Angela NagelDAVOR

3+

 

Kennen Sie das: Sie sind jung, energiegeladen, meistens ganz glücklich und Ihr Kalender ist vor lauter Sozialkontakten, Hobbies und Selbstverwirklichung bis oben hin voll? Also nicht auf diese nervige, stressige Weise. Eher auf eine sehr erfüllende, vor allem ablenkende Art. Man trifft sich, lacht, ist füreinander da. Die Langzeitbeziehung läuft routiniert und ist, bis auf dieses eine ewige Streitthema, eigentlich als gesund anzusehen.

 

Nun, ich kenne das nicht. Besser gesagt, nicht mehr. Auch wenn genau das meine Situation DAVOR beschreibt. Ich weiß, auch Sie haben ein DAVOR, das sich in vielen Punkten von Ihrem derzeitigen Leben unterscheidet, das ist klar. Seit damals dieses Virus ausgebrochen ist, worauf die Welt so ganz und gar nicht vorbereitet war, ist eben alles anders. Der ach so mächtige Mensch, dieses erhabene Wesen, wurde von heute auf morgen von einem winzig kleinen, unsichtbaren Gegner in die Schranken gewiesen. Wissen Sie noch, wie wir das alles für einen blöden Witz hielten? Wie wir uns über diese „kleine Auszeit“ freuten, als die Firmen vorübergehend schlossen oder zumindest auf Homeoffice umstellten und der hektische Alltag zum Erliegen kam? Wie wir anfangs mit den Augen rollten, als es all die durchgeknallten Verschwörungstheoretiker, diese Aluhutträger auf den Plan rief? Und wie dumm wir uns schließlich vorkamen, als nach und nach noch wesentlich absurdere Wahrheiten ans Licht kamen, als die es sich jemals hätten ausmalen können? Natürlich wissen Sie das. Aber nein, dieses DAVOR meine ich gar nicht. All das macht mein DAVOR nur nicht unbedingt leichter.

 

Das begann erst einige Monate später, als ich längst arbeitslos und, zumindest räumlich betrachtet, als einsamer Single, mehr oder weniger abgeschottet mit meinem alten Retriever-Kumpel Rex in einer 2-Zimmer-Wohnung am Stadtrand lebte. Die sozialen Kontakte waren durch die verhängte Ausgangssperre auf schnelle Einkäufe und Videochats begrenzt. Doch nach und nach nervte selbst dieses Minimum an Kommunikation, durch das ständige Gejammere der Anderen. Als hatte man selbst nicht schon mehr als genug zu ertragen. Und was hätte man sich überhaupt noch erzählen sollen? Bald schon fanden diese virtuellen Treffen nur noch alle zwei bis drei Wochen oder zu besonderen Anlässen statt. Irgendwann fiel mir die Decke auf den Kopf, so wie das bei den meisten der Fall war. Und so unternahm ich täglich ausgedehnte Spaziergänge mit Rex im angrenzenden Wald. Das war natürlich eigentlich nichts Neues. Aber ich muss zugeben, dass ich es über die letzten Jahre hinweg irgendwie verlernt hatte, diese Auszeiten in der Natur zu genießen. Sie waren lange Zeit nur noch Mittel zum Zweck. So ein Hund will ja schließlich bewegt werden. Dabei war ich doch gerade deshalb hierhergezogen. Raus aus der stickigen, abgehetzten Großstadt, hinein in die Natur, die dich annimmt, so wie du bist. Die niemals fragt was du getan hast und warum. Die deine Gedanken ordnet und die dir Antworten liefert auf Fragen, die du dich nicht zu stellen traust.

