Claudia KoppeDie Spiegelfrau

15+

Die Spiegelfrau

Sie konnte sich nicht bewegen. Es brauchte nur eine Sekunde, um das festzustellen. Sie war gefangen. In ihrem eigenen Körper. Dabei spürte sie doch jeden Zentimeter.

Wie konnte das sein? Wo war sie?

Vorsichtig öffnete sie ihre Lider und erforschte ihre Umgebung. Das grelle Weiß der Decke stach in ihren Augen. Unmöglich, das auszuhalten. Voller Panik schloss sie die Augen wieder. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihr Hörvermögen. Doch sie war von Stille umgeben. Lediglich ein Lüfter irgendwo im Raum rasselte leise und rhythmisch. Außer diesem und ihrem eigenen Atem gab es kein weiteres Geräusch in diesem Zimmer. Ein beißender Geruch stieg in ihre Nase.

Wo war sie?

Sie lag. Auf einer Matratze? Ihr Körper war fixiert. Nicht an irgendetwas, an sich selbst. Von Panik getriebene Schweißperlen traten auf ihre Stirn. Ihr Herz begann zu rasen.

Bleib ruhig. Denk nach!

Verzweifelt versuchte sie, sich daran zu erinnern, was sie als Letztes getan hatte. Wärme breitete sich auf ihrem Gesicht bei der Erinnerung aus, die nun in ihren Kopf stieg. Es war eine angenehme Wärme. Als sei sie von der Sonne geküsst worden…

Die Sonne blendete Grace, sodass sie schützend ihre Hand davor schob. Doch es war schon zu spät. Der Aufprall war nicht mehr zu verhindern.

Aua“, stieß Grace aus.

Oh, das tut mir so leid“, erklang eine männliche Stimme voller Mitgefühl. „Haben Sie sich wehgetan?“

Es geht schon“, antwortete Grace und rieb sich ihre schmerzende Schulter. Sie blickte in die kristallklaren Augen des Mannes, mit dem sie gerade mitten auf dem Bürgersteig zusammengestoßen war. „Mir tut es auch leid“, hörte sie sich sagen.

Warten Sie, ich helfe Ihnen.“ Grace beobachtete, wie der Mann sich daran machte, ihre Habseligkeiten von der Straße zusammenzusammeln. Der gesamte Inhalt ihrer Handtasche hatte sich durch den Zusammenstoß auf dem Gehweg verteilt. Peinlich berührt hockte sie sich ebenfalls hin und griff nach ihrem Lippenstift, der Puderdose und ihrer Haarbürste. Röte stieg in ihre Wangen.

Hier bitte.“ Mit einem Lächeln hielt ihr Gegenüber ihr ein Handy entgegen, das Grace jedoch nicht erkannte. „Das muss auch noch Ihnen gehören. Denn meins ist es nicht.“

Ferngesteuert nahm Grace das Smartphone in die Hand und starrte auf den fremden Gegenstand. Mit einem Tastendruck erwachte der Bildschirm zum Leben. Grace erstarrte. Sie blickte in wohlbekannte Augen. In ihre Augen. Das Handy zeigte ein Bild, auf dem sie trotz der starken Schwarz-Weiß-Pixel unverkennbar zu sehen war: Vollkommen in Schwarz gekleidet, mit einer Maske bedeckt. Hektik stand in den Augen geschrieben.

Die Polizei sucht nach dir. Wo bist du?“, stand unter dem Bild.

Grace rann ein Schauer über den Rücken. Sie konnte sich weder an das Handy noch an das Foto erinnern, geschweige denn an die Situation, in der sie maskiert gewesen sein soll. War das wirklich ihr Handy? War sie das tatsächlich auf dem Bild? Auf einem Bild einer Überwachungskamera? Das konnte nicht sein!

Das musste ein Scherz sein. Versteckte Kamera? Irritiert schaute Grace vom Handy auf und suchte mit ihren Augen die Umgebung ab. Doch es war nur eine gewöhnliche Einkaufsstraße. Voller Menschen, die hektisch ihrem Ziel entgegen hasteten. Von der Sonne an diesem herrlichen Frühlingsmorgen in ein grelles Licht getaucht.

