Sue B.DER GESANG DER ZIKADEN

7+

Meine Lungen brennen, Schweiß strömt in klebrigen Bahnen an meinen Schläfen herab. Ich bleibe für einen kurzen Augenblick vornübergebeugt stehen, stemme die Arme auf meine Oberschenkel und lausche auf die dumpfen, harten Schläge meines Herzens, das im schnellen Takt das Blut durch meine Adern jagt, während ich tief ein- und ausatme.

Durch meine zusammengekniffenen Lider kann ich sehen, dass ich noch ungefähr hundert Meter vor mir habe, steil bergauf, dann habe ich es geschafft. Dies ist der schwierigste Teil der Strecke. Der Teil, der mich seit fünf Tagen immer wieder an meine Grenzen bringt.

Los, sporne ich mich selbst an, die paar Meter, das wirst du ja wohl noch schaffen. Komm schon, weiter geht’s!

Ich setze mich wieder in Bewegung, zwinge meinen Atem zu einem ruhigeren Rhythmus, zwei Schritte ausatmen, einen Schritt einatmen, weiter, ein, aus, aus, ein, aus, aus, los, schaffst du, ein, aus, aus, nur noch ein paar Meter, weiter, los, los, los …

Mein Fuß bleibt an einer Wurzel hängen, die sich wie ein urzeitlicher Riesenwurm aus dem trockenen Boden windet, ich strauchele, stürze fast, kann mich jedoch gerade noch fangen. Keine gute Idee, hier zu stürzen. Rechts fällt der Hang steil ab, die wenigen trockenen Büsche und lockeren Steine würden einen Fall kaum abbremsen, bevor man über die Felskante in das tief darunter liegende türkis glitzernde Meer stürzen würde. Ich lehne mich leicht zum Hang und blicke hinunter, ein rostiges Fahrrad liegt traurig wie das Gerippe eines toten Tieres zwischen den Felsen, dahinter geht es in die Tiefe. Ich richte mich auf und trabe weiter.

Ein, aus, aus, ein, aus, aus …

Als ich endlich oben ankomme, übertönt das Rauschen in meinen Ohren die Brandung, und winzige Sterne tanzen vor meinen Augen. Ich lasse mich auf den sandigen gelben Boden sinken und mache einige Minuten lang nichts weiter als die frische Meeresluft in mich einzusaugen. Die Luft riecht süß und wohltuend nach wilden Kräutern, Rosmarin und Thymian, vielleicht Salbei. Mein Scheitel brennt, offensichtlich habe ich heute morgen vergessen, ihn mit Sonnencreme zu schützen. Ich öffne den Zopf im Nacken und arrangiere ihn neu, um die brennenden Hautstellen mit Haaren zu bedecken. Der Bauchbeutel fällt mir ein. Ich öffne den Verschluss und ziehe die Flasche hervor. Himmlisches Nass! Ich trinke mit gierigen Schlucken, mit dem Rest benetze ich mein salziges Gesicht. Ich stecke die Flasche in den Beutel zurück und drücke mich mit einem Arm vom Boden hoch. Als ich endlich stehe, zittern meine Oberschenkelmuskeln unkontrolliert. Vivian meinte am ersten Abend im Hotel zu mir: Himmel, Sanna, Sport soll doch Spaß machen! Du läufst, als willst du dich bestrafen!

Ich habe nur gelacht.

Der Aussichtspunkt ist nicht groß, ein vielleicht zwanzig, dreißig Quadratmeter großes staubiges Oval. An der Hangseite steht ein kleiner vertrockneter Olivenbaum, der kaum Schatten spendet, zum Meer hin steht eine halbrunde niedrige Mauer, eher Stolperstein als Hindernis. Dahinter das Meer, glitzernd, einladend, eine undefinierbare Sehnsucht bei mir erzeugend. Es ist still hier, nur die Brandung in ihrem ewigen Rhythmus rauscht in der Ferne.

Mein Blick wird angezogen von etwas, das hier nicht hergehört. Auf der Mauer, genau in der Mitte des Halbrunds, liegt eine kleine, metallisch schimmernde Kamera. Das dunkle Objektiv – ein starres schwarzes Auge – ist auf mich gerichtet, beobachtend.

Ich sehe mich um, obwohl ich weiß, dass dieser Gedanke natürlich Blödsinn ist. Niemand könnte sich an diesem Ort verbergen. Sie muss hier vergessen worden sein. Ich nehme sie in die Hand und betrachte sie. Ein japanisches Modell, rosa metallic, sie ist warm und glatt in meiner Hand. Ich verspüre ein wehmütiges Ziehen in meinem Bauch. Als Vierzehnjährige hätte ich für so eine Kamera gemordet. Damals träumte ich noch davon, irgendwann einmal eine berühmte Fotografin oder Reporterin zu werden.
Albern.

Die Zikaden haben ihren Gesang wieder aufgenommen, laut und fordernd. Irgendwo habe ich gelesen, dass nur die männlichen Tiere singen. Die Weibchen bleiben stumm.

Obwohl es erst kurz vor neun ist, sticht die Sonne bereits unangenehm auf der Haut. Ich lege die Kamera zurück auf die Mauer, strecke mich kurz und trabe wieder los. Der Rest des Weges ist leicht. In einer guten Viertelstunde werde ich zurück im Hotel sein. Genug Zeit, um zu duschen und danach die anderen beim Frühstück zu treffen.

Ein plötzlicher Impuls lässt mich stoppen. Ich drehe um und stecke die kleine rosafarbene Kamera in meine Tasche. Ich denke, dass sie von mir gefunden werden wollte.

