AnnikaDein Leben in meinen Händen

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Ich öffnete die Tür und ließ den warmen Sonnenschein in mein Haus. Mein Blick glitt über die anderen Häuser in der Straße, die mit ihren perfekt gepflegten Vorgärten alle ziemlich ähnlich aussahen. Ich hatte mir dieses Ritual angewöhnt, um mich jeden Tag aufs Neue zu vergewissern, dass noch alles genauso normal war wie immer. Der gleiche grüne Rasen und die gleichen bunt bepflanzten Blumenbeete meiner Nachbarn. Ich schätzte die Ruhe und Normalität dieser Wohngegend, die manche vielleicht als langweilig bezeichnen würden. In meinem Leben hatte es schon genug Aufregung gegeben.

Einen Menschen mit meiner Vergangenheit würde man vielleicht eher in der Anonymität einer Großstadt erwarten, und tatsächlich hatte ich sie mir in meinem alten Leben zunutze gemacht. Aber auf eine ganz eigene Art und Weise war auch diese kleine Gegend unpersönlich. Die Menschen hier achteten nur darauf, ob dein Garten und du selbst gepflegt waren und dann schenkten sie dir keine weitere Beachtung. Hier ging es nur darum, nicht aufzufallen.

Ich ertappte mich bei einem prüfenden Blick über meinen Vorgarten, als ich mich umdrehen und zurück ins Haus gehen wollte. Doch noch bevor ich die Tür schließen konnte, merkte ich, dass etwas anders war als sonst. Mein Blick fiel auf den kleinen braunen Umschlag, der auf meiner Türschwelle lag. Er wirkte fehl am Platz, wie ein Fremdkörper. Dabei war es nicht einmal der Umschlag an sich, der mich so verunsicherte, denn es war ein ganz normales Exemplar, von der Sorte, wie ihn bestimmt jeder schon benutzt hat.

Was mich verunsicherte, war die Tatsache, dass überhaupt etwas vor meiner Tür lag. Ich bekam nie Post, denn fast niemand wusste, wo ich wohnte. Die wenigen Menschen, die meine Adresse kannten, lebten in meiner Straße und hatten sich noch nie besonders für mich interessiert. Warum also sollten mir meine Nachbarn etwas vor die Tür legen? Mit einem kurzen Blick auf die umliegenden Häuser stellte ich fest, dass niemand sonst einen Umschlag auf der Türschwelle liegen hatte. Ich schien also tatsächlich die Einzige zu sein, die ihn erhalten hatte.

Ich schloss die Haustür und nahm den Umschlag mit in die Küche. Dort machte ich mir einen Kaffee und begutachtete das Päckchen. Weder ein Absender noch meine eigene Adresse standen auf dem braunen Papier. Jemand musste es also vor meiner Tür abgelegt haben. Und es war eindeutig an mich adressiert, denn mein Name war fein säuberlich auf den Umschlag geschrieben worden.

Ich nippte nachdenklich an meinem Kaffee und starrte das Päckchen an, als könnte es jeden Augenblick explodieren. Gleichzeitig dachte ich darüber nach, was der kleine eckige Gegenstand sein konnte, der den Briefumschlag in der Mitte ausbeulte. Schließlich siegte meine Neugierde und ich riss das braune Papier auf, ohne darüber nachzudenken, was ich tat. Vielleicht hätte ich den Umschlag lieber verschlossen lassen sollen, doch ich hatte noch keine Ahnung, in welche Situation mich sein Inhalt bringen konnte.

Als ich das eckige Etwas aus dem Umschlag zog, war ich erstaunt, ein Smartphone in der Hand zu halten. Sicher war es nur kaputt und jemand hatte nach einem einfachen Weg gesucht, es zu entsorgen. Aber konnte es tatsächlich sein, dass ein Handy in einem Umschlag mit meinem Namen drauf rein zufällig vor meiner Tür gelandet war? Vielleicht versuchte ich nur, eine ansatzweise logische Erklärung für das merkwürdige Päckchen zu finden, damit ich mir einbilden konnte, dass mein ruhiges Leben so normal wie immer war.

