Sebastian EmmertDer Raum

6+

Unweit des Treptower Parks steigen sie aus der S-Bahn. Die Sonne geht langsam unter, dennoch sind es noch gut 20 Grad an diesem Aprilabend. Sie steuern in Richtung des Treptower Hafens, lachen. Zwei Frauen und zwei Männer, keiner hat an Alter die 30 Jahre überschritten. Kurz vor dem Rosengarten biegen sie ab und erreichen eine doppelflügrige Eisentür, die in den Boden eingelassen ist. Eine der Frauen holt einen Schlüssel hervor und alle verschwinden im Dunkel des Eingangs. Für drei der Personen wird es das letzte Mal gewesen sein, dass sie Tageslicht sehen. 

 

Franziska Willers

 

Nach wie vor ist sie nicht begeistert, empfindet sie die Teilnahme an diesem Spiel doch in vielerlei Hinsicht als falsch. In Berlin herrscht immer noch Ausgangssperre. Man soll das Haus nur für Einkäufe und unbedingt notwendige Erledigungen verlassen. Doch Tobias, Simone und Henning haben sie schließlich doch überreden können. Immer nur auf der Couch zu sitzen und das Netflix-Abo zu strapazieren sei doch kein Leben auf Dauer. Wie die Idee zur Teilnahme an diesem Spiel kam, weiß sie bis heute nicht. Den Vorschlag unterbreiteten Simone und Henning. Sie ist einfach mitgegangen. Bereut es aber jetzt schon, als sie dem schmalen düsteren Gang zwischen den nassen Wänden nach unten folgen. Sie greift nach Tobias Hand, der ihr durch einen kurzen Druck zu verstehen gibt, dass alles in Ordnung ist. 

 

Simone Vogt

 

Sie beobachtet Franziska, wie sie nervös die Wände absucht und schließlich nach Tobias Hand greift. Fast entrinnt ihrer Kehle ein Lachen. Sie dreht sich weg, damit Franziska ihr Grinsen nicht sehen kann. Doch die Gefahr ist gering, es ist zu düster in dem Gang, als dass irgendwer auch nur irgendetwas erkennen könnte. Schon als Kind war Franziska nie bereit gewesen, etwas zu tun, was mit ein bisschen Risiko verbunden war. 

 

Tobias Handke

 

Er spürt, wie Franziska seine Hand nimmt und lässt es zu. Dennoch ist er genervt von ihrer Anhänglichkeit und lässt seinem Unmut kurz freien Lauf, indem er ihre Hand quetscht. Dabei findet er es toll hier, endlich gibt es einmal Ablenkung vom tristen Alltag. Als Simone vor ein paar Tagen vom Raum erzählte und die beiden dazu einlud, zögerte er keine Sekunde. Er weiß bis jetzt nicht, wie sie darauf gestoßen ist, doch alles ist besser als einen weiteren trostlosen Abend in ihrer Bude zu verbringen. 

 

Henning Trettmann

 

Er folgt den anderen durch die Dunkelheit. Franziska hat Tobias Hand genommen, was ihm einen leichten Stich versetzt. Simone dreht den Kopf und er erkennt ein Grinsen in ihrem Gesicht. Ein Anflug von Abscheu macht sich in ihm breit, doch er unterdrückt sein Empfinden. Ein Tropfen landet auf seiner Stirn und er widersteht dem Impuls zu schreien. Es ist noch nicht der Moment gekommen, Angst zu verbreiten. Schließlich war alles nur ein Spiel.

 

Eine weitere Eisentür tut sich vor ihnen auf. Simone hat immer noch den Schlüssel in der Hand, doch die Tür ist mit einem modernen Zahlenschloss versehen, das in diesem Umfeld absolut fehl am Platz wirkt. Ein Zettel klebt an der Tür.

 

Mein Name tut nichts zur Sache, doch ich kenne euch! Ihr wollt den Beweis?

