dann endlich mal wieder zu mir und verkündeten fröhlich: „Herr Heiner wir können Sie wieder ins Heim schicken, die Grippe die sie ausbrüten können Sie am besten in Ihrer gewohnten Umgebung auskurieren. Die Verschlechterung Ihres Zustandes und Befinden lässt sich damit erklären. Wir bereiten alles vor und wünschen Ihnen alles Gute!“ Der Arzt ging, Schwester Lou blieb. „Ich hab es doch gleich gesagt das die nicht so eine Aufruhr machen sollen. Das werden die schon sehen wenn ich gleich wieder bei denen auf der Matte stehe!“ Schwester Lou packte mir meine Tasche, die Olga mir für meinen Krankenhausaufenthalt gepackt hatte, auf meine Trage. Sie blickte mich an und sagte: „Denken Sie vielleicht mal daran das sich die Leute um sie herum bemühen das es Ihnen gut geht. Nicht in jedem Menschen steckt was böses.“ So verließ ich das Krankenhaus. In meinem Zimmer im Heim wieder angekommen, packte Olga meine Tasche aus. Da hielt sie ein Briefumschlag in der Hand, wollte diesen gerade in Ihre Kasacktasche gleiten lassen. Da rief ich: „Nein, das ist nicht der Arztbericht, könntest du mir den bitte geben.“ Sie gab ihn mir, aber auch nur im Gegenzug des Arztberichtes, den ich in meiner Jackentasche hatte. Beim hinausgehen sagte sie: „Ich bin zu neugierig was in dem Brief steht.“ Wenn Sie wüsste das ich es auch war. Die Tür fiel ins Schloss und ich schaute mir den Umschlag genauer an, bereits vergilbt. Wo kommt der her? Es stand weder Absender noch Adresse auf dem Umschlag. Ich öffnete ihn. Beim aufklappen, blieb mir kurz die Luft weg, ein Zimtgeruch stieg mir in die Nase. Die Schrift, das war doch meine. Das konnte nicht sein. Ich las, Wort für Wort, Zeile für Zeile, bis zum Ende. Doch das konnte sein. Aber was zur Hölle macht dieser Brief in meiner Tasche. Den Brief den nie jemand gesehen hat, den ich weggeschmissen hatte. Vor knapp acht Jahren habe ich diesen Brief geschrieben und am selben Tag im Mülleimer entsorgt. Wie kommt er jetzt wieder zu mir? Was soll mir das sagen?

4.