Ich drehte das kleine Gerät in der Hand, als wäre es etwas vollkommen Neuartiges. Ich hatte das Gefühl, dieses Smartphone schon einmal gesehen zu haben, doch wahrscheinlich täuschte ich mich. Vor wenigen Jahren war dieses Modell sehr beliebt gewesen, viele Menschen hatten noch heute so eins. Und doch wurde ich das Gefühl nicht los, dass dieses hier nicht irgendein Smartphone war, zumal es jemand direkt an mich adressiert hatte.

Mein Verstand sagte mir, ich solle das Handy wieder in den Umschlag legen und es einfach vergessen, doch schon wieder siegte meine Neugierde über die Logik. Ich tastete nach der Einschalt-Taste des Geräts und drückte sie einige Sekunden lang, bis sich der Bildschirm aufhellte. Nachdem es vollständig hochgefahren war, wurde ich aufgefordert, einen Pin einzugeben. Einem Impuls folgend, wählte ich die erste Zahl, die mir in den Sinn kam, obwohl ich wusste, dass sie das Handy unmöglich entsperren würde.

Diese Zahl geisterte unablässig durch meine Gedanken. Es war eine vierstellige Zahl, ein Datum. Ich wünschte, ich könnte diese Zahl vergessen, diesen Tag, an dem ich mein altes Leben hinter mir lassen und ein neues beginnen musste. 2-3-0-5, gab ich auf dem Display des Smartphones ein, und war froh, dass jede Zahl, die ich eintippte, sofort zu einem Punkt wurde. Ich hätte es nicht geschafft, diese Zahl ausgeschrieben zu sehen. Jedes Jahr, wenn ich an dem Datum auf den Kalender sah, wurde mir speiübel.

In Gedanken an jenen Tag tippte ich auf „OK“ und es wunderte mich, dass ich überhaupt das richtige Feld erwischte, so sehr zitterte meine Hand. Ich hatte erwartet eine Fehlermeldung zu sehen, die mir sagte, dass ich den falschen PIN eingegeben hatte, doch zu meiner Überraschung baute sich eine Seite mit vielen bunten Icons auf. Ich versuchte mir einzureden, dass diese Zahl das Handy nur zufällig entsperren konnte, aber selbst in meinen Gedanken klang diese Idee absolut lächerlich. Jemand schien zu wissen, was an dem Tag geschehen war und diese Person kannte mich.

Ich versuchte, über die Kontaktliste etwas mehr über den Besitzer des Smartphones herauszufinden, doch sobald ich das kleine Icon antippte, verschwand es einfach und hinterließ eine Lücke auf dem Display. Das Gleiche passierte auch mit weiteren Apps, die ich anklickte. Die Symbole für SMS, Notizen und für verschiedene Social-Media-Kanäle verschwanden, sobald mein Finger sie berührte. Die letzte App, die übrig war, war die Galerie. Ich erwartete, dass sie auch verschwinden würde, sobald ich versuchte, sie anzuklicken, dass dieses Handy nur ein Scherz war, den sich jemand erlaubt hatte.

Doch als ich das Symbol für die Galerie anklickte, verschwand es nicht, sondern die App öffnete sich und nach und nach bauten sich die verschiedenen Ordner mit Bildern auf. Die meisten von ihnen waren ganz normale Ordner, wie sie jeder auf seinem Handy hat: Fotos aus verschiedenen Urlauben, Screenshots und Bilder, die jemand anderes einem zugeschickt hatte. Ich scrollte durch die Ordner, bis ich einen sah, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Der Ordner war nur mit einem Wort beschriftet. Es war ein Name. Nicht nur irgendein Name, sondern der, den ich in meinem alten Leben gehabt hatte. Der Name, den ich weit hinter mir gelassen habe.

