carolin.engel1609Der verbotene Leuchtturm

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Freitag, der 14. November 1969
Der zweite bemannte Mondflug der NASA mit der Apollo 12 startet mit den Astronauten Charles Conrad, Richard Gordon und Alan Bean an Bord. Obwohl die Rakete beim Start gleich zweimal vom Blitz getroffen wird, verläuft der Start plangemäß.
Viele werden sich dieses Spektakel im Fernseher wohl nicht entgehen lassen. Lange haben sich beide auf die Übertragung im Flimmerkasten, wie Heinrich seine Oma immer sagte, gefreut. Heinrich und Richard, zwei 10 jährige Jungs, die auch Astronauten werden wollten. Im Zimmer von beiden hingen unzählige Raketen und Planeten von der Decke, in verschiedenen Grössen und Farben. Die Wände mit Sternen und ihrer Bezeichnung bemalt und tapeziert.
Heinrich stand ganz dicht neben seiner Mutter. Sie trug einen schwarzen Mantel und schwarze Handschuhe. Sie hatte ihren Arm um ihren Jungen gelegt. Es regnete schwach, doch die Tropfen waren auf dem Regenschirm hörbar. Seine Schuhe sind vom Regenwasser ganz durchgeweicht, seine Füsse eiskalt, doch das stört ihn nicht. Er beobachtet den Pfarrer, er sieht dass er spricht und gestikuliert, doch er hört nichts, will nichts hören. Alles was der Pfarrer den Trauergästen erzählt, ist wie Richard als kleiner Junge war, aufgeweckt, neugierig und angstlos. Letzteres wurde ihm zum Verhängnis. Alles was der Pfarrer erzählte, wusste Heinrich schon, denn mit Richard ist er aufgewachsen. Er war wie ein Bruder, fast ein Zwillingsbruder. Es gab nichts, was beide nicht zusammen taten, außer die eine Sache, weil Heinrich zu viel angst hatte und seine Mutter es ihm verboten hatte.
Wenn er wieder zu Hause ist, dann wird er eine Rakete bauen und Richard darauf schreiben. Es wird die schönste und grösste, die er jemals gebaut hat! Das hat er sich vorgenommen, auch wenn es lange dauern würde, bis er mit seinem Ergenis zufrieden sein würde.

