T. SaileDer Charmeur

8+

5 Uhr morgens

 

Die Stadt schien noch zu schlafen, während Toni auf dem schmalen Trail durch den nahegelegenen Wald joggte. Außer ihrem Atem und dem knirschenden Schotter unter Ihren Füßen vernahm sie keinen Laut. Kein Wind der durch die Bäume streifte, keine lärmenden Autos und keine kreischenden Kinder. Um diese Zeit war sie allein, und genau das brauchte sie um weiterzumachen.

Obwohl ihr Kopf brummte, hatte sie es geschafft sich aufzuraffen. Hiernach würde sie sich wieder besser fühlen – wie jeden Tag seit damals.

Ohne hinzusehen sprang sie über ein paar Baumwurzeln die ihren Weg kreuzten – alte Bekannte, die sie seit Langem kannte.

Sie lief wie in Trance, doch plötzlich nahm ihr Unterbewusstsein eine Veränderung wahr. Eine Bewegung – ein Rascheln direkt vor ihr, hinter der nächsten Baumgruppe, und mit einem Mal waren all ihre Sinne aktiv. Sie verlangsamte ihren Schritt und suchte mit ihrem Blick nach der Ursache für Ihre ungewohnten Empfindungen.

Nichts.

Aber da war etwas – sie hatte sich das doch nicht eingebildet.

Sie hielt an um genauer sehen zu können, doch es war noch zu dunkel. Ihr Puls pochte gegen ihre Schläfen.

„Ist da wer?“

Sie lauschte, zwang sich ruhiger zu atmen um besser hören zu können und rief erneut:

„Hallo – ist da jemand?“

Wieder nichts.

Toni zögerte nicht länger, ballte ihre Hände zu Fäusten und rannte los – direkt zur Baumgruppe die nur noch wenige Meter von ihr entfernt stand. Mit den Fäusten in Angriffshaltung sprang sie mit einem Satz um den Baumstamm, bereit für die Konfrontation mit dem Ungewissen.

Doch da war niemand.

Fast zeitgleich blitzte etwas neben ihr im Unterholz – keine drei Meter entfernt. Sie erstarrte und blickte zu der Stelle die nun wieder dunkel war als wäre nichts gewesen.

Verunsichert sah sie sich um.

Was zur Hölle…?

Sie beschloss, sich vorsichtig auf den unsichtbaren Punkt im Dickicht zuzubewegen. Ihr Blick fixiert – ihre Hände noch immer zu Fäusten geballt – jede Faser ihres Körpers angespannt und bereit.

An der Stelle angelangt hielt sie nochmals inne, bevor sie in die Hocke ging und ihre Hand zögerlich ins Dickicht schob. Noch immer zu dunkel um zu sehen, der Boden feucht und kühl.

Dann plötzlich – die Berührung. Erschrocken zog sie ihre Hand zurück. Es fühlte sich glatt an, hatte sich aber nicht bewegt. Mutig griff sie erneut danach und stellte nun zu ihrer Erleichterung fest, dass es sich um ein Smartphone handelte. Sie hob es auf und blickte auf das Display, das im selben Moment zum Leben erwachte. Ungläubig starrte sie auf das Bild und spürte wie sich ihre Nackenhaare aufstellten.

 

Sechs Monate zuvor

 

“Wir haben eine 187 – weiblich – Mitte 30”.

Toni war gerade vom Schießstand zurück, hielt ihr Smartphone ans Ohr und fühlte wie ihr Puls sich beschleunigte. Dies war in letzter Zeit immer häufiger der Fall gewesen wenn Sie einen neuen Mordfall zugeteilt bekamen.

“Im Südwald unter der alten Brücke”.

Hans, Tonis Partner, war offensichtlich bereits am Tatort.

 

Als sie mit ihrem Auto im Südwald ankam sah sie schon aus der Ferne die rot-weißen Absperrbänder die den Weg zur alten Steinbrücke kreuzten und den Tatort gegen unbefugtes Betreten sicherten.

Toni passierte die Absperrung, während sie dem jungen Mann in Polizeiuniform ihre Marke zeigte und ihm dankend für das Anheben des Bandes zunickte. Mit jedem Schritt der sie dem Tatort näher brachte, erhöhte sich ihr Puls. Sie nahm dies bewusst wahr als sie sich die Böschung hinab hangelte.