Der Frühstückssaal ist groß und hell und riecht nach Kaffee und gebratenem Speck. Ich bin die erste an unserem Tisch, genieße es, frisch geduscht und angenehm erschöpft einen Augenblick allein zu sein, bevor die anderen kommen. Ich schenke mir eiskalten Orangensaft ein und leere das Glas in einem Zug. Der Hühnerhaufen – die „Chicks“, wie wir uns selbstironisch getauft haben – besteht aus fünf Mädchen um die dreißig. Vermutlich sollte ich lieber Frauen sagen, auch wenn der Ausdruck für einige von uns ein wenig zu reif scheint. Unsere Rollen in dieser Runde waren bereits nach dem zweiten Abend hier festgelegt. Missy, die eigentlich Henriette heißt, hat lange blonde Locken, jede Menge Rundungen an den richtigen Stellen, und ein unglaublich ansteckendes dreckiges Lachen. Ihr Plan: sich auf Teufel komm raus gut zu amüsieren. Komplizin bei diesem Plan ist Esther, kurze dunkle Haare und sehr lange Beine, die sie gerne zeigt und damit vermutlich Streitpunkt Nummer 1 bei den älteren Ehepaaren hier im Hotel ist. Wir arbeiten in der gleichen Werbeagentur. Die beiden als Designerinnen, ich als Buchhalterin.

Unser gemeinsamer Berührungspunkt ist Vivian. Sie ist die Mama von uns, nicht nur, weil sie tatsächlich als einzige von uns ein Kind hat, einen sechsjährigen Sohn, den sie alleine aufzieht, sondern auch, weil sie meist eine Art gutmütige Gelassenheit uns gegenüber an den Tag legt. Sie als Freundin zu bezeichnen, würde zu weit gehen, aber ich mag sie. Wir verbringen gelegentlich Mittagspausen miteinander, sie ist intelligent und warmherzig, wenn auch immer mit einer gewissen respektvollen Distanz. Sie war es, die mich überredet hat, einzuspringen, als zwei Wochen vor Abflug das vierte Mädchen von einem Auto angefahren wurde und somit für diesen Urlaub ausfiel. Das Mädchen hat einige Schürfwunden, und ein Bein ist gebrochen, aber ansonsten geht es ihr soweit gut. Der Fahrer hatte sich einfach aus dem Staub gemacht. Scheißkerl!

Und dann ist da noch Olivia, eine Cousine um zwei oder drei Ecken von Esther. Sie ist auch ein dunkler Typ, aber da hört die Ähnlichkeit auch schon auf. Wo Esther scharfkantig, filigran und elegant ist, ist Olivia wie eine mit dem Weichzeichner-Filter gephotoshopte Version. Bis auf die Augen: Esther hat klare grüne Augen, Olivia große braune Augen mit langen Wimpern, die sie immer ein bisschen zu lang auf einem ruhen lässt.
Ich mag diese Art von braunen Augen nicht.
Man kann ihnen nicht trauen.

Ich nehme an, ich gelte als die Spaßbremse der Runde. Ich kann keine witzigen Storys erzählen, schütte mich ungern jeden Abend mit Alkohol zu, um mich danach von irgendwelchen Hohlköpfen begrabschen zu lassen, und mein Bedürfnis nach Bewegung ist zugegebenermaßen ausgeprägter als bei den anderen.
Nicht das netteste Image, aber ich kann damit leben.

