andreasarzDer geheimnisvolle Chat

Der Mond strahlte hell in dieser Nacht und verlieh dem Erdgeschoss der Luxusvilla einen mystischen Schleier. Die teuren Möbel wirkten unwirklich, als wären sie Teil eines stillen Gemäldes. Edle Weingläser im Glasschrank funkelten und gaben das Mondlicht wieder. Alles war ruhig, nur ein Geräusch vertrieb den gespenstigen Frieden.
Durch den langen Flur hallte lautes Stöhnen, dessen Ursprung im Schlafzimmer lag. Hier verschmolzen Lianes und Olivers Körper und gaben sich ihrer sexuellen Begierde hin. Durch das Fenster projizierte das Mondlicht aufregende Schattenspiele der beiden an die Wand.
Lianes Atmung wurde schneller, ihre Bewegungen intensiver. Sie richtete sich auf, übernahm die Kontrolle und drückte Oliver unter sich tief in die weiche Matratze, während ihr Rhythmus immer schnellere Züge annahm. Es gab kein Halten mehr, der Raum elektrisierte – dann es brach aus beiden heraus und erschütterte ihre Körper bis ins Mark.
Danach übernahm Stille die Oberhand. Liane glitt von Olivers Körper und blieb außer Atem an seiner Seite liegen. Er nahm die Hand hoch und wischte sich Schweißtropfen von seiner Stirn. Dabei rang er nach Luft, die ihm dieser leidenschaftliche Ritt geraubt hatte. Nach ein paar Minuten drehte sich Oliver um und legte seinen Arm über Liane.„Was machst du da?“ ,fragte Liane in einem genervten Ton.
„Ich möchte meine Frau in den Arm nehmen“ ,entgegnete Oliver.
Liane schob den Arm weg und drehte sich in Richtung Fenster.
„Du weisst genau ich mag diese sentimentale Scheiße nicht“ ,fauchte sie über die Schulter ihrem traurig blickenden Ehemann zu. Oliver drehte sich auf den Rücken und blickte an die Decke. Die Reaktion war ihm nicht unbekannt. Seine Frau war eine leidenschaftliche Liebhaberin und verstand es jeden noch so tiefen sexuellen Wunsch wahr werden zu lassen, doch im zwischenmenschlichen Bereich, hatte sie eher die Eigenschaften eines Eisblocks.

Oliver drehte sich nochmal zu Liane, um ihr eine gute Nacht zu wünschen.
„Was ist denn noch?“ ,fuhr sie ihn wieder an.
„Ich wollte dir nur einen Kuss geben und gute Nacht wünschen. Du weisst, ich
fliege morgen geschäftlich nach New York und bin einige Tage weg.“ Plötzlich wurde Liane wieder hellhörig und drehte sich zu ihrem Mann.
„Oh stimmt, du fliegst nach New York. Bringst du deiner geliebten Frau auch was schönes vom Big Apple mit?“ ,fragte sie mit einem aufgesetzten Lächeln.
„Natürlich Schatz, ich habe mir schon den ein oder anderen Juwelier rausgesucht“ ,antwortete er gönnerhaft seiner Frau.
Liane grinste über das ganze Gesicht und drückte Oliver einen dicken Kuss auf den Mund.
„Das ist toll, du bis der Beste“ ,wiegelte sie ihren Mann ein.
Daraufhin verschwanden beide unter ihren Bettlaken und gaben sich der Nachtruhe hin.
