FibiDie Fehldiagnose

Es war einer jener Tage, an dem man sich am liebsten die Bettdecke nochmals über den Kopf gezogen und weiter geschlafen hätte. Und das nicht, weil es draußen gerade in Strömen regnete und es kalt war, sondern weil es seiner Meinung nach einfach zu viele rücksichtslose Menschen und auch Spinner da draußen gab.  Wäre es nach ihm gegangen, wäre er seit dem Pandemieausbruch vor knapp einem Monat gar nicht mehr nach draußen gegangen, sondern hätte für frische Luft ein paar Runden auf seinem Balkon gedreht. Noams Wohnung war nicht sonderlich groß, aber er bestand bei seinem Umzug in eine neue Wohnung darauf, einen Balkon sowie eine Badewanne zu haben. Ersteres hatte er bekommen, bei der Badewanne musste er leider Abstriche machen.

Noam stieg aus dem Bett, schnappte sich seine Klamotten und schlurfte in seinem Lieblingspyjama in die Küche. Dort schaltete er die Kaffeemaschine sowie das Radio an. Es liefen gerade Nachrichten und die Nachrichtensprecherin verkündete, dass es in Berlin nun 5225 infizierte Menschen gab, wobei 4015 Patienten wieder genesen und 94 gestorben sind. „Verdammte Pandemie“, dachte sich Noam. Warum nur war er noch gesund, obwohl er keine Gelegenheit ausließ und immer darauf hoffte, sich anzustecken. Doch aufgrund seines Alters von 38 Jahren und ohne Vorerkrankung hätte er wohl das „Glück“ gehabt, die Krankheit mit einem milden Verlauf durchzustehen oder, wenn es ihn schlimmer erwischen sollte, an ein Beatmungsgerät angeschlossen und wieder gesund zu werden.

Gedankenverloren schnappte er sich seinen Kaffee und trottete ins Bad, wo er seinen Becher abstellte und sogleich dann unter die Dusche stieg. Keine fünf Minuten später war er fertig, stieg aus der Dusche, putzte sich die Zähne und machte sich parat für den Tag. Er zog sich sein Lieblingsoutfit bestehend aus einer alten Jeans und einem schwarzen Pullover an und schnappte sich seine Schuhe, die im Gang standen. Da es draußen immer noch regnete, griff er sich noch seinen Regenschirm und schloss danach hinter sich die Türe zu.

Normalerweise fuhr Noam mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, doch da er heute etwas früher aufgestanden war, war noch Zeit für ein Frühstück to go bei seinem Lieblingsbäcker. Er spannte seinen Regenschirm auf und lief zur Bäckerei, die nur fünf Minuten von seiner Wohnung entfernt waren. Wie er schon von weitem sah, war er wohl nicht der einzige, der zu dieser Zeit Lust auf einen starken Kaffee sowie ein Croissant hatte. Die Menschenschlangen zog sich schon bis zur Straße hin, da jeder einen Mindestabstand von 2 Metern einhalten musste. Und auch in der Bäckerei selbst waren Sicherheitsvorkehrungen getroffen wurden, was den Publikumsverkehr natürlich nicht schneller zu laufen ließ. So wichtig ist Frühstück dann doch nicht, dachte sich Noam und lief an der Bäckerei vorbei.

Sein Frühstück bestand nun, wie so oft, aus dem Kaffeegeschmack in seinem Mund und einer Zigarette. Sein Lebensstil hatte sich drastisch geändert seit jenem Tag, der sein Leben für immer verändert. Früher war er sehr sportlich, ritt sogar jahrelang in einem Reitverein, ernährte sich sehr gesund und achtete sehr auf sich und seinen Körper. Doch seit ein paar Jahren war es ihm egal, wie er sich und seinen Körper zugrunde richtete. Es war wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis er zu Drogen greifen würde.

Auf der Arbeit angekommen, schnappte sich Noam direkt die neu gelieferten Waren und fing an, diese in die Regale zu räumen. Es war eine anstrengende Arbeit, jedoch war auf diesen Job angewiesen und musste ihn machen, um seine Miete und sonstige Ausgaben bezahlen zu können. Früher war er derjenige, der die hochpreisige Ware aus den Regalen genommen und gekauft hatte. Heute konnte er sich diese mit seinem schmalen Gehalt leider nicht mehr leisten. Aber er war sehr froh, dass Philipp, ein Freund aus dem Reitverein, ihm diesen Job besorgt hatte.

