NatashaSchreibtDicke Fische

24+

»Uuund – Cut! Sehr gut, Eva, wir haben die Szene im Kasten!«

Der Aufnahmeleiter klatschte begeistert in die Hände und im Studio brach hektisches Gewusel aus.

Eva Roth legte das Messer auf die Anrichte und schob sich eine Strähne aus dem Gesicht, die ihr schon die ganze Zeit über das Nasenbein kitzelte. Einer der Produktionshelfer, dessen Namen sie wieder vergessen hatte, nestelte an ihrer Kochjacke und entfernte umständlich das Mikrofon.

»Das wird eine großartige Folge, Eva.«

Mit einem großen Strahlen im Gesicht schritt Oliver Karsten auf sie zu.

Eva schnaufte verächtlich.

»Wenn Du meinst. Der Lachs ist in sich zusammengefallen und das Dessert sieht aus wie ein großer Haufen Scheiße.« Sie seufzte und deutete schmollend auf den braunen Klumpen auf dem Teller. »Ich meine, im wahrsten Sinne des Wortes.«

Oliver lachte laut.

»Das ist es doch, was die Menschen sehen wollen. Du bist so perfekt unperfekt. Die Ratings werden durch die Decke gehen.«

Sie schmollte und legte die Arme um seine Schultern.

»Wer sagt das? Mein Verlobter, oder mein Manager?«

Lächelnd zog er sie näher an seinen Körper.

»Beide sagen das.«

Zärtlich drückte er ihr einen Kuss auf die Lippen, den sie nur zu gerne erwiderte.

»Ich ziehe mich um und dann können wir zum Flughafen.«

»Beeil Dich, der Flieger geht in vier Stunden und wir müssen noch bei mir im Büro vorbei.«

Eva löste die Umarmung und verschwand in Richtung Garderobe. Die Vorfreude bereitete ihr ein Kribbeln in der Magengegend. Seit einem halben Jahr planten sie schon diesen Trip auf die Malediven. Der erste, richtige Urlaub, seit …, ja, seit wann? Angestrengt blätterte sie in Gedanken die Erinnerungen durch. Nein, in den Jahren, in denen sie Oliver kannte, waren sie maximal für ein Wochenende in den Alpen unterwegs.

Das war ihrem Job geschuldet. Mit 29 hatte sie ein Restaurant eröffnet, in der Münchener Innenstadt.

Dicke Fische. Ein Fischrestaurant. Mitten im Herzen des Weißwurstäquators. Ein Knochenjob, der ihr keine Pause gönnte. Inzwischen stand ihr Fischlokal nicht nur bei der High Society der Stadt hoch im Kurs, sie war im Fernsehen ein gern gesehener Gast. Ihre Show In Evas Küche lief in der dritten Staffel und bescherte ihr und ihrem Restaurant einen noch größeren Bekanntheitsgrad.

Eva betrat ihre Garderobe und ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Das hektische Gemurmel blieb draußen. Stille trat ein.

Erleichtert atmete sie auf.

»Endlich,« stöhnte sie und schlenderte zum Schminktisch. Ein Strauß bunter Blumen, den Oliver besorgt hatte, stand vor dem beleuchteten Spiegel.

Ein Lächeln erhellte Evas Gesicht. Niemand kannte sie besser. Er wusste so viel von ihr. Jedenfalls so viel, wie sie ihm erlaubte zu erfahren.

Gedankenverloren griff sie zu einem Wattepad und tränkte es in Gesichtswasser. Beherzt rubbelte sie sich die dicke Make-up-Schicht aus dem Gesicht. Sie hatte kaum Falten auf ihrer 38-jährigen Haut. Die Jahre hatten es milde mit ihr gemeint. Und die Gene, schätzte sie, aber was wusste sie schon großartig darüber.

Die Melodie von When the Saints Go Marching in riss sie aus ihren Gedanken. Ein Handy? Sie stutzte.

Unvermittelt sah sie sich um. Weder auf der Schminkkommode noch unter ihrem Stuhl fand sie die Quelle der Musik.

