Sunshin33xiDein Spiegelbild

 

Das Telefon klingelt, welches auf dem Tisch neben dem Stapel Akten steht. Kaffeeduft liegt in der Luft. Ein riesiges Büro mit Glasfront, von wo aus man eine fantastische Sicht über die Dächer von Heidelberg hat, die Wände mit Bildern moderner Künstler verziert und in mitten des Raums ein großer edler Holztisch, an dem eine junge blonde Frau sitzt.

Camilla Banks, wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“

Das bin ich.

Ich bin 32 Jahre alt und arbeite in der Anwaltskanzlei meines Mannes Jens Banks, den ich vor einem Jahr geheiratet habe.

Es klopft an der Tür. „Camilla? Der Bote hat etwas für dich abgegeben.“ Toni Roberts, eigentlich Antonia, meine Assistentin, schaut vorsichtig zur Tür herein, um sich zu vergewissern, dass sie mich nicht stört. In ihrer Hand hält sie ein Päckchen, es sieht aus wie eine kleine Geschenkbox. Daran ist ein kleines Kärtchen befestigt auf dem steht:

Für Camilla Banks

PERSÖNLICH

ICH HABE DICH NICHT VERGESSEN

Oh, hast du ein Verehrer?“, fragt Toni, als sie die Karte sieht. „Vielleicht der Typ aus der Bar, wo wir letztens waren. Der dich den ganzen Abend beobachtet hat.“ Sie lacht.

Ich weiß nicht, woran es liegt, aber ich habe ein komisches Gefühl. Irgendwie hört sich die Nachricht nicht wie eine Einladung zum Essen an. Vielleicht sehe ich aber auch Gespenster und mache mir sinnlos Gedanken. Ich hatte schon immer eine blühende Fantasie. „Woher sollte er denn wissen, wie ich heiße und wo ich arbeite?“, frage ich sie.

Vielleicht hat er im Internet nach dir gesucht oder dich in irgendeiner Zeitung gesehen.“ Der Gedanke, dass ich einen heimlichen Verehrer haben könnte, scheint ihr zu gefallen. Toni ist einfach eine totale Romantikerin, die darauf wartet, dass ihr Traumprinz auf einem weißen Ross vorbei kommt und sie mit auf sein Märchenschloss nimmt. „Los, mach schon auf.“ Sie kann es kaum erwarten zu erfahren, was in dem Päckchen ist. Eigentlich müsste ich aufgeregt sein, immerhin ist es meins. „Ich mache es später auf. Ich muss jetzt noch ein paar Dinge erledigen. Jens und ich haben doch heute unseren ersten Hochzeitstag“, entschuldige ich mich, um der Situation zu entkommen.

Herzlichen Glückwunsch. Ist es schon ein Jahr her, dass ihr geheiratet habt? Die Zeit vergeht so schnell. Was hast du denn geplant für heute Abend?“ Ich sehe es ihr an, am liebsten würde sie mir jetzt 10.000 Vorschläge geben, wie ein romantischer Abend zu Zweit aussehen könnte, deswegen antworte ich ihr, dass ich ein Candle Light Dinner vorbereiten wolle und deswegen jetzt dringend los müsse.

Ok, dann bis morgen und viel Spaß euch beiden“, ruft sie mir hinterher, als ich die Treppen herunter laufe.

Zu Hause angekommen, lege ich das Päckchen auf den Tresen und kümmere mich zuerst darum, dass mein Einkauf in den Kühlschrank kommt. Das mit dem Candle Light Dinner war nur eine Ausrede, um schnell von Toni weg zukommen. Jens ist der Romantiker in unserer Beziehung und hat mir schon heute Morgen erzählt, dass er für heute etwas geplant hat und ich mir den Abend freihalten solle. Nachdem alles weggeräumt ist, wandert mein Blick zu dem Päckchen.

Ich ziehe das Geschenkband ab und öffne die Box. Darin befindet sich ein goldenes Smartphone und eine weitere Karte: „PIN 1307“. Ich gebe den Pin ein und gelange auf die Benutzeroberfläche des Handys. Es vibriert und eine Nachricht erscheint. Ich öffne sie: „Kennst du die Bilder?“