Jennifer, stand da unter einem Bild, das unverkennbar mich abbildete. Ich hatte dort schon meine kurzen, blonden Haare, die das lange, dunkle Haar meines alten Ichs ersetzt haben. Dieses Foto sah ich jeden Tag, wenn ich mich in meinem Blog einloggte, den ich unter dem Namen Chrissy schrieb. Ich wollte zwar ein ruhiges Leben, aber ich konnte nicht ohne irgendeine Form von Kontakt zu anderen Menschen leben, deshalb schrieb ich den Blog und antwortete auf die Kommentare meiner Leser. Mein Blog war beliebt, viele Leute lasen ihn und fragten in den Kommentaren Dinge über die Artikel, die ich schrieb. In meinem Blog ging es um Sicherheit und Privatsphäre im Netz. Mit diesem Thema kannte ich mich aus, immerhin hatte ich die Online-Privatsphäre vieler Leute jahrelang ignoriert und umgangen. In einigen Kommentaren wurde ich gefragt, warum ich so viel darüber wusste, doch diese Frage ließ ich immer unbeantwortet. Niemand außer mir selbst wusste von meiner Vergangenheit.

Mein früheres Ich, Jennifer, wurde von Firmenbesitzern dafür bezahlt, Bilder und Informationen, die etwas peinliches, illegales oder verwerfliches offenbarten, über wichtige Personen von Konkurrenzfirmen zu finden. Ich war gut darin und hatte viele Aufträge, natürlich immer anonym. Nicht einmal meine Auftraggeber wussten, mit wem sie es zu tun hatten. Es war ihnen auch egal, denn für sie zählten nur Ergebnisse. Und die hatte ich immer zuverlässig abgeliefert.

Ich klickte den Ordner an, der nach meinem alten Ich benannt war. Sofort luden viele weitere Bilder, auf denen ich auf den ersten Blick immer wieder mich selbst sah, aber meistens als Jennifer. Die Person, der das Handy gehörte, hatte mich also gestalkt. Sollte ich zur Polizei gehen? Nein, ich musste zuerst gucken, was für Bilder auf diesem Handy waren. Ich wollte den Beamten auf keinen Fall ein Bild zeigen, das meine Vergangenheit aufdeckte. Gleichzeitig fragte ich mich, wer so viele Bilder von mir haben konnte und aus welchem Grund. Mir fiel niemand ein, den ich häufiger in meiner Nähe gesehen hatte. Der Fotograf musste also gut darin sein, unentdeckt zu bleiben.

Während ich die Bilder ansah, entdeckte ich mich selbst in verschiedenen Situationen, aber meistens am Computer. Auf den meisten Fotos hatte ich lange, dunkle Haare, aber ich entdeckte auch einige Bilder, die ich in meinem Blog oder meinen sozialen Medien hochgeladen hatte. Die Fotos hatten eine gute Qualität, weshalb man beim Zoomen eindeutig erkennen konnte, dass sich auf meinem Bildschirm Informationen über den Konkurrenten meines letzten Auftraggebers befanden. Es waren die Informationen, die überall in Zeitungen und im Internet gestanden hatten, allerdings zeigte der Zeitstempel in der rechten unteren Ecke, dass das Foto entstanden war, bevor die Öffentlichkeit diese brisanten Informationen erfahren hatte. Dieses Foto war genau eine Woche vor jenem 23. Mai aufgenommen worden.

 

Ich erinnerte mich noch genau an den Tag auf dem Foto, obwohl ich da noch nicht wusste, dass ich meinen letzten Auftrag ausführte. Ich übermittelte die Informationen, die ich herausgefunden hatte, an meinen Auftraggeber, mit einer E-Mail-Adresse, die ich nur für den Auftrag erstellt hatte. Alles schien wie immer zu sein. Als ich am nächsten Tag die Tageszeitung aufschlug, zierten die Ergebnisse meiner Recherche die Titelseite. Normalerweise waren meine Aufträge an dieser Stelle vorbei, doch nicht in diesem Fall.