Die Sonne schien in das Fenster. Die Strahlen waren warm und das Schwesternzimmer heizte immer weiter auf. Vor allem im Sommer, wenn den ganzen Mittag die Sonne hier hereinscheint, ist es kaum auszuhalten. Ein Ort an dem man vor seiner Arbeit Ruhe finden soll, aber an heißen Tagen ein Ort den man gar nicht aufsuchen möchte. Wir versuchen uns dann extra lange bei den Patienten aufzuhalten, denn da ist es wenigstens kühler. Seit Tagen dachte ich, wie ich meinen Plan weiter ausführen kann, wie ich in das Pflegeheim komme ohne aufzufallen. Wie der Mann, der meine Kindheit und Jugend stark beeinflusst hat, genau so leiden kann wie ich es getan habe. Wie er sich in seinen letzten Stunden an den Hass erinnern soll, den er uns entgegengebracht hat. Isabella stupst mich von der Seite an und wirft mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich blickte in die Runde, alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich entschuldigte mich, dass ich nicht aufgepasst hatte und die Übergabe lief weiter. Isabella sprach mich am Ende noch einmal an: „Lou, was ist eigentlich los mit dir? Seit Tagen, nein seit Wochen bist du sehr distanziert, kurz angebunden und deine Patienten versorgst du auch nur noch mit dem notwendigsten. Sonst lag dir die gute Behandlung der Patienten doch immer besonders am Herzen.“ Ich erwiderte knapp: „Ja ich weiß, ich muss gerade ein paar wichtige Sachen klären“ und ging. Ich ging in meinen Bereich, einige Patienten aus dem Frühdienst, die noch auf weitere Untersuchungen oder ein freies Bett warteten lagen noch auf Ihren Tragen. Ich begrüßte jeden einzelnen und stellte mich vor. Vor der Trage von Platz 7 stockte mir kurz der Atem. Ich konnte es kaum fassen, hätte ich mal in der Übergabe zugehört, dann hätte ich mich vorbereiten können. Ich konnte meinen Plan bereits hier an dem Ort fortführen an dem ich mich am Besten auskenne. „Herr Heiner, Sie sind ja schon wieder bei uns.“ „Ich suche mir das sicher nicht aus ständig hierher geschickt zu werden.“ Ich studierte seine Akte, diese Mal Verdacht auf Schlaganfall, seit heute morgen um 8 Uhr ist er bereits bei uns. Der Verdacht wurde bereits bestätigt und die Therapie eingeleitet. Da wir aber gerade kein Bett auf Station frei hatten, durfte er noch etwas bei uns bleiben. Umso besser für mich. Sein Schnabelbecher war leer und er forderte sofort etwas zu trinken. Als ich mich zum Becher beugte nuschelte er: „Egal was du tun willst, du hast nichts gegen mich in der Hand.“ Hahaha, da denkt er doch wirklich ich möchte ihn anschwärzen. Ich griff den Becher und ging zum Medikamentenschrank, hier standen auch die Wasserflaschen für die Patienten, auf der Arbeitsfläche. Ich griff zusätzlich zum Beutel mit einem Abführmittel, das man im Wasser auflösen kann. Zur Sicherheit, damit es auch wirkt schenkte ich ihm zwei. Da es geschmacksneutral war, stellte ich ihm den gefüllten Becher wortlos zu ihm hin. Er nahm einen kräftigen Schluck, ich drehte mich um und konnte mir das Grinsen nicht verkneifen. Ich kümmerte mich nun erst einmal, wieder mit Herzblut um die anderen Patienten. Die eine Dame, weinte unerbittlich, ihr Mann und ihr Sohn seien letzte Woche bei einem Unfall ums Leben gekommen und jetzt müsste Sie sich doch um Ihre kleine Tochter kümmern, anstatt hier zu liegen. Ich hörte ihr zu und streichelte ihre Hand, eines der wenigen Dinge die ihr jetzt wohl möglich neben der Operation helfen. Als ich gerade den Anruf bekam das Herr Heiner auf Station kann, rief er: „Schwester ich muss JETZT auf Toilette!“ Als ich zu ihm rannte war es jedoch bereits geschehen, der Geruch stieg in meine Nase, während die ganze Trage voll war. Herr Heiner fluchte ohne Pause. „Scheißeee. Was soll das denn jetzt? Können die Leute gefälligst ihren Job richtig machen. Drecksladen.“ usw. Der zuständige Arzt kam zu uns, als ich gerade versuchte den Patienten zu besänftigen um ihn wieder sauber zu bekommen. Da schrie er mich an: „Du Drecksstück, so schnell kriegst du mich nicht unter.“ Der Arzt erkundigte sich was passiert war, ich schilderte ihm die Lage und er bahnte weitere Untersuchungen an. So konnten wir den Patienten noch nicht auf Station schicken, solange wir nicht wissen woher der Durchfall kommt. Der Arzt nahm mich kurz bei Seite und fragte mich was das auf sich hat, warum der Patient mir etwas unterstellt. Ich erklärte ihm das der Mann etwas verwirrt scheint und sich die ganze Zeit aggressiv äußert. Das nahm er so hin. Während sich die Untersuchungen hinzogen, wurde Herr Heiner immer ungeduldiger. Ich kümmerte mich weitestgehend um die anderen Patienten und ließ Herrn Heiner wo er war. Kurz vor Ende des Dienstes, die Ärzte hatten immer noch keine Ursache für den plötzlichen Durchfall gefunden, erzählte ich Ihnen, er hätte mir gerade in einem wohl klaren Moment erzählt, er hätte heute morgen Rote Beeren gegessen von denen er immer Durchfall bekomme. Ursache gefunden, also konnte er jetzt auf die Station, bis der Transportdienst kam, dauerte es jedoch noch einen Augenblick. Ich ging zu ihm und berichtete ihm das er jetzt auf Station kommt. Er würdigte mir keines Blickes. Hinter seinem Kopf drehte ich den Sauerstoff niedriger. Er fing einige Minuten später an zu röcheln und kurzatmig zu werden. Ich dehnte es noch etwas aus, bis ich nach ihm sah. Immerhin rief er ja auch nicht nach jemanden. Als ich zu ihm ging um nachzuschauen, waren seine Lippen bereits leicht bläulich und sein Gesicht ganz blass. Ich lächelte und fragte was denn los sei. Keine Antwort. Ein schönes Gefühl, den Mann der mich jahrelang gequält hat, ein Stück weit leiden zu sehen. Ich ging zur Sauerstoffflasche und drehte sie wieder auf 4l. Es dauerte einen Moment bis er wieder ruhiger atmete und die Gesichtsfarbe wieder rosig wurde. „Du hast genau so ein verletztes Herz wie ich und bist nicht besser. Ich habe nie eine andere Erziehung genossen, somit konnte ich gar nicht anders handeln. Und du? Du wendest jetzt genau die selben Methoden an. Du bist nicht besser!!“ murrte er.

