Nadine E.Das zweite Auge

15+

Heute ist Agnes zu Besuch. Draußen regnet es schon den halben Tag, weshalb wir in meinem Zimmer mit unseren Puppen spielen, statt wie sonst im Garten beim gestellten Kaffeeklatsch. Mein Zimmer ist komplett rosa. Die Wände, die Vorhänge, die Bettwäsche, sogar die Leisten sind rosa. Für die meisten anderen Sechsjährigen ein wahrer Prinzessinentraum. Für mich ein Alptraum. Meine Mama liebt die Vorstellung ihres kleinen blonden Engels mit rosa Schleifchen im Haar. Ich hasse sie. Sie weiß das nicht. Ich halte es für schlauer, denn sie ist eine sehr durchsetzungsstarke Persönlichkeit. Dafür bin ich gerissen und erfinderisch genug mir andere Schlupflöcher aus dieser Scheinwelt zu suchen. Agnes, das Kind unserer Nachbarn, ist keines. Sie ist die Mustertochter in Person und ich werde dazu verdonnert mich mit ihr abzugeben.

„Ich habe eine Idee. Warte hier.“ Ich renne ins Bad, stolpere dabei mehrmals über meine eigenen Füße und schnappe mir den Allzweckreiniger aus dem Putzmittelschrank. Auf dem Weg zurück greife ich mir noch die Putzhandschuhe und die kleine Wanne, in der Mama immer ihre BH’s von Hand auswäscht. Das alles ist für mich natürlich komplett verboten, aber es ist mir auch komplett egal.

„Komm Agnes, wir gönnen unseren Barbies ein kleines Säurepeeling. Das soll gut für die Haut sein, meint Mama.“ Wir ziehen Mamas Putzhandschuhe an, füllen die kleine Wanne mit der laugenhaltigen Flüssigkeit und legen unsere Puppen hinein. Draußen verfinstert sich der Himmel. Plötzlich erspähe ich durchs Fenster einen grellen Blitz und wenige Sekunden später folgt ein lautes Donnern. Agnes zuckt zusammen. Ich nehme ihre Hand und halte sie fest. Nicht wegen mir, aber sie sieht irgendwie verängstigt aus. Ich habe keine Angst, sondern liebe den Nervenkitzel. Mit weit aufgerissenen Augen sieht sie mich an.

„Cecilia, ich will nach Hause. Können wir runter zu deiner Mama gehen.“ Mit zusammengekniffenen Augen nimmt sie ihren Fluchtweg nach draußen ins Visier. Meine Zimmertür.

„Nein können wir nicht, es wird doch gleich wieder vorbei sein. Ich pass auf dich auf.“ Ich tätschele ihre schweißnasse Hand.

„Ich möchte aber gehen, sofort!“ schreit Agnes. Wie das Wetter draußen, scheint nun auch ihre Stimmung augenblicklich umzuschlagen.

„Jetzt hör mir mal zu, Agnes. Du bist hier bei mir zum Spielen, also mache ich die Regeln und nicht du. Und ich sage du bleibst genau da wo du bist.“ Setze ich in strenger Mama-Manier fort. Genauso wie ich es mir schon jahrelang von ihr anhören muss. Agnes sieht mich verdutzt an.

„Dann… dann sage ich deiner Mama, dass du mit Putzmitteln spielst. Das gibt mächtig Ärger!“ Agnes springt auf und rennt Richtung Tür. Ich eile schnurstracks hinterher. Im letzten Moment schlage ich ihr die bereits halb geöffnete Tür wieder vor der Nase zu und stelle mich davor, um sie mit meinem Körper zu versperren. Jetzt fängt Agnes laut an zu weinen. Sie weiß sich offenbar nicht mehr anders zu helfen und flippt total aus. Sie stößt die Lampe vom Nachttisch, die in mehrere Teile zerspringt. Dann setzt sie ihren Amoklauf durch mein Zimmer fort, indem sie den hässlichen Vorhang von der Gardine reißt. Für Letzteres könnte ich ihr letztendlich sogar dankbar sein, denke ich. Dann sehe ich wie ihr zorniger Blick auf die Wanne mit der Lauge fällt und daran hängen bleibt. Ihre Pupillen weiten sich und ihre Augäpfel wandern blitzschnell von links nach rechts, rechts nach links und wieder zurück. Dann nimmt sie die Wanne mit beiden Händen hoch und kippt mir deren Inhalt mit voller Wucht ins Gesicht. Der Versuch meine Augen mit den Händen zu schützen missglückt. Das alles geschieht in wenigen Sekunden. Ich verstehe nicht gleich was hier vor sich geht, aber es tut augenblicklich weh. Höllische Schmerzen durchfluten meinen Körper. Meine Augen brennen wie Feuer. Es fühlt sich an wie eine Armee von Ameisen, die mir zeitgleich in die Augen pinkeln. Welche Augen überhaupt? Ich spüre nur noch mein Gesicht und zugleich nichts mehr davon. Mit den Handrücken reibe ich mir die Augen, was die Schmerzen nur noch unerträglicher macht. Was hat sie nur getan? Nun schreie auch ich aus voller Kehle um Hilfe. Schreie die durch Mark und Bein dringen durchfluten mein rosarotes Zuckerwattenzimmer und machen es zu einem Schauplatz der Hölle. Bis die ersten Worte wieder zu mir durchringen vergehen gefühlt Stunden.