Nachdem alle, mehr oder minder frisch, eingetroffen und mit ausreichend Kaffee und den Resten vom Frühstücks-Buffet versorgt sind, lege ich die kleine rosa Kamera auf den Tisch.
„Seht mal – gefunden.“
Missy, die bis dahin außer einem genuschelten „Moin“ noch kein Wort gesagt hat, stellt die Kaffeetasse hin und greift nach der Kamera.
„Gefunden – echt? Wo?“ Ihre Stimme klingt rau, nach zuviel Zigaretten, Gelächter und Alkohol.
„Beim Aussichtspunkt, heute morgen.“ Ich weise in Richtung des kleinen Berges hinter dem Hotel und ahne, was gleich kommt.
Missy nimmt ihre Sonnenbrille ab und sieht mich aus ihren übernächtigten Augen verständnislos an. „Vou’re kidding! Du warst nicht ernsthaft heute morgen schon da oben – ich meine, jetzt ist immer noch morgen, oder? Wann bist du aufgestanden? Um sechs? Oder fünf?“
Vivian rollt lächelnd mit den Augen. „Gott, Missy, zieh keine Show ab – du weißt genau, dass Sanna jeden Morgen joggen geht.“
Missy lacht, setzt die Sonnenbrille wieder auf und fläzt sich zurück in den Stuhl. „Doch, klar, aber ein bisschen schräg ist das schon, das musst du doch zugegeben?“
„Zeig mal“, sagt Esther und entwindet Missy die Kamera aus der Hand. „Nice! Sieht fast aus wie neu. Überhaupt keine Kratzer am Gehäuse. Geht sie?“
Ich zucke mit den Schultern. Zwischen laufen, duschen und Frühstück war ich noch nicht dazu gekommen, sie mir genauer anzuschauen.
Esther drückt ein paar Knöpfe und das Objektiv fährt sirrend raus, ein leiser elektronischer Glockenton ertönt. „Na, schau mal an. Geht doch.“
„Willst du sie behalten?“ fragt Vivian.
Ja, denke ich.
„Bin nicht sicher“, höre ich mich ausweichend antworten, „vielleicht finde ich ja heraus, wer der Besitzer ist …“
„Besitzerin ist wahrscheinlicher. Kein Mann würde jemals diese Farbe wählen. Viel zu Barbie!“ Esther lacht.
„Lasst uns die Fotos anschauen. Vielleicht ist es ja ein Gast aus diesem Hotel und wir erkennen ihn wieder“, schlägt Olivia vor.
„Ich weiß nicht“, gibt Vivian, ganz Stimme der Vernunft, zu bedenken. „Ich meine, Fotos sind etwas privates. Vielleicht sind da ja Nacktfotos oder Schlimmeres drauf.“
„Na, dann darf derjenige eben nicht so dämlich sein und seine Kamera irgendwo herumliegen lassen!“ Missy holt sich die Kamera von Esther zurück. „Touchscreen. Cool! Wollen doch mal sehen –“
Sie runzelt konzentriert die Stirn, schiebt die Brille wieder hoch in die Haare. „Wie es so aussieht, sind nur zehn Fotos auf dem Chip. Wo ist diese verdammte Einzelbildansicht? Ah, hier …“
Sie stutzt und lacht dann laut auf, während sie durch die Fotos scrollt. „Uh la la! Was für eine kleine Bitch! Bist du Hellseherin, Viv? Na, wenn das nicht privat ist, weiß ich auch nicht …“
Esther und Olivia rücken näher an Missy heran, um ebenfalls einen Blick auf die Bilder zu erhaschen. Mir ist unerklärlicherweise unbehaglich zumute, als ich ihre zwischen Sensationslust und Ekel wechselnden Mienenspiele sehe. Ihre Kommentare rühren an etwas in mir, das tief unten verborgen ist.
„Gott, wie alt ist sie? Vierzehn? Fünfzehn? Oder jünger, was denkt ihr?“
„Wer lässt sich denn beim Blowjob fotografieren? Igitt!“
„Haha, muss Liebe schön sein …“
„Tolle rote Mähne hat die Kleine.“
Olivia mustert mich mit einem Lächeln, das ihre braunen Augen nicht erreicht. „Hey Sanna, Ist dein Blond echt? Weil, irgendwie hast du Ähnlichkeit mit der Kleinen auf den Fotos –“
Missy stutzt und schaut noch einmal auf den Screen. „Stimmt, du hast recht, Olivia. Seht mal, die Nase! Und die Sommersprossen! Sanna, ihr seht euch wirklich ziemlich ähnlich. Verdächtig, verdächtig …“
Esther kichert.
Mir reicht’s allmählich. „Also, im Gegensatz zu deinem ist mein Blond allerdings so was von echt. Gib’ mal her!“
Missy verzieht das Gesicht wie ein Kind, dem man ihr Lieblingsspielzeug wegnehmen will, reicht mir dann aber die Kamera über den Tisch.
Ich lehne mich zurück und betrachte die Fotos.
Der lichte Frühstücksraum scheint plötzlich zu schrumpfen, die Wände kommen auf mich zu. Mein Magen krampft sich zusammen, ich kann kaum atmen. Das Mädchen auf den Fotos ist mir nicht nur ähnlich, das Mädchen bin ich.

Bilder von dem, was er mir angetan hat, wozu er mich gemacht hat, jagen durch meinen Kopf. Ich sehe, wie er mir sagt, dass er mich liebt, und dann von all seinen Freunden vergewaltigen lässt. Wie er mich schlägt – in den Magen, weil blaue Flecke an sichtbaren Stellen schlecht fürs Geschäft sind. Wie er mich dazu bringt, mit weit über tausend Männern Geschlechtsverkehr zu haben, und das noch vor meinem sechzehnten Geburtstag, damit auch ich „einen kleinen Beitrag“ zu unserem Haushalt leisten kann, in dem er so gut wie nie war. Auch die roten Haare waren seine Idee – „Das gibt dir so etwas wildes, versautes, mein Miezekätzchen“.
Gott, ich habe so sehr ihn geliebt, absolut blind und ohne Kompromisse, und noch viel mehr hasse ich ihn jetzt.
„Sanna? Alles okay?“ Vivians leise Stimme bringt mich zurück an diesen Tisch.
Ich blicke hoch, brauche einen Moment, um in die Wirklichkeit zurückzufnden. Die Wände weichen langsam nach außen, Luft fließt zurück in meine Lungen. Alle sehen mich an. Ich reiße mich zusammen und zwinge mich zu einem kleinen Lachen.
„Ja. Ja, sicher. Und stimmt, das ist ziemlich privat, ihr habt recht. Vielleicht lösche ich die Bilder einfach. Muss eine Nacht drüber schlafen.“ Ich tue das Ganze mit einem Schulterzucken ab, mache die Kamera aus und packe sie zurück in meine Tasche.
Dann ringe ich mir ein strahlendes Lächeln für die Runde ab. „Und? Wie sieht der Plan aus für heute? Pool, Strand oder Ausflug?“