Also Noam nach einer Stunde fertig war mit dem Einräumen, gönnte er sich eine Pause; natürlich mit einer Zigarette. Er ging zum Hinterausgang des Spezialitätenladens und zündete sich genüsslich einen Glimmstängel an. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, so dass er einige Schritte im Hinterhof machte, der auf einen öffentlichen Parkplatz führte. Nach ein paar Schritten sah er auf dem Parkplatzboden etwas, dass ihm bekannt vorkam. Er bückte sich hinunter und hob den Gegenstand auf. Es war ein Smartphone, das seinem Handy sehr glich, aber es war nicht sein eigenes. Da er herausfinden wollte, wem das Handy gehörte, schaltete er das Handy an. Er hatte Glück, denn es gab weder einen Pin, den man eingeben musste, noch verlangte das Handy einen Fingerabdruck. Noam wischte sich durch das Menü, fand aber nirgendwo einen Anhaltspunkt, wem das Handy gehören könnte. Neugierig, wie er war, rief er nun die Fotogalerie auf und wischte sich durch die Bilder durch. Es gab vorinstallierte Fotos, Fotos von Landschaften sowie von Blumen, aber keinerlei Anhaltspunkte auf den Besitzer des Smartphone. Also wischte er weiter und bekam beim nächsten Bild einen Schock! Auf dem Foto war er selbst, wie er gerade im Hinterhof des Feinkostladens eine Zigarette rauchte. Ungläubig wischte er weiter und sah noch ein Foto von ihm, das ihn auf der Straße zeigte. Und noch ein Foto von ihm, welches ihn auf der Party von Philipp zeigte, der seinen 39. Geburtstag gefeiert hatte. Dann sah er noch ein Foto von sich, wie er vor ein paar Jahren in der Schweiz beim Skifahren war. Das alles schien ihm schon sehr suspekt, aber das letzte Foto, welches er aufrief, ließ ihm das Blut in den Andern stocken: es war ein Foto von ihm, wie er in seinem Lieblingspyjama im Bett lag und schlief. Noch in Schock starre verbrannte er sich seine Finger, weil er vergessen hatte, auf seine Zigarette zu achten und diese nun runter gebrannt war. Dieser Schmerz ließ ihn wieder ins Hier und Jetzt kommen, jedoch war er immer noch völlig perplex von den Fotos, die er gesehen hatte. Er steckte das Handy ein und ging wieder zurück an seine Arbeit, konnte sich jedoch nicht mehr wirklich darauf konzentrieren. Er überlegte, warum jemand so viele Fotos von ihm auf einem Handy hatte, konnte sich aber darauf keinen Reim machen. Sein Chef merkte natürlich die Abwesenheit Noams und sprach ihn an. „Na Kleiner, was ist heute mit dir los? Du erscheinst ziemlich zerstreut zu sein und gar nicht richtig bei der Sache. Dabei brauchen wir doch im Moment alle einen klaren Kopf!“. Noam schaute seinen Chef ungläubig an, als wäre er ein Geist und murmelte dann eine leise Entschuldigung. In Gedanken war er natürlich immer noch beim Handy und fragte sich, wer so großes Interesse an seinem Privatleben hätte. Leise, aber immer noch zu laut, um es nicht zu hören, sprach Noam das Wort „Handy“ aus und sein Chef fragte so gleich: „Was hast du gerade gesagt? Candy? Sandy? Mir ist es egal, ob du Liebeskummer hast. Es sei denn, die Braut war nur ein Abenteuer, ist heiß und du stellst sie mir vor“. Noam wurde aus seinen Gedanken gerissen und sagte dann: „Nein, weder Candy noch Sandy, sondern Handy! Ich habe heute im Hinterhof ein Handy gefunden. Weißt du zufällig, ob jemand eines verloren hat? Es kann natürlich auch sein, dass es einer unserer Kunden war, denn das Handy lag schon fast auf dem öffentlichen Parkplatz“. Sein Chef dachte kurz nach und sagte dann: „Nein, bisher hat keiner was gesagt. Aber du kannst ja etwas auf einen Zettel schreiben und ihn dann in den Mitarbeiterraum hängen. Wenn es einem von uns gehört, wird er sich schon melden. Und ansonsten schreibe ich etwas ans schwarze Brett in der Filiale, denn wenn es einem unserer Kunden gehört, möchte ich nicht, dass man denkt, dass wir Diebe oder so sind. Gibt es einen Anhaltspunkt, wem das Handy gehören könnte?“.“Nein, leider nicht“ entgegnete Noam. Er kannte Philipp zwar schon sehr lange, jedoch konnte und wollte er ihm nicht von den Fotos erzählen. „Aber ich muss nun auch los“, sagte Noam nach einer kurzen Pause, „sonst verpasse ich meinen Bus“. Philipp hatte kaum tschüss gesagt, schon war Noam aus der Tür.

Auf dem Weg nach Hause zündete sich Noam, wie so oft, eine Zigarette an. Er bildete sich ein, dass das Rauchen seine Konzentration schärfte und darum zündete er sich auch noch eine zweite Zigarette an und das, obwohl sein Nachhauseweg sehr kurz war.

In seiner Wohnung angekommen, knallte Noam die Tür hinter sich zu und nahm sofort das fremde Handy hervor. Er betrachtete die Bilder immer und immer wieder, konnte sich aber immer noch nicht vorstellen, wem dies gehören könnte. Völlig unerwartet blinkte das Handy. Noam dachte zuerst, der Akku sei leer, jedoch erwies sich das Blinken des Handys als eine Nachricht, die ihn noch mehr verstörte. „Hallo Noam! Fühlst du dich noch sicher? Sicher in deinen eigenen vier Wänden? Das solltest du nicht! Wie du siehst, finde ich dich überall“.

