Jana GesellDer Knall

15+

„Bitte erzählen Sie mir nochmal genau, was passiert ist.“ Ich verdrehe die Augen. „Sind Sie taub oder schwer von Begriff? Ich habe doch schon dreimal berichtet, was passiert ist.“ Der Polizist faltet die Hände und sieht mich ruhig an. Ich starre zurück. Er ist noch relativ jung, trotzdem ist sein blondes Haar ziemlich dünn. Er sieht so aus, als habe er seit Jahren nicht mehr gelacht. Wahrscheinlich geht er dazu auch noch in den Keller. Ich seufze und versuche mir eine Haarsträhne hinter mein Ohr zu schieben. Meine Hände sind mit Handschellen gefesselt, deswegen gelingt es mir erst beim zweiten Versuch. Meine Füße haben zwei Polizisten an den Plastikstuhl gebunden, als sei ich ein Schwerverbrecher. Jetzt sitzen ich und der Polizist aber allein an dem Tisch in dem kargen Verhörzimmer. In der rechten Ecke hinter dem Polizisten steht nur noch ein Mann in Uniform. Er studiert jede meiner Bewegungen genau und mir wird kalt, wenn ich in seine blauen Augen blicke. Deshalb konzentriere ich mich auf den Polizisten mir gegenüber. Dieser lehnt sich in seinem Stuhl zurück. „Gut, ich erzähle es Ihnen nochmal, aber dieses Mal passen Sie besser auf“, sage ich ruhig, „es hat alles mit diesem verdammten Job angefangen.“

 

„Hier, das ist die letzte Lieferung für heute.“ Dana nahm ihrem Chef den kleinen Zettel ab und las die Adresse rasch durch. „Da bin ich ja über eine Stunde unterwegs“, seufzte sie leise. „Deshalb: Letzter Job für heute.“ Ihr Chef reichte ihr ein Päckchen nach vorne. „Ich bin noch bis fünf hier und schließ dann ab.“ „In Ordnung.“ Dana schleppte das Päckchen aus dem Laden auf die Straße, hielt es mit einer Hand fest und stabilisierte es auf ihrem Oberschenkel, während sie mit der anderen Hand nach dem Autoschlüssel in ihrer Jackentasche kramte. „Wo ist er denn?“ Dana bekam den Schlüssel mit den Fingerspitzen zu fassen und konnte endlich den Kofferraum des kleinen grauen Autos öffnen. Sie hievte das Päckchen hinein und knallte dann die Klappe zu. Mit zunehmend schlechterer Laune ließ sie sich hinter das Steuer fallen und musste erstmal den Sitz wieder nach vorne schieben. Ihr Kollege, der die letzte Schicht gefahren hatte, war mindestens zwei Meter groß. Sie schüttelte den Kopf und meinte halblaut: „Oder ich bin zu klein.“ Dana drehte den Rückspiegel und sah sich für einen kurzen Moment selbst. Sie verzog das Gesicht. Ihre braunen Haare hatten sich aus ihrem unordentlichen Pferdeschwanz gelöst und ihre große Brille saß schief auf ihrer Nase. Rasch sah sie weg. Sie sah erschreckend alt aus. Und so fühlte sie sich auch. Sie verbannte die Gedanken, richtete ihre Brille und drehte den Autoschlüssel im Schloss. Der Motor ließ sich stotternd starten. Hoffentlich würde der Sprit noch langen, schließlich lag das Haus des Auftragsgebers mitten in der Walachei, außerhalb der hektischen Kleinstadt. Dana lenkte den Wagen ruhig durch den immer dichter werdenden Feierabendverkehr. Als sie endlich die überfüllte Hauptstraße Richtung Süden verließ, gab sie Gas. Sie wollte unbedingt so schnell wie möglich wieder Zuhause sein.

Das kleine Haus lag einsam am Ende einer langen Straße. Die letzte Straßenlaterne hatte Dana schon längst hinter sich gelassen, nur die Scheinwerfer des Autos erhellten die leere Straße. Dana parkte und stellte den Motor ab. Sofort war es stockdunkel. Sie zog ihr Handy aus der Jackentasche und schaltete die Taschenlampe ein. Das wenige Licht reichte ihr aus, um das Päckchen aus dem Kofferraum zu nehmen. Sie schloss das Auto ab und steckte die Schlüssel zurück in die Jackentasche. Jetzt ging sie zügig über die Straße auf das Haus zu. Es war schon etwas heruntergekommen, Wind und Wetter hatten dem Gebäude zugesetzt. Der Vorgarten war verwildert und als Dana das schiefe Gartentor öffnete, musste sie immer wieder darauf achten nicht über Wurzeln zu stolpern. Endlich vor der Haustür angelangt, suchte sie nach der Klingel. Mit der Taschenlampe ihres Handys leuchtete sie über die Hauswand, fand aber weder eine Klingel noch ein Namensschild. Dana hob die Hand, um an die Tür zu klopfen, aber die massive Holztür schwang sofort auf. „Herr Fischer? Hallo? Sind sie da?“ Dana hatte den Namen auf dem Päckchen gelesen. Niemand antwortete. Auch nicht, als Dana noch einmal gegen die offene Tür klopfte. Trotzdem brannte im Haus noch Licht.