Nehmt eine zweistellige Zahl, die nicht durch 10 teilbar ist und multipliziert diese Zahl mit 9. Bildet von dem Ergebnis die Quersumme. Ist die zweite Ziffer eurer am Anfang gewählten Zahl größer als die erste, dann multipliziert deren Quersumme mit 4. Ist die erste Ziffer größer oder beide gleich, dann multipliziert die Quersumme mit 2. Ich kenne euer Ergebnis. Und es öffnet euch die Tür. 

 

Simone, Tobias und Henning blicken sich fragend an, während Franziska stumm den Mund bewegt und schließlich „36“ sagt. Alle schauen sie an, bis Simone mit den Schultern zuckt und die Zahl auf dem Bedienfeld eingibt. Ein kurzes Summen ertönt, dann springt das Schloss auf.

 

Der Raum, in den sie eintreten, ist circa 60 Quadratmeter groß. An den Wänden stehen Hochbetten, Schränke und Vitrinen, in der Mitte ein Block aus Metall. Eine Uhr mit digitaler Anzeige springt in dem Moment, in dem sich die Tür hinter ihnen automatisch schließt und das Klicken des Schlosses ertönt, auf 60:00. Dann beginnt sie, herunter zu zählen. 

„Das ist gruselig“ murmelt Franziska und blickt in die Ecken der Decke, in der Kameras angebracht sind. 

Herzlich Willkommen zu den Corona-Games ertönt eine tiefe Stimme aus dem Nichts. Alle im Raum zucken zusammen und suchen nach dem Ursprung der Worte. Als euer Spielleiter werde ich euch durch die nächste Stunde begleiten. Und zwar nur begleiten. Hilfe werdet ihr von mir nicht bekommen, nur Hinweise, auf die Lösungen müsst ihr selbst kommen. Mehrere Rätsel werden euch aufgegeben, diese sind im Raum und eurer Erinnerung verteilt. Bedenkt dabei immer: im Team seid ihr stark. Aber am stärksten ist der Einzelne. Nur einer kann gewinnen! Ein Gewinn wird diese Erfahrung in jedem Fall für euch sein. Denn ihr werdet viel über euch selbst, aber auch die anderen lernen. Ihr werdet herausfinden, wer ihr wirklich seid. Und zu was ihr fähig seid. Ihr werdet diesen Raum als andere Menschen verlassen, soviel ist sicher. Nun ja, ob ihr diesen Raum überhaupt wieder verlassen werdet, die Prognose wage ich an dieser Stelle noch nicht. Aber nun erstmal: viel Spaß!

„Kranke Scheiße“ lächelt Tobias. „Los geht’s!“

„Was heißt: Ob ihr diesen Raum überhaupt wieder verlassen werdet?“ fragt Franziska mit zittriger Stimme. 

Simone verdreht die Augen. „Das ist sprachlicher Psychoterror, mehr nicht. Hab doch einfach mal Spaß anstatt dir ständig in die Hose zu machen.“

Franziska schluckt ihre Antwort hinunter und setzt sich auf eines der Betten, während die anderen beginnen, den Raum abzusuchen. Doch nicht sie werden fündig, sondern Franziska, deren Blick auf die Gummistiefel neben ihrem Sitzplatz fällt. In einem der beiden steckt ein Zettel, den sie langsam herauszieht.

„Hey, ich hab hier was“ ruft sie in den Raum und beginnt zu lesen, als sie die Aufmerksamkeit der anderen hat. 

Es begann mit Gummi und Papier, heute kann man mit mir sprechen. 

„Was?“ fragen Simone und Henning unisono. 

Franziska hebt einen der Gummistiefel hoch. 

„Nokia. Ein Handy. Nokia hat erst Papier und später Gummi für Stiefel und Fahrradreifen hergestellt, bevor sie für Mobilfunktelefone bekannt wurden“.