Unten am Flussufer waren schon ein paar Männer in weißen Schutzoveralls damit beschäftigt die Spuren zu sichern. Eine schwarze Kunststoffplane am Boden markierte den Fundort der Leiche, während Hans und der Gerichtsmediziner lachend daneben standen. Offensichtlich hatte Pat mal wieder seinen morbiden Humor zum Besten gegeben.

Pat der Pathologe – Toni hatte geglaubt es wäre ein Scherz, als er ihr zwei Jahre zuvor am Tatort ihres ersten Falls von Hans vorgestellt wurde – aber sein Name war tatsächlich Patrick.

 

“Wer hat sie gefunden? Wissen wir schon wer sie ist?”

Toni verschwendete keine Zeit mit Begrüßungsfloskeln.

“Junger Kerl – sitzt da drüben hinter dem Baum. Er war gegen 7 Uhr joggen und wollte sich hier am Wasser das Gesicht abkühlen – wäre fast über sie gestolpert, wie er sagte.” Hans grinste. “ Er hat sich bepisst.”

Toni ignorierte den letzten Satz und bohrte weiter:

“Ist die Spusi fertig mit ihr?”

Pat nickte und trat mit den Worten, “…ist kein schöner Anblick”, einen Schritt zur Seite.

War es das jemals?

Sie beugte sich hinab und hob die Plane an einer Ecke an, während ihr Körper Unmengen Adrenalin ausschüttete. Vor ihr lag eine bildhübsche junge Frau mit aufgeschlitztem Hals.

“Es war kein 048”, alberte Pat weiter, was Hans einen neuerlichen Lachanfall bescherte.

Toni ignorierte auch diesen Kommentar, während sie den wohlgeformten, nackten, mit Blut überströmten Körper nach weiteren Auffälligkeiten absuchte.

“Hahaha – Suizid!”, grölte Hans unterdessen – “Der war gut.”

“Also, was ist jetzt? Haben wir etwas, oder muss ich auf den Bericht warten?”

Die Männer beruhigten sich wieder und Hans räusperte sich bevor er antwortete:

“Tschuldige – also, wir haben ihren Ausweis und ihr Smartphone gefunden. Ihr Name ist Natalie Jones – 36 – Australierin. Keine deutschen Papiere, kein Wohnort…”

 

Das Ermittlerteam wurde noch am selben Tag von Hans zusammengestellt und bestand aus Toni und 5 weiteren Kriminalbeamten. Spezialisten unterschiedlichster Fachrichtungen, die gemeinsam eine große Aussicht auf Erfolg versprachen.

Schnell wurden die Daten des beim Opfer gefundenen Smartphones ausgewertet, sowie die Kontakte und Kalendereinträge. Es stellte sich heraus, dass Natalie Jones erst vor einer Woche in Deutschland angekommen und in einer Pension am Stadtrand abgestiegen war, keine Freunde oder Bekannte in der Stadt hatte.

Ein Telefonat mit ihren Eltern in Sydney untermauerte diese vorläufigen Ermittlungsergebnisse und klärte, dass ihr Aufenthalt in der Stadt ausschließlich vom Urlaubsgedanken getrieben war.

Bereits nach ein paar weiteren Stunden motivierter Ermittlungsarbeit ließen die ersten im Team die Schultern hängen und zweifelten daran, in diesem Fall jemals weiterzukommen.

Unterdessen nahm Toni die Fotos auf dem Smartphone genauer unter die Lupe. Offensichtlich hatte Natalie bereits mehrere Länder bereist und ziemlich viele Sehenswürdigkeiten und Landschaftsbilder aufgenommen. Ein Selfie hier, ein Selfie da. So auch in dieser Stadt.

Die letzten 12 Fotos zeigten Natalie unten am Flussufer, im Hintergrund die Brücke – lachend – tanzend – am Ende nackt. Toni fühlte, wie sich ihr Puls beschleunigte und sah vor ihrem geistigen Auge den leblosen Körper mit aufgeschlitztem Hals.

“Wann wurden die gemacht?”

Sie zuckte innerlich zusammen als sie bemerkte, dass Hans direkt hinter ihr stand und ihr über die Schulter blickte, ließ es sich aber nicht anmerken. Sie tippte auf das Display.

“Das war vorgestern Abend um 20:51 Uhr.”

“Kommt hin, man erkennt es an den Schatten – sind schon ziemlich lang”.

Toni nickte nachdenklich und spürte erneut das Adrenalin, gefolgt von einem warmen Schauer, der ihren Körper durchzog.