Noam las die Zeilen immer und immer wieder. „Was will diese Person nur von mir? Und wie zum Teufel kam sie damals in meine Wohnung?!“, dachte er sich. Er schaute auf die Nummer auf dem Display, doch diese kam ihm gänzlich unbekannt vor. Er rief die Nummer zurück, doch das Handy war ausgeschaltet. Es gab keine Mailbox oder sonstiges, was auf den Besitzer hinwies. „Die Person kennt mich ganz genau. Sie kennt meinen Wohnort, kennt meine Freunde und scheint immer zu wissen, wo ich bin. Und genau das will sie mich auch wissen lassen“. Noam bekam es nun immer mehr mit der Angst zu tun und schaute sich ganz genau in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung um. Die Wohnung war viel kleiner als seine letzte Wohnung, in der er mit seiner damaligen Freundin gewohnt hatte, doch für seine Ansprüche reichte sie aus. Seine Einrichtung war schlicht, jedoch elegant und im Vintagestil. Diesen Einrichtungsgeschmack hatte er von seiner Ex-Freundin übernommen, die alles in diesem Stil mochte. Das war auch das Einzige, was ihm aus seiner Beziehung zu Sina geblieben war: Ein paar Möbel und die Liebe zu Vintage. „Könnte es sein, dass Sina sich vielleicht rächen möchte?… Nein, das kann nicht sein…. Oder doch?!“. Grübelnd setzte sich Noam in seinen Sessel und schaute sich alte Fotos auf seinem Handy an. „Eine Zeit, in der noch alles in Ordnung und ich glücklich war“, dachte er sich. Dann holte er sich eine Flasche Whiskey aus der Küche, setzte sich nochmals in seinen Sessel und trank einige Schlucke. Und noch ein paar Schlucke… und noch ein paar… Bis die Flasche leer war und er einschlief.

Fünf Jahre zuvor

Es war ein herrlicher Montagmorgen, als Noams Wecker sich gegen 6 Uhr klingelte. Verschlafen drückte er auf die Aus-Taste und kuschelte sich an seine Freundin Sina. „Musst du nicht aufstehen?“, neckte sie ihn liebevoll „dein Terminkalender ist heute sehr voll und du willst doch nicht zu spät in die Praxis kommen?!“. Sina hatte natürlich wie immer recht, dachte sich Noam und stieg aus dem Bett. Er ging ins Bad, duschte sich ausgiebig und machte sich fertig für seine Arbeit. Als er in die Küche kam, stand dort schon Sina und drückte ihm eine Schüssel Müesli in die Hand. „Du willst doch nicht etwa ohne Essen aus dem Haus?!“. Sie klopfte ihm auf die Schulter, gab ihm einen zärtlichen Kuss, schnappte sich einen Becher mit Joghurt und verschwand dann in ihrem Arbeitszimmer. Noam aß in Windeseile das Müesli auf, ging auf den Flur, zog seine Schuhe an und verschwand mit einem „Ich liebe dich“ nach draußen.

In der Garage wartete auch schon sein Auto auf ihn, ein VW Passat in schwarz, den Sina und er sich vor kurzem zugelegt hatte. Eigentlich mochte er sein altes Auto, einen VW Polo auch, doch Sina meinte, dass wenn sie mal Kinder haben wollten, ein größeres Auto viel sinniger sei. „Was täte ich nur ohne sie?“, dachte er sich, stieg in sein Auto ein und brauste Richtung Praxis.

Knapp 15 Minuten später war er auch schon auf dem Parkplatz seiner Praxis angekommen und wurde von seiner Mitarbeiterin begrüßt, die auch gerade um die Ecke bog. „Hallo Herr Weise! Wie geht es Ihnen heute? Und wie geht es Sina? Alles gut soweit?“, wollte sie wissen. „Oh, hallo Barbara. Soweit bei uns alles ok. Bei Ihnen auch? Heute steht ja einiges auf dem Programm. Lassen Sie uns reingehen und dann kann es auch schon direkt losgehen“, strahlte Noam. Egal, wie stressig es manchmal war und wie traurig auch manche Dinge waren, er liebte seinen Job und wollte mit niemandem auf der Welt tauschen. Einige Minuten später trudelten auch schon seine ersten tierischen Patienten ein und wurden von ihm liebevoll untersucht. Nachdem er ein paar Hunde, Katzen und sogar eine Schlange untersucht hatte, kam Barbara in das Untersuchungszimmer und machte ihn darauf aufmerksam, dass er nun aufbrechen sollte, wenn er nicht zu spät zu seinem nächsten Termin kommen wollte. Und so packte er seine Tasche zusammen mit allen wichtigen Unterlagen, stieg in sein Auto und machte sich auf den Weg zum Reiterhof, in dem er vor Jahren selbst geritten war.

Dort angekommen, erwartete ihn auch schon sein Freund Stefan, den er seit seiner Kindheit kannte. Stefan war ein über die Grenzen hinaus bekannter Springreiter und hatte am Telefon sehr verzweifelte geklungen, als er in Noams Tierarztpraxis anrief. „Hallo Noam, schön, dass du es so schnell einrichten konntest“, sagte Stefan und gab ihm die Hand. „Es geht um Butterblume. Sie ist seit ein paar Tagen nicht mehr die Gleiche. Sie frisst kaum noch, lahmt und auch sonst wirkt sie apathisch. So etwas kenne ich gar nicht von meinem Pferd. Ich mache mir grosse Sorgen! Du bist der einzige, dem ich Butterblume anvertraue. Ich möchte dich bitten, sie ganz genau zu untersuchen. Stell sie auf den Kopf und finde heraus, was sie hat“. Noam wusste genau, wie wichtig das Pferd Stefan war. Butterblume war Stefans Freund, aber auch seine Kapitalanlage, die ihm schon mehrere tausende Euro eingebracht hatte.

