IsabelRueckertDer Spielmacher

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Ein schrilles Klingeln reißt sie aus ihrem Schlaf. Ihr Kopf dröhnt. Ihr Körper ist schwer wie Blei. Mühsam öffnet Lina die Augen. Durch ihre Vorhänge glitzern die Sonnenstrahlen. Ein schöner Tag bricht an. Doch etwas stimmte nicht, das weiß sie sofort. Das Klingeln, das ihre Kopfschmerzen von Sekunde zu Sekunde verstärkte, kommt nicht von ihrem Wecker. Der steht stumm auf ihrem Nachttisch, genauso wie ihr Handy, das daneben liegt. Schwerfällig setzt sich Lina auf, um das restliche Zimmer in Augenschein zu nehmen. Langsam wandern ihre Augen von der gegenüberliegenden Wand mit den gerahmten Bildern über ihre Kommode an der Wand mit allem möglichen Krimskrams darauf über ihren Kleiderschrank bis hin zu ihrem Bett, auf dem sie sitzt. Alles scheint wie immer. Doch warum ist Lina sich so sicher, dass sich am heutigen Tag ihr Leben komplett verändern wird?

Sie kann sich dieses tiefsitzende Gefühl nicht erklären. Sie muss sich jetzt erst einmal auf die Suche nach dem Ruhestörer begeben. Das Klingeln kommt definitiv aus diesem Raum, aber woher? Noch einmal begutachtet Lina ihr lichtdurchflutetes Schlafzimmer und versucht sich zu konzentrieren. Da, kurz vor ihrer Tür steht etwas. Eine kleine braune Box. Doch das Geräusch kommt nicht von dort. Genervt, weil sie die Ursache des Lärms nicht findet, schleudert Lina ihr Kopfkissen an die Wand. Da liegt es. Ein kleines schwarzes Handy versteckt sich unter ihrem Kopfkissen.

„Was? Was soll das? Woher kommt das Handy?“

Verwirrt blickt Lina auf das Etwas, das definitiv gestern Abend noch nicht da gewesen war, hinunter. In dem Moment, in dem Lina es in die Hand nimmt und begutachtet, hört das Klingeln abrupt auf. Aus Neugierde wischt sie kurz über den Bildschirm. Natürlich rechnet sie nicht damit, dass sich das Handy entsperrt. Es ist schließlich nicht ihr eigenes. Denn das liegt nach wie vor auf ihrem Nachttisch. Linas Verwirrung wird immer größer und ihre Wut auf die Person, die ihr einen Streich spielt – denn das muss es ohne Zweifel sein – wächst ebenso, als sich das Handy ohne Probleme entsperren lässt. Auf dem Startbildschirm liegt eine einzige Datei. Ein Video mit der Beschriftung „Schau mich“.

„Haha, sehr witzig. Wer immer das hier lustig findet, kann sich auf etwas gefasst machen“, flüstert Lina sich leise zu, bevor sie das Video öffnet.

Sie erkennt sofort den Raum, in dem das Video gedreht wurde: Ihr Schlafzimmer. Der Filmemacher stand direkt über ihr. Sie schlief seelenruhig und schien den Eindringling nicht zu bemerken. Lina hält das Handy näher an ihre Augen, denn die unsichtbare Person im Video legte etwas auf ihr Nachttischchen. Blitzschnell schießt Linas Kopf in der realen Welt nach rechts. Ein Zettel liegt neben ihrem Wecker. Sie faltet ihn rasch auseinander. „Hast du gut geschlafen?“ stand dort mit einer schnörkelhaften Schrift. Eine Stimme erklingt von ihrer Hand, wodurch Lina ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Handy richtet.

„Du fragst dich sicher, wer ich bin und was das alles soll. Das sind sehr gute Fragen, die wir gemeinsam ergründen werden. Um die Antworten zu finden, hast du genau fünf Stunden Zeit. In jedem deiner Zimmer wirst du einen Hinweis finden. Natürlich nicht einfach so. Du musst schon ein bisschen was dafür tun.“

Lina konzentriert sich so stark, dass ihr Kopf sich anfühlt, als würde er zerspringen. Aber sie kann die Stimme nicht identifizieren. Sie klingt irgendwie … verzerrt.

„Schaffst du es ein Rätsel zu lösen, erhältst du den Schlüssel, um in den nächsten Raum zu gelangen. Schaffst du es, alle Rätsel zu lösen und kannst mir sagen, wer ich bin und warum ich dieses Spiel mit dir spiele, lasse ich dich laufen. Versagst du, nun ja, erfährst du die Lösung von mir und …“

Pause. Die Person hinter der Kamera streichelte Lina im Video fürsorglich über ihre Haare. Ob es ein Mann oder eine Frau war, kann Lina nicht erkennen.