Der Moment wurde abrupt unterbrochen als Pat den Raum betrat.

“Nichts, rein gar nichts. Ich sage euch, das ist mir noch nie untergekommen. Keine Kratzer, keine Hämatome, keine fremden Spuren – nichts, außer dem Schnitt am Hals natürlich und Restspuren von Alkohol – könnte auch ein Betäubungsmittel gewesen sein. Der Täter ist Rechtshänder und hat vermutlich ein handelsübliches Taschenmesser mit einer circa fünf Zentimeter langen Klinge benutzt. Ich gehe davon, dass unsere Hübsche bereits am Boden lag. Fundort ist gleich Tatort und die Spusi tappt im Dunkeln. Keine Tatwaffe, keine fremden Fußabdrücke – alles vergeudete Zeit.” Resignierend sah er in die Runde.

Tonis Gedanken rasten, während Hans mit der Faust auf den Tisch schlug und drohend ins Leere sprach: „Ich krieg dich du Schwein und wenn es das Letzte ist was ich tue.“

 

Das Ermittlerteam arbeitete eine Woche lang auf Hochtouren, checkte alle Möglichkeiten, verglich mit alten Fällen, kommunizierte mit den Kollegen in Sydney – alles ohne Erfolg.

 

Eine Woche später wurde das Team wieder auf Hans und Toni reduziert.

Diese sah sich unterdessen immer wieder die letzten Fotos von Natalie an. Sie zogen sie förmlich in ihren Bann und ließen sie fortan nachts nicht mehr schlafen. Das kuriose daran war, dass die Bilder sie erregten.

 

Zwei Monate waren vergangen. Hans und Toni waren im Fall Natalie Jones nicht weitergekommen und wurden von oberster Stelle aufgefordert den Fall abzuschließen. So trugen sie die Akten zusammen und brachten sie ins Archiv.

In der folgenden Nacht träumte Toni zum ersten Mal von Natalie.

Als sie am nächsten Morgen um 4:30 Uhr erwachte, war sie gerädert und nicht in der Lage ihre Gefühle einzuordnen.

 

“Du siehst ja richtig mies aus heute Morgen.” Hans begrüßte sie mit hochgezogener Braue.

Sie zeigte ihm den Mittelfinger während sie sich eine Tasse Kaffee eingoss und versuchte die auf ihrem Schreibtisch liegengebliebenen Akten der vergangenen Wochen zu sortieren. Der Tag schien kein Ende zu nehmen. Immer wieder poppten die Bilder vor ihrem geistigen Auge auf und ließen sie für einen kurzen Moment erschaudern. Als Hans bemerkte, dass es ihr nicht gut ging schlug er spontan ein gemeinsames Feierabendbier vor, das Toni jedoch dankend ablehnte. Also beließ er es dabei und widmete sich wieder seiner Arbeit.

 

Montagmorgen 9:00 Uhr – zwei Wochen nachdem der Fall Natalie Jones zu den Akten gelegt worden war.

 

Toni saß in ihrem Büro und hörte die Titelmelodie von James Bond aus dem Nachbarbüro. Endlich nahm Hans das Gespräch entgegen und beendete damit die nervende Melodie.

“Hauptkommissar Peters.”

Toni unterbrach ihre Arbeit und lauschte dem Gespräch.

“Ja.”

Pause

“Wann?”

Pause

“Wo?”

Pause

“Sind unterwegs.”

Durch das Fenster in der Trennwand zu seinem Büro beobachtete sie wie er Notizen machte, während seine Mimik ernst wurde und sein Oberkörper sich straffte.

Sie spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte.

 

Dreißig Minuten später waren sie bereits am Tatort. Hans hatte sie während der Fahrt auf den Stand gebracht.

Bei der Toten die nun vor Hans und Toni auf dem Bett lag, handelte es sich um eine fünfunddreißigjährige Frisörin namens Sarah Maier. Genau wie Natalie Jones, war auch sie nackt und an ihrem Hals klaffte ein blutiger Spalt.

Hans schüttelte verständnislos seinen Kopf.

Gefunden hatte sie die Nachbarin die offensichtlich einen Schlüssel zur Wohnung hatte und vom Salon angerufen wurde, nachdem Sarah nicht zur Arbeit erschienen war.

Soeben trafen Pat und zwei Männer von der Spusi ein.