Eva stand auf und versuchte zu lokalisieren, woher der Klingelton stammte. Ihr Blick blieb bei den Spinden in der Ecke des Raumes hängen. Langsam näherte sie sich. Das Klingeln wurde lauter. Ihr Gesicht berührte fast die geschlossene Spindtür und die Melodie war jetzt zum Greifen nah.

Zögerlich öffnete sie den oberen Spind.

Das Telefon verstummte, doch es war nicht zu übersehen. Hier, in der Mitte des Fachs, lag es. Das Display erleuchtete den sonst dunklen Schrank.

Eva entnahm das Handy und betrachtete es. Es war kleiner als ihr brandneues Hightech-Modell, älter. Die Kanten wiesen Kratzer auf und einem Riss führte quer über das Display. Sie drehte es in der Hand. Sie konnte sich nicht daran erinnern, es bisher einmal gesehen zu haben. Eines wusste sie mit Sicherheit: Es war nicht ihr Telefon!

Kraftvoll vibrierte das Handy in ihrer Hand und sie zuckte erschrocken zusammen.

Eine Nachricht. Der Absender wurde mit MW angezeigt.

 

   Hallo.

 

   Ich bin wieder da.

 

   🙂

 

Eva runzelte die Stirn. Vielleicht wusste die Person, wem dieses mysteriöse Handy gehörte.

 

»Hallo, ich habe das Telefon soeben gefunden und weiß nicht, wem es gehört. Gruß, E. Roth.«

 

Sie sendete die Meldung ab. Das grüne Symbol neben MWs Namen verriet ihr, dass er online war. Oder sie, ging es Eva durch den Kopf, die Person, die ihr die Nachrichten schickte, könnte weiblich sein.

 

   Es gehört jetzt Dir…

 

Eva starrte auf die Worte und stutzte.

 

   Wie bitte?

 

Die Antwort kam umgehend.

 

   Das Telefon ist Deins.

 

   Judith.

 

 

 

Erschrocken warf Eva das Handy zurück in den Spind. Mit weitaufgerissenen Augen sah sie sich um. Wurde sie beobachtet? Judith. Diesen Namen hatte sie ewig nicht gehört. Das letzte Mal vor 15 Jahren.

Das Telefon vibrierte erneut. Bedrohlich scheppernd schob es sich über die metallene Oberfläche des Spindfachs.

Alles in Eva schrie nach Flucht, doch sie wollte wissen, wer ihr hier schrieb. Er hieß MW und nannte sie Judith. Das konnte kein Zufall sein.

Zitternd holte sie das Telefon aus dem Spind.

 

        Willst Du spielen, Judith?

 

Nein, das wollte sie nicht!

 

     Wer sind Sie?

 

Sie hoffte, dass sich einer der Jungs aus der Crew hinter dem Streich verbarg. Doch niemand wusste, wer Judith war.

Dass sie Judith war!

Als Antwort schickte der Absender ein Bild, das einen Mann und eine Frau zeigte. Sie hatte den Arm um seinen Hals geschlungen und drückte ihm einen Kuss auf die Wange. Zwar waren die Haare kürzer und dunkler und die Gesichtszüge jünger, dennoch war es nicht zu übersehen, dass diese Frau Eva war. Der Mann lächelte, doch die Augen waren kalt.

Erschrocken wurde Eva blass.

 

     Schau in das Fotoalbum des Handys.

 

Widerwillig folgte sie dem Befehl. Schnell fand sie ein Album namens Judith.

Ein kalter Schauer durchzuckte ihr Rückenmark.

Sie drückte auf das Ordnersymbol. Entsetzt schrak sie auf.

Zu sehen war eine Ansammlung von Bildern, die allesamt nur eine Person zeigten. Sie selbst.

Eva, wie sie das Haus verlässt.

Eva, wie sie mit dem Smartphone ans Ohr gepresst, die Straße zum Bäcker hinunterläuft.

Eva, wie sie auf dem Fenstersims saß und in einem Ordner blätterte.

Die Bilder waren aus der Ferne aufgenommen worden. Sie waren von schlechter Qualität, unscharf und körnig. Alle, bis auf eines.

Das letzte Bild in der Reihe zeigte sie, wie sie schlief. Zuhause. In ihrem Bett. Die Flugtickets für den heißersehnten Urlaub lagen auf dem Nachttisch.