„Du hast es so gewollt! Du bist schuld!“

Und mit einem Mal kann ich wieder sehen. Zumindest die Umrisse von Agnes nehme ich war. Ihr rotes Langarmkleid aus Cord verrät, dass sie immer noch direkt vor mir steht. Ich bücke mich zu ihr herunter, packe sie an den Schultern, schüttele sie und schreie sie an.

„Wie konntest du mir das antun, du fieses kleines Miststück!“ Keine Reaktion ihrerseits. Irgendwas kommt mir an der ganzen Situation mittlerweile komisch vor. Warum muss ich mich überhaupt zu ihr runter bücken, obwohl wir eigentlich gleich groß sind? Ist sie vielleicht vor Schock in sich zusammengesackt und kniet nun vor mir?

Zumindest sollte sie das.

Noch etwas ist merkwürdig. Der Stoff ihres Kleides unter meinen Fingern fühlt sich plötzlich nicht mehr wie Cord an, sondern wie mein eigener Wollpullover, den ich am liebsten jeden Tag trage.

Als stünde ich mir selbst gegenüber.

Blödsinn. Aber irgendetwas stinkt hier zum Himmel. Und es ist nicht der Geruch des Putzmittels, welches den Raum und meine Sinne vernebelt. Die verschwommenen Umrisse werden komischerweise immer schärfer und ich kann Agnes‘ Gesicht nun wieder deutlich vor mir erkennen. Ein fieses Lächeln umschließt ihre rosa Lippen und ihre giftgrünen Augen funkeln gefährlich. Bei dem Anblick wird mir heiß und kalt. Ich befinde mich in Schockstarre bis ich begreife, dass es gar nicht das Gesicht von Agnes ist in das ich da blicke. Sondern das meines eigenen 34-jährigen Ichs.

Als ich mein Bewusstsein wieder erlange ist mein dunkelblaues Tanktop schweißgetränkt. Nacht für Nacht kämpfe ich mit demselben Alptraum. Mein Psychologe meinte es sei normal nach dem Trauma, welches ich als Kind erlitten hatte. Ich solle versuchen mich dem Monster der Vergangenheit zu stellen. Meinte er damit Agnes? Meine Mutter? Mich selbst? Ich weiß es nicht, weil ich nicht mehr zu ihm gehe. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals und meine Kehle ist staubtrocken. Fast so als hätte ich die letzten Minuten, Stunden oder sogar Tage wirklich lauthals durch geschrien. Ich habe Kopfschmerzen und mir ist schummrig.

Wo bin ich überhaupt?

Ganz sicher nicht in meinem Schlafzimmer, in dem ich sonst immer aus meinen Alpträumen erwache. Hier riecht es modrig und schimmelig wie in einem alten Keller. Die Luft ist abgestanden. Außerdem ist es kalt und der Steinboden auf dem ich sitze fühlt sich feucht an. Ich habe Gänsehaut und ein kalter Schauer läuft mir den Rücken runter. Hier hole ich mir noch den Tod. Aber eine Erkältung dürfte gerade meine kleinste Sorge sein. Und plötzlich erinnere ich mich an das was zuvor passiert ist. An die schweren Schritte hinter mir, die bedrohlich näher kamen. An die plötzliche Umarmung von hinten, die keine gewesen ist. Und an das mit Chloroform getränkte Tuch, welches mir blitzschnell den Boden unter den Füßen wegzog. Ich habe bisher immer nur von Entführungen gehört, jedoch hätte ich nie für möglich gehalten mal selbst Opfer einer zu werden. Eines könnte ich den meisten Entführungsopfern aber voraus haben. Ich glaube ich weiß wer mich entführt hat. Und das wird womöglich mein größter und einziger Trumpf in dieser misslichen Lage sein.