Die anderen nicken, während sich im Raum klickend etwas öffnet. Eine Schranktür springt auf. Tobias steht am nächsten zu ihr und sucht den Inhalt des Schranks ab. Als er sich wieder umdreht, hat er ein Handy in der Hand. 

„Und jetzt?“ fragt er.

„Gib her“ sagt Simone unwirsch, entreißt ihm das Handy und versucht es anzumachen. Ihr Gesicht wird durch das Display erhellt und so wird ihre Ungläubigkeit in ein nahezu unwirkliches Licht getaucht. 

„Was? Was ist da drauf?“ fragt Tobias.

„Wir!“ flüstert Simone und dreht das Gerät so, dass alle es sehen können. 

 

„Das war in der Oberstufe“ stellt Franziska fest. „Vor 10 Jahren“. 

„Könnt ihr euch noch an alle erinnern?“ fragt Henning nachdenklich. 

36 Personen, darunter Franziska, Simone, Tobias und Henning, lachen ihnen vom Bildschirm entgegen. Am oberen Rand des Bildes steht Goethe-Gymnasium. Stufe 12. Jahrgang 2010.

„Das ist doch nicht die Frage“ entfährt es Simone. „Die Frage ist: wie zur Hölle kommt unser Bild auf dieses Handy in diesem verschissenen Keller?“ Panik macht sich in ihren Augen breit. „Das kann doch nicht sein, dass dieses Spiel so viel über seine Teilnehmer weiß!“

Die anderen nicken. Keinem war dies bisher aufgefallen, zu sehr waren sie mit der Lösung des vermeintlichen Rätsels beschäftigt. Die Frage des Ursprungs des Fotos war ihnen noch gar nicht gekommen. 

„Wie bist du auf das hier gekommen?“ wendet sich Franziska an Simone.

„Der Schlüssel lag einfach im Briefkasten, zusammen mit der Adresse. Eine Gratisstunde im Escape-Room stand darauf. Da Leerstand wegen der Krise und so. Henning und ich haben gedacht, dass es vielleicht ganz lustig wäre und mal was anderes“ antwortet Simone schulterzuckend.

„Das ist es mit Sicherheit“ stöhnt Franziska lakonisch. 

Kurz herrscht allgemeines Schweigen, bis wieder eine Stimme die Stille durchbricht.

Ein Rätsel ist gelöst. Ihr seid hinter der Zeit.

Die Anzeige springt gerade auf 40 Minuten.

„Wer bist du?“ fragt Simone in Richtung einer der Kameras. 

Für einen Moment warten sie, bis die Stimme tatsächlich wieder ertönt. 

Ich bin nur der Spielleiter, nicht der, der hier Fragen beantwortet. Ihr habt bisher nur eine Frage gelöst Es verbleiben weitere. Und jeder Fehler oder Nachlässigkeit werden bestraft!

„Was ist das hier für eine kranke Scheiße?“ flucht Tobias, als klar ist, dass die Stimme aus dem Nichts nichts mehr zu sagen hat. „Danke Simone, wirklich super.“

„Halt die Klappe“ zischt Simone. 

Henning stöhnt. 

„Es bringt doch nichts. Wir müssen hier rauskommen. Einen Weg finden. Also müssen wir wohl oder übel dieses Spiel mitspielen. Also lasst uns weitermachen.“ Er beginnt erneut, den Raum abzusuchen. Nach kurzem Zögern beginnt auch Franziska, während Tobias und Simone erst folgen, nachdem sie sich gegenseitig lange Blicke zugeworfen haben. Es vergehen weitere Minuten, bis Henning die anderen zu sich ruft. 

„Hier. Ich hab was!“

Er zieht einen Zettel aus einem Luftschlitz eines weiteren Schranks und beginnt vorzulesen.