Eigentlich hatte sie für solche Situationen genaue Anweisungen von ihrem Chef. Aber es war schon nach fünf und Dana hatte auch keine Lust morgen nochmal die ganze Strecke zu fahren. „Herr Fischer? Ich komme jetzt rein, in Ordnung?“ Keine Antwort. „So fangen normalerweise Horrorfilme an“, murmelte Dana und betrat das Haus. Angst würde sie keine haben, redete sie sich ein. Wovor denn auch. Es gab keine Zombies, Geister oder Vampire. Und falls gleich ein Serienmörder aus einer dunklen Ecke springen würde, beschloss Dana, einfach wieder zu ihrem Auto zurück zu rennen. Der erste Raum war ein schmaler Flur, an dessen Ende eine Tür offenstand. „Hallo?“ Dana nahm an, dass das erhellte Zimmer das Wohnzimmer war. „Ich bringe Ihr Päckchen, Herr Fischer“, rief sie nochmal. Auch in dem vermeintlichen Wohnzimmer war niemand. Dana stellte das Päckchen auf einen großen Tisch und sah sich um. Das Zimmer war spärlich eingerichtet: Sofa, Stuhl, Regal und eben der Tisch. Dana beschloss das Päckchen einfach hier stehen zu lassen und wollte gerade wieder heimfahren, als sie etwas auf dem Tisch liegen sah. Es war ein schwarzes Handy, neues Modell. Plötzlich blinkte der Bildschirm auf und zeigte eine neue Nachricht an. Ohne nachzudenken las sie die Nachricht halblaut vor: „Hast du die Fotos gesehen?“ Danas Neugier wuchs und sie klickte auf das Kamera-Icon. Die Galerie des Handys öffnete sich. Gespannt klickte sich Dana durch die Fotos. Die meisten waren dunkel und schlecht belichtet, aber es waren auch schöne Landschaftsaufnahme dabei. Die nächsten Bilder überraschten Dana. Es war eine zerbrochene Schaufensterscheibe, Absperrband flatterte vor der Szene und einige Polizisten waren ebenfalls zu sehen. Das nächste Bild zeigte ein schwarzes Auto mitten in der Nacht. Eine schmale Gestalt war am Steuer zu sehen. Dana überrannte ein eiskalter Schauer. Sie kannte das Auto, sie kannte sogar die Gestalt. Die nächste Datei war ein Video. Alles war dunkel, dann klirrte es laut. Jemand schrie, dann knallte ein Schuss. Das Bild wackelte, anscheinend schwenkte das Handy. Jetzt sah man auch endlich jemanden. Zwei Gestalten in schwarzer Kleidung rannten auf das Auto zu. Jemand brüllte: „Mach den Motor an! Dana, fahr los!“ Das Video endete abrupt. Dana ließ das Handy auf den Tisch fallen. Wem auch immer dieses Handy gehörte, er durfte nicht herausfinden, dass sie hier gewesen war. Sie griff nach dem Päckchen auf dem Tisch und drehte sich um. Irgendwo im Haus knarrte eine Tür. Dana stürmte in den Flur. Bevor sie die Haustür erreichte, trat auf einmal eine Gestalt aus dem Schatten direkt vor sie. Dana stolperte und ließ das Päckchen fallen. Weiche warme Hände packten sie und hielten sie fest. Dana versuchte strampelnd und schreiend von der Gestalt loszukommen. Endlich wurde sie losgelassen. Die Gestalt trat aus dem Schatten und lächelte: „Guten Abend, Dana.“ Sie erstarrte.

„Und das war dieser Herr Fischer?“ Der Polizist sieht mich aufmerksam an und ich nicke. „Aber das war nicht sein richtiger Name.“ „Sondern?“ Ich zucke mit den Schultern. „Hat er sich Ihnen nicht vorgestellt?“, bohrt der Polizist weiter.  „Doch schon, aber ich glaube auch nicht, dass er Raphael hieß.“ „Raphael? Und wie weiter?“ „Keine Ahnung. Er hat nur gesagt, dass ich ihn Raphael nennen soll.“ „Nach einem der Erzengel aus der Bibel.“ Der Mann in der Ecke legt den Kopf zur Seite und lächelt mich an. „Der Heiler soweit ich weiß“, antworte ich kurz angebunden. Sein Lächeln kommt mir bekannt vor. „Ich habe mal gehört, dass er auch Tote begleitet. Quasi ein Todesengel.“ Der Mann hatte bis eben noch an der Wand gelehnt, richtet sich jetzt aber auf und macht einen Schritt auf mich zu. Unsicher ziehe ich die Schultern hoch und versuche den Abstand zwischen uns wieder zu vergrößern. „Aber es ist ja alles nur Aberglaube“, lacht der Mann und lehnt sich wieder an die Wand. Ich atme erleichtert aus. Der Polizist mir gegenüber räuspert sich und ich sehe ihn wieder an. „Was ist danach passiert? Nachdem er Sie im Flur überrascht hat?“, fragt er. „Kann ich einen Kaffee haben?“, wechsle ich das Thema, um meine Gedanken zu ordnen. „Kaffee?“ Der Polizist legt seinen Stift zur Seite. „Ja, Kaffee. Wir sitzen doch schon seit Stunden in diesem Loch. Ich bin müde.“ Er zögert und ich lasse ihn nicht aus den Augen. Dann nickt er und steht auf. „Gehen Sie nicht weg“, meint er noch. „Sehr witzig“, murmele ich und sehe, wie er leicht grinst. Anscheinend hat er doch Humor. Ich blicke wieder zu dem Mann in der Ecke. Er streicht sich über die Uniform und schmunzelt. „Wie sah dieser Raphael denn aus? Er war bestimmt ein hübscher Kerl.“ Ich zucke mit den Schultern. „Schon. Er hatte dunkle Haare und eiskalte blaue Augen. Sein Lächeln hat mich an einen Haifisch erinnert.“ „Klingt wie ein Traumkerl.“ Er macht eine kurze Pause, bevor er hinzufüge: „Unerreichbar für eine Frau wie Sie.“ Ich will gerade etwas erwidern, als die Tür zum Verhörzimmer wieder aufgeht. Der Polizist kommt mit einem dampfenden Becher zurück. Er stellt ihn vor mich auf den Tisch und ich schließe dankbar meine Hände um den heißen Becher. „Danke.“ Ich nehme einen Schluck und verbrenne mir dabei beinahe die Zunge. „Wie heißen Sie eigentlich?“, frage ich höflich. „Sie können mich Viktor nennen.“ „Also: Danke, Viktor.“ Ich werfe dem Mann in der Ecke einen Blick zu, aber er lächelt mich nur breit an und ignoriert meine Frage. Viktor setzt sich wieder und greift nach seinem Stift. „Fahren Sie fort, Dana. Was ist passiert, als er Sie im Flur überrascht hat?“