„Agnes, komm raus und zeig dich. Ich weiß, dass du hier irgendwo bist und mich beobachtest!“, brülle ich in den Raum. Dem Echo nach zu urteilen können sich nicht viele Gegenstände darin befinden und auch sonst antwortet niemand. Was noch nicht heißen muss, dass auch wirklich niemand hier ist. Bestimmt beobachtet mich jemand. Bei dem Gedanken schaudert es mir. Gleichzeitig meldet sich in mir aber auch mein Überlebenswille, der mich antreibt sofort nach einem Ausgang aus diesem Drecksloch suchen zu wollen. Langsam versuche ich aufzustehen und mich im Raum fortzubewegen. Ich strecke meine Arme vor mir aus und ertaste mir so den Weg bis ich an eine Wand komme. Ich fühle einen Lichtschalter, welcher für mich jedoch nicht von Bedeutung ist. Für mich herrscht seit dem Ereignis damals Tag und Nacht Dunkelheit. Es macht also keinen Unterschied, ob ich ihn nun betätige oder nicht. Es war eine lange Reise bis hierher, aber mittlerweile komme ich mit meiner Blindheit sogar sehr gut klar. Mir geht es gut. Ich bewege mich weiter an der Wand fort. Schritt für Schritt. Ganz langsam. Ich fühle nichts außer kalten Stein.

Doch was ist das auf einmal für ein Geräusch? Vibriert hier etwas? Ich folge der Vibration bis ich über etwas stolpere. Ich bücke mich um danach zu greifen und es aufzuheben. Es ist eine kleine Kiste, aus der auch die Vibration zu kommen scheint. Ich hebe den Deckel an. Sie ist unverschlossen. Was sich darin wohl befindet? Ich würde es sicher gleich erfahren. Mein Herz springt mir fast aus dem Hals. Ich greife in die Kiste und ertaste etwas das sich anfühlt wie ein Smartphone. Es ist ein Smartphone. Und es vibriert immer noch. Ich presse es an meine bebende Brust. Ich habe große Angst, dass die Vibration verstummt und von der unheimlichen Stille des Raumes abgelöst wird. Ich fühle mich wie gelähmt und traue mich nicht mehr mich zu bewegen. Es hört nicht auf zu vibrieren.

Mensch Sissi, jetzt reiß dich zusammen, du hast schon andere Situationen gemeistert!

Ich erfühle ein paar Tasten an der Seite des Smartphones. Eine davon drücke ich, um den Anruf, falls es denn einer ist, entgegen zu nehmen. Dann führe ich das Smartphone an mein linkes Ohr.

„Hallo. Ist da wer?“ Stille.

„Hallo?“ Nichts. Dann ertönt eine Computerstimme.

„Dies ist eine automatische Voicemail. Wenn Sie diese nun abhören möchten, drücken Sie die „1“ oder antworten Sie mit „Ja“.“ Mit zittriger Stimme antworte ich: „Ja.“

„Herzlichen Glückwunsch, Cecilia. Die erste Hürde hast du genommen. Nun sieh dir die Bilder in der Galerie des Smartphones an. Ich weiß du kannst sie sehen. Danach wirst du mehr wissen.“

Aber wie…wie soll ich denn bitteschön…?

Ich muss sofort die Polizei anrufen. Wie kann der Entführer so blöd sein mir hier drin ein Smartphone sprichwörtlich auf dem Silbertablett zu servieren? Das ist wie wenn er die Tür eines Käfigs, in dem sich ein Kanarienvogel befindet, mit Absicht offen lassen würde. Natürlich wird der Vogel versuchen abzuhauen. Und so versuche auch ich trotz meiner Einschränkung die 110 zu wählen. Egal wie sehr ich mir auch Mühe gebe, es ertönt nie ein Wählgeräusch. Ich schaffe es einfach nicht. Ein Kanarienvogel mit gebrochenen Flügeln.

Mit den alten Handys war das Wählen als Blinde einfacher. „Scheiß Touchscreen!“ fluche ich und bin versucht das Smartphone gegen die Wand zu schmettern, damit es in tausend Teile zerspringt. Wie allmählich meine Hoffnung hier wieder lebendig rauszukommen. In dem Moment stolpere ich über etwas. Ich bücke mich, um zu erfühlen um was es sich handelt. Eine Matratze. Vorsichtig fahre ich mit den Handflächen über deren Oberfläche. Muss ziemlich heruntergekommen sein. Die Federn sind herausgesprungen, sie fühlt sich feucht an und stinkt nach Urin. Ich spüre, dass sich darauf etwas befindet. Nein kein Etwas. Ein Mensch. Behutsam beuge ich mich weiter über die Person. Sie atmet ruhig und gleichmäßig. Wenigstens nicht tot. Irgendwie kommt mir die Art der Atmung vertraut vor. Ein bekannter Duft strömt mir durch die Nase. Das Parfum meines Freundes.

Oh Gott. Kann das wahr sein?