Die Erkenntnis traf sie hart, wie ein Stromschlag: Er war gestern Nacht in ihrem Schlafzimmer gewesen!

Vor ihren Augen tanzten schwarze Punkte. Alles drehte sich. Sie stemmte ihre Hand fest gegen die Wand, um nicht umzufallen. Das Blut rauschte laut in ihren Ohren.

 

     Habe ich jetzt Deine Aufmerksamkeit, Judith?

 

 

***

 

»Halt, wo willst Du hin?«

Oliver griff nach Evas Arm, doch fasste ins Leere. Sie rauschte an ihm vorbei.

»Ich muss nur kurz noch etwas erledigen,« rief sie ihm im Vorbeilaufen zu, »wir treffen uns am Flughafen. Ich liebe Dich!«

Verdattert sah er ihr nach. So kannte er seine Freundin nicht, so vollkommen durch den Wind. Er sah sich um. Außer ihm schien niemand ihre Verwandlung bemerkt zu haben. Alle waren mit ihren Arbeiten beschäftigt. Er atmete tief durch und sah auf die Uhr.

***

Mit zitternden Knien manövrierte sie ihren auffälligen, roten Sportwagen durch den dichten Stadtverkehr. Keine Polizei, hatte er ihr geschrieben, bevor sie die alte Lagerhalle als Treffpunkt vorgeschlagen hatte. Daran hatte sie eh nicht gedacht. Was sollte sie denen erklären, ohne sich selbst zu belasten? Ihre Karriere, ihre Beziehung, ihr ganzes Leben hingen davon ab, dass ihre Vergangenheit begraben blieb. Hastig schaltete sie das Radio aus.

Nur das Rauschen des Motors war jetzt zu hören. Die Gedanken in ihrem Kopf wurden dadurch nicht leiser.

Krampfhaft überlegte sie, was sie ihm zu sagen hatte. MW. Martin Wünneberg. Vor 15 Jahren hatte sie den Mann, der ihr ein großartiges Leben mit leichtverdientem Geld versprochen hatte, zum letzten Mal gesehen. An dem Tag, als sie den Geldtransporter von der Straße gelockt und das Geld erbeutet hatten. Natürlich nicht ‚einfach so‘.

Die Aktion ging gehörig daneben. Einer der beiden Fahrer musste unbedingt den Helden spielen und sich auf Martin stürzen. Im Handgemenge löste sich ein Schuss und der Fahrer starb. Nicht auf der Stelle, so hatte Eva später durch die Zeitung erfahren, sondern erst nach drei qualvollen Stunden. Das Projektil hatte die Leber zerfetzt und seine Bauchhöhle hatte sich langsam mit Blut vollgesogen. »Von innen sah er aus, wie ein Schlachtfeld,« wurde der Chirurg nach der Not-OP zitiert.

Damals hatte das Opfer ein kleines Kind, einen Jungen, Johannes. Eva wusste das, weil sie ihn und seine Mutter jedes Jahr am Todestag aus der Ferne auf dem Friedhof beobachtete. Heute war er 16 Jahre alt. Es sind immer die Kinder, die leiden müssen, wenn die Erwachsenen eine falsche Entscheidung treffen. Immer.

Martin hatte sie nie besucht. Im Gegenteil. Sie war es, der den Bullen den anonymen Tipp gegeben hatte, wo er sich aufhielt. Auf dem Weg zum Supermarkt hatte ihn das SEK geschnappt. Eva hatte zu diesem Zeitpunkt schon Schleswig-Holstein hinter sich gelassen. Und ihren Namen. Martin verbrachte zwölf Jahre im Gefängnis. Kurz nachdem er entlassen wurde, wanderte er wegen Identitätsdiebstahls und Kreditkartenbetrugs sofort wieder zurück in den Knast. Zumindest hatte Eva das gelesen.

Zugegeben, einen Neuanfang in einer fremden Stadt zu starten, ist leichter, mit ein wenig Taschengeld. Ihren und Martins Anteil der Beute hatte sie mitnehmen können. Doch Geld zu waschen, ist gefährlich und deshalb lag der Großteil noch immer dort, wo sie ihn versteckt hatte. In dem verlassenen Lagerhaus, vor dem sie mit laufendem Motor stand.

