shanekampDie Maskierte

Es war der 31. Oktober und der einzige Tag im Jahr, an dem Lenni nicht auffiel, wenn sie ihr Gesicht unter einer Maske verbarg. An diesem einzigen Tag im Jahr wanderten die Blicke der anderen einfach an ihr vorbei, und wenn geredet wurde, dann nicht über sie. 

So war es auch dieses Mal. Niemand achtete auf sie, als sie sich an den Partygästen vorbeischlängelte, die vor dem Club Pachito in Grüppchen zusammenstanden, rauchten, tranken und die kühle Luft genossen.

Durch die offene Tür des Clubs pumpten Bässe ein wummerndes Willkommen in alle Himmelsrichtungen, und Lenni sog ihn tief ein, den Duft dieser einen Nacht im Jahr. Es roch nach Laubbäumen und Zigarettenqualm, nach Regen, Bier und feuchter Erde.

Frido wartete schon am Eingang auf sie. „Bier?“, rief er, kaum dass sie ihre Jacken an der Garderobe gelassen hatten, und deutete Richtung Bar.

Lenni streckte ihren Daumen nach oben. Die Musik machte es fast unmöglich zu sprechen. Einige Meter entfernt entdeckte sie Adem, der sein Gesicht kunstvoll in einen Totenkopf verwandelt hatte. „Scheint, als hätte er halb Berlin eingeladen“, brüllte sie Frido zu, belustigt und überwältigt zugleich von all den verkleideten Menschen. Hoffentlich hatte Adem vergessen, dass er sie heute mit einigen seiner Freunde bekanntmachen wollte.

Ihre Hand wanderte zu der Maske. Sie saß noch immer fest auf ihrem Gesicht.

Es war schon weit nach Mitternacht, als Lenni die Hitze unter der Maske nicht mehr aushielt. Sie sehnte sich nach frischer Luft. Gerade wollte sie nach ihrem Mantel greifen, als sie sah, dass auf dem Boden unter der Garderobe ein Handy lag. Es musste aus einer der Jacken gefallen sein. Sie hob es auf und sah sich um. Niemand schaute in ihre Richtung. Frido hatte sich mit einer Frau an der Bar verquatscht. Es war schön, ihn so zu sehen.

Neugierig schaltete Lenni das Display an – und zog scharf die Luft ein. Auf dem Bildschirm war sie selbst zu sehen. Ein Selfie aus dem letzten Sommer. Es war ein sonniger Tag gewesen, und sie lachte in die Kamera. Ihr Gesicht auf einem fremden Handy. 

Sie hätte damit rechnen müssen. Doch würde sie sich jemals daran gewöhnen können?

Lenni riss ihren Mantel unter den anderen Jacken hervor und ließ das Handy in die Seitentasche gleiten. Sie verließ den Club, ohne sich von Frido zu verabschieden. Und setzte die Maske erst ab, als die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fiel.

 

Benjamin wachte noch vor seinem Wecker auf. Er drehte sich auf die Seite und betrachtete das Gesicht seiner schlafenden Freundin. Er kannte jede Sommersprosse.

Wieder einmal fragte er sich, wieso Lenni sich für ihn entschieden hatte. Er war weder besonders groß noch besonders kräftig. Kurzum: An Durchschnittlichkeit fehlte ihm nur noch ein Name wie Müller oder Meier.

Benjamin schwang die Beine aus dem Bett und zog sich leise an. Über einem Stuhl in der Küche hing Lennis Mantel. Er stutzte. Aus einer der Taschen schaute ein fremdes Handy heraus.

Vorsichtig zog er das Telefon aus der Jacke.

Er starrte auf Lennis Gesicht auf dem Display und sein Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Verheimlichte sie ihm etwas?

Probeweise wischte er über den Bildschirm und stellte überrascht fest, dass er nicht gesichert war. So sehr er auch suchte, er konnte keine Textnachrichten finden. Das ergab keinen Sinn. Sein Blick fiel auf die Fotobibliothek. Er öffnete sie – und erstarrte. Seine Hand krampfte sich um das Gerät.

