GjosaDie Narben der Vergangenheit

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Das Rattern eines Zuges hatte auf Georg Brandeisen stets eine einschläfernde Wirkung. Er gähnte nun schon das dritte Mal, während er seinen Blick über die vorbeirauschende Landschaft schweifen ließ, ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Auch sein Gegenüber hatte das leichte Schaukeln des Waggons in den Schlaf gewiegt.

Er saß an dem schmalen, lackierten Sperrholztisch Georg gegenüber in seiner Ecke gekauert. So hatte er schon gesessen, als Georg seinen Sitzplatz eingenommen hatte. Auch in den sich ins endlos ziehenden Stunden der Bahnfahrt, in der Georg mehrere gemurmelte Telefonate geführt, etliche Mails auf einem Tablet getippt und schließlich mit trübem Blick und schweren Lidern die Mitreisenden gemustert hatte, hatte der junge Mann sich nur einmal geregt. Jedenfalls nahm Georg an, dass es sich um einen Mann handelte, denn hinter der dunklen Sonnenbrille und der tief ins Gesicht gezogenen Basecap konnte man nur wenig vom Gesicht erahnen.

Auf dem Tisch vor ihm lag das Handy des jungen Mannes und sein leises Brummen weckte ihn aus seiner Reglosigkeit. Zumindest sein rechter Arm, der die ganze Zeit verschränkt mit dem linken, vor seiner Brust geruht hatte, bewegte sich und eine schmale Hand ergriff das Smartphone, hob es kurz an und legte es dann wieder mit dem Bildschirm nach unten vor sich. Der Arm gesellte sich zu seinem Partner und der Mann verfiel wieder in Bewegungslosigkeit.

Wäre Georg nicht von einem langen, ermüdenden Lehrgang kommend auf dieser langen, ermüdenden Zugfahrt gewesen, hätte er sich den Mann vielleicht etwas genauer angesehen. So aber war er froh, seine Ruhe zu haben und seine Gedanken davon schweifen zu lassen. Er hatte später noch genug Zeit, das zu bereuen.

 

Du wirst alt, dachte er bei sich, den Blick wieder auf das Fenster gerichtet. Darin sah er sein Spiegelbild, undeutlich und verschwommen, aber eigentlich wusste er ja, wie er aussah. Alt und müde. Die Linien auf seiner Stirn und um die Mundwinkel, hineingemeißelt durch die Zeit und durch einige Erlebnisse, um ihn wohl niemand beneidete. Er sich selbst auch nicht. Vielleicht langsam Zeit für die Pension.

Tatsächlich fühlte er sich erschöpfter als nach einer ereignisreichen Nachtschicht in seiner Ausbildungszeit. Und jetzt, nach einem elenden Lehrgang, fühlte er sich wie erschlagen.

Er rieb sich den linken Arm. Auch ein Zeichen, dass er alt wurde. Die Narben, so alt sie waren, juckten mit jedem Jahr stärker. Insbesondere bei diesen ständigen Wetterwechseln, die dieser Sommer zu bieten hatte. Auch jetzt türmten sich in dem strahlendblauen Sommerhimmel die cumulig-weißen Vorboten eines Abendgewitters. Das Jucken verstärkte sich, als hätte es nur auf Georgs Aufmerksamkeit gewartet. Entnervt schob er den Ärmel seines weißen Hemdes hoch und kratzte erst vorsichtig, dann immer energischer über die weißen Striemen auf seinem Unterarm. Wie ein Netz überzogen sie seine Haut, vom Handrücken bis knapp zum Ellenbogen. Um das Handgelenk war das Netz am engsten geknüpft. Und dort juckte es auch am stärksten.

Georg unterdrückte ein Knurren, teils wohlig, als der eine Schmerz den anderen überlagerte, teils wütend. Katja, seine Frau, hatte ihn nicht nur einmal gefragt, woher diese Narben stammten und er hatte ihr eine plausible Erklärung geliefert. Eine plausible, aber nicht wahrheitsgemäße Erklärung. Inzwischen fragte sie nicht mehr nach. Vermutlich nicht zuletzt deswegen nicht, weil sie bereits zwei Jahre tot war. Ja, der Tod verfolgte ihn. So viele seiner Weggefährten waren bereits gestorben.

