MelissakDie Schatten des Ichs

3+

Mit schnellen Schritten durchquert er den Park. In den Pfützen spiegeln sich die Lichter der Laternen, die er hinter sich lässt. Geschickt weicht er ihnen aus, ohne großartig darauf zu achten. In der Nase der frische Duft von Regen. Man hört nur noch das leise Rascheln der Bäume. Hinter ihnen ist die Sonne schon fast unter gegangen. Rot gefärbt. Wunderschön. Er kann an nichts anderes mehr denken. Seine Gedanken kreisen sich nur noch um das, was er in der Hand hält. Ich muss schnell nach Hause. Ich muss schnell zu ihr. So schnell es geht. Rechts abbiegen. Ein Stück gerade aus.
Seine Beine werden schwer. So schwer wie Blei. Sie gleiten über den Asphalt, der vom Wind und Wetter abgenutzt ist. Links von ihm eine befahrende Straße, rechts von ihm ein tosender Fluss. Schritt für Schritt setzt er voreinander. Was soll ich tun? Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn. Der Lärm der Autos benebelt seine Sinne, doch als zum dritten Mal, der gleiche Schwarze Geländewagen an ihm vorbeifuhr, blickt er stutzig auf. Wie angewurzelt bleibt er mitten auf dem Gehweg stehen. Das sind sie. Sie haben mich gefunden. Hastig dreht es sich immer wieder nach hinten um. Blicke aus den fahrenden Autos treffen ihn, durchbohren ihn. Das fremde Handy in meiner Tasche kündigt mit einem Piepen eine eingegangene Nachricht an. „Wir sehen dich. Immer.“, Steht da, im Anhang ein Bild von ihm, wie er völlig schockiert dem Schwarzem Geländewagen hinterher schaut, genau dort, auf dem verlassenen Gehweg, auf dem er gerade steht.

Völlig schockiert stockt ihm der Atem. Nun rennt er los. So schnell er kann. Wirft immer wieder Blicke zurück. Er rennt und rennt immer schneller. Hastig biegt er Rechts um die Ecke. Dieser dicke Kloß im Hals, er nimmt ihm das Gefühl frei Atmen zu können. Geblendet davon, verschwimmt sein Umfeld. Er nimmt kaum noch wahr, wo er langläuft. Hauptsache in Sicherheit. Er rennt an dem Einkaufsladen vorbei, wo er fast täglich sein Geld lässt. Die Leute, die dort gerade rein gehen wollen, gucken in überrascht und gleichzeitig kopfschüttelnd an, weil er so an ihnen vorbei stürmt. Doch auch das nimmt er gar nicht mehr wahr. Mit rasendem Herzen sprintet er weiter und wagt es nicht, einen Blick nach hinten zu werfen. Die Angst davor, das zu sehen, was er glaubt, ist zu groß. Seine Beine überschlagen sich schon fast, so schnell läuft er. Der nächste Schock trifft ihn, als er an der stark befahrenen Kreuzung, die ein paar Hundert Meter weiter ist, stehen bleiben muss. Er trifft völlig aus der Puste und mit höllischem Seitenstechen an der Ampel an, um den Knopf zu drücken. Doch dazu kam er gar nicht. Mitten in der Bewegung, hielt er inne, als er den schwarzen Geländewagen wieder sieht. Scheiße. Als bewege sich alles in Zeitlupe, fährt der langsam an ihm vorbei. Gequält langsam. Er kann nicht anders als hinterher zu gucken, bis der Wagen aus seiner Sichtweite verschwindet. Sein Blick ist verschleiert. Dieses Gefühl von Angst, die einen von innen heraus auffrisst, quält ihn. Diese Angst zu wissen, man wird beobachtet. Diese Angst, die ihm sagt, dass er nicht mehr allein ist.