Am nächsten Morgen wachte Liane alleine auf. Oliver war bereits weg. Er hatte sie schlafen lassen, da seine Frau auf morgendliche Abschiedsszenen mit äußerster Abscheu reagierte. Ihren Tagesablauf hatte Liane schon vor Augen. Es standen verschiedene Termine auf dem Programm, um ihre eigene Modelinie zu vermarkten. Oliver hatte seiner Frau diesen Traum ermöglicht, indem er ihr Unternehmen finanzierte. Der Tag sollte im Abend seinen Höhepunkt finden. Sie war auf einer abendlichen Gala geladen, die ihr neuer Geschäftspartner Roman gab. Mit ihm hatte Liane einen dicken Fisch an der Angel. Er hatte beste Kontakte in die Modewelt und könnte ihr Sprungbrett für eine große Karriere sein. Normalerweise wäre es angebracht, dass der Ehemann seine Ehefrau zu solch einem glanzvollen Event begleitet, doch Liane war ganz froh darum, dass Oliver nach New York musste. Sie konnte ihren neuen Geschäftspartner nämlich nicht nur mit ihrem Modegeschmack überzeugen, sondern mit der Fähigkeit jeden Mann in sexuelle Ekstase zu versetzen.
Zum Abend tauchte Liane standesgemäß in der Limousine ihres Mannes auf. Das Servicepersonal öffnete ihr die Tür und geleitete sie über einen roten Teppich zum Eingang. Fotografen standen aufgereiht an einer Absperrung und lichteten die Gäste ab. Liane lächelte wie ein Profi in die Kameras. Doch bei einem Journalisten verging ihr das Lächeln. Dieser blickte ernst in ihre Richtung und schaute dabei in Lianes Augen. Liane verlor einen Moment lang die Konzentration. Es schien ihr etwas durch den Kopf zu gehen, was Verachtung auslöste. Dieses Gefühl verband sie mit ihren Blicken und warf es dem Journalisten zu. Danach nahm sie wieder das professionelle Lächeln auf und ging weiter auf die Eingangstür zu. Dort erwartete sie der Gastgeber und gleichzeitig Geschäftspartner Roman.
„Liane, unsere Hauptperson. Sei willkommen!“ ,begrüßte er sie überschwänglich.
Dabei umarmten sich beide und gaben sich nach gesellschaftlicher Norm Küsse zur Begrüßung auf ihre Wangen.
„Danke für die Einladung Roman, ich bin begeistert. Ein tolles Fest!“ ,sagte Liane. Dabei hakelte sie mit ihrem Arm bei ihrem Geschäftspartner unter und die beiden begaben sich in den Festsaal.
Die Stimmung war gelöst. Die elitäre Gesellschaft feierte und beweihräucherte sich selbst. Liane war in ihrem Element. Es ging in den Gesprächen um Geld, Schmuck, die teuerste Mode und nicht zuletzt um Macht. Sie war an ihrem persönlichen Ziel angekommen, denn sie stand bei all dem im Mittelpunkt. Roman wich nicht von ihrer Seite, als wollte er seinen neuen Star gegen die Raubtiere um sie herum verteidigen. Dabei tauschten Roman und Liane immer wieder vielsagende Blicke aus und berührten sich bei jeder unbeobachteten Gelegenheit an intimen Stellen.
Nach ein paar Stunden war die Feiereuphorie bei den meisten Gästen befriedigt und die Menschenmenge lichtete sich. Einige Journalisten wurden hineingelassen und konnten Interviews führen. Dabei fiel Lianes Blick sofort wieder auf den Reporter vom Eingang, mit dem sie am Anfang wortlos, verachtend interagierte. Diesmal warf dieser Liane nur einen flüchtigen Blick zu und setzte ein Interview an der Bar mit ihrem Geschäftspartner Roman fort. Liane erzürnte diese Zusammenkunft. Sie kochte innerlich, ließ sich allerdings nichts anmerken. Als der Reporter fertig war, ging sie schnellen Schrittes sofort an die Bar zu Roman rüber.
„Was wollte der von dir?“ ,fragte Liane mit besorgter Stimme.
Roman etwas erstaunt über die Besorgnis: „Na ein Interview führen. Er hat sich über unseren neuen Stern am Modehimmel informiert.“ Dabei lächelte er und strich Liane über die Wange.