„Sagen wir es einmal so, liebe Lina, dein Einsatz für dieses Spiel ist dein Leben und damit alles fair bleibt, ist mein Einsatz mein Leben. Du siehst also, du solltest das Spiel ernst nehmen. Ich hoffe, es sind keine Fragen mehr offen. Außer natürlich die alles entscheidenden. Behalte das Handy bei dir. Damit sende ich dir Hinweise, sollte ich sehen – und ja, ich sehe dich – dass du einen kleinen Schubs in die richtige Richtung benötigst. Ich kann nämlich auch ganz nett sein.“

Ein höhnisches Lachen erklang und Lina zuckt unwillkürlich auf ihrem Bett zusammen.

„Ach Lina, eine Sache noch. Solltest du in Erwägung ziehen zu betrügen, jemanden zu informieren oder irgendwelche Tricks anwenden, dann wirst sowohl du dafür bezahlen als auch deine kleine Schwester. So, jetzt habe ich aber genug geredet. Viel Spaß bei dem Spiel. Deine fünf Stunden laufen ab jetzt.“

Lina spürt ihr Herz im ganzen Körper schlagen. „Meine Schwester? Ein Spiel? Das kann doch nur ein Witz sein. Das muss ein Witz sein. Was soll das Ganze.“

Ihre Gedanken fliegen umher, ohne, dass sie auch nur einen fassen kann. Ist das ein Traum? Mühsam nimmt Lina ihre Bettdecke von sich herunter und schwingt sich aus ihrem Bett. Doch noch bevor ihre Beine den Boden berühren können, zieht etwas ihr linkes Bein zurück. Irritiert blickt Lina hinunter und alle Farbe verlässt ihr Gesicht. Ihr linkes Bein ist mit einer Kette an ihrem Bettpfosten festgebunden. Das hier ist kein Scherz, sondern purer Ernst. Jemand treibt ein Spielchen mit ihr und es geht nicht nur um ihr Leben, sondern auch um das ihrer Schwester.

Panik durchflutet ihren Körper, macht das Atmen schwer. Gestern war sie noch eine harmlose Büroangestellte und heute soll sie Hauptfigur in einem makabren Spiel sein? Ihr Blick fliegt durch ihr Zimmer. Die Person im Video sagte, sie müsse Schlüssel finden, also braucht sie den Schlüssel, um sich von dieser verdammten Kette zu befreien. Sie tastet wild um sich auf der Suche nach der kleinen silbernen Erlösung. Dabei fällt ihr Blick auf ihr eigenes Handy. Die Polizei anrufen, na klar! Aber hatte der Unbekannte nicht gesagt, dass sie niemanden informieren darf? Aber woher soll sie wissen, dass er wirklich ihre Schwester hat? Just in diesem Moment signalisiert ein Ton den Eingang einer Nachricht. Lina wird aus ihren Gedanken herausgerissen und tippt benommen auf die Anzeige.

Ich weiß, was du denkst. Tu es nicht, oder die kleine Michelle wird dafür büßen.

Lina starrt auf das Display. Ihre kleine Schwester war auf einem Foto zu sehen, in einem dunklen Raum in der Ecke sitzend.

„Was zum …??“ Lina fehlen die Worte.

Wieder eine Nachricht: Die Zeit tickt. Nutze sie.

Erst jetzt sieht Lina den Countdown, der auf dem Handy unerbittlich nach unten tickte. Sie hat bereits 10 Minuten vergeudet. Sie muss wohl oder übel mitspielen. Zumindest so lange, bis sie eine Lösung findet, um dieses Horrorspiel zu stoppen. Als Lina ihr eigenes Handy weglegen will, bemerkt sie, dass etwas klirrte. Rasch zieht sie es wieder zu sich zurück und rüttelt. Ja, ganz sicher, etwas ist in dem Handy. Sie öffnet die Rückseite mit zittrigen Fingern und kann es kaum glauben. Dort liegt ein kleiner silberner Schlüssel. Schnell öffnet sie ihre Fußfesseln und steht aus dem Bett auf.

„Das war zu einfach“, flüstert Lina. Als hätte der Spielmacher sie gehört, klingelt das Handy.

Ja, das war zu einfach. Es sollte dich nur in Gang bringen. Ich verspreche dir, die nächsten Schlüssel erhältst du nicht so einfach.

Die Realität trifft Lina wie ein Schlag. Er oder sie kann sie tatsächlich sehen und hören. Gefühlt zum hundertsten Mal suchen ihre Augen ihr Zimmer ab und da sieht sie es. In der Ecke hängt eine kleine Kamera. Er beobachtet sie. Nicht mehr Herr über ihren eigenen Körper, setzt Lina einen Fuß vor den anderen und bewegt sich langsam auf die Box vor ihrer Tür zu. Ein Schloss mit einem Zahlencode verschließt sie.

