jessica.kellershofenDie Höhle der schlafenden Haie

Katharina schlug so hastig die Seite siebenundsechzig auf, dass sie sich dabei in den Finger schnitt. „Ach verdammt! Mark? Mark, kannst du mal kommen?“, rief sie so laut es ging, während das hellrote Blut an ihrer Hand entlanglief und den frischen Zweikaräter besudelte, den ihr Verlobter ihr vor einer Woche beim Spaziergang am Rhein heimlich über den Ringfinger gestülpt hatte. „Kathi, du musst jetzt noch nicht antworten. Ich weiß, wir sind erst seit zwei Jahren ein Paar. Ich bin mir sicher, aber ich möchte, dass du es auch bist. Wenn du mich noch nicht heiraten willst, dann trage ihn als Geschenk“. Nachdem er ihr diese Worte zugeflüstert hatte und seine tiefblauen Augen sie im Sonnenschein anstrahlten, war sie sicher: diesen Alltagsromantiker, diesen blonden, großen Schlacks Ende zwanzig sollte sie vom Fleck weg heiraten ehe es jemand anders tat.

Da eilte Mark auch schon die Treppe hinauf ins Arbeitszimmer und riss sie aus ihrem Gedanken. „Ach, Kathi, dich kann man auch keine zwei Sekunden aus den Augen lassen. Hast du fertig gepackt?“, fragte er außer Atem. Sie leckte das restliche Blut von ihrem Finger und tippte mehrfach auf ihren Reiseführer: „Wusstest du, dass es auf der Isla Mujeres eine ‚Höhle der schlafenden Haie‘ gibt? Da sollten wir auch hin. Das klingt aufregend“.

Der elfeinhalb-stündige Flug nach Cancún hatte ganz schön an Katharinas Nerven gezerrt. Während Vielflieger Mark bereits nach dem Start eingeschlafen und dann eigentlich nur pünktlich zu den Mahlzeiten wachgeworden war, hatte sie sich „Mamma Mia!“ bereits zum dritten Mal angesehen, viel zu viel Rotwein getrunken und sie konnte sich immer noch nicht erklären, warum sie Mark nicht einfach gesagt hatte, dass sie bereits einmal in Mexiko gewesen war – vor acht Jahren. Nun standen sie also am Gepäckband des Aeropuerto Internatcional de Cancún und ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, als sie all dies wiedererkannte: die spanisch-sprachigen Beschilderungen, die farbenfroh gekleideten Menschen, der Geruch nach Kokosnussöl und Chlor. „Konzentrier dich, Kathi“, sagte sie kaum hörbar zu sich selbst und sie und Mark versuchten das Übergepäck, das sie stolze hundertvierzig Euro zusätzlich am Schalter in Düsseldorf gekostet hatte, vom Band hinunter zu wuchten. Mark brachte das nicht so sehr außer Puste, dass er nicht in der Lage gewesen wäre, Katharina ganz in seiner Verkäufermentalität alles zu erzählen, was er selbst bereits in Mexiko unternommen hatte und welche Ausflüge sich lohnten und welche reine Touristenabzocke seien. „Bleib mal so!“, sagte Mark und schon hörte sie das Klicken seines Smartphones. „Hast du die Funktion zum Stummstellen deiner Kamera immer noch nicht gefunden? Wie lange hast du das Ding?“, belächelte Katharina ihn. Dabei richtete sie ihren hellblauen Strohhut auf ihrem braunen, zerzausten Haar neu aus und zupfte an ihrem geblümten Kleid herum, das sich trotz der Klimaanlage bereits an ihre verschwitzten Beine geklebt hatte. Wie konnte ich nur vergessen, dass es hier so fürchterlich schwül ist, dachte sie während sie den Flughafen verließen. „Hast du gesehen? Neunzig Tage dürften wir jetzt hierbleiben, Kathi. Wenn wir uns also in den Urwäldern oder in einer der zahlreichen Maya Ruinen in Yucatan verirren, haben wir ausreichend Zeit wieder herauszufinden und auszureisen“. „Das ist nicht witzig, Mark“, hörte Katharina sich selbst wettern, dabei war sie einfach nur übermüdet und wollte so schnell es ging mit der Fähre auf die Isla Mujeres, die Insel der Frauen, übersetzen. Sie hatte so viele tolle Fotos gesehen. Der Playa Norte mit seinem weißen Sandstrand und dem türkisfarbenen Meer, die kleinen farbenfrohen Geschäfte mit einheimischer Handwerkskunst, die vielen Fischrestaurants, die Frischgefangenes von der Insel servierten – sie konnte es kaum erwarten. Und vor allem wollte sie schnell weg aus Cancún.