„Keine Angst, Dana. Ich will dir nicht wehtun.“ Er machte einen Schritt auf sie zu und Dana ging automatisch einen Schritt zurück. Sie wollte den Abstand zwischen ihr und dem Fremden wahren. Danas Augen huschen zwischen dem Mann und der rettenden Haustür hin und her. „Ach bitte. Denk nicht daran, Dana. Du würdest nicht weit kommen.“ Er zog eine Hand aus seiner Hosentasche. Schlüssel klirrten. „Das sind meine Autoschlüssel!“ „Gut erkannt. Komm, wir setzen uns ins Wohnzimmer.“ „Was hält mich davon ab, wegzulaufen?“  „Dann müsste ich dich wohl umbringen.“ Er lachte und Dana lief ein Schauer über den Rücken. Unsicher machte noch sie einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken gegen eine Wand. Der Mann deutete auf das Wohnzimmer. „Bitte, geh vor.“ Es war höflich formuliert, aber Dana war klar, dass sie keine Wahl mehr hatte.

Der Mann wies sie an sich auf das Sofa zu setzen. Sofort gingen ihr unzählige Szenarien durch den Kopf, was der Mann mit ihr machen könnte. Und jede einzelne machte ihr noch mehr Angst. Der Mann lächelte sie an. „Bitte, ich habe kein Geld oder sowas!“ Das war das Erste, was Dana in dieser unwirklichen Situation einfiel. „Dabei hast du einen Juwelier überfallen.“ „Ich… Ich habe nur das Auto gefahren! Und das ist auch schon so lange her!“ „Darum soll es jetzt auch gar nicht gehen, Dana.“ Der Mann setzte sich neben sie auf das Sofa und tätschelte ihren Arm. Dana versteifte sich. Sein Parfüm stieg ihr in die Nase und sie bekam kaum noch Luft. Das Zimmer drehte sich langsam. „Ich möchte dir etwas vorschlagen, Dana.“ „Vorschlagen?“, echote sie verwirrt. Sie hatte keine Kontrolle mehr über ihren Körper. Der Mann schien den ganzen Raum mit seiner Anwesenheit auszufüllen. Er verbrauchte allen Platz, die ganze Luft. Der Mann lächelte immer noch, als er sagte: „Ich kann verstehen, dass du etwas überfordert bist, aber lasse es mich erklären. Oder besser noch, ich fange ganz von vorne an. Sag einfach Raphael zu mir.“ Er stand auf. Sobald er einige Schritte von ihr entfernt war, konnte Dana wieder besser atmen. Fieberhaft suchte sie mit ihren Augen nach einem Ausgang. Der Mann, Raphael, hatte die Wohnzimmertür geschlossen und stand jetzt genau zwischen ihr und der Tür. „Wie ich bereits gesagt habe“, begann Raphael wieder, „ich will dir nicht wehtun. Ich möchte nur reden.“ Warum hatte er dann nicht einfach angerufen? „Ich habe dich nicht angerufen, weil ich dich persönlich treffen wollte. Außerdem hättest du kaum den Ernst der Situation begriffen, wenn du die Fotos nicht mit eigenen Augen gesehen hättest.“ „Können Sie Gedanken lesen?“ Raphael schmunzelte und sah sie mitleidig an. Dana kam sich so klein und dumm vor. „Natürlich nicht, Dana. Ich möchte, dass du ein Paket auf deiner Arbeit öffnest und mir den Inhalt bringst.“ „Warum?“ „Das braucht dich erstmal nicht zu interessieren.“ „Hätten Sie nicht einfach einbrechen können, wenn Sie unbedingt dieses Paket brauchen?“ „Sieh es als Test, Dana.“ „Und wenn ich den Test nicht bestehe?“ „Stelle doch nicht ständig Zwischenfragen, Dana“, tadelte er sie wie ein kleines Kind. Trotzdem antwortete er: „Dann sehe ich mich gezwungen diese Fotos auf dem Handy an die Polizei weiterzugeben. Und wenn die Ermittlungen erstmal in Gang sind – den Rest kannst du dir ja denken. Das Gefängnis ist kein schöner Ort.“ Raphael wandte ihr den Rücken zu und Dana stand sofort auf. Vielleicht war das ihre Chance aus dieser unwirklichen Situation zu entkommen. Vorsichtig machte sie einen Schritt nach vorne, hielt den Kopf aber gesengt. „Vergiss deine Schlüssel nicht.“ Raphael drehte sich überraschend um und schmunzelte über Danas erschrockenes Gesicht. „Du bist ein sehr durchschaubarer Mensch, Dana.“ Er streckte die Hand aus. „Hier.“ Sie griff nach dem Schlüssel und Raphael strich mit seinem Daumen über ihre Handfläche. Seine Haut war weich und warm. Eine Gänsehaut rann über Danas Körper. Wieder schien er die Luft aus dem Raum zu ziehen. Dana keuchte leise. „Wir sehen uns wieder, Dana.“ Raphael machte ihr Platz und Dana stürmte aus dem Wohnzimmer. Sie riss die Haustür auf und blieb erst wieder stehen, als sie das Auto erreicht hatte. Sie glaubte Schritte hinter sich zu hören. Dann ein Lachen. Keuchend und mit zitternden Händen steckte sie den Schlüssel ins Schloss und versuchte das Auto anzulassen. Beim ersten Versuch würgte sie den Motor ab. Panisch sah sie zum Haus. In der Tür stand die Silhouette von Raphael. Er schien näher zu kommen, aber vielleicht kam es ihr auch nur so vor. Dana drehte den Schlüssel ein zweites Mal um und der Motor sprang endlich an. Sie gab Gas und wurde nicht langsamer, bis sie die erste Straßenlaterne erreicht hatte. 

