LoeckchenDie Herrin

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„Linda, was verdammt noch mal ist das?“

Wie ein eingesperrtes Tier schritt Pierre vor dem gläsernen Wohnzimmer-Tisch auf und ab. Schweiß stand auf seiner Stirn und sein Herz raste. Er war aufgebracht. Wütend. Verletzt.  Er hielt seine Arme fest verschränkt vor der Brust, das Einzige was ihm gerade noch Halt zu geben schien. Denn plötzlich war alles anders. Die Welt wie er sie kannte, seine Welt, seine Wünsche, Hoffnungen, schienen mit einem Schlag zerbrochen. Er wollte nicht glauben, was so offensichtlich war. Wollte nicht wahrhaben, was er insgeheim bereits wusste.

Hatte die Frau, die er so sehr liebte, ihn wirklich betrogen?

Die Frau, mit der er schon so lange vermeintlich glücklich verheiratet war. Mit der er zwei wunderbare Kinder hatte. Mit der er alt werden wollte.

Hatte sie ihn hintergangen? Ihn getäuscht? War fremdgegangen? Konnte es sein, dass er sich so in ihr getäuscht hatte? In der Person, der er am meisten traute und von der er glaubte, dass es zwischen ihnen keine Geheimnisse geben würde.

Der Gedanke schmerzte ihn sehr.  Die bloße Vorstellung dessen was womöglich gewesen sein konnte. Der Vertrauensbruch. Brannte wie heißes Eisen auf der Haut. Er wollte es nicht wahr haben. Die Möglichkeit nicht in Betracht ziehen. Als würde es irgendwas daran ändern. Als würde die strikte, geistige Verweigerung die Zweifel aufheben.

Doch der Beweis lag vor ihm. Verächtlich leuchtete ihm die Wahrheit von dem Smartphone-Display auf dem Tisch entgegen. Es war ein Bilder seiner Frau. Sie posierte für die Kamera. Den Betrachter. Verführerisch. Reizvoll. Nackt.

Er kannte ihren Körper. Das war sie. Aber trotzdem auch nicht. Nicht nur, weil die Frau auf dem Bild etwa halb so alt war wie seine Frau jetzt. Es war eindeutig ein älteres Bild. Genauso wie die anderen Bilder von ihr auf dem Smartphone. Bilder aus ihrer Vergangenheit. Aus einer Zeit vor ihm. Trotzdem war die Frau auf den Bildern seine Frau Linda, aber gleichzeitig auch jemand völlig anderes. Nicht bloß wegen des Altersunterschiedes. Die Frau auf den Bildern wirkte kühl und distanziert. Berechnend. Aber auch souverän-sinnlich. Erotisch. Machtvoll.

Doch seine Frau war nicht so. War, ihm gegenüber, nie so gewesen. Seine Frau Linda war liebevoll und sanft. Zärtlich. Voller Wärme.

Es fiel ihm schwer nachzuvollziehen was den genaue Unterschied ausmachte. Denn die Frau auf den Bildern war Linda. Seine Frau. Doch auch wieder nicht.

Dass es diese Bilder von ihr gab, störte ihn nur gering. Ihm war bewusst, dass jeder Mensch eine Vergangenheit hat. Eine Geschichte. Auch mit dunklen Kapiteln.

Das war nicht der Betrug, der ihm den Hals zu schnürrte, wenn er daran dachte. Nichts wofür er sich schämte. Oder sie sich vor ihm zu schämen bräuchte. Was ihn schmerzte, war der Fakt, dass diese Bilder auf dem Smartphone eines anderen Mannes existierten. Heute. In der Gegenwart. Auf dem fremden Smartphone vor ihnen.

„Was sind das für Bilder?“, wollte Pierre mit Nachdruck von seiner Frau wissen. Doch sie schwieg weiterhin. Keine Antwort. Die blonde Frau auf der weißen Ledergarnitur vor ihm starrte immernoch schweigend auf das Smartphone auf dem Glastisch. Regungslos. Apathisch. Hilflos.