 

So war ich auch an diesem kühlen Frühlingsnachmittag unterwegs im Wald, wie so oft der roten Beschilderung der

 

5-km-Laufstrecke des örtlichen Sportvereins folgend, als mich Theresa anrief. Theresa war eine alte Freundin und mein einziger verbliebener Kontakt aus meinem alten Umfeld. Besser gesagt, die einzige Person, die meine neue Handynummer hatte, damit ein Kontakt zumindest theoretisch möglich wäre. Genutzt hatten wir das schon lange nicht mehr. Zuviel war passiert, was wir lieber vergessen wollten, weil wir uns schuldig gemacht hatten. Weil es uns daran erinnerte wie unreif, egoistisch und kaltherzig wir einmal gewesen waren. Ich starrte auf das Display meines Handys. Ein Schauer lief mir über den Rücken. „Nicht jetzt, Theresa. Es ist so ein schöner Tag“, dachte ich und schob das Smartphone wieder zurück in meine Jackentasche. Ich zog sanft an Rex´ Leine, der die kleine Pause wie immer sofort genutzt hatte um das umliegende Gebüsch auf mögliche „Leckereien“, wie Taschentücher, Essensreste oder tote Tiere zu untersuchen, und wir setzten unseren Spaziergang fort. Meine Gedanken kreisten nun ununterbrochen um den Anruf. „Hätte ich einfach rangehen sollen?“, fragte ich mich unaufhörlich. Was könnte sie nur gewollt haben, nach all der Zeit? Wir erreichten die kleine Lichtung mit der Picknickbank, auf der wir regelmäßig etwas verweilten und die Stille genossen. Während Rex wie gewohnt mit der Nase im Geäst steckte, versuchte ich mit gezielten Atemübungen, die nagenden Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen. Langsam hatte ich Erfolg. Ich beruhigte mich, konzentrierte mich mehr und mehr auf den erdigen, holzigen Geruch des Waldes. Doch da klingelte erneut mein Handy und ich schreckte hoch. Schnell griff ich in meine Jacke um mich dem Anruf diesmal zu stellen. Bereit, das Symbol mit dem grünen Hörer zu drücken, streckte ich meinen Zeigefinger aus. Ich klappte die Hülle zur Seite und sah nichts als die verzerrte Spiegelung meines Gesichts auf dem dunklen Glas des Anzeigefeldes. Da war kein Anruf. Aber das konnte doch keine Einbildung gewesen sein. Klar und deutlich hatte ich meinen Klingelton gehört, den mir Mark nach vielem Bitten und Betteln auf meinem Handy eingerichtet hatte. Mark war seit langem schon der Mann an meiner Seite. Mein Fels in der Brandung. Ich konnte ihn jetzt förmlich vor mir sehen, wie er mich in dieser Situation wieder einmal kopfschüttelnd und mit den Augen rollend beobachten würde, während meine verwirrten Blicke meine Anrufliste unruhig nach dem verpassten Anruf absuchten. Fast hätte ich selbst an meinem Verstand gezweifelt, hätte da nicht wieder die Melodie meines Lieblingsliedes eingesetzt. Doch der Bildschirm, den ich immer noch anstarrte, blieb dunkel. Rex schlug an, und so begriff ich endlich, dass es nicht mein Handy war, das klingelte. Das Geräusch ertönte aus der Einkaufstasche, die Rex gerade sabbernd aus der schmalen Lücke zwischen Bank und Abfalleimer zog. Ungläubig nahm ich sie ihm ab und sah mich um. Keine Menschenseele weit und breit. Zögernd öffnete ich den Beutel und erblickte den Inhalt: eine geöffnete Packung Trockenfutter und ein, nun wieder stilles, Mobiltelefon. Jemand musste, wie ich, mit seinem Hund hier gewesen sein und diesen Sack vergessen haben. Das Fundbüro war, wie die meisten Behörden, derzeit nicht besetzt. „Vielleicht kann mir ja der Sperrbildschirm einen Hinweis auf den Besitzer mit diesem hervorragenden Musikgeschmack geben“, dachte ich und aktivierte das Display. Meine Hoffnung, nun ein aussagekräftiges Foto zu erblicken, wurde zwar nicht erfüllt, dafür stellte ich aber fest, dass das Gerät überhaupt nicht gesperrt war. Wie unvorsichtig. Oder praktisch, je nachdem, wie man das jetzt sehen wollte. In meinem Fall natürlich Letzteres. Dankbar für die willkommene Ablenkung war ich bereit, mein detektivisches Gespür einzusetzen und den „Fall“ zu lösen. Hastig blätterte ich mich durch die Apps und öffnete schließlich neugierig die Galerie. Nur vier Fotos? Ein Finder meines Handys hätte da weit mehr durchzusehen. Vorausgesetzt, er wäre im Besitz meiner PIN, versteht sich. Aber gut, nun wollte ich mir diese magere Auswahl an Erinnerungen eines Fremden erst recht ansehen. Denn entweder hielt er nicht viel vom Fotografieren oder er