KeSchmDeine Hand, mein Blut

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Mit einem noch immer unwohlen Gefühl öffnete Ingeborg die mittlerweile eigentlich vertraute Tür zu dem großen Gebäudekomplex, in dem ihr Arbeitsplatz lag. Sie fand sich auf dem langen, öden Flur mit dem grauen Teppich wieder und schritt ihn hinunter bis zu ihrem Büro. ‚Ingeborg Schneidel und Hannelore Reiter‘ stand auf einem weißen, quadratischen Infoschild neben der Tür. Ihr Arbeitsplatz war passend zu ihren Aufgaben trist gestaltet, doch das war in Ordnung.

Ingeborg öffnete die graue Tür und trat mit einem „Guten Morgen“ in ihr Büro. Es empfingen sie ein bequemer, wenn auch schwarzer Bürostuhl und ihre Kollegin, die mit einer monotonen Stimme das „Guten Morgen“ erwiderte. Kaum hatte sich Ingeborg auf ihren Stuhl niedergelassen, fiel ihr ein großer, himmelblauer Umschlag in die Augen, der auf ihrem Schreibtisch lag. Er trug den Stempel „Privat.“

Hannelore bemerkte ihren fragenden Blick und erklärte lustlos, ohne von ihrem Computer aufzuschauen: „Der war heute für dich in der Post. Es ist nicht gerne gesehen, hier private Post zu empfangen.“ Ingeborg wurde schlagartig schlecht. ‚Private Post…‘, hallte es in ihrem Kopf. „Ja klar.“, sagte sie mit größter Mühe, so gelangweilt und damit normal wie möglich zu klingen.

Private Post… ausgerechnet heute… dem 16. November… Es musste jemand recherchiert haben, wo sie arbeitete. Und ihre Geschichte kennen. Es konnte doch kein Zufall sein, ausgerechnet heute. Sie kannte hier weit und breit niemanden. Jahrelang hatte sie alle Kontakte abgebrochen und gemieden, niemand sollte sie finden können.

Plötzlich war die Angst wieder da. Die Angst, die sie so weit verdrängt hatte, dass sie den Mut gehabt hatte, sich einen Job zu suchen. Seit drei Wochen nun betrat sie jeden Morgen dieses muffige und trostlose Gebäude. Sie führte einfache Arbeiten aus, tippte Tabellen in den Computer ab, das war gut. Alles war gut. – Nur nicht diese private Post. Heute.

Sie nahm den Umschlag hastig in die Hand, zerknitterte ihn durch ihre grobe Art und ließ ihn schnell in ihrer Schublade verschwinden. Hannelore blickte irritiert von ihrem Rechner auf. Ingeborg lächelte nur kurz unbeholfen, drehte dabei heimlich den Schlüssel der Schublade um und legte ihn beiseite.

In dem Umschlag hatte sie etwas Dickes ertasten können. Sie wusste nicht, was es sein könnte, aber sie ahnte, dass es nichts Gutes war.

Hannelore schien schon wieder das Interesse verloren zu haben und notierte sich etwas auf einem kleinen Zettel, ehe sie ihren Blick wieder einzig und allein dem Computer schenkte.

Ingeborg versuchte von außen so ruhig wie möglich zu bleiben, doch ihr Atem ging schnell und ihr Puls wollte sich nicht beruhigen. Statt eine der langen Tabellen auf ihrem Computer zu öffnen, recherchierte sie mit zittrigen Fingern ihren eigenen Namen: ‚Ingeborg Schneidel‘.

Es durfte kein Ergebnis auftauchen. Unter keinen Umständen. Doch als die Liste der Treffer erschien, fand sie sich wieder. Klar, unter „Elitron GmbH“. Das Unternehmen hatte sie als Mitarbeiterin eingetragen.

Unerträgliche Übelkeit überkam sie. Wie hatte sie nur so dumm sein können? Sie nahm den Schlüssel, öffnete die Schublade, nahm den dicken Umschlag heraus und verließ schnellen Schrittes das Büro. Ihren grauen Mantel ließ sie liegen.

Plötzlich war ihr das hier alles gleichgültig. Wer war sie schon? Ein unwichtiger Niemand unter vielen anderen hatte sie hier sein wollen, doch das war sie nicht. Ihre Vergangenheit haftete fest an ihr und ließ sich nicht abstreifen.

Sie hastete aus dem Gebäude heraus und blieb erst einige Meter weiter in einer sichtgeschützten Ecke hinter einem weiteren Bürokomplex schweißgebadet stehen.