51 Jahre später
Heinrich stieg aus seinem Auto aus und ließ die Tür langsam ins Schloss fallen. Er war in Gedanken. Seine Frau hat ihm ein Ultimatum gestellt, mal wieder. Er weiss, er arbeitet zu viel und zu lang, das ist Gift für seine Ehe und auch eigentlich für ihn. Aber seine Firma läuft so gut und seine Arbeit macht ihm Spaß, warum sollte er dann also kürzer treten? Doch er musste sich entscheiden, entweder für seine Ehe und die Gesundheit oder für seine Arbeit und den Erfolg.
Seinen 61. Geburtstag feierte er vor drei Tagen, das fühlte sich sehr unwirklich an, ja schon fast wie ein echter Scherz. Er ging zum Kofferraum und nahm die weisse Rose in die Hand. Er verschloß das Auto und schaute sich nochmal um, bevor er den Parkplatz verließ, doch es war niemand zu sehen. Es dämmerte schon und er fühlte, dass die Zeitumstellung von Winter zu Sommer, ihm immer schwerer viel. Das lag wohl nicht nur am Alter, sondern auch an seiner Depression.
Den Weg zum Grab von Richard konnte er im Schlaf. Wenn man ihm die Augen verbinden würde, dann würde er den Weg dorthin ohne Probleme finden, denn sehr oft war er hier.
Genau gegenüber stand eine Bank, dort saß er viel und lange. Damals mehr als heute, seine Besuche wurden weniger.
Man konnte dem Grabstein die harte Witterung, die hier am salzigen Meer herrschte, ansehen. Er war schon grünlich und sehr tief eingesunken. Es lagen frische Blumen auf dem Grab, Richard seine Mutter ist also schon hier gewesen. Sie hasste Heinrich und das wusste er. Deshalb war er froh, sie hier nicht anzutreffen. Sie macht ihn für den Tod von Richard verantwortlich. Was damals geschehen war, ist nur noch schemenhaft in seinem Gedächtnis vorhanden. Es ging alles so schnell und sie waren erst 10 Jahre alt.
Richard wäre heute 61 geworden.
Das Aprilwetter war sehr wechselhaft und es fing langsam zu schneien an. Im Schnee nach Hause fahren, darauf hatte er jetzt keine Lust, zudem wurde es immer dunkler, also ging er schnell zur Wasserpumpe und füllte eine Grabvase mit Wasser. Doch die hatte ein Loch und das Wasser lief wieder raus. Er suchte eine neue und begutachtete sie gründlich, bevor er sie mit Wasser füllte. Er stellte die weisse Rose ins Wasser, wartete aber nochmal ab, ob sie vielleicht nicht doch noch irgendwo undicht war. Aber es passierte nichts. Er ging schnell zurück zum Grab, kniete sich nieder und platzierte die Vase links neben dem Grabstein. Er sah nochmal zum Blumenstrauss, der dort abgelegt wurde. Er wollte sich gerade wieder erheben, als er zwischen den Blumen, einen Zettel entdeckte. Es stand sein Name darauf, Heinrich. Er wurde mit der Hand geschrieben, mit Tinte, das konnte er daran erkennen weil die Buchstaben schon leicht verliefen. Der Zettel muss dort schon länger zwischen den Blumen gesteckt haben, oder der Schnee, der langsam vom Himmel rieselte, war daran Schuld. Warum ist ihm der Zettel nicht schon vorher aufgefallen? Er war nicht klein, er hätte ihn sehen müssen. Er kniete immer noch und starrte auf den Zettel. Er wurde plötzlich ganz starr und rührte sich nicht vom Fleck. Seine Gedanken rasten! Was ist, wenn der Zettel erst kürzlich dort reingesteckt wurde? Er war doch nur für einen kurzen Moment an der Wasserpumpe gewesen, also abgelenkt, beschäftigt und das Grab kurz aus seinem Blickfeld verschwunden. Er traute sich nicht zu bewegen, aus Angst gesehen zu werden, aber das ist völliger Quatsch und das wusste er auch. Immer noch knieend bewegte er langsam seinen Kopf nach rechts und dann nach links. Das einzige was er sah, war ein älterer Herr, humpelnd mit Gehstock, auf dem Weg zum Kircheneingang. Die Kirche lag mindestens 100 meter vom Grab entfernt, der ältere Herr hätte also niemals den Weg vom Grab, bis zur Kirche, so schnell zurücklegen können.
Er griff langsam zum Zettel. Das Papier fühlte sich hart an, wie das Papier eines Fotos. Er drehte den Zettel um. Und tatsächlich! Es war ein Foto. Er kannte das Foto nicht, was aber seltsam war, denn auf dem Foto war er abgebildet, mit der „Richard-Rakete“ in der Hand. Das Foto war eine Momentaufnahme als er die Rakete hat losfliegen lassen wollen. Er holte mit dem linken Arm zum Schwung aus und wollte die Rakete vom höchsten Punkt des Leuchtturmes fliegen lassen. Denn genau dort ereignete sich der Unfall. Das war der Ort, wo Richard in die Tiefe gestürtzt war und vom Meer für immer verschlungen wurde. Man fand damals nur noch die orange Regenjacke, aber Richard selbst wurde nie gefunden.

 