“Guten Morgen allerseits“. Mit Blick zum Bett ergänzte er: „Sieht nach einer Serie aus, oder?”

Toni stand unterdessen wie angewurzelt neben Hans und starrte auf den schlanken Körper der Toten und das Smartphone das neben ihr lag, während ein regelrechter Sturm in ihr tobte und ihr Blut in Wallung brachte.

Erst als Hans antwortete kam sie wieder zu sich.

“Sieht ganz danach aus”, und zu Toni gewandt: “Bist du okay?”

Toni löste ihren Blick von der Leiche und riss sich zusammen.

“Ja, klar – ähm, haben wir eine Tatwaffe?”

Hans sah sie fragend an.

“Ich meine, hat die Nachbarin eine Tatwaffe erwähnt oder gefunden?”, korrigierte sie sich.

“Nein, aber du kannst sie gerne nochmals befragen.”

Während Pat und die Spusi sich an die Arbeit machten, notierte Hans die Details in seinem Notizbuch. Toni sprach unterdessen im Raum nebenan mit der Nachbarin.

“Ich habe nichts angefasst.”, beteuerte diese und schnäuzte sich die Nase, während ein weiterer Weinkrampf sie überwältigte.

 

Zurück im Büro wurde das siebenköpfige Team reaktiviert und von Hans euphorisch instruiert.

“Dies ist vielleicht unsere Chance, nun auch den Fall Natalie Jones aufzuklären. An die Arbeit Leute – lasst uns keine Zeit verlieren.”

Jeder kannte seine Aufgaben und machte sich mit neuem Elan daran diese gewissenhaft auszuführen.

Schnell stellte sich heraus, dass auch dieses Mal alle Ansätze ins Leere zu laufen schienen. Sarah Maiers Eltern waren bereits vor Jahren verstorben und die einzige Verwandte war eine siebzigjährige Tante, die nur gelegentlich Kontakt zu ihr hatte. Wie es schien, hatte Sarah keinen Freund und auch keine beste Freundin.

 

Alle Augen waren auf Pat gerichtet, der soeben aus der Pathologie eingetroffen war.

“Die Tatwaffe war dieselbe – am Körper keine Hämatome oder sonstige Blessuren, jedoch konnte ich diesmal eindeutige Spuren eines Betäubungsmittels in ihrem Blut nachweisen.”

Nachdenklich fragte Toni:

“Hat die Spusi irgendwelche Medikamente in der Wohnung sichergestellt?”

Hans schüttelte bereits resignierend den Kopf, als sich Lenny, der jüngste im Team, zu Wort meldete. Vor ihm auf dem Tisch lag das Smartphone des Opfers.

“Ich hab hier was. Sie hat sich in mehreren Chats bewegt, mit stets wechselndem Profil.”

“…was bedeutet?”, fragte Hans.

“…dass sie in jedem Chat mit neuer Identität aufgetreten ist.”

“Sind diese Chats denn noch vorhanden?”

Toni war hinter Lenny getreten und sah auf das Display.

“Nein, ich sehe hier nur die Lesezeichen die zu den Chatrooms führen und hier habe ich eine Liste mit Anmeldenamen und Passwörtern gefunden. Ziemlich schwach abgesichert, wenn ich das sagen darf.”

Toni las: “Milly, Betty, Sandy, Cindy…”

Hans unterbrach sie. “Was für Chatrooms?”

“Hauptsächlich Datingseiten.”

Sie hatten einen neuen Ansatz gefunden und Hans hatte die glorreiche Idee die Chatrooms zu besuchen um andere Teilnehmer nach Sarah zu befragen.

Lenny schmunzelte: “Ich glaube nicht, dass wir so weiterkommen, Hans.”

“Sieh dir mal die Fotos an”, schlug Toni vor.

Lenny öffnete die Fotos App und staunte nicht schlecht als er die jüngst aufgenommenen Bilder betrachtete. Sie zeigten Sarah, wie sie sich nackt im Bett räkelte und mit leicht verklärtem Blick in die Kamera lächelte.

Toni stockte fast der Atem.

 

Am selben Abend setzte sie sich mit einem Glas Rotwein in der Hand an ihren PC und loggte sich auf diversen Datingseiten ein, während ihre Gedanken pausenlos um Natalie und Sarah kreisten. Als sie die Erregung nicht länger ertrug legte sie sich auf ihr Bett und gab sich ihren Fantasien hin. Unruhiger Schlaf und wirre Träume füllten die verbleibenden Stunden bis zum Morgengrauen.