Sie wirkte fast verloren auf der großen Couch, auf der sie saß. Die Couch war groß und massig, ganz im Gegensatz zu der sehr schlanken, filigranen Frau. Sie wirkte fast ein wenig zerbrechlich. Ihr langes, blondes Haar, trug sie locker zu einem Zopf gebunden. Dazu helle Jeans und ein weiter, grauer Pullover, der so weit war, dass er ihr über ihre Schulter gerutscht war und diese neckisch entblößte. Sie trug weder Schmuck, noch Make-up. Nur ihre Fußnägel hatte sie rot lackiert. Fast schon verrucht für ihre schlichte Erscheinung. Sie war eine klassische Schönheit. Stilvoll. Bodenständig. Unauffällig.

Umso mehr hatten Pierre die Bilder überrascht, auf denen seine Frau mit auffällig bemalten, übertrieben sinnlich akzentuierten Lippen zu sehen war. In dunkler Reizwäsche aus glänzendem Lack. Mit metallischen Instrumenten und Folterwerkzeugen, die er nur aus für ihn nicht reizvoller Pornographie kannte.

„Linda, bitte…“, flehte er sie besorgt an. „Sag doch was. Irgendwas!“

Seine Stimme zitterte. Der Kloß in seinem Hals saß fest. Schnürrte ihm die Luft zum Atmen ab und beharrlich kämpfte er gegen Tränen an, die ihm immer weiter die Sicht trübten.

Im Hintergrund war das fröhliche Lachen ihrer Kinder zu hören, die im Garten ausgelassen miteinander spielten. Es war ein wirklich schöner Tag. Sonnig. Heiter. Kein einziges Wölkchen am Himmel. Die Sonne verwöhnte sie an diesem Sonntag Morgen mit bestem Wetter. Die Kinder liebten es bei gutem Wetter im großen Garten zu spielen und zu toben. Das ausgelassene Kinderlachen schallte durch den Garten und ins Haus. Zerriss die Stille dort wie Papier. Die Kinder hatten keinen Schimmer davon, dass tiefschwarze Wolken über der vermeintlich heilen Welt ihrer Eltern aufgezogen waren. Unbedarft spielten sie im Sonnenschein der echten Welt da draußen.

 

Pierre ging zur Garnitur und ließ sich neben seiner Frau auf dem weißen Leder nieder.

Ihr starrer Blick haftete unablässig auf dem mittlerweile dunklen Smartphone-Display. Ihre Mimik wie versteinert. Starr. Ohne Regung.

Doch er wusste, dass es auch sie nicht unberührt ließ. Dass auch in ihr ein Sturm tobte. Dafür kannte er sie zu gut. Kannte ihre Eigenheiten. Denn wie so oft schon, rieb sie auch jetzt nachdenklich mit Daumen und Zeigefinger über die kleine Narbe an ihrer Oberlippe.

Ein Überbleibsel aus ihrer Kindheit. Von einem Sturz beim dem sie sich die Lippe aufgeschlagen hatte. Von dem sie diese kleine Narbe zurückbehalten hatte. Eine bleibende Erinnerung, die ihr Gesicht unverkennbar zeichnete. Und an dieser Narbe rieb sie auch in diesem Moment. Unbewusst. Abwesend.

„Bitte sprich mit mir.“, flehte er sie kaum noch hörbar an und strich ihr zärtlich eine Strähnen aus dem Gesicht. Seine Hände zitterten.

Er konnte sich nicht daran erinnern, wann er sich das letzte Mal derart unsicher, beinahe ohnmächtig gefühlt hatte. Ob er überhaupt jemals zuvor solche Angst empfunden hatte. Eine tiefe, kalte, alles verzehrende Angst. Angst vor dem was gewesen war. Vor dem was sein könnte.

Angst, die Frau zu verlieren, die er von ganzem Herzen liebte.

Angst, seine Familie zu verlieren.

Das Leben zu verlieren, so wie er es kannte. Sein Leben.

Angst davor, sich selbst zu verlieren.

Denn wer war er schon, wenn nicht liebender Ehemann. Fürsorglicher Vater. Versorger seiner Familie. Der Mann, der er nunmal war. Der Mann, der sein wollte. Der Mann, von dem Andere dachten, dass er dieser wäre. Was blieb von ihm noch übrig, sollte er all das verlieren. Oder längst verloren haben.