Das Hotel Plaza Almendros war etwas weniger luxuriös als Katharina es sich vorgestellt hatte und weiter vom Strand weg als viele andere drei Sterne Hotels auf der Insel, aber es schien einigermaßen sauber und Mark hatte sich bereits an der Rezeption prächtig mit der Empfangsdame unterhalten. Sein Spanisch war deutlich besser als sie es erwartet hatte. Er klang fast wie ein Muttersprachler in ihren ungeübten Ohren. Während Mark in die abenteuerlich bunt gekachelte Dusche sprang, trat sie in den großen Patio hinaus, den sich alle Zimmer miteinander teilten. Eigentlich ganz schön, dachte sie. Ein großer Pool mit azurblau schimmerndem Wasser, frisch sprießendes Gras und saftig grüne Palmen. Sie wagte noch einen Schritt weiter in den Innenhof. Sie wollte nichts als das vom Morgen noch feucht-kühle Gras an ihren nackten Füßen spüren. Eine minimale Abkühlung, wenn man bedachte, dass es um zehn Uhr bereits etwa fünfunddreißig Grad im Schatten waren und das Hygrometer am Empfang sechsundachtzig Prozent Luftfeuchtigkeit angezeigt hatte. Doch schon beim nächsten Schritt trat sie auf etwas Heißes. Sie hob den Fuß vorsichtig an und entdeckte, dass sie auf ein schwarzes Handy getreten war. Kein Wunder, dass es fast kochte. Es musste schon eine ganze Weile in der Sonne gelegen haben. Katharina hob das Smartphone vorsichtig mit spitzen Fingern an, um sich nicht zu verbrennen. Sie würde es gleich zur Rezeption bringen. Doch als sie das Handy vorsichtig in der Tasche verstauen wollte, bemerkte sie, dass der Bildschirm erleuchtet war. Scheinbar war eine neue Nachricht gekommen – ein Bild. Ach, was soll es? Es ist vermutlich ohnehin gesperrt, dachte sie, und tippte auf die Vorschau-Nachricht. Das Gerät schien nicht gesichert. Doch als das Bild sich geladen hatte, starrte Katharina nurnoch fassungslos auf das Display. Dann zuckte ihre rechte Hand ruckartig zusammen und das Handy fiel schnurstracks zurück auf das mittlerweile durch die wandernde Sonne getrocknete Gras. Sie konnte es nicht glauben. Was war das denn? Das kann doch gar nicht sein. Schnell hob sie das Smartphone wieder auf, schaute sich um, ob sie beobachtet worden war, und betrachtete das Bild erneut. Doch sie hatte sich nicht getäuscht. Auf diesem ihr unbekannten Handy war ein Bild von einer jungen, braunhaarigen Frau, die einen blauen Strohhut trug. Und sie trug ein Blumenkleid. Und sie sah gestresst und erhitzt aus. Und sie war am Flughafen von Cancún. In ihren Händen hielt sie ein Foto von sich selbst. Und nicht nur das war es, was sie erschaudern lies. Dieses Foto hatte Mark vor knapp zweieinhalb Stunden von ihr gemacht. „Und das hier ist nicht mein Handy. Und es ist auch nicht dein Handy“, hörte sie sich noch leise sagen, als neben ihr ein Schatten auftauchte. „Was tust du denn hier draußen?“, fragte Mark, der nur mit einem Handtuch bekleidet nun direkt neben ihr stand. Katharina drehte sich zu ihm herum und lies dabei wie eine Trickbetrügerin das Handy in der Innentasche ihres Sommerkleides verschwinden. „Nichts, Baby. Ich… Ich wollte mir den Innenhof genauer anschauen“. „Komm mit, Kathi. Das Zimmer ist super schön und die Dusche wird dir guttun. Lass uns einen kühlen Drink aus der Minibar schnappen, bevor wir gleich so richtig in den Tag starten“, sagte Mark und legte seinen Arm um ihre Schulter.