„Woher soll ich wissen, mit welcher Zahl das Schloss zu öffnen ist?“ Lina nimmt die Schachtel auf und trägt sie zu ihrem Bett. Dabei fällt ihr ein Brief auf, der unter der Box gelegen haben muss. Vielleicht ein Hinweis? Hastig öffnet sie den Brief und liest:

Sechs Ziffern benötigst DU, um das Schloss zu öffnen. DU hast die Lösung dafür bereits in DIR. DU musst nur an das denken, was DIR am wichtigsten ist. Dann bist DU der Lösung schon ganz nah.

„Was sollte das bedeuten? Was ist mir am wichtigsten? Meine Familie? Meine Freunde? Aber wie sollen sie eine Zahl ergeben?“ Lina spürt die Verzweiflung in sich aufsteigen. „Das ist doch Schwachsinn“, schrie sie in das Zimmer hinein.

Als keine Reaktion eintritt, versucht sie sich wieder zu beruhigen. „Es muss eine Lösung dafür geben. Denk nach.“ Erneut las sie die Nachricht und konzentrierte sich auf jedes Wort.

„Ein paar Wörter sind in Versalien geschrieben. Warum? DU und DIR. Geht es hier um mich? Ich? Lina. LINA!!! Aber nein, das kann es nicht sein. Ich brauche Zahlen, keine Buchstaben. Aber wenn ich … Ja, genau. L ist der zwölfte Buchstabe im Alphabet. So muss es sein.“

Ihr fällt ein Stein vom Herzen. Sie weiß, dass sie die Lösung hat. Hastig dreht sie die Zahlen in die richtige Position: 129141. Mit einem leisen klicken springt das Schloss auf. Ohne zu zögern greift Lina nach dem darin liegenden Schlüssel, springt zur Tür und öffnet sie. Euphorie mischt sich mit Angst und Wut. Sie hatte das erste Rätsel gelöst, doch was erwartet sie nun und wer steckt hinter dieser kranken Inszenierung?

Was Lina beim Öffnen der Tür in ihrem Wohnzimmer sieht, lässt sie im Türrahmen erstarren. Eine große Kiste steht mitten im Zimmer. Sie war mit einem schwarzen Tuch verdeckt. Wieder klingelt das Handy.

„Gut gemacht“, las die Nachricht, „aus dem ersten Zimmer bist du entkommen. Gefällt dir mein nächstes Rätsel? Aber nicht alle Aufgaben sind hier so offensichtlich.“ In ihrem Kopf kann Lina das Lachen aus dem Video hören. Sie ist sich sicher, dass der Spielmacher sich köstlich amüsiert.

Langsam nähert sie sich der Kiste. Wie erstarrt stand Lina davor. Ihr Kopf kann nicht mehr denken, aber genau dazu muss sie jetzt in der Lage sein – denken. Lina ist noch nicht so weit, das Tuch zu entfernen. Um Zeit zu gewinnen sieht sie sich zuerst im Zimmer um. Die beige Couch in ihrer Ecke sieht aus wie immer. Der Esstisch auf der anderen Seite steht wie festgenagelt am Fenster. Der Fernseher auf dem Schrank und das Regal daneben scheinen ebenfalls unverändert. Plötzlich zuckt Lina zusammen. Ihr Fernseher war angegangen. Mit zusammengezogenen Augenbrauen versucht sie sich auf das zu konzentrieren, was sie vor sich sieht. Es ist ein Musikvideo. Lina kennt das Lied, aber woher? Sie lauscht und versucht sich zwanghaft zu erinnern. Doch wie der Song hieß, will ihr nicht einfallen. Ohne zu wissen, was sie tut, fängt Lina an mitzusingen.

Spinning infinity, boy, the wheel is spinning me, it`s never-ending, never-ending, same old story, What if I say I`m not like the others? What if I say I`m not just another one of your plays? You`re the pretender. What if I say I will never surrender?

„The Pretender von den Foo Fighters. Natürlich.“ Doch was soll sie mit der Information anfangen. Lina schaltet den Fernseher aus und läuft aufgeregt im Zimmer auf und ab.

„Den Song haben wir hoch und runter gehört im Studium. Er muss etwas bedeuten.“ Lina hält inne. Kann es sein, dass sie gerade den nächsten Hinweis gefunden hat? Auf ihrem Regal steht eine Schallplatte der Foo Fighters. Es ist nicht das Album, auf dem der Song zu hören ist, aber die Band passt zumindest. Sie zieht die Vinyl aus dem Regal. Die Pistole auf dem Cover scheint passend für diese Situation. Lina nimmt die Schallplatte aus ihrer Hülle und erkennt mit einem bitteren Gefühl, dass die Songs auf der Platte nie wieder erklingen werden. In großen weißen Buchstaben steht dort eine Nachricht für sie, die sich perfekt den Rundungen des Vinylrings anpassen.

