isabelwDer Anästhesist

„Bis morgen, Kaja!“, rief Stephan und war schon aus der Tür raus. Sie war wieder einmal die Letzte, die noch im Büro saß. Die Uhr auf ihrem zweiten Bildschirm zeigte 20:32 an. „So spät schon?“, erschrak sie und schaltete den Computer aus. Aber wenigstens hatte sie es geschafft, die Korrekturen der Frühjahrsvorschau noch rechtzeitig an die Grafikabteilung zu schicken und das Lektorat abzuschließen, das sie schon seit Wochen vor sich hergeschoben hatte. Womöglich wurde das Buch doch noch was, wenn der Autor mit den letzten Änderungen einverstanden sein würde. Gedankenflüsse mochten seit Virginia Woolf und James Joyce zwar wieder einen Aufschwung erleben, aber Satzzeichen sollte man trotzdem nicht unterschätzen. Kaja hatte sich mit den Korrekturen sogar zurückgehalten.

Sie schmiss ihre Geldbörse in die Tasche, zog ihren Mantel über und schaltete das Licht ihres Einzelbüros aus. Einer der Vorteile als Star-Lektorin des Verlages war es, einen Raum ganz für sich zu haben. Als sie schon beinahe das Treppenhaus erreicht hatte, hörte sie ihr Handy vibrieren. „Shit“. Sie musste es liegen gelassen haben. Gleich machte sie kehrt und ging zügig zurück in ihr Büro. Wieder der Vibrationston. Wer schickte denn so viele Nachrichten hintereinander? Sie schaute direkt unter den Tisch. Normalerweise vergaß sie es da, wenn sie es zum Aufladen angesteckt hatte, das Ladekabel war so kurz, dass sie das Smartphone auf den Boden legen musste. Aber da war es nicht. Es vibrierte noch mal. Auf dem Tisch. Aber auch da fand sie es nicht. In der hinteren Ecke des Tisches lag ein Stapel mit Manuskripteinsendungen, der täglich höher wurde. Die Praktikantin hatte auch heute wieder mindestens zehn Umschläge dazugelegt. „Muss denn jeder ein Buch schreiben?“, dachte sich Kaja und öffnete die oberste Schreibtischschublade. Kein Handy. Plötzlich klingelte es in ihrer Handtasche, die sie die ganze Zeit an der Schulter hängen hatte. „So blöd kann man doch nicht sein!“, sagte sie sich laut und verdrehte die Augen. „Schatz?“, fragte Julian, als sie ranging. „Es tut mir leid, ich bin schon auf dem Weg!“, antwortete Kaja. Ihr Mann war es gewohnt, dass sie manchmal spät aus der Arbeit kam, aber sie bereute es jedes Mal. „Die Kleine hätte dich gerne noch gesehen, aber sie war so müde, dass sie jetzt schon eingeschlafen ist.“, erklärte Julian. „Ich weiß, es ist wieder viel zu spät. Ich wollte gerade los, als …“ Kaja hielt inne, als auf dem Schreibtisch wieder etwas vibrierte. „Kaja?“, fragte Julian. „Schatz, ich fahr jetzt los, bin in zwanzig Minuten zu Hause.“, beendete Kaja das Telefonat und begann die Umschläge mit den Manuskripten einzeln hochzuheben. Darunter musste irgendwas sein. Der dritte Umschlag war außergewöhnlich schwer. Kaja nahm den Brieföffner, der im Stifthalter steckte, und öffnete den braunen A4-Umschlag. Darin befand sich kein Blatt Papier, aber dafür ein Smartphone. Kaja legte ihre Tasche auf den Schreibtisch und nahm das Handy vorsichtig aus dem Umschlag. Auf dem Sperrbildschirm zeigte es sechs neue Nachrichten an. „Wer schickt denn bitte ein Handy per Post?“, dachte sich Kaja. Sie sah sich noch mal den Umschlag an, er war an den Verlag, z. H. Kaja Schwarzmann adressiert, ohne Absender. Als sie auf den Homebutton des Handys drückte, entsperrte sich das Smartphone direkt. War etwa ihr Fingerabdruck eingespeichert? „Nein, es ist einfach nicht gesperrt, beruhige dich, Kaja.“, sagte sie laut und kam sich lächerlich dabei vor.