Plötzlich spürt er ganz deutlich ihre Anwesenheit. Da ist jemand, er weiß nicht wer, aber er ist sich sicher, dass er nicht mehr allein ist. Wieder ertönte das Piepen der eingehenden Nachricht. Gehetzt guckt er sich um, als er das Telefon hervorholt, doch er sieht niemanden. „Wir wissen alles. Wo du bist. Was du vorhast. Und was du getan hast.“ Jegliches Gefühl entwich ihm. Die Welt stand in dem Moment still. Wieder ein Bild von ihm dabei. Er blickt geradeaus in die Kamera hinter den verdunkelten Scheiben. Sein Blick schreit vor Angst, mit aufgerissenen Augen. Genau das wollen die doch. Dass ich Angst habe. Verdammt, die habe ich. Und wie ich die habe. Sie ergötzen sich an seinem Leid, an seiner bloßen Angst, die ausgerechnet sie ihm bereiten. Was wollen die von mir? Woher wissen die, was ich getan habe? Das kann keiner wissen. Unmöglich… mit rasselndem Atem hetzt er weiter, als die Ampel es ihm freigibt. Ohne nochmal nach links und rechts zugucken, überquert er die Straße und läuft geradeaus auf die Fußgängerzone der kleinen Innenstadt zu. Nichts Großes. Eine Gasse, wo ein paar Einkaufsläden sind. Da es aber früher Freitagabend ist, scheint es, als ob die Leute nichts Besseres zu tun haben, als hier ihre Zeit zu vergeuden und auf die letzten Minuten noch etwas einzukaufen. Sein Tempo hat er verlangsamt. Doch den relativ schnellen Schritt hält er bei. Sein Ziel ist es, sich unters Volk zu mischen, um ein bisschen unterzutauchen. Als er mitten im Getümmel ist, bleibt er stehen, denn das Handy hat erneut gepiept. Mit zitternden Händen holt er es hervor und wirft einen Blick drauf. Nur eine Nachricht, ohne Anhang. „Versuch es erst gar nicht!“.

Wie angewurzelt, steht er mitten in der Menge. Es ist soviel los, dass er immer mal wieder angerempelt wird, doch auch das nimmt er nicht wahr. Sein Blick haftet immer noch auf dem Handy. Mit dem Herz in der Hose fühlt er sich nackt, hilflos, verzweifelt und ertappt. Und in diesem Moment wird ihm völlig klar, dass sein bisheriges Leben, voller Verzweiflung und Angst, dem Ende zu geht. Einem Ende, von dem er sich nie zu träumen gewagt hätte. Dass er sich in seinen dunkelsten Gedanken nicht mal ausmalen könnte. Und das Ende, das jetzt viel zu greifbar wurde.
Die Menschen um ihn herum, gehen ihm aus dem Weg. Blicken ihn an. Starren regelrecht. Keiner sagt etwas. Man würde es nicht für möglich halten, dass so eine Totenstille in einer Menschenmenge herrschen kann. Er fühlt sich, wie auf dem Serviere Teller platziert. Jeder Blick ist auf ihn gerichtet. Seine Gedanken sind plötzlich wie leergefegt. Sein wie wild pochendes Herz, ist das einzige was er wahrnimmt. Er spürt, wie die Dunkelheit nach ihm greift und ihm die Sinne raubt. Seine Knie zittern so stark, dass er fast hinfällt, würde ihm ein älterer Mann nicht an den Arm fassen und somit seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. „Geht es Ihnen gut? Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragt er besorgt und hilfsbereit. Durch den leichten Körperkontakt fühlt er sich mehr bedrängt, als er es normalerweise tun würde. Hastig zieht er seinen Arm weg und tritt dabei ein Stück zurück. Ungläubig guckt er den alten Mann an, der ihn mitleidig anschaut. Was ist, wenn er einer von denen ist? Die Alte-Mann Masche funktioniert nicht bei mir. Er will mich nur aus der Fassung locken, um mich zu manipulieren. Mich auszuliefern oder mich gar hier vor allen anderen umzubringen. „Sie haben geschrien. Brauchen Sie Hilfe?“