Den Weg nach Hause vom Friedhof fuhr Heinrich wie in Trance. Er war abwesend. Seine Gedanken kreisten um das Foto, auf dem er abgebildet war. Es war einfach zu lange her. Er konnte sich nur schwer an Details errinnern, auch Abläufe erscheinen ihm nur noch wie vereinzelte Bilder, weniger wie eine flüssige Handlung. Aber er konnte sich an eine Sache genau errinnern! Dass er nämlich damals alleine auf dem Leuchtturm war.
Er hatte sich vorgenommen, die „Richard-Rakete“ vom Leuchtturm aus fliegen zu lassen, ganz alleine. Seine Mutter hat ihm verboten dort oben zu spielen. Deswegen hatte er sich ganz früh morgens aus seinem Zimmer geschlichen, seine Mutter hatte noch geschlafen.
Mit seinem linken Arm holte er Schwung und ließ die Rakete fliegen, er sah wie sie vorsichtig vom Wind getragen wurde und einige Meter weit flog. Es war ein nebeliger Morgen, er konnte nicht sehen wohin sie wirklich flog, aber er stellte sich einfach vor, dass sie ganz weit nach oben flog.
Das Verbot bestand nicht ohne Grund, denn zu niedrig war dort oben die Brüstung, auch die lange Treppe, die nach oben führte, war rostig und stellenweise schon verrottet. Doch so jung wie sie waren, wollten sie damals alles auf der Ostsseeinsel erkunden. Da beide Astronaut werden wollten, war der Leuchtturm eine grosse Verlockung. Die Gefahr, die Bestand, fand zu dem Zeitpunkt nur wenig Raum in ihrer Fantasie. Heinrich war schnell wieder zu Hause, noch bevor seine Mutter aufstand und zur Arbeit fuhr.
An all das konnte er sich noch sehr gut errinnern, so als wenn es erst gestern passiert wäre.
Aber wie zum Teufel ist dieses Foto entstanden? Wer hat es gemacht? Es war sehr früh am Morgen, die Sonne ging gerade auf und er hat damals niemanden gesehen, er stand dort oben ganz alleine.
Er parkte das Auto in der Auffahrt, wollte die Tür öffnen, doch sie war verschlossen. Komisch, dachte Heinrich. Seine Frau Rita hat sich noch nie eingeschlossen. Er kramte in seiner Jackentasche und hoffte den Hausschlüssel zu finden. Er hatte Glück! Er fand ihn und schloss auf. Er rief nach Rita, bekam aber keine Antwort. Vielleicht ist sie im Bad, oder im Keller und kathalogisiert das Weinregal. Sie liebte Rotwein, am liebsten italienischen. Es haben sich bestimmt an die 250 Flaschen in den letzten Jahrzehnten angesammelt. Beide liebten das Reisen und kauften immer ein paar Flaschen aus dem jeweiligen Land. Es gibt kaum Länder, die sie beide nicht bereist haben.
Er schloß die Tür hinter sich. Rief noch einmal nach Rita. Doch es kam keine Antwort. Er zog seine Schuhe aus und steckte seine Füsse in seine Hausschuhe. Langsam ging er den Korridor entlang, schaute nach links in die Küche. Manchmal saß seine Frau mit Kopfhörern am Küchentisch und hörte Bach. Vor sich hatte sie dann meistens einen Laptop und bestellte online Wein. Neben ihr lag dann immer eine Liste mit Weinen, die sie nachbestellen musste.
Aber es saß niemand dort. Das einzige was auf dem T
Küchentisch lag, war ein Zettel. Er war zusammengefaltet. Heinrich bekam ein mulmiges Gefühl.

 

 

Er glaubte umzukippen und hielt sich an der Tischkante fest. Die Nachricht, die dort für ihn hinterlassen wurde, machte ihn schwindelig. Sie ist weg. Seine Rita. „Bin bei Lukas. Hole meine Sachen am Wochenende.“ Rita.
Sie ist zu ihrem Bruder geflogen. Sie hat mir die Entscheidung abgenommen, denn sie wusste wahrscheinlich, wie ich mich entscheiden würde. Dann wird er wohl alleine den Urlaub auf Austevoll verbringen müssen, einer kleinen Inselgruppe in der
Nordsee, direkt vor der Küste Norwegens. Sie haben sich dort vor Jahren eine Hütte gebaut. Der Zufall hat sie dort hingeführt, oder viel mehr, ein befreundetes Pärchen, die auf der Insel fest wohnen und arbeiten.
Er liebte die salzige See und den rauen Wind, der so manches mal sehr stark sein konnte.
Die Koffer waren schon lange gepackt, denn morgen sollte es los gehen. Er würde mit der dänischen Fähre von Hirtshals bis hoch nach Bergen fahren. Mit dem Auto ist das eine angenehme Reise. Auf der Fähre bekommt man alles was das Herz begehrt. Eine eigene Kabine mit Bad, Fernseher, Zimmerservice, Internet und Frühstück. Für Unterhaltung ist auch gesorgt, für Jung und Alt. Essen und trinken, viele Sitzmöglichkeiten und shoppen konnte man auch. Wenn man aber einfach nur seine Ruhe haben will, dann bleibt man in seiner Kabine und schaut aufs Meer.
So war der Plan. Nun darf er das alles alleine erleben.
Er erschrak als er auf die Uhr schaute. Es war schon fast Mitternacht durch. Stand er wirklich so lange in der Küche? Nun, er kam auch ziemlich spät nach Hause. Das Foto hat ihn wirklich lange beschäftigt, das wird es auch noch in der Nacht tun. Er schlief erst dann ein, als es schon fast wieder hell wurde.

 