Sie sah sich kurz im Büro um und öffnete die erste Nachricht. Es war ein Foto. Ein Foto von ihr, wie sie sich einen Kaffee am Kiosk direkt neben dem Verlag holt. Auf dem zweiten Foto war wieder sie, wie sie aus ihrem Auto steigt. Das dritte zeigte sie beim Verlassen ihres Hauses, das vierte mit ihrer Tochter Luisa. Jemand hatte sie beobachtet, und zwar seit Wochen. „Was soll das?“, fragte sie laut. Kaja öffnete die nächste Nachricht: wieder ein Foto. Dieses war aber anders. Es wirkte beinahe gestellt. Sie selbst vor einigen Jahren bei einem Interview. Und es dauerte keine drei Sekunden, da wusste Kaja, welches Interview es war. Eines über das Buch „Der Anästhesist“.

Der Autor hatte es mit einem Pseudonym veröffentlicht. Die wenigen Interviews an die Presse gab Kaja damals als dessen Lektorin, da die Enthüllungsgeschichte eines Arztes sehr heikel gewesen war. Namen wurden geändert, die Geschichte als fiktiver Roman verkauft, aber die Zeugen waren echt und die Erlebnisse wahr. Kaja hatte damals viel Überzeugungskraft gebraucht, um den Verleger dazu zu bringen, das Buch zu veröffentlichen. Im Nachhinein war es ein voller Erfolg, über 300.000 verkaufte Exemplare und Übersetzungen in 16 Sprachen. Nicht viele andere Bücher des Verlages hatten so einen Erfolg feiern können. Die Entscheidung, dieses Buch zu veröffentlichen, hatte Kaja schließlich zu der erfolgreichen Lektorin gemacht, die sie jetzt war.

Sie schluckte, eine Nachricht war noch übrig. Sie tippte sie an, um sie zu öffnen. „Oh mein Gott!“, entfuhr es ihr und sie ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen. Ihre kleine Tochter seelenruhig schlafend in ihrem Bett mit der Eisköniginnen-Bettdecke. Daneben eine Tageszeitung mit dem heutigen Datum. „Luisa!“, schrie Kaja und holte zitternd ihr eigenes Telefon wieder aus der Tasche. Es klingelte nur einmal, dann meldete sich Julian: „Ich habe mich schon gefragt, wo du bleibst. Es ist schon wieder fast eine halbe Stunde um.“ Wie lange hatte Kaja auf diese Fotos gestarrt? Aber das spielte jetzt keine Rolle. „Wo ist Luisa?“, rief Kaja aufgebracht. Julian schien erschrocken: „Was ist los? Sie schläft in ihrem Zimmer. Wo soll sie denn sein? Ist etwas passiert? Geht es dir gut?“ „Sieh sofort nach!“, rief Kaja, griff nach ihrer Tasche und rannte aus dem Büro. Das zweite Handy hatte sie in ihre Manteltasche gesteckt.

„Ihr geht es bestens.“, flüsterte Julian, der gerade in Luisas Zimmer lugte. „Sie schläft tief und fest.“ „Gott sei Dank!“, atmete Kaja aus. Sie war schon ins Auto gestiegen und losgefahren. „Ich habe heute ein Handy zugeschickt bekommen und da ist ein Foto von Luisa drauf, wie sie in ihrem Bett schläft und eine heutige Zeitung danebenliegt.“, erklärte Kaja. „Was?“, Julian schien wieder in einem anderen Raum zu sein, denn er sprach lauter. „Wir haben nicht mal eine Zeitung im Haus. Und ich war die ganze Zeit bei Luisa, da hätte ich doch gemerkt, wenn jemand da gewesen wäre, bzw. ein Foto von ihr gemacht hätte.“ „Natürlich Schatz, ich weiß auch nicht … Können wir gleich weiterreden, wenn ich zu Hause bin?“ „Klar, fahr vorsichtig. Ich liebe dich!“, sagte Julian und legte auf.