Es tut mir leid“, entschuldigte sich der Mann noch einmal. „Sind sie sicher, dass es Ihnen gut geht? Sie sehen so blass aus.“

Ich denke-“, Grace brach ab. Hinter ihr ertönte ein grelles Schreien. Ruckartig drehte sie sich um und entdeckte einen großgewachsenen, schlanken Mann in einem schwarzen Anzug, der sich durch die Massen auf sie zu kämpfte.
„Warte. Bleib stehen. Bitte“, schrie er. Panik ergriff sie erneut.

Gehört der zu Ihnen?“, erklangt die warme Männerstimme erneut. Doch Grace antwortete nicht. Ohne genau zu wissen, warum, klemmte sie ihre Handtasche mit ihren Armen fest an ihre Brust und rempelte den Mann erneut an, als sie fluchtartig zu rennen begann. Grace rannte um ihr Leben. Sie musste hier weg, das wusste sie ganz sicher. Nur wusste sie nicht, warum sie flüchtete. Und vor wem.

Zehn Minuten später schloss Grace hastig ihre Wohnungstür hinter sich und lehnte sich erleichtert mit dem Rücken an sie. Grace versuchte, einmal tief durchzuatmen. Warum war sie bloß so in Panik geraten? Ein tiefer Atemzug. Danach ein Zweiter! Es war das beste Mittel gegen die nur allzu bekannten Panikattacken. Nur langsam beruhigte sich ihr Pulsschlag. Wie ferngesteuert schritt sie auf den großen Spiegel an der Garderobe zu und suchte Antworten in ihrem Spiegelbild. Doch alles, was sie sah, war eine junge Frau, deren brünetten Haare verschwitzt um das blasse Gesicht klebten. Kaum Farbe auf den Wangen. Die schmalen Lippen waren fest aufeinandergepresst. Ihre braunen Augen glichen die einer Drogensüchtigen: Weit aufgerissen und glasig starrte sie sich selbst an. Grace sah die Angst in ihnen, die sie in jeder Faser ihres Körpers spürte. Und doch war da noch mehr. Kälte lag in den Augen. Grace machte eine Verbitterung aus, die sie nicht in sich spürte. So als würde sie auch gleichzeitig in fremde Augen blicken. Ein Bild blitzte vor ihrem inneren Auge auf, doch verschwand es so schnell, dass Grace es nicht greifen konnte. Sie wandte den Blick von ihrem Spiegelbild ab. Es machte ihr Angst. Vorsichtig schritt sie weiter in die Wohnung hinein.

Grace versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Sie war auf dem Weg zum Friseur gewesen. Oder war es der Fleischer? Welcher Tag war heute? Montag, war sich Grace fast sicher. Sie hätte am Nachmittag ihre erste Vorlesung gehabt, glaubte sie. Tom. Das war ihr Freund. Richtig? Sie wollten bald zusammen ziehen. Wann hatte sie ihn das letzte Mal gesehen? Gesprochen? War das Freitag? Grace fiel beim besten Willen nicht ein, was sie das gesamte Wochenende über gemacht hatte. Sie konnte sich noch nicht einmal daran erinnern, wie sie heute Morgen aufgestanden war.

Du bist nur durcheinander. Das ist alles. Das kennst du doch schon“, flüsterte sie in die leere Wohnung. Sie müsse sich nur beruhigen und dann wäre alles wieder in Ordnung. Dann würde sie sich auch wieder an die wichtigsten Dinge erinnern. Auch wenn immer ein paar Erinnerungslücken zurückblieben.

Plötzlich übermannte eine schier unerträgliche Müdigkeit ihren Körper. Schwerfällig schleppte sie sich ins Wohnzimmer, ließ sich auf die Couch fallen und schloss die Augen. Sie brauchte weitere fünf Minuten, bis sich ihr Atem endlich vollständig beruhigt hatte. Im gleichen Augenblick setzten die bekannten Kopfschmerzen ein. Gequält massierte Grace ihre Schläfen, bevor sie langsam ihre Augen wieder öffnete. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Handtasche auf ihrem Schoß lag. Automatisch rutschte eine Hand hinein und zog das Handy heraus, das ihr so völlig fremd war. Es gab keine Sicherung, was dafür sprach, dass es ihr gehören könnte. Grace hatte gelernt, alle Hürden zu vermeiden, die ein funktionierendes Erinnerungsvermögen voraussetzten. Erneut stach das Foto der Überwachungskamera sie vorwurfsvoll an.