Dana parkte den Wagen vor dem Mehrfamilienhaus, in dem sie wohnte. So schnell sie konnte sprintete sie die Treppen zu ihrer billigen Ein-Zimmer-Wohnung nach oben, schloss die Tür auf und stürzte nach drinnen. Schwer atmend lehnte sie sich gegen die Wand und schloss die Augen. Das war alles nur ein Albtraum. Gleich würde sie aufwachen. Gleich war es vorbei. Aber als sie die Augen wieder aufriss stand sie immer noch in ihrer dunklen Wohnung, trug immer noch ihre Jacke und Schuhe. „Verdammt, verdammt. Das kann doch nicht wahr sein!“ Dana streifte sich die Schuhe von den Füßen, warf die Jacke auf die Garderobe und wankte in die kleine Küche. Wieder fühlte es sich an, als hätte sie keine Kontrolle mehr über ihren eigenen Körper. Alles um sie wackelte. Sie griff nach einer Wasserflasche, trank einen Schluck und ließ sich dann auf einen Stuhl fallen. Auf dem Tisch lagen noch ein paar Briefe. Das meiste waren Rechnungen. Dana wusste nicht, wie sie alles diesen Monat bezahlen sollte. Selbst mit ihren drei Mini-Jobs kam sie kaum über die Runden. „Warum muss mir das alles passieren?“, murmelte Dana unentwegt, als sie sich durch die Briefe blätterte, um sich abzulenken. Stromrechnung, Miete, ein kleiner brauner Umschlag. Dana stutzte. Der war heute Morgen nicht mit der Post gekommen. Sie nahm ein Küchenmesser aus der Besteckschublade und schnitt das Papier auf. Darin war nur ein Blatt, einseitig in einer schmalen, engen Handschrift beschrieben. „Das Paket ist relativ klein und hat ein schwarzes Kreuz auf der Unterseite. Raphael.“ Dana knüllte das Blatt zusammen und schleuderte es von sich, als hätte sie sich verbrannt. Der Mann war hier gewesen. In ihrer Wohnung! Er musste den Umschlag hier platziert haben, als sie arbeiten war. Woher kannte er ihre Adresse? Woher wusste er, wann sie das Haus verließ? Panik ergriff sie. Dana sprang auf und kontrollierte jedes Fenster und die Haustür. Alle waren fest verschlossen. Aber er musste doch irgendwie hier drinnen gewesen sein! Die Luft wich aus ihren Lungen. Sie konnte seine Augen auf ihr fühlen. Seine warme Haut auf ihrer. Seinen Atem an ihrem Ohr. Dana drehte sich im Kreis, aber die Wohnung war leer. Als sie wieder in der Küche stand, verlor sie endgültig die Nerven und begann haltlos zu schluchzen.   

„Wieso haben Sie nicht die Polizei eingeschaltet?“ Ich gebe ein Geräusch von mir, dass irgendwo zwischen Lachen und ungläubigen Schnauben lag. „Was hätte ich denn sagen sollen? Hilfe, ein seltsamer Mann hat Fotos von mir, die mich als Mittäterin bei einem Einbruch zeigen. Und jetzt zwingt mich der Mann ein Paket für ihn zu stehlen. Sehr glaubwürdig, wirklich.“ „Was ist mit Ihrer Familie? Die hätte Ihnen doch sicherlich geholfen.“ „Ich habe seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihnen und werde das auch nicht ändern. Ich bin bestimmt eine Enttäuschung für sie.“ Viktor mustert mich eindringlich.

 „Und Sie hatten Angst vor ihm, oder?“, greift der Mann in der Ecke Raphael wieder auf. „Ja, natürlich hatte ich Angst.“ „Dabei hat er Ihnen nicht wehgetan?“ Das war keine Frage, sondern eine Feststellung. „Nein, hat er nicht“, antworte ich trotzdem. „Vielleicht wollten Sie also, dass er wiederkommt.“ Ich zucke mit den Schultern. „Im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich schon.“ Viktor sieht mich fragend an und deutet dann auf eine schmale Akte auf dem Tisch. „Im Protokoll…“, setzt er an. „Wollen Sie das Protokoll lesen oder von mir hören, was passiert ist?“, unterbreche ich ihn harsch. „Entschuldigung. Hatten Sie das Paket gefunden?“ „Ja, hatte ich.“ „Was haben Sie dann damit gemacht?“ „Ich nahm es mit Nachhause. Mein Chef hatte mich beinahe erwischt.“ „Und was war drin?“ „Ein Stift, besser gesagt ein Füllfederhalter.“ „Farbe?“ „Blau.“ „Marke?“ „Keine Ahnung. Englischer Name.“ Viktors Stift fliegt über das Papier. „Und daheim hat Sie Raphael wieder aufgesucht?“ „Er hat auf mich gewartet, als ich von der Arbeit zurückkam.“ „Wie ist er in die Wohnung gekommen?“ „Woher soll ich das wissen? Durch die Tür vielleicht?“ „Haben Sie nicht gefragt?“ „Wenn  so jemand wie Raphael vor ihnen sitzt, würde Sie das auch nicht interessieren, Viktor.“ „Und vielleicht wollten Sie auch wissen, woher Raphael die Fotos hatte“, überlegt der Mann in der Ecke. Ich nicke und greife nach dem Kaffeebecher. Viktor sieht kurz in die Ecke hinter sich. Dann notiert er sich etwas. Ich leere den Rest kalten Kaffee in einem Zug.