Es waren unzählige Fotos, alle leicht unscharf, und sie alle zeigten das gleiche Szenario. Ein Junge, keine zwanzig, saß auf dem Boden, sein nackter Oberkörper lehnte an einer Betonwand. Er war offensichtlich bewusstlos, sein Kopf hing schlaff über seiner Brust. Jemand hatte seine Hände gefesselt, sie lagen nutzlos in seinem Schoß. Seine Haut war von Blutergüssen überzogen. Es sah aus, als wäre er geschlagen worden.

Benjamin zoomte näher heran, doch es war unmöglich, das Gesicht des Jungen zu erkennen. Wie kam Lenni an diese Bilder?

Benjamins Gedanken rasten. Sollte er zur Polizei gehen? Oder erst mit Lenni reden? Ruhig bleiben, Bente. Dann ließ er das Handy in seine Sporttasche gleiten und verließ geräuschlos die Wohnung.

 

Frido brauchte Ewigkeiten, um ans Telefon zu gehen, und war alles andere als erfreut darüber, von Benjamin geweckt zu werden. In knappen Worten fasste Benjamin zusammen, was er auf Lennis Handy gefunden hatte. „Und deswegen meine Frage: Ist dir gestern irgendetwas aufgefallen?“

Frido verneinte. „Frag sie doch einfach danach. Dann weißt du, was Sache ist.“

„Hatte noch keine Zeit. Bin gerade auf dem Weg zum Stall.“

„Stall?“

„Ich trainiere die Pferde von meinem Vater.“

„Ach stimmt, hatte Lenni erzählt.“ Kurze Pause. „Sag Bescheid, wenn ich dir irgendwie helfen kann.“

„Ich halte dich auf dem Laufenden. Danke, Frido.“

 

Es wurde ein langer Tag für Benjamin. Immer wieder wanderten seine Gedanken zu dem Handy in seiner Tasche. Die Sonne ging gerade unter, als er die Tür zu Lennis Wohnung aufschloss. Sie telefonierte gerade, und Benjamin nutzte die Chance, um sich kurz aufs Bett zu legen und seine Gedanken zu sortieren.

Er wurde von einer Hand geweckt, die unter sein Shirt krabbelte. Lenni lag neben ihm und schaute ihn an. „Ich habe dich vermisst“, sagte sie und malte mit ihren Fingern Kreise auf seine Brust. „Gestern Abend.“

Benjamin war schlagartig wach. „Hi“, sagte er. Vergessen waren die Worte, die er sich zurechtgelegt hatte.

Ihre Augen funkelten. „Hast du Lust, heute mal was Neues auszuprobieren?“, fragte sie und setzte sich rittlings auf seine Hüften. Sie verschränkte ihre Finger mit den seinen und zog seine Arme langsam nach oben über seinen Kopf. Sie beugte sich zu ihm herunter und hauchte ihm einen Kuss auf die Lippen.

Benjamin spürte ein Stück Stoff an seinen Handgelenken. Im selben Moment begriff er, dass sie ihn mit einem ihrer Schals an das Bett band. Er versuchte seine Hände aus der Schlaufe zu ziehen, doch der Knoten war zu fest. Er unterdrückte ein hysterisches Lachen. Das passierte gerade nicht wirklich.

Lenni beobachtete ihn aufmerksam. Dann beugte sie sich langsam an sein Ohr und flüsterte: „Wo ist das Handy, Benjamin?“

 

„Ich schwöre, dass ich es in diese Tasche hier gesteckt habe!“ Hektisch kippte Benjamin den Inhalt seiner Sporttasche auf den Küchentisch. Lenni hatte ihn kommentarlos wieder losgebunden, nachdem er erschrocken eine Erklärung gestammelt hatte. Das hatte er davon, wenn er heimlich an ihre Sache ging.

„Dann ist es dir wohl herausgefallen.“ Wütend starrte sie auf den Haufen dreckiger Reitklamotten. Was war, wenn jemand das Ding fand?

„Unmöglich, der Reißverschluss war die ganze Zeit zu.“

„Wieso hast du das Handy überhaupt aus meiner Jacke genommen?“

Benjamin zuckte die Achseln und blickte angestrengt aus dem Fenster. Es war zu bezweifeln, dass er in der Dunkelheit dort draußen irgendetwas erkennen konnte.

Lenni wusste nicht, ob sie schreien oder heulen sollte. Hatte sie ihm jemals einen verdammten Grund gegeben, ihr zu misstrauen?

Es war lange still. Na, komm schon. Sie wussten doch beide, worüber sie hier redeten.