„René! Bist du es?“ Ich schüttele ihn. „Bitte wach auf!“

„Wo bin ich?“ Noch etwas schlaftrunken räuspert er sich. Er ist es tatsächlich. Einerseits bin ich erleichtert hier nicht mehr allein zu sein. Andererseits besorgt, dass nun auch er, meine große Liebe und einziger Freund, hier eingesperrt ist und mit mir um sein Leben bangen muss. Er war mein einziger Hoffnungsschimmer. Er hätte mich sicherlich bald als vermisst gemeldet und dann hätten sie nach mir gesucht. Nun müssen wir es aus eigener Kraft hieraus schaffen. Ich falle ihm in die Arme und grabe mein Gesicht tief in sein Shirt. Sein vertrauter und wohltuender Geruch, eine Mischung aus warmem Schweiß und seinem herben Parfum, schenkt mir Trost und sorgt dafür, dass es mir schlagartig besser geht. Ich beschließe ihn erst richtig zu sich kommen zu lassen bevor ich ihm erkläre was bisher geschah. Anschließend hat auch er als erstes die Idee die Polizei zu rufen. Trotz Augenlicht versucht er es vergebens. Alle Nummern sind gesperrt. Es gelingt uns nicht einen Anruf nach draußen abzusetzen. Wäre ja auch zu einfach gewesen.

 

Dann erinnere ich mich wieder an die Voicemail. Die Fotos. René beschreibt mir jedes Foto ausführlich. Darauf zu sehen sei ich, nicht arg viel jünger als jetzt. Ich, wie ich ohne Hilfsmittel durch den Park jogge. Ich, wie ich surfe. Ich, wie ich ein normales Buch auf einer Parkbank lese. Ich, wie ich in einer Disko wild abtanze. Ich, wie ich mir einen Film im Open-Air-Kino ansehe. Und ich, wie ich mit dem Fahrrad am Ufer der Elbe entlangfahre. Kurzum die Bilder zeigen mich als Sehende.

What the Fuck!

Was würde ich jetzt dafür geben die Bilder mit meinen eigenen Augen sehen zu können. Dann könnte ich  wahrscheinlich einfacher glauben was hier gerade vor sich geht. In dem Moment vibriert das Smartphone wieder und es geht noch ein Bild ein. René beschreibt zwei Mädchen, eines blond, das andere rothaarig, im Alter von ungefähr sechs oder sieben Jahren, die sich jeweils einen Arm um die Schulter legen und in die Kamera lachen.

Agnes und ich.

Drunter stehe in Großbuchstaben „LÜGNERIN!“

Dieses Wort brennt sich in mein Hirn.

Lügnerin.

Ich bin gemeint.

Scheiße, meine Vermutung hat sich bestätigt. Sie hat mich tatsächlich gefunden. Mein Leben, das ich mir mühevoll aufgebaut habe wird bald zerstört sein. Agnes wird es genauso zerspringen lassen wie die Nachttischlampe aus meinen Träumen. Die tiefsten Abgründe meines Traumes. Sie werden wieder Wirklichkeit. Ich fühle es. Das alles ist so unwirklich und schlägt mir dennoch wie die brutale Realität mitten ins Gesicht.

„Sissi, was hat das zu bedeuten?“ René’s Stimme zittert.

„Ich weiß es nicht. Da will mir vielleicht jemand eins auswischen oder einen Streich spielen. Keine Ahnung.“

„Das ist kein besonders guter. Hast du eine Vermutung wer dahinter stecken könnte? Und was sind das überhaupt für Bilder? Du bist doch seit du sechs Jahre alt bist blind. Wie kannst du surfen? Wer ist dieses Mädchen auf dem Bild? Und warum steht da „Lügnerin“? Seine Fragen überschlagen sich. Nach einem Jahr intensiver Beziehung bin ich mir relativ sicher, dass ich René mittlerweile blind lesen kann. Er klingt sauer. Etwas Unsicherheit schwingt in seiner Stimme ebenfalls mit.

Er glaubt mir nicht.

Hält er mich etwa wirklich für eine Lügnerin? Ich dachte er würde unserer Beziehung mehr Vertrauen schenken. Fehlt nur noch dass er vor mein Gesicht in die Luft boxt, um zu sehen ob ich vor seinen Schlägen zurückschrecke.

Vielleicht hat er es ja sogar schon getan.

Ich habe René nie die ganze Geschichte erzählt wie ich erblindete. Nur dass es ein tragischer Unfall in meiner Kindheit gewesen wäre. Ich starte einen kläglichen Versuch der Verteidigung, habe aber jetzt keinen Nerv über meine Vergangenheit zu reden also halte ich es kurz.