Rita saß auf dem Sofa und hielt ein Glas Rotwein in ihrer rechten Hand, als plötzlich das Telefon klingelte. Sie schaute auf die Uhr, 20.50 Uhr. Wer ruft jetzt noch so spät an, wunderte sie sich.
Es meldete sich eine Männerstimme, die sie versuchte einzuordnen. Er stellte sich mit Professor Jakobsen vor. Rita errinnerte sich an den Namen nur schwach. Er sprach mit norwegischem Akzent, er erzählte ihr, dass ihr Ex-Mann es wieder getan hat, aber diesmal niemand zu schaden gekommen war. Sie stellte ihr Glas auf dem Tisch ab und konzentrierte sich auf das Telefonat und die Stimme des Professors. Sie hat ihren Ex-Mann das letzte mal vor cirka 20 Jahren gesehen und gesprochen, beziehungsweise besucht. Heinrich ist Patient einer Nervenheilanstalt und hat diese seit seiner Einlieferung nicht mehr verlassen. Das damalige Geschehen, als er 10 war, hat er nie richtig verarbeiten können. Es hat ihn verfolgt, am Tag und in der Nacht. Die Nächte waren am schlimmsten, besonders dann wenn es draussen kälter, dunkler und die Tage kürzer wurden. Als Rita Heinrich kennenlernte, wusste sie damals noch nicht, dass er ein Geheimnis in sich trug, das ihn sehr belastete. Sie heirateten sehr schnell, doch die Ehe hielt keine 10 Jahre. Den Kontakt hatten sie nie abgebrochen, denn trotz der gescheiterten Ehe, verstanden sie sich immer noch sehr gut. Sie riefen sich gegenseitig an und es entstand eine feste Freundschaft zwischen beiden, sie verstanden sich besser als während der Ehe.
Der Professor bat Rita, Heinrich zu besuchen, es würde ihm vielleicht gut tun, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Vielleicht würde er dann auch wieder den Weg zurück in die Realität, ins hier und jetzt, finden. Sie machten einen Termnin aus. Nächste Woche würde sie nach Norwegen fliegen und Heinrich auf der Insel Austevoll besuchen.

 

 

Als Heinrich aufwachte, fühlte er sich wie vom Laster überfahren. Und wieso lag er nicht in seinem Bett sondern auf dem Teppich im Wohnzimmer? Das kam in letzter Zeit immer öfter vor. Er kann sich auch nicht daran errinnern seine Strassenschuhe angezogen zu haben. Was geht hier vor sich? War er nochmal draussen?
Sein Handy klingelte, eine SMS. Die Abfahrtszeit in Hirtshals wurde geändert, aus technischen Gründen wurde die Abfahrtszeit um eine Stunde verschoben. Das passte ihm gut, denn das Auto müsste noch beladen werden und er muss noch tanken fahren. Er legte sofort los.
Nach zirka zwei Stunden war er abfahrtbereit und fuhr Richtung dänische Grenze.
Der April zeigte sich von seiner schönsten Seite, denn heute schien die Sonne, das munterte ihn auf und er freute sich auf die lange Autofahrt und auf die folgende lange Fährzeit, die circa 14 Stunden beträgt.
Er hat das Foto mit genommen. Er hatte es sich letzte Nacht nochmal genauer angesehen. Das auf dem Foto war er, da war er sich ziemlich sicher, aber wer schoss das Bild?
Er näherte sich der dänischen Grenze. Es wurden einige Autos heraus gezogen, sie machten mal wieder Stichkontrollen. Er wurde durchgewunken, bei ihm hätten die Zollbeamten sowieso nichts gefunden, er nahm nie mehr mit als er brauchte.
Noch drei Stunden bis zur Nordspitze Dänemarks. Er hatte wieder die geschwungene Handschrift, die seinen Namen Heinrich auf der Rückseite des Fotos geschrieben hatte, vor Augen. Die Handschrift sah alt aus. Nur ältere Menschen können noch so schreiben, nahm er an. Er konnte nicht so schön geschwungen und verschnörkelt schreiben und war froh wenn er seine eigene Handschrift überhaupt selbst entziffern konnte.
Nur noch 78 km bis Hirtshals, laut dem Strassenschild.

 

 