„Hast du noch vor, mich auf die Fotos anzusprechen?“, fragte sie und war selbst überrascht, wie kalt ihre Stimme klang. Benjamin wandte den Blick vom Fenster ab. 

„Das gerade im Bett war ein Test, oder? Du wolltest wissen, ob ich die Fotos gesehen habe.“

„War doch ganz witzig, oder?“ Lenni musste lachen. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen.“

„Das ist krank, Lenni!“ Sie sah, wie er seine Hände zu Fäusten ballte. „Schön, dass du deinen Spaß hast.“

„Ach komm.“ Sie wollte auf ihn zugehen, doch ein Blick von ihm ließ sie in der Bewegung innehalten. „Du denkst doch wohl nicht, dass die Fotos echt sind?“, fragte sie ungläubig.

„Ich weiß nicht, was ich denken soll.“

„Bente, ich bitte dich. Die sind gestellt, das sieht man doch. Welcher normale Mensch würde solche Bilder sonst auf einem Handy ohne Tastensperre speichern?“

„Also ist es gar nicht deins?“

„Ich habe es gestern im Pachito gefunden.“

„Und wieso dann dein Foto als Bildschirmhintergrund?“

„Keine Ahnung. Wäre ja nicht das erste Mal, dass mein Gesicht irgendjemandem nicht passt.“

„Und wer sollte das sein?“

„Das werde ich herausfinden. Wollte später mal Adem anrufen und fragen, ob jemand sein Handy vermisst.“

Benjamin sah nicht überzeugt aus.

„Verdammt, Bente. Denkst du, für mich ist das alles leicht hier? Ich habe die Schnauze voll davon, mein grinsendes Gesicht auf irgendwelchen Filmplakaten zu sehen! Ich will mein Privatleben zurück!“

„Was soll ich sagen, Lenni. Ich kenne viele Menschen, die gerne mit dir tauschen würden.“

Lenni lachte bitter. Er verstand gar nichts. „Weißt du eigentlich, dass ich dich total beneide, Bente? Du kannst rausgehen, ohne dass sich jemand für dich interessiert. Und du hast eine Familie, die sich freut, dich zu sehen.“

„Soll ich jetzt Mitleid mit dir haben, Prinzessin? Geh doch einfach raus und scheiß drauf, wenn die Leute über dich reden. Das mache ich auch. Das macht jeder. Du hast dein Leben so gewählt, also steh auch dazu.“

Verloren stand Leni mitten in der Küche und wusste nicht, was sie erwidern sollte. Am liebsten hätte sie Bente in den Arm genommen und alles vergessen, doch sie traute sich nicht, ihn anzufassen. Ihr kam ein Gedanke. „Ist euer Stall eigentlich videoüberwacht?“, fragte sie.

Benjamin nickte, sichtlich erstaunt über den abrupten Themenwechsel.

Lenni merkte, wie ihr vor Aufregung warm wurde. „Wenn du das Handy den ganzen Tag in der Tasche hattest, dann muss es dir jemand dort geklaut haben.“

„Gut möglich.“

Ihr fiel noch etwas ein. „Fehlt eigentlich sonst noch was?“

Benjamin öffnete sein Portemonnaie und fluchte. Das gesamte Bargeld war verschwunden.

„Komm.“ Lenni drückte ihm den Autoschlüssel in die Hand. „Wir fahren zum Stall und finden den Dieb, bevor er irgendeine Dummheit mit den Bildern anstellt. Vielleicht ist er der Polizei schon bekannt.“

 „Ist gut“, sagte er. Doch sie sah den Zweifel in seinen Augen und das verletzte sie mehr, als sie jemals zugegeben hätte.

 

Es wurde eine stille Autofahrt. Regentropfen wirbelten im Licht der Scheinwerfer und Benjamin musste sich konzentrieren, damit er nicht von der Straße abkam. Trotzdem konnte er sich einen schnellen Blick in Lennis Richtung nicht verkneifen. Es wirkte nicht so, als würde sie ihm etwas vorspielen. „Was glaubst du könnte der Grund sein für das alles hier?“, fragte er irgendwann.

„Ich habe dir doch von dieser Buchverfilmung erzählt, oder?“

Benjamin bejahte. Schien eine große Nummer zu sein, auch wenn er das Buch nie gelesen hatte.