„Zurück zum Thema, bitte“, fordert Viktor, „was ist passiert, nachdem Sie ihm den Stift gegeben haben?“ „Er meinte, dass ich den Test bestanden habe.“ „Weiter?“ „Er ist aufgestanden, hat meine Hand gedrückt und gesagt, dass er sich bei mir meldet. Dann ist er gegangen.“ „Hat er sich gemeldet?“ „Wieso stellen Sie Fragen, die Sie schon beantworten können?“, entgegne ich nur. „Also, er hat sich wieder gemeldet. Wann etwa?“ „Sechs Tage später.“ „Warum sind Sie sich so sicher?“ „Ich bin mir einfach sicher. Es waren sechs Tage.“ „Was wollte Raphael dieses Mal?“ „Ich sollte einer Frau das Portemonnaie stehlen.“ „Wie war er so?“, fragt der andere Mann. „Höflich, direkt. Einvernehmend.“ „Einschüchternd?“ „Ja, ich habe mich nicht getraut, ihm auch nur einmal zu widersprechen.“ Auf Viktors Stirn ist mittlerweile eine tiefe Falte aufgetaucht. Er notiert sich erneut konzentriert etwas. Dann will er wissen: „Und haben Sie es geschafft, die Brieftasche zu stehlen?“ „Natürlich. Und das war erst der Anfang. Raphael hat mir immer wieder neue Aufgaben gegeben. Manchmal persönlich, dann wieder per Brief.“ „Hatten Sie auch Angst vor seinen Briefen?“, scherzt der Mann in der Ecke. „Ja“, antworte ich ernst, „seine Briefe waren wie Raphael selbst. Atemraubend, und das meine ich nicht positiv.“ „Der Mann hat Sie erpresst“, wirft Viktor dazwischen, „selbst der Einbruch bei dem Juwelier kann nicht so schwerwiegend sein, dass sie für einen Fremden Straftaten begehen.“ „Bei dem Einbruch ist ein Mann gestorben.“

Jetzt habe ich Viktors volle Aufmerksamkeit. Selbst der Andere ist jetzt still. Ich werfe ihm einen kurzen Blick zu. Er wirkt abwesend und melancholisch. „Einer von uns hat auf einen Mann geschossen. Er ist verblutet“, erzähle ich dann weiter, „ich wusste davon nichts, bis wir die Beute aufgeteilt haben. Ich habe den Schmuck danach in meinem Kinderzimmer versteckt und nicht mehr angerührt. Selbst nicht, um meine Schulden zu bezahlen.“ „Und in all den Jahren ist bestimmt einiges zusammengekommen.“ Ich nicke und füge ich hinzu. „Ich konnte meiner Familie nicht mehr unter die Augen treten.“ Viktor seufzt und sieht mich fast mitleidig an. „Wie oft hat Raphael Sie noch kontaktiert?“ „Oft, ständig. Er war immer da. Manchmal habe ich ihn auf der Straße getroffen, dann war er wieder in meiner Wohnung. Ich habe mich nie allein gefühlt.“ „Hat es Ihnen Angst gemacht, dass er so über Ihr Leben bestimmt hat?“, fragt jetzt der andere Mann und lächelt. Wieder kommt mir sein Lächeln bekannt vor, aber ich ignoriere das Gefühl und antworte: „Am Anfang schon, aber dann… Dann habe ich mich an ihn gewöhnt. Ich konnte mich darauf verlassen, dass Raphael immer da war. Und selbst als er von mir immer mehr erwartet hat, habe ich mir gewünscht, dass er wieder zurückkommt. Deshalb habe ich alle ‚Aufgaben‘ ohne zu zögern erfüllt.“ „Können Sie die Aufgaben näher beschreiben? Zu welchen Verbrechen hat er Sie gedrängt?“, fragt Viktor. Ich zögere. Er spürt es und sieht mich aufmunternd an: „Es kann nicht schlimmer werden, Dana.“ Ich schließe die Augen, rufe mir das vergangene Jahr nochmal ins Bewusstsein. „Diebstahl, Einbruch, Lieferfahrten, zweimal sollte ich einen Mann abholen und fahren“, zähle ich auf. Viktor schreibt konzentriert mit. „War Raphael jemals gewalttätig?“ Ich lache trocken. „Nein, er war immer höflich und freundlich. Fast schon charmant. Zu mindestens fast bis zum Schluss.“ Der Mann in der Ecke lacht leise. Mir wird heiß und kalt zugleich. Jetzt weiß ich endlich, woher ich ihn kenne. Ich versuche ruhig zu atmen und blicke wieder zu Viktor. „Ist die Geschichte schon vorbei?“, fragt dieser. „Beinahe. Ich habe noch ein wenig gebraucht, um mich von Raphaels Fesseln zu lösen.“