Die Polizei sucht nach dir. Wo bist du?“

Wer hatte es gemacht? Wer hatte es ihr geschickt? Und wer zum Teufel hatte es als Bildschirmhintergrund gespeichert, wo seine Herkunft nicht mehr feststellbar war?

Hastig ließ Grace das Bild verschwinden und rief die Kontakte auf. Doch die Liste war leer. Ebenso wie die Anrufliste. Entweder hatte niemand mit diesem Handy telefoniert oder die Anrufe waren gelöscht worden. Wer? Sie selbst? Oder war es gar nicht ihr Handy?

Wie erwartend fand Grace das gleiche Ergebnis bei den Nachrichten: Keine SMS, keine WhatsApp, kein anderer Messenger war zu finden. Merkwürdig, dachte Grace und öffnete die E-Mails, ohne daran zu glauben, dass hier das Ergebnis ein anderes sein würde. Doch sie riss überrascht die Augen auf. Ein gespeicherter Entwurf leuchtete ihr auf dem Bildschirm entgegen. Augenblicklich begann Grace‘ Finger, wieder zu zittern. Ihr Puls beschleunigte sich erneut. Fast hätte sie das Handy einfach weggeworfen und wäre in Tränen ausgebrochen. Nein, ermahnte sie sich selbst und tippte entschlossen den Entwurf an. Zwei Sekunden später schnappte sie nach Luft.

Niemals vergessen: Vertraue Tom nicht, er weiß Bescheid. Er ist dein Feind. Er will sich rächen. Er wird dich töten.

Grace schwitzte erneut, doch gleichzeitig zog ein Frösteln über ihre Haut. Entsetzt starrte sie auf die Worte vor sich. Wer wollte sie warnen? Warum? Vor wem? Plötzlich fiel es ihr wieder ein. Der Mann auf der Straße, der nach ihr gerufen hatte, war Tom gewesen. Tom. Ihr Freund. Sie war vor ihrem eigenen Verlobten weggelaufen.

Ein dumpfer Knall ließ sie zusammenzucken. Ruckartig schaute Grace zur Tür. Dort krachte es noch einmal.

Bitte, ich weiß, dass du da bist. Mach auf. Ich bin es, Tom.“ Er hämmerte mit der Faust an die Tür. Ihr Zittern verstärkte sich. Automatisch zog sie ihre Knie zur Brust und kauerte sich zusammen. Ihre Hände schnellten zu ihren Ohren. Sie wollte das nicht hören.

Lass mich rein. Bitte. Ich will die Tür nicht aufbrechen müssen.“ Seine Stimme drang durch ihre Hände hindurch. Entsetzt schaute Grace auf. Sie schrie innerlich. Doch aus ihrem Mund drang kein Laut. In ihrem Kopf tobte ein Kampf zwischen Angst, Hoffnung und Verzweiflung. Was sollte sie tun? Es war ihr Verlobter, der da an die Tür hämmerte. Und doch ließen wenige Worte auf einem ihr fremden Handy sie zweifeln. Tränen rannen ihr die Wangen herunter.

Er will sich rächen. Er wird dich töten.

Letzte Chance, lass mich rein“, tönte es von draußen. In diesem Moment war die innerliche Schlacht beendet. Grace sprang auf, ließ das Handy hektisch zurück in ihre Handtasche gleiten und rannte zu der Glasflügeltür, die auf den Balkon führte. Während sie über die Brüstung stieg und die Feuertreppe hinunter stürmte, verstummte das Pochen ihres Verlobten allmählich hinter ihr. Sie hörte Holz brechen. Sie hörte Tom wieder schreien. Auf der Straße begann sie zu rennen. Erneut wusste sie nicht warum. Sie wusste nur, dass sie immer noch um ihr Leben rannte.

Denk nach, befahl sich Grace eine halbe Stunde später. Sie hatte sich in den erstbesten Bus gesetzt, um so schnell wie möglich, so weit wie möglich wegzukommen. Grace war bis zu dessen Endstation gefahren. Die Gegend, in der sie schließlich ausstieg, war ihr fremd. Reihenhäuser rechts, ein Park auf ihrer linken Seite. Welche Richtung sollte sie einschlagen? Was sollte sie tun? Und was zum Teufel war hier eigentlich los? Grace Kopf begann erneut zu schmerzen. Sie musste sich unbedingt ausruhen und klare Gedanken bekommen. In diesem Augenblick entdeckten ihre Augen ein Schild.