„Adem wollte mich bei der Party dem Regisseur vorstellen, ein gutes Wort für mich einlegen. Allerdings passt einigen Leuten mein Gesicht für die Rolle nicht in den Kram.“

„Willst du den Film denn machen?“

Lenni zog ihre Beine auf den Sitz und legte den Kopf auf die Knie. „Ich weiß nicht. Ich wollte einfach einen schönen Abend mit Frido verbringen und mich wie jemand fühlen, der noch nie in seinem Leben vor der Kamera gestanden hat.“

Lennis Worte standen noch in der Luft, als Benjamin in den Hof einbog. „Weißt du, wer diese anderen Leute sind?“, fragte er.

Lenni nickte. „Allerdings.“

 

Der Raum, den sie Büro nannten, erinnerte Lenni an eine Werkstatt. Zu wenig Platz für zu viel Kram. Benjamin holte einen Laptop aus der Schreibtischschublade, öffnete ihn und loggte sich ein.

„Dann wollen wir mal sehen“, sagte er. „Ich war heute Morgen gegen acht Uhr hier.“

Lenni stand neben ihm und blickte gespannt auf den Bildschirm. „Da bist du.“ Sie zeigte auf ein dunkles Auto, das auf den Hof fuhr. Eine schmale Gestalt stieg aus.

„Genau. Jetzt gehe ich zum Haupthaus, lege meine Sachen dort ab und ziehe mich um. Dann laufe ich rüber zum Stall.“ Benjamin spulte langsam vor. „Es dauert etwas, bis ich Bass so weit habe. Jetzt.“ Die beiden beobachteten, wie Benjamin das Pferd über den Hof führte.

„Wie lange ging das Training?“, fragte Lenni.

„Zwei Stunden ungefähr. Die anderen kamen viel später, so gegen Mittag. Ich hatte die Halle den ganzen Morgen für mich.“

„Also könnte sich jemand zwischen acht und zwölf auf den Hof geschlichen haben. Es sei denn, jemand von deinen Kollegen hat sich an deinen Sachen zu schaffen gemacht.“

Benjamin schüttelte den Kopf. „Unwahrscheinlich.“

Lenni sagte nichts.

„Also warten wir ab, ob noch jemand auf den Hof kommt.“ Sie zog sich einen Stuhl heran. „Ist das der einzige Eingang?“

„Ja.“ Benjamin stellte einen Zeitraffer ein. Die Minuten flogen über den Bildschirm, doch nichts regte sich.

„Da!“ Hastig stieß Lenni ihren Finger auf den Laptop. „Da ist jemand!“

„Jajaa“, brummte Benjamin. „Pass auf mit dem Display.“

Er hielt das Video an. Zoomte ran. Starrte das Gesicht auf dem Laptop an. Dann blickte er zu Lenni.

„Das glaube ich nicht“, flüsterte Lenni. Benjamin griff ihre Hand.

Sie ließen das Video weiterlaufen. Die Gestalt schlich ins Haupthaus und verließ den Hof kurz darauf.

 

„Wo ist es?“, fragte Lenni ohne ein Wort der Begrüßung und stürmte an Frido vorbei in die Wohnung. „Ich weiß, dass du es hast.“

Frido schaute ihr überrascht nach, eine Flasche Bier in der Hand. „Das Schwesterherz. Welch Überraschung! Was verschafft mir die Ehre?“

„Gib es her. Sofort.“ Lenni riss jede Schublade auf, die sie auf die Schnelle finden konnte.

„Bist du allein hier?“ Frido lallte schon. Es war eindeutig nicht mehr seine erste Flasche.

„Bente wartet im Wagen.“

Das Geräusch der ins Schloss fallenden Wohnungstür ließ sie innehalten. Sie hob den Blick.

„Suchst du das hier?“ Er streckte einen Arm aus. Auf seiner Handfläche lag das Handy. Lenni wollte nach dem Telefon greifen, doch Frido zog seine Hand zurück.

Schweigen breitete sich aus. Nur das entfernte Ticken einer Uhr war zu hören. „Warum?“, fragte Lenni wütend. Sie musste sich beherrschen, ihn nicht anzuschreien.