Ein plötzliches Bild in seinem Geiste ließ ihn im Kratzen innehalten. Georg schüttelte sich, um das Bild zu vertreiben. Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Arm und als er darauf schaute, sah er das Blut, das unter seinen Fingernägeln aus der aufgekratzten Haut seines Handgelenks quoll. Nur wenige Tropfen. Aber Georg wurde es bei dem Anblick übel. Nicht wegen des Bluts an sich. In seiner Karriere hatte er schon viel Blut gesehen. An sich, an Kollegen, an Unfallopfern, an Mordopfern …

Galle lief ihm in den Mund. Schnell ergriff er die kleine Plastikflasche vor sich, öffnete sie und nahm mehrere Schlucke Wasser. Auch in der Hoffnung, mehr als nur die Magensäure fortzuspülen. Mit mäßigem Erfolg. Er blickte erneut auf sein Handgelenk. Sein Ärmel war herabgerutscht und hellrote Flecken zeigten sich darauf. Einen kurzen Impuls lang hatte Georg das Bedürfnis, den Ärmel abzureißen. Er atmete tief durch und erinnerte sich an das Hier und Jetzt, um die Vergangenheit aus seinem Geist zu streichen.

Die Lautsprecherdurchsage war fast eine Erlösung. Georg konzentrierte sich auf die elektronisch schnarrende Stimme des Schaffners oder Lokführers oder wer auch immer diese Durchsagen machte. Er achtete auf die Stimmlage, die Modulation der einzelnen Worte, ohne wirklich den Sinn zu erfassen. Ein sanft ansteigender Druck in seinem Rücken machte deutlich, dass sie kurz davor waren in einen Bahnhof einzufahren. Der Bahnsteig, der gleich darauf neben ihm auftauchte, war angefüllt mit Menschen. Georg musterte sie, in dem Bestreben, die letzten Fäden der Vergangenheit, die seinen Geist noch gefangen hielten, zu kappen. Da waren die Geschäftsleute, mit ihren Aktentaschen und den Airpods im Ohr, die Weitreisenden mit ihren großen Koffern, die Großeltern, die ihren Enkel verabschiedeten. Die üblichen Gesichter, auch wenn sie alle unbekannt waren.

Georg blickte auf die Uhr und bemerkte erst dann, dass sein Gegenüber verschwunden war. Nur das Handy lag noch auf dem Tisch vor ihm. Georg schaute sich einmal in dem Gang um und dann unwillkürlich auf den Bahnsteig, ob er den jungen Mann irgendwo sah. Vielleicht war auf die Toilette gegangen.

Die Glastür des Abteils zischte, als sie sich elektronisch öffnete, und die Ruhe der letzten Stunde verpuffte in dem Gemurmel und Gedränge der hereinkommenden Menschen. Ein Mann in einem dunklen Anzug setzte sich Georg gegenüber und er überlegte schon, ob er ihn darauf hinweisen sollte, dass der eine Platz besetzt war, aber eigentlich war es ihm egal. Das hier war schließlich nicht seine Sache. Er war zu müde, um sich in die Angelegenheiten anderer Menschen zu mischen. Und das, als Polizist, dachte er mit einem matten Lächeln. Na, er konnte ja immer noch eingreifen, sollte es zu Streitereien kommen.

Der neue Mitreisende holte einen Laptop hervor, murmelte etwas, das mit viel Fantasie eine Entschuldigung hätte sein können, aber mehr wie ein Vorwurf klang, und schob das Handy des verschollenen jungen Mannes Georg zu. Unwillkürlich griff Georg danach und blickte kurz auf den Bildschirm, ohne wirklich darauf zu achten, mit der eigentlichen Absicht, es neben sich auf den Sitz zu legen, um es dem jungen Mann zu übergeben, wenn der wieder erschien. Der Bildschirm leuchtete auf.

Georg zuckte und wollte das Handy schon beiseitelegen, eh man ihn des Diebstahls bezichtigen konnte. Dann hielt er inne. Das Handy war entsperrt.

Und das erste, das er sah, war ein Foto. Das Foto einer Frau.