 

An den folgenden Tagen wurden dem Ermittlerteam weitere IT-Spezialisten zugeteilt. Hans ließ die Jones-Akten aus dem Archiv holen und erteilte Toni die Aufgabe, diese auf Hinweise zu Datingportalen zu überprüfen und gegebenenfalls mit den Daten aus dem Fall Sarah Maier in Verbindung zu bringen.

In Natalies Reisegepäck hatte sich kein Notebook befunden. Hans griff zum Hörer.

Als er wieder auflegte, sagte er: „Sie besaß ein Notebook.“

„Wir haben aber nur das Smartphone das neben ihrer Leiche  gefunden wurde.“

Toni checkte erneut die Leseliste im Browser des Smartphones, sowie die Verlaufsdaten der App, fand aber keinerlei Einträge. Sie überprüfte systematisch alle Apps die entsprechende Hinweise hätten liefern können, fand aber auch dort nichts das sie weitergebracht hätte. Sie war gerade im Begriff das Smartphone zurück in den Karton der Asservatenkammer zu legen, als sie es sich anders überlegte. Schnell und unbemerkt öffnete sie die Fotos App, zückte ihr eigenes Smartphone und übertrug die letzten Bilder von Natalie per AirDrop.

 

Die folgenden Tage waren Wiederholungen der vorangegangenen. Sie kamen einfach nicht weiter. Hans wurde zusehends unruhiger und dem Rest des Teams gingen die Ideen aus.

Toni tauchte unterdessen Abend für Abend mit erfundenem Alias immer tiefer in die Welt der Datingportale ein – ihre eigenen Daten anonymisiert – nicht rückverfolgbar.

Sie besuchte private Chatrooms und lud auch zu solchen ein, indessen sie reichlich Rotwein trank. Bald vermischten sich Realität und Traumwelt zu einem gefährlichen Cocktail, dessen glühende Krallen sich in ihr Gehirn bohrten und ihre tiefsten Sehnsüchte zum Leben erweckte.

Rotwein wurde zu Blut.

 

Ein schriller Ton – eine Schraubzwinge am Schädel – gleißendes Licht in den Augen.

Toni wurde durch das Klingeln ihres Smartphones geweckt und blinzelte verloren in die Sonnenstrahlen die durch das Fenster drangen. Während sie sich verkatert die Augen rieb, bemerkte sie, dass sie unbekleidet auf dem Sofa lag, neben sich zwei leere Flaschen Rotwein, ihr Notebook und ringsum verstreut ihre Klamotten.

Und wieder dieser schrille Ton.

Sie griff nach dem Smartphone.

“Ja?”

“Guten Morgen. Können wir’s schon machen?”

Die Ironie in seinen Worten war nicht zu überhören.

“Oh Gott, wie spät ist es denn?” Sie sah auf die Uhr. Kurz vor neun.

“Verschlafen?” Hans schien sich zu amüsieren.

“Ja – ähm, nein. Scheiße. Bin gleich da.”

 

Während sie duschte, versuchte sie sich an die Details der letzten Nacht zu erinnern. Da war der Chat mit Vanessa und dann – Filmriss.

 

Nachdem sie die Sprüche im Büro über sich hatte ergehen lassen, machte sie sich wieder an ihre Arbeit, jedoch befiel sie im Laufe des Tages eine immer größer werdende Sehnsucht.

Hans beobachtete sie unterdessen durch das Fenster das ihre Büros trennte, ließ sie aber in Ruhe. Sie würde sich schon melden, wenn sie seine Hilfe bräuchte.

 

An diesem Abend konnte sie es kaum erwarten wieder online zu gehen. Mit einer neuen Flasche Rotwein und ihrem Notebook setzte sie sich aufs Sofa und loggte sich ein. Kurz darauf fand sie sich wieder im privaten Chat mit Vanessa. Nach und nach erfuhr sie mehr über ihre neue Unbekannte. Sie war einunddreißig Jahre alt und lebte alleine, was auch der Grund dafür war, dass sie sich allabendlich in den einschlägigen Foren herumtrieb. Sie war im Alter von drei Jahren als Flüchtlingskind nach Deutschland gekommen. Ihre Eltern kannte sie nicht. Wie sich herausstellte, arbeitete sie in einer Buchhandlung und war ruhig und introvertiert, hatte jedoch unlängst einen vielversprechenden Chat mit einem Charmeur.

