SvenruebhagenDie verführerische Rache

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Kapitel 1 Schlimmer Traum

„Hattest du schon mal so ein junges Ding wie mich?“, stöhnte sie ihm ins Ohr, während er in sie eindrang.

 

Es glich einer Pein, als er erwachte.

Tobias Renker schrak hoch und atmete schwer. Sein Körper war von Schweiß bedeckt und das Federbett schien regelrecht daran festzukleben.

Mit einem erstickten Keuchen warf er die Decke von sich und rieb sich über das nasse Gesicht.

„Wieso lässt mich diese Sache nicht mehr los?“, flüsterte er geistesabwesend, während er zur dämmernden Zimmerdecke des Schlafzimmers blickte.

„Hast du was gesagt?“

Neben ihm regte sich seine Ehefrau und wandte ihm ihren Kopf mit zusammengekniffenen Augen zu.

Tobias fühlte sich ertappt. „Nein, alles gut,“ meinte er nur und hoffte, dass sein Lächeln fröhlich genug wirkte, um weitere Fragen von Jennifer vehement abzuschmettern.

„Ich stehe auf. Kann nicht mehr schlafen,“ sagte er nur, warf die Decke zur Seite und setzte sich auf.

„Wenn ich dich so sehe, bekomme ich gleich wieder Lust,“ sagte Jennifer verführerisch und zwinkerte ihm mit ihren azurblauen Augen entgegen.

Sie setzte sich auf, wobei ihr die Decke von den Schultern rutschte und ihre Oberweite offenbarte. Seitlich unter ihrer linken Brust, trug sie einen tattoovierten Spruch. Fokus auf das Gute, stand da in verschnörkelten Buchstaben geschrieben.

Sie wollte nach Tobias` Hand greifen, um ihn wieder ins Bett zu ziehen, doch dieser ließ es nicht geschehen.

„Ich kann jetzt nicht,“ sagte er nur etwas lahm und Jennifers Gesicht wurde ernst.

„Was ist los?“ Sie fasste ihn bei der Schulter. Diese Berührung war nicht mehr so fordernd.

„Wir haben erst halb fünf. Es ist Samstag und du musst heute nicht in die Schule. Ruh dich etwas aus.“

Tobias nickte und schüttelte gleich darauf den Kopf. Dann wandte er sich zu ihr um, lächelte dankend.

„Ich gehe duschen und dann korrigiere ich ein paar Schulaufgaben.“

Jennifer warf die Decke von sich und richtete sich auf. Jetzt kniete sie vollkommen nackt auf dem Bett und strich sich eine Strähne ihres schwarzen, schulterlangen Haares aus dem Gesicht.

„Und wenn ich dir verbiete, dieses Bett zu verlassen?“

Sie biss sich erotisch auf einen Fingernagel und zwinkerte ihm zu.

Ohne etwas zu sagen, griff er nach seiner Kleidung und verließ das Schlafzimmer, um unter die Dusche zu verschwinden.

Der Traum ließ ihn nicht los.

Ein Traum von einer ehemaligen Schülerin, wie sie ihn unter Alkohol gesetzt und sie es auf dem Schulklo miteinander getrieben hatten.

Nur war es leider kein Traum. Es war bittere Realität. Einen Fehler, denn er zutiefst bereute.

Wenn das rauskam, konnte er nicht nur seine Ehe vergessen, sondern auch seinen Job und somit seine komplette Existenz.

Kapitel 2 Der Briefumschlag

Tobias saß an seinem Schreibtisch und sah sich die Matheschulaufgaben an, die er die kommende Woche an seine Schüler aushändigen wollte. Er unterrichtete am St.- Marien-Gymnasium & Realschule in Regensburg und betreute dort die sechste Klasse.

Es war jetzt kurz nach fünf und draußen fielen die ersten Blätter von den Bäumen. Der Herbst hatte Einzug genommen und schwere, dunkle Wolken hatten den Himmel verhangen.

Tobias ließ sich mit einem Seufzer zurücksinken und strich sich durch sein blondes Haar.

Er blätterte die vor ihm liegenden Schulaufgaben durch. Über die Hälfte der insgesamt 26 Schüler hatte er noch vor sich. Beim Korrigieren brauchte er einen klaren Kopf.

Er zwang seine Gedanken, die den gesamten Morgen von ihm Besitz ergriffen hatten, nieder und stürzte sich wieder auf seine Arbeit.