Der Schmerz in seinem Unterarm flammte auf. Die Galle schoss ihm erneut in die Mundhöhle und fast hätte er sich erbrochen. Schnell würgte er sie wieder hinab. Georg rieb sich mit der freien Hand über die Augen. Zu müde. Zu müde. Erschöpft. Wahnvorstellungen. Zögerlich öffnete er wieder die Lider. Erneut traf ihn das Bild wie ein Schlag in die Magengrube.

Kalter Schweiß rann ihm den Nacken hinab. Das Handy rutschte ihm aus den feuchten Fingern und fiel auf den Sitz neben ihm, mit dem Bildschirm nach oben. Georg war sich nicht sicher, ob es Hohn war, der aus dem Foto sprach. Schnell drehte er das Handy um.

Dann hob er den Blick, um zu sehen, ob irgendwer etwas bemerkt hatte. Doch niemand schaute in seine Richtung. Der Geschäftstyp ihm gegenüber hackte auf seinen Laptop ein, während er nebenher in sein Headset nuschelte. Die Frau auf der anderen Seite des Gangs las in ihrem Buch. Die Männer ihr gegenüber waren in ein Gespräch vertieft. Georg schaute den Gang entlang, dann wandte er sich um, um in die andere Richtung zu blicken. Der junge Mann, dem das Handy gehörte, war nirgends zu sehen. Und nun wusste Georg, welche Nachlässigkeit es gewesen war, sich den Kerl nicht genauer angesehen zu haben.

 

Nach einem Moment der Panik, besann sich Georg und war sogar kurz davor zu lachen. Er hatte sich in etwas hineingesteigert. Bestimmt war die Ähnlichkeit nur Zufall. Er ergriff erneut das Handy und hob es vor sein Gesicht. Erneut leuchtete sofort wieder der Bildschirm auf und das Hintergrundbild zerstörte sofort seine Hoffnung, dass es nur ein Zufall war. Es war eindeutig. Er kannte das Gesicht. Es war in sein Gedächtnis gebrannt. Bis zu den letzten Regungen, eh es für immer …

Georg schüttelte den Kopf. Warum entsperrte sein Gesicht das Handy? Er wusste, dass die Gesichtserkennung nicht die sicherste Methode war, um sein Handy vor unbefugtem Zugriff zu sichern, aber warum, zum Teufel, konnte sein Gesicht das Handy entsperren, das sie zeigte? Das war ein bisschen zu viel des Zufalls, als dass es ein erfahrener Ermittler einfach von sich weisen konnte. Auch wenn er es gerne wollte.

Er ging den Inhalt des Handys durch, besah sich alle Informationen, die darin gespeichert waren. Und während er sich durchklickte, wurde ihm immer mehr bewusst, dass das hier alles andere, als ein Zufall war. Jemand wusste etwas. Und dieser Jemand wollte, dass Georg wusste, dass er es wusste. Er stieß die Luft aus, sah kurz aus dem Fenster, dann seine Mitfahrer an. Der Geschäftsmann gegenüber warf ihm einen zweifelnden Blick zu, aber sah dann schnell wieder auf seinen Laptop, als würde er in Georgs Augen etwas sehen, das er eigentlich nicht sehen wollte.

Georg widmete sich wieder dem Handy. Er hatte alles durchforstet, ohne etwas zu finden. Weder Kontakte noch Nachrichten noch andere Hinweise auf den Eigentümer. Alles, bis auf eines. Und jetzt hing sein Finger fast ein wenig zögerlich über dem Icon auf dem Bildschirm, eh er es berührte.

In dem Ordner waren nur zwei Bilder.

Und eins davon zeigte ihn. Mit ihr im Arm.

Georg lehnte sich zurück und betrachtete das Bild, als würde es irgendwen anderen zeigen. Nicht ihn. An diesem Ort. Er hatte ihn seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr besucht. Eher noch länger. Verzweifelt klammerte er sich an die Hoffnung, dass das alles nur ein Irrtum war. Vielleicht ein Traum. Gleich würde er aufwachen, von einem abrupten Stopp des Zuges oder einer der blechernen Durchsagen, und er würde sich den kalten Schweiß des Albtraums von der Stirn wischen. Er drehte seinen Arm und betrachtete die Narben auf seinem linken Arm. Die frischen Wunden schmerzten noch immer, nicht zuletzt durch den salzigen Schweiß, der nun aus allen Poren drang.