behielt einfach nur das Beste vom Besten. Ich tippte auf das erste Bild. Eine triste Wiese und der Teil eines alten Holzbaus. Der Fotograf schien nicht sonderlich versiert zu sein. Dieser Bildausschnitt war jedenfalls nichtssagend. Das zweite Bild zeigte die blonde Lockenpracht einer vermutlich jungen Frau im Sommerkleid. Schön anzusehen, jedoch war so eine Rückansicht nicht unbedingt hilfreich bei der Suche nach deutlichen Hinweisen auf den Eigentümer. Na bitte. Auf Bild Nummer 3 gab es endlich etwas mehr zu sehen. Lachende Menschen in einer Bar. Am rechten unteren Bildrand entdeckte ich das Wasserzeichen eines Partyfotografen, der an den Wochenenden durch die Clubs der Stadt zog, seine Fotos anschließend auf seine Homepage hochlud und sie so dem Partyvolk zur Verfügung stellte. Vermutlich handelte es sich bei dem Bild also um einen Screenshot, auf dem entweder der Gesuchte oder zumindest seine Freunde zu sehen waren. Ich könnte den Betreiber kontaktieren und ihn fragen ob er sich an diese Leute erinnerte. Oder ich fand heraus um welche Bar es sich handelte. Mein innerer Columbo war wiedererwacht und bereit zu ermitteln. Über diesen Gedanken schmunzelnd, zoomte ich den Hintergrund heran. Volltreffer. An der Theke erkannte ich das Logo mit dem Schriftzug „Overtime“. Dort hatte auch ich mir schon so manche Nacht nach getaner Arbeit um die Ohren geschlagen. Zuletzt mit einigen Kollegen, kurz vor Beginn der Krise. In dem Moment sah ich mich. Zwar dort hinten am Tresen, das Gesicht jedoch lächelnd zur Kamera gewandt. Wie konnte das sein? „Zuerst dieser Klingelton, und jetzt finde ich mein Gesicht auf einem dieser Fotos wieder?“ Erneut sah ich mich um. „Das kann kein Zufall sein, Anna. Du musst hier weg!“, drängte sich meine innere Stimme auf. Ich packte das Fundhandy zurück in die Tasche, nahm die Leine, stand auf und ging los. Zuerst langsam, bemüht, die Fassung zu bewahren, dann immer schneller und schneller, bis ich schließlich völlig außer Atem in meiner Wohnung ankam, wo ich eilig die Tür hinter mir zuwarf und gleich doppelt abschloss. „Eine Überreaktion, Anna! Du warst oft dort. Dein Gesicht wird auf vielen Fotos zu sehen sein, die dort gemacht wurden. Das ist ein Zufall“, versuchte ich mich zu beruhigen. „Wenn doch nur Mark hier wäre“, dachte ich. Das hatte ich nun von meiner Besessenheit von getrennten Wohnungen. Aber wer hätte auch erahnen können, dass getrennte Wohnungen irgendwann einmal zwangsläufig getrennte Leben bedeuten würden. Zumindest für die Zeit der Ausgangsbeschränkungen. Ich ging duschen, kochte mir einen Johanniskrauttee, zog meinen Lieblingspyjama an und setzte mich auf mein Bett. Dann nahm ich das fremde Handy und sah mir das Foto noch einmal an. Um mir zu bestätigen, dass es sich um nichts weiter als einen verrückten Zufall handelte, warf ich auch einen Blick auf das letzte gespeicherte Bild. Vor Schreck ließ ich das Handy fallen und krallte mich in die Bettdecke. Da war ich – wieder ich! Diesmal handelte es sich um ein Gruppenfoto unserer alten Clique. Dieses Foto, auf dem Theresa, ich und die anderen so glücklich strahlten, war über zehn Jahre alt. Das war kein Zufall mehr. „Oh Gott, Theresa!“ Der Lockenkopf – eigentlich hätte ich ihn sofort erkennen müssen! Ich hob das Telefon auf und versuchte meine Gedanken zu ordnen, die sich, immer wilder, zu drehen begannen. Völlig benommen wählte ich Theresas Nummer. Als sie endlich abhob, war meine Erleichterung nur von kurzer Dauer. „Anna?“, flüsterte sie atemlos. „Anna, geht es dir gut? Bist du in Sicherheit?“ „Nein.“, antwortete ich zitternd. „Theresa, was ist hier los? Hast du was damit zu tun?“, fragte ich sie. „Woher weißt du…“ „Er hat uns gefunden, Anna!“, unterbrach sie mich. „Er will, dass wir für damals bezahlen.“ „Wer? Wovon redest du?“, fragte ich, obwohl mich bereits eine dunkle Ahnung beschlich, wovon sie sprach. „Die Fotos“, sagte Theresa. „Hast du sie gesehen? Die alte Scheune, erinnerst du dich?“ „Eine Scheune? Auf den Fotos?“, überlegte ich. „Der Holzbau auf der Wiese, natürlich!“ Das Foto musste, dem vorangeschrittenen Verfall nach zu urteilen, neueren Datums sein, deshalb hatte ich sie nicht sofort erkannt. Doch genau dort war es passiert. Das, was mich noch heute in so mancher Nacht in meinen Träumen verfolgt.