Sie biss sich auf die Unterlippe und sie sah in den Rückspiegel. Sie musste nur umdrehen, die Industriestraße bis zum Ende und von dort auf die Autobahn in Richtung Österreich fahren. Sie hatte schon einmal von null begonnen, wer sagte, dass sie es nicht ein zweites Mal schaffte? In der Toskana? Oder woanders, in Kroatien?

 

»Willst Du da etwas Wurzeln schlagen?«

 

MWs neue Nachricht, die auf dem Display des Handys auftauchte, sprach ihr aus der Seele.

Davonlaufen? Allein? Nein, davon hatte sie genug!

Entschlossen zog sie die Handbremse und schaltete den Motor ihres Sportflitzers aus.

Sie zählte innerlich bis drei, stieg aus und sah sich um. Weit und breit war niemand zu sehen. Wo immer Martin sich versteckte, er ließ sich nicht in die Karten gucken.

 

Auf ihrem Weg in die Halle textete sie ein kurzes bin hier, obwohl sie sich sicher war, dass er sie beobachtete. So, wie er es die ganze Zeit über schon getan hatte.

Vorsichtig betrat sie die alte Lagerhalle. Eine Taube, die das verlassene Gebäude zum Brüten nutzte, flatterte missmutig gurrend davon.

»Ja, ich wäre jetzt auch gerne woanders,« murmelte Eva dem aufgescheuchten Tier zu.

Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Jedes Mal, wenn ihr Absatz den harten, kalten Beton berührte, hallte das Klacken laut von den Wänden des leeren Raumes wider.

Nichts hatte sich verändert, seit sie das letzte Mal hier war. Nur ein paar Graffiti waren dazu gekommen. Sie hatten die kargen, zerfallenden Wände, in eine bunte Leinwand aus schwer zu entziffernden Abkürzungen, comicartigen Zeichnungen und Sprüchen verwandelt.

Wieder vibrierte das Telefon in ihrer Hand.

 

Bleib stehen!

 

Sie hielt an und drehte sich einmal um die eigene Achse. Bis zum rettenden Ausgang war sie fast 200 Meter entfernt, ein Gedanke, der ihr Unbehagen bereitete. Sie schluckte.

»Komm raus. Ich bin hier. Ich weiß, was Du willst!«

Das Echo ihrer Stimme tanzte in der leeren Halle. Der Flügelschlag eines Vogels deutete darauf hin, dass sie ein weiteres Federvieh beim Mittagsschläfchen gestört hatte.

Angestrengt horchte sie.

Nichts. Nur ihr eigener, flacher Atem war zu hören.

»Pass auf, ich zeige Dir, wo das Geld ist!« Eva legte die volle Konzentration in ihre Stimme. Sie versuchte, nicht zu zittern, doch es misslang ihr kläglich. »Und-und… dann drehe ich mich um und gehe. Es ist fast alles noch vorhanden. Mach damit, was Du willst!«

»Ich will Dein verdammtes, dreckiges Geld nicht, Du Miststück!«

Eva wirbelte herum. Die Stimme, die gehörte nicht zu Martin. Die gehörte nicht mal zu einem Mann.

Nein, das war eine Frau!

Eine kleine Person, in schwarz gekleidet war wie aus dem Nichts aufgetaucht. Das Gesicht unter einer Sturmhaube versteckt. In der Hand hielt sie eine Pistole. Im Gegensatz zu Eva zitterte sie nicht und stand kerzengerade vor ihr.

Eva krallte die Fingernägel in die Handballen.

‚Konzentriere Dich,‘ sagte sie stumm zu sich selbst. Blitzschnell zu entkommen, war keine Option. Dafür war der Fluchtweg zu weit entfernt.

Sie musste Zeit gewinnen!

»Hören Sie, ich weiß nicht, wer Sie sind, aber wir können das…«

Unter der Maske lachte die Frau schallend auf. Eva zuckte zusammen.

»Du hast keine Ahnung, wer ich bin. Das ist perfekt, Judith!«

»Nein, warum lassen Sie mich im Glauben, dass Sie Martin sind. Was soll das? Woher haben Sie die Fotos?«

Vorsichtig trat Eva einen Schritt zurück.

