Marie AnhutDie Schattenseite des Spiegels

Unzählige Scherben fielen zu Boden, um durch den Aufprall nur in noch kleinere Glassplitter zu zerfallen. Ein lautes Klirren hallte durch den langen Flur, dicht gefolgt von einem dumpfen Poltern, das ein Knirschen der veralteten Holzdielen nach sich zog.

Stille.

Mit beiden Armen stützte er sich rechts und links neben mir ab und sah mich aus seinen leuchtend grünen Augen an, während mir seine schulterlangen braunen, leicht welligen Haare ins Gesicht fielen.

Seine Haarspitzen, die auf meinen Wangen im Rhythmus seiner Atmung tänzelten, hinterließen ein leichtes, angenehmes Kribbeln auf meiner Haut. Seine smaragdgrünen Augen funkelten auf, als er bemerkt hatte, dass ein Lächeln über meine Lippen gehuscht war.

“Vielleicht sollten wir demnächst etwas sparsamer mit unseren Ressourcen umgehen …”, grinste er mich an, als wir mit dem zerbrochenen Wandspiegel einen weiteren Verlust zu beklagen hatten.

Schmunzelnd legte ich meine Hände an seinen Wagen und strich sanft mit den Fingerkuppen meiner Daumen über seine Bartstoppeln: “Sag das nochmal ….”, bat ich ihn, sich zu wiederholen, ohne den Blick von seinen Augen zu lösen, deren Funkeln mich immer wieder auf ein Neues in ihren Bann zogen.

“Dass wir sparsamer mit unseren Ressourcen umgehen sollten?”, wiederholte er sich und sah mich, stirnrunzelnd, an. Die unzähligen Fragezeichen, die ihm durch den Kopf schwebten, konnte ich regelrecht in seinem fragenden Blick sehen.

“Mit unseren Ressourcen …”, meine Augen funkelten auf, während ich, die für mich entscheidenden Worte ganz leise in seine Richtung flüsterte.

Die Fragezeichen waren von einer auf die andere Sekunde wie fortgeweht und mit ihnen auch sein fragender Blick, den er mir zugeworfen hatte. “Unsere, Kilian …”, bestätigte er mich nickend und näherte sich mir ganz langsam, beinahe in Zeitlupe, an. Der Klang meines Namens aus seinem Mund hatte so etwas Unverkennbares, Einzigartiges an sich, die Art und Weise, wie er die letzten beiden Silben miteinander verschmelzen ließ, als gehörten sie zusammen.

Kurz bevor sich unsere Lippen berühren würden, flüsterte er mir noch ein, in unserem Kuss verstummendes: “Unsere …” zu. 

Mit geschlossenen Augen löste ich meine Ellenbogen, mit denen ich mich leicht aufgestützt hatte, vom Holzboden, um meine Hände in seinen Nacken zu legen, in sein volles lockiges Haar zu greifen und ihn noch näher zu mir zu ziehen, so dass unsere Körper zu einer einzigen Silhouette verschmelzen würden.

Mein Körpergewicht nach hinten verlagernd, bohrte sich eine der Scherben des zersplitterten Wandspiegels durch mein dünnes, seidenes Hemd in meine Haut.

Schmerz.

Noch nie zuvor hatte ich einen solchen Schmerz empfunden wie in dieser Sekunde, in der ich mit meiner rechten Hand meinen Oberkörper nach jener Stelle abgetastet hatte, die diesen qualvollen Schmerz durch meinen Körper sendete. Nicht imstande, meine Halswirbel, geschweige denn meinen linken Arm, der wie gelähmt auf dem morschen Holzboden lag, zu bewegen, suchte ich meinen Oberkörper weiterhin nach der Ursache meiner höllischen Schmerzen ab, die sich erst lokalisieren ließ, als eine warme, etwas dickflüssige Substanz durch die Zwischenräume meiner Finger sickerte und anschließend über meinen Handrücken lief.

Blut.

Fokussiert beobachtete ich den Kartenstapel, der sich mittig auf dem Holztisch befand: der Herz-König, der mich von der obersten Stelle aus förmlich angrinste, als würde er nur darauf warten, dass ich meine Herz-Dame ablegen könnte, musste sich noch ein klein wenig gedulden, denn noch war ich nicht am Zug, auch, wenn es mir bereits in den Fingerspitzen kribbelte, die letzte Karte abzulegen.

Mein Augen leuchteten auf, als sich die nächst-gespielte Karte als Herz-Ass entpuppte und mich nichts mehr davon abhielt, siegessicher meine Herz-Dame abzuwerfen.

“Mau-mau …”, grinsend streckte ich meinen zierlichen Arm in die Höhe und klatschte triumphierend in die Hände: “Die nächste Runde gewinne ich auch, du wirst schon sehen!”, kündigte ich mein Vorhaben stolz und voller Enthusiasmus an.

“Das wollen wir doch mal sehen, Champ …”, entgegnete meine Mama und strich mir liebevoll durch mein blondes, wuscheliges Haar.

“Ne, du wirst sehen …”, lachte ich von Herzen auf und schob ihr den Kartenstapel zu: “Aber zuerst musst du mischen, Mama, das machen Verlierer nämlich so … ”, erneut kicherte ich leicht auf und ergötzte mich daran, dass sie nun auch mal mit dem Mischen an der Reihe war.

Grinsend schüttelte sie nur mit dem Kopf und nahm die Karten zu sich, um mit dem Mischen zu beginnen. Wie schnell sie darin war, bewunderte ich mit großen Augen.