Kaja ging direkt in Luisas Zimmer, als sie zu Hause ankam und vergewisserte sich, dass es ihrer kleinen Tochter gut ging. Sie zog das Handy aus der Manteltasche und schaute sich das letzte Foto nochmals an. Julian hatte recht, sie hatten nie eine gedruckte Zeitung im Haus. Bei periodischen Medien akzeptierte Kaja die Digitalisierung, nur Bücher las sie noch nicht auf E-Readern. Außerdem trug Luisa heute ihren rosa Schlafanzug und nicht den grünen. Auf dem Foto war ganz deutlich das grüne Oberteil mit dem Pferdekopf darauf zu erkennen. „Darf ich mir das Foto mal ansehen?“, flüsterte Julian, der im Türrahmen stand. Kaja gab ihrer Tochter einen Kuss und verließ mit ihrem Mann das Kinderzimmer. Sie reichte ihm das Handy. Julian setzte sich an den Küchentisch und betrachtete das Foto, während Kaja ihren Mantel und die Handtasche in die Garderobe brachte. „Das ist sicher eine Fotomontage. Hast du schon versucht, eine Nachricht zurückzuschicken?“ Kaja schüttelte den Kopf: „Nein, es ist alles so schnell gegangen. Als ich das Foto von Luisa gesehen habe, bin ich panisch geworden. Versuch es mal.“ Julian tippte eine Nachricht in das Smartphone. „Was ist sonst noch drauf?“, fragte er dann. „Keine Ahnung, ich habe nur die Fotos angeschaut, die der Kranke mir geschickt hat.“ Sie holte sich ein paar Tomaten aus dem Kühlschrank. „Nichts“, sagte Julian, „Keine anderen Fotos, keine weiteren Apps, keine Kontakte … oh doch … ein Kontakt.“ „Welcher?“, fragte Kaja und stellte sich hinter Julian, um ins Handy sehen zu können. „Wer ist Konrad L. Spinner?“, fragte Julian. Kaja wurde beinahe schwindelig. „Ehm, das ist das Pseudonym des Autors, der Der Anästhesist geschrieben hat.“ „Das Buch, das du lektoriert hast und so erfolgreich war? Das war doch schon einige Jahre, bevor wir uns kennengelernt haben.“ „Ja, ist schon fast zehn Jahre her. Eigentlich ziemlich genau zehn Jahre.“, sagte Kaja. „Was wollen die dann jetzt damit?“. „Ich habe keine Ahnung.“, Kaja schüttelte den Kopf und setzte sich auch an den Tisch. „Sollen wir mal anrufen?“, fragte Julian, „Wer ist denn der Autor?“. „Das ist eigentlich unwichtig. Er wollte nie an die Öffentlichkeit und will es auch immer noch nicht.“, erklärte Kaja. Julian verzog das Gesicht: „Warum sollte er dir dann das Handy schicken?“ „Der Autor hat es mir sicher nicht geschickt. Das wüsste ich. Und außerdem ist er ja als Kontakt abgespeichert und wenn es sein Handy wäre, wäre er nicht als Kontakt drin.“ „Stimmt auch wieder.“, sagte Julian. „Vielleicht vergessen wir das Ganze einfach und schmeißen das Handy weg. Oder wir bringen es zur Polizei.“, schlug Kaja vor.

„Könnten wir natürlich machen. Aber was willst du denen sagen? Mir hat jemand ein Handy geschenkt, der mich gestalkt hat und eine Fotomontage von meiner schlafenden Tochter sowie einen Kontakt eines Autors abgespeichert hat, den es gar nicht gibt?“ „Stimmt, die halten mich für verrückt. Kann man nicht nachvollziehen, woher es kommt?“, überlegte Kaja laut. Julian schüttelte den Kopf: „Der Ortungsdienst ist deaktiviert und Verläufe gibt es generell fast keine, das Smartphone wurde wahrscheinlich vor Kurzem erst komplett zurückgesetzt.“ „Okay, dann schalten wir es aus und sehen morgen weiter. Ich möchte einfach nur ins Bett.“, meinte Kaja und gähnte. Julian schob die Unterlippe nach vorne und zog Kaja zu sich: „Nein, aber jetzt will ich schon die Geschichte hinter diesem geheimnisvollen Buch wissen.“ „Lies es doch!“, sagte Kaja und gab ihrem Mann einen kleinen Kuss auf den Schmollmund.