Noam nahm Blut- sowie Urinproben vom Pferd und untersuchte es sehr gewissenhaft. „Ich kann bisher keine Diagnose stellen“, sagte er, versuchte Stefan aber Mut zu machen. „Keine Sorge, wir werden die Ursache schon finden“. Mit diesen Worten verabschiedete er sich von seinem Freund und fuhr mit den Blutproben zurück in die Praxis, wo er auch ein eigenes Labor hatte. Dort wurden die Proben sofort untersucht, es konnten aber keine Rückschlüsse auf irgendeine Krankheit geschlossen werden. „Es scheint so, als wäre das Pferd gesund. Aber sein Zustand sieht ganz und gar nicht gesund aus“. Noam war ratlos und grübelte, was Butterblume denn haben könnte. Da riss das Piepen seines Handys ihn aus seiner Grübelei. Es war Stefan, der ihm eine Nachricht geschickt und gefragt hatte, ob er schon eine Diagnose hätte und dass es seinem Pferd immer schlechter gehen würde. Noam packte sofort seine Tasche zusammen und fuhr nochmals zum Gestüt.

Dort angekommen lief er direkt zur Box von Butterblume, wo er Stefan und sein Pferd vorfand. Butterblume lag am Boden und Stefan saß neben ihr mit Tränen in den Augen. Es schien so, als wären dies die letzten Stunden oder gar nur noch Minuten von Stefans geliebtem Pferd. Als Stefan Noam sah, wischte er sich seine Tränen aus den Augen, stand auf und begrüßte Noam. „Es sieht sehr schlecht aus. Konntest du etwas herausfinden? Kannst du ihr helfen? Bitte? Du musst ihr helfen!“. „Stefan… ich… ich kann Butterblume leider nicht helfen. Alle Tests waren negativ, Butterblume müsste gesund und topfit sein! Ich kann es selbst nicht begreifen. Es tut mir so leid!“. Bei diesem Worten wurde Stefan wütend, packte Noam an seinem T-Shirt und schubste ihn aus der Pferdebox heraus. „Was bist du denn für ein Arzt?! Ich habe dir vertraut, dass du Butterblume rettest und was machst du?! Nichts! Einfach gar nichts! Du bist ein Arsch, Noam, nichts weiter! Und jetzt verschwinde hier! Ich will dich nicht mehr sehen! Ich will dich nie wieder sehen!!“. Noam seufzte, konnte aber seinen Freund verstehen und so ging er, bevor Stefan noch wütender wurde.

Noam setzte sich in sein Auto und fuhr wieder in seine Praxis zurück. Niedergeschlagen erzählte er Barbara von der ganzen Sache und dass er das Pferd von Stefan nicht retten könne. Er erzählte ihr auch, dass es damals bei Butterblume und Stefan Liebe auf den ersten Blick gewesen sei, als er sie auf einem Gestüt gesehen hatte. Es war sogar noch mehr Liebe als wohl zu seiner Freundin Amelie, obwohl er diese auch abgöttisch liebte. Amelie und Stefan waren schon vor Butterblume ein Paar und sie war bis zum Kauf von Butterblume seine Nummer eins. Doch dann kam Butterblume ins Leben von Stefan und seither war Amelie abgeschrieben bei Stefan. Früher waren die beiden viel unterwegs, gingen Essen oder machten einen schönen Ausflug. Seit das Pferd da war, gab es nur noch Ausflüge in den Stall oder auf Reitturniere. „Sie hatte mir damals ihr Herz ausgeschüttet und weinte viel. Es schien, als ob sie Stefan total egal geworden sei- zumindest dachte sie das. Ich habe sie natürlich getröstet, ihr gut zugeredet und dachte, das wäre nur eine Phase. War es aber nicht, es wurde sogar noch schlimmer. Sie lebten nur noch aneinander vorbei und Amelie zog es immer mehr zu mir. Sie flirtete hemmungslos mit mir. Erst hinter Stefans Rücken, dann sogar, wenn Stefan dabei war. Ihm schien es egal zu sein; zumindest hatte es den Anschein“. „Und Sie haben sie nicht in ihre Schranken gewiesen? Oder fanden Sie sie auch gut?“, wollte Barbara wissen. Noam schüttelte den Kopf: „Ich war zu diesem Zeitpunkt zwar Single, aber ich spanne einem Freund nicht seine Partnerin aus. Und das habe ich ihr dann natürlich auch gesagt. Schön fand sie die Abfuhr nicht, aber es schien okay für sie zu sein“. Noam war die ganze Sache relativ peinlich, daher wollte er auch nicht weiter darauf eingehen. „Es war ein langer Tag“, fuhr er fort, „lassen Sie uns Feierabend machen“. Barbara nickte ihm zu und gingen beide in den wohlverdienten Feierabend und schlossen die Praxis ab. Noam ging zu seinem Auto, kramte seine Autoschlüssel hervor und schaute nochmals auf sein Handy. Er hatte es nach der Sache mit Stefan auf stumm geschaltet und seitdem auch nicht mehr angesehen. Auf seinem Display waren fünf Anrufe in Abwesenheit und zehn Nachrichten; natürlich alle von Stefan. Er las alle Nachrichten durch und sie wurden von Nachricht zu Nachricht immer gemeiner. Noam klickte sich kurz durch, bis er bei der letzten Nachricht stehenblieb. Es trat das ein, was er befürchtet hatte: Butterblume war gestorben. Noam rief Stefan an, doch dieser ging nicht ans Handy, also schrieb er ihm eine Nachricht, in der ihm nochmals schrieb, wie leid ihm das alles tat. Traurig stieg er ins Auto ein; traurig darüber, dass er dem Pferd nicht helfen konnte und scheinbar einen guten Freund verloren hatte…

Ein paar Wochen nach Butterblumes Tod las Noam die Schlagzeile in der Zeitung, dass ein talentierter und berühmter Reiter in ein tiefes Loch gefallen sei. Noam wusste sofort, um wen es sich handelte und konnte es kaum fassen, als er das Bild von einem seiner besten Freunde sah. Stefan sah abgekämpft aus und hatte wohl das ein oder andere Kilo verloren. Dabei war Stefan schon damals nicht dick und jedes Kilo weniger an ihm machte ihn noch drahtiger. Auch sein Gesicht war total eingefallen und man sah deutlich, dass er in letzter Zeit nicht nur Wasser getrunken hatte.