Es war ein verregneter Herbsttag, trotzdem saßen Raphaels dunkle Haare perfekt. Dana überlegte manchmal, was wäre, wenn sie ihn auf der Straße sehen würde. Sicherlich fände sie ihn attraktiv. Dunkle Haare, markante Gesichtszüge und tiefblaue Augen. Sein Lächeln war herzerwärmend. „Woran denkst du, Dana?“, wollte Raphael auch sofort wissen. „An nichts.“ Er lächelte. „Natürlich.“ „Was hast du heute für mich, Raphael?“ „Nichts, aber es freut mich, dass du fragst.“ „Du warst noch nie hier ohne eine neue Aufgabe“, stellte Dana fest. „Aufgabe nennst du es also, ja?“ Raphael lächelte und Dana erwiderte es automatisch. „Wie soll ich es denn deiner Meinung nach nennen?“ „Wiedergutmachung.“ „Wie meinst du das?“ „Es ist noch zu früh, dir dass zu erklären, Dana.“ Er stand auf. „Gehst du schon wieder?“, fragte sie fast panisch und sprang auf. „Möchtest du mich begleiten?“ Dana zögerte nicht und nickte. Raphael lächelte breiter. „Natürlich möchtest du das. Nimm einen Schirm mit.“ Dana schloss die Wohnungstür hinter sich und eilte dann die Treppen nach unten. Raphael wartete bereits. Dana musste sich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten. „Sag mal Raphael“, setzte sie an, „heißt du wirklich Fischer mit Nachnamen?“ „Wieso möchtest du das wissen?“ „Nur so.“ „Es ist nicht wichtig, wie ich heiße, Dana.“ „Vertraust du mir nicht?“ Er sah Dana von der Seite an. „Natürlich.“ „Heißt das jetzt Ja oder Nein?“ Raphael antwortete nicht. „Weißt du, was ich nicht verstehe, Raphael? Warum hast du mich damals in dieses Haus gelockt?“ „Ich wollte mit dir reden. Und ich wollte deine Angst spüren.“ „Was?“ „Du solltest nicht so viele Fragen stellen, Dana.“ „Wenn du das willst, Raphael.“ Er lächelte wieder und Dana fühlte sie glücklich, weil das Lächeln nur ihr galt. Die Beiden liefen jetzt stumm durch die Straßen. Es regnete nicht mehr und Danas Schirm baumelte nutzlos an ihrem Handgelenk. Sie atmete tief ein. Der Geruch von Regen vermischte sich mit Raphaels Parfüm. Süßlich, stark, so vertraut. Sein Geruch beruhigte Dana. „Da vorne gehe ich allein weiter“, sagte Raphael. „Schade. Ich bin gerne bei dir, Raphael.“ „Das weiß ich doch, Dana.“ An der Straßenecke blieb er stehen. „Geh wieder nach Hause, Dana.“ „Kommst du morgen wieder vorbei?“ „Vielleicht.“ „Ich hoffe, dass du kommst. Ich warte den ganzen Tag auf dich.“ „Musst du nicht arbeiten?“, fragte er grinsend. „Nein, ich habe gekündigt. Dann kann ich deine Aufgaben besser erledigen.“ „Gut.“ Er berührte sanft ihre Hand, dann drehte er sich um. „Bis dann.“ Dana sah ihm hinterher, bis er um eine weitere Ecke verschwunden war.

Sie schaffte es nach Hause, bevor es wieder anfing zu regnen. Vor ihrer Wohnung wartete eine Frau auf Dana. Es war ihre Vermieterin, eine strenge Frau in ihren Sechzigern. Solange Dana ihre Miete bezahlte, hatte sie nie Probleme mit ihrer Vermieterin gehabt. Jetzt sagte die Frau nur vier Worte: „Sie sind im Rückstand.“ „Tut mir leid. Kann ich Ihnen das Geld am Freitag bringen?“ Die Frau kniff die Augen zusammen. Dana faltete die Hände nervös zusammen. „Bitte?“ „Übermorgen. Um zwölf. Keine Minute später, sonst fliegen Sie raus.“ Mit diesen Worten ließ sie Dana stehen. Dana wusste genau, dass sie bis Freitag nicht das Geld für die Miete auftreiben konnte. Sie hatte überhaupt kein Geld mehr. Trotzdem wurde ihre gute Laune nicht getrübt. Sie kannte eine Person, die ihr helfen konnte.

 

„Schön, dass du da bist, Raphael.“ „Ich habe eine Aufgabe für dich, Dana.“ „Ich brauche deine Hilfe.“ Raphael zog die Augenbrauen nach oben. „Ach ja?“ „Ich habe kein Geld für die Miete. Du musst mir helfen.“ Er schob sich an Dana vorbei in die Wohnung. „Nein, das muss ich nicht.“ „Aber Raphael!“ Dana schloss die Tür und folgte ihm in die Küche. Raphael setzte sich auf einen Stuhl und sah sie ruhig an. „Wenn ich kein Geld habe, verliere ich meine Wohnung.“ „Dann hättest du deinen Job behalten sollen.“ „Aber ich habe doch für dich gekündigt!“ „Dann verkaufe doch die Beute.“ „Ich kann sie nicht holen. Und ich will mit den Blutjuwelen nichts zu tun haben! Meine Familie… Ich will sie nicht noch mehr belasten. Ich will nur selbst für mich sorgen und du bist jetzt meine neue Familie, Raphael.“ Dana lächelte ihn hoffnungsvoll an. Raphael verzog keinen Muskel. „Es fühlt sich seltsam an, wenn dein ganzes vertrautes Leben langsam durch deine Finger rinnt, oder?“ „Ja… Nein! Ich weiß nicht, was du meinst!“ Raphael schenkte sich süffisant lächelnd ein Glas Wasser ein. Plötzlich fühlte Dana sich nicht mehr sicher. Ihr fehlte die Luft zum Atmen. „Du brauchst mich, Dana. Ich brauche dich aber nicht.“ „A-Aber…“ „Setzt dich doch.“ Dana gehorchte ihm sofort. „Ich habe dich in der Hand. Dass weißt du, nicht wahr?“ Dana nickte verwirrt. „Und du hast dich nie gefragt, warum ich das mache?“ „Doch schon. Zu Anfang.“ „Du hast mein Leben zerstört, Dana.“ Raphaels Stimme war ruhig. So ruhig, dass Dana instinktiv von ihm wegrutschte. „Ich habe dich doch vorher nie gesehen.“ „Die Fotos, Dana. Erinnere dich. Das Video! Der Schuss und der tote Mann.“ „Bist du der tote Mann?“ Raphael kniff die Augen zusammen. Dana fühlte sich erbärmlich und dumm. „Sei nicht albern. Ich bin weder ein Geist noch ein Hirngespinst. Der Mann war mein Vater.“ „Ohh, dass tut mir leid.“ 