Entstiegen aus dem Fegefeuer, verbrenne und zerstöre ich,

nur Schlechtes bringe ich mit, böse Menschen nehmen mich,

fast nie wächst etwas nach, auf Erde, die ich verbrannt,

doch meine Saat geht immer auf, wie werde ich genannt?

„Was soll das sein?“ fragt Simone und hält sich einen Finger unters Kinn.

„Der Teufel!“ mutmaßt Henning. „Kommt aus der Hölle, böse Menschen rufen ihn an, dort wo er ist, herrscht nur Dürre und verbrannte Erde.“

Franziska und Simone nicken, Tobias zuckt nur mit den Schultern. Henning dreht sich zum Schrank, doch kein Klicken eines sich öffnenden Schlosses ertönt. Stattdessen erfüllt wieder die dunkle Stimme den Raum. 

Falsch!

Das Wort hallt unheilvoll zwischen den Wänden nach und keiner wagt wirklich zu atmen. Bis drei ohrenbetäubende Knallgeräusche folgen. Das Metall der Schranktür platzt auf, Henning, der immer noch davorsteht, sackt in sich zusammen und bleibt auf dem Boden liegen, während sich unter ihm eine Blutlache bildet. 

Es ist Rache!

Die Stimme verklingt so schnell wie sie gekommen ist, während Franziska, Simone und Tobias auf Hennings leblosen Körper starren. 

 

Franziska zieht sich wieder auf eines der Betten zurück und wiegt sich langsam hin und her. Tobias nimmt Simone in den Arm, die langsam aufhört, zu hyperventilieren. Die Uhr über ihnen zeigt noch 25 Minuten. 

„Was ist hier nur los?“ schluchzt Simone. 

„Ich weiß es nicht“ murmelt Tobias und blickt in die Kamera, die über ihnen hängt. „Ich weiß es nicht!“ wiederholt er, doch nun ruht sein Blick auf Hennings Leichnam. 

Franziska schüttelt sich, steht auf und geht zum Handy, auf dem sie das Bild erneut aufruft. 

„Was hat das alles mit uns zu tun? Wen kennt ihr noch von früher?“ 

Simone und Tobias starren sie mit leeren Augen an. Franziska atmet einmal aus und beginnt dann, die hintere Reihe des Bildes zu betrachten. 

„Fabian Kalig. Der ist Anwalt in Hamburg, glaub ich. Sascha, Sascha Roth. Den triffst du noch regelmäßig, Tobias. Roman Schreiber. Dem haben wir immer übel mitgespielt, weil er irgendwie anders war, wisst ihr noch. Der hat kurz vor dem Abi hingeschmissen, hat versucht sich umzubringen. Echt tragisch, das tut mir heute so leid. Jessica Gerst. Ist inzwischen mit Sascha verheiratet. Yvonne Karst. Raphael Baader. Timo Meining. Die ganze alte Clique, kommen immer noch irgendwie zusammen. Aber der große Rest….keine Ahnung, wisst ihr, was aus denen wurde?“

Immer noch blicken sie leere Augen an. 

„Wacht auf!“ schreit Franziska. „Wollt ihr hier nur rumsitzen und die Uhr runterticken lassen? Ihr seht, was mit Henning passiert ist. Glaubt ihr, wir kommen hier einfach lebend raus?“ 

18 Minuten. 

Franziska erhält immer noch keine Reaktion von Simone und Tobias. Sie sitzen nur da und halten sich im Arm. 

Du scheinst eine Einzelkämpferin zu sein, Franziska. Ich schätze es, dass du dich bemühst. Deshalb erhältst du, du alleine, einen kleinen Tipp. 

Die Stimme kommt so unerwartet, dass Franziska fast das Handy aus der Hand gefallen wäre. Kaum ist die Stimme wieder verschwunden piepst es in ihrer Hand, ein weiteres Foto ist eingegangen. Unter ihm steht: 

A7 liebt B4, doch er liebt nicht sie, D12 ist sein Begier. 