Keine Ahnung, wie ich den heutigen Tag hinter mich gebracht habe. Während wir am Strand gelegen haben, gescherzt, geflirtet, Eis gegessen, und uns von den Wellen haben tragen lassen, kreiste ein Teil meines Verstandes ausschließlich um die kleine rosa Kamera, die auf dem Bett in meinem Hotelzimmer lag. Mittlerweile ist es kurz vor Mitternacht, ausnahmsweise sind wir heute in der Hotelbar gelandet und nicht in irgendeinem der zahlreichen Clubs an der Strandpromenade.
Ich gähne und strecke mich ein wenig.  „Mein Bett ruft, Mädels! Ich verzieh’ mich. Bis morgen!“ Ich stehe auf. Meine Müdigkeit ist nicht gespielt, ich bin so erschöpft, dass ich keine Minute länger durchhalten kann.
Vivian und Olivia erheben sich ebenfalls und verabschieden sich. Wir gehen gemeinsam durch die Lobby zu den Fahrstühlen und steigen ein. Viv steigt als erste aus, sie lächelt müde, winkt kurz und verschwindet im langen halbdunklen Flur. Olivias und mein Zimmer befinden sich vier Stockwerke darüber. Der Fahrstuhl setzt sich wieder in Bewegung. Olivia zupft an einer Haarsträhne und sagt: „Weißt du, ich jogge auch. Vielleicht könnten wir ja mal zusammen laufen?“
Meine Gedanken sind bereits in meinem Zimmer angekommen. „Was? – Ja. Ja, sicher, machen wir.“ Ich lächele vage.
Die Fahrstuhltür öffnet sich wieder, wir wünschen uns eine gute Nacht, dann trennen sich unsere Wege, mein Zimmer liegt links, ihres rechts.
Im Zimmer bin ich plötzlich wieder hellwach, mein Mund ist trocken. Ich setze mich aufs Bett, starre dieses kleine metallisch schimmernde Ding auf der Überdecke widerwillig an, als wäre es ein schimmernder exotischer Riesenkäfer.
Ich will diese Fotos nicht noch einmal ansehen. Aber ich muss wissen, was dahinter steckt. Es kann doch alles kein Zufall sein, der Fund, die Fotos. Kaum jemand weiß von diesem Abschnitt meines Lebens, außer meiner Familie, der Polizei, und später meiner Therapeutin. Wer sollte sich dafür interessieren, frage ich mich. Es ist nur die Geschichte einer miesen Masche, auf die dutzende von Mädchen wie ich reingefallen sind.
Dumme, dumme, verletzliche kleine Dinger, die dachten, da ist er endlich, der Prinz aus ihren Kindheitsmärchen, auf einem Motorrad statt auf einem weißen Hengst, aber gut. Der schöne Robbie mit seinen Johnny-Depp-Augen, die nur auf mir ruhten, der mir sagte – uns allen sagte, wie ich im Gericht erfuhr – wie einzigartig ich doch sei, und die Eine in seinem Leben. Er malte mir ein Leben zu zweit aus auf einer rosa Zuckergusswolke!
Ich denke mit Ekel zurück an sein ganzes gespieltes anfängliches Geziere: Er wäre ja schon so alt, ob ich ihn denn überhaupt wolle, die ich ja so viel jünger sei als er, ich hätte die Welt zu meinen Füßen, zu früh, um mich fest an ihn, einen alten Sack, zu binden … blablabla!
Natürlich wollte ich! Nichts habe ich mir sehnlicher gewünscht.
Ich habe mich ihm quasi zu Füßen geworfen und auf niemanden mehr gehört, schon gar nicht auf meine Eltern. Er hatte so ein einfaches Spiel mit mir gehabt.
Und dann der perfideste Teil der ganzen Masche: Die Trennung. Mit der Begründung, mich nicht in Gefahr bringen zu wollen. Böse Jungs seien hinter ihm her, vielleicht würden sie ihn auch töten, wenn sie das Geld nicht bekämen. Das viele Geld, das er nicht hatte, natürlich hatte er das nicht. Aber wenn ich ihm helfen würde, das Geld zu ranzuschaffen … wer weiß, vielleicht ginge dann ja alles gut aus, einige Monate würden reichen, man verdiene sehr gut dabei, und überhaupt wären es nur ganz wenige besondere und reiche Kunden, so wie bei „Pretty Woman“ … ja, klar!
Gott, wie konnte ich so dumm gewesen sein!
Fünf Jahre später griff die Polizei mich und acht weitere Mädchen auf, es war drei Wochen vor meinem 18. Geburtstag.
Ich schämte mich. Auch weil ich erst gegen ihn ausgesagt habe, als alle anderen es bereits getan hatten. Ich schämte mich, weil ich ihn trotz allem immer noch liebte … ich wollte ihn zurück, so sehr.
Es hat viele, viele Therapiestunden gebraucht, bis ich begreifen konnte, dass ich nach allen Regeln der Kunst manipuliert worden war. Von ihm. Meinem Traumprinzen. Von Robbie.
Gehirnwäsche, eigentlich ein schönes Wort, fand ich. Ich fragte mich häufig, ob das Gehirn nach so einer Wäsche Persil-rein ist und frühlingsfrisch duftet, und die Gedanken, die es produziert, nur gut und positiv sind …
Der Schmutzfleck in meinem weißen Gehirn war er.

Also: Was hätte irgendjemand davon, mich mit diesen Fotos zu erpressen? Auf Facebook habe ich schon Schlimmeres gesehen. Und abgesehen davon: Ich bin weder reich noch berühmt. Ich habe keinen Ruf zu verlieren, bin keine Person des öffentlichen Lebens, nur eine kleine Buchhalterin.
Endlich überwinde ich mich und sehe mir die Fotos nochmal an, sie sagen mir nichts. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, dass sie gemacht wurden oder wer sie fotografiert hatte.

Am nächsten Morgen wache ich wie zerschossen auf. Mein Kopf hat die ganze Nacht unzählige Szenarios durchgespielt, die sich jetzt in der leichten Morgensonne, die in hellen Streifen ins Zimmer fällt, in Dunst auflösen. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, einfach liegenzubleiben. Ich drücke mein Gesicht ein letztes Mal in das kühle Kissen, dann atme ich tief ein und schwinge mit mehr Elan, als ich eigentlich fühle, die Beine aus dem Bett.