Sofort überkommt mich wieder dieses seltsame Gefühl. Das ist definitiv keine Essenseinladung und wenn doch, eine ziemlich makabere. Ich öffne die Galerie, es dauert eine Weile bis die Bilder geöffnet werden. Als das erste Bild erscheint, stockt mir der Atem. Darauf bin ich zusehen, als ich vor zwei Jahren in Marokko auf dem Toubkal war. Auf dem Bild blicke ich gerade einen steilen Abhang herunter. Ich schaue mir das nächste an. Zusehen bin ich, wie ich einen Rucksack offensichtlich die Klippe herunter schmeißen will und so gehen die Bilder weiter. Bilder von meinem Polterabend, von meiner Hochzeit, ich beim Sport oder beim einkaufen. Aber wie kann das sein? Wer hat diese Bilder gemacht und was will derjenige von mir? Man könnte fast denken, mir wäre ein Privatdetektiv auf den Fersen. Verwirrt und verunsichert, versuche ich mich zu beruhigen und einen klaren Kopf zu bekommen. Male mir verschiedene Möglichkeiten aus, woher die Bilder stammen könnten, aber keine ist wirklich plausibel.

Es klickt und die Haustür geht auf. Jens steht mit einem großen Blumenstrauß aus Maiglöckchen vor mir. „Alles Liebe zum Hochzeitstag“, sagt er und gibt mir einen Kuss, „Ich liebe dich.“

Er ist ein toller Mann und ich liebe ihn wirklich, aber ich kann ihm nichts von dem Handy erzählen, ohne ihm zu beichten, was ich getan habe. Also stecke ich es schnell wieder zurück in die Box und schiebe es hinter die Töpfe. So kann ich es später, wenn Jens beschäftigt ist, in Ruhe wegräumen und mir Gedanken machen, was ich damit anstelle.

Ich liebe dich auch. Danke für den tollen Strauß“, antworte ich ihm, schnappe meine Jacke und lotse ihn nach draußen zum Auto. „Wo willst du hin?“, fragt er irritiert.

Ich dachte wir gehen schön essen“, antworte ich frech. Er liebt es, wenn ich die Initiative ergreife.

In unserem Lieblings Restaurant angekommen, suchen wir uns einen Tisch direkt am Fenster. Von hier aus hat man eine wunderbare Sicht auf das Heidelberger Schloss. Der Kellner bringt uns die Karten und zwei Gläser Rotwein, einen Grimont Cabernet Sauvignon, halbtrocken, er kennt uns. Wir trinken immer den selben, egal ob wir ein Rindersteak oder Fisch essen, es ist unser Wein.

Nach dem Anstoßen nehmen wir die Karten, um zu schauen, was heute auf der Tageskarte steht: Marokkanische Woche. Ein Zufall? Erst das Smartphone mit Bildern von mir in Marokko und jetzt das. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen und wähle schlussendlich das Gleiche wie Jens: Tajine mit Rindfleisch und Gemüse. Das Essen ist lecker und Jens gibt sich alle Mühe, damit es ein perfekter erster Hochzeitstag wird. Trotz seiner Bemühungen bleibe ich jedoch angespannt und überlege, ob ich etwas unternehmen sollte, aber was? Ich beschließe, die Gedanken zur Seite zu schieben, den Abend zu genießen. Morgen sieht wahrscheinlich alles wieder ganz normal aus.

Dachte ich.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, bin ich guter Zuversicht, dass dies ein toller Tag werden könnte. „Guten Morgen schöne Frau“, werde ich von Jens begrüßt, als ich in die Küche komme. „Ich habe Kaffee gemacht, muss aber leider schon los. Wir sehen uns später.“ Und schon ist er zur Tür heraus. Ich sollte mich auch fertig machen und ins Büro fahren. Gestern ist einiges liegen geblieben, als ich so überstürzt vor Toni geflohen bin.

Hallo Camilla, wie war euer Abend?“, werde ich schon erwartet. „Ganz gut“, antworte ich ihr und gebe ihr ein Zeichen, dass ich viel zu tun habe und nicht gestört werden möchte. Als ich an meinem Schreibtisch ankomme und den PC hochfahre, habe ich bereits die ersten Mails auf dem Bildschirm. Während ich kurz überfliege, ob etwas Wichtiges dabei ist, fällt mir ein Absender besonders auf: Dar Oussagou. Wieder durchläuft mich dieses unheimliche Gefühl von gestern. Dar Oussagou war der Name des Hotels in Marokko, in dem ich vor zwei Jahren war. Dem Hotel, wo ich mit ihr war. Meiner Zwillingsschwester. Meinem dunklen Geheimnis, was niemand kennt, zumindest war ich bis jetzt davon überzeugt.

 

Zwei Jahre zuvor

Meine Name ist Renata Schilling. Ich bin 30 Jahre alt und in verschiedenen Pflegefamilien und Heimen in Görlitz aufgewachsen, eins schlimmer als das andere. Von Drogen und Alkohol, über Misshandlungen ist alles dabei gewesen, nicht immer habe ich alles abbekommen, manchmal habe ich mit ansehen müssen, wie die Männer ihre Frauen halb tot geprügelt haben.