Laut zählte sie die Anzahl der Karten ab, die sie abwechselnd auf die zwei Stapel verteilte: ”Eins, … zwei, …”, als sie die dritte Karte ablegen wollte, begann sie plötzlich fürchterlich zu husten, es war ein anderes Husten als sonst, denn irgendwie nahm es gar kein Ende mehr.

“Mama?”, sprach ich sie besorgt an, erhob mich von meinem Stuhl und stolperte etwas unbeholfen und voller Sorge auf sie zu.

Sie war mittlerweile ebenfalls vom Wohnzimmertisch aufgestanden und lief unruhig in unserem Wohnzimmer auf und ab, während sie immer wieder laut hustete. Es hörte sich wie ein Rasseln an, ein merkwürdiges Rasseln, das kurz bevor sie erneut zu husten begann, einsetzte, als würde es den Husten ankündigen.

“M..Ma…”, ich erschrak, als sie sich zu mir umdrehte und ihre Bluse mit Blut bedeckt war. Wie vom Blitz getroffen, erstarrte ich und sah sie mit großen Augen an, ein Anblick, der mir das Blut in den Adern gefrieren und vor Verzweiflung Tränen in die Augen stiegen ließ: “M..Mama?”, stammelte ich nur, als ich meinen Blick nicht mehr von ihrer einst weißen Bluse lösen konnte.

Blutrot.

Alles um mich herum war mucksmäuschenstill, selbst das Fallen einer Büroklammer wäre nicht zu überhören gewesen. Es war so still, dass das Pochen meines rasenden Herzens, das mir bis zum Hals schlug und mit jedem weiteren Herzschlag drohte, meiner Brust zu entspringen, alles übertönte – so laut, dass ich glaubte, ein jeder, der in diesem so still gewordenen Haus mit Einliegerwohnung lebte, vermochte, meinen Herzschlag ebenfalls zu hören.

Mit Mühe versuchte ich, meine rechte Hand auf die Quelle meines Schmerzes, die Eintrittswunde, zu pressen. So richtig gelingen wollte es mir nicht, den hohen Blutverlust zu verlangsamen oder gar zu stoppen. Meine Muskeln, die zu zittern begannen, erschwerten es mir ungemein, erfolgreich Druck auf die Wunde auszuüben, sie machten es mir unmöglich.

Langsam rutschte meine Hand vom Schlüsselbein und Stück für Stück meinen Oberkörper entlang, bis mein rechter Arm letztlich gänzlich wegsackte. Den Blick an die Decke gerichtet, schmälerten sich meine Augen mit jeder weiteren, verstrichenen Sekunde, ehe sie sich ganz langsam schlossen. Sie wieder zu öffnen, wurde mit jedem weiteren Versuch immer mühsamer, doch eine hastige Bewegung, die durch ein helles Aufflackern und Erleuchten der Schwärze meiner geschlossenen Augen auf sich aufmerksam machte, animierte mich letztlich, einen weiteren Versuch zu starten. Durch schmale Schlitze fokussierte ich meine Umgebung, um zu verstehen, was um mich herum geschah, doch sie stellte sich nicht scharf, weswegen ich immer wieder blinzelte, vergeblich darauf hoffend, mit dem nächsten Wimpernschlag ein wenig schärfer zu sehen.

Meine Hand, die wider Erwarten nicht neben mir auf dem morschen Holzboden aufgeschlagen war, befand sich in jener Sekunde, wo es mir zumindest gelang, zu blinzeln, wie durch Magie wieder auf meiner Verletzung, die gar nicht erst daran dachte, von alleine jemals wieder aufzuhören, zu bluten. Und sollte es doch ein Ende nehmen, so wäre das meine bereits eingeläutet, sodass ich davon keine Notiz mehr nehmen würde.

Eine Eiseskälte überkam mich, eine Eiseskälte, die das warme Blut, welches durch die Zwischenräume meiner Finger quoll, zurückdrängte. Eine Eiseskälte, die meine Hand zurück an ihren Platz geführt und sich dazu entschieden hatte, um mich zu kämpfen.

Eiskalt.

Zaghaft strich ich über ihren Handrücken, ihre Hand war eiskalt und die Wärme der meinen wollte sich nicht so recht auf sie übertragen. Etwas Kaltes tangierte mein Kinn, während ich den Blick auf ihre knochige Hand gerichtet hatte – ich konnte sie unmöglich ansehen, nicht mit den kleinen Tränchen, die in meinen müden, dunkel schattierten, Augen glitzerten.

Mit ihren Fingerkuppen vorsichtig von meinem Kinn über meine rechte Wange kreisend, fragte sie leise in die Stille hinein: “Was ist es, das dich so sehr bedrückt, so schwer an dir haftet, dass es dir dein Lächeln raubt, mein Sohn?”

Schon immer war da diese Bindung zwischen uns gewesen, dass sie es einfach spüren konnte, wenn ich etwas auf dem Herzen hatte. Während ihrer zahlreichen Krankenhausaufenthalte hatte ich stets gewusst, mich zusammenzureißen, um meine Gedanken nicht bei ihr abzuladen, doch seitdem aus dem Krankenhaus entlassen wurde, fiel es mir immer schwerer, meine Gefühle vor ihr zu verbergen, um sie zu schützen. Immer zu verschwinden, wenn ihre feinfühligen Sensoren eine Fährte aufgenommen hatten, ließ sich Zuhause nicht so einfach begründen wie im Krankenhaus.

Geschwächt, wie sie von den zahlreichen Chemotherapien der letzten Jahre war, drückte sie meine Hand leicht und flüsterte: “Mir kannst du nichts vormachen, Kilian … ich seh dir doch an, dass Etwas nicht stimmt … also …”, ihre Stimme krächzte etwas, ehe sie aus trockener Kehle zu husten begann.