Das Handy vibrierte in seiner Hand. Georg zuckte kurz. Eine Nachricht erschien auf dem Bildschirm. Ohne recht zu merken, was er tat, tippte er darauf und öffnete sie.

„Hallo Georg. Lust auf ein Spiel?“

„Wer sind Sie?“, antwortete Georg sofort.

„Ein Spiel“, wiederholte der Unbekannte nur. „Um Leben und Tod.“

Georg musste ein Knurren unterdrücken. Er hasste diese Typen. Diese Möchtegern psychopathischen Spinner, die zu viele Filme gesehen hatten und dachten, sie könnten sich genau so gebärden. Es gab nicht viele von ihnen und in der Regel fielen sie auch nicht Georgs Ressort, schließlich hatte er mehr mit Drogendelikten zu tun. Und gerade bei dem Gedanken fiel ihm jemand ein. Jemand der von ihr und ihm wusste. Er hatte gedacht, dass dieser jemand genügend zufriedengestellt worden war, aber offensichtlich machten die Jahre einen Menschen gieriger.

Er schaute auf seine Hand, die das Smartphone hielt. Wie ärgerlich, dass ihn hier sein polizeilicher Instinkt verlassen hatte, aber vielleicht konnte man ja noch etwas darauf entdecken. Er zog eine Packung Papiertaschentücher aus seiner Tasche, zog alle Taschentücher heraus. Doch eh er das Handy in die Plastikverpackung steckte, schickte er sich selbst die Bilder, die auf dem Handy waren. Das von ihr und das von ihm selbst. Dann löschte er sie auf dem fremden Handy. Anschließend rief er jemanden an, der ihm vielleicht behilflich sein konnte das Rätsel zu lösen.

 

In Mainz angekommen, machte er sich sofort auf den Weg zu seinem Büro. Linda erwartete ihn vor seinem Büro und fast hätte Georg die junge Frau umarmt, so erleichtert war er, sie zu sehen. Stattdessen klopfte er ihr freundlich auf die Schulter und fragte sie nach ihrem Befinden. Linda strich sich ihre braunen Locken nach hinten und antwortete knapp, dass es ihr soweit gut ginge, und fragte dann, wie sie Georg helfen könnte.

Der lächelte. Ein wenig verspürte er tatsächlich so etwas wie väterliche Gefühle, für die junge Frau, in dem schlabberigen Kapuzenpullover und der löcherigen Jeans. Er mochte ihre Effizienz und dass sie nie unnötige Fragen stellte. Er dankte Gott und seinem guten Freund Johannes, dass dieser ihm seine Tochter Linda vorgestellt hatte. Und nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters fühlte er sich nun auch für sie verantwortlich. Noch immer machte ihn der Gedanke an den Tod dieses herausragenden Forensikers betroffen. Ein Unfall, hieß es. Eine Unachtsamkeit, beim Untersuchen eines vergifteten Messers. Es war jede Hilfe zu spät gekommen. Georg erinnerte sich genau an diesen Tag.

Er rieb sich den Arm, der wieder angefangen hatte zu jucken. Er hatte den Arm in aller Eile provisorisch verbunden, aber nichts gehabt, das seine Schmerzen und den ständigen Drang sich zu kratzen unterdrückte.

Linda blickte ebenfalls auf seinen Arm und dann Georg fragend an.

„Nur eine alte Verletzung. Nichts gravierendes“, sagte er, doch die Sorge in ihren Augen blieb. Als würde sie sich für sein Leid verantwortlich fühlen. Das ließ seinen Arm nur noch stärker jucken, als würde das irgendwie mit seinen Schuldgefühlen korrelieren.

„Soll ich danach schauen?“, fragte Linda.

Georg schüttelte nur den Kopf.

„Was kann ich dann für Sie tun?“

Georg räusperte sich. „Du müsstest etwas für mich untersuchen“, sagte er leise.

Er zog das fremde Handy hervor, das noch immer in seiner notdürftigen Plastikhülle steckte. Linda nahm es entgegen und blickte erst einen Moment stirnrunzelnd das Handy und dann Georg fragend an.