Sie zerriss den Umschlag und es fielen eine schwarze Kassette und zwei Fotos heraus.

Sie beugte sich hinunter, um die Kassette und die Fotos einzusammeln. Dabei schauten sie auf dem einen Foto zwei kleine Jungen an, etwa fünf Jahre alt mussten sie sein. Ingeborg erkannte ihn sofort. Ihren Sebastian. Tränen rannen über ihr Gesicht. Sie nahm das Foto in die Hand und streichelte ihren Sohn auf dem Bild. Neben ihm saß sein bester Freund Julius. Sein einziger Freund. Bis zu jenem 16. November. Sebastians Todestag.

Plötzlich durchzuckte sie es am gesamten Körper. Schnell schaute sie sich um. Beobachtete sie jemand? Verfolgte sie ihr Mann? Ihr Mann, der mittlerweile aus der Haft entlassen sein musste?

Sie hob nun auch das zweite Foto auf. Abgebildet war eine Frau, die entlang einer Straße zwischen großen Gebäudekomplexen entlang lief und einen grauen Mantel trug. Dabei fokussierte das Foto die Hände der Frau. Durch den Tränenschleier vor ihren Augen, lies sie den Blick auf ihre eigenen Hände fallen. Sie zitterten unaufhörlich. Und waren die gleichen wie die auf dem Bild. Sie war die Frau auf dem Bild. Ingeborg drehte das Foto um und las die unsaubere Handschrift auf der Rückseite: ‚Nie wieder!‘

Panisch schaute sie sich wieder um: Keiner zu sehen. Nur die betonierten und verlassenen Straßen zwischen den grauen Gebäudekomplexen. Er musste sie beobachtet haben. Hinter jedem Gebäude konnte er stehen, konnte er auf sie warten.

Ingeborg nahm die Kassette und die Fotos fest in die Hand, stand auf und rannte los, so schnell sie ihre Beine in den hohen Schuhen tragen konnten. Immer wieder schaute sie zurück, doch sie entdeckte niemanden. Das Gefühl jedoch, verfolgt zu werden, blieb.

Ingeborg keuchte und rang  nach Luft, aber lief immer schneller. Die Gewissheit, vor der Vergangenheit nicht wegrennen zu können, hatte sie dabei stets im Nacken. Sie streifte ihre Schuhe ab und lief über die dreckigen Straßen immer weiter, bis sie an ihrem Haus angelangt war. Hastig kramte sie ihren Schlüssel aus der Hosentasche und riss die Haustür auf. Sie trat mit ihren schmerzenden Füßen ein und schlug schnellstmöglich die Tür hinter sich wieder zu.

Vollkommen außer Atem ließ sie sich an der Tür niedersinken. Sie legte die Kassette und die Fotos neben sich ab und atmete tief durch. Foxi, ihr kleiner Hund trottete gemächlich durch den Flur in die Küche zu seinem Fressnapf. Seine Augen würdigten Ingeborg keines Blickes. „Selbst mein Hund hasst mich.“, flüsterte sie und ihr Blick fiel wieder auf die Kassette.

In ihrer sitzenden Position kam sie gerade eben noch an die unterste Schublade der Kommode neben der Tür. Unter Anstrengung kramte sie einen alten Kassettenrekorder hervor. „Aus einem anderen Leben.“, dachte sie. Es war Bastis Rekorder gewesen. Oft hatten er und Julius Hörspiele aufgenommen und sie danach ausgetauscht.

Foxi schlich von der Küche durch den Flur zurück ins Wohnzimmer. Auf seinem linken Hinterbein hinkte er und sein linkes Ohr hing schlaff herab. Ingeborg stellte den Rekorder neben sich hin und legte die Kassette ein. Mit zittrigen Fingern drückte sie die große rote Taste „Play“.

Zuerst hörte sie auf dem Band nur Rauschen. Dann erklang eine junge Kinderstimme: „Da holte die Bienenmama tief Luft und flog gaaanz weit über die großen Blumenfelder, um für Pieksi Nektar zu sammeln und…“ Plötzlich begann der Junge panisch zu schreien. Ingeborg erschrak, ihr Puls schnellte in die Höhe und sie drückte hastig den Stopp-Knopf, sodass der Rekorder umkippte.