Es war soweit, Rita stand am Flughafen und suchte nach ihrer Airline. Laut Anzeigetafel würde ihr Flug pünktlich von der Rollbahn abheben. Sie ging zu ihrem Gate. Da es nur ein kurzer Aufenthalt sein würde, hatte sie nur Handgepäck bei sich. Sie hatte ein mulmiges Gefühl. Wie würde Heinrich jetzt wohl aussehen? Würde er sich überhaupt an sie errinnern? Und über was soll sie sich mit ihm unterhalten? Wahrscheinlich wird sie wohl aber erstmal ein Arzt über Heinrichs Zustand unterrichten. Sie weiss nur, dass er sich vor 20 Jahren selbst einweisen lassen hat, in der Nähe seines Heimatortes, irgendwo in Mecklenburg Vorpommern.
Bevor er freiwillig in die Nervenheilanstalt ging, wurden ihre Telefonate immer weniger und er sprach fast nur noch unverständliche Sachen am Telefon, legte mitten im Gespräch auf oder rief Rita spät Nachts an. Mehrmals hat sie ihn gebeten, sich professionelle Hilfe zu holen. Er konnte Rita immer anrufen und ihr alles erzählen, doch sie war kein Arzt und irgendwann wurde es ihr zu viel und zu ernst und sie begann sich sorgen zu machen. Als sie erfuhr, dass Heinrich sich endlich ärztliche Hilfe geholt hatte, war sie mehr als nur erleichtert. Sie nahm an, dass Heinrich sich deshalb so auf seine Arbeit gestürtzt hat, um etwas sinnvolles zu tun und sich abzulenken, doch seine Vergangenheit holte ihn trotzdem immer wieder ein.
Das Boarding begann und sie nahm ihren Platz ein. Der Flug würde nur zwei Stunden dauern. Und damit die Zeit etwas schneller verging, hatte sie ein Buch eingepackt. Ihre zweite Leidenschaft, neben dem Wein, waren ihre Bücher.
Rita las ganz vertieft in ihrem Buch und bekam nicht mit, was um sie herum geschah. Der Flugbegleiter versuchte sie anzusprechen, doch sie reagierte nicht. Erst beim zweiten Mal schrak sie hoch und guckte ihn mit grossen Augen an. Er lächelte und fragte sie erneut, ob sie etwas zu trinken oder zu essen möchte, Rita verneinte und bedankte sich.
Noch 50 Minuten bis Bergen, dann muss sie mit dem Taxi weiter zum Kai in Krokeide, um sich von dort aus mit der Fähre nach Hufthamar auf Austevoll übersetzen zu lassen. Sie kannte die Strecke in und auswendig. Die Nervenheilanstalt befand sich auf einer kleineren Insel, die zu Austevoll gehört, nämlich auf Møkster, dort waren sie früher oft, doch da gab es die Anstalt noch nicht, denn diese wurde erst vor sechs Jahren gebaut. Sie liegt direkt am Wasser und hat einen herrlichen Ausblick auf die Nordsee.
Als Rita endlich landete, nahm sie ein Taxi, dass sie innerhalb von 25 Minuten nach Krokeide brachte. Von Hufthamar aus, würde sie dann weiter nach Bekkjarvik fahren, dort hat sie ein Hotelzimmer für zwei Nächte gebucht.
Es war schon spät und sie war von der Reise erschöpft. Sie würde Heinrich morgen besuchen. Sie hatten keine Uhrzeit ausgemacht, sondern nur den Tag. Der Professor meinte, sie könnte kommen wann sie möchte, er wäre den ganzen Tag dort anzutreffen.
Rita bezog ihr Zimmer und bestellte sich etwas Essen auf ihr Zimmer. Die Uhr zeigte 21:57. Sie ging noch schnell duschen bevor sie sich hinlegte. In Gedanken ging sie den morgigen Tag durch, sie wusste einfach nicht, was sie dort erwarten würde, das erschwerte ihr die Vorbereitung. Sie wusste sie würde einen unruhigen Schlaf haben, schloß die Augen und versuchte zu schlafen.

 

 

Heinrich musste eingenickt sein, er lag in seiner Kabine im Bett und hatte noch seine Kleidung an. Er sah durch das Fenster und blickte auf die weite Nordsee. Am Horizont tauchten vereinzelnd kleine Inseln auf, die mit einer Brücke verbunden waren. Er sah Möwen ganz tief fliegen, er musste also bald Festland sehen. Er hatte die grösste Kabine an Bord gebucht, er mochte es wenn er sich frei bewegen konnte, ohne an irgendwelchen Ecken zu stoßen. Das Bad in der Kabine war schön gross und wenn man hier zu zweit wohnt, würde man hier immer noch gut zurecht kommen, ohne den anderen beim Zähne putzen oder duschen zu stören. Neben der Eingangstür hing ein grosser Spiegel, er schätzte ihn auf mindestens 2 Meter mal 1,5 Meter. Er stand davor und schaute sich an. Er ist alt geworden, es kam ihm so vor als ob sein Gesicht, während seines Aufenthaltes hier an Bord, schneller gealtert wäre. Vielleicht war er aber auch einfach nur Müde und brauchte kaltes Wasser zum wach werden. Er verschwand im Bad und wusch sein Gesicht mit kaltem Wasser, danach ging es im besser und er fühlte sich fit und war bereit in einen neuen Tag zu starten.