Am nächsten Tag stand der Konkurrent meines Auftraggebers wieder in der Zeitung, und auch mein Auftraggeber kam in dem Artikel vor. Es ging um einen Prozess vor Gericht. Der Konkurrent hatte anscheinend herausgefunden, wer die Informationen über ihn veröffentlicht hatte, und hatte meinen Auftraggeber wegen Imageschädigung verklagt. Er musste an meine E-Mail mit den Rechercheergebnissen gekommen sein. Wenn das so war, konnte ich nur hoffen, dass die Anonymität meiner E-Mail-Adresse ausreichend war, damit niemand herausfand, wer meinem Auftraggeber die Informationen geschickt hatte. Wie sehr ich mich da doch getäuscht hatte.

Schon einen Tag später klingelte es an meiner Haustür. Da ich nie unangekündigten Besuch bekam und es auch bei keinem meiner vorherigen Aufträge zu einem Prozess gekommen war, konnte ich mir denken, wer vor der Tür stand. Doch als ich durch den Türspion sah, stand nicht die Person vor mir, die ich während meiner Recherche immer wieder gesehen hatte. Das Gesicht dieses Mannes hatte ich erst am Tag vorher gesehen, nämlich in der Zeitung. Die Person, die vor der Tür stand, war mein Auftraggeber. Einen Moment lang dachte ich darüber nach, die Tür einfach verschlossen zu lassen, doch der entschlossene Blick auf dem Gesicht des Mannes sah so aus, als würde er hier nicht so schnell wieder weg gehen. Ich wollte dazu ansetzen, die Tür zu öffnen, als ich zurück gerissen wurde. Offensichtlich hatte mein Auftraggeber die Tür eingetreten. „Wir hatten eine Abmachung!“, schrie er mir entgegen. Ich versuchte, sachlich und ruhig zu antworten, doch ich konnte die Unsicherheit in meiner Stimme nicht verbergen. „Die Abmachung bestand nur darin, dass ich Informationen beschaffe. Über die Folgen haben wir nichts gesagt.“ Mein Auftraggeber ließ sich nicht beruhigen und schrie weiter: „Du bist dafür verantwortlich, dass unsere Firma verklagt wurde, du ganz allein!“ An das, was als nächstes geschah, konnte ich mich nur noch lückenhaft erinnern. Scheinbar hatte mein Gehirn vieles ausgeblendet und ich reagierte, ohne zu denken. Das einzige, woran ich mich erinnere ist, dass mein Auftraggeber auf dem Boden meiner Küche lag, mit einer blutenden, kreisrunden Wunde auf der Brust. Ich hatte ihn erschossen, nachdem er mich mit seiner Waffe beinahe getroffen hätte. Nach diesem Tag änderte ich mein Leben und meinen Namen. Ich zog um und entschied mich, nie wieder Informationen über irgendjemanden zu suchen.

 

Der Besitzer des Handys schien von meinem Blog zu wissen, wenn er die Bilder davon auf dem Handy hatte. Wenn diese Bilder dort oder irgendwo anders veröffentlicht wurden, wussten alle, weshalb ich so viel von Datenschutz wusste. Möglicherweise würde auch die Polizei von meinen Machenschaften erfahren. Das konnte ich nicht zulassen. Ich hatte das Handy mit den Fotos, deshalb konnte ich über die Bilder bestimmen. Aber woher wollte ich wissen, dass es nicht noch Kopien gab? Wer auch immer mir das Handy geschickt hatte, wollte bestimmt nur, dass ich Angst bekam und nichts an der Situation ändern konnte, egal, was ich mit den Bildern oder dem Handy anstellte.

Beinahe ließ ich das Smartphone fallen, als es in meiner Hand begann zu klingeln. Ich starrte es eine Weile lang an, bevor ich den Anruf annahm. „Spreche ich mit Chrissy?“, fragte eine tiefe Männerstimme. Ich entschied mich dazu, nicht direkt zu antworten und erwiderte stattdessen: „Mit wem spreche ich?“ Zu meiner Überraschung sagte mir der Mann seinen Namen. Es war der Konkurrent meines letzten Auftraggebers. Der Mann, über den ich in meinem letzten Auftrag Informationen gesucht hatte. „Haben Sie mir dieses Handy geschickt?“, fragte ich. „Ja, das habe ich“, antwortete mein Gesprächspartner und bevor ich auch nur ein Wort sagen konnte, fuhr er fort: „Aber es ist nicht mein Smartphone.“ Ich versuchte zu verstehen, was ich eben gehört hatte. Der Konkurrent meines Auftraggebers, der wegen mir einen Rufschaden erlitten hatte, hatte mir ein Handy mit Bildern von mir darauf geschickt, das nicht ihm gehörte.