Heiß kullerten dicke Tränen über Pierres Gesicht.

„Woher hast du diese Bilder?“, brach seine Frau Linda ihr Schweigen und riss ihn aus den Gedanken. Ihre Stimme klang seltsam ruhig. Gefasst. Fordernd.

***

Es war Freitag Nachmittag. 16:53 Uhr. Einer dieser hektischen Nachmittage im Büro kurz vor dem Wochenende. Calls, Meetings und Termine. Stress pur.

Als Pierre endlich Feierabend machen wollte, betrat er ein letztes Mal an diesem Tag sein Büro, um sicher zu gehen, dass er auch nichts vergessen würde bevor er nach Hause fuhr. Von seinem Schreibtisch nahm er die üblichen Dinge und packte sie in seinen Rucksack: Laptop, Ladekabel, Thermobecher, Notizbuch und sein Handy.

Pierre stutzte.

Sein Handy? Hatte er nicht erst vor Betreten des Büros sein Handy in seine Brusttasche gesteckt? Ein prüfender Griff bestätigte seine Vermutung. Das Smartphone auf dem Schreibtisch war also nicht seins. Vermutlich das eines Kollegen. Der es zwischenzeitlich auf seinem Schreibtisch vergessen hatte. Das kam vor.

Natürlich hätte er das fremde Gerät nun einfach dort liegen lassen können. Oder besser noch, über das Wochenende zur Sicherheit in seinem Schublade deponieren. Doch er wusste aus eigener Erfahrung, wie unruhig man sich fühlte, wenn man das eigene Smartphone versehentlich verlegt hatte. Deshalb entschied er sich dazu, das fremde Smartphone seinem Besitzer zurück zu bringen, bevor er das Büro verließ.

Das Modell bot ihm keinerlei Hinweis auf dessen Besitzer. Pierre betätigte deshalb kurz den Home Button und entschloss damit direkt das Display des Smartphones. Ungewöhnlich. Kein Sperr-Code. Nichtsdestotrotz öffnete Pierre die Kontaktliste und scrollte durch die eingetragenen Namen und Nummern. Wieder nichts. Die gespeicherten Nummern waren für ihn nichtssagenden Kürzel, die ihm keinerlei Hinweis auf den Eigentümer boten. Er schloss das Kontakt-Menü.

Sollte er vielleicht doch einfach das Smartphone vorübergehend wegschließen bis ein Kollege kommende Woche auf ihn zukam? Logisch wäre das. Doch sein schlechtes Gewissen meldete sich. Er gab nach. Einen Versuch würde er also noch wagen.

Er rief sich selbst von dem fremden Smartphone aus an. Sein Handy vibrierte. Er schaute auf das Display und legte direkt auf. Unbekannte Nummer. Die Anrufer-ID wurde nicht mitgesendet.

Was nun? Als letzte Möglichkeit kam ihm nur noch die integrierte Fotosammlung in den Sinn. Dort würden sich sicherlich Hinweise auf den Eigentümer des Handys befinden. Wirklich wohl fühlte er sich bei dem Gedanken jedoch nicht. Zögerlich tippte er auf die Foto-App und eine bunte Bildauswahl öffnete sich. Auf den ersten Blick kam ihm keines der Bilder oder Motive bekannt vor. Pierre scrollte bedächtig weiter. Immer noch nichts. Er scrollte immer weiter und mit der Zeit verselbstständigte sich sein Scrollen durch die unbekannten Bilder. Landschaftsaufnahmen. Autos. Frauen. Viele Bilder von Frauen. Schönen Frauen. Einige von ihnen erkannte er. Es waren einige seiner Kolleginnen aus dem Büro darunter. Glücklich lächelnd, ausgelassen posierend. Das Smartphone schien also einem seiner männlichen Kollegen zu gehören.

Dieser Mann schien ein glückliches Händchen bei Frauen zu haben. Ein Womanizer.