Doch D12 ist mit C7 liiert,

leider ist er der Erste,

der in diesem Spiel stirbt. 

So bekommt er nicht mehr mit, dass D12 ihn hat betrogen,

mit dem, in dessen Armen sie nun wird gewogen. 

Die Frage ist, was macht nun A7?

Wird sie B4 noch weiter lieben? 

Oder wird sie nun von Rachsucht getrieben?

Für diesen Fall wird eine Waffe zu ihren Füßen liegen!

Franziska liest den Text mehrere Male, dabei fällt ihr Blick immer wieder zu Simone und Tobias, die nach wie vor ins Leere starren und sich gegenseitig halten. 

Sie ruft erneut das Foto der Stufe auf. 

A7. Die siebente Person von links in der ersten Reihe, das ist sie selbst.

B4. Tobias. Die vierte Person in der zweiten Reihe. 

D12. Simone. Zwölfte Person in Reihe vier.

C7. Henning. Der Siebente in Reihe drei. 

Franziska schluckt und sie sieht auf ihre Füße. Dort ist nichts. Langsam geht sie in die Hocke und beginnt, die Umrahmung des Blockes abzutasten. Sie übt leichten Druck auf die Oberfläche aus und an einer Stelle in der Mitte lässt sich das Metall tatsächlich nach hinten drücken. Zum Vorschein kommt eine Pistole, die sie zögernd und mit zittriger Hand herausnimmt.

„Ihr habt miteinander geschlafen?“ fragt sie, noch bevor sie sich wieder aufrichtet. Als ihr Kopf zurück ins Blickfeld von Simone und Tobias kommt, starren diese sie ungläubig an. 

„Was?“ stottert Tobias schließlich. 

Simone schüttelt nur halbherzig den Kopf. 

„Das ist Antwort genug“ nickt Franziska und richtet die Pistole in Richtung ihrer Freunde. 

 

10 Minuten. 10 Minuten verbleiben. Vielleicht die letzten 10 Minuten ihres Lebens. 

„Ich liebe dich“. Tränen überdecken Franziskas Gesicht, während sie mit der Waffe abwechselnd auf Simone und Tobias zielt. Simone nimmt dies absolut regungslos zur Kenntnis, Tobias hingegen erwacht aus seiner Lethargie und richtet sich auf.

„Schatz, ich dich doch auch. Jetzt beruhige dich und leg die Waffe weg“ versucht er sie zu beschwichtigen. Mit langsamen Schritten und ausgestreckter rechter Hand geht er auf sie zu. 

„Komm schon, das willst du doch nicht“ redet er sanft auf sie ein. 

„Du weißt doch gar nicht, was ich will! Ich will heiraten, Kinder. Doch du, du sagst immer, dass das alles Zeit hat. Dass wir noch jung sind und nichts überstürzen sollen.“ Sie wischt sich mit dem Ärmel ihrer Jacke übers Gesicht. „Du hast dir immer alle Türen offen gehalten, mich hingehalten. Und jetzt weiß ich auch, warum. Wegen ihr.“ Sie zeigt auf Simone, die resigniert lächelt.  „Oder gab es noch weitere?“ Franziska legt den Kopf schief und betrachtet Tobias, der nun nur noch etwas mehr als eine Armlänge von ihr entfernt ist. Seine Augen fixieren die Pistole. 

„Franziska, Schatz“ er lässt den Arm sinken und fasst sich an den Kopf. Als er wieder aufsieht hat sich sein Blick verändert. 

„Ja, ok, es gab andere. Simone, Lisa, Kathrin…und bestimmt noch mehr, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Du hast einfach alles aus mir rausgesaugt, aber nicht im guten Sinne. Ich wollte endlich mal wieder leben und nicht zwischen Couch und Paarabenden mein Leben fristen. Das Leben mit dir langweilt mich einfach nur noch. So, jetzt ist es raus. Sind eh nur noch 3 Minuten auf der Uhr.“

Franziska folgt seinen Ausführungen wie in Trance. 