 

„Hab ich sogar schon, vor ein paar Jahren. Darin geht es um einen Arzt der Patienten betäubt, um sie dann zu pflegen.“ „Pflegen ist gut.“, Kaja musste beinahe lachen: „Dieses kranke Schwein anästhesiert Frauen mit einer geringen Dosis, sodass sie noch ein bisschen reagieren, und geht dann mit ihnen zusammen unter die Dusche, wäscht sie, füttert sie und vergewaltigt sie teilweise.“ „Ja, ist halt ein Psychothriller.“, Julian zuckte mit den Schultern. „Na ja, veröffentlicht wurde es als Psychothriller. Aber eigentlich ist alles wahr.“, Kaja schaute ihren Mann in die Augen. Eigentlich wollte sie das nie jemanden sagen. Sie ließ die Tomaten auf dem Küchentisch liegen. Der Hunger war ihr irgendwie vergangen. „Wie, echt jetzt?“, Julian zog die Augenbrauen zusammen. „Und Konrad L. Spinner ist dieser Arzt, oder wie?“ „Nein! Der doch nicht!“, Kaja schüttelte den Kopf. Sie setzte sich auf die Couch, die am anderen Ende der Wohnküche stand, und zog sich eine Decke über die Knie. „Also.“, begann sie, „ich erzähle dir ein bisschen den Hintergrund dieses Buches, aber du darfst es niemals weitersagen. Das war die Vereinbarung, damit der Verlag es publizieren durfte.“ „In Ordnung. Ich schweige wie ein Grab.“, sagte Julian, setze sich ans andere Ende der Couch und schaute seine Frau gespannt an.

„Der Autor war zufällig auf die Geschichte gestoßen. Eine gute Bekannte, die Psychologin war, hat ihm von einer Patientin erzählt, die dem Anästhesisten zum Opfer gefallen war. Das Opfer selbst wollte nicht zur Polizei gehen und die Psychologin durfte es nicht wegen der ärztlichen Schweigepflicht.“ „Na diese Schweigepflicht hat sie ja gut eingehalten, wenn sie dem Autor davon erzählt hat.“, lachte Julian. „Eben! Das war auch ein Grund, warum im und rund ums Buch keine richtigen Namen verwendet wurden.“, erklärte Kaja. Julian nickte. „Jedenfalls war der Autor der Meinung, dass diese Geschichte an die Öffentlichkeit sollte und da er keine handfesten Beweise hatte, machte es keinen Sinn, damit zur Presse zu gehen.“ „Also dachte er sich, warum nicht einen Roman darüber schreiben?“, fragte Julian ungläubig. „Ja, so ungefähr.“, Kaja zuckte mit den Schultern, „Jedenfalls ist er zu mir gekommen.“ „Und warum ausgerechnet zu dir?“ „Keine Ahnung.“, sagte Kaja. „Ich habe mit meinem Verleger gesprochen und ihn wenigstens so weit gebracht, dass er das Manuskript lesen wollte, sobald es fertig war.“ „Und dann?“, fragte Julian. „Ja und dann ging es los: Der Autor begann zu recherchieren und fand über das Krankenhaus, in dem der betroffene Arzt arbeitete, vier Opfer. Sie waren alle wegen irgendeiner Kleinigkeit im Krankenhaus gewesen und kurze Zeit später suchte sie der Anästhesist zu Hause auf, als sie allein waren, betäubte sie dort leicht und machte kranke und teilweise schreckliche Dinge mit ihnen. Alle Schandtaten sind im Buch genauestens beschrieben. Und das Schlimmste ist, die Leser lieben es! Mein Verleger hat es auch geliebt und beschlossen, es zu veröffentlichen.“ „Und die Opfer wollten keine Beteiligung am Verdienst des Autors durch den Erfolg des Buches?“, fragte Julian erstaunt. „Kann sein, dass der Autor ihnen etwas davon abgegeben hat, oder auch den Großteil seines Honorars.“, Kaja zuckte wieder mit den Schultern. „Was heißt das?“, hakte Julian nach. Kaja schaute ihm in die Augen: „Keine Ahnung, was interessiert es dich?“. „Nur so, finde ich spannend.“, antwortete Julian.