Ohne, dass es Pierre zunächst auffiel, wurden die Bilder der Frauen freizügiger. Bis er an dem ersten Bild nackter Brüste hängen blieb. Erschrocken glitt ihm beinahe das Smartphone aus der Hand. Vorsichtig scrollte Pierre weiter und entdeckte weitere Nacktbilder. Sein schlechtes Gewissen meldete sich wieder. Sollte er wirklich weiter schauen? Das waren doch schon sehr private Bilder. Bisher hatte er keinerlei eindeutigen Hinweis darauf entdecken können, zu wem das Handy gehörte. War es also vertretbar sich trotzdem weiter offensichtlich sehr intime Bilder anzusehen?

Verstohlen sah er sich um. Beugte sich ein wenig vor und schaute aus seinem Büro auf den Flur vor seiner Tür. Es war ruhig. Um diese Uhrzeit waren meist nur noch wenige Kollege hier. Pierre entspannte sich, setze sich gerade auf und blickte wieder auf das immer noch leuchtende Display in seiner Hand. Wie von selbst schob sein Daumen die nächsten Bilder in die Ansicht. Seine Neugierde hatte überwogen.

Immer weiter scrollte er Bild für Bild durch. Bis er plötzlich abrupt inne hielt. Er traute seinen Augen nicht. Konnte das sein? Er betrachtete das Foto einer sehr schlanken, blonden Frau in dunkler Reizwäsche. Sie trug einen engen, ebenfalls dunklen Rock und dazu halbtransparenten Strümpfen. Ihre Arme waren bis über die Ellenbogen in hautenge, glänzende Handschuhe gehüllt. Ihre Lippen waren auffällig rot bemalt. Ihre Augen verrucht dunkel geschminkt. In ihren Händen hielt sie eine schmale Gerte. Ihr Blick war streng und direkt zur Kamera gewandt, als würde sie den Betrachter direkt anblicken.

Pierres Hals war trocken. Schnürte sich langsam zu. Er kannte diese Frau. Nicht beiläufig wie Kolleginnen vorher auf den Bildern. Diese Frau kannte er gut. Sehr gut. Das war seine Frau. Das war seine Frau Linda auf dem Bild.

Ungläubig schüttelte er den Kopf. Das konnte nicht sein. Eine Verwechslung. Eine optische Täuschung.

Doch als er nun weiter scrollte, erschienen weitere Bilder seiner Frau auf dem Display. In eindeutigen, anzüglichen, sexuell reizvollen Posen. Die Frau auf den Bildern war zwar deutlich jünger als seine Frau heute. Doch ohne Zweifel war das seine Frau Linda.

Seine Gedanken rasten wie wild durch seinen Kopf. Pierre war nun völlig egal, wem das Smartphone gehörte. Wann derjenige sein Handy wieder bekam. Er wollte nur noch wissen, woher dieser Mann solche Bilder seiner Frau hatte? Wieso er diese Bilder hatte?

Die Gedanken in seinem Kopf rasten so wild umher, dass Pierre ganz schwindelig wurde. Sein Herz raste. Das Blut in seinen Ohren rauschte. Er konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Hastig griff er nach seiner Tasche und eilte aus dem Büro. Er musste weg hier. Sofort. So schnell wie möglich.

***

Pierre zitterte am ganzen Körper als er seiner Frau Linda erzählt hatte, wie er in Besitz des Smartphones, und der Bilder von ihr darauf, gekommen war. Das war nun fast zwei Tage her. Seine Augen waren glasig. Er war sichtlich aufgewühlt.

„Ist schon gut.“, versuchte ihn Linda mit sanfter Stimme zu beruhigen und legte ihre Hände schützend über seine. Ihr Blick suchte seinen. „Das ist schon lange her, weißt du.“

Sein Blick huschte unsicher hin und her. Seine Mimik stellte Fragen, die er nicht imstande war in Worte zu fassen.

„Die Bilder, sind aus meiner Studienzeit.“, setze Linda zu einer Erklärung an. „Wie heißt es doch so schön: ich war jung und brauchte das Geld?“, scherzte sie und entlockte damit auch ihrem Mann ein kurzes Lächeln.