Natürlich hatte sie seine Stimme erkannt, Bastis liebevolle Stimme. Und seine Schreie. Sie erinnerte sich an seine braunen Locken und seine dunklen Augen, die sie unschuldig ansahen. Sein breites Lachen aus den glücklichen Momenten in seinem Leben. Doch diese Bilder blitzten nur kurz auf. Sie wurden abgelöst von dem Bild eines Jungen mit schmerzerfülltem Gesicht, der schrie und dessen Schrei verstummte, ein großes Schneidemesser in seinem Nacken. Die weit aufgerissenen Augen und das viele Blut. Und am Griff des Schneidemessers die Hand ihres Mannes. Jegor.

Warum hatte sie nicht gehandelt? Es hätte alles gut werden können. Bastis fröhliche Stimme wäre nicht verstummt. Die schöne Stimme, die aus einem leidenden Körper sprach. Ein kleiner Junge, der nie kurze Hosen und Shirts tragen durfte. Dem sie erklärt hatte, dass alles ganz normal sei. Sie hatte seine angsterfüllten Augen gesehen und im entscheidenden Moment doch weggeschaut. Sie spürte die Wut in sich aufsteigen. Die Wut, dass sie nicht rechtzeitig die Reißleine gezogen hatte und die Wut, dass kein Außenstehender hingesehen hatte. Die Wut, dass ihr Mann dem wichtigsten in ihrem Leben den Tod in den Nacken stach.

Schreiend schlug sie mit der Faust auf den Boden. Den Schmerz spürte sie nicht. Aber es folgte die Angst, dass sie jemand gehört haben könnte. Die Erkenntnis, dass der Unbekannte auch ihre Privatadresse ausfindig machen konnte, dass ihr Mann ganz in der Nähre war.

Ingeborg sprang auf und rannte zur Terassentür. Sie rüttelte fest an ihr: Verschlossen. Dann überprüfte sie jedes Fenster im Erdgeschoss. Immer wieder blickte sie sich um mit dem Gefühl, es stünde jemand hinter ihr. Es fehlte nur noch das Fenster in der Küche. Erschrocken stellte sie fest, dass es gekippt war. Sie hechtete zum Fenster und knallte es zu. Mit aller Kraft drehte sie den Fenstergriff, der eigentlich leichtgängig war, doch das Feingespür hatte sie verloren. Ihr Puls raste und ihre Hände zitterten.

Dennoch wiegte sie sich nun in Sicherheit und ließ sich auf den Stuhl in der Küche sinken. Da hörte sie plötzlich ein Klacken. Es kam von der Haustür. Wie ein Schlag traf sie die Erkenntnis, dass sie die Haustür nur zugeschlagen, aber in ihrer Eile nicht wieder abgeschlossen hatte. Instinktiv eilte sie in die hinterste Ecke des Wohnzimmers, die von der Haustür am entferntesten lag. Der Hund hinkte von ihr weg.

Sie hörte Schritte ins Haus kommen. Jegor hatte sie also gefunden. Die Angst durchflutete ihren gesamten Körper. Sie schwitzte und fror, zitterte und war wie gelähmt. Die Schritte kamen durch den Flur geradewegs auf das Wohnzimmer zu. Furchterfüllt schaute sie auf die geöffnete Tür zum Flur. Sie erwartete das mit Hass erfüllte Gesicht ihres Mannes.

Die Schritte waren nun so nah, dass er jeden Moment durch den Türrahmen schauen würde. Und dann sah sie eine Axt im Türrahmen hervorblitzen.

Ingeborg kauerte sich zusammen. Der Axt folgte ein groß gewachsener Mann. Aber nicht ihr Mann, nicht Jegor. Ein Fremder. In der rechten Hand hielt er die Axt und in der Linken den Kassettenrekorder, der neben der Haustür gelegen hatte.

Der Fremde ließ seinen dunklen Blick langsam durch das Wohnzimmer gleiten, bis er schließlich Ingeborg entdeckte. Mit einem hämisches Grinsen sprach er Ingeborg an: „Du kannst nicht fliehen“, seine Stimme klang rau und tief. „Nicht vor der Vergangenheit.“

Ingeborg kannte diese Stimme nicht, aber die Nase, die Augen… Irgendetwas daran kam ihr bekannt vor. Der junge Unbekannte warf ihr den Rekorder entgegen. „Höre es dir an!“, befahl er mit strengem Blick. Dann trat er einige Schritte auf Ingeborg zu. Seine glänzende Axt richtete er mit der scharfen Kante zu Ingeborg.

Dieser Gang, das leicht schlaksige, die leicht nach außen ragenden Füße….

„Du?“, flüsterte Ingeborg kaum hörbar. Sie wusste nun, wer dort vor ihr stand.