„Fingerabdrücke vor allem. Und ob dir noch etwas auffällt daran. Äußerlich.“

„In Ordnung“, sagte Linda. „Das dürfte kein Problem sein.“

Georg erwartete, dass er noch das ein oder andere erklären müsste, doch Linda fragte nichts mehr. Sie nickte nur.

„Dürfte nicht lange dauern“, sagte Linda. „Sind Sie hier?“

„Nein, ich muss gleich noch was erledigen. Du kannst mir ja morgen alles mitteilen. Oder mir eine Nachricht schicken, solltest du irgendwas ungewöhnliches feststellen.“

„Kein Problem“, sagte Linda. „Soll ich noch mehr untersuchen? Oder ist das alles?“

Georg hatte schon überlegt, ob man den Besitzer der Nummer herausfinden könnte, die die Nachricht mit dem Bild verschickt hatte, doch das würde vielleicht Fragen aufwerfen. Und möglicherweise alte Narben wieder aufreißen. Er rieb sich den Arm.

„Nichts weiter. Danke.“

Es gab schließlich auch keine Dateien, Bilder oder sonstiges zu finden. Georg hatte alles gelöscht.

Auch die letzte Nachricht, mit dem Text: „Wir spielen Topfschlagen. Ich werde dir sagen, wenn du den richtigen Topf erwischst.“

 

Georg blickte die erst kürzlich in einem dezenten Grau gestrichene Fassade hinauf. Es hätte auch gut und gerne ein normales Mehrfamilienhaus sein können. Nur das rote Licht, das die zahlreichen Fenster erhellte, machte deutlich, was in diesem Haus getrieben wurde. Nicht vieles erinnerte mehr an die runtergekommene Bude, in die es ihn als jungen Mann verschlagen hatte. Und als er so darüber nachdachte, wunderte er sich, was ihn überhaupt dazu getrieben hatte, das Gebäude damals zu besuchen. Es hätte alles einfacher gemacht. So vieles unnötig gemacht. Er zuckte die Schultern und stieg widerwillig die Stufen hinauf.

Auch der Innenraum zeugte deutlich davon, dass die Inhaberin nicht mehr nur gerade so über die Runden kam. Und Georg wusste auch genau, warum das Geschäft hier gut lief. Und das war sicher nicht den überaus attraktiven und arbeitseifrigen Damen geschuldet, die nun interessierte Blicke auf Georg warfen. Er ignorierte sie.

Er kündigte sich bei einem bullig aussehenden Individuum an und der wies ihm mit seiner haarigen Pranke den Weg zum Boudoir der Hausherrin. Jede andere hätte es vielleicht Büro genannt, doch Boudoir kam dem Einrichtungsstil durchaus nahe. Statt der Geschäftsmäßigkeit eines Schreibtisches wurde ein Besucher von einer auf antik getrimmten, roten Chaiselongue begrüßt. Schwere Samtvorhänge in einem dunklen lila drängten nicht nur das Sonnenlicht hinaus, sondern wirkten als seltsam verstörender Kontrast zu der Chaiselongue. Ein Designerkronleuchter und etliches goldgerahmtes Gekrakel vervollständigten die Ansammlung des schlechten Geschmacks und der Vulgarität. Und Georg war sich nie ganz sicher, ob es eine bewusste Provokation oder vielmehr ein bewusstes Unterwerfen der Erwartungen war, oder ob es tatsächlich dem Geschmack von Madame entsprach. Egal wie, fühlte er sich hier immer wie in einem psychedelischen Albtraum gefangen. Verstärkt wurde das Gefühl von dem unterschwelligen Geruch nach Essigsäure.

Madame lag in einem feinen, blauen Negligé auf ihrer Chaiselongue, ein Bein lang ausgestreckt, das andere baumelte hinunter, sodass der spitze, lange Absatz schmale Spuren in dem rosa Plüschteppich hinterließ. Sie war trotz ihrer knapp sechzig Jahre noch immer eine überaus attraktive Frau. Jedenfalls wenn man es etwas reifer mochte. Nicht mehr so knackig, wie viele ihrer Mitarbeiterinnen, aber dafür strahlte sie eine Erfahrung aus, an die wohl keine auch nur entfernt herankam.