Ja, klar, sie würde gleich in die Dusche gehen. Doch zuerst schloss sie eilig die Badezimmertür hinter sich und lies sich selber neben das Waschbecken sinken, dabei das fremde Handy in der Hand. Ihre Hände zitterten. Der Puls schlug ihr bis zum Hals als sie laut aus dem Bad rief, „ja, okay, ich hopse nur kurz unter die Dusche, dann können wir los und die Insel erkunden“. Aber sie musste einfach zuerst herausfinden, was noch auf diesem Handy zu finden war. Und wem es gehörte. Und woher um alles in der Welt der Besitzer dieses Foto hatte. Sie öffnete die Foto-Galerie. Was sie dort sah, ließ ihren Atem stocken. Hunderte Fotos waren gespeichert. Um genau zu sein waren es siebenhundert und eins. Und alle diese Fotos zeigten sie selbst. Ein Bild von Katharina beim Kochen, ein Gruppenfoto bei Omas achtzigstem Geburtstag letzten Monat, beim Frisör als sie sich neulich einen kinnlangen Bob schneiden lies, eins wie sie das erste Mal ihre Nichte auf dem Arm hielt. Das musste doch ein Jahr her sein jetzt. Sie scrollte die Fotos bis zum Beginn zurück und überprüfte die Datumsangaben. Es gab exakt ein Foto von jedem Tag. Was hatte das zu bedeuten? Und was war wohl das erste Foto? Sie scrollte und scrollte, bis sie das erste Foto der Galerie fand. Sie traute ihren Augen kaum. Auf diesem Bild stand sie in der Universitätsbibliothek, Abteilung allgemeine Soziologie. Sie trug ein blaues, knielanges Kleid, ihre schwarze Nerdbrille, die sie schon immer hatte älter aussehen lassen als sie eigentlich war, und hielt einen Kaffeebecher in der Hand. Sie wusste noch genau, dass dort drin ein schwarzer Tee mit zwei Löffeln Zucker und Kaffeesahne war. Das war der Tag, an dem sie Mark das erste Mal getroffen hatte, der 27. August 2017.

Hastig suchte Katharina nach Anruferlisten oder Nachrichten in diversen Messaging-Programmen. Und schnell wurde sie fündig. Alle Fotos kamen von ein und derselben Nummer, von ein und derselben Person. Der Absender der Nachrichten war eingespeichert mit dem Namen Marco Francisco García Hernández. Das war eindeutig ein mexikanischer Name – zwei Vornamen, dem Nachnamen des Vaters und dem Nachnamen der Mutter. Aber woher sollte ein Mexikaner diese Fotos haben und an wen sollte er sie weitergeleitet haben? Jede Nachricht sah gleich aus. Es gab immer ein Foto mit einen GPS-Tag. Die meisten Fotos waren erwartungsgemäß in Düsseldorf aufgenommen worden. Ansonsten gab es keine Nachrichten und keine Reaktionen des Empfängers. Lediglich die letzte Nachricht, die von heute, enthielt unter dem Foto noch einen Text: „Conseguirás tu venganza, lo prometo. El Flaco“. Sie musste es übersetzen lassen. So weit reichte ihr Spanisch einfach nicht. Die Spanisch-App machte daraus: „Du bekommst deine Rache. Ich verspreche es. Der Dünne“. Ihr lief es erneut eiskalt den Rücken herunter. „Warum läuft denn das Wasser noch nicht?“, fragte Mark in diesem Moment hämisch hinter der Tür. Er klang sehr sicher, sie bei etwas Verbotenem ertappt zu haben. In ihrer Verzweiflung versteckte Katharina das Handy in dem pink und orange gestrichenen Schränkchen neben dem Waschbecken und sprang flink in die Dusche. Sie antwortete ihm nicht.