Sie fragte nach: „Und sonst hat er nichts gefragt?“
Roman verdutzt: „Nein, was sollte er denn sonst noch fragen?“
Liane wischte oberflächlich ihre Sorge weg und entgegnete: „Ach nichts, ich muss mich wahrscheinlich erst an diesen ganzen Medienrummel gewöhnen.“
Roman lachte. „Genauso wird es sein“ ,er drehte seinen Kopf zur Seite und sah einen Bekannten, „würdest du mich einen Moment entschuldigen, ich muss kurz darüber.“
Er drückte Liane einen flüchtigen Kuss auf die Wange und ging zu seinem Bekannten. Liane nickte und wirkte müde. Sie ließ sich auf einen Hocker gleiten und versuchte einen Moment abzuschalten. Dabei fiel ihr Blick auf ein Handy, welches herrenlos auf dem Tresen lag. Sie nahm es und schaute sich fragend um. Niemand war zu sehen, dem es gehören konnte. Neugierig wie sie war, wischte Liane über das Display und das Telefon aktivierte sich. Es war nicht versperrt und sofort blinkte das Hauptmenü auf. Liane grinste und freute sich diebisch über die kleine Abwechslung. Mal sehen, was der Besitzer so für Geheimnisse hat, dachte sie sich insgeheim. Geheimes schien es vordergründig nicht zu geben. Es waren keine E-Mails darauf, keine Kontakte gespeichert und auch keine Nachrichten vorhanden. Liane wollte es zurücklegen, da fiel ihre Aufmerksamkeit auf den Fotospeicher. Umgehend kam ihr verschmitztes Lächeln zurück. Sie klickte auf den Button und der Bilderspeicher öffnete sich. Sofort verging Liane ihr Lachen, sie konnte nicht fassen, was sie dort erblickte. Ein Bild breitete sich über das Display aus, das sie beim Liebesspiel mit Roman im ehelichen Bett zeigte. Es war von draußen durch die geschlossene Terrassentür aufgenommen. Liane stand unter Schock, wurde kreidebleich. Mit panischen Blicken versuchte sie, Roman zu finden. Sie konnte ihn nicht entdecken. In dem Moment erreichte sie auf dem Handy eine Textnachricht. Liane war verängstigt. Was sollte das? Was ging hier vor? Mit zitterndem Finger öffnete sie die Nachricht. Sie las: „Was dein Mann wohl dazu sagen würde?“
Liane schluckte und wurde immer panischer. Sie schaltete das Handy aus und knallte es auf die Bar. Ein Kellner eilte herbei und fragte höflich: „Ist alles in Ordnung, kann ich Ihnen helfen?“
Liane schüttelte den Kopf. „Nein … nein, alles in Ordnung“ ,stammelte sie. Der Kellner nickte und verschwand.
Wieder blickte sie wild umher und diesmal erblickte sie Roman. Der hatte bereits wahrgenommen, dass mit Liane etwas nicht stimmte, und kam sofort zu ihr.
Besorgt fragte er: „Was ist los mit dir, hast du ein Gespenst gesehen?“
„Das wäre noch das Beste“ , erwiderte Liane und hielt Roman das Handy hin. Dieser schaute sie fragend an. „Was soll ich damit?“
„Schau dir die Bilder auf dem Gerät an“ ,forderte sie Roman auf.
Er schaltete das Handy ein, öffnete den Bilderspeicher und hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund.
„Was zum Teufel ist das? Wer hat dieses Bild gemacht?“ ,fragte er.
Liane schnaufte und antwortete: „Ich habe da so einen Verdacht. Wo ist der Journalist, mit dem du dich vorhin unterhalten hast?“
Roman antwortete verdutzt: „Keine Ahnung, der ist weg glaube ich. Was soll der damit zu tun haben?“
Liane überlegte kurz, dann antwortete sie: „Ich kenne diesen Typen, er hat mich eine Zeit lang gestalkt. Jetzt will er mich sicher erpressen. Nur er kann das Handy hier absichtlich platziert haben, damit ich oder du es finden.“
Roman wirkte ernster: „Das wäre aber verdammt schlecht. Wenn dieses Bild dein Ehemann zu sehen bekommt, dann können wir unsere gemeinsame Unternehmung begraben. Der dreht uns sofort den Geldhahn zu.“
Liane nickte: „Er darf es nie erfahren. Wir müssen rausfinden, was der Typ von uns will.“
Darin waren sich beide einig. Liane nahm Roman das Telefon aus der Hand und antwortete auf die SMS.