Erstes Schloss geknackt, das zweite folgt sofort. Manchmal ist die Wahrheit schmerzhaft, das kannst du mir glauben.

Das war`s. Mehr steht dort nicht.

„Manchmal ist die Wahrheit schmerzhaft?“ Lina überlegt fieberhaft. Doch bevor sie zu einer Lösung kommt, fällt ihr etwas anderes ein. Sie hat noch gar nicht versucht, die Wohnzimmertür zu öffnen. Vielleicht hatte der kranke Spaßvogel ja vergessen abzuschließen. Doch, dass das nicht der Fall ist, begreift Lina spätestens in dem Moment, als sie das Zahlenschloss an der Tür sieht. Trotzdem rüttelt sie mit einem kleinen Funken Hoffnung daran. Nach ein paar Minuten gibt sie jedoch wieder auf.

„Vier Zahlen. Das erste Schloss bezog sich auf mich. Vielleicht dieses hier auch.“ Sie versucht ihren Geburtstag – 6. April 1987 – in allen möglichen Varianten. Doch nichts geschieht. Die Tür lässt sich nicht öffnen.

„Ok, denk nach, Lina. Die Wahrheit ist schmerzhaft. Schmerzhaft. Die Wahrheit ist schmerzhaft.“ Wie ein Mantra sagt sie sich den Satz immer und immer wieder auf und läuft dabei wie ein eingesperrtes Tier in seinem Käfig von einem Raumende zum anderen.

Lina fängt am ganzen Körper an zu zittern. „Die Kiste“, schnaufte sie. Sie weiß, dass sie darin die Lösung findet wird. Wie ein Pflaster, das weniger schmerzt, je schneller man es abzieht, reißt Lina die schwarze Decke von der Kiste. Im ersten Moment begreift sie nicht, was sie sieht. Es sieht aus wie ein eckiger Brutkasten aus Glas. Oben im Deckel befindet sich ein Eingriff mit Gummi ummantelt. Der Boden des Kasten ist mit Erde bedeckt und tauschende kleine rote Ameisen schwirren darauf herum. Linas Atem beschleunigt sich so sehr, dass jeder Atemzug schmerzt. Die Lösung konnte nicht deutlicher formuliert sein. Sie muss in die Ameisen greifen und was? Etwas herausholen? Sie kniet sich wie in Trance an den Kasten und spürt die Übelkeit in ihr aufsteigen.

„Ist es das, was du willst, du perverses Arschloch?“ Lina schreit erneut und hofft, dass sie eine Antwort bekommt. Doch nichts geschieht. Vor ihrem inneren Auge entsteht ein Bild, dass sie fast ohnmächtig werden ließ. Der Fremde mit Popcorn in der Hand vor dem Bildschirm. Wie ein schlechter Kinofilm – oder aus seiner Sicht ein sehr guter. Das Handy klingelt und reißt sie erneut aus ihren grauenhaften Gedanken zurück in die noch grauenvollere Wirklichkeit. Die Nachricht ist sehr kurz: Tick Tack.

Ohne darüber nachzudenken, steckt Lina ihre Hand durch die Gummieingriffe im Deckel. Ihr Gesicht verzieht sich bis zur Unkenntlichkeit. Sie wühlt, tastet und sucht mit ihren Händen nach einem Schlüssel, einem Zettel oder irgendetwas, was sie greifen kann. Aber sie findet nichts.

„Das kann nicht sein!“ Die roten Ameisen kriechen eilig ihren Arm hinauf. Aufregung war in ihrem Bau entstanden und ihr Verteidigungsinstinkt ergriff die kleinen Körper. Die Bisse oder Stiche, Lina weiß es nicht genau, waren mehr als schmerzhaft. Sie fühlt ihre Hand anschwellen. Wie viele hatten schon zugebissen? Lina ist zu verängstigt, um nach unten zu schauen und ihren Arm voller Ameisen zu sehen. Sie weiß nicht, ob sie den Anblick verkraften kann, weiter machen kann, sobald sie das Unheil sieht. Doch Lina wird klar, dass ihr nichts anderes übrigbleibt, denn alleine durch ertasten kommt sie offensichtlich nicht weiter. Sie senkt ihren Blick mit einer ruckartigen Bewegung und schreit. So laut hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht geschrien. Sie kann kein einziges Stück Haut mehr an ihrem Arm erkennen. Es sieht aus, als hätten die roten Ameisen den Arm als ihr Eigentum erklärt. Lina zappelt heftig und versucht die Ameisen abzuschütteln. Es gelingt ihr jedoch nicht. Je wilder sie mit ihrem Arm wedelt, desto mehr scheinen sie zu beißen. Sie will ihren Arm herausziehen, das ist alles, woran sie noch denken kann. Mit einem letzten Versuch und heftigem Zappeln versucht sie ihren Arm frei zu bekommen. Dabei fegt sie die Erde auf dem Boden des Beckens weg und … da, unter der Erde ist etwas. Für einen kurzen Moment vergisst Lina über diese Entdeckung das höllische Brennen, dass nun nicht mehr nur ihren Arm zu bevölkern scheint, sondern auch über ihre Schulter, ihren Nacken und ihren Rücken wandert. Sie versucht sich zu beeilen und wischt die Erde beiseite. Sie kann nun eine 2 sehen und nach ein paar Sekunden noch eine 0. Verzweifelt weitersuchend werden ihre Bewegungen immer hektischer.