„Ah, Georg“, gurrte sie in ihrer tiefen Stimme. „Wie schön. Ich habe letztens noch an dich gedacht.“

Georg zuckte innerlich zusammen. Wenn das nicht schon eine Art Geständnis war. Und es bestätigte sich doch nur wieder, dass ein Geheimnis nur dann ein gutes Geheimnis war, wenn niemand davon wusste. Er hätte das schon früher beherzigen sollen.

 

Linda schickte ihm eine Nachricht und er traf sie nur wenig später in seinem Büro. Sie überreichte ihm das Handy, an dem noch Spuren des dunkeln Pulvers hingen, mit dem sie es bestäubt hatte, um die Fingerabdrücke sichtbar zu machen und abzunehmen.

„Hast du etwas gefunden?“, fragte Georg eifriger, als ihm lieb war.

Linda hob die Schultern. „Nun, nicht direkt. Ein paar Teilabdrücke, aber niemand aus unserem System hat darauf gepasst.“

Georg spürte die Enttäuschung wie eine Hand, die ihn den Hals zudrückte. Der Schmerz in seinem Arm flammte auf und er rieb heftig darüber. Als er es bemerkte, knurrte er und riss heftig seine rechte Hand fort, als müsste er sie zwingen, nicht mehr weiter zu kratzen. Es hatte fast etwas Selbstzerstörerisches, bemerkte er. Also wollte seine eine Körperhälfte die andere auslöschen. Oder vielleicht auch nur das, was die andere Hälfte getan hatte?

„Ich habe noch etwas für Sie.“ Lindas Stimme schreckte ihn aus seinen Gedanken. Sie hielt ihm einen Verband und eine Tube Salbe entgegen. „Ihr Arm“, sagte sie. „Ich werde mich darum kümmern, wenn Sie erlauben.“

Eigentlich fühlte er sich zu aufgewühlt, als dass er noch viel länger hier verweilen wollte. Er musste etwas tun. Irgendetwas. Auch wenn er noch nicht genau wusste, was. Er hatte keinen Anhaltspunkt. Keine Ahnung, was der richtige Topf sein könnte. Oder ob er ihn bereits gefunden hatte.

Etwas berührte ihn am Arm. Georg zuckte zusammen. Seine Hand fuhr nach vorne und hielt erst inne, als er etwas Weiches, Warmes zwischen seinen Fingern fühlte. Georg hatte kaum mitbekommen, dass Linda aufgestanden war und um den Tisch herum, zu seinen Platz gekommen war, um sich neben ihn hinzuknien.

Erschrocken blickte sie zu ihm hoch, sagte aber nichts. Langsam löste Georg seine Hand von ihrem Hals. Die Wunden in seiner linken Hand pulsierten wie wild.

„Es tut mir leid. Ich … ich weiß nicht, was … Es tut mir leid.“

Linda nickte nur wieder. Dann, als wäre nichts geschehen, löste sie seinen provisorischen Verband. Er klebte an der nässenden Wunde. Linda reinigte die Wunde mit einem in Alkohol getränkten Tuch – es fühlte sich an, als würde es ihm geradewegs die Narben aus der Haut brennen – und verteilte dann mit kühlen Fingern eine weiße Salbe darauf. Anschließend verband die den Arm ordentlich.

„Und nicht mehr anfassen“, sagte sie ruhig, als sie aufstand.

Georg nickte und dankte ihr, mit rauer Stimme. Noch immer sah er seine Hand an ihrem Hals. Spürte die Wärme ihrer Haut. Die Verletzlichkeit.

„Was ist da passiert?“, fragte Linda und deutete auf seinen Arm.

„Ein … Unfall“, sagte Georg.

Irgendwie war der Tod doch immer ein Unfall, oder nicht? Er spürte es wieder. Den schlanken Hals, wie er dem Druck seiner Hände nachgegeben hatte. Die seltsam würgenden, keuchenden Geräusche, die daraus hervorgekrochen waren, abgehackt und mit jeder Sekunde ein wenig schwächer werdend. Und er spürte sie wieder, die Hände, die sich in seinen Arm gekrallt hatten. Die scharfen Fingernägel, die in sein Fleisch geschnitten hatten. Er roch sein Blut. Und dann den Urin von ihr.