Eine andere Zeitung meldete, dass Stefans Freundin sich von ihm getrennt hatte und er dies nicht verkraftet hatte. „Wenigstens eine gute Sache hat das Ganze“, dachte sich Noam. Er dachte dabei an die Flirtversuche von Amelie und dass sie Stefan eigentlich gar nicht verdient hatte.

Gegenwart

Der Wecker klingelte Noam unsanft aus dem Schlaf und er wäre gerne noch liegengeblieben, denn der Whiskey hatte einen ziemlichen Kater hinterlassen. Doch es nützte alles nichts, er musste aufstehen und zur Arbeit gehen, wenn er seinen Job behalten wollte. „Wie gut, dass ich noch meine Klamotten anhabe, so spare ich mir wenigstens das Umziehen“, dachte er, ging in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine an. Eigentlich duschte er sich jeden Tag, nur heute war es ihm total egal, ob er nach Schweiß, Alkohol oder Zigaretten roch. Er putzte sich im Bad schnell seine Zähne, machte Katzenwäsche und schnappte sich aus der Küche seinen Kaffee. Er stolperte im Flur über seine Schuhe, zog diese fluchend an und ging aus der Tür heraus. „Der Tag kann ja nur gut werden“, dachte sich Noam ironisch und lief die Treppen herunter.
Es war ein schöner Tag, die Sonne schien und die Vögel zwitscherten. Noam nahm das schöne Wetter zum Anlass, noch schlechtere Laune zu bekommen. Er zündete sich eine Zigarette an und lief zum Feinkostladen, wo er direkt mit der Arbeit anfing, um sich abzulenken. Dies gelang ihm aber mehr schlecht als recht und so war er mit seinen Gedanken natürlich wieder schnell bei der Nachricht auf dem fremden Handy. Er klickte sich wieder und immer wieder durch die Bilder und versuchte immer noch krampfhaft festzustellen, wem das Handy gehörte oder wer ihm schaden wollte. Er musste sich jedoch zusammen reißen, denn sein Chef schaute immer wieder zu ihm hinüber und er wollte seinen Job nicht verlieren, denn ansonsten hätte er das auch Philipp erklären müssen, der sich damals für ihn eingesetzt hatte. Ohne Philipps Hilfe hätte er diesen Job nie und nimmer bekommen! Wer hätte schon einem ehemaligen Tierarzt mit Alkoholproblemen und großen Gewissensbissen einen Job gegeben? Also riss sich Noam zusammen und arbeitete weiter bis zum Feierabend.

Nach Feierabend rannte er nach Hause, schloss sich in seine Wohnung ein und zückte das fremde Handy hervor. „Wenn ich keine Indizien im Handy finde, vielleicht finde ich ja welche außen“, dachte er sich und versuchte das Gehäuse des Handys zu öffnen. Dies gelang ihm jedoch nicht, da jemand ernsthaft das Handy zugeklebt hatte. „Da hat jemand ganze Arbeit geleistet und will nicht erkannt werden. Aber wer? Vielleicht Philipp, der immer noch sauer auf mich ist wegen Butterblume damals? Wobei ich damals ja genug gelitten hatte und auch meine ganze Existenz aufgegeben habe aufgrund meines schlechten Gewissens“. Noam schwelgte in alten Erinnerungen, als er seine Tierarztpraxis noch hatte. „Stefan war nicht der Einzige, den damals der Tod von Butterblume tief getroffen hatte“, dachte er sich. Er hatte sich damals geschworen, jedem Tier zu helfen- egal, ob groß oder klein. Dass er dem Pferd nicht helfen konnte, ließ ihn an seinen Fähigkeiten zweifeln und zwar so sehr, dass er nach ein paar Wochen nach dem Tod des Pferdes seine Tierarztpraxis aufgegeben hatte. Die Schließung seiner Praxis traf ihn so sehr, dass er Depressionen bekam und Alkohol sein täglicher Freund wurde. Er ging nicht mehr aus dem Haus, ging nicht mehr in den Reitverein oder traf sich mit Freunden. Er wollte einfach nur, dass jeder Tag so schnell wie möglich endete und sein Leben nicht mehr allzu lange dauerte. Denn auch nachts konnte er nicht schlafen und wälzte sich in seinem Bett hin und her. Wenn er es denn geschafft hatte, einzuschlafen, überkamen ihn Alpträume.
Es war damals keine schöne Zeit und Noam war irgendwann an einem Punkt, wo er sich entscheiden musste: wollte er weiter vor sich hinvegetieren, wollte er richtig leben oder gar sterben? Er wusste, dass wenn er leben wollen würde, er sich zurück ins Leben kämpfen musste. Er müsste all seine schmerzlichen Gedanken überwinden und alles loslassen, was damals war und von Neuem beginnen. Der Weg würde steinig und schwer werden und auch einige Zeit in Anspruch nehmen. Dagegen schien es direkt einfach, sich ein paar Tabletten zu schnappen und einzuschlafen. Noam ging ins Bad, blickte in den Spiegel und erkannte sein Spiegelbild kaum wieder. Er war stark gezeichnet vom Alkohol, ungesunder Ernährung und schlaflosen Nächten. „Was ist nur aus mir geworden? Wer bin ich? Habe ich mich selbst verloren?“, fragte er sich. Er wusste, dass er nie ein besonders starker Charakter gewesen und immer sehr an sich gezweifelt hatte. Dass ihn das alles aber so sehr aus der Bahn werfen würde, daran hätte er nicht im Traum gedacht. Wie ferngesteuert griff er nach Tabletten, die in seinem Medizinschrank lagen und führte sie zum Mund. „Nur runterschlucken, dann ist alles vorbei“, dachte er sich. Eine Tablette hatte schon geschluckt, doch das reichte nicht, es mussten mehr sein. Doch bei der zweiten Tablette hielt er plötzlich inne und bekam Zweifel. Er schaute sich die Tablette genau an und sagte leise zu ihr „Nein, noch bekommt ihr mich nicht. Ich werde kämpfen!“. Er legte die Tablette sowie die Tablettenschachtel zurück und ging in sein Wohnzimmer, wo er einen „Schlachtplan“ für sein Leben entwickelte. Auf der Liste standen Dinge wie Wohnung künden, neue Wohnung suchen, neuen Job suchen und glücklich sein.