„Komm schon. Wo seid ihr? Mir fehlen noch zwei Zahlen.“ Lina findet schließlich eine 9 und noch eine 0. „Vier Zahlen! Ich hab sie!“

Blitzschnell zieht sie ihren Arm aus den Gummieingriffen. Die meisten der Ameisen fallen dabei zurück in den Kasten. Ein paar wenige befinden sich allerdings noch auf Linas Arm und suchen Zuflucht. Sie zieht ihr T-Shirt aus und versucht damit den Rest weg zu schlagen. Nach einigen Minuten ist Linas Körper befreit.

Erschöpft fällt Lina auf die Couch und versucht ihren Atem in den Griff zu bekommen, der so schnell aus ihrer Lunge strömt, als wäre sie gerade einen Marathon gelaufen. Ihr Blick fällt auf ihren Arm und nun erkennt sie mit weit aufgerissenen Augen woher das unerträgliche Brennen kommt. Ihre Haut ist über und über mit roten Pusteln bedeckt.

„Ist das deine Vorstellung von Spaß?“ Lina ist wütend. Tränen treten ihr in die Augen und laufen über ihr Gesicht. Das Handy klingelt und eine unglaubliche Leere breitet sich in Lina aus.

Ja war die Antwort des Spielmachers.

Nach ein paar Minuten verebben die Tränen. Das Handy fest umklammert starrt Lina auf den Countdown. Für die ersten beiden Zimmer hat sie über 1 ½ Stunde benötigt. Hätte sie den Countdown nicht gesehen, könnte Lina nicht sagen, wie viel Zeit bereits vergangen war. Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an und gleichzeitig so, als ob die Zeit ihr durch die Finger fließt. Sie wohnt in einer Drei-Zimmer-Wohnung und noch 3 1/2 Stunden Zeit. Das sollte doch machbar sein, oder?

Inmitten dieser Überlegung begreift Lina mit Entsetzen, dass sie noch gar nicht das Zahlenschloss geöffnet hat.

„Ich Idiot!“ Sie springt auf und rennt zur Tür. „Wie waren die Zahlen? 2090, richtig? Warum geht das nicht auf?“ Lina rüttelt verzweifelt an dem Schloss und versucht alle möglichen Kombinationen. Bei 2009 springt der Bügel endlich auf. Lina ist raus aus dem Wohnzimmer.

Im Flur sieht alles so aus, wie immer, nur mit dem Unterschied, dass jede der vier angrenzende Tür geschlossen ist. Ansonsten scheint nichts verändert zu sein. Vielleicht ist der Flur nicht Teil des Spiels? Im Unterbewusstsein weiß Lina, dass ihre nächste Handlung, vergeblich ist, aber sie muss es versuchen. Mit fünf großen Schritten ist sie an ihrer Haustüre und rüttelt wie wild geworden daran. Sie schlägt mit ihren Fäusten dagegen und lässt all die Wut raus, die sie aufgestaut hat. Ihre blonden langen Haare kleben schweißnass an ihrem Rücken. Doch egal, wie sehr sie sich anstrengt, die Tür lässt sich nicht öffnen. Das Handy klingelt. Lina hat schon fast vergessen, dass sie es immer noch umklammert. Doch dieses Mal ist es keine Nachricht. Lina geht ran.

„Hallo?“, meldet sie sich ängstlich.

„Lina? Lina, bitte hilf mir! Was ist hier los?“

„Michelle? Wo bist du? Geht es dir gut? Michelle, sag doch was!“

Eine verzerrte Stimme meldet sich. „Noch geht es ihr gut, liebe Lina. Doch sollte dein Nachbar oder irgendjemand sonst auf dich aufmerksam werden, geht es ihr bald nicht mehr so gut. Denk an die Spielregeln!“

Aufgelegt. Er hat einfach aufgelegt.

Er hat sie wirklich. Die Wahrheit erschlägt Lina. Er hat wirklich ihre Schwester. Diese Erkenntnis weckt neue Energie in ihr. Sie muss weiter machen, auch wenn die Panik sie lähmt. Sie muss einen Weg hier raus und zu ihrer Schwester finden.