„Ich weiß wer uns hier festhält. Agnes. Meine Freundin aus Kindheitstagen. Das rothaarige Mädchen auf dem Bild. Anscheinend hat sie noch eine Rechnung mit mir offen, was ich aber nicht verstehe, denn eigentlich bin ich das Opfer. Außerdem sind die Bilder ein Fake. Ich kann es nicht beweisen aber das musst du mir jetzt einfach glauben.“

Unbehagen macht sich in mir breit. Wie angewurzelt knie ich neben René auf der Matratze und wage kaum zu atmen. Ich spüre wie sich in mir eine Panikattacke breit macht. Wie eine giftige Schlange bahnt sie sich ihren Weg von der Magengegend, über die Atemwege bis hin zu meinen Gliedmaßen. Mein Magen brennt, ich ringe nach Luft und zittere wie Espenlaub. Unterbrochen wird sie erst als René mich auf einen erneuten Anruf aufmerksam macht.

Du schaffst das. Ganz ruhig.

Und tatsächlich schaffe ich es  mich irgendwie zusammenzureißen.

„Diesmal ist es ein Videoanruf.“ René klingt verwundert, nimmt ihn aber entgegen.

Ich höre ein lautes Hecheln, dann ein noch lauteres Winseln. Sie hat Gizmo. Meinen neun Jahre alten Labrador Retriever, ohne den ich keinen Schritt vor die Tür setze. Na klar, er war dabei als ich entführt wurde. Warum habe ich bis jetzt nicht an ihn gedacht? Ich schäme mich augenblicklich dafür. Ich war zu sehr mit mir selbst beschäftigt um zu merken, dass mein treuester Begleiter fehlt.

„René was siehst du? Geht’s Gizmo gut?“

Die Frage kann ich mir eigentlich sparen. Ich höre, dass er schlimme Qualen leidet.

„Du fiese Schlampe, tu ihm nichts. Er ist doch nur ein wehrloses Tier. Mach, dass das Winseln aufhört!“ brülle ich und fange dabei laut an zu weinen. Tränen laufen mir über die Wangen und tropfen mir aufs Dekolleté, wo sie eine leichte Salzkruste hinterlassen. Wie nach einem Tag am Meer. Jedoch fehlt hier der Spaß.

Und tatsächlich. Das Winseln wird allmählich leiser bis es schließlich ganz verstummt.

Stille.

Dann ertönt ein Freizeichen aus dem Lautsprecher des Smartphones.

„Ich glaube Gizmo ist tot.“ Flüstert René und nimmt mich behutsam in den Arm. Jetzt würde ich alles dafür geben sein Winseln weiter hören zu können. Ich vergrabe mein Gesicht in Renés Armen und weine bis keine Flüssigkeit mehr aus meinem Tränenkanal fließt und nur noch mein Schluchzen übrig bleibt.

Die Ereignisse überschlagen sich. Wieder geht ein Foto ein.

„Was ist darauf zu sehen?“ ich kaue an den Fingernägeln und wackele von einem Bein auf das andere. Ersteres hatte ich zuletzt als Kind gemacht.

„Es ist ein Foto von Gizmo. Da steht…Da steht…“

„Los sag schon. Schlimmer kann es doch sowieso nicht mehr werden!“

René atmet hörbar aus als hätte er dabei einen Zentner Last abgeworfen und liest vor:

„Den Blindenhund brauchst du doch sowieso nicht, Lügnerin!“

Dieses Miststück! Warum tut sie das? Das ist doch krank.

„Wenn ich hier raus komme wird sie mir das büßen, das sag ich dir.“ Meine Trauer über Gizmo’s Verlust wandelt sich allmählich um in blanken Hass, der mich dazu antreibt es dieser Schlange heimzuzahlen.

Mich würde interessieren wie lange wir schon hier drin festsitzen. So langsam werden meine Augenlider immer schwerer und schwerer. René ist bereits vor Erschöpfung eingeschlafen. Er meint wir müssen unsere Kräfte schonen und brauchen etwas Ruhe. Und tatsächlich bin ich sehr müde. Es ist eine zermürbende Müdigkeit wie ich sie in meinem Leben noch nie verspürte. Ich kämpfe gegen die schwere, mich in die Dunkelheit ziehende Kraft mit aller Macht an, weil ich Angst habe nie mehr wieder aufzuwachen. Meine vom weinen verquollenen Augen sind mir dabei keine Hilfe. Im Gegenteil. Schließlich erliege ich dem Kampf.

Als ich wieder aufwache ist René weg und das Smartphone vibriert erneut. Ich nehme ab und eine verzerrte Stimme ertönt. Ein Anruf.

„Ich habe deinen Freund Cecilia. Willst du ihn lebend wiederhaben, befolgst du nun brav meine Anweisungen. Und komm auf keine dummen Ideen, ich kann all deine Schritte über eine Kamera beobachten. Du sitzt in der Falle.“

Nicht auch noch René.