„Was wollen Sie?“
Nach einigen Sekunden kam die Antwort.
„Das werde ich dir noch sagen. Behalte das Handy immer bei dir und warte auf meine Anweisungen.“
Liane und Roman blickten sich schweigend an. Sie hatten keine andere Wahl, als abzuwarten. Zusammen verließen sie den Saal und gingen nach draußen.
Roman sagte: „Wir sollten heute Abend vielleicht doch nicht gemeinsam zu dir fahren.“
Liane stimmte zu. Ursprünglich hatten sie eine rauschende Nacht geplant und dafür sollte wieder Oliver und Lianes Ehebett herhalten. Aber unter diesen Umständen verzichteten beide auf eine feurige Liebesnacht.
Romans Wagen fuhr vor. Er stieg ein und verabschiedete sich flüchtig von Liane. Er wirkte nervös, als wollte er vor der Situation davon laufen. Liane blickte den Rücklichtern von Romans Wagen nach. Im gleichen Moment fuhr ihre Limousine vor. Liane stieg hinten ein. Der Fahrer öffnete die Trennwand und fragte: „Soll es nach Hause gehen?“
Liane schnaufte und verzog die Mundwinkel. Sie besann sich einen Moment. Dann antwortete sie entschlossen: „Nein, bringen sie mich in die Weststadt und lassen sie mich vor dem Club 54 raus.“
Der Fahrer folgte ihrer Anweisung und brachte Liane an das gewünschte Ziel. Angekommen rutschte sie Richtung Tür und wies den Chauffeur an, nicht zu warten. Sie verließ den Wagen und blieb vor dem Eingang des Szeneclubs noch einen Moment stehen, bis die Limousine aus Sicht war. Daraufhin hob Liane den Arm und hielt ein Taxi an. Sie stieg ein und ließ sich ein paar Kilometer weiter in ein anderes Viertel bringen. Vor einem gepflegten Altbau stoppte das Taxi.
Liane stieg aus, bat den Fahrer zu warten und warf ihm einen Vorschuss von 50 Euro auf den Beifahrersitz.
Sie ging zu dem Haus und drückte gezielt auf eine Klingel. Durch die Gegensprechanlage drang eine müde Stimme: „Hallo, wer ist da?“
Liane erbost: „Du weisst wer hier ist, mach ́ sofort die Tür auf.“
Der Mann am anderen Ende erkannte Liane und fragte: „Was willst Du hier, ich tanze sicher nicht mehr nach deiner Pfeife.“
Liane wurde energischer: „Lass mich sofort rein, ich hab ́ keine Lust auf deine Spielchen.“
Das Schloss der Tür surrte und entsperrte sich. Liane stürmte in den Hausflur und stampfte die Treppe in den ersten Stock hoch. Oben angekommen, wurde sie bereits von einem Mann, der in seiner geöffneten Wohnungstür stand in Empfang genommen. Es war der Journalist von dem Event.
Liane ging aufbrausend auf ihn zu, schob den Mann in seine Wohnung und knallte die Tür ins Schloss. Sie zog das Handy raus, öffnete das Bild und hielt es dem Journalisten vor die Nase.
Sie schrie ihn an: „Was soll das du perverses Schwein? Willst du mich erpressen?“
Der Reporter schaute ungläubig drein und schien überrascht: „Was soll das? Warum stehst du mitten in der Nacht vor meiner Tür und präsentierst mir eine deiner kranken Phantasien?“
Liane energisch: „Tu ́ nicht so Frederick. Du willst dich an mir rächen, weil ich mit dir Schluss gemacht habe.“
Dieser lachte sarkastisch und sagte: „Schluss gemacht? Abserviert wäre wohl das richtige Wort. Nachdem ich Monate lang gute Presse für dich gemacht hatte, du dich dabei von mir vögeln hast lassen, war ich sofort abgeschrieben, als dein neuer, toller Geschäftspartner Roman aufgetaucht ist.“
„Und genau deshalb willst du jetzt Rache. Wer sonst hätte so ein perverses Bild von uns machen können?“ ,fauchte Liane zurück.