Mit einer Hand griff sich die Frau an die Skimaske und zog sie sich über den Kopf. Wallend, blondes Haar kam darunter zum Vorschein. Eva stutzte. Die Gesichtszüge waren jung, fast kindlich. Die Frau, die sie mit hasserfüllten Augen anstarrte und mit der Waffe bedrohte, war höchsten zwanzig Jahre alt. Etwas an ihr kam Eva merkwürdig vertraut vor.

»Ich habe immer gesagt, wer ich bin,« behauptete sie.

»Sie haben MW geschrieben!« Eva hob das Telefon in die Luft, als könnte sie so ihre Worte beweisen.

Verächtlich lachte die junge Frau auf.

»Ich bin MW!«

Eva runzelte die Stirn.

»Ich verstehe nicht, wo ist Martin Wünneberg?«

»Tot!«

Das Wort dröhnte in Evas Ohren. Tot?

»Das tut mir leid, aber wie kommen Sie auf mich?« flüsterte sie.

Das Gesicht der jungen Frau wurde rot und ihre Augen verengten sich. Ihr Arm spannte sich an. Eva sah direkt in den Lauf der Waffe und schluckte nervös.

»Es ist alles Deine Schuld! Er hat mir alles erzählt! Dass er Dich aus der Scheiße geholt und Dich geliebt hatte. Doch Du hast ihn eiskalt verraten!«

»Das stimmt nicht…«

»Hör auf zu lügen!«

Die Lippen der Frau, die sich MW nannte, bebten und Eva zuckte erschrocken zusammen. Aus den Augen ihrer Angreiferin funkelte ihr purer Hass entgegen.

Natürlich hatte Martin sie nie geliebt. Martin Wünneberg hegte generell nur Gefühle für eine einzige Person: sich selbst. Er hatte sie und alle anderen nur benutzt, um seine Ziele zu erreichen. Zu spät war ihr das klar geworden.

»Aber Martin manipuliert die Menschen nur,« rief Eva ihr in einem weiteren, verzweifelten Versuch zu.

»Ich will nichts mehr von Deinen Lügen hören,« konzentriert spannte MW den Finger am Abzug der Waffe.

»Ich will, dass Du leidest, so wie ich gelitten habe.!«

Eva sank in die Knie. Sie hatte nicht die Kraft zu stehen. Eine Träne löste sich aus ihren geschlossenen Augen und rann die Wange hinunter.

So schnell kann es gehen, dachte sie bitter. Eben hatte sie sich auf einen luxuriösen Urlaub gefreut und jetzt kniete sie hier vor einer Irren, bereit zu sterben. Sie fragte sich, ob die Polizei ihre Leiche finden würde. Und ob Oliver erfahren würde, was mit ihr geschah. Was er von ihr hielt, wenn er erfuhr, dass sie nicht Eva Roth, erfolgreiche Starköchin aus Hamburg, sondern Judith Kaltenschläger, erfolglose, aber kriminelle Schulabbrecherin aus Hattstedtermarsch war, die es nicht mal schaffte, länger als fünf Tage als Küchenhilfe in einem Imbiss zu arbeiten?

 

Der Schuss dröhnte schmerzhaft in ihren Ohren. So laut, dass sich vor ihren Augen eine Wand aus purem Schwarz ausbreitete. Das Trommelfell vibrierte, sie konnte nichts mehr hören. Nur den stechenden Schmerz spüren, der in ihrem Kopf explodierte und nicht verschwand. Fühlte sich so der Tod an? War sie tot? Würde sie für immer in diesem quälenden Zustand bleiben?

 

»Eva? Eva, hörst Du mich?«

Stumpf drang die Stimme in ihren Kopf. Ein Engel? Sie hatte nie an diesen übernatürlichen Nonsens geglaubt, sich sogar lustig gemacht.

Sie brauchte eine Weile, um festzustellen, dass sie nicht tot, dass die Stimme kein himmlisches Wesen war. Die Kugel hatte sie nicht getroffen. Sie öffnete die Augen. Vor ihr stand Oliver, in der Hand einen Hammer. Blut tropfte vom Hammerkopf.