Während Toni eine weitere Flasche öffnete, betrachtete sie das Foto von Vanny, das sie soeben erhalten hatte.

 

So verbrachten Sie die nächsten Nächte im Chat und Toni erfuhr alles über Vanessa, währenddessen sie diese mit steten aber wohl dosierten Schmeicheleien schließlich dazu brachte, den Kontakt zu dem „Charmeur“ abzubrechen.

 

Sie öffnet die Tür – ein schüchternes Lächeln im Gesicht. Mit dem Zeigefinger vor ihren Mund haltend ergreift sie die Hand ihres Besuches und zieht diesen in ihre Wohnung. Leise schließt sie die Tür. Dies war ihr erstes Treffen und kurz waren da Zweifel, doch schon eine Sekunde später treffen sich ihre Lippen und alle Ängste und Sorgen sind verschwunden. Zwei Weingläser stehen auf dem Nachttisch bereit – sie stoßen an – wieder und wieder – wortlos, wie vereinbart. Langsam entkleidet sie sich und räkelt sich auf dem Bett, genießt es, so fotografiert zu werden. Sie schließt die Augen und lässt sich verwöhnen, bemerkt nicht, wie die Tropfen in ihr Glas gegeben werden, zu sehr damit beschäftigt die intimen Berührungen aufzusaugen. Dann schläft sie ein – glücklich. Sie spürt die Klinge nicht, die ihre Halsschlagadern mit einem präzisen Schnitt durchtrennt – zu tief ist ihr Schlaf.

 

Gut gelaunt startete Toni in den neuen Tag und lief ihre Runde im Stadtwald, trotz kurzer Nacht, in Rekordzeit.

Im Büro angekommen wurde sie bereits von Hans erwartet:

“Wollte dich eben anrufen.” Er schaute finster drein.

Toni sah ihn fragend an.

“Sieht aus, als hätte unser Freund erneut zugeschlagen.”

 

Während er den Wagen lenkte, blickte er immer wieder zu Toni.

“Dir scheint es besser zu gehen.”

“Ja – hatte ein Tief.”

“Willst du darüber reden?”

“Nein, aber danke.”

“Alles klar.”

Eine Stunde später parkte er den Wagen am Straßenrand vor einem Mehrfamilienhaus.

 

Der Fall Sarah Maier schien sich soeben zu wiederholen.

Tonis Blick wanderte über den nackten Körper des Mordopfers hinauf bis zum Hals, wo auch dieses Mal ein dicker roter Strich die Todesursache unmissverständlich kennzeichnete. Ihr Puls am Anschlag, versuchte sie Ruhe zu bewahren und zeigte mit einem Finger auf das Smartphone das unter den langen schwarzen Haaren der Toten hervorblitzte, während sie kurz darüber nachdachte es ihm zu sagen.

Hans nickte. Er hatte es auch entdeckt und zog sich soeben einen Latexhandschuh über um es zu sichern, währenddessen im Wohnzimmer Unruhe aufkam. Grund dafür war das Eintreffen von Pat. Bestückt mit seinem Alukoffer betrat er den Raum.

“Dann ist das wohl Nummer Drei.”

Hans antwortete nicht und räumte seinen Platz damit Pat seinen Job machen konnte.

Zu Toni gewandt sagte er: “Sie lächelt – verdammte Scheiße. Siehst du das?”

Toni biss sich auf die Lippen und nickte zustimmend.

“Kein Wunder, dass es keine Einbruchspuren gibt.”

 

“Vanessa Novac, einunddreißig, ledig, keine Eltern, keine Verwandten, keine Freunde bla bla bla…”

Hans kotzte sich aus, während jedes Teammitglied stumm zu Boden blickte. Kurz darauf hatte er sich wieder eingekriegt und jedem seine Aufgabe zugewiesen. Toni sollte sich gemeinsam mit Lenny dem Smartphone und Notebook, das sie im Schlafzimmer von Vanessa sichergestellt hatten, annehmen.

Mit dem bereits vorhandenen Wissen fand Lenny sehr schnell heraus, dass auch Vanessa sich in Datingportalen herumgetrieben hatte. Toni sah ihm dabei zu, wie seine Finger über die Tastatur tanzten und sich ständig neue Fenster auf dem Monitor öffneten, während sie versuchte Ruhe zu bewahren.

“So ein Mist!” Lenny hielt kurz inne.