„Vielleicht dein Ehemann, als Beweisfoto?“
Sie schüttelte den Kopf: „Oliver war in Singapur in dieser Zeit!“
Frederick wiegelte genervt ab: „Ist mir auch scheiß egal, von mir aus kann es der Papst geschossen haben, ich war ́s nicht. Und wenn du jetzt so nett wärst zu verschwinden, ich muss morgen früh raus.“
Erbost steckte Liane das Handy ein, drehte sich um und wollte aus der Wohnung verschwinden. Im Moment, als sie in der Wohnungstür stand, kam eine neue Textnachricht auf das Telefon. Erschrocken blieb sie stehen, griff wieder in die Tasche und zog das Telefon heraus. Sie öffnete die SMS und las: „Hast du den armen Journalisten verdächtigt?“ Dahinter ein Zwinkersmiley.
Sie drehte sich wieder zu Frederick um. Der entnervt: „Was ist noch?“
Liane antwortete ganz aus der Fassung: „Ich hab eine neue Nachricht bekommen.“
Frederick nahm diese Information mit offensichtlichem Desinteresse zur Kenntnis, schob Liane aus der Wohnung und sagte: „Na dann bin ich ja anscheinend unschuldig.“ Dabei knallte er ihr die Tür vor der Nase zu.
Verstört ging Liane die Treppe runter, verließ das Haus und setzte sich wieder in das Taxi auf die Rückbank.
„Wo soll es hingehen?“ ,fragte der Fahrer.
Sie gab ihre Heimadresse an und die Fahrt ging los. Liane blickte ständig auf die Nachricht und entschied sich zu antworten.
Sie tippte: „Wer bis du?“
Umgehend wieder die Antwort: „Das tut nichts zur Sache. Viel wichtiger ist wer du bist!“
Liane verstand nicht. Sie schrieb: „Was soll das heißen? Ich weiss, wer ich bin!“ Es vergingen einige Sekunden, bis die Antwort kam.
„Oh, ich denke, du hast vergessen, wer du bist. Du bis eine Lügnerin!“
Liane würde wütend, ging in die Offensive.
„Mein Privatleben geht niemanden etwas an. Mit wem ich ficke ist meine Angelegenheit!“
Wieder vergingen einige Sekunden, dann leuchtete das Display auf.
„Schön, dass du weisst worauf ich hinaus will. Dann kümmere dich um deine Angelegenheit und beichte deinem Ehemann von deinem Liebesabenteuern!“
Liane war außer sich, knallte das Handy in den Fußraum. Der Fahrer fragte: „Alles in Ordnung da hinten?“
Liane antwortete wütend: „Mischen Sie sich nicht ein und fahren Sie weiter!“
Der Fahrer rümpfte die Nase und interessierte sich nicht weiter für seinen unangenehmen Fahrgast.
Im Fußraum blitzte wieder das Display auf. Eine weitere Nachricht erreichte Liane. Sie wollte es ignorieren, hoffte, dass dies alles nur ein böser Traum sei. Aber sie konnte es nicht und griff nach unten nach dem Handy. Sie las die Nachricht: „In drei Tagen ist dein Mann zurück. Somit hast du genug Zeit deine Beichte vorzubereiten!“
Die folgenden Tage waren für Liane die Hölle. Ihr ganzes Imperium drohte in sich zusammenzustürzen. Sie igelte sich ein und vermied jeden Kontakt. Roman versuchte sie mehrfach zu kontaktieren. Er wollte wissen, wie der Stand der Dinge ist und ob sie etwas über das mysteriöse Handy herausgefunden hatte. Sie gab ihm nur zu verstehen, dass ihre ganze Unternehmung auf der Kippe stehe und sie sich jetzt verdammt schnell etwas einfallen lassen musste. Zudem meldete sich Oliver täglich aus New York, sagte ihr, wie sehr er sie vermisst und er etwas Besonderes mitbringen würde. Er war besorgt, weil Liane am Telefon noch kürzer angebunden war als sonst, wenn er auf Geschäftsreise weilte. Aber seine Ehefrau hatte überhaupt keinen Sinn nach Telefongesprächen mit ihm, geschweige denn für irgendwelche Mitbringsel, auch wenn es teurer Schmuck war. Am liebsten wäre ihr es, wenn der Flieger mit Oliver irgendwo in den Atlantik stürzt und sie damit alle Probleme los wäre.