Noch ist es zu früh in der Lobby für die meisten Gäste, dafür eilen jede Menge Angestellte mit vollgepackten Armen hin und her. Ich grüße nickend in Richtung des Empfangs und trete durch die Tür in die Sonne. Auf dem Rand des großen Pflanzenkübels gegenüber vom Eingang dehne ich meine Beine. Als hinter mir ein leises „Guten Morgen!“ ertönt, zucke ich wie ertappt zusammen.
Olivia. Die Haare im Nacken zusammengebunden, bauchfreies Top, kurze Sporthose und grell neonfarbene Laufschuhe.
Ich starre sie an.
„Es tut mir Leid“, sagt sie unsicher. „Ich dachte, es wäre okay für dich – wir haben doch gestern darüber gesprochen – im Fahrstuhl.“
Sie hält inne, die braunen Augen ruhen rund und groß auf mir.

Wie ein Blitz durchfährt mich ein Gedanke – und es ist völlig absurd, dass ich nicht vorher darauf gekommen bin – es muss eines von den Mädchen sein. Natürlich! Nur sie wissen, wo ich jeden Morgen jogge. Alles andere macht überhaupt keinen Sinn. Bis vor zwei Wochen wusste ja nicht einmal ich selbst, dass ich auf diese Insel fliegen würde. War es Olivia? Vielleicht. Wahrscheinlich. Von allen kenne ich sie am wenigsten. Sollte ich sie hier und jetzt zur Rede stellen? Nein, entscheide ich, besser später, wenn wir ganz allein sind.
„Dann los“, sage ich.