“Was ist?”

“Das Notebook wurde manipuliert.”

Toni fühlte das Pulsieren in ihren Adern.

“Hier wurden Daten gelöscht.”

Er steckte einen USB-Stick an das Notebook und installierte eine Trackersoftware.

“Kannst du die Daten zurückholen?”

“Werden wir gleich sehen.”

“Ich muss mal kurz raus”, entschuldigte sich Toni und verließ hastig den Raum.

Im Hinausgehen sah sie wie Hans fast zeitgleich das Büro verließ und wunderte sich, weshalb er sich einfach so davon schlich, dachte aber angesichts ihres eigenen Vorhabens nicht weiter darüber nach.

Auf der Damentoilette schloss sie sich in einer Kabine ein und setzte sich auf den Klodeckel. Vorsichtig zog sie Vanessas Smartphone aus ihrer Jackentasche und startete die Fotos App. Sie spürte die Erregung in ihrem Körper, als sie Vanny auf dem Bett liegend und in die Kamera lächelnd sah, so wie Gott sie geschaffen hatte. Sie war wunderschön.

Toni markierte die Fotos und übertrug auch diese auf ihr eigenes Smartphone, als sie ein Geräusch vor Ihrer Kabine vernahm. Erschrocken steckte sie die beiden Handys ein und drückte den Spülknopf. Schnell trat sie aus der Tür und stellte zu ihrer Erleichterung fest, dass sie alleine war.

 

“Das heißt, wir haben absolut nichts?”

“So sieht es aus. Ich kann die Daten nicht zurückholen. Unser Täter ist uns ständig einen Schritt voraus.”

Toni zog Vanessas Smartphone unbemerkt aus ihrer Tasche.

“Wir haben noch das Handy. Hier.”

Schnell war allen klar, dass sie damit auch nicht weiterkommen würden.

 

Die Stadt schien noch zu schlafen, während Toni entlang dem schmalen Trail joggte. Plötzlich blitzte etwas neben ihr im Unterholz – keine drei Meter entfernt. Sie erstarrte und blickte zu der Stelle die nun wieder dunkel war, als wäre nichts gewesen.

Verunsichert sah sie sich um.

Was zur Hölle…?

Sie beschloss, sich vorsichtig auf den unsichtbaren Punkt im Dickicht zuzubewegen. Ihr Blick fixiert – ihre Hände zu Fäusten geballt – jede Faser ihres Körpers angespannt und bereit.

An der Stelle angelangt hielt sie nochmals inne, bevor sie in die Hocke ging und ihre Hand zögerlich ins Dickicht schob. Noch immer zu dunkel um zu sehen, der Boden feucht und kühl.

Dann plötzlich – die Berührung. Erschrocken zog sie ihre Hand zurück. Es war glatt, hatte sich aber nicht bewegt. Mutig griff sie erneut danach und stellte nun zu ihrer Erleichterung fest, dass es sich um ein Smartphone handelte. Unsicher hob sie es auf und blickte auf das Display, das im selben Moment zum Leben erwachte.

Ihr Blick erstarrte und ihre Gedanken begannen zu rasen, während Blitze ihren Magen durchbohrten. Was sie auf dem Display sah, konnte nicht sein – durfte nicht sein.

Genau in diesem Moment trat Hans hinter einem Baum hervor. In seiner linken Hand hielt er Natalie Jones Notebook und in seiner rechten einen Plastikbeutel. Darin erkannte sie ihr Taschenmesser, das kleine braune Fläschchen mit dem Betäubungsmittel und ihren USB-Stick mit den gesicherten Fotos von Natalie, Sarah und Vanessa.

„Warum?“. Mehr sagte er nicht. Sein enttäuschter Blick sagte alles.

 

Das Bild auf dem Display zeigte ein Foto ihrer selbst, in der Damentoilette des Reviers, gerade damit beschäftigt die Fotos von Vanessa Novac auf ihr Handy zu übertragen.

 

Ende

8+

4 thoughts on “Der Charmeur

  1. Hi, eine schöne Kriminalgeschichte, sehr gut geschrieben. Hast mein Like. Muss aber zugeben, schon gewusst zu haben, wer hier junge Frauen ermordet ; ) Ein Tipp noch: ein Pathologe beschäftigt sich mit Gewebe. Eigentlich müsstest du von Rechtsmediziner sprechen. Lg Kirsten alias Zurine (Vergiss mein nicht)

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