Aus seinem Arbeitszimmer vernahm er Jennifer, wie sie den Abwasch erledigte.

 

Tobias arbeitete bis zum Vormittag. Er kam recht stockend voran, doch im Großen und Ganzen war er mit den Noten seiner Klasse zufrieden. Sicher, es gab immer welche, die nichts taten und dann mit einer schlechten Zensur leben mussten, aber man merkte, wer sich Mühe gab.

Er erhob sich und verließ sein Zimmer. Er wollte zum Briefkasten. Das war immer die Zeit für die Samstagspost.

Er nahm den Schlüssel vom Haken, gleich neben der Türe und wollte die Wohnung verlassen, als er zurückgerufen wurde.

„Wo gehst du hin?“, fragte Jennifer aus der Küche und kam mit prüfenden Blick auf den Flur gelaufen. Ihre schaumnassen Hände trocknete sie sich ab.

„Zum Briefkasten. Ich muss unbedingt mal vom Schreibtisch weg,“ sagte Tobias und gab sich Mühe, seiner Stimme keinen gereizten Klang zu geben.

Sie lachte kurz. „Okay, viel Spaß.“ Dann drehte sie sich wieder um und verschwand in der Küche.

Tobias schüttelte innerlich den Kopf. Jennifer war ein herzlicher Mensch, doch war sie schnell eifersüchtig. Das Wort Kontrollzwang wollte er nicht in den Mund nehmen, doch war es nicht mehr weit entfernt.

Vielleicht war auch das der Grund, warum dieses „Missgeschick“ letztes Jahr mit seiner Schülerin der Abschlussklasse passiert war.

Tobias und Jennifer lebten direkt am Theodor-Heuss-Platz im südlichen Teil von Regensburg und es gab alles gleich um die Ecke. Neulich hatte sogar ein neuer Burgerladen nur ein paar Schritte von ihrer Wohnung aufgemacht.

„Gefährlich, gefährlich,“ hatte Jennifer gesagt, als sie im Hegenauer-Park spazieren gegangen waren. Auch der war gleich beim Theodor-Heuss-Platz.

Als er unten war und den Briefkasten öffnete, stutze er.

Es befand sich Werbung darin und ein brauner, großer Briefumschlag.

Mit etwas Verwunderung nahm er den Inhalt heraus und stellte fest, dass der Briefkuvert ein gewisses Gewicht hatte. Offenbar mussten sich mehrere Unterlagen oder gar ein Gegenstand darin befinden. Nach genauerer Betrachtung enthielt er keinen Absender. Lediglich sein Name mit der dazugehörigen Anschrift stand mit Kugelschreiber in verschnörkelter Schrift darauf.

Konnte es ein Brief von der Schule sein? Er erwartete zumindest keine Post.

Als er wieder in der Wohnung war, schaute seine Frau aus der Küche.

„War was drin?“

Tobias nickte und wedelte mit dem braunen Umschlag in der Hand.

Ohne auf den neugierigen Blick seiner Frau einzugehen, verschwand er schnell in seinem Zimmer.

Mit klopfenden Herzen leckte er sich nervös über die Lippen.

Er setzte sich an den Tisch, öffnete den Brief und sah hinein.

Er stutzte.

Ein Handy, welches er nie zuvor gesehen hatte, war der Inhalt der merkwürdigen Post.

Kapitel 3 Belastender Inhalt

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte er sich.

Dann griff er nach dem Handy und schaltete es ein.

Es dauerte einen Moment. Als das Hintergrundbild zu sehen war, hätte er fast laut aufgeschrien und das Gerät fallengelassen.

Tobias musste zweimal hinsehen, doch es war unverkennbar:

Er war auf dem Bild des Handys!

Zusammen mit Kerstin Berger, auf der Schülertoilette beim Abschlussball.

Das Foto war von oben aufgenommen worden. Tobias  war klar zu erkennen, wie er mit runtergelassener Hose auf dem Klo saß und Kerstin mit breiten Beinen auf ihm drauf.

„Verdammte Scheiße!“, entfuhr es ihm. Panik breitete sich in ihm aus. Wie war dieses Foto entstanden?, fragte er sich und eine weitere stellte er sich nach einer kurzen Überlegung:

Wer hatte es aufgenommen?