Ich war unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, sonst hätte ich vielleicht schon eine Vermutung aufgestellt. Stattdessen fragte ich: „Aber wem gehört das Smartphone denn dann?“ Mein Gegenüber lachte leise und sagte: „Aufgrund Ihrer Fähigkeit, tief verborgene Informationen über Menschen herauszufinden, hätte ich Sie für intelligenter gehalten. Denken Sie doch Mal nach.“ Ich tat es, und die Erkenntnis traf mich wie ein Blitz. Jetzt wusste ich auch, wo ich das Smartphone gesehen hatte. Es war meinem Auftraggeber aus der Tasche gefallen, als er nach meinem Schuss zu Boden gesunken war. „Es gehörte meinem Auftraggeber“, sagte ich atemlos. „Genauer gesagt, befand es sich im Besitz seines Sohnes, als wir es ihm entwendet haben“, erwiderte mein Gesprächspartner. „Aber wie-“, setzte ich an und erhielt meine Antwort sofort: „Sie sind nicht die Einzige, die etwas von Spionage versteht, Chrissy. Auch wir haben Experten auf diesem Gebiet, die herausgefunden haben, dass Ihr Auftraggeber Bilder von Ihnen auf seinem Handy hatte. Können Sie sich vorstellen, wieso er sie hatte?“ „Ich kann nur eine Vermutung aufstellen“, sagte ich ruhig. „Dann vermuten Sie“, sagte der Mann am Telefon. „Er wollte mich erpressen, für den Fall, dass etwas schiefgeht. Aber der Auftrag ist doch schief gegangen, warum wurden die Bilder noch nicht verwendet?“ Der Konkurrent meines letzten Auftraggebers erwiderte: „Das können wir uns auch nicht erklären. Sicher ist nur, dass der Besitzer des Smartphones die Bilder auf Ihrem Blog veröffentlichen wollte. Er hatte wohl noch nicht die Gelegenheit dazu, ihn zu hacken.“ Ich empfand eine Art Stolz, denn ich hatte meinen Blog mit meinem Wissen schwer zu hacken gemacht. Es freute mich zu hören, dass es dem Sohn meines Auftraggebers, der sicher sämtliche Experten damit beauftragt hatte, es nicht geschafft hatte, meinen Blog zu hacken.

Eine letzte Frage hatte ich noch: „Warum haben Sie mir das Smartphone zugeschickt?“ „Aus Dankbarkeit“, antwortete mein Gesprächspartner. Die Antwort verwirrte mich. Ich fragte ihn, warum er mir danken wollte, wenn ich tief versteckte Informationen über ihn gesucht hatte. „Sie erinnern sich sicher an den Prozess, der durch Ihre Recherche zustande gekommen ist? Dank unserer Rechtsabteilung konnten wir die ganze Angelegenheit so darstellen, dass Ihr Auftraggeber unserem Image schaden wollte, um seine eigenen Produkte besser verkaufen zu können. Der Prozess hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt und unsere Verkaufszahlen sind in die Höhe geschossen. Sie haben uns mit Ihrer Recherche also geholfen.“ Ich war überrascht, dass die Informationen, die ich über den Konkurrenten meines Auftraggebers herausgefunden hatte, für ihn hilfreich gewesen waren.

„Also haben Sie mir das Smartphone zugeschickt, damit ich die Bilder löschen kann?“, fragte ich. „Sie können mit den Bildern machen, was auch immer Sie möchten. Ich würde Ihnen allerdings empfehlen, das Handy zu zerstören, wenn Sie weiterhin Ihr ruhiges Leben behalten möchten.“ Mit diesen Worten legte der Mann, der mir das Smartphone geschickt hatte, auf.