Alarmiert löste ich meine Hand von der ihren und griff zu der Wasserflasche, die an ihrer linken Kopfseite des Bettes auf einem Beistelltisch stand und schenkte ihr ein Glas stilles Wasser ein: “Mama, du musst dich aufsetzen … na komm …”, das Glas in der linken Hand haltend, legte ich meinen rechten Arm um ihren Rücken, als sie versuchte, sich aufzusetzen, griff unter ihre Schulter und verhalf ihr ins Sitzen, ehe ich ihr das Glas in ihre beiden Hände überreichte und ihre zitternden Hände beim Trinken unterstützte.

“D..danke …”, murmelte sie dankbar in meine Richtung, als sie das Glas wieder abgesetzt hatte. Nickend nahm ich das halb geleerte Wasserglas wieder an mich, positionierte es auf dem hölzernen kleinen Tisch und verhalf ihr in ihre bequeme Liegeposition zurück, wo sie sich augenblicklich ins Kissen fallen ließ.

“Was ist es, das dich beschäftigt …?”, beendete sie ihre Frage, die sie begonnen hatte, ehe sie ein weiterer Hustenanfall heimgesucht hatte.

“Du solltest dich lieber ausruhen, Mama …”, versuchte ich ihrer Frage auszuweichen, indem ich ihre Gesundheit als Argument einbrachte, eine Ausrede, die sich nicht mehr hören konnte, sie hasste es, wann immer ihr auf diese Weise jemand etwas verschwieg.

“Nicht heute …”, sie schüttelte enttäuscht mit dem Kopf und griff nach meiner Hand: “Lass mich ein Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, wann ich mich hinlegen muss … später, nicht jetzt …”, ihre bernsteinfarbenen, leicht geröteten Augen sahen mich auffordernd, aber zugleich flehend an.

Wissend, dass sie ein Nein nicht akzeptieren und es sie nur traurig machen würde, nickte ich schließlich, brachte es jedoch nicht übers Herz, meine Mutter dabei anzusehen, weswegen ich den Blick wieder ihrer Hand zuwandte, doch dieses Mal war es ihre, die die meine hielt, anders als all die vergangenen, schweren Monate.

“Es ist …”, jegliche Sicherheit war aus meiner Stimme verschwunden, sie zitterte, ein Zittern, das ich an mir nicht mochte. Um meine Unsicherheit zu verbergen, räusperte ich mich lautstark und setzte, hoffend, wieder der Herr meiner Stimme zu sein, erneut an: “Es ist kompliziert …”, zu weiteren Worten fühlte ich mich nicht in der Lage, zu groß war die Angst vor ihrer Reaktion, die Sorge, dass sie die Nachricht mit gespielter Toleranz und Leichtigkeit aufnehmen würde, obwohl sie sich in Wirklichkeit für mich schämte, sie würde es nicht übers Herz bringen, es mir ins Gesicht zu sagen und dennoch könnte ich ihr die Enttäuschung mit nur einem Blick von den Augen ablesen.

Ganz langsam richtete sich meine geschwächte Mutter auf, wodurch sich ihr rot-geblümtes Kopftuch löste, verrutschte und die sich darunter befindende Glatze offenbarte. Nie hatte ich verstanden, wieso sie ihre Glatze auch Zuhause verdeckte, schließlich trug es nur nach außen, was sie uns allen täglich unter Beweis stellte, dass sie eine unglaublich starke, aber auch wunderschöne, liebende Mutter war.

“Wie kompliziert und verzwickt es auch ist …”, sie drückte meine Hand ganz leicht und führte fort: “Zusammen werden wir schon eine Lösung finden, nh?”, ein leichtes aufmunterndes Lächeln umspielte ihre Lippen, ein herzliches Lächeln, das mich augenblicklich erreichte. Durch ein kurzes Nicken willigte ich ein und drückte ihre Hand etwas fester: “Vater wird es nicht verstehen …”, sprach ich meine Zweifel aus und suchte noch immer etwas unsicher ihren Blick, doch dieser verfinsterte sich wider Erwarten nicht.

Als würde sie verstehen, strich sie behutsam über meinen Handrücken und flüsterte mir in gesenkter Lautstärke zu: “Er ist nun mal … ein Prinzipienreiter … und seine Prinzipien sind … naja, etwas veraltet …”

“Du weißt es …”, stellte ich fest und wandte den Blick von ihr ab. Sie dabei anzusehen, löste ein Unbehagen in mir aus, zu groß war meine Angst, die Enttäuschung in ihren Augen mit ansehen zu müssen, wo sich ihre Vermutungen jetzt bestätigten. Vermutungen oder vielleicht doch eher Befürchtungen?

Mein Blick verfing sich in den rosafarbenen, kräftig leuchtenden, Gerberas, die sich in einer Vase auf ihrem Nachttisch befanden. Eines ihrer Blütenblätter hatte sich gelöst und wehte langsam auf die Oberfläche des hölzernen Tisches zu.

Blütenblatt.

Wie in Zeitlupe näherte sich das losgelöste Blütenblatt, das durch den leichten Windzug im Flur immer wieder etwas nach links oder rechts fortgeweht wurde und leicht aufgewirbelt einen kleinen Satz in die Höhe machte, um daraufhin wieder ein paar Zentimeter zu sinken.

Konzentriert verfolgte ich mit meinen Pupillen die Richtung, in die das Blütenblatt eingeschlagen war, doch mit einem weiteren Windzug war es aus meinem Sichtfeld verschwunden und ließ sich von meinen Pupillen, die die Umgebung vergeblich nach ihm absuchten, nicht mehr erfassen.