Und in diesem Moment verlor Raphael endgültig die Fassung. Er baute sich wütend vor Dana auf. Sie sank ängstlich auf ihrem Stuhl zusammen. Der ganze Raum schien sich zu drehen. Sie schnappte nach Luft. Schweiß rann ihr kalt über den Rücken. „Es tut dir leid? Dir? Du kanntest den Mann doch gar nicht. Dir und deinen Freunden ging es doch nur ums Geld. Du bist die Letzte auf meiner Liste. Deine Freunde habe ich schon ruiniert!“ „Sie waren nicht meine Freunde!“ „Das ist mir egal! Du bist schuld an dem Tod meines Vaters! Daran, dass meine Familie zerbrochen ist! Er war der Fels in meiner Brandung, der sichere Hafen in einem Sturm und du hast es mir gestohlen! Wegen dir und deinen Freunden hat meine Mutter nie mehr gelacht! Wegen dir und deinen Freunden musste ich meine Familie führen. Was ich nicht konnte, weil ich nur ein Junge war. Ein unschuldiger Junge, der mitansehen musste, wie sein Vater verblutete, wie ein lästiges Tier. Diese Nacht kann ich nicht vergessen! Diese Bilder haben sich in mein Gedächtnis gebrannt. Ich werde nie wieder frei sein! Und deshalb werde ich nicht lockerlassen, Dana! Ich werde zusehen, wie dein Leben unter deinen Fingern zerbricht. Du wirst leiden und ich werde meinen Vater rächen! Ich werde meine Familie rächen!“ „Ich könnte zur Polizei gehen!“ „Das kannst du nicht. Du bist schwach. Ich bin in deinem Kopf, Dana. Egal, was ich sage, du wirst es tun.“ „Du bist nicht in meinem Kopf! Ich habe das nur getan, damit du die Fotos nicht veröffentlichst.“ Raphael lachte laut auf. „Schau in den Spiegel, Dana. Du bist nichts mehr ohne mich.“ Er ließ sie stehen und gleich darauf hörte Dana die Wohnungstür zu knallen.

Unsicher stand Dana auf. Der Raum drehte sich nicht mehr und sie konnte wieder frei atmen. Was hatten Raphaels Worte zu bedeuten? Wieso hatte er sie nicht einfach angezeigt, wenn er unbedingt Rache für seinen Vater wollte? Dana war sich nie bewusst gewesen, was dieser Einbruch ausgelöst hatte. Was sie alles ruiniert hatte.

Der einzige Spiegel in ihrer Wohnung hing im Badezimmer über dem Waschbecken. Dana erkannte sich fast nicht mehr selbst. Ihre braunen Haare waren blond gefärbt. Raphael hatte das gewollt. Sie trug verwaschenes Make-Up und hatte ihre Brille schon seit Wochen nicht mehr aufgesetzt. Raphaels Idee. Sie war schrecklich dünn geworden und blass war sie auch noch. Sie trug nur schwarze Kleidung, weil Raphael sie darum gebeten hatte. Dana umklammerte zitternd das Waschbecken. Er hatte Recht! Sie tat was er verlangte. Wie lang ging das schon so? Sie konnte sich kaum an eine Zeit vor Raphael erinnern. Da war das einsame Haus, das Päckchen. Dort, wo sie ihn zum ersten Mal getroffen hatte. Damals schon hatte sie seine Befehle befolgt. Sie war nicht weggelaufen. Sie hatte ihm gehorchet. Sie hatte den Stift zu ihm gebracht. Das musste aufhören! Sie war nicht so schwach, wie er dachte. Sie griff nach dem Telefon und wählte die 110. Es klingelte zweimal, dann meldete sich eine Frauenstimme. „Sie sprechen mit der Polizei. Wie kann ich Ihnen helfen?“ Dana starrte in den Spiegel. „Hallo?“ Sie war nicht schwach. Raphael stand neben ihr und lächelte. „Können Sie mich verstehen?“ Sie war ein eigener Mensch auch ohne ihn. Raphael legte ihr eine Hand auf die Schulter und lachte. „Wenn das ein schlechter Scherz sein sollte…“ Sie musste sich von ihm befreien. Raphael schüttelte den Kopf. „Das kannst du nicht, Dana“, flüsterte er. Seine Lippen waren so nahe neben ihrem Ohr, dass sie seinen warmen Atem spüren konnte. „Bitte blockieren Sie nicht den Anschluss.“ Sein Rachefeldzug endete heute, mit ihr. Er würde sie nicht brechen. Sie war stark. Raphael schnaubte und drehte eine ihrer Haarsträhnen um seinen Finger. „Sei nicht albern.“ „Ein solcher Scherz kann zur Anzeige gebracht werden.“ Dana legte auf und sah wieder in den Spiegel. Raphael war verschwunden. Es gab nur einen Weg sich von ihm zu befreien.

Dana hätte ihren Kopf darauf verwettet, dass Raphael am nächsten Tag wieder bei ihr vorbeischauen würde. Es war Abend, als er klingelte. Sie öffnete die Tür und drückte ab, bevor er etwas sagen konnte.