 

Regelmäßig trafen wir uns als Jugendliche dort um ausgelassen zu feiern und unseren Spaß zu haben. Immer mehr unserer Freunde und Klassenkameraden schlossen sich uns an. Irgendwann fragte uns sogar die langweilige Schulstreberin Corinna während einer Nachhilfestunde, ob wir sie nicht auch einmal dorthin mitnehmen könnten. Das widerstrebte uns zwar, doch da sie uns auch in Zukunft mit dem Schulstoff helfen sollte, willigten wir ein. Allerdings wollten wir auf keinen Fall mit ihr gesehen werden. Schließlich hatten wir einen Ruf zu verlieren. Und so packten wir an diesem lauen Frühlingsnachmittag unsere Schulsachen in unsere Rucksäcke, stiegen auf unsere Räder, fuhren zur Scheune und verbrachten dort den restlichen Tag mit Corinna. Zu unserer großen Überraschung hatten wir wirklich Spaß. Nach ungefähr einer Stunde kam uns der Gedanke, dass es wirklich witzig wäre, diese langweilige graue Maus ein wenig abzufüllen und ein paar Videos davon ins Netz zu stellen. Zuerst wollte sie nicht mitspielen, doch irgendwann gab sie endlich nach und griff zu der Flasche, die wir aus unserem Party-Vorrat geholt hatten. Wir saßen oben auf dem Heuboden, tranken, alberten herum und fragten das sonst so verschlossene Mädchen stundenlang schamlos aus. Sie erzähle uns von der Scheidung ihrer Eltern, von der depressiven Mutter, dem prügelnden Vater und davon, wie oft sie ihren kleinen Bruder hatte schützen müssen wenn der Alte wieder einmal die Kontrolle verlor. Nie hätte sie gedacht, hatte sie uns damals gesagt, dass wir einmal so nett zu ihr sein könnten. Dass sie sich endlich einmal angenommen und glücklich fühlen würde. Wir verzichteten auf die geplanten Videos. Als wir schon ans Heimgehen dachten, begann Corinna plötzlich, mit der Sektflasche in der Hand auf einem der freiliegenden Balken zu balancieren. Zuerst war das irgendwie noch ganz witzig. Doch dann begann sie zu tänzeln und sich zu drehen. Das sah gefährlich aus. Wir redeten auf sie ein, dass sie dort runterkommen soll und dass es nun wirklich Zeit wäre zu gehen. Aber sie lachte nur. „Ach, lasst mich diesen wunderschönen Tag doch genießen!“, sagte sie. Und dann passierte es schon. Corinna rutschte ab und fiel, bevor wir etwas tun konnten. Der dumpfe Aufschlag dröhnte in unseren Ohren. Dann Stille. Entsetzt sahen wir uns an. Theresa fand als erste ihre Sprache wieder. „Corinna?“, rief sie nach unten. Doch Corinna antwortete nicht. Panisch kletterten wir über die Leiter durch die Luke nach unten. Und da lag sie. Nach Atem ringend und mit weit aufgerissenen Augen sah sie uns an, die Hände um den Pfahl geklammert, der sie bei ihrer harten Landung auf dem Scheunenboden durchbohrt hatte. Dann verlor sie das Bewusstsein und wir erstarrten. Tränen liefen uns über die Wangen. Was sollten wir nur tun? Wir hatten getrunken, waren in die Scheune eines Bauern eingebrochen und hatten dieses unschuldige Mädchen abgefüllt bis es in den Tod stürzte. Das würde unsere Zukunft ruinieren, da waren wir uns einig. Und so stiegen wir auf unsere Räder und fuhren einfach davon. Wie so oft sollte Theresa bei mir übernachten. Wir schlichen uns ins Haus und legten uns ins Bett. Meinen Eltern durften wir in diesem Zustand auf keinen Fall begegnen. Doch ungefähr zwei Stunden später, als die Schockstarre nachließ, plagte uns das schlechte Gewissen. Wir riefen Frau Kramer, Corinnas Mutter, an, die sich bereits große Sorgen machte. Wir erzählten ihr vom Sturz ihrer Tochter und wo sie zu finden war. Es dauerte nicht lange bis die Polizei vor unserer Tür stand. Ich weiß noch genau, wie meine Eltern da unten an der Haustür standen, sich anhörten was die Polizeibeamten ihnen zu sagen hatten, und an diesen fassungslosen Blick, den sie uns dann zuwarfen. Im Wohnzimmer sagten uns die Polizisten, dass man Corinna in der Scheune gefunden hatte, und dass sie leider