„Wo ist René?“

„Er ist bei mir. Hör gut zu. Du wirst nun der ganzen Welt beweisen, dass du eine dreckige Lügnerin bist, sonst ist dein Freund Geschichte.“

„Warum denn eine Lügnerin?“ Frage ich.

„Lass die Spielchen, Cecilia. Du kannst nicht mehr entkommen. Es ist Zeit Farbe zu bekennen. Vor dir an der Wand mit dem Lichtschalter befindet sich ein Bildschirm mit vier farbigen Feldern. Rot, grün, blau und gelb. Auf einer der Wände deines Gefängnisses habe ich ebenfalls vier Farbtupfer angebracht und mit Zahlen versehen. Wenn du diese Farben in der richtigen Reihenfolge auf den Bildschirm überträgst, ist René ein freier Mann. Schaffst du es nicht vor Ablauf der Zeit, töte ich ihn und du vergammelst in dem Verließ. Du kannst ganz einfach deinen und den Arsch deines Freundes retten. Das einzige was du tun musst, ist zuzugeben, dass du sehen kannst. Deine Entscheidung. Du hast drei Versuche. Die fünf Minuten laufen ab jetzt.“

Ein Freizeichen ertönt. Meine Entführerin hat aufgelegt.

Ich lasse das Handy auf den Boden fallen und höre wie eine Uhr tickt. Tick tack, tick tack. Die Zeit läuft ab. Und damit auch die von René, denn ich werde es nicht lösen können. Agnes täuscht sich. Ich kann verdammt nochmal nicht sehen. Ich BIN blind.

Nach jeder abgelaufenen Minute gibt die Zeitschaltuhr ein Update. Noch vier Minuten. Tick tack. Ich bewege mich so schnell ich kann durch den Raum. Am Bildschirm angekommen fordere ich mein Glück heraus. Was bleibt mir anderes übrig. Ich drücke willkürlich auf den Bildschirm.

Wieder so ein verdammter Touchscreen.

Ein dumpfer Ton ertönt, welcher mir signalisiert, dass ich die Farben falsch eingegeben habe. Mist.

Noch zwei Versuche. Ich probiere es nochmal. Wieder nichts. Ich habe nur noch einen Versuch. Es ist unmöglich.

Noch drei Minuten. Tick tack.

Das Smartphone vibriert erneut. Wo habe ich es fallen lassen? Ich vergeude zu viel Zeit. Ich folge dem Geräusch der Vibration, hebe es vom Boden auf und nehme den Anruf entgegen.

„Ich schaffe es nicht!“ brülle ich ins Telefon. Meine Stimme bebt. Am anderen Ende der Leitung ertönen Schreie.

Renés Schreie. Was tut sie ihm nur gerade an? Er muss Höllenqualen leiden. Ein Schauer läuft mir über den Rücken und ich bekomme Gänsehaut.

„Hilf mir, Sissi. Bitte!“ ertönt es aus dem Handy. So hilflos habe ich René noch nie gehört. Ich darf ihn nicht auch noch verlieren. Ich liebe ihn. Ich beginne zu weinen. Verzweifelt sacke ich in mich zusammen und schlage mit den Fäusten auf den harten Boden. Ein lautes Knacken ertönt. Schmerz strömt von meinen Händen einmal quer durch den Körper und explodiert schließlich in meinem Kopf, was mich jedoch nur kurz von den psychischen Qualen ablenkt, die ich hier gerade durchmache. Meine Fingerknöchel vibrieren, werden warm und ich rieche Blut. Ein Vorgeschmack auf das was noch folgt.

Warum? Frage ich mich und stütze meinen Kopf in den Nacken als ob ich ein letztes Stoßgebet gen Himmel ausstoßen will.

„Noch eine Minute.“

Oh Gott. 59, 58, 57, 56, 55… Ich fühle mich wie in Trance. 54, 53, 52, 51…

Weiter komme ich nicht bis ich das Bewusstsein verliere.

 

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St. Hedwig Krankenhaus

z.Hd. Patientin: Cecilia Stumpf

Große Hamburger Str. 5-11

10115 Berlin

 