„Nicht anfassen, habe ich gesagt.“

Georg schaute erschrocken auf. Seine Hand lag schon wieder auf dem verbundenen Handgelenk, die Finger seltsam gekrümmt, in der Erwartung, sich selbst die Haut von den Knochen zu schälen.

 

Noch am Abend hörte er von dem plötzlichen Tod Madames. Unerwartet war es nicht gekommen. Schließlich war sie drogenabhängig und eine Mischung aus Heroin und Diazepam hatte eben eine durchaus, nun, einschläfernde Wirkung. Für einen sehr tiefen Schlaf. Georg atmete fast schon erleichtert auf, als er die Nachricht erhielt. Vielleicht würde man ihm Fragen stellen, aber er war sich sicher, dass er zufriedenstellende Antworten parat hatte. Ein Zufall. Nichts weiter. In dieser Nacht schlief er so gut, wie schon lange nicht mehr. Glücklicherweise nicht ganz so tief wie Madame.

Der bereits verhasste Ton des fremden Handys weckte ihn am nächsten Morgen. Georgs Hand zitterte leicht, als er die Nachricht öffnete. Dort stand nur ein Wort.

„Kalt.“

Georg fluchte. Nicht leise und unterschwellig, wie es seine Art war, sondern laut. Er schrie. Brüllte durch das Zimmer und schlug mit der Faust auf sein Kissen. Jedenfalls versuchte er es, doch sein Arm fühlte sich seltsam leblos an, als hätte er die Nacht darauf gelegen und das Blut oder einen Nerv darin abgedrückt. Selbst nach einigen Minuten des Reibens verspürte Georg nur ein sachtes Kribbeln, aber seine Hand fühlte sich fast taub an und er hatte Mühe, die Finger zu bewegen. Georg fluchte erneut. Auch das zeitigte keine Wirkung.

Als er sich geduscht und angezogen hatte – was bemerkenswert lange dauerte, mit dem halbtauben Arm -, bekam er wieder ein Bild zugeschickt. Diesmal von Johannes und dem Untertitel: „Er hat es gewusst.“

Georg rieb sich mit der heilen Hand die Schläfe und fragte sich, was sein Freund gewusst haben soll. Das mit ihr? Natürlich hatte er es gewusst. Er hatte ihn schließlich da rausgehauen. Während er in seine Grübeleien verstrickt war, erhielt er wieder eine Nachricht. Diesmal ein Bild von einem Friedhof. Ein Rasengrab. Den Grabstein konnte man nur von hinten sehen. Grau und unscheinbar.

„Jeder Mensch hinterlässt etwas, wenn er stirbt …“

Dazu das Bild einer Todesanzeige, der größte Teil geschwärzt, außer die Zeile: „… hinterlässt ein liebendes Kind.“

Georg sackte auf die Knie. Seine Beine fühlten sich so an, wie sein Arm, schwach und irgendwie gefühllos. Es war nur ein kurzer Moment.

Sie war tot gewesen. Sie hatte kein Kind gehabt. Außer das in ihrem Bauch. Aber sie war tot. Und Tote gebären keine Kinder … Oder doch?

Dann lachte er auf. Endlich hatte er eine Ahnung, wo der richtige Topf war. Was der richtige Topf war. Jetzt musste er nur herausfinden, wo er das Kind – womöglich sein Kind – finden würde. Und er war sich fast schon sicher, dass es der junge Mann war, der ihm das Handy zugesteckt hatte. Sein Sohn hatte Fangen mit ihm Spielen wollen. Georg hatte die Absicht, ihn zu fangen. Er würde den Spieß umdrehen. Und dann? Dann wüsste er schon, was er mit ihm tun würde.

 

Er stand an ihrem Grab. Es hatte eine halbe Ewigkeit gedauert, es zu finden, obwohl er schon so oft hier gewesen war. Nur wenige Meter entfernt lag Johannes beerdigt. Georg betrachtete den schlichten Grabstein vor sich … und fühlte nichts. Keine Schuldgefühle, keine Erleichterung. Es war, wie wenn man eine Fliege zwischen Finger und Tischplatte zerquetscht hatte. Es blieb ein kleiner Schmutzfleck auf dem Tisch, doch die Zeit und ein paar Wische mit dem Schwämmchen haben ihn mit der Zeit verschwinden lassen.