Die drei Tage waren vorüber und Oliver sicher gelandet. Zu Lianes Bedauern verlief der Rückflug ohne Komplikationen. Ihre Limousine holte ihn vom Flughafen ab. Liane war nervös, aber sie hatte sich vorbereitet. Ihr Plan war es, Geschäftspartner Roman in ein negatives Licht zu rücken. Er habe sie betrunken gemacht und ausgenutzt. Sie habe einen grauenvollen Fehler begangen, denn sie liebe schließlich nur ihren Oliver.
Der Wagen rollte die Auffahrt und Liane stand mit aufgesetztem Lächeln in der Tür. Sie versuchte, damit ihre Nervosität zu überspielen. Oliver stieg aus und blickte freudestrahlend auf seine Frau. Er ging mit schnellen Schritten auf sie zu, nahm Liane in den Arm und drückte sie fest.
„Ich hab ́ dich so vermisst Schatz“ ,daraufhin drückte er sie etwas zurück und fuhr grinsend fort, „und was Schönes mitgebracht habe ich auch!“
Lianes Gesichtsausdruck wurde ernst. Sie nahm etwas Abstand zu Oliver und sagte: „Ich habe dich auch vermisst, komm ́ bitte rein, wir müssen reden.“
Oliver schaute verwirrt, diese Reaktion hatte er nicht erwartet. Liane zog ihn ins Haus und sie blieben im großen Wohnbereich stehen. Was jetzt folgen sollte, war genau von ihr geplant. Sie schlüpfte in die Opferrolle, die sie, seit Tagen probte, und begann Oliver ihre Wahrheit zu offenbaren. Dabei ließ sie Tränen über ihre Wangen laufen und gestikulierte theatralisch mit ihren Händen. Oliver hörte ihr zu. Sein glücklicher Geschichtsausdruck wich einer versteinerten Mimik.
Als sie fertig war und nichts mehr zu sagen wusste, blickte Liane ihren Ehemann unterwürfig an. Sie erhoffte den gewünschten Effekt zu erzielen, dass er ihr Absolution erteilte. Doch keine Regung von ihm.
„Nun sag ́ doch was!“ ,bettelte sie Oliver förmlich an.
Es herrschte weitere Sekunden Stille. Diese kamen Liane endlos vor. Dann brach Oliver sein Schweigen: „Ich habe dir ein Geschenk versprochen.“
Dabei drehte er sich herum und holte ein kleines Päckchen aus seinem Aktenkoffer. Liane war verwirrt. Hatte ihr Mann sie nicht verstanden, fragte sie sich schweigend. Oliver reichte ihr das Geschenk.
Liane wusste nicht mit der Situation umzugehen, stammelte: „Oliver, ich denke jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt für Geschenke.“
„Ich denke doch!“ ,erwiderte ihr Mann.
Er reichte ihr das Päckchen.
„Pack ́ es aus“ ,forderte er Liane auf.
Sie riss das Geschenkpapier ab und warf es auf den Boden. Sie hielt einen Bilderrahmen in der Hand mit einem alten Foto darin. Liane wurde kreidebleich. Es war ein altes Bild von ihr als 16-jährige mit ihrem damaligen Freund. Entsetzt schaute sie zu Oliver auf: „Was hat das zu bedeuten?“
In diesem Moment erhielt seine SMS auf das ominöse Handy.