Wie ein Rettungsanker zog die Leuchtreklame eines schäbig aussehenden Hotels sie magisch an. Mechanisch öffnete Grace die Eingangstür, trat an die Rezeption und bat um ein Zimmer für zwei Nächte.

Geht es Ihnen gut? Sie sehen blass aus“, hörte sie den jungen Mann wie aus weiter Ferne fragen.

Alles in Ordnung“, murmelte Grace. „Ich bin nur müde.“

Haben Sie Gepäck? Soll ich ihnen beim Tragen helfen?“

Doch Grace winkte nur ab, nahm den Schlüssel vom Tresen und wandte sich ohne ein weiteres Wort zum Fahrstuhl. Im Zimmer zog sie alle Vorhänge zu und ging ins Bad, um einen Schluck Wasser aus dem Hahn zu trinken. Es schmeckte fahl. Die Luft roch abgestanden. Erneut übermannte eine schier unglaublich starke Müdigkeit sie. Grace ließ sich aufs Bett fallen und schloss die Augen. Zwei Sekunden später war sie eingeschlafen und verfiel in einen Albtraum voller unterdrückter Erinnerungen.

Die Bilder waren verschwommen und in eine Dunkelheit getaucht, die sie erzittern ließ. Das regelmäßige Aufleuchten eines kleinen roten Punkts rechts oberhalb von ihr schien die einzige Lichtquelle zu sein. Sie starrte eine Sekunde zu lang in die Kamera, bevor sie sich besann. Konzentration!

Eine behandschuhte Hand drückte eine Türklinke herunter. Sie schien ebenfalls zu zittern. Und doch strahlte sie eine merkwürdige Sicherheit und Entschlossenheit aus. Feuchter Stoff drückte gegen ihre Lippen. Drinnen gab es noch mehr Dunkelheit. Leises Schnarchen lag in der Luft. Sie schwebte durch die Finsternis auf das Geräusch zu. Verschwommen erschien die zweite Hand vor ihren Augen, gefüllt mit einem weißen Stück Stoff. Das Schnarchen verstummte. In der Dunkelheit öffneten sich zwei Augen und starrten sie erschrocken an. Ihre Hand schnellte hervor und drückte den Stoff unterhalb der Augen auf das Etwas, das nun unter ihr lag. Laute blieben im Gewebe hängen, erstickt unter ihrem Druck. Er wehrte sich. Doch nicht lange. Unter ihrem Gewicht wurden die Zuckungen immer weniger. Die Stahlklinge blitzte für einen Moment in der Finsternis auf, bevor sie nach unten sank. Blut quoll an der Stelle heraus, wo sich die Spitze in das unsichtbare Fleisch bohrte. Ein Buchstabe nach dem anderen entstand in dem roten Saft. Bis plötzlich die Augen unter ihr erneut aufrissen und sie schmerzerfüllt anstarrten. Nein, er sollte nicht sterben. Das wäre viel zu leicht.

Grace wachte von ihrem eigenen Schrei auf. Für einen Moment dachte sie, sie wäre immer noch in dieser Finsternis gefangen. Doch dann konnten ihre Augen erste Konturen in dem Raum erkennen. Sie war in einem Hotelzimmer, fiel es ihr wieder ein. Es war nur ein Traum gewesen. Ein Albtraum. Inzwischen war es draußen dunkel geworden, sodass nur ein oranger Lichtschein der Straßenlampe durch den Spalt der Vorhänge in das Zimmer eindrang. Sie keuchte und wischte sich mit den schweißnassen Händen über das Gesicht. Sie war in Sicherheit.

Nein. War sie nicht. Sie war nicht allein.

Diese Gewissheit schoss ihr in dem Augenblick in den Sinn, als sie den Atem an ihrem Ohr spürte.

Schhhhhh“, flüsterte die Stimme. „Ganz ruhig. Es ist alles in Ordnung.“

Ruckartig sprang sie vom Bett und hastete zum Lichtschalter neben dem Nachttisch. Das grelle Licht, das sofort den Raum erhellte, schmerzte in ihren Augen. Tom war auf dem Bett sitzen geblieben.