Im Reitverein war man damals geschockt gewesen, dass Noam seine Praxis aufgegeben hatte, war er doch bei seinen Freunden im Verein sehr beliebt als Tierarzt gewesen. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen, warum Noam alles hingeschmissen und sich seit daher nie wieder gemeldet hatte.
Der Einzige, der sich damals noch bei Noam gemeldet hatte, war Philipp. Er mochte Noam und respektierte ihn sehr als Arzt sowie auch als Mensch und wollte ihm helfen. Ohne großartig Fragen zu stellen, beschaffte Philipp ihm eine neue bezahlbare Wohnung sowie einen Job. Noam war Philipp damals sehr dankbar, auch wenn es vielleicht nicht seinen Wunschvorstellungen entsprochen hatte, in einem Feinkostladen zu arbeiten. Aber in seiner Situation war alles besser als die ganze Zeit zu Hause zu sitzen und sich zu betäuben mit Alkohol und Zigaretten.

„Nach Jahren voller Selbstzweifel, Existenzängsten, Alpträumen und Gewissensbissen habe ich mir endlich wieder ein Leben aufgebaut. Und nun soll dies schon wieder zu Ende sein?“. Noam fühlte sich wieder in die Zeit zurück katapultiert, in der ihn alle möglichen Ängste plagten. Doch dieses Mal war die Angst eine andere. Es gab keine Existenzängste, dann man konnte ihm nicht wirklich etwas Materielles nehmen. Es war die Angst, seine gewonnene Freiheit wieder zu verlieren. In Zeiten einer Pandemie wurde man schon sehr in seiner Freiheit eingeschränkt, aber zu wissen, dass jemandem einem noch Schritt und Tritt folgt, war noch zusätzlich eine große Belastung. „Nein, ich werde mir das nicht nehmen lassen!“, sagte er zu sich entschlossen und beschloss, wieder an den Ort zurückzukehren, wo das Schicksal ihm damals alles genommen hatte: zu den Stallungen vom Reitverein.

Bei den Stallungen angekommen, war Noam erstaunt, dass fast alles wie damals war. Nur eine Kleinigkeit hatte sich geändert: Die Reiter unterhielten sich mit einem Mindestabstand von 2 Metern, manche trugen sogar Mundschutz. „Auch bei einem Reitstall macht Corona wohl nicht halt“, dachte er sich und schlenderte an den Boxen vorbei. Dabei fiel ihm auf, dass die alte Box von Butterblume wieder besetzt war und zwar mit einem Pferd, das Butterblume zum Verwechseln ähnlich sah. Auf dem Schild war der Name Gänseblümchen zu lesen. Und auch einige Medaillen hingen an der Tür der Box. „Stefan hat also wieder ein neues Pferd und wohl genau so viel Erfolg wie damals mit Butterblume“, dachte Noam und konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. In diesem Moment bog Stefan um die Ecke und als er Noam sah, wollte er am liebsten rechtsum kehrt machen. Doch Noam winkte ihm freundlich zu und winkte Stefan zu sich. „Stefan, es ist schön, dich zu sehen. Ich wollte mich nochmals wegen der Sache damals entschuldigen. Wie ich sehe, hast du ein neues Pferd und damit auch großen Erfolg. Das freut mich sehr für dich!“. Stefan blickte Noam ungläubig an und sagte dann „Gänseblümchen ist zwar nicht Butterblume, aber sie ist auch ein ganz großartiges Pferd. Mir geht es auch wieder blendend und ich liebe mein Leben! Ich hoffe, bei dir ist auch alles soweit okay?“. Mit dieser Frage war das Eis gebrochen und die beiden unterhielten sich wieder wie in alten Zeiten.
Mit jedem Satz, den Noam mit Stefan mehr wechselte, merkte er, dass Stefan nach dem Tod seines geliebten Pferdes zwar sehr wütend auf Noam war, er aber nie und nimmer der Besitzer des mysteriösen Handys sein konnte. Stefan war einfach nicht der Typ dafür, der so etwas machen würde. Er regelte solche Sachen lieber von Auge zu Auge. „Ich kann also Stefan auch von der Liste der Verdächtigen streichen“, dachte sich Noam, „aber wer kann es sonst noch sein?“. Noam überlegte, doch es fiel ihm niemand mehr ein, der ihm sonst etwas Böses wollte.