„Sie sind Herr Brandeisen.“

Es war eine Feststellung, die keiner Bestätigung bedurfte. Georg drehte sich um und sah in das Gesicht, das er aus dem Zug kannte. Der junge Mann mit dem Handy.

Sein Sohn.

Dieser Gedanke war so fremd, so ungewohnt. Und Georg war verblüfft, als er ein warmes Gefühl in seinem Inneren verspürte.

Der junge Mann betrachtete ihn teilnahmslos.

„Ja, ich bin Georg Brandeisen“, sagte Georg mit belegter Stimme. „Und du bist?“

„Fritz Kämmerer.“

„Kämmerer …?“, wiederholte Georg und warf einen Blick auf den Grabstein neben sich. Sie hatte Berger geheißen, aber wahrscheinlich war es der Name seiner Adoptiveltern oder dergleichen. „Und du wolltest wissen, wer ich bin?“, fragte Georg und musterte den Mann. Er versuchte analytisch zu bleiben, doch immer wieder funkte der eine Gedanke dazwischen. Sohn.

„Ich …“ Der Mann zögerte und warf einen Blick schräg hinter Georg.

Der drehte sich um und sah Linda.

„Hallo, Georg. Du siehst überrascht aus, mich zu sehen.“

Das war eine dezente Untertreibung. Er sagte nichts.

„Klopf. Klopf.“ Sie lächelte. „Heiß.“

„Linda?“, fragte er. Dann sah er wieder zu den jungen Mann mit Namen Fritz. „Was …?“

„Meinen Freund hast du schon kennengelernt, nicht wahr? Bist du überrascht?“

„Dass du mit meinem Sohn verbandelt bist. Ja, das bin ich.“

„Sohn?“, fragte Fritz so perplex, dass es sich für Georg wie ein Boxhieb anfühlte.

„Du bist nicht … ihr Sohn?“ Er blickte auf das Grab. Unter ihrem Namen stand ein weiterer Name. Der eines Jungen. Und dazu nur ein Todesdatum. Wie hatte er das eben übersehen können?

Linda lachte. Ihm war nie aufgefallen, wie unangenehm dieses Lachen war. Es trieb ihm heiße Stiche durch die Blutlaufbahn. Insbesondere im linken Arm.

„Du hast gedacht, dass Fritz …?“ Sie lachte erneut.

„Was sollte die ganze Farce denn sonst?“, fragte Georg. „Was war mit der Todesanzeige? Mit dem Kind, das zurückblieb?“

Linda starrte ihn an.

„Du hast es wirklich nicht verstanden? Es geht um mich! Was interessieren mich irgendwelche Toten von annodazumal? Oder irgendwelche drogenäbhängigen Puffmütter, die sich alles in die Venen schießen, was weiß und pulverig ist?“

Georg brauchte einen Moment, bis er das Gesagte in seinem Kopf sortiert hatte. Seine Gedanken gingen so schwerfällig und träge, als wäre er selbst unter Drogen.

„Aber … Du meinst deinen Vater? Das war ein Unfall.“

„So wie der Tod dieser Frau ein Unfall gewesen ist? So wie dein Tod ein Unfall sein wird?“

„Mein Tod?“, fragte er. Die beiden Menschen vor ihm verschwammen, vermischten sich zu einem sonderbaren Fabelwesen mit zwei Köpfen. Nach einem Augenblick war seine Sicht wieder schärfer. Linda blickte schweigend auf seinen Arm. Er spürte die Ameisen, die noch immer darin herumkrabbelten, auf dem Weg zu seinem Herzen. Und er spürte das Zwicken, der scharfen Beißwerkzeuge. Er verstand. Er blickte Linda an. Es war mühsam zu sprechen.

„Es war … ein Unfall. Ich … habe nie …“

 

Linda und Fritz blickten auf den leblosen Körper.

„Glaubst du, er hat die Wahrheit gesagt? Mit deinem Vater?“

„Spiel das eine Rolle?“, fragte Linda emotionslos.

„Na ja, irgendwie schon.“

Sie sah ihn an, die Augen hart und kalt. Ein Schauer lief Fritz über den Rücken.

„Es ist nicht wichtig, was ich glaube“, sagte sie schulterzuckend. „Ich weiß, dass er die Wahrheit gesagt hat.“

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