Beruhige dich“, sagte er immer noch leise und ruhig, während er die Hände erhob, als wolle er sich ergeben.

Wie hast du …“, stotterte Grace und starrte den Mann im schwarzen Anzug vor sich angstvoll an. In ihrem Kopf hämmerte es. Das Bett mit Tom darauf versperrte ihr den Weg zur Tür.

Wie ich dich gefunden habe?“, fragte Tom. Plötzlich lächelte er. Es schien warm. Es schien freundlich.

Du bist nicht das erste Mal in diesem Hotel, weißt du nicht mehr?“

Nein. Das wusste sie nicht. Eigentlich wusste sie gar nichts mehr. Gähnende Leere machte sich erneut in ihrem Kopf breit. Die Schläfen pulsierten. Sie zitterte am ganzen Körper. Gleich würden ihre Beine nachgeben, war sie sich sicher.

Vielleicht erinnerst du dich nicht mehr“, fuhr Tom fort. „Aber das macht nichts. Ich erinnere mich für uns beide. Ich passe für uns beide auf. Ich sorge dafür …“ Doch er vollendete den Satz nicht. Stattdessen erhob er sich langsam vom Bett und stand nun in voller Größe auf dessen anderer Seite.

Bleib weg“, schrie Grace und ballte die Fäuste vor ihrem Gesicht, als wolle sie mit ihm boxen. „Komm ja nicht näher.“

Beruhige dich. Ich tue dir nichts.“

Freund oder Feind? Die Frage hämmerte in Grace‘ Kopf.

Vertraue Tom nicht, er weiß Bescheid. Er will sich rächen. Er wird dich töten.

Du willst mich töten“, schrie sie nun rasend vor Panik. Hektisch machte sie einen Schritt zurück. Ihr Rücken stieß an die Wand.

Töten?“ Er schaute sie erschrocken an. „Warum sollte ich das wollen? Oh mein Gott, glaubst du ernsthaft, ich will dir etwas antun?“

Schmerz flackerte kurz in seinen Augen auf, bevor ein Schleier ihn verdeckte.

Wo war seine Waffe, schoss es Grace durch den Kopf.

Warum verfolgst du mich denn sonst? Hast du das Foto geschickt?“

Ihre Augen schielten nach der Badezimmertür. Wenn sie schnell genug wäre und den Überraschungsmoment auf ihrer Seite hätte, könnte sie es hinein schaffen und die Tür verriegeln, bevor er ihr folgte.

Oh Himmel, Grace, ich würde dir niemals etwas antun. Ich liebe dich!“

Bullshit“

Grace wich ein weiteres Stück Richtung Badezimmer.

War es Stefanie?“, wechselte er plötzlich das Thema.

Wer ist Stefanie?“

Noch zwei Schritte, dann hätte sie es geschafft.

Grace! Ich versuche doch nur, dir zu helfen. Du weißt sehr genau, wer Stefanie ist.“

Doch Grace hatte keine Ahnung. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt nur der Badezimmertür. Jetzt oder nie. Mit einem Ruck hechtete sie zur Seite und versuchte, mit der linken Hand die Türklinke zu erreichen. Doch er war schneller. Seine Hand schlug ihre in die Luft. Grace strauchelte. Sie hatte verloren, wusste sie augenblicklich. Aus Panik wurde Hilflosigkeit. Jegliche Kraft schien mit der Erkenntnis aus ihrem Körper zu weichen. Ihre Beine gaben nach. Grace spürte noch die starken Arme unter sich, bevor die Dunkelheit sie erneut einnahm.

Der Lüfter rasselte immer noch, als sie die Augen wieder öffnete und erneut zur weißen Decke starrte. Inzwischen hatte sie sich an das Gefühl des Gefangenseins gewöhnt und aufgegeben, sich bewegen zu wollen. Die Erinnerungen der letzten Stunden hatten sie aufgeheizt, das gehetzte Gefühl sie rasend gemacht.

Er hatte sie erwischt. Trotz aller Vorsicht. Trotz der Warnung.

Nun vertrieb Wut die Panik. Mit jedem Atemzug schwoll sie an, bis sie die innere Raserei nicht mehr bei sich halten konnte. Ihr tobsüchtiger Schrei zerfetzte die Stille.