Wo meine leiblichen Eltern sind?

Laut einer Akte vom Jugendamt, sind sie ,als ich zwei Jahre alt war, bei einem Unfall ums Leben gekommen. Aus den Dokumenten erfuhr ich, dass ich eine Zwillingsschwester habe. In diesem Moment habe ich beschlossen, sie zu suchen. Ich will wissen wie es ihr ergangen ist, wie sie aufgewachsen ist und wie sie ist.

Durch meine, nicht wie erhofft verlaufende Kindheit, weiß ich genau, was ich will und was nicht. So habe ich es auf die Uni geschafft und einen Bachelor in Rechtswissenschaft erworben. Ich wollte anderen Frauen helfen, denen es so wie meiner letzten Pflegemutter ergangen ist. Nach dem Studium habe ich in einer für Görlitzer Verhältnisse großen Kanzlei gearbeitet und mir so ein gutes Netzwerk aus vielen verschiedenen Kontakten aufgebaut. Dies hat mir geholfen meine Zwillingsschwester auf der anderen Seite von Deutschland ausfindig zu machen und zu kontaktieren.

Endlich in Heidelberg angekommen. Die Stadt ist wunderschön. Ich stehe vor einem kleinen Kaffee direkt am Neckarufer. Hier habe ich mich mit ihr verabredet.

Renata?“ ruft eine sanfte Frauenstimme hinter mir. Ich drehe mich um. Es ist, als würde ich in einen Spiegel schauen. Sie sieht aus wie ich. Das einzige was uns unterscheidet ist unsere Kleidung. Sie trägt ein teures Kostüm, wahrscheinlich von Ashley Brooke oder Vera Mont, ich dagegen ein billiges von der Stange.

Hallo Camilla. Schön dich kennen zu lernen“, antworte ich und reiche ihr meine Hand.

Im Cafe setzten wir uns in eine Ecke und sie beginnt mir zu erzählen, wie sie bei einer liebevollen und wohlhabenden Familie aufgewachsen ist, mit denen sie auch heute noch regelmäßigen Kontakt hat, so wie es in einer normalen Familie üblich ist. Sie erzählt mir von ihrem Verlobten Jens und seiner Kanzlei und dass sie gespannt ist, wie er reagiert, wenn er von mir erfährt. Da sie nicht wusste, wie ich bin, hatte sie vorher niemanden etwas von mir gesagt. Nach zwei Tassen Kaffee und einem großen Stück Zitronenkuchen, schlägt sie vor, mich mit zu sich zu nehmen und mir zu zeigen, wie und wo sie wohnt.

Nach etwa zehn Minuten zu Fuß stehen wir vor einer riesigen Villa mit einem traumhaften Garten, von innen sieht es aus wie ein Schloss. Sie hat alles, was ich mir immer gewünscht habe, ihr Leben wirkt so perfekt. Jetzt fällt mir wieder ein, was sie vorhin gesagt hat, dass sie niemanden von mir erzählt hat. In diesem Moment kommt mir ein Gedanke und ich fasse einen Entschluss: Ich will das, was sie hat. Ich will ihr Leben und dafür muss sie weg.

Bevor ich an dem Tag wieder Heim fahre, nehme ich Camilla das Versprechen ab, niemanden etwas von uns zu erzählen. Ich sage ihr, dass wir uns erst besser kennen lernen sollten.

So geht es ein zwei Wochen weiter, wir treffen uns heimlich oder telefonieren und schreiben uns WhatsApp.

Bis ich meiner Zwillingsschwester vorschlage, ein paar Tage irgendwohin zu fahren, um mehr Zeit zuhaben, ohne ständig aufpassen zu müssen, dass uns keiner entdeckt. „Was hältst du von einem Trip nach Marokko? Ich lade dich ein.“ schlägt sie vor. Marokko? Warum eigentlich nicht. Der perfekte Ort, um meinen Plan in die Tat umzusetzen und Camilla loszuwerden. „Klar. Das klingt gut. Danke für die Einladung.“

Zwei Wochen später geht es endlich los. Im Hotel angekommen staune ich nicht schlecht, alles ist so edel und pompös. Überall sind goldene Verzierungen, goldene Kronleuchter und moderne Sitzgelegenheiten und Tische. Auch die Zimmer sind perfekt eingerichtet und jedes besitzt einen eigenen Pool auf dem Balkon. Da wir beide erschöpft vom Flug sind, beschließen wir, dass jeder sich in sein Zimmer zurückzieht und wir am nächsten Morgen nach dem Frühstück einen Ausflug in den nahe gelegenen Nationalpark machen.