Erleichtert, dass Stefan und er Frieden geschlossen hatten, wollte Noam gerade die Stallungen verlassen, als er Philipp in die Arme lief. „Oh, hallo Philipp. Schön, dich zu sehen! Du strahlst ja so. Gibt es einen besonderen Grund dafür?“, wollte Noam von Philipp wissen. „Hallo Noam, ich freue mich auch, dich zu sehen. Und ja, der Grund dafür ist sie“, lächelte Philipp und zeigte Noam sein Handy. Auf dem Handy war eine ihm bekannte Frau zu sehen. „Ist das…Amelie?!“, fragte Noam erstaunt. „Ja, sie heißt Amelie. Aber, woher kennst du denn meine Freundin?“. Noam flunkerte und sagte dann „Wir sind uns hier in den Stallungen ein paarmal über den Weg gelaufen, nichts Besonderes also… Aber… Ich muss nun weiter, die Arbeit ruft“. Philipp nickte Noam zu und wünschte ihm noch einen schönen Tag. Noam lief einige Schritte, drehte sich nochmals um und als er wieder weiterlaufen wollte, lief er direkt Amelie in die Arme. „Oh… Amelie… Du bist es… Hallo“, stammelte Noam. Amelie sah Noam ungläubig an und sagte dann „Hallo Noam. Ich muss weiter, keine Zeit zum Plaudern“. „Bist du doch böse, dass ich dir damals einen Korb gegeben habe?“, wollte Noam wissen „oder warum bist du gerade so abweisend?“. „Pah nein, damit hatte ich schon abgeschlossen, bevor du die Worte überhaupt ausgesprochen hattest“, sagte sie schnippisch. „Außerdem bin ich froh, dass es so gekommen ist, wie es gekommen ist. Ich habe seit längerer Zeit wieder einen ganz tollen Freund, der mich auf Händen trägt und gut verdient. Und er ist nicht so wie Stefan, der nur sein Pferd liebt, sondern Philipp liebt nur mich, das Pferd ist Nebensache“. „Stefan hat dich aber auch geliebt“, entgegnete Noam, doch da fiel ihm Amelie ins Wort: „Es kann sein, dass er das am Anfang getan habe. Aber nachdem der olle Gaul in unser Leben trat, war nichts mehr so, wie es war. Eigentlich war es ganz gut, dass die Blume ins Grad gebissen hat“. Noam sah sie verwirrt an „Wie kannst du so etwas sagen?! Vor allem, weil du ja weißt, dass damals die Freundschaft von Stefan und mir mit dem Tod von Butterblume erstmal starb“. „Tja, das war ein schöner Nebeneffekt des Todes von Butterblume“, schoss es aus Amelie heraus. Noam packte Amelie am Arm: „Hast du etwa etwas mit der Sache zu tun?!“. „Das kann schon sein“, lächelte Amelie auf eine fiese Art und Weise. „Vielleicht hatte das Pferd aber auch einfach etwas Giftiges gegessen, das auf der Wiese lag“. „DU hast das Pferd vergiftet?! Aber wie?! Ich habe doch damals alles untersucht und nichts gefunden“. „Das ist mein Geheimnis“, hauchte Amelie ihm ins Ohr und riss sich aus Noams Hand los. „Denkst du, ich lasse mich von einem Pferd ersetzen?! Nie und nimmer. Warum ich dir das alles sage? Du kannst eh nichts beweisen. Niemand kann etwas beweisen!“. Sie formte einen Kussmund und sagte zu Noam „Bis bald Süßer, es war schön, mit dir zu sprechen und dir ganz nah zu sein“.
Ungläubig sah ihr Noam hinterher. Er überlegte hin und her, ob er sofort zu Stefan gehen und ihm alles erzählen oder ob er das Geständnis von Amelie erst einmal für sich behalten sollte. Wer sollte ihm denn glauben? Es gab damals keinerlei Spuren von Gift im Körper des Pferdes und bei Amelies Geständnis war auch niemand dabei. Wer würde ihm schon glauben? Er war schließlich damals der Tierarzt von Butterblume, der es nicht geschafft hatte, das Pferd zu retten. Amelie wollte wohl gar nicht, dass Noam das Pferd retten kann. Aber warum? Wollte sie nicht nur das Pferd töten, sondern auch die Männerfreundschaft und Noams Karriere?
„Ich habe mir damals Vorwürfe gemacht und werde es heute wieder tun, wenn ich jetzt nicht zu Stefan gehe und ihm sage, was mir Amelie gerade gesagt hat“. Noam nahm allen Mut zusammen, drehte um und ging nochmal zu Stefan. Dieser unterhielt sich jedoch gerade mit Amelie, die Noam als erstes sah und ihm ein fieses Lächeln zuwarf. Noam trat an die beiden heran und wollte Stefan sagen, was er von Amelie erfahren hatte. Doch Amelie hatte Stefan wohl schon vorgewarnt und dieser schrie Noam an „Feiner Freund bist du! Erst nimmst du mit mein Pferd, meldest dich jahrelang nicht, tauchst wieder auf, entschuldigst dich und dann so etwas! Wie kannst du es wagen zu behaupten, dass ICH Butterblume damals Gift verabreicht hätte, um sie zu töten?! Was macht das für einen Sinn?! Ich töte doch nicht mein geliebtes Pferd! Hau bloß ab hier! Du Pfuscher! Du bist nun zweimal für mich gestorben, lass dich nie wieder blicken!“. Stefan war wie von Sinnen und wollte Noam schlagen, doch Amelie hielt ihn zurück. „Mach dir doch nicht die Finger schmutzig an dem Typen, er ist es nicht wert“. Stefan drehte sich um, trat gegen eine leere Pferdebox und lief dann weiter zu der Box seines neuen Pferdes. Noam verstand die Welt nicht mehr und Amelie lächelte ihn wieder an. „Siehst du, ich bin dir immer einen Schritt voraus. Egal, was du tust…Was glaubst du, warum Philipp sich so für dich im Feinkostladen eingesetzt hat? Doch nicht, weil er dich so mag. Nein Schätzchen, das hast du mir zu verdanken! So bekam ich immer alles mit und konnte meine weiteren Schritte planen…“
Nun verstand Noam so langsam, wer die Bilder von ihm gemacht hatte, bzw. woher der Besitzer des fremden Handys all diese alten Bilder hatte. Sie musste sie von Philipps Handy heruntergeladen haben! Dann hatte sie das Handy so auf seiner Arbeitsstelle abgelegt, dass Noam es auf alle Fälle finden musste. Es war Amelie! Er hätte mit allem gerechnet: Mit Stefan, der den Tod von Butterblume rächen wollte. Mit seiner Ex-Freundin, die er damals von jetzt auf gleich verlassen hatte oder mit einem Kunden aus dem Feinkostladen, den er nicht gut bedient hatte- aber auf Amelie wäre er niemals gekommen! „Wie konntest du nur? Du hast mir damals alles genommen: Meine Freunde, mein Hobby, meine Existenz… Wegen dir hatte ich monatelang Selbstzweifel, habe meine Sorgen ertränkt und wollte mir sogar das Leben nehmen!“. „Ich wollte dir doch nur nahe sein, doch du hast mich weggestoßen. Also musste ich einen anderen Weg finden, dir ganz nahe zu sein. Und es hat doch auch geklappt. Jetzt stoß mich nicht schon wieder weg! Ich werde immer bei dir sein, egal, wie sehr du dich wehrst!“.
Noam verstand nun, dass Amelie nicht nur den Korb von damals nicht ertragen konnte, sondern dass sie auch besessen von ihm war. Er lief schnell zu seinem Auto und schloss sich ein. Amelie folgte ihm und wollte die Autotür öffnen, doch es gelang ihr nicht. Noam brauste in seinem Auto davon und fuhr zu sich in seine Wohnung. Dort angekommen, schrieb er Stefan eine Nachricht, in der er die Wahrheit über Butterblumes Tod sowie Amelies Besessenheit ihm gegenüber schrieb. Als er eine Benachrichtigung bekommen hatte, dass Stefan die Nachricht gelesen hatte, nahm er die Simkarte aus seinem Handy und zerstörte sie. „Ich will diese Geschichte nicht noch einmal durchleben“, dachte er sich. „Amelie wird mich immer finden, solange ich in dieser Stadt bleibe“.
Er packte kurzerhand das Nötigste zusammen, verließ die Wohnung und stieg in sein Auto ein. „Nur weg von hier“, dachte er sich und brauste davon. Unterwegs rief er mit seinem Handy, dass keine Simkarte mehr hatte, die Polizei an und erzählte ihnen seine Geschichte. Diese sichertem ihm zu, sich um Amelie zu kümmern und ihn zu schützen, wenn er wieder zurück in die Stadt kehrte. Doch Noam wollte nicht in die Stadt zurück, nicht dahin, wo es soviel Schmerz, Zweifel und Ängste gab. Er wollte sich nie wieder umdrehen und das hat er auch bis heute nicht getan…