Ich sah das Handy eine Weile lang an und fasste einen Entschluss. Mit dem Gerät in meiner Hand ging ich auf meinen Standmixer zu, schaltete ihn ein und warf das Handy in die Schneidblätter. Ich sah zu, wie es in kleine Stücke geschnitten wurde und schaltete den Mixer aus, als man nichts mehr von dem Smartphone erkennen konnte.

Zum zweiten Mal an diesem Tag öffnete ich meine Haustür und blinzelte in die Sonne. Dieses Mal blieb ich aber nicht im Haus stehen, sondern ging in den Garten hinter meinem Haus. Dort lief ich zielstrebig zu meinem Kirschbaum. Es war der erste Baum, den ich in diesem Garten gepflanzt hatte, und seitdem war er groß geworden und erinnerte mich immer wieder daran, wie viel Zeit seit jenem 23. Mai vergangen war.

Ich wusste nicht, warum ich ausgerechnet diese Stelle wählte, um die Reste des Handys zu vergraben, aber etwas sagte mir, dass es genau hier sein musste, bei seinem Besitzer. Ich grub gerade so tief, dass ich nicht den Körper des Mannes sehen musste, den ich getötet hatte. Nachdem ich das Loch wieder geschlossen hatte, sah ich noch einmal den Baum an, der mich immer daran erinnern sollte, niemals in mein altes Leben zurück zu kehren. Ich ging zurück in mein Haus und ließ den Blick über die Straße schweifen. Alles war wie immer.  

6 thoughts on “Dein Leben in meinen Händen

  1. Liebe Annika
    Was für eine großartige Geschichte.

    Ich bin hin und weg.

    Durchdacht, spannend, gut geschrieben, mit eigenem Stil, ohne großartige Rechtschreibfehler, mit viel Herzblut und Sachverstand.

    Respekt.
    Super Story.

    Deine Art gefällt mir sehr. Dein Schreibstil sagt mir zu.
    Du schreibst wissend, abgeklärt, professionell.
    Die Handlung ist außerdem einzigartig.

    Und das Ende ist überraschend.
    Endlich mal ein positives Signal.
    Ein positives Ende.
    Die Hauptperson bekommt eine 2. Chance, ihr altes Leben hinter sich zu lassen.
    Hat mir wirklich äußerst gut gefallen.

    Ich habe jetzt ca. 30 bis 40 Kurzgeschichten dieses Projektes gelesen, doch dein Plot, deine Auflösung war bisher einzigartig.

    Danke für deine Geschichte.
    Danke für deinen Mut.

    Bitte schreibe weiter.
    Ich will mehr von dir lesen.

    Deine Geschichte war ein Geschenk.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit meine Geschichte „Die silberne Katze“ zu lesen und zu kommentieren.
    Wäre mir eine Ehre und Freude.
    Meinen Like hast du dir jedenfalls redlich verdient.

    Pass auf dich auf.

    1. Hallo Swen,

      danke für deine netten Worte und dein positives Feedback. Wenn du mehr von mir lesen möchtest, würde ich mich freuen, wenn du dir einmal mein Buch „Die Wahrheit“ auf Amazon.de anguckst. 🙂
      https://www.amazon.de/Die-Wahrheit-Annika-Claa%C3%9Fen/dp/1089514867/ref=sr_1_1?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=1GRL99HLEDP4N&dchild=1&keywords=annika+claa%C3%9Fen&qid=1591889792&sprefix=annika+claa%2Caps%2C190&sr=8-1

      Ich bin gespannt darauf, deine Geschichte zu lesen. 😀

      Liebe Grüße,
      Annika Claaßen

  2. Hallo Annika, dein Schreibstil wirkt sehr professionell, dadurch war die Geschichte sehr gut zu lesen. Sie ist gut durchstruktuiert und schlüssig, bis zum Ende spannend. Ich finde, du hast mein Like verdient.
    Bleib am Ball,
    Liebe Grüsse Minka
    Vielleicht interessiert dich auch meine Geschichte „Aimee`s Lächeln“

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