„Es war aber wirklich so. Ich hatte zu der Zeit keinen Job, steckte mitten im Studium und kam auf die Idee mir so ein bisschen Geld dazu zu verdienen. Sex sells. Ein paar meiner Kommilitoninnen machten das Gleiche und so kam ich dann eben zur Fetish-Szene.“

Linda setze sich aufrecht hin und atmete tief durch.

 „Du weißt schon: starke Männer mit dicken Egos, noch dickere Gehaltschecks und fetten Karren. Die in ihrer Freizeit halt gerne von einer zarten Frau beherrscht werden wollen. Intelligente Gesellschaft, prickelnder Flirt, erotische Spannung. Dominanz, Lustsklaven-Erziehung, Körperverehrung. Jeder Mann war anders. Brauchte etwas anderes. Wollte etwas anderes. Phantasien und Möglichkeiten so unterschiedlich wie die Männer selbst. Das ging von Bildern, über Begleitung, bis hin zur Bestrafung – alles war dabei.“, erklärte Linda sachlich. „So wurde auch Tom damals einer meiner Kunden.“

„Tom? Tom Kuhnert?“, fragte Pierre irritiert. Linda nickte.

 „Der Tom Kuhnert? Senior Manager Accounting & Financial Reporting aus unserer Firma? Mein Kollege?“

Linda nickte wieder. „Er war schon zu der Zeit ein überaus ehrgeiziger und vor allem erfolgreicher Mann. Beruflich wie auch privat. Er konnte jede haben. Er hatte jede!“

„Daran hat sich nicht viel geändert.“, ergänzte Pierre beiläufig. Sie lachten.

„Aber keine dieser Frauen konnte ihm scheinbar das bieten, weshalb er zu mir kam. Vielleicht schämte er sich auch dafür.“, versuchte Linda zu erklären. „Zu einem Fetish zu stehen, ihn auszuleben, dazu gehört auch Mut. Viel Vertrauen. Diskretion. So kamen wir in Kontakt.“

Es war still. Obwohl immer noch das Kinderlachen im Garten zu hören war, war es ansonsten absolut still. Das was Linda ihm gerade erzählt hatte, war für Pierre viel zu verarbeiten. Seine Gedanken rotierten. Fragen über Fragen. Doch eine stach aus der Menge heraus. Und als könnte sie seine Gedanken lesen, ergänzte Linda: „Dabei ging es aber nie um Sex.“

Sie schloss ihre Hände fest um seine.

„Er wollte mehr, ja. Viel mehr. Aber es gab nie, ohne Ausnahme, Intimkontakt!“, versicherte sie ihrem Mann eindringlich. Und glaubwürdig.

Ein Stein fiel ihm vom Herzen.

„Aber wieso das jetzt?“, stellte sich Pierre und seiner Frau, die Frage. „Nach all der Zeit. Jetzt plötzlich. Das ist doch krank!“

Linda zuckte mit den Schultern.

„Wir hatten gerade erst unseren zehnten Hochzeitstag. Jeder hat sich für uns gefreut. Alles war schön. So gut wie perfekt.“, sagte Linda. „Ich kann mir einfach nicht erklären, wieso er jetzt auf einmal damit um die Ecke kommt? Was das soll?“ Betroffen senkte sie den Kopf und eine einzelne Träne, rollte über ihr Gesicht. Pierre konnte es kaum ertragen seine geliebte Frau so zu sehen.

Er selbst hatte für diese perfide Aktion auch keine Erklärung. Und plötzlich schoß es ihm, wie ein heller Blitz, in den Sinn. Es erschien Pierre völlig klar: „Meinst du, er will sich rächen?“

Linda sah auf und ihren Mann verwundert an.

„Du weißt schon. Weil du dich für mich entschieden hast? Und gegen ihn. Dass ich das bekommen habe, was er wollte? Dass du meine Frau geworden bist und nicht seine? Du hast doch selbst gesagt, dass er mehr wollte. Das muss ihn wahnsinnig gemacht haben.“

„Er war schon immer sehr neidisch. Eifersüchtig. Er ist es nicht gewohnt nicht das zu bekommen was er will.“, fasste sie nachdenklich zusammen.