 

 

Auf der anderen Seite des Spiegels standen Professor Jakobsen und Rita.
Bevor sie dem Professor zur Zimmernummer 5396 folgte, erklärte er ihr den Grund der Verlegung und erzählte ihr von den jüngsten Geschehnissen.
Er bot ihr einen Sessel an un nahm hinter seinem Schreibtisch platz. Der Schreibtisch sah Antik aus und nahm sicher ein drittel des Raumes ein. Viele Akten lagen vor ihm, mit verschiedenfarbigen Heftnotizen.
Als die Schwester mit zwei Tassen Kaffe ins Büro kam und auf dem Schreibtisch abstellte, begann Professor Jakobsen von der Verlegung zu erzählen.
Rita fragte Jakobsen, was er mit “ er hat es schon wieder getan“ gemeint hatte. Dazu werde er jetzt kommen, erwiederte der Professor. Er fragte Rita, ob sie wusste, dass Heinrich im Schlaf wandelt, doch sie schüttelte ungläubig den Kopf.
Heinrich hat im Schlaf, sein Fenster geöffnet und ist gesprungen, erzählte Jakobsen. Sein Zimmer befand sich glücklichweise im Erdgeschoß, er ist also nicht tiefer als 1,20 Meter gefallen. Niemand konnte sich erklären wie er dort hingelangt ist, dort wurde er von meinen Kollegen gefunden. Er machte eine Pause, wahrscheinlich dachte er nochnmal über das Ereignis nach. Rita saß angespannt in ihrem Sessel, die Tasse fest von beiden Händen umschlossen. Der Professor schüttelte kurz den Kopf und sagte, dass sie Heinrich im alten Haus des ehemaligen Ehepaares gefunden haben. Das Haus stand schon Jahre leer, es war abgeschlossen. Jakobsen erklärte Rita, dass ein Schlafender, ohne aufzuwachen, sein Bett verlassen und auch teilweise Tätigkeiten verrichten kann, wie zum Beispiel Auto fahren. Rita konnte nicht glauben was sie da hörte. Er sprach weiter.
Sie fanden Heinrich auf dem Teppich im Wohnzimmer des Wohnhauses, er hatte eine Kopfwunde. Man fand einen umgekippten Stuhl in der Küche, wahrscheinlich war er gestolpert. Wir fanden auch noch einen Zettel auf dem Tisch liegen. Er war schon vergilbt und man konnte nur noch schwach erkennen, was darauf einmal stand. Unter dem geschriebenen Text stand Rita. Rita überlegte kurz, das müsste der Zettel gewesen sein, den sie für Heinrich damals hinterlegt hatte, als sie zu ihrem Bruder geflogen war. Heinrich hatte das gemeinsame Wohnhaus nach der Trennung nicht mehr betreten. Er fuhr damals nach Austevoll und blieb dort sehr lange. Wir nehmen an, dass er den Zettel las und nicht glauben konnte, was dort stand und dass er deshalb während des Schlafwandelns gestolpert ist, man konnte seine Hände im Staub auf dem Tisch noch deutlich erkennen, er versuchte wohl sich festzuhalten.
Als wir ihn mit einer Kopfwunde auf dem Teppich fanden, konnten wir ihn nur schwer wecken. Neben ihm lag eine leere Flasche Rotwein. Es wurde angenommen, dass er die gesamte Flasche geleert hat. Er bekommt starke Medikamente, mit darunter waren Antidepressiva. Und seitdem er sich am Kopf verletzt hat, ist mit ihm etwas geschehen beziehungsweise, wurde etwas ausgelöst. Er hat angefangen im Schlaf zu sprechen, er sagt ganz oft den Namen Richard. Wir haben daraufhin, Kontakt mit Richard aufgenommen. Richard sagte uns, dass er keinen Kontakt zu Heinrich wünscht. Wir haben ihm dann die Situation erklärt und konnten ihn dazu überreden, ihn zu besuchen. Richard war erst vor kurzem hier, wir wollten, dass er nach Heinrichs Verlegung in unsere Anstalt kommt. Alle Reisekosten wurden von der Klinik übernommen.
Als Richard anreiste, habe ich das Gespräch mit ihm gesucht. Es schien, als würde es ihm gut tun, darüber zu reden. Richard erzählte von sich und Heinrich, als sie beide 10 Jahre alt waren. Sie liebten es neue Orte auf der Heimatinsel zu entdecken. Die verbotenen Orte waren natürlich am interessantesten. Rita hörte Jakobsen gespannt zu, ihr Kaffe war schon längst kalt und die Hände wärmten eigentlich nur noch die Tasse.
Richard hatte die Idee, den alten Leuchtturm zu erkunden, aber Heinrich hatte angst, denn dieser war brüchig und gefährlich. Die Tür am Leuchtturm war schon ziemlich verwittert und wurde nur spärlich mit zwei Holzplanken versperrt. Ein Kinderspiel für Richard und Heinrich dort durch zuklettern. Heinrich weigerte sich, den Leuchtturm hochzulaufen und stand mit verschränkten Armen vor der Tür. Er wollte nicht, dass Richard dort hoch geht, weil Heinrich es ja schliesslich auch nicht durfte. Richard sagte daraufhin, dass er alleine hoch geht, wenn Heinrich zu Abend isst. Beide Jungs fuhren nach der kleinen Auseinandersetzung getrennt nach Hause.