„Wenn ich dich in die Finger kriege, dann …“, denkt Lina. Doch sie kann sich jetzt nicht in Rachefantasien verlieren. Sie muss zuerst das Spiel zu Ende spielen. Wieder sieht sich Lina im Flur um und dieses Mal erkennt sie die Veränderung sofort. Die Bilder an ihrer Fotowand. Normalerweise hängen hier ihre Familie und Freunde. In gewissermaßen stimmt das noch immer, doch die Bilder, die sie inzwischen auswendig kennt, wurden durch alte Bilder aus ihrer Studienzeit ersetzt. Sie sieht ihre alte Clique mit ihrem damaligen Freund Flo, ihre besten Freundinnen Theresa und Marie. Ein anderes Foto zeigt ihre Abschlussfeier 2009. Wie sie alle strahlten. Auf einem weiteren Bild sind Flos beste Freunde Patrick und Tim zu sehen.

„Wir waren damals unzertrennlich“, flüsterte Lina vor sich hin.

Ja, das waren wir, bestätigte die eingehende Nachricht.

„Wir“? Linas Herz schlug bis zum Hals. Hatte sich der Spielmacher gerade verraten?

„Wir?“, sagt sie nun laut. „Das bedeutet, dass du aus meiner alten Clique bist? Wer? Warum machst du das?“

Keine Antwort. Lina nimmt nach und nach jedes Bild ab, dreht es in den Händen und betrachtet es sorgfältig. Das letzte Bild, dass sie von der Fotowand nimmt, zeigt die Clique bei einer großen Party. Jeder von ihnen hatte ein Getränk in der Hand. Lina und Flo standen knutschend am Rand des Bildes. Der Rest der Bande drängelte sich in der Mitte und stand so eng zusammen, dass kein Blatt Papier mehr dazwischen gepasst hätte. Lina schaut auf die Rückseite des Bildes und liest Danach ging jeder seinen eigenen Weg, nicht wahr? Also geh auch du weiter.

Darunter klebt ein Schlüssel.

Lina versucht es zuerst mit der Küche, doch der Schlüssel passt nicht. Dann eben das Gästezimmer. Hier muss Lina nicht lange nach der Aufgabe suchen, denn sie steht in großen roten Buchstaben quer über die Wand geschrieben.

Wenn du es schaffst jemanden für mindestens 30 Minuten in der Leitung zu behalten, geht die nächste Box auf und du bist deinem Ziel ein Stückchen näher.

Sie soll also jemanden in der Leitung behalten. Aber in welcher Leitung? Das Gästezimmer ist klein und schlauchförmig. Hier hatten lediglich eine kleine Schlafcouch, ein Fernseher und ein Bücherregal Platz. Es gibt also nicht viel zu erkunden. Wieder springt der Fernseher an und Lina im selben Augenblick einen Schritt zurück. Sie sieht sich selbst im Bildschirm, lediglich mit BH und Shorts bekleidet und mit ihren roten Pusteln auf dem Arm.

„Was soll das?“ Kaum haben die Worte ihre Lippen verlassen, ging ein zweites Videofenster auf. Ein Mann mittleren Alters lächelt sie an.

„Hallo. Kennen wir uns?“, fragt Lina zaghaft. Und weg war er. Doch kaum zehn Sekunden später ist bereits der nächste zu sehen. „Was ist hier los?“

„Tanz für mich“, erwidert die raue Stimme des übergewichtigen Mittvierzigers.

„Tanzen?“ Lina fängt an zu zittern. Das kann nicht wahr sein. Soll sie wirklich das machen, was sie denkt? „Ich soll tanzen?“, fragte sie erneut.

Doch die Fragerei scheint dem Mann zu lange zu dauern, denn er wurde durch einen anderen ersetzt. Ob ihr Gegenüber jung oder alt war, kann Lina nicht sagen. Sie erkennt nur schemenhaft einen Mann am Bildschirm, der sich in der Dunkelheit seiner Vier Wände versteckt. Ohne richtig zu wissen, was sie tut, fängt Lina an zu tanzen zu einer Musik, die keiner hören konnte.