„Was sollen wir tun?“, fraget Pierre seine Frau. „Sollen wir es HR melden? Sollen wir die Polizei einschalten?“, schlug er vor. Linda schüttelte vehement den Kopf.

„Soll ich ihn zur Rede stellen? Ihn auf seine kranke Aktion ansprechen?“

Wieder schüttelte Linda den Kopf.

„Das würde ihn alles nicht beeindrucken. Dafür ist sein Ego zu groß.“, schlussfolgerte sie. „Er würde sich nur darin bestätigt fühlen, das er uns damit getroffen hat. Dass er überlegen ist. Er bekäme damit genau das, was er beabsichtigt hatte. Aufmerksamkeit.“

„Was dann?“, wollte Pierre wissen.

„Lass mich mit ihm reden.“, schlug Linda vor. Ihre Augen blitzen gefährlich. „Vielleicht hört er ja auf mich – der alten Zeiten wegen.“

***

„Was soll die Scheiße?“, fauchte Linda als sie Toms Büro betrat und hinter sich die Tür zu donnerte. Es war Montag Morgen. Wenige Kollegen kamen so früh ins Büro. Sie und Tom waren daher weitestgehend ungestört.

Mit festem Schritt ging sie auf ihn zu und knallte sein Smartphone vor ihm auf den Tisch. Ihre Augen funkelten wütend. Er lachte.

„Ach, da ist es! Hab’ das Ding schon vermisst.“, scherzte Tom und nahm das Smartphone an sich. Triumphierend grinste er und lehnte sich gelassen in seinem Stuhl zurück.

Linda stand stumm da. Ihr Blick bohrte sich tief in ihn.

„Was?“, fragte er übertrieben naiv und zog dabei unschuldig die Schultern hoch. „Kann doch mal passieren, dass man irgendwo was liegen lässt und vergisst.“

„In dem Büro meines Mannes? Auf seinem Tisch? Vor seiner Nase?“, schoß es wütend aus Linda heraus.

„Komm’ mal runter!“, echauffierte sich Tom. „Wir sind Kollegen. Wir arbeiten zusammen. Da hab’ ich wohl einfach nicht mehr dran gedacht nach nem Meeting oder so.“

Herablassend schüttelte er den Kopf und setze sich wieder gerade hin. Einen Moment lang war es still. Sie sahen sich lediglich an. Ohne jede Regung. Er zu ihr auf. Sie auf ihn herab.

„Hast du überhaupt eine Vorstellung davon was du hättest anrichten können?“, zischte sie immer noch aufgebracht. „Dass du damit meine Familie, meine Ehe, mein Leben, aufs Spiel gesetzt hast?“

Nun lehnte er sich neugierig vor und fragte spitzbübisch: „Hat deinem Mann etwa nicht gefallen, was er gesehen hat? Wozu du in der Lage bist? Wer du bist?“

Er erhob sich von seinem Stuhl, ging um den Tisch und kam langsam auf Linda zu.

„Hat er eure Beziehung, eure Ehe, dich, etwa in Frage gestellt? Hat er an deiner Ehrlichkeit gezweifelt? An deiner Treue? Hat er seine Liebe zu dir in Frage gestellt?“

Tom baute sich bedrohlich vor Linda auf. Körperlich überragte er die schlanke Frau deutlich.

„Du weißt selbst – er wird dich nie so lieben können wie ich es tue, Linda.“, flüsterte er ihr zu. Und als wäre sie sein Eigentum, seine Trophäe, sein Besitz, umschloss er ihre Arme, verstärkte seinen Griff und zog sie fest an sich heran. Ohne Gegenwehr und ohne Furcht, sah sie ihn an. Ohne auch nur ein einziges Mal zu blinzeln. Mit festem, unbeugsamem Blick. Ihre blauen Augen bohrten sich regelrecht in seine.

 

„Fass mich nie wieder an!“, zischte sie scharf.