5.

Ich bog in die Straße Kastanienweg ein, strampelte den Berg hinauf. Oben angekommen brauchte ich eine Verschnaufpause. Ich stieg vom Fahrrad und schob es das letzte Stück zum Ständer und schloss es ab. Ich stampfte zum Eingang, die ersten Regentropfen spürte ich auf meiner Nase. Drin angekommen roch es nach alten Menschen und einen Rosenwaschmittel. Die Dame am Empfang begrüßte mich freundlich, so langsam weiß sie wohl auch wer ich bin und zu wem ich will. Ich bog den Flur links ab und ging ins Treppenhaus, hinauf in den 2. Stock. Von hier ging es nach rechts und die nächste wieder links, dann die zweite Tür auf der rechten Seite und ich stand vor Zimmer 70. Inzwischen kamen mir die Gänge, der Geruch und diese Tür sehr vertraut vor. Ich klopfte viermal, dann öffnete ich die Tür. Ich trat ins Zimmer, der Geruch von Zimt drang aus dem Zimmer direkt in meine Nase. Ich versuchte flach zu atmen und möglichst durch den Mund, das machte das ganze etwas besser. Karl hat Zimt schon immer geliebt, seine Parfüms haben immer einen Zimtgeruch, aber nicht nur das, er hat auch früher unsere Wohnung mit Zimtstangen dekoriert, anstatt Duftkerzen oder ähnlichem. Und so ist es auch noch heute, in dem Zimmer liegen überall Zimtstangen. Mein Hass gegenüber Zimt liegt also seiner Liebe zu Zimt zugrunde. Während ich eintrat und die Tür hinter mir schloss, saß er auf seinem Schaukelstuhl vorm großen Fenster, mit Blick auf den Garten. Der Regen peitschte ans Fenster. Er drehte sich nicht einmal zu mir um. Ich trat an den Schaukelstuhl heran und legte meine Hand auf seine Schulter: „Hallo Karl, ich freu mich dich wieder zu sehen“ mit einem sarkastischem Unterton. Von mal zu mal wenn ich kam, sah er schlechter aus. Das Gesicht eingefallen, die Augen trüb, der Blick leer und sein Ausdruck voller Hass. Mir wurde bewusst das ich nicht mehr viel Zeit hatte um meinen Plan zu Ende zu bringen. Karl sprach nicht viel wenn ich bei ihm war. Aber das war auch gar nicht nötig, denn ich wusste ja alles über ihn was ich wissen musste. Ich nahm mir den Sessel und schob ihn schräg neben ihn, sodass ich ihn angucken und gleichzeitig hinausschauen konnte. Ich berichtete ihm, was alles bei mir in der letzten Woche so passiert war. Es interessiert ihn nicht und vermutlich hört er auch kaum zu. Ich musste ihm aber zeigen wie ich mein Leben in den Griff bekommen hatte, obwohl ich früher nicht gelernt hatte selbstständig zu sein oder soziale Kontakte zu knüpfen. Meine Schwächen zeigte ich ihm natürlich in unseren Gesprächen nicht. Der furchtbarste und grausamste Mensch darf mit seiner Tat nicht gewinnen. So zeigte ich ihm was für ein tolles Leben ich führe seit er nicht mehr Teil meines Lebens ist, bzw. seit ich die Zügel in der Hand habe. Der Regen wurde draußen etwas weniger. Ich griff zu meiner Tasche und holte zwei Kaffeebecher hinaus, den frisch gekochten Kaffee und die Kekse die ich mitbrachte. Immer wenn ich bei ihm war, hatte ich mir was neues überlegt. In seinen Kaffeebecher hatte ich draußen bereits etwas Abführtropfen hineingegeben. Ich schenkte uns Kaffee ein, während ich gerade dabei war zu erzählen wie ich mich an einer Geburtstagstorte für Isabella gewagt hatte und wie diese dann zur Trümmertorte wurde. Ich lachte über mich selbst. Von ihm kam keinerlei Regung. Der Kaffee war eingeschenkt, der Geruch lag in kurzer Zeit in dem ganzen Zimmer. Karl griff zu seinem Kaffeebecher, seine Hand zitterte. Ich hatte den Becher extra nicht so voll gefüllt, damit er nicht die Hälfte verschüttet. Ohne zu kleckern bekam Karl seinen Kaffee zu seinem Mund, er nahm einen kräftigen Schluck. Ich erzählte immer weiter. Innerhalb kürzester Zeit war sein Kaffeebecher dann bereits leer, ich schenkte nach. Er grummelte: „Ich kann auf deinen Besuch sehr gerne verzichten. Ich bin keine Gefahr mehr für dich.“ Doch das interessiert mich nicht. Als ich mit meiner Ausführung der letzten Woche fertig war, saßen wir schweigend nebeneinander und schauten hinaus. Ich spielte Regentropfenrennen, wie ich es früher oft getan hatte. Und Karl hoffte wohl drauf das ich endlich ging, doch ich wartete noch auf seine Demütigung. Es fühlte sich für mich an wie eine halbe Ewigkeit, doch eigentlich waren es nur einige Minuten, bis Karl sich zum ersten Mal an den Bauch fasste. Kurze Zeit später krümmte er sich und sein Gesicht war schmerzverzerrt. Schweißperlen tropften seine Stirn hinunter. Ich wusste jetzt geht es gleich los. Und schon saß er in seinen eigenen Fäkalien. Ich saß neben ihm und lächelte: „Na und wie fühlt es sich an? Hilflos? Schämst du dich, obwohl du gar nichts dafür kannst? Ich möchte dir mit meinen Besuchen nur ein Teil von dem wiedergeben, was du mit meiner Mutter und mir gemacht hast. Und wie du uns dann ohne jegliches Wort eingesperrt zurückgelassen hast. Doch deinen Abschiedsbrief, mit deinem Geständnis der Tat und dem Versuch der Erklärung, der kläglich gescheitert ist, hat meine Mutter in der Mülltonne gefunden. Doch anstatt damit zur Polizei zu gehen, hat Sie mich alleingelassen und sich in die Psychiatrie einliefern lassen. Kurze Zeit später hat sie sich trotz Hilfe das Leben genommen. Doch eigentlich hast du ihr das Leben genommen und mir meine Kindheit und Jugend.“ Er saß da und konnte nichts tun, die Klingel zu den Schwestern hatte ich zu Beginn bereits weggepackt und aufstehen kann er, ohne Hilfe auch nicht mehr. Die Krämpfe ließen wohl langsam nach, sein Gesicht sah nicht mehr ganz so schmerzverzerrt aus und auch seine Schonhaltung lockerte sich. Nun gut, ich hab gesagt was ich sagen wollte, gesehen was ich sehen wollte und getan was getan werden musste. Ich packte meine Sachen zusammen, stand auf, streichelte Karl einmal an der Schulter und verabschiedete mich. Die Klingel gab ich ihm wieder in die Hand, sodass er nach Hilfe klingeln konnte. Ich trat aus der Tür hinaus, den Flur entlang, das Treppenhaus hinunter, an der Rezeption vorbei, hinaus in den Regen. Ich atmete tief ein und wusste, ich muss meinen Plan nächste Woche beenden.

6.