„Du…..Arschloch!“ 

Langsam hebt sie die Pistole und drückt ab. 

 

2 Minuten. 

Franziska spürt einen Schmerz in ihrer Hand, der allerdings nicht vom Rückstoß herrührt. Tobias hat sich die Waffe gegriffen und ihr mit der Faust der anderen Hand ins Gesicht geschlagen. Sie stolpert zurück und fällt. Irritiert greift sie sich an die Nase und spürt das Blut, das ungehindert aus ihr herausläuft. 

„Wenn wir nicht immer nur irgendwelche Liebesschmonzetten geschaut hätten, dann hättest du wahrscheinlich gewusst, wie man eine Waffe entsichert. Aber das war dir ja immer zu brutal. Nun siehst du ja, wie die Realität ist. Sie ist einfach brutal.“

Franziska schaut zu Tobias auf, der sich über sie stellt. 

„Ich hätte mir gewünscht, dass unsere Trennung sauberer verläuft. Aber so, so ist es nun auch in Ordnung. Machs gut, Schatz!“

Er entsichert die Waffe, legt sie an ihren Kopf und drückt ab. 

 

0:35 Sekunden

Franziskas Kopf rutscht an der Wand herab und hinterlässt eine blutige Spur. Simone hat die Hand vor den Mund gepresst und starrt Tobias fassungslos an. Er geht zu ihr. 

„Was….wieso?“ fragt sie.

Er zuckt mit den Schultern. 

„Die Uhr läuft. Und nur einer kann gewinnen!“

Tobias hebt die Pistole und drückt ab. Als der Schuss langsam im Raum verhallt springt die Digitalanzeige auf 00:00 und mit einem Klicken öffnet sich das Schloss der Tür. 

 

Nach der Zeit

Herzlichen Glückwunsch, Tobias. Du hast das Spiel verstanden. Tritt aus der Tür und nimm deinen Gewinn in Empfang. 

Tobias sieht sich noch einmal im Raum um. Franziska ruht auf dem kalten Betonboden, während Simones Kinn einfach auf die Brust gefallen ist. Henning liegt immer noch bäuchlings vor dem Schrank. Langsam atmet Tobias aus, blickt unschlüssig auf die Pistole in seiner Hand, steckt sie schließlich ein und tritt durch die Tür. 

 

„Wer bist du?“ fragt er den Mann, der komplett schwarz gekleidet im Gang vor ihm steht. 

„Der Spielleiter“ antwortet ihm eine unerwartet hohe Stimme, die während des Spiels sicher durch einen Stimmverzerrer verfremdet worden war. 

Tobias grinst. „Die Fistelstimme kenne ich doch. Du alte Schwuchtel. Das ist also alles auf deinem Mist gewachsen?“ 

Der Spielleiter legt den Kopf schief. 

„Nicht nur. Wenn du verstanden hättest, so würdest du wissen, dass man im Team mehr erreicht, aber es auf jeden einzelnen ankommt.“

„Schluss mit der Predigt“ unterbricht ihn Tobias. „Was ist nun mein Gewinn? Ich nehme an, meine Freiheit?“

Unmerklich schüttelt der Mann in Schwarz den Kopf:  „Nein. Wer so voll Sünde ist, der verdient die Freiheit nicht!“

Tobias zieht die Waffe aus seinem Hosenbund und richtet sie auf seinen letzten Kontrahenten. 

„Du weißt, wie weit ich hier gegangen bin. Glaubst du, ich hätte ein Problem damit, noch jemanden aus dem Weg zu räumen?“

Doch bevor er abdrücken kann spürt er einen stechenden Schmerz in seinem Rücken. Er blickt auf seine Brust, aus der eine blutige Spitze ragt. Fassungslos wendet er den Blick von der Klinge ab und versucht den Kopf zu drehen. Die Machete, wird langsam aus seinem Körper gezogen, sodass er sich unter großen Schmerzen in Gänze zu der Person drehen kann, die ihn hinterrücks erstochen hat. 