„Hör es dir an!“, schrie dieser Mann erneut und Schaum quoll aus seinen Mundwinkel hervor.

Ingeborg traute sich nun, vorsichtig ein Stück hervorzukriechen und sich etwas aufzurichten. „Warum? Was willst du von mir?“, fragte sie. Dabei zitterte ihre Stimme mehr als Ingeborg geglaubt hatte. Dann schaute sie dem Mann tief in die Augen und ergänzte: „Julius.“

Ingeborg meinte ein Erstaunen im Gesicht des jungen Mannes zu erkennen. Er neigte den Kopf leicht zur Seite, schaute sie aber weiterhin mit strengen Augen an.

„Du hast mich also erkannt.“, sagte er. Seine raue Stimme ließ keine Ähnlichkeit mehr mit seiner Kinderstimme zu. „Aber hast du auch deinen Sohn erkannt?“ Julius rümpfte die Nase und schob sein Kinn nach vorne. Aus seinen Augen sprach die Wut. Langsam machte er wieder einige Schritte auf Ingeborg zu, dabei hob er die Axt weiter an. „Oder hast du ihn verdrängt?“, schrie er ihr nun entgegen.

Ingeborg antwortete im weinerlichen Ton: „Natürlich. Wie könnte eine Mutter die Stimme ihres Sohnes nicht wiedererkennen?“ Plötzlich holte Julius aus und schlug mit der Axt. Auf den Boden. Durch die leere Luft. Reflexartig wich Ingeborg zurück. Ihr Körper folgte den Überlebensinstinkten, doch ihr Geist… der war sich nicht sicher, ob er diese Situation überhaupt überleben wollte. Zu schwer lastete die Vergangenheit auf ihm, die nun mit aller Gewalt wieder hervor geboxt wurde.

„Du warst keine Mutter!“, schrie ihr Julius entgegen. Er trat gegen den Rekorder, um ihn direkt vor Ingeborg zu schleudern.

„Hör es dir an!“, befahl er erneut und hielt dabei die Axt drohend vor sie. Dunkel flüsterte er zu ihr: „Lange habe ich nicht verstanden, nicht verstehen können, was ich dort höre.“ Seine Augen durchstachen ihren Körper dabei regelrecht. „Jegor wurde diese Woche aus der Haft entlassen. Erst als ich ihn sah, ein gebrochener Mann, da begriff ich.“

Langsam bewegte sie ihre zitternde Hand zu dem Rekorder und drückte „Play“.

Sebastians Schreie auf dem Band waren unerträglich. Er weinte und bettelte: „Bitte nicht, bitte nicht.“ Dann ertönte eine Frauenstimme, die ruft: „Sei ruhig!“ Zuletzt nur noch ein völlig verzweifelter Schrei eines kleinen Jungen, dessen Leben endete, ohne je richtig begonnen zu haben: „Nein nicht, Mama!“ Der Rekorder stoppte, das Band endete.

Ingeborg wurde übel. Es war ihre eigene Stimme, die sie auf dem Band gehört hatte. Dem Band, das sie an ihre unendliche Schuld erinnerte. An ihre Liebe zu Basti, die sie von Schlägen überschatten ließ.

Julius holte nun mit der Axt weit aus. „Es war Jegors Hand, die Basti tötete, aber dein Blut, das an ihr klebte!“ Sein Kopf wurde tief rot und seine Finger krallten sich so fest um die Axt, dass sie weiß wurden.

Wimmernd lag Ingeborg nun da. Kein Rekorder hatte aufgezeichnet, wie damals, am 16. November, die Situation eskalierte. Wie sie, Ingeborg immer heftiger auf ihren eigenen Sohn einschlug, wie er schrie und keuchte. Wie ihr Mann an diesem Tag fest entschlossen war, seinem Sohn zu helfen. Wie er nach dem Schneidemesser griff, um seinem Sohn zur Hilfe zu eilen. Wie er ausholte, um Ingeborgs Hand zu verletzen, seinem Sohn zu helfen. Doch Ingeborgs Hand holte zum Nackenschlag aus, Jegor peilte sie an, stach zu und verfehlte ihre Hand. Das Messer traf in den Nacken seines Sohnes. Ingeborg schauerte.

Für die Behörden war die Sache klar gewesen: Ein Mann, der jahrelang seinen Sohn misshandelte und ihn schließlich erstach. Eine Frau, die ihrem Sohn zur Hilfe eilte, aber zu spät kam. – Nur so war es nicht gewesen.