„Ich verstehe nicht, warum keines der Opfer jemals zur Polizei gegangen ist, wenn es so schlimm für sie war.“, sprach Julian weiter. „Das ist doch oft so, dass Gewalt- oder sogar Vergewaltigungsopfer sich schämen und deshalb keine Anzeige erstatten. Und das Honorar, das ihnen der Autor weitergegeben hat, wird ihnen vielleicht genügt haben.“, erklärte Kaja. „Ja okay, aber was ist dann jetzt mit dem Arzt? Vielleicht ist er derjenige, der dir das Handy geschickt hat.“, fragte Julian weiter. „Nein, das ist nicht möglich.“, sagte Kaja leise. „Und zwar weil …“, drängte Julian seine Frau, weiter zu reden. „Weil er tot ist.“, Kaja schaute ihn an. „Aha, und seit wann und woher weißt du das?“ „Warum willst du denn das alles so genau wissen?“, stellte Kaja eine Gegenfrage. „Weil ich dein Mann bin und wir keine Geheimnisse voreinander haben sollten. Findest du nicht?“ „Aber das hat dich doch sonst noch nie interessiert.“, schnaubte Kaja. „Tja, jetzt würde ich es aber gerne wissen. Und außerdem hast du es mir nur noch nie erzählt, ich hätte es schon lange gerne gewusst.“, Julian schmunzelte. „Also?“

Kaja setzte neu an: „Als das Buch herauskam, ging es nicht sofort durch die Decke. Da hat der Autor dem Arzt, glaube ich, ein Exemplar zukommen lassen, damit er es auch sicher mitbekam.“ Julian schaute Kaja konzentriert an: „Und dann?“ „Wenige Tage später hat er sich umgebracht.“ „Jetzt haben wir`s!“, sagte Julian wenig überrascht. „Was?“, fragte Kaja ungläubig. „Du bist schuld, dass ein Mensch Selbstmord begangen hat.“, sagte Julian und lehnte sich zurück an die Außenlehne des Sofas. „Was, warum ich?“, zischte Kaja empört und warf die Decke in die Ecke. Sie stand auf: „Erstens hat der Autor ihm das Buch zukommen lassen und zweitens hatte der Anästhesist den Tod verdient, dieses eklige Dreckschwein.“

Bevor Julian noch etwas antworten konnte, ging Kaja ins Badezimmer. Sie putzte sich die Zähne und schminkte ihr Gesicht ab. Was war nur in Julian gefahren? Was war nur in sie gefahren, dass sie ihm das alles erzählt hatte? Wenigstens fehlte noch ein wesentliches Stück der ganzen Wahrheit. Morgen würde sie erst mal dieses Handy wegbringen. Sie holte ihr Nachthemd aus dem Schlafzimmer und ging wieder zurück ins Bad. Als sie ihre Bluse in den Wäschekorb schmiss, sah sie ganz unten etwas Grünes. Luisas Schlafanzug. Den hatte Kaja doch erst gewaschen. „Seltsam“, dachte sie sich. Dann kam ihr ein anderer Gedanke, den sie gleich wieder verschwinden ließ. Und trotzdem schlich sie auf Zehenspitzen zur Garderobe, neben der sich die Tür zur Abstellkammer befand. Kaja öffnete sie leise und öffnete den Deckel des blauen Recyclingeimers, auf dem „Papier“ stand. Direkt ganz oben lag die Tageszeitung mit dem heutigen Datum. Wie auf dem Foto.

„Julian!“, rief Kaja und rannte wieder in die Wohnküche. Da war er nicht. Und das Handy lag auch nicht mehr auf dem Küchentisch. „Julian!“, rief sie noch lauter und wollte in das Zimmer ihrer Tochter rennen, als ihr Julian mit der schlafenden Luisa auf dem Arm bereits entgegenkam. „Ja, mein Schatz?“, fragte er mit einem Unterton, der Kaja Gänsehaut verschaffte. „Was machst du da?“, fragte sie aufgeregt. Julian zuckte das Handy, das sie im Umschlag gefunden hatte, und antwortete ganz ruhig: „Ich habe mich entschlossen, Konrad L. Spinner trotzdem mal anzurufen. Glaubst du, er geht ran?“ „Julian, was soll das?“, Kaja versuchte, klar zu denken.