Augenblicklich ließ Tom von ihr ab. Völlig erschrocken, als hätte er erst in diesem Moment realisiert, was er tat. Mit weit aufgerissenen Augen trat er einen Schritt von ihr zurück. Ihr Blick haftete immer noch an ihm. Seine Augen huschten unruhig umher. Ertappt wandte er den Kopf von ihr ab und stürmte an ihr vorbei aus dem Büro. Seine energischen Schritte waren noch einige Zeit auf dem Flur zu hören als er davon polterte.

Linda konnte nicht glauben, was gerade geschehen war. Dass er die Dreistigkeit besaß sich derart aufzuspielen. Vor ihr. Als wäre er sich seiner Tat nicht bewusst gewesen. Als hätte er erst in diesem Moment realisiert, was seine egoistische Handlung, seine Rachsucht, seine maßlose Unverschämtheit für Auswirkungen hatte? Für sie und für ihn.

Oder war das Absicht? Knallharte Berechnung?

Die Gedanken in ihr tobten. Bauschten sich auf zu meterhohen Wellen und schlugen auf sie ein. Rissen alles mit sich und hinterließen nichts außer blanker Klarheit.

Sie wusste, was sie zu tun hatte.

Für ihre Familie.

Für ihre Ehe.

Für sich.

Sie nahm ihr Handy aus der Tasche und öffnete die Nachrichten-App. Entschlossen tippte sie eine Nachricht in ihr Handy:

Donnerstag, 19.00 Uhr.

Bei dir.

Senden.

Sie wusste ganz genau, was sie zu tun hatte.

Gnadenlose Konsequenz.

***

Es dämmerte bereits und die untergehende Sonne tauchte das Apartment mit seinen deckenhohen Fenstern in ein schummeriges Orange-rot.

Wie verabredete, klingelte es Punkt 19 Uhr, an der Tür.

Höflich öffnete Tom seinem Gast die Tür. Die schlanke Frau im langen, sandfarbenem Trenchcoat betrat anmutig sein Apartment. Ihr Gesicht maskiert mit einer großen, dunklen Sonnenbrille. Ihr blondes Haar hatte sie streng zu einem festen Knoten am Hinterkopf zusammen gebunden. Elegant. Stilvoll. Makellos.

Ihre Lippen hatte sie rot bemalt. Jeder Strich, jede Schwingung, ihrer Lippen war makellos umrandet. Selbst die kleine Narben an ihrer Oberlippe hatte sie ein Stück übermalt, so dass selbst diese unbedeutende Unebenmäßigkeit ihres Gesichts das Gesamtkunstwerk nicht stören konnte. Nichts an ihrer Erscheinung war dem Zufall überlassen.

„Wo ist das Bad?“, wollte sein Besuch von ihm wissen, bevor Tom auch nur einen weiteren glückseligen Moment hatte, sie zu betrachten. Ohne Weiteres eilte er zum Badezimmer und öffnete ihr die Tür, bevor sie diese wortlos hinter sich verschloss.

Irritiert verweilt er einen Augenblick vor der Badezimmertür. Ein amüsiertes Lächeln strich ihm über die Lippen. Er ging hinüber ins Wohnzimmer, wo er bereits alles vorbereitet hatte. Ein Bouquet dunkelroter Rosen stand dort auf dem Tisch, umrahmt von flackerndem Kerzenlicht, das sich im silbernen Flaschenkühler spiegelte. Eisgekühlter Champagner perlte bereits in den beiden gefüllten Kristallgläsern. Es war perfekt. So wie es sein sollte. So hatte er sich es immer vorgestellt, wenn sie ihm endlich die Ehre erweisen würde zu ihm zu kommen. Denn für sie war ihm das Beste gerade gut genug.

Voller Vorfreude rieb er sich die Hände. Seine Handflächen waren klamm. Ein Zeichen von Nervosität. Vorfreude. Angst.

Hinter sich hörte er wie die Badtür wieder geöffnet wurde. Feste Schritte, auf hohen Absätzen, kamen in seine Richtung. Er drehte den Kopf leicht zur Seite und sah im Augenwinkel die blonde Frau hinter sich stehen. Nun jedoch ohne Trenchcoat. Dafür in einem engen, schwarzen Kleid.