„Zieh dich aus.“ Die tiefe Stimme macht die dunklen Umrisse noch beängstigender. Lina erstarrt augenblicklich. Ihre größte Angst wird wahr. Sie muss ihren Körper einsetzen, um die Männer in der Leitung zu halten – für 30 Minuten. Noch nie hatte sie sich so gedemütigt gefühlt. Wer weiß, was die Männer mit ihr anstellen wollen? Wer weiß, wo das Videomaterial landet? Aber sie muss es tun. Für sich, für ihre Schwester. Sie weiß, dass sie keine Wahl hat. Ganz langsam und unter Schluchzen zieht sich Lina aus und gibt alles, um die Männer zu unterhalten. Doch so einfach ist es nicht. Sie braucht zwei Stunden, um endlich jemanden für 30 Minuten in der Leitung zu halten. Es ist ein Mann, Lina schätzt ihn auf Mitte 50, in einem Anzug. „Er wirkt nett“, denkt Lina eigenartigerweise. Aber das macht die Sache nicht besser. Denn der Mann weiß ganz genau, was er von Lina will und Lina wiederum weiß ganz genau, dass sie das nie jemandem erzählen wird.

30 Minuten lang befolgt Lina jede Anweisung des Zuschauers, dann geht der Fernseher plötzlich aus. Dafür öffnet sich eine Box daneben wie von Geisterhand. Lina hat sie bisher noch gar nicht bemerkt. Splitterfasernackt steht Lina in dem Zimmer, zittert und sieht zu der Box hinunter. Doch es liegt kein Schlüssel darin, wie versprochen war. Sie greift hinein und zieht einen Zettel heraus.

Deine Kleidung gehört nicht länger zum Spiel. Ich hoffe, du fühlst dich genauso nackt und gedemütigt wie ich damals. Du hast nun alle Hinweise. Wenn du mir sagen kannst, wer ich bin und warum ich dich bestrafe, dann öffnet sich die letzte Tür zur Küche. Weißt du es nicht, öffnet sie sich ebenfalls, doch das Ende wird ein anderes sein.

Lina bleibt noch ziemlich genau eine Stunde Zeit, um das letzte Rätsel zu lösen. Sie atmet schwer und versucht alles, was sie bisher herausgefunden hat, zu sammeln. Mit flinken Fingern sucht sie das Zimmer nach einem Stift und Papier ab. Sie muss sich die Hinweise aufschreiben, damit sie sie vor Augen hat. Nach kurzem Suchen findet sie etwas zum Schreiben und fängt an:

„Im Schlafzimmer ging das Schloss mit meinem Namen auf.“ LINA schreibt sie in Versalien auf das Blatt Papier. „Im Wohnzimmer fing alles mit dem Song „The Pretender“ an, dann kamen die Ameisen.“ Bei dem erneuten Gedanken daran kribbelt ihr Arm noch mehr. Nun steht bereits LINA, THE PRETENDER und 2009 auf dem Blatt Papier. „War im Wohnzimmer noch ein Hinweis? Nein, ich glaube, das war`s. Im Flur waren die Bilder meiner alten Clique aus dem Studium.“ Lina schreibt „JEMAND AUS DER ALTEN CLIQUE“ auf das Blatt. „Dann dieser Raum hier. Aber hier gab es keinen Hinweis, nur Demütigung. Soll das der Hinweis gewesen sein?“

Lina denkt laut nach. Sollte sie spüren, was damals jemand aus ihrem Freundeskreis gespürt hat? Aber wer? Sie waren alle so eng befreundet, haben alles geteilt. Marie, Theresa und sie wohnten sogar zusammen und waren unzertrennlich. Mit den Jungs zusammen hatte sie die beste Zeit ihres Lebens. Nach dem Studium trennten sich Lina und Flo, da sie unterschiedliche Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft hatten. Ist Flo deshalb sauer auf sie? Das Jahr würde passen, denn die Trennung war relativ bald nach ihrem Abschluss 2009. Aber sie gingen im Guten und nicht im Streit auseinander. Weshalb also sollte Demütigung eine Rolle spielen? Nein, Flo konnte es nicht sein. Lina überlegt fieberhaft, doch lassen sich nicht alle Hinweise mit einer Person verbinden, oder doch?

Das Handy klingelt. 20 Minuten bleiben dir noch.

Ja, Lina wusste, dass ihr die Zeit davonrennt. Sie muss Hinweise vergessen oder übersehen haben. Noch einmal geht Lina alle Rätsel und Räume durch. Nach weiteren 10 Minuten stehen nun noch die Wörter „Handy“, denn darin lag der erste Schlüssel, und „schmerzhafte Wahrheit“ auf dem Blatt.

„Ok, denk nach Lina. Du kannst darauf kommen. Es hat offensichtlich etwas mit mir zu tun und vielleicht etwas mit meinem Handy. Es geschah 2009 und involvierte jemanden aus meiner Clique, der gedem …“

Lina stockt. Sie weiß, dass sie gerade das Rätsel gelöst hatte.