Eine Hand klopfte mir leicht gegen die Wange und hielt mich davon ab, meine Augen ein weiteres Mal zu schließen. Dunkelheit breitete sich in meinem Sichtfeld aus – Dunkelheit aus der etwas Rosafarbenes herausstach, etwas Leuchtendes. Je länger ich mich auf dieses Rosa konzentrierte, desto besser gelang es, das verschwommene Objekt zu identifizieren: eine Rose, die sich aus dem Knopfloch eines Jacketts hervortat.

„Verlass mich nicht … por favor“, flehte mich eine mir so vertraute Stimme an, ehe mir die Person, die diese Bitte über die Lippen gebracht hatte, erneut gegen die Wange klopfte: „Bitte bleib bei mir, por favor …“, die Stimme entfernte sich mit jedem Wort, das sie sprach ein Stückchen mehr.

Bitte.

„Bitte verlass mich nicht …“, waren die einzigen Worte, die ich noch zu sagen vermochte. Immer wieder murmelte ich sich vor mich hin, immer wieder, immer leiser, immer winselnder bis sie letztlich nur noch in meinem Kopf kursierten, in Endlosschleife.

„V..versprichst d..du mir etwas …“, mit schwindender Kraft drückte sie meine Hand und suchte mit leicht glasigen Augen meinen Blick.

Schwer schluckend nickte ich leicht und sah sie mit einem Kloß im Hals an: „Alles …“, krächzte ich aus trockener Kehle hervor und hörte nicht auf, zu nicken.

„V..versprich mir, dass du dich nicht mehr verstellst, w..weil du zu große Angst davor hast, abgewiesen zu werden, w..weil du die Blicke fürchtest oder deinen Zweifel, jemanden zu enttäuschen, Glauben schenkst …“, sie räusperte sich leicht, als ihre Stimme immer zerbrechlicher wurde und zu verstummen drohte.

„Du bist noch immer derselbe Mensch, ein wundervoller Mensch mit einem riesigen Herz und das Leid, was du dir selbst zufügst, indem du dich selbst klein hältst, dich selbst verleugnest … all das Leid hast du nicht verdient …“, ganz fest drückte sie meine Hand mit all ihrer Kraft, die sie noch hatte und fügte hinzu: „Mich hast du nicht enttäuscht, kein einziges Mal und ich bin verdammt stolz auf dich, Kilian …“

Zutiefst berührt liefen mir die Tränen über meine Wangen, Tränen vor Rührung, vor Verzweiflung, vor Angst und zugleich Tränen der Erkenntnis, die mich endlich zu einem Entschluss bewegten: die richtigen Menschen, die Herzensmenschen, so wie meine Mutter, sie würden mich nicht abweisen, sie würden mich so akzeptieren, wie ich wirklich bin und nur diese Menschen zählten.

„K..kannst du mir das v..versprechen?“, das Flehen, das sich in ihren müden Augen widerspiegelte, ließ mich bis aufs Mark erschaudern.

„J..ja ….“, begann ich mit zittriger Stimme und unter Tränen, bemühte mich jedoch darum, ihr zu versichern, dass ich es ernst meinte, weswegen ich mit hörbar mehr Stimmhaftigkeit ergänzte: „Ich verspreche es dir.“, um meinen Worten etwas Nachdruck zu verleihen.

Tränen der Erleichterung purzelten über ihre blassen Wange: „D..danke …“, murmelte sie und ein aufrichtiges Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie ihre müden Augen schloss. Ihre Atmung verlangsamte sich und ebenso ihr Herzschlag. Mit einem Lächeln auf den Lippen schlief sie seelenruhig ein. Ganz friedlich schlief sie, ein tiefer Schlaf aus dem sie niemals wieder erwachen würde.

Stumm rannten mir weiterhin die Tränen über meine Wangen, während mein Herz in meiner Brust zu pochen begann, es schlug immer hektischer und schwerer, dass es sich wie ein Stechen anfühlte.

Stechen.

„Du spannst mir jetzt aber nicht den Freund aus?“, herausfordernd sah mich meine kleine Schwester aus ihren bernsteinfarbenen Augen, die sie, genauso wie ich, von Mutter geerbt hatte, mit einer nach oben gezogenen Augenbraue an.

Es hatte mir für einen Moment die Sprache verschlagen, was sich darin bemerkbar machte, dass sie mich nicht nur mundtot gemacht hatte, sondern mir zusätzlich auch noch Kinnlade vor Schock heruntergefallen war. Ein kleines Stechen durchzog meinen Körper, nachdem mein Herzschlag vor Schreck ausgesetzt hatte.

Der fragende Blick von Katharina verschwand und ein zufriedenes Grinsen breitete sich in ihrem Gesicht aus, als sie mir neckisch auf die Schulter klopfte und schmunzelte: „Das war nur ein kleiner Test … aber du hättest dich mal sehen sollen …“, sie lachte herzlich auf und schüttelte grinsend mit dem Kopf.

„Mal ehrlich, Kili … du bist doch mein Bruderherz …“, früher als wir beide noch Kinder waren, hatte sie mich immer so genannt, immer dann, wenn sie Späße mit mir gemacht hatte, es war eine Art der „Entschuldigung“ gewesen, um mich milde zu stimmen, dabei hatte sie das nie nötig gehabt, ich war meinem Schwesterherz schon immer verfallen und sie wusste einfach, wie sie mich um ihre kleinen Finger wickeln konnte, etwas, das sich bis heute nicht geändert hatte.