Als ich zum Frühstück komme, sitzt Camilla schon da, sie scheint eine Frühaufsteherin zu sein. „Guten Morgen“, begrüße ich sie. “Gut geschlafen?“

Hervorragend. Bist du bereit für unsere Tour?“, antwortet sie voller Vorfreude auf den Tag. Wenn sie wüsste, was ich geplant habe.

Wir trinken gemütlich unseren Kaffee aus und machen uns anschließend auf den Weg mit einem Shuttle Bus zum Park. Von da aus laufen wir zügig zum Jbel Toubkal (dem höchsten Berg Nordafrikas), denn wir haben uns vorgenommen ihn zu erklimmen, zumindest soweit wir kommen. Es muss nur hoch genug und steil sein.

Irgendwann gebe ich vor, eine kurze Pause machen zu müssen. Hier oben ist niemand außer uns, keine einzige Menschenseele. Liegt wahrscheinlich daran, dass das Wetter heute nicht so optimal zum Wandern ist. Für das, was ich vorhabe, schon. Ich zeige euphorisch, wie schön die Aussicht ist und wie weit man von hier nach unten schauen kann. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich ein bisschen Höhenangst.“ Es scheint ihr peinlich zu sein, denn sie errötet, als sie das sagt.

Ich reiche ihr meine Hand. „Komm, ich halte dich fest.“ Als sie meine Hand nimmt und näher an den Rand kommt um hinunter zu schauen, ziehe ich meine Hand weg und gebe ihr einen Stoß. Sie fällt.

Ich weiß nicht wie lange es dauert, irgendwann sehe ich sie da unten liegen, sie sieht ganz klein aus von hier oben. Sie bewegt sich nicht mehr. Kein Wunder, es waren mehrere hundert Meter. Sie ist tot.

Erleichtert nehme ich ihren Rucksack, den sie an der Seite abgestellt hatte und mache mich auf den Weg zurück ins Hotel, wo ich mit ihrer Karte bezahle und den Rückflug antrete.

Zurück in Heidelberg, fahre ich zur Villa meiner Schwester. Ich schließe die Tür auf und ein junger gutaussehender Mann kommt mir entgegen. Ich erkenne ihn von den Bildern im Haus, es ist Jens. „Hallo Süße“ begrüßt er mich mit einem Kuss. Es funktioniert, er hält mich für sie.

Ich bin Camilla und heute beginnt mein Leben.

Gegenwart

Endlich 17 Uhr, endlich Feierabend. Ich konnte mich den gesamten Tag über kaum auf meine Arbeit konzentrieren. Immer wieder habe ich überlegt, wer mir das Handy geschickt hat und woher er oder sie die Bilder hat. Was will derjenige von mir? Ich habe unseren IT-Spezialisten angerufen, ob er den Absender der E-Mail ermitteln kann. Nach zehn Minuten ruft er zurück: „Hey, Camilla. Ich habe die E-Mail zurückverfolgt, sie wurde von deinem PC aus versendet, scheinbar wurde im Header der Name verfälscht.“

Kann man das so einfach machen?“, frage ich ihn total geschockt, dass jemand an meinem Rechner war, ohne dass es irgendwem aufgefallen ist.

Der Experte versucht mir im Groben zu erläutern, wie das Ganze vonstatten gegangen sein könnte. Ich verstehe nicht wirklich viel von dem was er mir erklärt, bedanke mich aber freundlich bei ihm, dass er sich dafür Zeit genommen hat und lege den Hörer auf. Ich schaue mich in meinem Büro um, vielleicht fällt mir etwas auf, was auf eine fremde Person hinweist. Nichts.

Auf dem Weg in die Tiefgarage schaue ich mich ständig um, ich fühle mich verfolgt.

Im Auto drücke ich das Türschloss von innen nach unten, so fühle ich mich sicherer.

Zu Hause angekommen, beschließe ich ein heißes Bad zu nehmen um mich zu beruhigen und einen klaren Gedanken fassen zu können. Wahrscheinlich bin ich einfach nur überarbeitet und gestresst und bilde mir das Ganze nur ein. Die Treppenstufe im Flur knackt und ich erstarre vor Angst. Die Badezimmertür geht auf: Es ist Jens. Er sieht mir den Schreck im Gesicht an: „Was ist los, hast du ein Gespenst gesehen?“, lacht er.

Ich habe nur geträumt“, gebe ich zurück.

Als Jens am Morgen das Haus verlässt, begleite ich ihn zur Haustür und winke ihm als er die Ausfahrt heraus fährt.