 

auf dem Weg ins Krankenhaus gestorben sei. „Erst auf dem Weg ins Krankenhaus?“ Als wir sie allein gelassen hatten, war sie noch am Leben, sagten sie. Und wenn wir sofort einen Rettungswagen gerufen hätten, hätte man ihr noch helfen können. Aber so wären wir nun der unterlassenen Hilfeleistung beschuldigt.

 

 

 

Während wir unsere Schuld durch Sozialstunden, die uns nach Jugendstrafrecht auferlegt wurden, abgalten und ein zumindest halbwegs normales Leben führen konnten, wenn man von den Therapiestunden, Albträumen und gelegentlichen Panikattacken absieht, ging Corinnas Mutter am Verlust ihrer geliebten Tochter zugrunde. Ein Jahr später erfuhren wir, dass sich Frau Kramer das Leben genommen hatte. Sie hatte sich in der Scheune erhängt. An jenem Balken, von dem ihre Tochter damals gestürzt war. Die Nachricht traf uns in Mark. Von nun an hatten wir ein zweites Leben auf dem Gewissen. Die Schuld war kaum zu ertragen. Wie sollten wir damit nur leben. Theresa und ich konnten uns kaum noch in die Augen sehen. Nach und nach zerbrach unsere Freundschaft daran. Wir wollten es nicht wahrhaben, doch wir distanzierten uns immer weiter voneinander, trafen uns kaum noch, zogen uns allgemein zurück und nahmen seit Corinnas Unfall an keinen Treffen mit anderen Jugendlichen mehr teil. Das änderte sich erst wieder als ich nach dem Studium wegzog und endlich neu anfangen konnte. Hier war ich ein unbeschriebenes Blatt. Eine junge Frau mit tausend Möglichkeiten. Ich fand einen gutbezahlten Job der mir Spaß machte und lernte Mark kennen, der mich liebevoll „Engel“ nannte. Und ich tat mein Bestes, ihn in dem Glauben zu lassen. Es ging mir gut und die Panikattacken und Alpträume hatten endlich nachgelassen. Ich hatte den Neuanfang geschafft und alles hinter mir gelassen. Nie wieder wollte ich mit jemandem über die Geschehnisse von damals reden.