„Denkst du wirklich, dass mich das jetzt großartig überrascht? Mit deinem charmanten Grinsen hättest du jede deiner zahlreichen Schul-Freundinnen haben können, du hast es nur nie wahrgenommen, wie sie dich immer alle angeschmachtet haben …“, sie schmunzelte erneut und ihre Augen funkelten leicht auf, als sie ergänzte: „Das macht dich doch nicht zu einem anderen Menschen, du bist mein Bruder und perfekt wie du bist …“

Dankbar darüber, dass sie so normal reagiert hatte, eben als sei es etwas ganz Normales, etwas Alltägliches, schloss ich sie in meine Arme und hauchte ihr einen geschwisterlichen Kuss an die Schläfe.

Geschwisterliebe.

Fest hielt ich sie in meinem Arm, während sie zu weinen anfing: „Er hat mich versetzt, ohne sich zu melden … er ist einfach nicht gekommen …“, ihre Tränen durchnässten mein Hemd, als sie sich an meinem Rücken festkrallte, fürchtend, dass sie sonst den Boden unter den Füßen verlieren.

Sanft strich ich ihr über den Kopf und mit meiner anderen Hand über ihren Rücken, um sie wieder etwas zu beruhigen: „Vielleicht ist ihm etwas Wichtiges dazwischen gekommen, oder …“, versuchte ich ihren Freund zu rechtfertigen, der sie noch nie zuvor im Stich gelassen hatte, zumindest hatte sie nichts Derartiges erwähnt gehabt.

„Und ich? Bin ich etwa nicht wichtig?“, unterbrach sie mich aufgebracht, während sie in mein Hemd schluchzte.

„Natürlich bist du das …! Du bist wichtig!“, mit ordentlich Nachdruck in der Stimme, der jegliche Zweifel im Keim ersticken ließ, strich ich meiner kleinen Schwester übers Haar.

Nickend, als hätte sie genau diese kleine Bestätigung gebraucht, weinte sie stumm Krokodilstränen in mein Hemd hinein, die sich auch unter dem dünnen Stoff spüren ließen.

Ein Klingeln unterbrach die Stille, ein Klingeln, das meine Schwester augenblicklich aufsehen ließ: „G..geh du …“, murmelte sie nur in meine Richtung und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

„Okay …“, ohne zu zögern begab ich mich zu der Wohnungstür und öffnete diese. Kaum einen Spalt war sie geöffnet, da ragte bereits ein Blumenstrauß voller Rosen in den langen Flur, der sich hinter der Wohnungstür verbarg, hinein.

„Mein Schatz, es tut mir unglaublich leid … ich wollte mich melden, aber ich musste nochmal kurz ins Geschäft … eine Lieferung hat sich verspätet und ich musste sie unbedingt persönlich entgegennehmen … ich hab mein Handy irgendwo verlegt … du weißt ja, wie schusselig ich manchmal bin … es tut mir aufrichtig leid …“, sprudelte es aus dem jungen Mann heraus und auch, wenn sich mir durch den Spalt noch kein Gesicht offenbarte, so konnte ich eins und eins zusammenzählen, um zu wissen, welcher Mann sich hinter den zahlreichen Rosen und dem leicht südländischen Akzent verbarg.

„Ich glaub, ich bin da definitiv der falsche Ansprechpartner …“, brachte ich hervor, als ich sein verdutztes Gesicht entdeckte und mir etwas verlegen über die Stirn rieb.

Etwas schief blickte er mich aus seinen smaragdgrünen Augen an, während ein nicht minder verlegenes Lächeln über seine Lippen huschte: „Sieht wohl danach aus …“, stammelte er, während der junge Mann noch immer sichtlich verloren in der Eingangstür stand und fuhr sich mit seiner rechten Hand durch sein leicht welliges, schulterlanges Haar, um sich ein paar Strähnen aus dem Sichtfeld zu streichen.

„Ähm, also … möchtest du hereinkommen?“, stirnrunzelnd trat ich im Flur einen Schritt zur Seite, um ihn eintreten zu lassen, schließlich hatte er ein Anliegen, dem ich nicht weiter im Wege stehen wollte.

„Sí …“, nickend trat er hinein, ging jedoch keineswegs an mir vorbei, sondern blieb unmittelbar vor mir stehen – er war ein Ticken kleiner als ich, weswegen der junge Mann spanischer Herkunft etwas zu mir hinauf schauen musste: „Dieselben Augen …“, stellte er murmelnd fest, als sich unsere Blicke trafen.

Nach einem ungewöhnlich angenehmen Moment der Stille löste ich nach einem Räuspern meinerseits den Blickkontakt auf: „Sie ist wahrscheinlich noch im Bad …“

„Danke Kili …“, entgegnete er, senkte den Blick, sah an sich hinab und zupfte leicht sein hellblaues Hemd zurecht, das sich unter seinem dunkelblauen Jackett verbarg. Ton in Ton zu seinem Jackett trug der stilbewusste Spanier eine etwas gekürzte Stoffhose, sodass seine Knöchel in seinen cognacfarbenen Loafern zum Vorschein kamen.

Dass er mich bei meinem Spitznamen nannte, den er wahrscheinlich bei meiner Schwester aufgeschnappt hatte, gestaltete die Situation als noch skurriler als sie es ohnehin schon war. Dieser Umgang miteinander fühlte sich so vertraut an, dass wir einander schon wieder fremd waren.

„Jetzt, wo du schon meinen Spitznamen kennst …“, ich reichte ihm meine Hand: „Schön, dich endlich persönlich kennenzulernen, Xavier.“

„Nenn mich Xavi, hermano …“, entgegnete dieser grinsend, ignorierte meine, ihm entgegengestreckte, Hand und schloss mich in seine Arme. Etwas überrumpelt von dieser Geste erwiderte ich seine Umarmung letztlich und atmete seinen betörenden Duft ein.