Richard fuhr am selben Abend nochmal zum Leuchtturm. Er stellte sein Fahrrad im Gebüsch ab, so das man es nicht gleich finden konnte. Er stieg die klapprige Treppe hinauf und konnte weit aufs Meer gucken. Man konnte schon schwach den Mond erkennen. Wenn er mal gross ist, dann will er auf dem Mond spazieren gehen, lachte Richard. Und dann ging alles furchtbar schnell. Er merkte, dass in zwei Hände schubsten, oder ihn eher gesagt über die niedrige Brüstung schoben,mit aller Gewalt. Richard hatte Schwierigkeiten sich noch rechtzeitig festzuhalten und fiel, er drehte sich im Fall noch um und sah, dass ihn zwei Kinderaugen anstarrten, nein, sie starrten durch ihn hindurch. Sie zeigten keine Regung. Heinrich sah ganz komisch aus, seine Körperhaltung war anders als sonst. Mehr konnte Richard nicht sehen. Im Fall verlor er seine orange Jacke. Zum Glück war der Leuchtturm nicht hoch und der Aufprall war nicht Lebensgefährlich. Aber das Meer toste an diesem Abend und es fiel ihm schwer zu schwimmen. Die Fluten rissen ihn mit aufs offene Meer. Er trieb an der ersten Boje vorbei. Immer weiter raus aufs Meer trugen ihn die Wellen. Er hatte Angst und er fror. Er sah noch eine Boje und sammelte seine letzten Kräfte. Er schwamm! Und er schaffte es! Er kletterte die Boje hoch und saß für’s erste fast im trockenen. Die Küste war weit weg, niemand konnte ihn von dort aus sehen, Rufe waren auch zwecklos. Er musste warten bis ein Fischerboot vorbei kam. Es vergingen zwei Tage, dann endlich kam ein grösseres Boot vorbei. Er ruderte mit den Armen und schrie aus Leibeskräften, doch das Boot nahm ihn nicht wahr. Da half nur noch eins,du musst schwimmen! Er sprang und schwamm Richtung Boot. Niemand der Besatzung sah den kleinen Jungen näher kommen, auch seine Rufe gingen mit dem tosenden Wind unter. Er schaffte es irgendwie selbst an Bord klettern. Er war so erschöpft, dass er es nicht mehr schaffte, auf sich aufmerksam zu machen. Er ging unter Deck zu den Kojen und legte sich hin. Die Bettdecke über den Kopf gezogen schlief er sofort ein. Das Boot fuhr nach kurzer Zeit weiter, Richtung Norden. Richard wachte erst nach 11 Stunden wieder auf und befand sich mitten auf der Ostsee, nahe der schwedischen Grenze.
Meine Eltern glaubten, ich sei tot, sagte er. Sie fanden nur meine Jacke. Niemand wusste was passiert war. Im Sarg befand sich meine Jacke und alle meine Lieblingsspielsachen, erzählten mir meine Eltern später. Jakobsen fragte, wie und wann Richard wieder nach Hause kam. Es dauerte fast zwei Wochen, bevor ich wieder zu Hause war. Auf dem polnischen Boot konnte mich niemand verstehen, englisch konnte ich nicht. Ich galt als blinder Passagier.
Als wir in Danzig anlegten, hat die dortige Polizei alles nötige in die Wege geleitet. Der Professor nickte und konnte fast nicht glauben, was er erzählt bekam.
Richard hatte einen Blumenstrauss mitgebracht, in dem steckte ein Foto drin. Jakobsen fragte, wer das auf dem Foto sei. Richard erklärte ihm, was es mit dem Foto auf sich hatte. Denn als der kleine Richard wieder zu Hause war, erzählte er seiner Mutter, was geschehen ist. Sie mochte Heinrich noch nie, er konnte manchmal sehr zornig werden und fing an zu schubsen, wenn ihm etwas nicht passte. Wir sind dann umgezogen, von heut auf morgen, niemand bekam etwas davon mit. Sie wollte, dass ich keinen Kontakt mehr zu Heinrich habe. Sie wollte auch nicht, dass Heinrich erfuhr, dass ich am Leben bin. Ja, das hört sich grausam an, sagte Richard und senkte den Blick. Ich war sehr traurig darüber. Aber ich war erst 10 und hatte somit kein Mitspracherecht.
Einige Stunden, bevor wir die Insel verließen, hatte ich mich aus meinem Zimmer geschlichen. Ich wollte noch ein letztes mal den Sonnenaufgang sehen. Ich schnappte mir den Fotoapperat meines Vaters und fuhr mit dem Fahrrad Richtung Leuchtturm. Aber es war nebelig, musste ich mit Enttäuschung feststellen. Auch von oben, war die Sicht nur diesig und man konnte kaum 50 Meter weit gucken. Ich wollte dann wieder nach unten klettern als ich aber hörte, wie jemand die Treppen ganz langsam und behutsam nach oben stieg. Ich habe mich dann schnell in dem kleinen Häuschen oben versteckt. Das Häuschen hatte zur West und Ostseite ein kleines Fenster. Dann sah ich, wer da plötzlich auftauchte. Es war Heinrich! Und er hatte eine grosse Rakete dabei. Ich glaube, darauf stand mein Name. Ich konnte nur die ersten drei Buchstaben lesen. Ich hatte immer noch den Fotoapparat in der Hand. Heinrich holte zum Schwung mit dem linken Arm aus und ich drückte auf den Auslöser der Kamera. So bekam ich zwar keinen Sonnenaufgang als Errinnerung, aber dafür ein Foto von Heinrich, meinem damals besten Freund.