Frido sah sie aufmerksam an. „Hast du es gewusst?“

„Was gewusst?“

„Das mit Papa.“

Lenni schwieg überrascht. Ihr Zorn war verschwunden, so plötzlich, wie er gekommen war. „Ich habe es nicht mehr ausgehalten, Frido“, flüsterte sie schließlich und versuchte, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken.

„Du hast mich mit ihm allein gelassen“, sagte ihr Bruder mit bebender Stimme. „Du hast es gewusst und nichts gemacht.“

Lenni streckte einen Arm nach ihm aus, doch Frido schlug ihre Hand zur Seite.

„Warum hast du mich nicht mitgenommen, als du gegangen bist?“ Er schluchzte laut auf, fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht. „Verdammt!“ Er schlug mit der flachen Hand auf die Wand neben sich, drehte sich weg. „Ich will nicht vor dir heulen.“

„Es ist okay, Frido.“

„Okay?“ Fridos Stimme wurde lauter. „Gar nichts ist okay!“ Er packte sie an den Armen und schüttelte sie. Lenni versuchte, sich aus seinem Griff zu winden, doch ihr kleiner Bruder war stark. „Du verstehst einfach gar nichts!“, schrie er und stieß sie rückwärts gegen die Wand. „Weil du nur an dich denkst!“ Seine Finger krallten sich in ihre Oberarme.

„Du tust mir weh, Frido.“ Auch Lenni liefen die Tränen über die Wangen.

Er lockerte seinen Griff, stieß sie von sich. Machte ein paar Schritte zurück. Er packte seine Haare, riss daran und schrie, und Lenni rutschte auf den Boden und sah wie betäubt zu, wie ihr Bruder die Kontrolle verlor.

„Ich war doch selbst noch ein Kind“, schluchzte sie.

Frido krümmte sich vor ihr zusammen. Sein ganzer Körper erzitterte in kurzen, heftigen Stößen. Er weinte hemmungslos. „Denkst du, ich habe mir keine Sorgen um dich gemacht?“

Sie hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. Nachdem Mama weg war, hatte ihr Vater seine Wut an Lenni ausgelassen. Als ob es ihre Schuld wäre, dass Mama ihn verlassen hatte!

„Du lügst.“ Noch immer wurde Frido von hysterischen Schluchzern geschüttelt. „Unsere Familie hat einfach nicht in deine Vorstellung eines perfekten Lebens gepasst. Die großartige Lenara Valee.“ Er spuckte ihr vor die Füße.

„Was hat er mit dir gemacht, Frido?“, fragte Lenni panisch. Sie musste die Situation dringend unter Kontrolle bringen.  

Ihr Bruder lachte bitter auf. „Du hast es doch gesehen.“

Die Worte standen lange in der Luft, bis Lenni begriff. Auf den Bildern, das war er.

„Du hast mich tatsächlich nicht erkannt.“

Lenni vergrub das Gesicht in ihren Händen. Die Fotos waren so unscharf gewesen! Sie fühlte sich elend.

„Sind auch bloß Screenshots. Hatte eine Kamera versteckt.“ Er stemmte sich hoch in Sitzposition, hatte sich wieder gefasst. „Es hat angefangen, nachdem du fort warst.“

Stille trat ein. Hatte sie es nicht geahnt? Gewalt und Frust hatten bis zu seinem Tod eine größere Rolle im Leben ihres Vaters gespielt als seine Kinder. Und trotzdem war sie nie zurückgekommen, um nach ihrem Bruder zu sehen. Wie benommen lehnte Lenni ihren Kopf gegen die Wand. Ihr Gesicht fühlte sich heiß an, ihre Augen drückten, als wären sie geschwollen.

„Und das Handy sollte deine Rache sein?“

Frido schaute sie abfällig an. „Eine kleine Erinnerung daran, dass du mich den Preis hast zahlen lassen für dein perfektes neues Leben. War nicht schwer, ein aktuelles Bild von dir aus Facebook herunterzuladen.“ Er musste husten. „Ich wollte aber nicht, dass du es selbst findest. Habe es bei der Party in eine der Jacken gesteckt.“

Berlin liebte Gerüchte. Die Sache hätte sofort die Runde gemacht. Sie war überrascht, wie wenig Frido sich hatte anmerken lassen an dem Abend.