Rosenduft.

Derselbe Tag, derselbe Ort, dieselbe Uhrzeit. Vor dem Hintereingang des Modegeschäfts lief ich unruhig auf und ab, während mein vorgefertigter Monolog mit jeder weiteren Sekunde, die verstrich, zu verblassen schien.

Den Schlüssel im Schloss hörend, beschleunigte sich mein Herzschlag binnen weniger Sekunden. Nervös blickte ich durch den, sich vergrößernden, Türspalt, durch den er jeden Augenblick hervortreten würde.

„Kilian …“, seine Augen funkelten, als er mich entdeckte und mit seinem charismatischen Lächeln auf mich zusteuerte. Da war er wieder, dieser vertraute Klang der verschmelzenden letzten zwei Silben. Aus dem Knopfloch seines schwarzen Jackets ragte eine Rose heraus – er liebte diese Blume, ihre Form, ihre Farbe, aber am allermeisten ihren einzigartigen, bezaubernden Duft, der sich nicht mit dem Repertoire der alltäglichen Sprache in Worte fassen ließ.

Ich hingegen war wie erstarrt, bewegte mich kein einziges Stück und vergrub meine Hände weiterhin in meinen Hosentaschen, wie ich das immer tat, wenn ich angespannt war.

Mit jedem Schritt, den Xavi sich mir näherte, entwich ihm sein Lächeln mehr und mehr, schließlich kannte er dieses Verhalten meinerseits bereits und es fiel ihm unglaublich schwer, mit meinen Schuldgefühlen und den daraus resultierenden Zweifeln umzugehen.

Schluckend blieb er einen Schritt vor mir stehen und sah mich mit geweiteten Augen an, als ich ihm mit einem Kopfschütteln signalisierte, dass er sich von mir fernhalten sollte: „Das mit uns, das war ein Fehler ….“, wie schwer es mir fiel, diese Worte über meine Lippen zu bringen, ist in dem Zittern meiner Stimme deutlich zu spüren gewesen.

Meine Augen füllten sich mit Tränen und ich konnte ihn kaum länger ansehen, so sehr schmerzte es mir, den Schmerz in seinen Augen ertragen zu müssen, den Schmerz, den ich ihm mit meinen eiskalten Worten zugefügt hatte.

Während seine Augen sich mit Tränen füllten, griff er nach meiner Hand und auch, wenn ich mir fest vorgenommen hatte, seiner Nähe auszuweichen, so konnte ich dies nicht umsetzen, ich konnte meine Hand nicht zurückziehen, konnte mich seiner Nähe nicht entziehen, seiner Wärme und seinem Duft, dem ich schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen verfallen war.

„Te quiero …“, flüsterte Xavi ganz leise zu mir hinauf, während er meine Hand sanft in der seinen umschloss. Noch nie zuvor hatte er das zu mir gesagt und ausgerechnet jetzt, wo ich mir vorgenommen hatte, ihm zu widerstehen, sprach er jene Worte aus, vor denen ich die größte Angst verspürte, Angst, mir einzugestehen, dass es nicht nur ein moralisch verwerfliches Abenteuer war, das wir miteinander teilten, sondern sich hinter all dem echte Gefühle verbargen, Gefühle, die diese verzwickte Situation nur noch verworrener gestalteten, als sie es ohnehin schon war.

Tränen überfluteten meine Wange, doch davon nahm ich keine Notiz. Stattdessen spulten sich seine Worte immer wieder von vorne ab: Te quiero … te quiero … te quiero … im Innersten hatte ich mir nichts anderes auf dieser Welt sehnlicher gewünscht, als diese Worte aus seinem Mund zu hören und doch bereiteten sie mir eine Heidenangst.

„Ich liebe dich …“, auch ich flüsterte und meine Stimme zitterte. Als diese Worte zu Xavi durchdrangen, konnte er seine Impulse nicht länger zurückdrängen, ließ auch seinen Tränen freien Lauf, überwand den letzten Meter, der uns trennte, legte seine freie Hand in meinen Nacken und legte liebevoll seine Lippen auf die meinen. Den Kuss erwidernd ließen wir unseren tiefen Gefühlen, die wir füreinander hegten und uns endlich eingestanden hatten, freien Lauf. Meine Hände legten sich von selbst in seinen Nacken, wo ich mich verspielt in seinem vollen Haar verfing und das Herz in meiner Brust immer schneller gegen die seine schlug. Unsere Herzen passten sich einander an, bis sie im selben Takt schlugen.

Der Schatten unserer Silhouette schmolz zu einer einzigen Silhouette, die sich mit den letzten Sonnenstrahlen der untergehenden Sonne einen Schleier über den leeren Parkplatz des Hinterhofs warf. Sanft atmeten wir einander an die Lippen, während unsere Stirnen aneinander lehnten und die Wangen von feuchten, vergossenen Tränen bedeckt waren.

Momentaufnahme.

Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn, als sich das, was der Bildschirm des Smartphones mir offenbarte, auf meine Netzhaut brannte.

„Du Arschloch!“, ehe ich mich irgendwie zu dem, was ich auf dem Bildschirm sah, äußern konnte, hatte sie mir auch schon die erste Ohrfeige erteilt.

Noch immer konnte ich meinen Blick nicht von dem Foto, das sie mir mit rot unterlaufenen Augen vor die Nase gehalten hatte, abwenden. Meine Schwester war aufgebracht, mehr als das, sie war zutiefst verletzt, so verletzt, dass sie gar nicht wusste, wohin mit ihrer Wut.