„Sieh nach, wer dir schreibt“ ,sagte Oliver in ruhigem Ton.
Mit zitternder Hand griff Liane in ihre Handtasche und zog das Handy heraus. Sie öffnete die Textnachricht und las: „Zeit für die Wahrheit, Lügnerin!“
Sie blickte wieder Oliver an. Der ging langsam auf sie zu, blickte ihr vorwurfsvoll in die Augen und sagte: „Schau ́ auf das Bild, erkennst du ihn?“
Liane konnte nichts sagen, sie stand unter Schock und ihr fehlten die Worte. So nickte sie nur.
Oliver weiter: „Dann erinnerst du dich an meinem Bruder? Den du der Vergewaltigung beschuldigt hast? Der daraufhin ins Gefängnis kam, Selbstmord beging und unsere Mutter an diesem Kummer zerbrach und starb?“
Liane versuchte, sich zu verteidigen, stammelte: „Ich hatte doch keine Wahl. Es ging um mein Ansehen in der Öffentlichkeit.“
Oliver wurde wütend. Schrie sie an: „Keine Wahl? Du hattest ihm vorgegaukelt ihn zu lieben. Ihn dazu gebracht Hausarbeiten für dich zu schreiben und als er die Beziehung öffentlich machte, hast du ihn als Stalker hingestellt, der dich vergewaltigt hat.“
Dabei ballte er die Fäuste, seine Halsschlagader drückte sich hervor und er ging schreiend immer weiter auf Liane zu.
Aus der noch offen stehenden Haustür drang plötzlich eine Stimme durch die aufgeheizte Atmosphäre. Roman stand in der Tür und fragte: „In Gottes Namen, was ist denn hier los?“
Liane ergriff ihre Chance, rannte an ihrem wütenden Ehemann vorbei und fiel Roman um den Hals.
Dabei jammerte sie weinend: „Hilf mir Roman! Oliver ist verrückt geworden, er steckt hinter allem!“
Roman blickte fragend zu Oliver: „Du warst das mit dem Handy?“
Die Hintertür zum Wohnbereich öffnete sich und Journalist Frederick betrat den Raum, hielt ein Smartphone hoch und sagte: Nein, ich war das!“
Dann stellte er sich neben Oliver und beide blickten Liane an, die sich immer noch an Roman festkrallte.
Dabei flehte sie ihren Liebhaber an: „Lass uns schnell hier verschwinden. Die wollen uns fertig machen.“
Oliver richtete das Wort an Roman: „Das würde ich mir gut überlegen Roman. Eben hat sie noch behauptet du hättest sie vergewaltigt.“
Daraufhin schob dieser Liane ein Stück zurück, blickte sie an und fragte: „Was hast du getan?“
Sie antwortete panisch: „Das stimmt nicht ,er lügt.“
Oliver wieder zu Roman: „Doch, glaub ́ es mir.“
Dieser antwortete: „Dann hat sie mich tatsächlich der Vergewaltigung beschuldigt?“ Plötzlich änderte sich sein Gesichtsausdruck, er zog die Mundwinkel an, packte Liane und schubste sie ins Haus. Sie stolperte ein Meter von ihm weg und stand jetzt genau in der Mitte zwischen den drei Männern.
Dann fügte Roman an: „Genau wie sie unseren Bruder der Vergewaltigung beschuldigt hatte?“
Liane blickte ungläubig, konnte nicht verstehen, was geschah. Alle drei fixierten sie mit ihren Blicken.