Wir laufen locker und ohne ein Wort miteinander zu sprechen in Richtung Berg. Olivia kann gut mithalten. Sie bleibt immer leicht hinter mir, was Sinn macht, da der Weg schmal ist und ich die Strecke besser kenne. Ich ziehe das Tempo an. Mein Plan, wenn man das einen Plan nennen kann, ist, sie so an den Rand ihrer Kräfte zu bringen, dass sie keinen Widerstand mehr leisten wird, wenn ich sie frage, was zum Teufel das alles soll.
Langsam wird der Weg steiler. Eine Ziegenherde kreuzt unseren Weg, und wir müssen kurz stehen bleiben, bis alle Tiere an uns vorbei gegangen sind. Mit Genugtuung sehe ich, dass Olivias Wangen gerötet sind. Sie hat die Arme in die Seiten gestemmt und atmet schwer, sagt aber nichts. Als die Ziegen auf der anderen Seite sind, laufe ich im gleichen Tempo wieder los. Der Weg ist staubig, gelegentlich huscht eine Eidechse unter einen der Steine am Rand. Oben am Hang stehen zwei einsame Ziegen und rupfen an den Zweigen eines verdörrten Busches. Weit vor uns in der Hitze meine ich eine flimmernde Figur zu sehen, es könnte aber auch nur eine Sinnestäuschung sein. Normalerweise ist zu dieser Zeit niemand hier außer mir und den Ziegen. Wir laufen jetzt fast eine Stunde unter der mittlerweile sengenden Sonne. Olivia ist ein ganzes Stück hinter mir zurückgefallen.
Nicht mehr lange, und wir sind am Aussichtspunkt, wo ich gestern die kleine rosa Kamera gefunden habe. Kurz frage ich mich, was geschehen wäre, wäre ich nicht umgedreht, und hätte sie stattdessen einfach liegengelassen.
Mein T-Shirt klebt an meinem Körper, es ist nicht mehr weit, ich kann die Kuppe bereits sehen. Ich mache einen kleinen Satz über die Wurzel, laufe weiter, treibe mich an, als ich plötzlich einen Schrei hinter mir höre. Ich stoppe schnaufend, drehe mich um, und sehe gerade noch, wie Olivia den Abhang hinunterrutscht, sich mehrmals dabei überschlagend.
Großer Gott, denke ich und laufe zurück an die Stelle, an der sie gestolpert sein muss. Die verflixte Wurzel!
„Olivia!!“ brülle ich, „Olivia!“
Ihr Sturz verlangsamt sich nur wenig, ich sehe, wie ihre Hände verzweifelt nach Halt im losen Geröll suchen. Sie schlägt mit dem Kopf an einen Stein, rollt benommen weiter. Es sind nur noch wenige Meter bis zur Felskante. Dahinter folgt der freie Fall in die Brandung. Sie erwischt einen Busch und krallt sich fest, doch der Busch reißt ab und sie rutscht bäuchlings Meter um Meter weiter. Ich kann das Blut an ihrem Kopf von hier aus sehen.
Das Fahrrad, denke ich. Ihre letzte Chance.
„Olivia!“, brülle ich mit aller Kraft. „Das Fahrrad! Halte dich am Fahrrad fest!“
Sie hört mich nicht.
„Das Fahrrad, Olivia! Links!“ Jetzt sieht sie auf, ich kann die schreckgeweiteten Augen sogar von hier erkennen. „Das Fahrrad!“
Sie kann es nicht sehen, es liegt hinter ihr am Hang.
Ich fuchtele hektisch in die Richtung, in der es liegt. Sie dreht ihren Kopf, versucht zu begreifen, was ich meine, greift in letzter Sekunde mit einer Hand zu und – stoppt mit einem Ruck!
Ich bete, dass das Fahrrad hält, an dessen Vorderrad sie sich jetzt mit beiden Händen festklammert, die Füße schweben bereits über dem Abgrund. Es wirkt einigermaßen stabil, aber wer weiß wie lange noch.
Ich setze mich auf meinen Hintern und versuche so, mit den Füßen voran, zu ihr herunterzurutschen. Es dauert seine Zeit, aber lieber langsam als die Kontrolle zu verlieren. Kurz gerate ich ins schlittern, schaffe es aber nach wenigen Sekunden, die Absätze meiner Schuhe in die Erde zu rammen und mein Abrutschen so abzubremsen. Mein Puls jagt, ich bin schweißnass. Langsam … langsam … beschwöre ich mich! Ich habe Olivia fast erreicht. Meine Füße tasten auf dem lockeren Boden nach sicherem Halt, nur so kann ich sie ohne Gefahr zu mir ziehen. Ihr Gesicht ist verzerrt vor Angst, die Knöchel ihrer Hände abgeschürft und weiß von der Anstrengung des Festhaltens, ihr Gesicht ist mit Blut und Staub verschmiert, aber sie bleibt ganz still, wartet auf mich. Das Fahrrad gibt ein Geräusch von sich, das an ein Stöhnen erinnert. Ich befürchte, dass es nicht mehr lange Olivias Gewicht standhalten wird. Ich stemme meine Füße links von ihr gegen einen hervorstehenden Felsen, so müsste es gehen, wenn nicht: Gnade uns Gott!
Plötzlich sehe ich, wie Olivias Augen sich auf etwas hinter mir richten und sich weiten.
Sie sagt: „Vivian!“
„Was?“
„Da ist Vivian! Da oben, hinter dir!“
Ich wende mühsam den Kopf, und tatsächlich, oben am Weg steht Vivian. „Viv, dich schickt dich der Himmel! Komm runter, zu zweit schaffen wir es ganz bestimmt!“
Sie bewegt sich nicht, starrt mich nur weiter an.
Ich versuche es noch einmal: „Viv! Um Himmels willen! Setz dich in Bewegung!“
Das Fahrrad knarzt, rutscht plötzlich ein Stück ab. Olivia schreit auf. Keine Zeit mehr, auf Vivian zu warten. Ich überprüfe noch einmal den Halt meiner Füße, dann drehe ich mich zu Olivia, richte mich ein wenig auf und strecke ihr meine Hände hin.
„Olivia, greif’ meine Hände! Ich ziehe dich hoch!“
Sie atmet schwer, sieht mich angstvoll an, die Hände umklammern die scharfkantige Felge.
„Los, komm schon, du schaffst es! Ich lasse dich nicht fallen. Egal, was du getan hast.“
Ihre Augen zucken irritiert, dann zieht sie sich in einen halben Klimmzug und schwingt ihren rechten Arm in meine Richtung. Ich bekomme ihn zu fassen, nehme meine zweite Hand zur Hilfe, stemme mich mit den Füßen gegen den Felsvorsprung und lehne mich zurück, während ich Olivia zu mir ziehe. Jetzt lässt sie auch mit der linken Hand das Fahrrad los und klammert sich an meinen Arm. Ich lehne mich nach links und ziehe mit aller Macht, bis sie fast auf meinem Bauch liegt. Dann rollt sie sich schwer atmend neben mich auf den Rücken und holt ihre Beine zu ihrem Körper, während ich noch immer ihren Arm umklammere, aber die unmittelbare Gefahr scheint erst einmal vorüber.
„Danke“, sagt sie fast atemlos, „Danke!“
„Schon gut“. Ich lasse meine Kopf zurück in den Staub sinken und schließe die Augen. Noch haben wir es nicht geschafft, wir müssen den Hang zurück nach oben klettern. Kein ungefährliches Unterfangen.
„Wie geht es Dir? Deinem Kopf? Schaffst du es nach oben“, frage ich, als ich wieder sprechen kann.
Sie betastet ihren Schädel, betrachtet einige Sekunden erstaunt das Blut an ihrer Hand. „Geht schon, glaube ich.“
Dann fragt sie plötzlich: „Was meintest du mit Egal, was du getan hast?
„Was?“
„Das sagtest du eben: Egal, was du getan hast.“
„Das ist doch jetzt nicht wichtig.“
„Doch, ich will es wissen.“
Ich runzle die Stirn. „Ehrlich? Jetzt willst du das wissen? Na, was denkst du wohl? Die pinke Kamera? Die Fotos von mir? Du hast sie hier oben hingelegt, nicht wahr?“
Sie sieht mich völlig verblüfft an. „Das Mädchen auf den Fotos bist du? Aber wie kommen die –? Und wieso … wieso denkst, das war ich? Ich be –?“
In diesem Moment fällt ein großer Stein direkt neben mein Bein. Olivia schreit auf. Ein zweiter folgt, rollt weiter und stürzt ins Meer. Ein Erdrutsch? Ausgerechnet jetzt?
„Was zum –?“ Ich drehe mich um und sehe Vivian, die einen weiteren Stein aufhebt.
„Vivian? Aber was machst Du? Hör auf, verd –!“
Sie wirft. Der Stein poltert gegen das Fahrrad und reißt es mit nach unten. Olivia drückt sich gegen mich und wimmert.
„Vivian, spinnst du? Was soll das? Du wirst uns noch umbringen!“
Sie sucht nach weiteren Geschossen auf der Erde herum. Wir müssen hier weg.
„Warum macht sie das?“ wispert Olivia.
Ich schüttele den Kopf. Keine Ahnung.
Vivian hebt den nächsten Stein über ihren Kopf, bereit zum Wurf. Sie brüllt: „Du hast ihn getötet! Du Schlampe!“
„Was meint sie?“ fragt Olivia verstört neben mir.
„Weiß nicht, wirklich nicht.“
Vivian wirft, der Stein fällt mehrere Meter von uns entfernt in die Tiefe. Sie sucht erneut.
„Wir müssen hier weg! Nach oben! Das ist unsere einzige Chance!“ Ich helfe Olivia, sich auf den Bauch zu drehen, ohne abzurutschen. „Du links, ich rechts, dann sind wir ein kleineres Ziel“, flüstere ich. Olivia nickt bedächtig, ihre Augen wirken glasig, vielleicht hat sie eine Gehirnerschütterung. Auch das noch.
„Los, schaffst du.“
Wir kriechen langsam nach oben. Es ist nicht leicht, auf den lockeren Steinen Halt zu finden. Meine Hose ist am Knie zerrissen, egal. Vivian taucht wieder auf, einen Brocken in der Hand. Sie zielt auf mich, nicht auf Olivia, die sich ein gutes Stück weiter links nach oben arbeitet.
Vielleicht kann ich Viv abzulenken. Ich brülle: „Warum machst du das? Wen soll ich getötet haben? Ich habe niemanden getötet, das schwöre ich!“
„Du weißt es nicht?! Du weißt es nicht, du Miststück? Meinen Mann! Du hast ihn auf dem Gewissen! Du hast ihn getötet!“
Der Stein landet dicht neben mir auf, ich schaffe es gerade noch, den Fuß wegzuziehen, bevor er mich treffen kann.
„Ich kenne deinen Mann doch gar nicht, verdammt, ich wusste bis eben noch nicht mal, dass du einen Mann hast!“ Ich krieche ein Stück voran, drehe den Kopf und schaue nach Olivia, die fast oben an der Kante angekommen ist.
Gut. Weiter.
„Du täuschst dich, Viv! Ich habe niemanden getötet!“
Ihre Stimme klingt schrill. „Robbie! Du hast Robbie getötet! Dafür wirst du büßen!“
Ich halte inne. Robbie? Robbie ist tot, wispert ein verzagtes trauriges Stimmchen in mir. Robbie war verheiratet? Mit Viv?
Die Gedanken lassen mich unachtsam werden – ein Fehler. Ein Stein trifft hart gegen meinen Oberarm, ich schreie auf, rutsche einige Meter ab, bevor ich mich wieder fange. Ich spüre, dass mein Gesicht feucht ist. Tränen? Schweiß? Blut? Wahrscheinlich alles zusammen. Ich kann plötzlich nicht mehr, klammere mich fest und warte auf den nächsten Stein.
Plötzlich höre ich oben auf dem Weg Schritte, Kiesel und Sand rollen in mein Gesicht. Olivia hat es geschafft. Es hört sich an, als ob sie miteinander kämpfen. Ich reiße mich zusammen, krieche auf Knien und Händen weiter, bis ich über den Rand schauen kann. Ich sehe Olivia, die auf allen Vieren ist, die Hände schützend über dem Kopf, Vivian steht über ihr und schwingt einen Ast, ich ziehe mich hoch und umklammere mit beiden Händen Vivians Fessel. Sie fällt der Länge nach hin, schlägt sich dabei das Kinn auf. Mit letzter Kraft klammere ich mich an sie, klettere auf ihren Rücken, presse meine Knie auf Ihre Oberarme und halte sie so am Boden. Olivia rappelt sich langsam hoch und lehnt sich erschöpft mit dem Rücken gegen die Felswand. Ich blicke sie fragend an.
Sie nickt – geht schon.
Vivian wehrt sich noch ein wenig, doch ihre Bewegungen werden immer schwächer. Ihr Rücken zuckt, sie weint.
Ich beuge mich zu ihrem Ohr herunter. „Robbie ist tot?“
Sie nickt.
„Wie? Wann?“
„Im Gefängnis. Eine Messerstecherei. Vor vier Wochen.“
Ich kann ihre Stimme kaum verstehen.
„Aber was habe ich damit zu tun? Ich verstehe es nicht.“ Ich krieche von ihr runter, sodass sie sich aufsetzen kann. Sie wischt sich den Rotz und das Blut vom Gesicht und rückt von mir ab.
„Was verstehst du nicht? Du hast ihn ins Gefängnis gebracht! Ohne dich wäre er da nicht gelandet! Ohne dich wäre er noch am Leben.“ Ihre Stimme wird wieder lauter. „Du, seine kleine Schlampen-Geliebte! Du hast ihn angezeigt. Aus Rache! Weil er mich geheiratet hat, nicht dich.“