Er räuspert sich und atmet tief durch, um zu einer Entschuldigung anzusetzen. „Es – es tut mir wirklich leid. Ich…“ „Das wird es.“, schnitt sie ihm harsch das Wort ab. Überrumpelt hielt er inne. Er drehte sich zu ihr um und sah die schlanke Blondine breitbeinig, mit verschränkten Armen vor der Brust, vor sich stehen.

„Und nun – auf die Knie mit dir, du Wurm.“, befahl sie ihm streng.

Ungläubig stand er da. Starrte sie an. Starrte in ihre tiefblauen Augen. Blau wie Lagunen, doch kalt wie die See im Winter. Ihr strenger Blick verfinsterte sich.

„Wird’s bald!“

Ihre Worte schnitten durch seine Gedanken wie eine Rasierklinge. Ihre Stimme klang fest und bestimmend. Beinahe bedrohlich.

Die Röte schoß ihm ins Gesicht. Sein Körper kribbelte. Ein heißer Schauer lief durch seinen Körper. Und das Herz in seiner Brust schlug auf einmal so schnell als wollte es seinen Brustkasten durchschlagen.

Gehorsam ließ er sich auf die Knie sinken.

„Ja, meine Herrin.“

Tom wusste ganz genau was zu tun war. Ohne, dass sie ein weiteres Wort hätte sagen müssen.

Er entledigte sich zügig seiner Kleidung, bis auf die Shorts. Sein Blick dabei stets demütig zu Boden gerichtet. Sorgsam aufgefaltet legte er seine Kleidung neben sich ab.

Er war bereit für das was als nächstes kommen würde.

Er hatte sich darauf vorbereitet.

Hatte damit gerechnet.

Darauf gehofft.

Er hatte es so gewollt.

Ein vergnügtes Lächeln huschte über seine Lippen. Ein törichter Augenblick der Unachtsamkeit, den er augenblicklich bereute.

„Was gibt es da zu lachen?“, ermahnte ihn die Blondine streng. „Das Lachen wird dir schon vergehen.“

Sein Herz pochte fest vor Aufregung. Das Klacken ihrer hohen Absätze dem Parkett stach ihn scharf wie lustvolle Nadelstiche. Schritt. Für. Schritt.

Als er die kalten Lederstriemen ihres Floggers über seine Schultern streifen fühlte, hatte er das Gefühl beinahe das Bewusstsein zu verlieren. Das Blut pumpte heiß durch seinen Körper. Seine Aufregung stieg. Genauso wie seine Erregung.

Er verbeugte sich tief vor ihr. Mit überkreuzten Händen auf dem Rücken und küsste ihre Schuhe. Endlich. Er hatte so lange nun darauf gewartet und hatte gewusst, dass sie sein Verhalten, seinen Ungehorsam, bestrafen würde.

Wie immer. Wie es all die Zeit über gewesen war.

Es war soweit.

Sie war ihm nah. Wenn doch unnahbar.

Die Herrin.

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6 thoughts on “Die Herrin

    1. Es ist natürlich immer gut, Stilmittel einzusetzen, allerdings würde ich ein bisschen sparsamer damit umgehen. Die Monologe sind grundsätzlich gut geschrieben, aber auch etwas zu lang mit einigen Dopplungen. Ansich nicht so mein Thema, aber für die, die das Genre mögen bestimmt eine interessante Story 🙂

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  1. Hallihallo, die Geschichte fing ganz gut an, das Ende hätte aber noch eine Interessante Wendung gebrauchen können. Leider wechselst du oft zwischen Gegenwarts- und Vergangenheitsform hin und her. Einige Sätze ergeben auch keinen Sinn, da bestimmte Wörter fehlen. Vielleicht magst du die Story nochmal gegenlesen lassen? LG, Frank

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  2. Hallo Loeckchen,

    ich muss leider auch sagen, dass mir die Spannung gefehlt hat und ich nicht nachvollziehen konnte, weshalb sie sich dann mit Tom getroffen hat. Ihr Mann wusste ja schon alles, also welches Druckmittel hatte Tom noch? :/
    Aber dein Schreibstil war schön und ließ sich super schnell lesen 🙂

    Alles Liebe
    Pauline

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