„Du warst ein mieses Stück Scheiße, Tobias Handke!“

Tobias sinkt langsam zu Boden und ein letztes Röcheln entrinnt seiner Kehle. 

 

„Bereit, die nächste Runde zu planen?“ fragt der Spielleiter und die Person, die über Tobias Leiche steht, nickt. 

 

 

2 Wochen später.  

Sascha Roth, seine Frau Jessica und Yvonne Karst treten durch das Tor unweit des Rosengartens. Henning folgt ihnen mit etwas Anstand und beobachtet von hinten, wie sie lachend und voller Vorfreude in ihr Verderben rennen. Es war so leicht, auch sie davon zu überzeugen, den Gratis-Abend anzunehmen. Dessen waren sich Roman Schreiber und er immer gewiss gewesen. Wenn sie sich auf eines verlassen konnten, dann auf die Unvernunft und die Vergnügungssucht von Menschen, die mit einer Ausgangssperre belegt worden waren. Wie kleine Kinder waren sie alle darauf aus, genau das zu tun, was sie eigentlich nicht tun dürfen. Roman nannte es die Gegenteiltheorie. Gehe nicht davon aus, dass Menschen das tun, was du erwartest. Erwarte immer das Gegenteil, das Irrationale. 

 

Die Spielrunde mit Tobias, Simone und Franziska war ein Testlauf gewesen. Ein Test, mit dessen Ergebnis beide überaus zufrieden waren. Hennings vorgetäuschter Tod funktionierte, sie waren im Nachhinein überrascht, dass keiner seinen Puls fühlte oder ihn überhaupt berührt hatte. Doch selbst wenn, so hätte er einfach den Sterbenden gespielt. So kamen die beiden überein, dass das Blut seine Wirkung und seinen Effekt nicht verfehlt hatte. Dieser Umstand bestärkte sie auch darin, dass es Hennings brutalen Tod für die Durchführung des Spiels brauchte, um den Tod und blanke Gewalt ins Spiel zu bringen und auch noch die letzten Hemmungen fallen zu lassen. Dass es sich dann allerdings als doch so einfach herausstellte, zwei der drei Probanden dazu zu bringen, zum Äußersten, zum Mord bereit zu sein – das hatte sie überrascht. Aber auch befriedigt. „Jeder Mensch hat seine Geheimnisse, für die er töten würde“ hat Roman gelacht. „Und das Schöne ist, dass sie heutzutage so leicht zu finden sind. Fehlt nur noch, dass die Menschen ihre Affären und Straftaten auf Facebook teilen. Wobei, auch das ist schon passiert, wenn auch nicht immer freiwillig.“ 

 