Ein Knall, dann war endlich alles still. Sehr still, totenstill. Sie konnte sogar ihren eigenen Atem hören, ruhig und gleichmäßig. Wegen der Stille war das nächste Geräusch wie ein Paukenschlag und Dana zuckte zusammen. Lautstark spielt irgendwo zwei Zimmer weiter „Highway to Hell“, bis der Besitzer des Telefons endlich abnahm. Dann war es wieder still. Ihre Hände hielten die Pistole immer noch fest, sie zittern nicht, als Dana die Waffe auf den Tisch legte und sich hinkniete. Der erschrockene Ausdruck war immer noch auf Raphaels Gesichts zu erkennen. Auf einer Seite sah er erbärmlich und lächerlich aus, aber seine Augen waren traurig. Ganz so, als hätte er sich in Dana getäuscht. Oder in sich selbst. Hatte er natürlich auch, aber seine traurigen Augen machten Dana Angst, sodass sie doch anfing zu zittern. Sie versuchte ruhig zu atmen und ging durch das kleine Zimmer bis zum Fenster. Draußen sah man Hochhäuser, aber keinen einzigen Stern am wolkenverhangenen Nachthimmel. Es hatte wieder angefangen zu regnen. Der Himmel weinte. Die kleine Uhr an der Wand sagte, dass es schon nach zehn Uhr war. Für Dana war die Zeit stehengeblieben. Zunehmend unruhiger werdend setzte sie sich auf das Bett, Raphael nicht aus den Augen lassend. Er war wirklich in ihren Kopf eingedrungen, hatte sie zu schrecklichen Taten überredet. Dana wollte sich nicht vorstellen, wie weit er gegangen wäre, um sie zu ruinieren. Jetzt war es vorbei. Und sie würde nicht mehr davonlaufen, aber sie konnte es nicht selbst beenden. Sie hatte weder die Kraft zum Telefon zu greifen noch zu der Waffe.

 Endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, hörte sie Schritte. Da Dana die Wohnungstür offengelassen hatte, sah die vorbeilaufende Frau sofort den Mann. Sie schrie auf und rannte davon. Jetzt schloss sie Raphaels Augen. Eine letzte Geste der Wiedergutmachung. Vielleicht sogar eine Entschuldigung. Dann zog sie sich einen Stuhl unter das Fenster, gegenüber der Tür. Ruhig sah Dana aus dem Fenster, verfolgte mit ihrem Blick die Regentropfen an der Scheibe. Dann endlich hörte sie Sirenen, Schritte. Rasch kamen sie näher. Dana drehte sich jetzt zur Tür, schlug die Beine übereinander, verschränkte die Arme. In der nächsten Minute stürmten bewaffnete Polizisten die Wohnung. Sie umstellten Dana mit erhobenen Waffen. Sie lächelte erleichtert, als zwei sie auf die Füße zerrten und ihr ein Dritter Handschellen anlegte. Sie führten Dana ab. Die Tür des Polizeiautos knallte hinter ihr zu. Ein Knall und für sie war es still. Während die Stadt hektisch und laut bleibt, driftete Dana ab in eine herrliche Ruhe, wo es nur sie gab.

 

„Und jetzt sind sie hier.“ „Und jetzt bin ich hier.“ Viktor legt den Stift zur Seite und sieht mich an. „Sie haben einen Mann erschossen, Dana.“ „Er hätte mich früher oder später in den Selbstmord getrieben. Es war quasi Notwehr.“ Ich grinse gequält. Viktor packt seine Notizen zusammen und steht auf. „Danke für Ihre Kooperation.“ Auf dem Weg zur Tür bleibt Viktor nochmal stehen. „Eine Sache würde mich noch interessieren.“ „Ja?“ Viktor dreht sich wieder um. „Haben sie nochmal von den anderen Verbrechern gehört? Den Mittäter?“ „Einer hat sich erschossen, der andere sitzt in der Psychiatrie.“ Viktor nickt. Er blickt mich lange an und ich spüre, dass ihn noch tausend mehr Fragen beschäftigen. Dann geht er aber und die Tür schließt sich hinter ihm.

Ich bin allein mit dem Mann in der Ecke. Wir blicken uns an. Er lächelt. Natürlich kenne ich ihn. Wieso habe ich nur gezweifelt? „Du hast es geschafft, Raphael. Du warst hier drin.“ Ich tippe mir mit einem Finger gegen die Schläfe. „Und selbst, wenn ich dich getötet habe, du bist immer noch da. In den schwachen Momenten sehe ich dich neben mir und ich habe Angst davor. In den Momenten, wenn ich denke, dass ich wirklich eine Mörderin bin – so wie jetzt.“ „Du hast mich schließlich erschossen.“ „Es war Notwehr.“ Raphael lacht und setzt sich auf Viktors Stuhl. „Warum hast du dem Polizisten nicht gesagt, dass ich da bin?“ Er lächelt breit und ich ziehe die Schultern hoch. „Er hält mich jetzt schon für verrückt.“ Ich starre auf den Tisch, um seinem Blick auszuweichen. Raphael meint verächtlich: „Eine schwache Ausrede. So wie du. Du bist immer noch schwach, Dana. Du willst immer noch, dass ich bei dir bin. Dass du nicht mehr allein bist.“ „Sei ruhig, Raphael. Du bist tot.“ „Ich bleibe immer bei dir. Ich zeige dir deine Schwächen. Du bist ein schlechter Mensch, Dana. Du hast meinen Vater getötet!“ „Das war ich nicht.“ „Du hast mich umgebracht.“ „Sei still!“ „Du wirst mich nie mehr los, Dana. Das ist deine Strafe!“ Ich schlug meinem Kopf bei jedem Wort auf den Stahltisch. „Sei still! Sei still! Ich will dich nicht mehr hören! Es tut mir leid!“ Ich kniff die Augen zusammen. Einige Tränen rannen über meine Wangen. „Lass mich allein!“ Raphael saß mir immer noch gegenüber und lächelte, als ich die Augen wieder aufriss. Er beugt sich vor und streicht über meine Wange. Seine Hände waren kalt. Sein Parfüm umgibt mich wie eine Schlingpflanze. Hektisch versuche ich Luft zu holen. Der Raum beginnt sich zu drehen. Raphael lacht laut. Alles wird schwarz, ich höre sein Lachen und das metallische Krachen meines Schädels auf dem Tisch. Ein letzter Knall, dann ist es endlich still.

15+

One thought on “Der Knall

Schreibe einen Kommentar