Ah, ich sehe, da ist jemand endlich wach“, ertönte es einen Augenblick später. Sie drehte ihren Kopf so weit wie möglich nach links. Doch sie konnte nicht zur Tür blicken.

Ganz ruhig. Die Fixierungen werden wir bald lösen.“ Ein grauhaariger Mann trat über sie in ihr Blickfeld und schaute sie forschend an. Sie spuckte ihn verachtend an.

Na, na“, sagte der Grauhaarige ruhig, zog ein Taschentuch hervor und wischte sich ihren Speichel aus dem Gesicht. „Das ist aber gar nicht freundlich.“

Ich war noch nie freundlich zu Ihnen, Doktor Hennings.“

Das stimmt.“ Er nickte. „Dann kann ich wohl stark davon ausgehen, dass ich das Vergnügen mit Stefanie habe?“

Sie ignorierte diese Frage.

Ich bereue nichts“, erwiderte sie stattdessen entschlossen. „Das Schwein hat es verdient.“

Das wage ich nicht zu beurteilen“, entgegnete Dr. Hennings ruhig.

Sie können mich nicht aufhalten“, fuhr sie unbeirrt fort. „Und wenn sie mich noch so oft in diese Zelle und in die Zwangsjacke stecken. Sie werden mich nicht aufhalten. Ich kann warten.“ Ihre Stimme überschlug sich nun, so laut hatte sie die letzten Worte herausgeschrien. Dr. Hennings ließ sich jedoch nicht aus seiner Ruhe bringen.

Kann ich mit Grace sprechen“, wechselte er so abrupt das Thema, dass sie einen Augenblick verblüfft ihre eigene Spucke verschluckte.

Was wollen sie von dem Angsthasen? Sie ist schwach und kann sich nicht wehren. Deswegen muss ich das übernehmen. Die Schlampe ist sogar zu blöd, meine Warnungen zu verstehen, und lässt sich einfach schnappen. Ernsthaft, ich hab ihr nur eine Nachricht übrig gelassen und die blöde Kuh kapiert es einfach nie.“ Nun wand sich Stefanie wütend in ihrer Zwangsjacke hin und her, versuchte den Kopf aus dem ledernen Fesseln darüber zu befreien.

Ich nehme an, das bedeutet nein“, seufzte Doktor Hennings und entglitt wieder ihrem Blickfeld. Sie hörte Schritte, die zur Tür führten.

Das ich schade, aber auch ich kann warten“, fügte er hinzu. „Schwester Katrin und Pfleger Michael werden Sie bald ins Badezimmer führen, sofern Sie sich wieder beruhigen.“

Zwischen ihren Schreien hörte sie, wie die Tür sich wieder schloss.

Toms Augen waren verquollen und rot. Unter ihnen prangten dunkelviolette Ringe. Sein Gesicht war blass. Der Anzug zerknittert und verdreckt. Er zog sich gerade einen Kaffee aus dem altertümlichen Automaten auf dem Flur der Station A, in der städtischen Psychiatrie.

Ist sie wach?“, fragte er zwei Sekunden später Dr. Hennings, der langsam zu ihm getreten war und sanftmütig eine Hand auf seine Schulter gelegt hatte. Dr. Hennings nickte und Tom konnte die Antwort auf seine nächste Frage bereits in seinen Augen ablesen.

Es ist nicht Grace“, murmelte er und ließ seinen Blick auf den grauen Linoleumboden sinken.

Nein. Tut mir leid.“

Wasser füllten Toms Augen. Bis zuletzt hatte er gehofft, dass all das nur ein Albtraum war. Dass seine Grace wieder zu ihm zurückkehren würde. Dass sie nichts mit dem Verbrechen zu tun hatte. Doch schon in dem Moment, als sie glaubte, er sei ihr Feind, hatte er es geahnt. Nichts würde so werden, wie es einmal war.

Ich verstehe das nicht. Es lief so gut“, stammelte er nun verzweifelt. „So viele Jahre. Sie war doch gerade erst aus dem betreuten Wohnen ausgezogen. Wir wollen nächstes Jahr heiraten.“

Ich weiß“, flüsterte Dr. Hennings und tätschelte ihm freundschaftlich die Schulter.