Das Foto war von oben geschossen worden und so wie es aussah von der Nachbarkabine aus.

Als ihm klar wurde, was das bedeutete, war die Furcht in ihm so übermächtig, dass ihm schlecht wurde.

Jemand wusste von seinem Fehler. Eine außenstehende Person hatte dieses Foto geschossen und konnte ihn damit fertig machen.

Und diese hatte ihm das Telefon zugespielt!

Er wollte es gerade zur Seite legen, als eine SMS einging.

Hallo Liebster, ich will dich nochmal!

Kapitel 4 Handeln aus Eifersucht

Bis zum Abend bereitete Tobias weiter seinen Unterricht vor.

Jennifer hatte ihn nur einmal zum Mittagessen gerufen. Als sie ins Arbeitszimmer gekommen war, hatte sie etwas irritiert geschaut. War seine Angst so deutlich auf seinem Gesicht zu erkennen gewesen?

Das Handy hatte er in die hinterste Ecke seiner Schublade verfrachtet, in der Hoffnung damit die ganze Sache vergessen zu können.

Natürlich geschah dies nicht. Jemand wollte ihn unter Druck setzen und das mit skrupellosen Mitteln.

Als er am Abend ins Bett ging, spielte er mit dem Gedanken, die Polizei zu informieren.

Als seine Frau sich hinaus schlich, war er bereits eingeschlafen und bekam nichts davon mit.

 

Als Tobias an diesem Sonntagmorgen die Augen aufschlug, fühlte er sich ausgeruht. Er hatte nicht geträumt und fast war es ihm, als wären die jüngsten Ereignisse nur ein Produkt seiner Einbildung gewesen.

Jennifer lag nicht mehr neben ihm. Das war ungewöhnlich. Normalerweise wachte er immer als Erstes auf.

Als er das Schlafzimmer verließ, war alles still.

„Schatz?“, rief er ins Nichts hinein und es kam keine Antwort. Ein ungutes Gefühl breitete sich immer mehr in ihm aus.

Als er die Küche betrat, glaubte er, sein Herz würde stehenbleiben. Ein Kübel Eiswasser schien über ihn zusammenzubrechen.

Jennifer saß am Küchentisch und starrte ins Leere. Ihr Gesicht zeigte völlige Ausdruckslosigkeit.

Das einzige, was auf dem Tisch lag, war das Handy, dass ihm gestern zugespielt worden war.

Tobias blieb unter der Tür stehen, als wäre er gegen eine Wand gelaufen. Seine Augen waren weit aufgerissen und sein Mund wurde trocken. Er wollte etwas sagen, aber es ging nicht.

Sie weiß es!, schoss es ihm durch den Kopf. Sie weiß alles!

„Warum?“, fragte sie endlich, ohne sich zu bewegen.

Tobias stand noch immer unter der Türe.

„Je-Jennifer, ich kann das erklären,“ stotterte er flehend und mit diesen Worten, fiel die Starre von ihm ab.

Tobias` Ehefrau fuhr auf. „Was gibt es da schon zu erklären? Wir sind seit fünf Jahren ein Paar. Ich teile das Bett mit dir und was fällt dir ein? Du schnappst dir eines deiner Flittchen von Schülerin.“

Die Worte trafen ihn wie die Kraft eines Vorschlaghammers.

„Schatz, lass mich das erklären,“ begann er erneut und  brachte sogar das Kunststück fertig, einen Schritt in die Küche hineinzugehen. „Es war der Alkohol und …“

„Alkohol, Alkohol!“, schrie Jennifer, packte das Handy und drückte es so fest, dass Tobias glaubte, es würde jeden Moment in seine Einzelteile zerspringen.

Nun weinte sie und brach auf dem Stuhl zusammen.

„Ich will nicht mehr,“ wimmerte sie. „Es ist aus!“

Tobias lief auf sie zu, ging vor ihr auf die Knie und nahm ihre Hand. „Nein, Liebes, sag das nicht. Ich bereue, was passiert ist. Ich kann mich nicht mal erinnern, wie sich das alles abgespielt hat.“

Seine Frau kam gar nicht dazu, etwas zu erwidern, denn in diesem Moment klingelte das Handy auf dem Tisch.

 

Kapitel 5 Die verzerrte Stimme

Tobias` Hände zitterten, als er die unterdrückte Nummer auf dem Display anstarrte. Nach dem vierten Klingeln nahm er ab.