Etwa eine halbe Stunde später machten Mark und Katharina sich gemeinsam auf den Weg. Sie liehen sich bei der netten Rezeptionistin Fahrräder aus, um die Insel zu erkunden. Trotz der bereits hohen Temperaturen nahmen sie sich vor, den Garrafón Nationalpark zu besuchen, die Reste des Maya-Tempels Diosa Ixchel zu fotografieren und dann am Playa Norte zu enden, um den Sonnenuntergang gemeinsam zu genießen. Katharina war nicht besonders wohl bei ihrem Ausflug. Schließlich konnte sie sich noch immer nicht erklären, wie die Fotos auf dem fremden Handy gelandet waren. Bei dem ein oder anderen Stopp, wenn sie sich unbeobachtet fühlte, betrachtete sie Mark skeptisch von der Seite. Konnte sie sich in ihm getäuscht haben? Verbarg er etwas vor ihr? Doch ehe sie sich versah, war der ereignisreiche Tag fast vergangen und die vielen Sehenswürdigkeiten und Eindrücke ließen ihr Gemüt so sehr erstrahlen, dass sie sich vornahm, heute keinen Gedanken mehr an die Fotos zu verschwenden. Da sie nur einen Tag auf der Isla Mujeres verbringen wollten, hatten sie sich dagegen entschieden, den weiten Weg mit dem Boot hinaus zur „Höhle der schlafenden Haie“ auf sich zu nehmen. Wenn sie ehrlich war, hatte Katharina ohnehin ein wenig Angst, mit Haien tauchen zu gehen. Als die Sonne bereits fast untergegangen war, stoppten sie an einem kleinen, urigen Restaurant, das mit frischem Fisch und Meeresfrüchten warb, dem Mocambo Restaurant. Die Füße im Sand und die Nase gen Meer gerichtet, verspeisten sie hier den wohl leckersten Fisch, den Katharina in ihrem Leben je genossen hatte. Dazu tranken sie ein frisches Sol mit Zitrone und Salz, wie es hier üblich war. Eigentlich, so dachte sie, war es ein perfekter Tag, an einem perfekten Ort, mit einem perfekten Mann an ihrer Seite. Doch als die Sonne untergegangen war und der Himmel nicht mehr als ein am Horizont schwach flimmerndes Rot zu bieten hatte, fröstelte es Katharina so langsam. Und das lag nicht nur an den zunehmend sinkenden Temperaturen, auf die weder sie noch Mark mit einer Strickjacke oder einem Pullover vorbereitet gewesen waren. Irgendetwas stimmte mit diesem Tag einfach nicht. Katharina nahm sich fest vor, am folgenden Tag mit Mark bei einem ausgedehnten Frühstück im Patio über ihr Erlebnis von heute zu sprechen. Er würde es verstehen und es würde für alles eine logische Erklärung geben. Sie stellten ihre Fahrräder an der nunmehr unbesetzten Hotel-Rezeption ab und begaben sich in Richtung ihres Zimmers. Wo war Señora Rosalind nur geblieben? „Ach, weißt du, ich suche sie kurz. Wir können ja die Räder nicht einfach stehen lassen. Die werden sicher gestohlen. Geh du nur ruhig schon duschen und trink etwas Kühles. Ich komme gleich nach“, sagte Mark, machte auf dem Absatz kehrt und verschwand in den Gängen des Hotels. Als Katharina das Zimmer erreicht hatte und es aufschloss, wurde ihr mulmig. Wieso war es Mark jetzt so wichtig, die Fahrräder ordnungsgemäß abzugeben? Er war doch sonst nicht so „deutsch“. Sie schüttelte den Gedanken schnell ab, trat in ihr Zimmer und das Letzte was sie hörte und spürte war ein dumpfer Schlag ins Gesicht, der im Dunkeln auf sie zu rauschte.