 

Doch jetzt saß ich hier am Telefon mit Theresa, weil irgendwer uns auf so perfide Art genau damit konfrontiert hatte. Theresas Stimme riss mich aus meinen Gedanken: „Anna, es ist ihr Bruder, hörst du? Ich habe einen Brief von ihm bekommen. Moment, da kam gerade eine Nachricht von ihm. Oh Gott, ich glaube, er ist in deiner Wohnung, Anna. Er hat mir Fotos gesendet, von dir unter der Dusche!“ „Was? Das kann nicht sein. Rex hätte sich gemeldet, wenn jemand die Wohnung betreten hätte. Aber der liegt mir hier zu Füßen und rührt sich nicht.“ Beiläufig streichelte ich Rex übers Fell. Er rührte sich immer noch nicht, atmete flach. „Das Trockenfutter!“, schoss es mir in den Kopf. „Es muss mit einem Beruhigungsmittel präpariert worden sein. Dieser Mistkerl!“ Ich ging langsam ins Badezimmer und sah mich um. Und da entdeckte ich sie, die winzig kleine Kamera am Rand meiner Deckenleuchte. „Ich glaube, ich habe was gefunden“, sagte ich in den Hörer. „Wie ist dieser Psycho nur hier reingekommen? Das ist zu viel, Theresa. Ich rufe die Polizei“, sagte ich entschlossen. „Das wird deiner Freundin nicht mehr helfen“, zischte eine männliche Stimme am anderen Ende der Leitung. „Und jetzt zeig ein paar Manieren und winke mir wenigstens mal!“, spottete er. „Keine Sorge, wir sehen uns bald. Und bis dahin kannst du dir die Zeit mit dem Brief vertreiben, den ich dir unters Kopfkissen gelegt habe.“ Ich legte auf und rief sofort den Notruf. Ich schickte sie zu Theresas Adresse und sagte, dass auch ich in Gefahr sei. Der Mitarbeiter der Zentrale versicherte mir, in der Leitung zu bleiben bis eine Polizeistreife bei mir eintraf. Ich ging zu meinem Bett und hob das Kissen an. Darunter fand ich den angekündigten Brief. „Ihr habt unsere Leben zerstört“, las ich den ersten Satz. „Ihr wart nur auf euer eigenes Wohl bedacht, alles andere war euch egal. Ihr habt meine Schwester sterben lassen. Ihr habt sie allein zurückgelassen, mit ihren Schmerzen und der Angst, habt nicht einmal versucht ihr zu helfen. Dabei hättet ihr nichts weiter tun müssen als einen Anruf zu tätigen. Ein Anruf, der über Leben und Tod hätte entscheiden können. Aber ihr habt euch dagegen entschieden. Damit war auch das Schicksal unserer Mutter und mir besiegelt. Ihre Depressionen schlugen härter zu als jemals zuvor. Sie ertrug diesen Schmerz, den ihr in ihr Leben gebracht habt, nicht mehr und wählte den einzigen Ausweg den sie im Dickicht ihrer dunklen Gedanken für sich sah. Ich blieb allein zurück. Und als wäre der Verlust meiner Schwester und meiner Mutter nicht schon schlimm genug, gab mich das Jugendamt ausgerechnet in die Obhut meines sadistischen Vaters, wo das Martyrium ohne den Schutz meiner Schwester ungehindert seinen Lauf nahm. Ihr habt ein neues Leben begonnen, nachdem ihr unseres zerstört hattet. Aber denkst du, du bist die Einzige, die sich neu erfinden und unerkannt bleiben kann? Du wärst überrascht.

 

Bis bald,

 

das letzte lebende Mitglied der Familie

 

KRAMER“,

 

las ich dem Polizeibeamten an meinem Handy vor. „Siehst du?“, fragte die mir plötzlich so vertraut klingende Stimme auf der anderen Seite. „Warum sollte also so ein Anruf ausgerechnet euch jetzt retten? Bis gleich, mein Engel. Ich habe so lange darauf gewartet.“

 

 

 

 

 

 

 

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