One thought on “Die Fehldiagnose

  1. Hallo Fibi,

    Ich bin zufällig auf deine Geschichte gestoßen. Ein ganz schön komplexes Drama hast du dir da ausgedacht.
    Das Thema Pferde und Reiten ist auch mal ein anderer Schauplatz. Das finde ich super.
    Ich finde nur, dass die Thematik Pandemie und die eigentliche Geschichte keinen wirklichen Zusammenhang haben. Meiner Meinung nach funktioniert deine Geschichte auch super ohne Pandemie und dann könntest du das ganze etwas einkürzen und knackiger gestalten. Dann würde man der Geschichte auch etwas besser folgen können. Auch wenn ich deinen Anfang mit der Beschreibung der Pandemie echt toll finde.

    Hier noch ein paar Kleinigkeiten:

    Früher war er sehr sportlich, ritt sogar jahrelang in einem Reitverein, ernährte sich sehr gesund und achtete sehr auf sich und seinen Körper.
    –> Wortwiederholung „sehr“ könnte man anders umschreiben

    Also Noam nach einer Stunde fertig war mit dem Einräumen, gönnte er sich eine Pause; natürlich mit einer Zigarette
    –> Lesefluss etwas unterbrochen, könnte man umstellen

    Neugierig, wie er war, rief er nun die Fotogalerie auf und wischte sich durch die Bilder durch
    –> sich selbst „durchwischen“ gibt es glaube ich nicht

    Du verwendest einige verschachtelte Sätze, die irritieren und zu falscher Zeichensetzung führen. Das könntest du etwas vereinfachen.

    Den Titel finde ich gut gewählt, weil es ja mehrere Fehldiagnosen gibt in der Geschichte.

    Ich wünsche dir noch viel Erfolg und hoffe, dass du noch ein paar Kommentare bekommst.

    Liebe Grüße,
    Jenny /madame_papilio

    Hast du auch Lust meine Geschichte zu lesen? https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/nur-ein-kleiner-schluessel

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