 

 

Rita konnte nicht fassen, was ihr hier im Zimmer des Professors erzählt wurde. Und warum wurde ich gebeten, ihn zu besuchen, wollte Rita wissen. Der Professor, trank den letzten Schluck seines kalten Kaffes, bevor er weiter sprach. Heinrich fängt an zu vergessen. Wir nehmen an, dass er noch nicht einmal weiss, wo er sich gerade befindet und das er einige Dinge von früher immer und immer wieder erlebt und sie dann wieder vergisst. Seinen Erzählungen und Handelungen nach, glaubt er, unterwegs zu sein, mit einem Schiff. Doch das weiss nur er, das spielt sich alles in seinem Kopf ab. Er fragt die Schwestern, wann wir anlegen und wie das Wetter in Bergen sei. Er glaubt, er hält sich in einer Kabine auf und hält die Schwestern für den Zimmerservice. Als Richard sein Zimmer von Heinrich betrat, hat er ihn gar nicht wahr genommen. Heinrich war damit beschäftigt, die Gläser mit Wasser zu füllen. Er hat jedes einzelne untersucht und beobachtet. Ein Glas fiel ihm mal runter, es ging nicht ganz kaputt, nur eine kleine Ecke am Glasboden war weg gerbochen. Er füllte es mit Wasser und wunderte sich, warum das Wasser unten raus lief. Das hat ihn eine Weile beschäftigt. Richard legte dann den Blumenstrauss auf den Tisch, mit dem Foto drin. Er schrieb Heinrich auf den Zettel, er hoffte er könne sich an den Augenblick auf dem Leuchtturm errinnern. Als Heinrich sich dann endlich umdrehte, hatte Richard das Zimmer verlassen und Heinrich sah nur den Blumenstrauss und fand das Foto. Er starrte es an. Er sagte nichts, er guckte nur sehr lange darauf. Nach einer Weile löste er sich aus seiner Starre und öffnete seine Zimmertür. Doch da humpelte Richard mit seinem Gehstock schon Richtung Ausgang. Er erlitt Erfrierungen am Fuss, als er 10 war, seitdem humpelt er und geht am Gehstock.
Vielleicht errinnert er sich an seine gute Freundin und damalige Ehefrau Rita, lächelte der Professor ihr zu.
Beide beobachteten Heinrich durch den Spiegel. Er schaute raus auf das weite Meer, auf die Insel Selbjørn. Gerne wüssten Jakobsen und Rita, was sich jetzt gerade im Kopf von Heinrich abspielte.

Carolin Engel

9+

10 thoughts on “Der verbotene Leuchtturm

  1. ganz nette Geschichte!
    evtl lässt du jemanden Korrektur lesen da einige Rechtschreibfehler waren und auch bei den Formulierungen gibt es potential.

    Aber die Idee der Geschichte ist schön. Ich würde aber am Anfang nicht zu sehr ins Detail gehen dass man sich noch mehr fragt was es mit all dem auf sich hat.
    Trotzdem gute Story!

    1+
  2. Liebe Carolin,

    mir hat Deine Geschichte über Rita und Heinrich richtig gut gefallen, das Ende sehr emotional. Toll.

    Dein flüssiger Schreibstil gefällt mir sehr, sehr gut. Man merkt, dass Du mit Leidenschaft bei der Sache bist.
    Wie lange schreibst Du schon?

    Wenn Du Lust hast, würde ich mich freuen, wenn Du über meine Geschichte lesen magst, sie heißt „Räubertochter“.

    LG
    Anita

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