Habe ich geschrien? Unschlüssig was er machen sollte, stand er nun da. Stehen bleiben scheint ihm zu gefährlich zu sein, denn der alte Mann könnte jeden Moment ein kleines Messer aus seiner Manteltasche ziehen. Als ihm der Gedanke wirklich klar wird, dreht er sich hastig weg und rennt. Dass er dabei unzählige Passanten an rempelt und aus dem Weg schubst, ist ihm herzlich egal. Irgendwas hat der alte Mann ihm hinterhergerufen, doch weder das noch die Beschwerde Rufe kommen bei ihm an. Die Todesangst ließ ihn jetzt viel schneller rennen, denn er fühlte sich jetzt viel ausgelieferter als zuvor. Er rennt und rennt und dabei vergisst er alles um sich herum. Die nur allzu bekannten Straßen und Wege, die er in und auswendig kennt, existieren jetzt nicht mehr für ihn. Die schönen Häuser von Bekannten und Freunden, an denen er vorbeizieht. Der holprige unebene Asphalt, der unter seinen Schuhsohlen brennt. Alles weg. Er rennt als gäbe es keinen Ausweg mehr. Weg, weit weg. Als würde er vor dem Tod höchstpersönlich davonkommen können. Er weiß nicht vor wem er flieht, doch er tut es instinktiv. Je langsamer er wieder wurde, desto mehr hatte er das Gefühl die Dunkelheit frisst ihn wieder auf. Sie ist kalt und gruselig und überfällt ihn, wie ein Schatten, der ihn langsam verfolgt. Immer noch benebelt von seiner Angst, nimmt er die Gestalt hinter sich nicht einmal wahr.

Mittlerweile ist es stockdunkel und die Laternen werfen alle 10 Meter etwas Licht auf die Straße. Hinter der Bushaltestelle, an der er früher immer eingestiegen ist, um in die nächste Stadt zu fahren, biegt er rechts ab. Ohne darüber nachzudenken, steuert er den kleinen Schleichweg an, der zu ihm nach Hause führt. Das Piepen, für eine eingehende Nachricht, ist nicht zu überhören. Es zerstört die Stille und es hallt in seinen Ohren immer wieder nach. Vorsichtig holt er es hervor. „BLEIB STEHEN!“ Pure Angst packt ihn. Todesangst. Sie lässt ihm die Nackenhaare auferstehen und bereitet ihm Gänsehaut auf dem ganzen Körper. Es knackt und er fährt erschrocken zusammen. Hastig dreht er sich um und erkennt weit hinter sich eine dunkle Gestalt. Sie wird von der Dunkelheit fast verschluckt. RENN!! Automatisch bewegen sich seine Füße. Immer wieder wirft er kleine Blicke nach Hinten. Es knackt erneut, doch diesmal lauter. Näher als zuvor. Direkt vor ihm. Wie vom Blitz getroffen bleibt er stehen. Aus dem Augenwinkel sieht er ein Stück weiter einen schwarzen Geländewagen parken. Da wusste er Bescheid. Der Gedanke weg zu rennen, war verschwunden. Als hätte er nie an sowas gedacht. Er konnte das Grauen in seinem Nacken spüren, was ihn stocksteif werden lässt. Unfähig sich einen Millimeter zu bewegen. Sein Blick wandert nach rechts in eine dunkle Gasse, in der sich etwas bewegt. Direkt auf ihn zu. Ein schwarz gekleideter Mann mit Hut tritt ins schwache Licht, doch man kann ihn nicht erkennen. „Stehen bleiben!“, herrscht er ihn mit einer tiefen Stimme an. Völlig schutzlos und schwach, gehorcht er. Er hört laute Schritte hinter sich und blickt sich zu Tode erschreckt um. Der Mann, der noch kurze Zeit vorher, weit zurück lag, stand plötzlich bedrohend nah hinter ihm. Er ist umzingelt. Sie haben mich.