»Was um alles in der Welt soll das, Eva? Ich bin Dir gefolgt und habe Dich mit dieser, dieser Wahnsinnigen beobachtet.«

Aufgeregt fuchtelte er mit dem Werkzeug in seiner Hand in Richtung der Angreiferin. Die junge Frau lag mit dem Gesicht auf dem Boden. Das Blut hatte ihre blonden Haare am Hinterkopf unnatürlich kupferrot gefärbt.

Eva konnte ihn kaum verstehen. Ein lautes Pfeifen machte sich in ihren Gehörgängen breit und überlagerte alle anderen Geräusche.

»Ist sie tot?« flüsterte sie.

Oliver schüttelte den Kopf, wie eine dieser nervtötenden Figuren, die Rentner gerne auf den Rücksitzablagen ihrer Autos platzierten. Sein Gesicht war blass. Als Manager hatte er seinen Schützlingen schon häufiger aus der Patsche geholfen, aber einer Frau den Schädel einzuschlagen, war definitiv nicht Teil seiner Jobbeschreibung.

»Ich weiß es nicht. Wir müssen die Polizei rufen!«

Eva sprang auf und hielt ihn am Handgelenk fest.

»Nein, hörst Du, wir dürfen nicht die Polizei rufen.«

Verständnislos sah Oliver sie an.

»Aber was sollen wir Deiner Meinung nach jetzt machen?«

Eva schluckte. Zielstrebig eilte sie zur anderen Seite der Lagerhalle. Oliver rief ihr zu stehenzubleiben, doch sie hörte nicht zu. Unter einer staubigen Plastikplane wurde sie fündig. Mit einem Bündel 100-Euro-Scheine in der Hand lief zu zurück zu ihm. Mit großen Augen und offenem Mund starrte er auf das Geld.

»Eva, was zum…«

»Ich bin nicht Eva. Mein Name ist Judith.« Mit festem Blick sah sie ihm in die Augen. »Wir müssen verschwinden. Jetzt!«

***

»Und hier die Nachrichten für Donnerstag, den 20. Mai.

Die bekannte Star-Köchin und TV-Persönlichkeit Eva Roth wurde heute als vermisst gemeldet. Laut einer Sprecherin des Senders, auf der ihre Show In Evas Küche läuft, wollte sie einen zehntägigen Urlaub auf den Malediven verbringen. Dort kam sie nie an. Die Nachfrage bei der Fluggesellschaft ergab, dass sie den Flug erst gar nicht angetreten hatte. Ebenfalls fehlt von ihrem Manager und Lebensgefährten Oliver Karsten jede Spur. Die Polizei schließt ein Verbrechen nicht aus.

In München-Eching ist am frühen Nachmittag die Leiche einer Frau gefunden worden. Zur Identität wollte die Polizei München zur Stunde keine Angabe machen. In unmittelbarer Nähe machten die Beamten jedoch einen rätselhaften Fund: mehrere 100-Euro-Scheine, die sich zu einem der spektakulärsten Kriminalfälle der Nachkriegszeit zuordnen lassen: dem Stresemann-Raub. Vor sechzehn Jahren überfielen mehrere Täter einen Geldtransporter und erschossen einen Wachmann. Nur einer der Täter konnte damals dingfest gemacht werden. Martin Wünneberg galt als Drahtzieher und Haupttäter der Bande.

Er verbüßte zuletzt eine Freiheitsstrafe wegen Scheckkartenbetruges. Vor drei Monaten wurde er bei einem Streit zwischen Häftlingen um ein Buch niedergestochen und verstarb kurz darauf im Krankenhaus. Er hinterlässt eine Tochter aus erster Ehe: Merle Wünneberg.«

– Ende –

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19 thoughts on “Dicke Fische

  1. Moin Natasha,

    toller Plot. Kurzweiliger Schreibstil und genau die richtige Länge für eine Kurzgeschichte. Das Ende finde ich klasse gelöst. Habe es in meiner Geschichte ähnlich gemacht und finde es ist ein gutes Stilmittel um den Leser antworten zu geben, aber dennoch bleibt das Ende irgendwie offen..