Es konnte heute keinen besseren Tag geben, als meinen Plan endlich zu Ende zu bringen. Die Zeit war gekommen und ich kann es in meiner gewohnten Umgebung tun, ohne den Verdacht auf mich zu lenken. Dr. Bluhm war gerade dabei Herrn Heiner ärztlich aufzunehmen. Deutliche Verschlechterung des Allgemeinzustandes und Verstärkung der bisher nur sehr leicht ausgeprägten Demenz. Dr Bluhm kam zu mir, als er seine Aufnahme abgeschlossen hatte um mir mitzuteilen was ich machen soll. Neben der pflegerischen Aufnahme sollte ich Blut abnehmen, ein EKG schreiben, die Vitalzeichen messen, ggf. Sauerstoff anhängen. Nun gut, ich ging zu Platz 13 und nahm seine Hand, ich begrüßte ihn: „ Na Karl, da hast du es ja nicht lange ohne mich ausgehalten.“ Von ihm kam keine Regung, was mich erstaunte denn sonst kam zumindest ein grummeln von ihm oder ein Widerspruch bei solcher Aussagen. Doch nichts. Ich schob mir das EKG Gerät ein Stück näher zu mir und wollte ihn gerade das Hemd aufknöpfen, als er anfing um sich zu schlagen und mich zu kneifen. Ich machte einen Schritt zurück: „Hey hey hey, so nicht mein Freund! Was ist los?“ Doch keine Antwort. Ich trat wieder an ihn heran, nahm seine Hand, die war eiskalt. Ich sah ihm in seine Augen und das erste Mal sah ich etwas wie ein Lächeln. Ich erklärte ihm noch einmal was ich vor hatte und knöpfte sein Hemd auf. Dieses Mal ohne Gegenwehr. Als ich mit dem EKG fertig war, knöpfte ich sein Hemd wieder zu. Während ich bei ihm war, antwortete Karl auf Fragen nicht adäquat. Auf die Frage ob er was trinken möchte sagte er: „Ich muss zu meiner Mutter, die wartet auf mich.“ Schmerzen hat er seit seiner Hochzeit und Geburtstag hat er wenn der Krieg vorbei ist. In einer anderen Welt leben, die Wahrheit nicht mehr kennen, aber dennoch in seiner eigenen Wahrheit leben, ständig ein neues Bild zu haben und nicht mehr zu wissen was man vordem für ein Bild hatte, das ist Demenz. Karl zeigte mir gerade was es heißt den Charakter zu ändern ohne sich selber darüber bewusst zu sein. Denn Karls Augen zeigten keinen Hass mehr, sondern während der ganzen Zeit Freundlichkeit und Dankbarkeit. Nur wenn ich etwas tat ohne es vorher anzukündigen, wie das Hemd aufzuknöpfen oder ihm die Sauerstoffbrille anzulegen, wurde er wütend. Ich konnte es kaum glauben, das der Mann der mich und meine Mutter jahrelang gequält, gefoltert und eingesperrt hat, jetzt eine freundliche Seite zeigt. Doch ich wusste was sein wahres Gesicht war und dafür sollte er büßen. Nachdem die Blutwerte ausgewertet waren und das EKG befundet worden ist, war klar es stand nicht gut um ihn. Die Blutwerte waren katastrophal doch eine Ursache war bisher nicht gefunden. Die Ärzte machten sich weiter an die Diagnostik, während ich mich um den Menschen an sich kümmern sollte. Doch erst einmal brauchte ich einen großen Schluck Wasser und etwas Zucker. Ich ging in den Aufenthaltsraum, setzte mich auf einen Stuhl und schnaufte einmal durch. Auf dem Tisch lagen Unmengen an Süßigkeiten, ein Wunder das ich in der Notaufnahme nicht aufging wie ein Hefeteig. Der Schokoriegel