Kurz nachdem Julian das Smartphone an sein Ohr hielt, begann es hinter Kaja zu klingeln. Ihr eigenes Handy war immer noch in der Tasche, die an der Garderobe hing. „Na so was.“, sprach Julian seelenruhig weiter und machte keine Anstalten, aufzulegen. „Hab ich es doch gewusst. Konrad L. Spinner, K.L.S., Kaja Luisa Schwarzmann, so ein Zufall aber auch, Herr Bestsellerautor.“ Julian setzte sich langsam in Bewegung Richtung Balkon. „Ja, okay, ich bin Spinner, ich habe das Buch damals geschrieben, aber was hat das mit dir zu tun?“, Kaja holte das Telefon aus der Tasche. „Unbekannter Anrufer“ stand auf dem Display. Sie schaltete das Handy aus und trat wieder einen Schritt zurück in die Zimmermitte. Während Julian langsam weiterging, begann er immer lauter zu sprechen: „Was das mit mir zu tun hat? Das fragst du ernsthaft? Was weißt du über den liebevollen Arzt sonst noch, außer dass du ihn als ekeliges Dreckschwein bezeichnet hast?“ Kaja verstand die Welt nicht mehr: „Keine Ahnung, er war 34 Jahre alt, als er starb und er war offiziell in keiner festen Beziehung.“ „Ja, offiziell!“, schrie Julian, „weil er ein gut angesehener Arzt war und gut angesehene Ärzte, wenn sie nicht aus Grey`s Anatomy entspringen, offiziell – wie du es so schön nennst – keine Schwuchtel sein dürfen!“ Mittlerweile hatte er die Balkontür geöffnet. Luisa war trotz des Geschreis noch nicht aufgewacht. „Was? Was redest du denn da?“, fragte Kaja ungläubig. „Und was machst du auf dem Balkon?“

„Du hast mir die Liebe meines Lebens genommen, Kaja! Und jetzt nehme ich dir die Liebe deines Lebens.“ Er hob das Kind ganz langsam von seiner Schulter und streckte die Arme über das Balkongeländer aus. „Nein! Julian, um Gottes willen! Hol sie sofort wieder zurück!“, schrie Kaja und wollte losrennen. „Wenn du noch einen Schritt näherkommst, dann lasse ich deine Tochter los!“ „Luisa ist unsere Tochter!“, schrie Kaja voller Panik und brach in Tränen aus.

„Für mich war sie nie eine Tochter, ich habe sie immer nur als Racheobjekt angesehen. Von dem Moment an, als ich dich heute vor zehn Jahren auf der Beerdigung von Henrik gesehen habe, den schuldbewussten Ausdruck in deinen Augen, hatte ich dich durchschaut.“, Julian machte eine kurze Pause. „Es war alles genau durchdacht und bis ins kleinste Detail geplant. Zwei Jahre habe ich dich beobachtet, dich studiert. Ich hätte dich einfach umbringen können. Aber du hast Schlimmeres verdient!“ „Julian, ich wusste nicht … “, begann Kaja, aber ihr Mann redete weiter, und zwar auf eine Weise, wie sie es in den fünf Jahren Ehe noch nie gehört hatte. „Das zufällige Treffen im Café vor deinem Verlag, die Dates, die Hochzeit, die Liebe, alles inszeniert, erlogen. Durch dein schlechtes Verhältnis zu deinen Eltern, deine wenigen Freunde, die dir eigentlich alle nichts bedeuten, habe ich lange keine Person gefunden, die als Racheobjekt genügt hätte. Du kannst niemanden so lieben, wie ich Hendrik geliebt habe. Er war alles für mich, hat mir alles bedeutet, hat mich gerettet, als ich kurz davor war, mein Leben aufzugeben. Und dann kommst du und treibst ihn in den Tod. Deine Liebe zu einem Kind war die letzte Hoffnung, etwas zu finden, um mich richtig und wahrhaftig bei dir rächen zu können. Dafür musste ich zwar Geduld üben, aber schließlich hatte ich nichts mehr zu verlieren. Also habe ich gleich ein paar Jahre gewartet, damit du dich an die Kleine gewöhnst und deine Liebe zu ihr immer weiterwächst. So wie meine Liebe zu Henrik über die Jahre gewachsen ist. Und jetzt ist es endlich so weit. Ich kann es gar nicht genug genießen. Verabschiede dich von deiner geliebten Luisa.“ „Mama?“, hörte Kaja ihre Tochter verschlafen sagen. Die gesamte Erklärung von Julian hatte sie nur durch einen Schleier gehört, aber der Mutterinstinkt holte sie zurück ins Bewusstsein. „Gib sie mir Julian, du machst alles nur noch viel schlimmer, als es sowieso schon ist. Es tut mir leid! Wir können in Ruhe darüber reden. Bitte!“, flehte sie. Doch Julian hatte keinen Funken mehr in den Augen, er starrte wie tot in Kajas Richtung. „Wenn ich du wäre, mein Schatz, würde ich mir das nächste Mal genau überlegen, welches Buch ich veröffentliche.“, sagte Julian kalt und ließ Luisa los.