Ich bin verwirrt. In was für einer Welt hat Viv gelebt? Hat sie wirklich zuhause die brave kleine Ehefrau gespielt, während ihr Ehemann, der Zuhälter, morgens aus dem Haus gegangen ist, um seiner Arbeit nachzugehen, dem Versklaven von Frauen? Und abends hat sie ihm dann sein Leibgericht vorgesetzt, während er das gemeinsame Kind auf den Knien geschaukelt hat? Und wenn er gesagt hat „Schatz, ich muss noch mal kurz ins Büro“, hat er die Kohle bei seinen Mädchen kassiert, oder sie verprügelt, wenn sie nicht genug angeschafft hatten? Hat sie wirklich nichts geahnt? Das kann ich kaum glauben. Meine Wut kocht hoch, denn auch wenn ich ihn geliebt habe, so bin doch ich das Opfer gewesen, und von ihm ausgenutzt, misshandelt und gedemütigt worden.
„Ich war alles andere als seine Geliebte! Ich war eines seiner „Pferdchen“, seine Prostituierte, du dumme Kuh! Er hat mich gezwungen, getreten, auf mich uriniert und gespuckt!“ Ich schreie jetzt. „Er ist tot?! Gut so! Ich tanze auf seinem Grab und singe!“
Vivan gibt einen fauchenden Laut von sich, der an ein angreifendes Tier erinnert, und stürzt sich mit gespreizten Fingern auf mich. Ich mache mich klein und reiße die Arme hoch, Vivian wird durch ihren Schwung über die Kante getragen und rollt mit schrillen Schreien auf den Abhang zu. Olivia kniet mit schreckgeweiteten Augen neben mir. Entsetzt verfolgen wir Vivians verzweifelte Versuche, auf ihrem Sturz irgendwo Halt zu finden. Schließlich schafft sie es, die Hände an den Felsvorsprung zu krallen, an dem eben noch das rostige Fahrrad hing.
„Oh Gott, was machen wir jetzt?“ Olivias Stimme ist kaum zu hören. Das Blut an ihrem Kopf ist zu einer dicken Kruste getrocknet und lässt ihre Haare abstehen. Sie zittert am ganzen Leib.
Ich fühle mich nicht viel besser, als sie aussieht. Die Stelle am Arm, wo mich der Stein getroffen hat, ist aufgeplatzt. Sand und kleine Steinchen kleben in der Wunde und lassen sie wie Feuer brennen. Ich glaube nicht, dass ich die Kraft habe, noch einmal dort hinunter zu klettern, um Vivian zu helfen.
„Ich weiß es nicht“, sage ich erschöpft.
„Sie hat versucht, uns zu … töten?“ Olivias Stimme klingt ungläubig, auch ich fasse nicht, was gerade passiert ist.
Wir beobachten, wie Vivian bei dem Versuch, ein Bein nach oben zu holen immer wieder abrutscht. Schließlich schafft sie es, dann zieht sie sich bäuchlings liegend mit den Armen  Stückchen für Stückchen höher, bis sie sicheres Terrain erreicht und liegen bleibt.
Ich rappele mich hoch in den Stand und reiche Olivia die Hand, um ihr beim aufstehen zu helfen. „Gehen wir.“
„Aber wir können sie doch nicht einfach hier zurücklassen“, sagt Olivia.
„Sie wollte uns töten“, sage ich.
Olivia lässt einige Sekunden verstreichen, dann stützt sie sich auf meinen Arm und sagt: „Dann los.“
Vivian wird es schon schaffen, wir haben es schließlich auch geschafft. Wir humpeln langsam in Richtung Hotel.