„Gut, dass du endlich wach bist, Kathi“, flüsterte es aus dem Dunkel der Zimmerecke. Die Stimme kam ihr sehr bekannt vor. Sie konnte sie aber einfach nicht zuordnen. Ihr war schwindelig und sie bekam kaum Luft. Sie hatte keine Ahnung wie lange sie ohnmächtig gewesen war. Offensichtlich war sie festgebunden und spürte ihre Hände kaum noch. „Hast wohl gedacht, ich sei im Knast oder tot“, sagte die Frauenstimme. „Heute wirst du büßen für das, was du mir angetan hast“. Und mit dem Schritt, den die dunkle Gestalt in den sanften Lichtkegel des Mondscheins machte, wurde Katharina schlagartig klar: das ist Victoria. Wie kam sie denn hierhin? Woher wusste sie wo Katharina war? Und was hatte sie vor? „Hmmmk!“, murmelte Katharina durch den mit Speichel und Blut durchtränkten Knoten in ihrem Mund, „Mmmmmmk!“. „Mark, wie du ihn nennst, wird dir nicht helfen. Marco Francesco hat dich schließlich gefunden und hierher gebracht. Das wird dir nicht gefallen. Aber er ist nicht der, für den du ihn hältst“. Katharina wusste nicht, worüber sie zuerst nachdenken sollte. Sie fühlte sich schlagartig verlassen und verloren. „Weißt du, Kathi, als du damals mit mir durch Mexiko gereist bist, dachte ich, wir seien echte Freundinnen. Wir haben alles geteilt. Die gemeinsamen Stunden in Mérida, die Tage am Meer, die Ausflüge nach Ek Balam und Tulum. Was wir alles unternommen haben! Und die Partys in Playa Del Carmen nicht zu vergessen. Die durchtanzten Nächte, die heißen Flirts mit Mexikanern und sonnenverbrannten Schweizern auf Sprachreise. Herrgott, ich hätte dir mein Leben anvertraut“. Stattdessen hatte sie Victorias Leben versaut. Katharina hatte seit jenem Tag am Flughafen in Cancún versucht, nicht mehr an Mexiko zu denken und an den größten Fehler ihres noch so jungen Lebens. Victoria riss Katharina das Tuch aus dem Mund. Diese versuchte hastig zu atmen und durch hilfloses Räuspern wenigstens ein bisschen von dem Eisen-Geschmack ihres Bluts loszuwerden. „Du hast mir deinen beschissenen Rucksack gegeben, weil du angeblich zu viel Gepäck für deinen Rückflug hattest und mich mit dem Ding eiskalt durch die Kontrolle gehen lassen. Kathi, sie haben das Kilo Kokain sofort gefunden. Was hast du denn gedacht, was passiert? Dass sie mich damit nach Europa reisen lassen?“. Katharina räusperte sich erneut heftig. Da trat Mark aus dem Dunkeln. „Wenn Marco mich nicht nach fünf Jahren durch viel Bestechung und Druck seines Kartells gegen die Justizbehörden aus dem Knast geholt hätte, wäre ich darin verreckt“. Victoria machte eine ruckartige Bewegung und stieß Katharina den Lauf einer Pistole an die blutverkrustete Schläfe. „Nicht nur, dass ich im Knast wie eine Gringa behandelt, geschlagen und vergewaltigt wurde. Nicht nur, dass ich meine Familie seit acht Jahren nicht mehr gesehen habe, weil sie mich verabscheuen. Nein, ich werde mein Leben lang in der Schuld des Tiburones Dormidos-Kartells stehen. So sind nun einmal die Spielregeln, wenn jemand verhaftet wird, weil er Koks bei sich trägt, das eindeutig einem bestimmten Kartell zuzuordnen ist. Und wir vom Kartell der schlafenden Haie rächen uns an jedem, der unseren Geschäften die falsche Aufmerksamkeit beschert“. Katharina rannten hunderte Tränen über die Wangen. Tränen der Angst, Tränen der Verzweiflung, Tränen der Reue. Was hatten die Jahre und das Gefängnis nur aus Victoria gemacht? Wie konnte sie das nur jemals wieder gut machen? „Vicky, ich…“, brachte sie noch hervor, da drückte diese bereits ab. Katharinas Schädel zerbarst augenblicklich. Victoria zog Katharina den Zweikaräter vom Finger und zog endlich an, was ihr versprochen war. Dann wandte sie sich ab und küsste Marco innig, „Acepto. Ja, ich will“.

„Qué pasa, Kathi? Was ist los?“, riss Vicky sie abrupt aus ihren Gedanken und schaute sie irritiert an. „Was ist nun? Hast du Übergepäck? Soll ich deinen Rucksack jetzt übernehmen oder nicht?“.

3 thoughts on “Die Höhle der schlafenden Haie

  1. Moin Jessica, ich finde du hast die Parameter gut umgesetzt und dir eine tolle Kurzgeschichte ausgedacht. Ich für meinen Teil hätte mich über 1-2 Absätze mehr gefreut. Ich finde dann lässt sich alles besser lesen. Ein wenig enttäuscht bin ich von deiner Titelauswahl, aber nicht weil sie schlecht ist, sondern nur weil ich mir darunter was ganz anderes vorgestellt habe..😅
    War halt noch nie in Mexico…

    LG Frank aka leonjoestick ( Der Ponyjäger)

  2. Hallo Jessica,

    wow – tolle Geschichte! Sehr spannend und mit einem unerwarteten Ende. Ich war selbst schon mal in Mexiko bzw. Yucatán und finde, dass Du das Land mit seiner schwülen Hitze, den bunten Farben und „exotischen“ Gerüchen wunderbar lebendig beschrieben hast.

    Zwei kleine Kritikpunkte:
    – Ich kann mir kaum vorstellen, dass man einer anderen Person „heimlich“ einen Verlobungsring anstecken kann („überstülpen“ klingt in dem Zusammenhang für mich auch etwas seltsam ;-))
    – Der Titel der Geschichte macht zwar neugierig, führt aber in die Irre, weil die Höhle der schlafenden Haie für die Handlung gar keine Rolle spielt.

    Ich habe Dir gerne ein „Like“ dagelassen und sende liebe Grüße,
    Ana2020 (ohne eigene Geschichte)

  3. Hallo Jessica,
    tolle Geschichte, du hast alles so schön beschrieben, da fühlte ich mich fast, als sei ich selbst in Mexico.
    Auch die Umsetzung der Parameter fand ich echt gut, zwar war mir recht früh bewusst, dass Mark etwas damit zu tun hat, dennoch überraschte mich das Ende 👍
    Viele Grüße
    Yvonne / voll.kreativ (Der goldene Pokal)

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