Hallo Sissi (oder soll ich dich Cecilia nennen?),

ich schreibe dir diesen Brief um endgültig mit dir und der Vergangenheit abschließen zu können. Und so kommen wir zum ersten Punkt. Du fragst dich warum ich das Ganze gemacht habe? Warum ich dein Leben zerstört habe? Dabei kennst du die Antwort, wenn du nur tief genug in dein dunkles Unterbewusstsein hinein horchst. Aber ich werde Licht ins Dunkel bringen. Du sollst genauso leiden wie ich. Denn nicht ich bin dafür verantwortlich, dass Leben zerstört wurden, sondern ganz allein du. Ich habe deine Krankenakte von deinem behandelnden Psychiater Dr. Hilken gestohlen. Darin steht, dass du an einer Störung leidest, die als „Body Integrity Identity Disorder“ (BIID) bekannt ist. Diese Körper-Integritäts-Identitäts-Störung ist noch recht unerforscht und kann mehrere Formen annehmen. Daran leidende Personen fühlen sich erst komplett, wenn ihnen körperlich etwas fehlt. Sei es ein Bein, ein Arm oder eben wie bei dir das Augenlicht. Dein kaputtes Gehirn sieht deine Sehkraft als Fremdkörper an, gegen den du versuchst qualvoll anzukämpfen. Und das wohl schon seit deiner Kindheit. Objektiv gesehen bist du damit schon genug gestraft und kannst einem sogar richtig leidtun. Aber ich bin da leider voreingenommen, denn du hast meine Frau auf dem Gewissen. Und das ist der nächste Punkt. Ich war glücklich. Ich hatte eine fürsorgliche, tolle Frau an meiner Seite. Sie hieß Agnes. Du kennst sie. Du kennst sie sogar sehr gut, denn du hast ihr Leben zerstört. Agnes hat mir alles anvertraut. Sie war zeitlebens in Therapie wegen dem was du ihr angetan hast und kam nur schwer mit der ganzen Situation klar. Schlussendlich hat sie sich in die Drogensucht gestürzt um zu vergessen. Bis sie sich vor zwei Jahren den goldenen Schuss setzte und ihrem Leiden ein Ende bereitete. In ihrem Drogenrausch hat sie oft nur von dir gesprochen und dein bitterböses Attentat auf ihr Leben. Wie du dir selbst die ätzende Lauge in die Augen gespritzt hast, um dir damit die Sehkraft zu nehmen und es ihr in die Schuhe geschoben hast. Warum? Sie konnte es nie verstehen. Jeder gab ihr die Schuld, weil du es so hinstelltest. Du warst das arme leidende Opfer. Welches normale Kind würde sich denn auch selbst die Augen verätzen? Fortan war sie als „psychisch krank“ abgestempelt. Niemand glaubte ihr. Sie hatte keine Freunde mehr, ihre Eltern schämten sich für sie und steckten sie ins Internat, wo sie jahrelang fies gemobbt wurde. Etliche Psychotherapien brachten nichts. Sie wuchs zu einer gebrochenen Seele heran. Ich verliebte mich dennoch in sie. Erkannte, dass sie ein guter Mensch war, der meine Hilfe brauchte. Du hingegen bist das Gegenteil. Du liest alle in dem Glauben sie habe es mit Absicht getan. Mit 18 zogst du aus der Kleinstadt in Bayern hierher nach Berlin und bautest dir ein neues Leben auf. Ein neues blindes Leben. Ganz genau so wie du dich wohlfühlst und ohne, dass dir deine Eltern reinreden können. Den Kontakt hast du abgebrochen. Deine kranke Störung auszuleben bedeutet dir wohl alles auf der Welt. Du bist allem Anschein nach damit recht zufrieden. Während meine liebe Agnes 1,80 tiefer liegt und verrottet.

Aber weißt du was? Ich weiß alles über dich. Ich weiß nicht nur was genau vorgefallen ist, ich weiß auch, dass der Vorfall missglückte und du seither nur die Blinde spielst. Allemal siehst du aufgrund des Vorfalls schlechter. Eine Brille würde da aber locker Abhilfe schaffen. Blind bist du nicht. Du machst dich mithilfe Theater-Kontaktlinsen blind, welche Schauspieler benutzen, die Blinde spielen müssen. Sehr originell, das muss man dir lassen. Deine Eltern wollten dein mieses Spiel wohl auch nicht länger mitspielen als du mit 16 keine Ausbildung fandest, hab ich recht? Stattdessen drohten sie dir damit dich auffliegen zu lassen, woraufhin du dann abgehauen bist. Woher ich das weiß? Von deiner Mutter, deren Leben du durch deinen Egoismus ebenfalls zerstört hast und die mir nun bei der Glaubwürdigkeit meiner Geschichte, welche zu deiner Einweisung führte, eine große Hilfe war. Sie war es die bei den Ärzten und der Polizei Dinge ausplauderte, die meiner Version der Geschichte dann nur noch das Sahnehäubchen aufsetzten. Wie ich hinter dein Geheimnis gekommen bin, du uns dann in den Raum sperrtest und mich töten wolltest, damit ich es nicht ausplaudern konnte. Sogar ein paar Schnitte mit einem Küchenmesser hast du mir zugefügt. Nanana, also wirklich.