Warum jetzt?“, fragte Tom und blickte sein Gegenüber forschend an.

Das werde ich herausfinden. Aber ich vermute, dass es irgendeinen Auslöser gab, warum sie wieder einen Rückfall hatte. Sie wissen doch, ihre dissoziative Identitätsstörung wird noch nicht lange behandelt. Da reicht ein Foto aus der Vergangenheit oder irgendein anderer Gegenstand. Manchmal ist nur ein Duft der Auslöser. Hat sie ihre Medikamente regelmäßig genommen?“

Bis letzten Freitag ja“, flüsterte Tom nun verzweifelt. „Am Wochenende war ich bei meinen Eltern.“

Haben Sie telefoniert?“

Tom nickte.

Das letzte Mal Samstag Abend. Seither habe ich sie nicht wieder erreicht.“ Tom erschauderte bei der Erinnerung. Im Nachhinein konnte er die Zeichen deuten. Sie hatte verändert geklungen. Kühl. Und doch hatte Tom sich eingeredet, dass sie durch ihre erste Vorlesung nach dem Wochenende und seine Reise einfach nur gestresst war. Als der Anruf der Polizei kam, wusste er es besser. Sie suchten nach ihr. Und er konnte sie nicht mehr erreichen. Auf das Bild hatte sie ebenso wenig reagiert wie auf seine unzähligen Anrufe.

Dann denke ich, wir können davon ausgehen, dass Stefanie irgendwann nach ihrer Abreise die Oberhand gewonnen hat. Ich fürchte, der Einbruch in die Villa und der Angriff gehen auf ihr Konto. Die Überwachungskamera im Garten hat sie deutlich eingefangen. Ich verstehe nur nicht, warum sie ihn nicht umgebracht hat.“

Sie ist keine Mörderin“, widersprach Tom sofort. „Zumindest Grace“, setzte er leise hinzu. Tom schüttelte sich. Er hatte Fotos gesehen, wie der Mann zugerichtet war. Auf seiner Wange war das Wort „Schwein“ in die Haut eingeritzt.

Er hat sie jahrelang missbraucht. Ihr eigener Vater“, stammelte Tom nun hilflos. „Kann man ihr die Rachegelüste wirklich übel nehmen?“

Das beurteile ich besser nicht“, antwortete Dr. Hennings. „Meine Aufgabe ist es, Grace wieder zu stabilisieren. Mit unkontrolliertem Identitätswechsel kann ich sie nicht wieder entlassen.“

Ich weiß“, seufzte Tom. Das Wasser in seinen Augen quoll nun über. Tränen kullerten die Wangen herab und tropften geräuschlos auf den grauen Linoleumboden.

Sie war Grace, als ich sie gefunden habe. Und doch hatte sie geglaubt, ich wollte sie umbringen. Meine Grace. Das war keine ihrer anderen Identitäten.“

Dr. Hennings nickte verständnisvoll und tat etwas, was er sonst nie mit Patienten oder deren Angehörige tat. Er nahm Tom in den Arm. Eine Minute standen die zwei Männer schweigend auf dem Flur der Station A der städtischen Psychiatrie, bis Tom sich wieder etwas gefangen hatte.

Ich fürchte, wir müssen der Tatsache ins Auge sehen, dass sie eine ziemlich lange Zeit wieder hierbleiben muss. Ich kann nicht riskieren, dass sie wieder wegläuft.“

Tom nickte stumm zur Bestätigung. Kälte kroch in seine Knochen. Seine Zukunft war verloren. Die Pläne zerstört. Sein Leben mit seiner Verlobten zu Ende. Darunter würden sie beide bis an ihr Lebensende leiden. Denn eins konnte Tom nun nicht mehr länger leugnen:

Grace war sich selbst der größte Feind.

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8 thoughts on “Die Spiegelfrau

  1. Moin Claudia,

    eine tolle Geschichte! Gut geschrieben, gut durchdacht, gut skizzierte Charaktere.

    Klasse, authentische Dialoge.

    Hat mir wirklich gut gefallen! Hat richtig Spaß gemacht zu lesen. Einmal angefangen, lässt dich die Storie nicht mehr los. Unbedingt weitermachen!

    Mein Like lass ich dir gerne da und wünsche dir alles Gute für’s Voting.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

    1+

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