„Offensichtlich hast du das Telefon gefunden“ sagt der Mann hinter ihm und lässt ihn herumwirbeln. „Ich… Ich…“ stotternd bekommt er keinen klaren Satz raus vor Angst. Er kann keinen klaren Gedanken mehr fassen. Jetzt ist es soweit, mein Ende ist gekommen.
„Ich wusste ni-i-icht, dass es Ihnen gehört! Ich habe es im Park auf der Bank gefunden und u-u-und und…“, stottert er als Erklärung, doch scheinbar interessiert es die Männer nicht. „Wir wollten, dass du es findest du jämmerlicher Dummkopf!“, sagt der Mann, der aus der Gasse kam, böse und tritt dabei bedrohlich näher. Panisch weicht sein Fuß nach hinten aus und er hält sich die Hände vors Gesicht. Als würde ihm das nützen. „Wir wissen was du getan hast!“, sagen beide Männer gleichzeitig mit monotoner, bedrohlich tiefer Stimme. Es hallt von den Hausmauern ab und ergibt ein Echo, was erst nach einer gefühlten Ewigkeit vergeht. Was die Bedrohung unterstreicht. Er fühlt sich winzig klein zwischen den beiden, dunkel gekleideten Männern mit Hut. Kalter Schweiß tropft ihm an der Stirn runter. „Ich-ich-das wollte ich nicht. Das war nie meine Absicht! Ich schwöre es! Das habe ich nie gewollt…“, schluchzend vergräbt er sein Gesicht in den Händen. „Ist uns scheiß egal. Du hast es getan. Seit Jahren läufst du vor uns weg. Jetzt ist es endlich Zeit, die Konsequenzen zu tragen!“.

Ohne dass die Männer gestalten machen, ihn in irgendeiner Art und Weise aufzuhalten, dreht er sich hastig um und rennt fluchtartig davon. Nicht einen Blick wirft er noch nach hinten. Er rennt und rennt so schnell er kann, bis er wenige Minuten später vor seiner Haustür steht. Völlig außer Puste. Hastig sucht er in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel. „Anna! Anna wo bist du?“, schreit er beim Eintreten. Er läuft in die Küche. Da ist sie nicht. Er guckt ins Wohnzimmer. Auch nichts. „Anna? Wo steckst du?“. Als er sich kurze Zeit später, planlos auf die Treppe setzt, hat er sie nicht gefunden. Ganz langsam beruhigt sich sein Puls, doch seine Angst steigt ins unermessliche. Der Druck auf seiner Brust wird immer höher und schlingt sich wie eine Stahlkette brutal um ihn. Er kann sich nicht mehr bewegen. Er weiß nicht, wie lange er so da saß, mit dem Kopf in den Händen. Sein Blick ist starr gerade aus gerichtet und völlig in Trance. Seine Gedanken leer. Jegliches Gefühl in ihm steht still. Tief im inneren fühlt er es. Ein Loch voller Grauen verschlingt ihn. Er spürt es ganz deutlich. Es wird immer schlimmer. Es nimmt ihm die Luft zum Atmen. Sie haben sie. Wie ein hilfloses Wrack, kauert er auf der untersten Treppenstufe, als eine Zeit später unbemerkt die Tür aufgeht. „Papa, Ist alles in Ordnung?“, fragt sie. „Anna! Um Gottes willen! Ich dachte sie haben dich erwischt.“. Voller Erleichterung springt er auf und fällt ihr in die vollbepackten Arme. „Bis auf die Politesse hat mich niemand erwischt. Ich war einkaufen.“, Erklärt Anna genervt auf dem Weg in die Küche. „Sie werden kommen. Sie sind schon auf dem Weg. Wir müssen hier weg. Weit weg. Sie werden kommen und…“, er ist viel zu aufgeregt, um einen klaren Kopf zu bewahren. „Bitte, nicht das schon wieder.“, erwidert sie mit einer wegwerfenden Geste und widmet sich dem Wegräumen der Einkäufe.

„Hier ist der Beweis. Sieh es dir an.“. Es fühlt sich an wie pures Gift, als er das Handy mit den Nachrichten auf den Küchentisch legt. „Sieh hin. Das Handy habe ich im Park gefunden. Das bin ich auf den Bildern.“. Anna dreht sich widerwillig zu ihm, um es sich anzugucken. Ihr Gesichtsausdruck zeigt nichts als Skepsis. „Papa. Das ist dein Handy. Da sind weder fremde Nachrichten noch Bilder. Ich sollte Dr. Weber nochmal anrufen. Dein Verfolgungswahn bringt mich noch um den Verstand.“

3+

One thought on “Die Schatten des Ichs

Schreibe einen Kommentar