In Wahrheit hast du am Ende binnen einer Minute die Farben korrekt auf den Bildschirm übertragen und die Tür des Raumes, in dem du eingesperrt warst, öffnete sich. Besser gesagt ich öffnete sie. Du warst überglücklich, dass ich lebte. Ich hätte ja darauf gewettet, dass du es drauf ankommen lässt, aber du kannst wohl doch auf deine Art und Weise Liebe empfinden. Draußen wartete schon der Krankenwagen, der dich hierher transportieren sollte. Tja und jetzt wird man sich hier gut um deine Störung kümmern. Von daher solltest du mir dankbar sein.

Weißt du was Sissi? Ich war so machtlos bei Agnes, aber ich habe mir geschworen mit aller Macht zu versuchen dich zu zerstören. Und ich habe es geschafft. Du hast nichts mehr. Dein Hund. Tot. Dein Job. Glaub mir da kannst du dich nicht mehr blicken lassen. Deine Wohnung. Unbezahlbar ohne Job. Freunde hattest du eh keine. Dein letztes Fünkchen Würde. Hab ich dir damit genommen. Deine Beziehung. Die existierte sowieso nur in deiner Welt. Meine Liebe hattest du noch nie. Niemand liebt dich. Es war echt nicht leicht dir was vorzuspielen. Aber nicht wegen dir, sondern wegen mir. Ich ekelte mich so vor dir. Ich sollte einen Oscar für meine Schauspielleistung im letzten Jahr bekommen. Das einzige was du nicht verloren, sondern wiedergewonnen hast ist dein Augenlicht. Aber das hasst du ja bis aufs Blut. Wird Strafe genug sein damit klarzukommen. Das nennt man dann wohl Ironie des Schicksals. Drum verrotte in dieser Anstalt, Sissi. Es wird übrigens nichts bringen diesen Brief der Polizei zu übergeben. Ich bin schon längst weit weg von dir. Wir werden uns hoffentlich nie mehr wiedersehen.

René

15+

20 thoughts on “Das zweite Auge

  1. Erstmal tolle Geschichte! Du liest bestimmt gern Fitzek Bücher, oder? Hat irgendwie vom Twist her voll was von ihm, aber finde ich cool. Das Thema Identität und die anderen Parameter wurden treffend und sehr originell umgesetzt. Manchmal dachte ich mir kurz etwas weit hergeholt, aber der Fantasie waren hier ja keine Grenzen gesetzt. Fand es auch super wie du den Anfang als Traum und das Ende als Brief eingeflochten hast, so bist du gekonnt Rückblenden ausgewichen. Herrlich!

    1+
  2. Hallo Nadine!

    Gaaaaanz großes Sry, das war keine Absicht! Aber jetzt sofort nachgeholt! 🙂

    Vielen Dank für dein tolles Feedback! Und ich hoffe du bist mir nicht böse! 🙂

    Sehr ärgerlich, dass mir das schon das dritte Mal passiert ist, wirft nicht gerade ein gutes Licht auf mich!

    1+
  3. Ich liebe es, sonntags hier durch unsere Geschichten zu schmökern – und Deine gefällt mir wirklich auch sehr gut… Richtig spannend und echt einzigartig – ich glaube, da denke ich noch eine ganze Weile drüber nach – mein Herz hast Du!
    Liebe Grüße und noch einen schönen (Lese-)Sonntag,
    Anna
    P.S.: Vielleicht magst Du ja auch meine Geschichte lesen? „Die Nachtschicht“ 😉

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  4. Liebe Nadine,

    ich fand Deine Geschichte super spannend, Du hattest mich schon bei Deiner Einleitung 😉 Die Szene im Kinderzimmer ist spitzenmäßig, die ist Dir richtig gut gelungen!
    Und mit Deiner Auflösung hätte ich absolut nicht gerechnet. Gibt es solche Kontaktlinsen eigentlich wirklich?

    Vielleicht hast Du ja auch Lust, meine Geschichte zu lesen, würde mich freuen („Räubertochter“)

    Liebe Grüße
    Anita

    1+
  5. Hallo Nadine,

    ein ganz großes Lob an deine Geschichte! Sie hat mich von Anfang an gefesselt, die Spannung ist die ganze Zeit über spürbar. Der Twist am Ende ist das Sahnehäubchen und von der Logik her einwandfrei. Du hast sicher schon öfter geschrieben oder?

    Viele Grüße,
    Simone („Kaum gekannt“)

    1+
    1. Liebe Simone, vielen Dank für dein tolles Feedback. Freue mich sehr. Ich schreibe schon immer sehr gerne, aber habe noch nie eine Kurzgeschichte geschrieben, das ist meine erste. Schaue auch gerne mal bei dir vorbei. Liebe Grüße Nadine

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