Frido redete sich warm. „Ich dachte früher echt, wir wären ein Team, Lenni. Und dann hast du dich gegen dich selbst und für die neue Lenara entschieden und mich aus deinem Leben gestoßen, so einfach, als würdest du einen Popel vom Finger schnippen. Hast es gestern ja nicht mal für nötig gehalten, dich von mir zu verabschieden.“

Lenni schloss die Augen, damit Frido die Verzweiflung in ihnen nicht sah. Das war alles so falsch.

„Lenara Valee ist eine Kunstfigur. Das bin nicht ich“, erklärte sie. Das wäre alles nicht passiert, wenn er einfach mit ihr geredet hätte! Doch sie bemühte sich, den Frust aus ihrer Stimme zu bannen. Wut, das hatte ihr Vater sie gelehrt, war keine Emotion, die Konflikte lösen konnte.

„Ich wünsche mir jeden Tag, dass ich ihr Gesicht absetzen könnte wie eine Maske“, fügte sie hinzu.

Frido lachte bitter. „Freut mich zu hören, dass du unzufrieden bist. Wenigstens etwas.“ Er warf ihr das Handy zu. „Mach damit, was du willst.“

Lenni starrte auf das Telefon in ihrer Hand. „Woher wusstest du eigentlich, dass Bente es mit zum Stall genommen hat?“

Frido schaute sie mitleidig an. „Weil er mich angerufen und es mir gesagt hat.“

Lenni fühlte sich, als hätte ihr jemand mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen. Nein. Das konnte nicht sein. Wenn Benjamin wusste, dass das Handy Frido gehörte, und er ihr es nicht gesagt hatte…

„Das glaube ich nicht“, flüsterte sie.

„Tja, Schätzchen. Es bekommt halt jeder im Leben, was er verdient.“ Frido wuchtete sich hoch. „Das gilt für unseren Vater ebenso wie für dich.“

Es klingelte. Fast hoffte sie, dass einer der Nachbarn die Polizei gerufen hatte.

Frido ging zur Tür und schaute durch den Spion. „Sieh einer an“, murmelte er. „Den kennen wir doch.“ Er öffnete. „Willkommen zum Familientreffen.“

Benjamin tauchte im Flur auf. Erschrocken schaute er von Frido zu Lenni, die noch immer auf dem Boden saß.

„Bist du okay?“, fragte er besorgt und war in wenigen Schritten bei ihr. Er hockte sich neben sie und wollte sie in den Arm nehmen, doch Lenni wehrte ab.

Benjamin erhob sich und drehte sich zu Frido um. „Ich weiß nicht, was dein Problem ist“, sagte er in einem Tonfall, den Lenni noch nie bei ihm gehört hatte. „Aber ich werde nicht zulassen, dass du ihr wehtust!“

Frido lachte laut auf. „Du willst sie beschützen, Pferdejunge? Guck dich doch an.“ Abfällig musterte er ihn von Kopf bis Fuß.

Bevor Lenni realisierte, was geschah, hatte Benjamin sich auf Frido gestürzt und ihm seinen Autoschlüssel direkt unter das Schlüsselbein gerammt.

Sie rappelte sich auf und rannte zu ihm. Frido krümmte sich vor Schmerzen und presste seine Hand auf die Stelle, an der Benjamin ihn getroffen hatte. Seine Finger verfärbten sich rot. „Es bekommt jeder im Leben das, was er verdient, oder wie war das noch?“, flüsterte sie ihm ins Ohr. „Das würde unser Vater bestimmt ähnlich sehen.“

Sie zog Fridos Handy aus seiner Hosentasche und wählte den Notruf. Der Krankenwagen würde in wenigen Minuten da sein. Bis dahin musste sie von hier verschwunden sein.

„Komm“, sagte sie zu Benjamin. Auf der Ablage im Flur lag Fridos Portemonnaie. Lenni nahm alles Bargeld heraus und drückte es Benjamin in die Hand.

Draußen regnete es noch immer, doch Lenni genoss das Gefühl des kühlen Regens auf der Haut. Es gab viel zu besprechen. Bente würde ihr einiges erklären müssen. Erst danach würde sie sich bei ihm für die Sache mit dem Schal entschuldigen und für Frido jemanden suchen, mit dem er reden konnte. Und sie würde nie wieder eine Maske aufsetzen. Eines Tages dann würde die Welt ihr Gesicht vergessen und sie würde nur noch für sich selbst und keine fremden Zuschauer mehr lächeln.

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