Ich kann es nicht erklären, aber ich bin mir sicher, dass mich jemand beobachtet, auch wenn ich niemanden entdecken kann. Ich gehe zurück ins Haus und schließe die Tür von innen zweimal ab. Vielleicht hilft mir ein starker Kaffee. Also gehe ich in die Küche. Mein Herz bleibt fast stehen. Ich bin nicht allein. Sie steht vor mir. Meine Zwillingsschwester, die ich vor zwei Jahren von der Klippe gestoßen habe. Von der ich geglaubt habe, dass sie tot wäre. Deren Platz ich eingenommen habe. Sie schaut mich an, ausdruckslos. Was habe ich auch erwartet, dass sie sich freut mich zu sehen, nachdem ich sie umbringen wollte und ich ihr Leben gestohlen habe? „Wie?“, stammel ich, „Ich dachte, du wärst tot.“

Keine Regung in ihrem Gesicht.

Es fühlt sich an, als würde die Zeit stehen bleiben, als würde es mir die Luft abschnüren.

Haben dir die Bilder gefallen?“, fragt sie mich nach einer gefühlten Ewigkeit. „Dachtest du, du kommst damit durch? Beseitigst mich, heiratest meinen Verlobten, arbeitest an meiner Stelle in der Kanzlei, wohnst in meinem Haus.“

Ihre Stimme ist monoton und ruhig. Was es für mich unheimlicher macht, mir wäre es lieber sie würde mich wütend anschreien, denn das würde ich erwarten. In ihrer Art liegt etwas gefährliches.

Ich konnte mich kaum bewegen, als ich nach dem Sturz aufgekommen bin, aber ich habe meine ganze Kraft aufgebracht, um mein Handy aus der Jackentasche zu ziehen, was glücklicherweise nur ein paar Kratzer abbekommen hat und habe auf den Auslöser gedrückt. Darauf bist du zu erkennen, wie du hinunter schaust. Ich weiß nicht, wie ich das überlebt habe, nur das mich zwei Wanderer gefunden haben und in ein Krankenhaus gebracht haben, in dem bei mir eine vorübergehende Amnesie festgestellt wurde. Es hat lange gedauert, bis ich wieder laufen konnte und meine Erinnerung zurückkam. Ich habe mir geschworen, dass du dafür bezahlen wirst. Ich habe dir vertraut, bin mit dir nach Marokko geflogen und du….du willst mich eiskalt töten.“

Immer noch mit monotoner Stimme kommt sie auf mich zu. Ich gehe ein paar Schritte zurück, aber da ist die Wand. Ich weiß nicht was ich tun soll. Ich kann ja schlecht die Polizei rufen, was soll ich denen erzählen? Sorry, meine Schwester ist hier, welche ich eigentlich umgebracht habe? „Es tut mir leid“ flüstere ich, als würde das entschuldigen, was ich getan habe.

Dachtest du, du kommst damit durch? Stiehlst mein Leben, meinen Mann, einfach alles. Aber weist du was? Das Alles hat für mich keine Bedeutung. Der Grund, warum du sterben wirst, ist, dass durch dein egoistisches und selbstgefälliges Verhalten mein Kind tot ist.“

Ich starre sie an: „Was meinst du damit, dein Kind ist tot?“

Ich war schwanger, bis du mich da runter gestürzt hast. Dabei habe ich es verloren und dank der schweren Verletzungen, die ich mir durch dich zugefügt habe, kann ich auch keine Kinder mehr bekommen.“ Sie greift in ihre Tasche, zieht eine Waffe hervor und zielt auf mich.

Peng. Ein lauter Knall und meine Schwester geht zu Boden. Erschrocken drehe ich mich um, wer da geschossen hat. Es ist Jens, er steht in der Küchentür, ganz ruhig und schaut mich an.

Warum? Woher? Wie?“ tausend Fragen schießen mir durch den Kopf.

Ich wusste von Anfang an, dass du nicht Camilla bist. Du warst so anders, wusstest das Alles hier zu schätzen, mich zu schätzen, deswegen habe ich nichts gesagt. Bevor sie mit dir verreist ist, hatte ich vor, mich nach ihrer Rückkehr von ihr zu trennen, aber dann standst du vor mir und ich dachte, warum nicht. Ich habe mich in dich verliebt und ich konnte nicht zulassen, dass Camilla dich umbringt und ihren Platz wieder einnimmt.“

Ich bin sprachlos und zugleich berührt von seinen Worten.

Er will, dass ich bleibe, dass ich bei ihm bleibe und dass ich weiter meine Rolle spiele.

Ich bin Camilla.

 

 

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