    LG Frank aka leonjoestick ( Der Ponyjäger)

    1+
  2. Hallo Natasha, ich habe mir deine Geschichte durchgelesen und muss sagen, dass ich von deiner Geschichte sehr begeistert bin. Erstmal finde ich hast du sehr viel Talent zum Schreiben und deine Ideen finde ich sehr kreativ und abeechslungsreich. Du hast finde ich auch gut geplottet und Gefühle einfühlend und spannend beschrieben. 🌹😊

    1+
  3. Liebe Natascha,
    ich fand die Idee, eine Starköchin als Hauptfigur zu nehmen, interessant gewählt und dein Sprachstil ist auch schön verständlich und anschaulich 😊. An der Stelle, als die Frage aufkam, ob Eva Judith ist, habe ich mich nur gefragt, warum das viele annehmen konnten. Sehen die beiden sich ähnlich, sind sie Geschwister oder ähnliches? Das ist mir nur aufgefallen 🤗.

    Viele herzliche Grüße
    Christina/chris.tina90 (Vollende…t)

    0
    1. Liebe Natscha,

      mir hat Deine Geschichte, allen voran Dein Schreibstil gut gefallen. Ich habe jetzt schon einige, an sich gute, Geschichten gelesen, die es aber trotz eines an sich guten Plots nicht schaffen, Spannung aufzubauen. Das finde ich, hast Du wirklich sehr gut gemacht, ich wollte unbedingt wissen, wie es weitergeht!
      Was mir sehr gut gefallen hat, war Dein witziger und zugleich spannender Einstieg. Was mir persönlich gut gefallen hätte, wäre, wenn Du den „Humor“ im weiteren Verlauf der Geschichte immer mal hättest einfließen lassen, denn ich glaube, dass kannst Du ziemlich gut 😉 Nur ein Gedanke.
      Den „Showdown“ mit der Tochter fand ich ein wenig abrupt, dieser könnte für mich noch etwas ausgebaut werden.

      Liebe Grüße
      Anita („Räubertochter“)

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  4. Liebe Natasha! Wie versprochen, habe ich Deine Geschichte eben gelesen. Prima Idee mit dem Bankraub – hätte deswegen genauso gut ein Rachefeldzug des Sohnes sein können. Solltest Du mehr draus machen wollen, wäre mein Tipp, diesen Strang noch ein wenig auszubauen, um es ein wenig in die Länge zu ziehen. Hat Merle überlebt oder hat Oliver sie geschafft? Gut finde ich, dass tatsächlich ein paar Fragen offen bleiben, sogar die, ob Eva/Judith noch lebt oder die Münchener Frauenleiche ist. Könnte ja auch eine super Finte sein, um wirklich zu entkommen.
    Hab Dich mal geliked 🙂

    LG, Scripturine („Die Nacht, in der das Fürchten wohnt“, aber das weißt Du ja schon 😉 )

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  5. Hey Natasha,
    deine Geschichte ist sehr spannend und du hast alle Parameter sehr gut eingehalten.
    Besonders haben mir die Twists gefallen…einmal, dass es eine Frau ist, die Eva/Judith geschrieben hat und in der Lagerhalle auftaucht, obwohl sie einen Mann erwartet hat…und dann, dass es die Tochter mit gleichen Initialen ist.
    Die Idee mit dem Nachrichten-text am Ende finde ich großartig! Es lässt viele Fragen offen, aber beantwortet genauso viele und rundet die Geschichte ab!

    Z.T. war es mir zwischendurch zu „wild“. Sprich, zu viele kleine Szenen, die man detaillierter ausbauen könnte. Heißt, du hättest eine perfekte Grundlage für einen Roman, um mehr in die Tiefe gegen zu können. Potential ist auf jeden Fall da! 🙂

    Like ist gegeben 🙂

    LG, Ani
    http://www.wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-schwur

    1+
  6. Kurzweilig, flüssig, schlüssig – Deine Story hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Ich zwischzeitig tatsächlich auf der falschen Fährte gewesen und hatte an die Familie des Transporterfahrers gedacht – also alles richtig gemacht, schöne Story 😃💕