„Wer ist da?“, fragte er und zwang sich, seiner Stimme einen möglichst selbstsicheren Klang zu geben. Es missglückte.

Als für ein paar Sekunden nichts zu hören war, blickte er Jennifer an, die ihm mit angstvollgeweiteten Augen anblickte.

„Hallo Tobias.“ Die Stimme am anderen Ende klang verzerrt aber eine Spur von Belustigung war daraus zu vernehmen.

„Hast du dich über mein Geschenk gefreut?“

Tobias Angst schlug in Wut um. „Was soll der Blödsinn? Wer bist du und was willst du von mir?“

Wieder für Sekunden Stille.

„Viele Fragen auf die du bald eine Antwort bekommen sollst.“

Nun veränderte sich die Stimme. Sie klang plötzlich sehr verletzt.

„Wenn du in einer halben Stunde nicht in der Schule bist, bring ich mich um!“

 

Kapitel 6 Selbstanzeige

Tobias startete das Auto und fuhr aus der Tiefgarage seiner Wohnung.

Großer Gott, in was für eine kranke Sache hatte er sich da nur gebracht? Er hoffe, dass Jennifer ihm verzeihen würde.

Er hatte Angst gehabt, dass diese Geschichte aufflog, doch nun war ihm Folgendes bewusst geworden: Hier ging es nicht nur um ihn, sondern um eine junge Frau, die gerade mal neunzehn Jahre alt war, die sich das Leben nehmen wollte.

Während er fuhr, dachte er darüber nach, was sich damals zugetragen hatte. Tobias war sich immer sicher betrunken gewesen zu sein, doch stimmte das? Soweit er sich erinnern konnte, hatte er gerade mal ein Glas Sekt getrunken. Trotzdem war alles nur unzusammenhängend in seinem Kopf.

Aber von so ein bisschen Sekt werde ich nicht betrunken, dachte er sich.

Konnte es sein, dass ihm etwas ins Glas getan worden war? Eine Art Droge?

Tobias sah auf die Uhr seines Autoradios. Er hatte noch zwanzig Minuten Zeit.

Kurz entschlossen hielt er am Straßenrand an und griff nach seinem Handy. Das Telefon des Erpressers hatte er neben sich in der Fahrertür stecken.

Ohne zu Zögern wählte er die Nummer der Polizei und als eine nette Frauenstimme sich meldete, sprudelte es aus ihm heraus: „Hören Sie? Ich habe einen riesigen Scheiß gebaut. Sie dürfen mich gerne festnehmen aber zuerst müssen sie eine Streife zum St.- Marien-Gymnasium in Regensburg schicken!“

 

Kapitel 7 Die Polizei

Zehn Minuten später traf Tobias auf dem Parkplatz der Schule ein. Das große Gebäude baute sich vor ihm auf und schien ihm höhnisch anzugrinsen.

Kaum hatte er das Auto abgestellt, klingelte das Telefon, welches im Türfach steckte.

„Ja,“ sagte Tobias, als er den grünen Hörer gedrückt hatte.

„Die Zeit läuft,“ erklärte die undefinierbare Stimme. „Noch zehn Minuten, sonst sterbe ich!“

„Das ist doch Wahnsinn!“, schrie Tobias in den Hörer, aber da war der Anruf bereits abgebrochen worden.

Er starrte das Display an. Das Foto, dass alles von ihm zerstören könnte, doch das schien nicht mehr wichtig.

Tobias wusste, dass die Stimme Kerstin Berger war.

Er öffnete die Autotür und hoffe, dass die Polizei gleich eintreffen würde. Die Uhr zeigte, dass er noch acht Minuten Zeit hatte.

Würde sich die junge Frau wirklich das Leben nehmen? Verdammt, was wollte sie von ihm?

Die Polizei kam. Zwei Streifenwagen hielten auf dem Parkplatz und vier Gesetzeshüter stiegen mit schussbereiten Waffen aus.

Tobias winkte sie zu sich und schilderte ihnen in aller Schnelle, was sich zugetragen hatte.

Ein Polizeibeamter fragte, ob es noch einen anderen Weg in die Schule gab und Tobias beschrieb ihm, wie er von der entgegengesetzte Richtung ins Gebäude kommen konnte.

Dieser machte sich sofort auf dem Weg.