„Es tut mir leid,“ flüstert sie, doch die Worte bleiben auf halbem Weg in ihrem Hals stecken. „Marie, es tut mir so leid. Das war damals nur ein Spaß. Ich wusste nicht, dass es dich gekränkt hat.“

„Gekränkt? Das ist das falsche Wort, meine liebe Lina.“

Lina springt auf, als hätte sie der Schlag getroffen. Die Küchentür steht nun offen. Lina hatte niemanden kommen hören. Sie war so sehr in ihren Gedanken vertieft. Doch nun steht vor ihr ihre ehemalige beste Freundin mit wutverzerrtem Gesicht und einer Pistole in der Hand.

„Es hat mich nicht gekränkt. Es hat mein Leben zerstört. Bis heute habe ich danach nicht mehr die Füße auf den Boden bekommen.“

„Marie, es war nur ein Spiel – Wahrheit oder Pflicht, ganz unschuldig.“

„Ganz unschuldig? Hast du sie noch alle? Was ist daran unschuldig Nacktbilder seiner besten Freundin ins Internet zu stellen? Weißt du, was nach dem Abend unserer Abschlussfeier – nach dem „unschuldigen Spiel“ – passiert ist? Alles wofür ich so hart gearbeitet habe, hat sich in Luft aufgelöst. Mein Medizinstudium für die Tonne, meine guten Noten interessierten niemanden mehr. Alles was die Leute interessierte waren die Nacktbilder von mir im Internet. Denn weißt du was? Das Internet vergisst nie. Das ist nicht einfach nur ein blöder Spruch, Lina, sondern die Wahrheit.“ Marie ist so dermaßen wütend, dass sie wild mit der Pistole herumfuchtelt und jedes Wort in Linas Gesicht spuckt. Lina weiß nicht, was sie sagen soll, deshalb schweigt sie.

„Hast du mal meinen Namen in eine Suchmaschine eingegeben? Nein? Ich sag dir, was dort erscheint. Die Nacktbilder auf den unterschiedlichsten nicht ganz jugendfreien Seiten und ich kann nichts, rein gar nichts, dagegen tun. Alle möglichen Arbeitgeber scheinen auch sehr aufmerksam zu recherchieren, wen sie da einstellen und jemanden, der angeblich schon einmal im Pornobereich tätig war, wollen sie natürlich nicht. Ich kann so viel erklären, wie ich will. Die Bilder sprechen ja schließlich für sich. Warum hast du das getan, Lina? Wir waren beste Freundinnen.“

„Ich habe nicht an die Konsequenzen gedacht. Es tut mir leid. Ich … Es war nur ein Spiel, verstehst du. Ich habe die Bilder nach dem Abend direkt wieder von der Seite gelöscht. Ich wusste nicht, dass man sie noch findet. Marie, bitte.“

„Ich, ich, ich. Merkst du eigentlich, was du sagst. Alles dreht sich nach wie vor um dich. Wie damals auch. Du warst die Hauptfigur unserer Gruppe. Du hättest auch einfach nein sagen können, aber du hast es nicht getan, weil du nur nach außen hin eine gute Freundin warst. Du warst eine großartige Schauspielerin, das muss ich dir lassen. Als ich erfahren habe, dass du diejenige warst, die die Bilder online gestellt hat, brach für mich eine Welt zusammen.“

Lina blickt panisch auf die Pistole. Maries Hand zittert und ihre Finger umklammern den Abzug immer stärker. Als Marie den Blick ihrer ehemals besten Freundin sieht, spricht sie in einem furchterregenden neutralen Ton weiter.

„Mach dir keine Sorgen. Du hast das Rätsel ja gelöst. Erinnerst du dich an den Einsatz? Du hast dein Leben gerettet, indem du alle Rätsel innerhalb der Zeit gelöst hast. Herzlichen Glückwunsch!“ Marie lacht künstlich und klatscht Beifall.

„Nun, ich habe wohl verloren. Genauso, wie ich mein ganzes Leben nach diesem Abend verloren habe. Ich habe hier den letzten Schlüssel für dich, Lina. Er öffnet deine Wohnungstür und entlässt dich in die Freiheit, in dein schönes Leben. Spiele weiterhin die liebe, fürsorgliche Lina vor. Doch auch für dich wird sich nach diesem Tag dein Leben ändern. Deine Schwester weiß nämlich Bescheid. Ihr geht es gut, keine Angst. Ich habe sie vor dem Haus deiner Eltern aus dem Wagen gelassen. Aber vorher habe ich ihr alles erzählt und eins kann ich dir sagen, sie wird dich nie wieder so ansehen wie vorher. Sie wird es nicht vergessen, genauso wenig, wie die Männer, die du die letzten zwei Stunden bespaßt hast.“ Eine angespannte Stille verbreitet sich im Raum. Es war alles gesagt.

„Fang!“ – Marie wirft Lina den letzten Schlüssel zu. Im selben Moment, als Linas Finger den Schlüssel berühren, durchbricht ein Schuss die Ruhe in der kleinen Drei-Zimmer-Wohnung.

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