6 thoughts on “Der Anästhesist

  1. Was für ein schrecklicher Schluß! Deine Geschichte ist super geschrieben! Ich habe sie ohne Unterbrechung durchgelesen. Du hast die Spannung bis zum Ende immer weiter aufgebaut. Und dann dieser Schluß! Das lässt mich so schnell nicht wieder los. 👍👍👍
    Meine Geschichte „Stunde der Vergeltung“ ist fast ein wenig ähnlich. Auch bei mir gerät die Tochter der Protagonistin ins Fadenkreuz des Gegners. Wenn du magst, schau sie dir mal an. Du darfst sie auch gern kommentieren. Bin immer gespannt, was andere davon halten. Falls sie dir gefällt, würde ich mich über ein Like sehr freuen.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stunde-der-vergeltung

  2. Schön geschrieben, mit der Wendung hätte ich nicht gerechnet. Die Geschichte hat mich echt berührt, gerade weil der Schluss so heftig ist. Das wird mich noch eine Weile verfolgen!
    Ich hatte bei meiner Story selbst damit zu kämpfen, ob es ein Happy End braucht…braucht es aber nicht, Kompliment!
    LG, Simone mit (falls du Lust hast) “Momentaufnahme”

  3. Meine Herren, ich habe auch recht heftig schlucken müssen, aber Du hast es zweimal perfekt geschafft, mich hinter‘s Licht zu führen. Vor allem, nachdem ich anfangs gedacht habe: Gut, dass sie Julian einweiht, endlich jemand, der sich normal verhält, alles wird gut! Auch dass sie selbst hinter dem ominösen Autor steckt, habe ich blauäugigerweise nicht erwartet. Ich habe nur nicht komplett verstanden, weshalb Julian sich die Mühe mit dem Handy macht und der Zeitung und dem Schlafanzug, um dadurch letztlich die Bedrohung wieder zu relativieren, außer um den Leser auf eine falsche Fährte zu locken. Dies ist allerdings perfekt gelungen 😉

  4. Hallo, liebe Isabel,
    endlich komme ich auch dazu, deine Geschichte zu kommentieren. Viele Dinge wurden ja schon auf Facebook angesprochen, die möchte ich jetzt nicht nochmal alle wiederholen. Deine Geschichte ist sehr fantasievoll und man merkt, dass du dir viele Gedanken über die Wendepunkte gemacht hast. Es war zwar schon klar, dass Julian etwas mit dem Ganzen zu tun hat, da es ja keine anderen Charaktere gab, aber dass er letztendlich der feste Freund des Anästhesisten war, habe ich nicht erwartet. Auch den Plottwist, dass sie selbst die Autorin des Buches war, hat mich überrascht.
    Auf die paar Schwierigkeiten mit dem Plot und der Glaubwürdigkeit ist ja Annika schon eingegangen, deshalb würde ich das nicht alles nochmal wiederholen.
    Soweit ich das verstanden habe, ist Thriller ja nicht dein normales Genre, daher wünsche ich dir viel Erfolg mit dem, was du sonst so schreibst 🙂

    Liebe Grüße,
    Leandra (Versteckspiel)

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