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  7. Hi :),
    vielen Dank für diese spannende Geschichte. Dein Schreibstil gefällt mir unglaublich gut. Ich kam sehr schnell in die Geschichte rein und hatte auch das Gefühl, eine schnelle Bindung zu den Charakteren aufbauen zu können.
    Was mir ebenfalls gut gefällt ist, dass Du zum Schluss die Frage beantwortest, wer die mysteriöse Blonde ist.
    Ein bisschen erinnerte mich die Idee an Ursula Poznanskis „Vanitas“-Reihe. Ich finde die Geschichte hat Potenzial für einen längeen Text, weil Du Evas „altes“ Leben ehr gut angedeutet hast und ich mehr über ihre Vergangenheit wissen wollte.

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  8. Hi,
    mir gefiel die Geschichte auch sehr gut. Toll geschrieben und ein echt tolles Ende.
    Wenn ich etwas kritisieren darf, dann vielleicht, dass eine Fernsehköchin doch sicherlich von alten Bekannten aus ihrem früheren Leben erkannt worden wäre, oder?! Aber das ist wirklich nur eine Kleinigkeit, ansonsten habe ich nichts auszusetzen. Mein Like hast Du!

    P.S. Vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte („Glasauge“) zu lesen und ein Feedback da zu lassen…

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  9. Hallo liebe Natasha.

    Du hast eine großartige Geschichte geschrieben.
    Vielen Dank für die spannende Unterhaltung.

    Du hast ein riesiges Potenzial.
    Deine Geschichte ist super spannend und logisch.

    Dazu sehr überraschend.

    Die Grundidee mit der Kochsendung und dem Raub in der Vergangenheit war super.

    Mein Herz hast du natürlich sicher.

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.

    Liebe Grüße, Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Sie heißt:

    “ Die silberne Katze“

    Ich würde mich sehr freuen.

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  10. Hallo Natasha,

    Dein Schreibstil gefällt mir. Deine Geschichte ist gut und flüssig zu lesen.
    Die Idee mit den Nachrichten am Ende bringt Aufklärung. Generell gutes Potential für einen Roman 🙂

    Für eine Kurzgeschichte ist Dein Werk aber u.a. zu komplex – es ist mehr eine Novelle.
    Falls Du Dich auf das Genre Kurzgeschichten festlegen willst, befasse Dich mit den Merkmalen, die eine Kurzgeschichte ausmachen und feile an Deinem Werk. Kurzgeschichten machen unglaublich Spaß – grade weil sie so einfach scheinen, aber doch so gut durchdacht sein müssen.

    Ich habe auch mehrfach neu ansetzen müssen, bis ich von einer Novelle weggekommen bin und mit meinen Kurzgeschichten zufrieden war.

    Mach weiter – Du hast Potential 🙂

    Sonnige Grüße
    Xanny

    Dies sind meine Kurzgeschichten:
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/niemand
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/maedchenmoerder

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    1. Hallo, vielen Dank für deine interessante Nachricht.

      Stimmt, ich schreibe Romane, deshalb ist die KG nicht meine präferierte Textsorte. Es war trotzdem mal nett, eine Geschichte für 15 Normseiten zu entwickeln, noch dazu im Spannungsgenre.

      Ich habe mich eher auf die Merkmale einer englischen „short story“ bezogen, die deutlich weiter gefasst sind und mehr Spielraum aufweisen, als in der deutschen LitWi.

      Deshalb würde ich argumentieren, dass mein Manuskript keine Novelle ist. Mit den og 15 Normseiten ist sie doch dafür auch arg kurz geraten.

      Es freut mich aber, dass du Potenzial siehst. 🙂 Wer weiß, vielleicht plotte ich noch einen Roman heraus.

      LG

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  11. Liebe Natasha,

    ich habe deine Geschichte gerne gelesen, du hast einen flüssigen und mitreißenden Schreibstil und durchweg Spannung aufgebaut. Die Idee gefällt mir und das Ende, das sowohl eine Auflösung, als auch offene Fragen mit sich bringt, finde ich gut!

    Mein Like hast du, viel Glück fürs Voting und weiterhin viel Freude am Schreiben!

    Viele Grüße
    Yvonne / voll.kreativ (Der goldene Pokal)
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-goldene-pokal

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