Der Zikadengesang begleitet uns.

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3 thoughts on “DER GESANG DER ZIKADEN

  1. Hallo Sue,

    der Titel Deiner Geschichte hat mein Interesse geweckt, und ich wurde nicht enttäuscht!

    Ich liebe Geschichten, die in einem Urlaubs-Setting spielen, vor kurzem habe ich hier schon eine gelesen, die in Mexiko bzw. Yucatán angesiedelt war – und auch Du schaffst es mühelos, mich in südliche Gefilde zu entführen (auch wenn nirgendwo erwähnt wird, wo genau die Mädels Urlaub machen). Sehr lebendig und „sinnlich“ geschrieben: Das glitzernde türkisblaue Meer, die nach Thymian und Wildkräutern riechende Luft … hach! 😉

    In Deiner Geschichte wird zur Abwechslung mal kein Handy bzw. Smartphone gefunden, sondern eine Kamera, aber kleinere Abweichungen gegenüber den Vorgaben waren ja erlaubt und der Plot funktioniert in meinen Augen sehr gut so. Es ist eigentlich klar, dass eine von den „Mädels“ dahinterstecken muss, aber die Hinter- und Beweggründe fand ich spannend und überraschend.

    Einzig das Ende empfinde ich als etwas unbefriedigend, d.h. diese doch sehr lapidare Aussage: „XYZ wird es schon schaffen“ bezogen auf die Frau, die immerhin versucht hat, die Protagonistin und ihre Begleiterin umzubringen. Den Schluss würde ich vielleicht etwas dramatischer gestalten und ggf. auch offener, so dass tatsächlich im Unklaren bleibt, ob die „Bösewichtine“ (ich nenne hier keine Namen, um für andere Leser nicht zu spoilern) mit dem Leben davonkommt oder nicht.

    Alles in allem habe ich Deine Geschichte sehr gerne gelesen und Dir ein „Like“ dagelassen.

    Liebe Grüße,
    Ana2020

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  2. Eine tolle Geschichte! Anfangs war mir Deine Sprache ein bisschen zu beschreibend, adjektivlastig, aber dann hast Du mich mit Deiner bildhaften Erzählung fortgerissen. Ich weiß nicht, wo Du warst, wo Sanna und Olivia und Vivian waren – ich jedenfalls war auf Mallorca, im Tramuntana an der Westküste zwischen Olivenhainen und Geröll mit Blick auf das Mittelmeer. Ich finde auch die Charaktere plausibel, die Sprache passend, gut getroffen, und die interessante Wendung, dass hinter allem die Person steckt, die man am wenigsten in Verdacht hat – und die vielleicht gerade deswegen am meisten verdächtig ist – immerhin befinden wir uns in einer Geschichte. Auch das halboffene Ende finde ich an der Stelle genau richtig, nicht too much und gerade deswegen nachvollziehbar. Total rund und richtig spannend. Top! Du brauchst dringend mehr Herzen!

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