sollte es heute für mich werden, als ich mein Wasser aus hatte und der Schokoriegel in meinem Bauch, machte ich mich wieder auf den Weg zu Karl. Ich hatte einen Plan, immerhin kannte ich jetzt die Blutwerte. Kalium, das war eines seiner Probleme, für mich jedoch die Chance, diesen Mann endlich aus meinem Leben zu schließen. Ich konnte und wollte seinen Tod nicht dem Zufall überlassen. Am Medikamentenschrank nahm ich zwei Kalium Brausetabletten und löste diese in einem Glas Wasser auf. Mein Herz pochte. Meine Hände waren eiskalt und schwitzig. Ich fing an zu zittern. Lou beruhig dich. Denk dran welche Narben du von ihm getragen hast, nur so kannst du ein für alle mal damit abschließen. Ich nahm das Glas und ging zu Platz 13. Da lag er, blass und erschöpft. Mit müden Augen schaute er mich an. Ich stellte ihm das Glas auf den Tisch. „Karl das musst du trinken, da ist Medizin drin, damit es dir bald besser geht.“ „Die Polizei kommt gleich.“ „Warum kommt denn die Polizei, ist was passiert?“ „Ja ich werde festgehalten.“ „Karl, ich weiß. Ich bin hier um dir zu helfen, die Polizei braucht noch bis die hier sind“ „Warum hilfst du mir?“ „Ich wurde mal genau so wie du festgehalten und ich möchte nicht das dir das gleiche wie mir widerfährt. Aber damit du die Kraft hast, musst du das Glas Wasser trinken.“ Ich nahm das Glas in die Hand und reichte es ihm. Er schaute mich an. Ich nickte ihm zustimmend zu. Karl führte das Glas Richtung Mund. Plötzlich piepte der Monitor seines EKG`s. Er stellte das Glas ab, setzte sich ein Stück weit auf und sagte: „Ich muss jetzt wirklich nach Hause.“ Ich hielt kurz den Atem an, er war so kurz davor. Es wäre fast sein Ende gewesen. Aber wenn es so nicht klappt, dann muss ich ihm das doch als Infusion geben. Ich wollte gerade von seinem Bett abtreten, da griff er nach meiner Hand. „Es tut mir leid, mein Kind“, eine Träne rollte seine linke Wange hinunter. Mein Herz blieb kurz stehen, um dann wilder zu pochen als je zuvor. Es wirkte wie ein klarer Moment von ihm. In diesem Satz lag soviel Entschlossenheit und Willensstärke wie ich es von ihm in all den schlechten Eigenschaften kenne. Doch meint er wirklich damit seine Geschichte, die Geschichte die uns beide verbindet. Oder war es auf etwas ganz anderes bezogen in seiner neuen Welt. Ich werde es wohl nie herausfinden. Doch ich muss meine Plan beenden. Ich blickte in seine leeren Augen. Er lehnte sich wieder zurück. Ich fing an zu zweifeln, er war doch auch nur ein Patient wie jeder andere. Zwar mit einer Geschichte die uns verbindet, aber rechtfertigt das meinen Plan ihn zu töten? Ich wusste es nicht. Ich konnte nicht mehr klar denken. Dieser Mensch der so viel Hass in sich trägt und jetzt so viel Verletzlichkeit zeigt. Sein Monitor piepte erneut. Jetzt aber als Alarm, plötzlich standen mehrere Kollegen um das Bett, ich mittendrin. Dr Bluhm erteilte Anweisungen. Ich diejenige die die Herzdruckmassage durchführte und plötzlich all das gelernte Schritt für Schritt abarbeitete. Es war egal wer da lag und um das Leben kämpfte, jeder hat es verdient.