Oliver ergriff das Wort: „Weisst Du mein Schatz, nachdem ich das Glück hatte, nach dem Studium mit meiner Firma ein Vermögen anzuhäufen, konnte ich für meine Brüder und mich die Vergangenheit vergessen machen.“
Frederick brachte sich ein: „Doch dann sah ich dich auf einem Event, wo du versucht hast, dich an reiche, alte Säcke anzubiedern.“
Roman ergänzte: „Und die Vergangenheit war wieder da.“
Oliver ging auf seine Frau zu: „Es war kein Problem dich einzuwickeln. Ich musste nur die dicke Geldbörse raushängen lassen und du hast deine Chance gewittert. Es bedurfte nur zwei Jahre Ehe und meine Brüder, um dich unter Kontrolle zu halten und dir dein dunkles Geheimnis zu entlocken.“
Liane schüttelte den Kopf, spürte den Druck, versuchte, sich aber zu verteidigen: „Ihr habt mir gar nichts entlockt und solange ich nichts sage, könnt ihr mir nichts beweisen!“
Oliver grinste und entgegnete: „Oh, du musst auch nichts sagen, das hat dein Tagebuch bereits erledigt!“
Dabei zog Frederick ein kleines Buch unter seinem Mantel hervor. Liane sah es und hielt den Atem an.
Oliver fuhr fort: „Es fiel mir vor einem halben Jahr in die Hände und ich war erstaunt, wie sehr du die Vergangenheit ausblendest, aber deine verrohten Gedanken aus dieser Zeit aufbewahrt hast.“
Roman schritt heran und sagte: „Und wie viel Mühe du dir gegeben hast, zu beschreiben, wie sehr du unseren Bruder verachtest und für deine Zwecke missbraucht hast.“
Liane wurde wütend. Ihre durchtriebene und erbarmungslose Art gewann wieder die Oberhand. Sie schrie die Drei an: „Na wenn schon. Wen sollte das nach all den Jahren noch interessieren. Dieser Versager ist tot und wird nicht mehr lebendig.“
Sie holte nochmal tief Luft und schrie aus sich heraus: „Niemand interessiert das!“
„Doch, mich!“ ,drang wieder eine Stimme durch die noch immer offen stehende Haustür. Liane blickte sich um. In der Tür stand ein Mann mit Lederjacke und hielt einen Ausweis hoch.
„Kommissar Kießling mein Name. Interessant ihre Ausführungen. Würden sie mich und meine Kollegen im Auto draußen bitte auf ́s Polizeirevier begleiten, wir hätten da ein paar Fragen zu einer alten Geschichte, die uns ihr Ehemann erzählte.“
Liane schaute die drei Brüder schockiert an, die ihr alle einen ernsten Blick zurückwarfen. Kießling kam auf sie zu, packte vorsichtig den Arm und bat die entgeisterte Frau höflich: „Kommen Sie mit!“
Liane ergab sich ihrem Schicksal und ließ das Handy fallen, was sie die ganze Zeit über in der Hand hielt. Es knallte auf den Boden, dabei blinkte das Display noch einmal auf und zeigte an: „Akku leer!“

2 thoughts on “Der geheimnisvolle Chat

  1. Hey Andreas (;

    ich habe soeben deine Kurzgeschichten gelesen und sie hat mir wirklich gut gefallen!!
    Dein Schreibstil ist angenehm zu lesen und ich konnte mir jede einzelne Szene ohne Probleme vorstellen.
    Schon während ich lese, überlege ich mir immer, wer denn der „Täter“ sein könnte und natürlich hatte ich meine Vermutungen, aber die Tatsache, dass alle drei unter einem Hut stecken, hätte ich niemals in Betracht gezogen.
    Eine wirklich gute Idee und auch gut umgesetzt.
    Vielleicht hättest du die Adjektive (sagte, entgegnete, ergänzte etc) die vor der Wörtlichen Rede stehen auch mal dahinter setzen können. Ich glaube an der ein oder anderen Stelle wäre das besser zu lesen gewesen – aber das ist Geschmackssache ;).

    Liebe Grüße und noch viel Spaß beim Schreiben
    Sarah

    Wenn du möchtest, kannst du auch gerne meine Geschichte lesen, kommentieren und/oder liken – das würde mich sehr freuen 😀
    Meine Kurzgeschichte trägt den Titel „Unschuldskind“.

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