Die Personen für den ersten Versuch waren schnell gefunden. Aus persönlichen Motiven heraus. Nachdem Henning herausgefunden hatte, dass seine Freundin ihn mit seinem besten Freund betrügt war er zunächst drauf und dran, in eine Depression zu verfallen. Er betrank sich häufig in Kneipen unweit des Volksgartens. Durch Zufall traf er dort Roman Schreiber wieder, von dem er wusste, wie sehr ihm der Rest seiner Freunde in der Vergangenheit zugesetzt hatte. Henning selbst hatte sich nie an diesen Schikanen beteiligt. Bei unzähligen Bieren schütteten sie sich gegenseitig das Herz aus. Roman erzählte irgendwann, dass er für eine Gesellschaft arbeitet, die vier sogenannte Escape-Rooms in der Stadt verwaltet, die aber Allesamt momentan aufgrund der aktuellen Covid-19-Verordnungen stillstehen. Der erste Raum in Treptow ist gar komplett stillgelegt und wird nicht wieder in Betrieb genommen werden. Der perfekte Spielplatz für ein Rachespiel, wie sich beide schnell einig waren. Am nächsten Morgen merkte Henning beim Erwachen, dass ihm zweierlei vom Abend zuvor geblieben war: ein mächtiger Kater und der unstillbare Durst nach Rache. Er fragte unbeholfen bei Roman nach, ob dies denn alles ernst gemeint war, was sie am gestrigen Abend beredet hatten. Die leicht irritierte Rückantwort war Henning Antwort genug – und so planten sie die ersten Corona-Games im Treptower Bunker. Henning aus Rache an Simone und Tobias, für Franziska hatte er langsam begonnen, etwas zu empfinden. Doch er kam zu der Überzeugung, dass dies nur romantische Gefühle der Rache waren, den Regeln des biblischen Auge-um-Auge-Prinzips folgend. Romans Motiv war die Rache an allen Beteiligten, die ihn vor 10 Jahren fast das Leben gekostet hatten. Er hatte sich schon früh geoutet und lebte offen homosexuell. Doch nicht jeder konnte damit umgehen, war reif genug, seine Entscheidung zu akzeptieren. Er war nicht anders, er liebte wie jeder andere Mensch, er wollte leben wie jeder andere Mensch. Doch viele der anderen Menschen ließen ihn nicht leben. Irgendwann war für ihn ein Punkt erreicht, an dem er selbst nicht mehr leben wollte. Doch dies war nun vorbei. Er lebte, er liebte – und auch ihn trieb der Durst nach Rache an. 

 

Henning steht hinter den drei nächsten Teilnehmern, die nicht wissen, dass das Drehbuch schon vorgeschrieben ist und sie nur Statisten sind. Und Sascha durch seine betrunkene Prahlerei über seine Nacht mit Yvonne große Teile zum Skript beigetragen hat. Nach 3 Minuten und unzähligen falschen Antworten murmelt Henning „36“. Bevor er den anderen in den Raum folgt, prüft Henning noch einmal die drei Farbbeutel, die auf seine Brust geklebt sind und per Knopfdruck zum Platzen gebracht werden, sobald Roman per Fernzündung die Schranktür an drei Stellen sprengt. 

Die Tür fällt mit einem Klicken ins Schloss und Romans verfremdete Stimme ertönt. 

 

Herzlich willkommen zu den Corona-Games. 

6+

4 thoughts on “Der Raum

  1. WOW!! Super geschrieben…

    Na, wollen wir ein Spiel spielen? Der Jigsaw Killer würde sicher auch hier mit dem Dreirad durch den Raum fahren..
    Sehr guter Plot, packend und fesselnd geschrieben. Und die Rätsel waren klasse ausgedacht! Den Schluss, mit der zweiten Gruppe hätte ich nicht gebraucht.

    Hat mir gut gefallen, mein Like hast du…mit dieser Kurzgeschichte hebst du dich von der Masse ab. Sehr originell!

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte:Der Ponyjäger)

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  2. Das hat mich jetzt ziemlich mitgerissen – und mehrfach schlucken lassen. Gib zu, Du bist selber Escape Room Manager! Corona untergebracht, Fitzeks Gegenteiltheorie in Theorie und Praxis untergebracht, toll geschrieben – was will man mehr? Daumen hoch, Herzchen und Co – ich lasse hier, was geht 👍

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  3. Hey Sebastian,

    Deine Geschichte hat mir gut gefallen. Die Idee mit dem Escape Room hebt sich von der Masse der Kurzgeschichten ab und verdient auch noch ein paar Likes. Das Muster Handy gefunden = Schnitzeljagd ist hier doch sehr dominant *lach*

    Ich persönlich hätte das nicht Corona Games genannt und die Geschichte noch etwas in die Länge gezogen, keine 2. Runde eingebaut, aber das ist künstlerische Freiheit und vollkommen okay!

    LG Chris
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/identitaet-6

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