„Verdammt, rede!“, mit einer zur Faust geballten Hand, schlug sie auf den Esstisch, sodass der ganze Tisch vibrierte und das Besteck klirrte.

„Katharina, ich … es …“, stammelte ich vor mich hin, denn nichts, was ich sagen könnte, würde irgendeinen Unterschied machen.

„Nichts Katharina … ich will wissen, wie lange das schon geht, Kilian!“, ihre Stimme war so laut und voller Schmerz und Zorn, dass es mich bis ins Mark erschaudern ließ.

Unmöglich konnte ich ihr diese Frage ehrlich beantworten, aber konnte es überhaupt noch schlimmer werden? Verzweifelt schüttelte ich nur mit dem Kopf, doch da erwischte mich auch schon wieder ihre flache Hand: „Sag es mir!“

„Seit zwei …“, begann ich, doch wurde durch eine weitere Ohrfeige von ihr unterbrochen, während sie schockiert brüllte: „Zwei Monate?!“

Der Schmerz, den ihre Ohrfeigen hinterließen, war nichts gegen diesen inneren Schmerz, den ich verspürte: ich hatte meine Schwester verraten, sie verletzt und obwohl ich es die ganze Zeit über blind vor Liebe hingenommen hatte, riss es mir in diesem Augenblick den Boden unter den Füßen fort. Das Ausmaß, dass diese Affäre, die für mich so viel mehr war als bloß eine Affäre, genommen hatte, würde sich niemals wieder gerade biegen lassen.

„Zwei Monate?!“, wiederholte sie sich fassungslos und erschüttert, während sie in Tränen ausbrach. Stumm starrte ich weiterhin auf den Bildschirm ihres Smartphones, der sich allmählich verdunkelte, ehe er sich jeden Moment abschalten würde: eine Rose lag auf dem Asphalt des Parkplatzes im Hinterhof des Modegeschäfts, sie war wohl aus seinem Knopfloch gefallen. Eng umschlungen warf unsere Silhouette einen Schatten. Auch, wenn unsere Gesichter durch die untergehende Sonne nicht gänzlich zu erkennen waren, war jeglicher Zweifel ausgeschlossen, weswegen ich gar nicht erst daran gedacht hatte, es zu leugnen. Dennoch entschied ich mich dazu, meine Schwester in dem Glauben zu lassen, es seien nur zwei Monate gewesen und nicht zwei ganze Jahre.

„Verschwinde, ich will dich niemals wieder sehen!“, Tränen rannten ihre Wangen hinab, als sich unsere Blicke trafen.

„Katharina …“, versuchte ich, das Wort zu ergreifen, doch vergebens, sie ließ mich nicht ausreden.

„Verschwinde, hab ich gesagt! Verschwinde!“, sie schrie sich förmlich die Seele aus dem Leib.

Schwer schluckend tat ich, wie mir geheißen und lief den langen Flur entlang in Richtung der Wohnungstür. Mit jedem Schritt knirschten die veralteten Holzdielen. Auf halbem Wege begann es, an der Wohnungstür zu klingeln. Immer wieder klingelte es in kürzeren Abständen, bis jemand an die Tür zu hämmern begann: „Mach die Tür auf!“, schrie jene Person, die sich davor befand und wie wild an die Tür klopfte – Xavi.

„Nein!“, schrie die Stimme hinter mir. Langsam drehte ich mich zu meiner Schwester um und da stand sie: mitten im Flur, Vaters altes Jagdgewehr, das wie eine Trophäe im Flur ausgestellt war, auf mich richtend: „Du hast mir alles genommen!“, schrie sie mich an.

„Katharina, nimm die Waffe runter …“, geschockt und unwissend, wozu sie imstande war, hob ich meine Hände ganz langsam und wiederholte mich, so ruhig ich eben konnte: „Nimm die Waffe runter …“

„Du hast mir gar nichts zu sagen!“, schrie sie hysterisch und fuchtelte ungeübt mit dem Gewehr in der Luft herum.

Angst breitete sich in jeder Faser meines Körpers aus, also lief ich langsam rückwärts in Richtung der Wohnungstür, um durch diese zu fliehen.

„Ich bin schwanger …“, sie begann bitterlich zu weinen: „Schwanger, hörst du?!“ Als sie bemerkte, dass ich versuchte, zu fliehen, schrie sie noch lauter: „Bleib stehen, verdammt!“, ein Schuss löste sich aus dem geladenen Jagdgewehr, das ein Magazin von drei Patronen umfasste.

Von meinem Urinstinkt angetrieben, rannte ich zur Wohnungstür dessen Klinke ich tatsächlich zu fassen bekam. Ein weiterer Schuss löste sich aus dem Gewehr und noch während ich dabei war, die Tür zu öffnen, spürte ich, wie mich die Patrone oberhalb meines linken Schlüsselbeins durchbohrte, ein Durchschuss, der den Wandspiegel hinter mir zerschoss. Wie in Zeitlupe taumelte ich nach hinten, bis ich letztlich fiel.

Scherbenhaufen.

Unzählige Scherben fielen zu Boden, um durch den Aufprall nur in noch kleinere Glassplitter zu zerfallen. Ein lautes Klirren hallte durch den langen Flur, dicht gefolgt von einem dumpfen Poltern, das ein Knirschen der veralteten Holzdielen nach sich zog.