Julius scharfe Augen blickten auf sie herab und vorwurfsvoll warf er ihr die Worte entgegen: „Du hast mir meinen besten Freund genommen!“ Angewidert spuckte er sie an. „Aber damit nicht genug!“, lachte er voller Abscheu. „Du hast ein junges Leben nicht nur beendet, sondern auch dafür gesorgt, dass es nie richtig beginnen konnte. Und du hast das Leben eines Mannes zerstört, der wirklich ein Vater war.“

Recht hatte er. Das wusste Ingeborg. ‚Er soll es beenden. Mir den Tod schenken.‘, dachte sie verzweifelt.

Julius wandte den Blick von ihr nicht ab. Laut sog er Luft ein und sagte: „Ich hätte alles verhindern können. Oder zumindest Jegor entlasten können. All‘ die vielen Jahre, hatte ich das Beweismittel im eigenen Schrank liegen!“ Nun begann er zu schluchzen. „Ich konnte für Basti nicht einmal ein guter Freund sein. Zu doof war ich, um zu verstehen, dass diese Kassette seine Rettung gewesen wäre. Oder zumindest Jegors Rettung.“ Nun begannen Tränen über Julius Gesicht zu laufen. Die Axt hielt er weiter fest in der Hand. „Zu doof!“, schrie er nun verzweifelt. „Erst als Jegor seelisch zerbrochen zurückkehrte, begann ich an seiner Schuld zu zweifeln und begriff, was mir diese Kassette all‘ die Jahre hat mitteilen wollen.“ Die Wut kehrte in seine Augen zurück. Er holte zum Schlag mit der Axt aus und rief mit hochrotem Kopf: „ Das tust du nie wieder! Durch deine Hände wird nie wieder jemand Schaden nehmen!“ Er ließ die Axt hinunterschnellen auf Ingeborgs linke Hand. Die glänzende Klinge durchtrennte ihre Sehnen und den Knochen. Sie schrie auf. Die Schmerzen waren unerträglich. Dann hob Julius erneut die nun blutige Axt und ließ seine Wut aus, indem er ein zweites Mal zuschlug. Er traf ihren rechten Unterarm und die Axt durchschlug ihn.

Ingeborg schrie aus voller Kehle, um den Schmerz zu ertragen. Julius nahm die Axt wieder auf und legte sie nun zur Seite. Seine Wut hatte er ausgelassen.

Nun schaute der Hund hinter dem Sofa hervor, hinter dem er sich versteckt haben musste und eilte zur Tür, so schnell es sein hinkendes Bein erlaubte. Julius sah den Hund, schaute ihm nach und richtete seinen Blick anschließend wieder auf Ingeborg. Um ihre Arme hatte sich eine Blutlache gebildet.

„Nun also der Hund.“, stellte Julius traurig fest. Er wandte sich von Ingeborg ab und lief in den Flur. Die Schmerzen waren unerträglich, Ingeborg erhoffte sich die Ohnmacht, den Tod. In dieses Leben wollte sie nicht zurückkehren.

Dann kam Julius wieder. Er hielt das Telefon in der Hand, wählte eine Nummer und legte es neben Ingeborg. „Notrufzentrale München“, erklang aus dem Hörer.

Julius schaute sie eindringlich an und Ingeborg verstand. Die Gnade des Todes sollte ihr nicht geschenkt werden. „Ingeborg Schneidel. Ich brauche einen Notarzt in den Giebelweg 2.“, stammelte sie mit letzter Kraft, bevor sie die Ohnmacht überfiel.

Julius nahm den Hund und verschwand durch die Haustür, aus der er gekommen war.

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One thought on “Deine Hand, mein Blut

  1. Hallo, tolle Geschichte! Die Handlung spielt anscheinend in einer anderen Zeit, das war Mal etwas anderes. Mit Deinem Schreibstil konntest Du gut Spannung erzeugen und es wurde nicht langweilig. Die Idee dahinter finde ich interessant. Manche Textstellen taten weh beim Lesen, weil sie so grausig waren, so soll es sein! 👍 Dir ist es auch gut gelungen ein paar überraschende Wendungen einzubauen. 👏
    Hab Dir ein Herz da gelassen. ♥️

    Vielleicht möchtest Du ja auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen, dann würde ich mich sehr freuen! 🖤
    Liebe Grüße, Sarah! 👋 (Instagram: liondoll)

    Link zu meiner Geschichte: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stumme-wunden?fbclid=IwAR1jjPqPu0JDYk0CBrpqjJYN78PYopCEU1VGdqzCvgp7O4jnGKQSFdS6m6w

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