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2 thoughts on “Das wahre Gesicht

  1. Moin,

    Diese Geschichte zeigt uns eines…Menschen ändern sich!
    Ich will mal ehrlich sein. Deine Geschichte hat mich nicht wirklich gepackt. Sie war gut durchdacht, aber schreibtechnisch gibt es Defizite. Wirklich schwer zu lesen.

    Lass mich dir das an einem Beispiel zeigen:
    Du schreibst…“ Ich hörte das Blut in meinem Kopf rauschen, mein Herz pumpen und meine Lunge nach Luft schreien.“

    Ich würde schreiben:

    Ich fühlte, wie mein Blut anfing in meinem Kopf zu rauschen, mein Herz pumpte wild und die immer weniger werdende Luft in meinen Lungen sehnte sich nach frischem H2O.
    Oder du ersetzt einfach „ hören „ mit „fühlen“
    Aber im Grunde ist wichtig das du weiter schreibst, denn nur wer sich ausprobiert, kann besser werden. Und letztendlich ist es ja auch nur ne Sache des Geschmacks.

    LG Frank aka leonjoestick (Der Ponyjäger)

    PS: Ein Like bekommst du trotzdem, denn alleine das du was geschrieben hast, ist in meinen Augen ein Like wert.

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  2. hi, ich finde die Story an sich echt gut durchdacht. dein Schreibstil scheint mir noch etwas ungeübt, allerdings finde ich zb. das die Formulierung, in dem Kommentar über mir, sogar schlechter ist als deine , denn für gewöhnlich ist es nicht, das man das Blut im Kopf fühlt, sondern das man das Gefühl hat es wäre laut. also finde ich hören ein gut gewähltes Wort und würde es nicht durch fühlte ersetzen, aber sicher Geschmackssache. von mir bekommst du ein like:)
    schau doch auch mal bei meiner Geschichte vorbei und lass mir dein Feedback da.
    LG, Patricia

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/hinter-den-kulissen

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