 

14 thoughts on “Die Schattenseite des Spiegels

  1. Die Schattenseite des Spiegels- ein genialer Titel für eine packende und tiefgreifende Geschichte, die speziell durch die Einleitungsätze/die Abschlusssätze perfekt abgerundet wird.
    Der Kreis, der sich in dieser Geschichte schließt, „spiegelt“ ebenso Auszüge des wahren Lebens wider sowie die unterschiedlichen Art und Weisen zu lieben, zu denen wir als Menschen im Stande sind. Ob Fluch oder Segen? Hier zeigt diese Geschichte, dass es keine eindeutige Antwort auf diese Frage gibt. Liebe ist halt nicht gleich Liebe?! Aber kann eine Liebe größer sein als eine andere? War es moralisch verwerflich von Kilian und Xavi? Von außen betrachtet: sicherlich… Aber wer schonmal in ähnlicher Situation war, wie würde er das sehen?
    War die Liebe nicht einfach so stark, dass der Verstand nicht mehr wirklich dagegen ankam?
    Und trotzdem falsch? Und ist dadurch der Spiegel zerbrochen? Oder wäre es sowieso irgendwann so gekommen? Hätte man es wirklich verhindern können?
    Natürlich kann man jetzt von Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit sprechen. Aber Menschen, die man liebt zu verletzen oder von sich zu weisen fällt immer schwer und ist teilweise fast unmöglich. Unabhängig davon, auf welche Art und Weise man liebt.
    Dieses Alles im Zusammenspiel mit dem Thema „Tod“ macht diese Geschichte ergreifend und regt zum Nachdenken an.
    Dafür möchte ich der Autorin danken. Eine wirklich absolut gelungene Kurzgeschichte, die es mehr als wert ist, weiter empfohlen zu werden. So könnten noch viel mehr Personen an der eindrucksvollen und fesselnden Schreibweise teilhaben.

    1. Vielen vielen lieben Dank für diesen ausführlichen Kommentar zu meiner Kurzgeschichte. Ebenfalls ein großes Dankeschön für die lieben Worte zu meinem Schreibstil, das motiviert mich natürlich ungemein.

      Dass ich dich so fesseln und zum Nachdenken anregen konnte, berührt mich sehr, denn letztlich ist es genau das, was ich mir so sehr wünsche: meine Mitmenschen zum Nachdenken anzuregen … und Liebe und Tod sind zwei sehr zentrale Themen, die mit großer Sicherheit immer eine zentrale Rolle im Leben eines jeden Einzelnen von uns spielen werden.

      War es falsch, sich in den jeweils Anderen zu verlieben, beziehungsweise: kann Liebe überhaupt falsch sein und wer hat das Recht, diese entscheidende Frage zu beantworten?

  2. Moin Marie,

    du hast einen tollen Schreibstil. Der gefällt mir echt gut…deine Geschichte lässt sich wirklich super lesen. Wie sich am Ende der Kreis schließt und man sich am Anfang der Geschichte wieder findet, is klasse!

    LG Frank aka leonjoestick ( Der Ponyjäger)

  3. Eine sehr schöne Geschichte.

    Dieses Wechselspiel aus Vergangenheit und Gegenwart gefiel mir sehr und das Ineinandergreifen der einzelnen Passagen, was sich dem Leser erst zum Ende der Geschichte hin erschließt, verleitet einen dazu die Geschichte noch ein zweites Mal und mit ganz anderen Augen zu lesen.

    Die einzelnen Szenen sind sehr detailliert und ziehen mich als Leser sofort in ihren Bann.

    Wirklich ein sehr gelungenes Projekt.

  4. Sehr schöne Kurzgeschichte! Deine Art zu schreiben gefällt mir sehr gut. Der Leser wird sofort in den Bann gezogen und rutscht im Laufe der Zeit immer weiter in die Geschichte hinein. Der rote Faden und gerade das Zusammenspiel von Anfang und Ende ist dir wirklich gut gelungen. Ich finde die Story ergreifend und sie regt zum nachdenken an. Hier sieht man mal wie ein Wort durch die Interpretation mehrerer Menschen verschiedene Bedeutungen haben kann. Über so was muss man sich auch im echten Leben im Klaren sein. Also wie ich finde eine wirklich gelungen Kurzgeschichte. Danke dir und mach weiter so!

    1. Hallo Marie du hast das Talent zum schreiben, deine Geschichte ist so wundervoll geschrieben, diese Sprünge zwischen Gegenwart und Vergangenheit…sehr, sehr gut umgesetzt. Mach weiter so, mein ❤-chen hast du!
      Liebe Grüße frechdachs

  5. Liebe Marie,
    ich fand den Titel deiner Geschichte so schön, da musste ich gleich mal reinlesen…Und dann musste ich bis zum Ende lesen. 🙂
    Mir gefällt der Bogen, den deine Geschichte spannt und mir gefällt es, dass die Erzählung aus einzelnen Situationen zusammengebaut ist, deren Sinn sich erst im großen Ganzen erschließt. Außerdem hast du eine wunderschöne Art Liebe zu beschreiben.
    Mein Herzchen hast du! 🙂

    LG
    Merle (Geschichte: Sepia)

  6. Liebe Marie,

    ich weiß gar nicht richtig, was ich schreiben soll, außer, dass du unheimlich gut schreibst und mich die Geschichte sehr bewegt hat. Anfangs war ich etwas verwirrt wegen dem Zeitwechsel, aber sobald ich weitergelesen hatte, konnte ich auch nicht mehr aufhören. Die Figuren, die Themen und wie du sie in deiner Geschichte verpackt hast sind wirklich einzigartig, du hast wirklich meinen größten Respekt!
    Ich wünsche dir weiterhin ganz viel Erfolg, falls du Lust hast, kannst du gerne mal bei meiner Geschichte vorbeischauen.

    Liebe Grüße, Annika (Null Negativ)

Schreibe einen Kommentar