„Bitte gehen sie in die Schule und versuchen sie, die junge Frau zu beruhigen. Wenn wir das Schulgebäude stürmen, kann es sein, dass wir alles verschlimmern,“ sagte ein anderer Polizist und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Es kann nichts passieren. Wir bleiben draußen direkt vor dem Eingang, bereit sofort einzugreifen. Unser Kollege nähert sich unauffällig ins Innere hinein, um die Situation von dort zu kontrollieren.“

Tobias nickte und betrat mit einem etwas besseren Gefühl das verlassene Schulgebäude.

Das Licht in der Aula war eingeschalten. Die Person, die sich hier aufhielt, war nicht zu übersehen, denn sie stand nur ein paar Schritte von der Eingangstüre entfernt.

Sie war Tobias völlig fremd.

 

Kapitel 8 Die Komplizin

„Du bist drei Minuten zu früh,“ sagte die junge Frau, die in Kerstins Alter war.

Tobias nickte. In ihm arbeitete es. Wie sollte er die nötige Zeit gewinnen?

„Wer bist du? Hast du mich angerufen? Was soll das alles?“, sagte er mühsam beherrscht und die Frau lachte herzlich.

„Du bist es gewohnt viele Fragen zu stellen, stimmts?“

Die junge Frau ging nicht auf Tobias ein, sondern fuhr anderweitig fort: „Du hast sicher geglaubt, Kerstin hier zu finden, doch ist sie nicht hier. Zumindest nicht hier in der Aula.“

Sie breitete die Arme zu beiden Seiten aus und Tobias zog die Stirn kraus.

„Was soll das alles? Findet ihr das lustig?“

„Wieder viele Fragen,“ sagte die Frau, dessen Namen Tobias nicht kannte. Er konnte sich nicht erinnern, sie jemals schon gesehen zu haben.

„Ich bringe dich zu ihr. Komm mit!“

In Tobias` Kopf überschlugen sich die eben gesagten Worte.

„Mitkommen? Warum? Wo willst du hin?“

Die junge Frau sagte nichts, sondern lief einfach weiter. Er zögerte. Er konnte sich denken, wo es hinging.

Verdammt, dachte er. Der Polizist ist noch nicht da. Warum nicht?

Schließlich folgte Tobias ihr und auf die Frage, wer sie den sei, bekam er endlich eine Antwort:

„Ich bin Kerstins Freundin Jessica.“

Dann lachte sie. „Und Freundinnen helfen sich, oder etwa nicht?“

Jetzt verstand Tobias.

„Du hast das Foto gemacht und mir das Handy geschickt. Und du hast mich angerufen.“

Wieder lachte Jessica.

„Sie sind ein schlauer Lehrer.“

 

Sie führte ihn einen Flur entlang und blieb vor der Schülertoilette stehen. Die Türe stand offen.

„Sie erwartet dich,“ sagte Jessica und lächelte geheimnisvoll. Sie strich sich das kurze, schwarze Haar aus der Stirn. Dabei konnte er ihre dunkelgrüne Augen sehen.

Tobias schüttelte müde den Kopf. „Ich gehe da nicht rein!“, sagte er entschieden. „Bitte tue das nicht. Du bist noch jung. Du verbaust dir vieles, wenn du dich in sowas reinziehen lässt.“

Jessicas Gesicht wurde ernst.

„Niemand hat mich je gesehen,“ sagte sie hart. „Kerstin meinte, ich bin ihre Freundin. Deshalb helfe ich ihr.“

Tobias lachte traurig. „Würde eine Freundin, so etwas von dir verlangen? Denk mal darüber nach.“

Unsicherheit huschte über ihr Gesicht. Hatte er einen Nerv in ihr getroffen?

Tobias nickte. „Ich werde sie zur Vernunft bringen.“

Dann betrat er die Toilette, aus der kein Laut zu vernehmen war.

 

Kapitel 9 Rache

Tobias lief bis zu den Kabinen, da ging die Türe der ersten auf.

Darin stand Kerstin Berger und in ihrem Blick war etwas, dass Tobias warnte. Eine Strähne ihres braun-gelockten Haares hing ihr wirr in die Stirn.

„Hier ist es passiert, nicht wahr? Hier haben wir uns geliebt.“

Sie kam aus der Kabine, hatte aber beide Hände hinter dem Rücken versteckt. Tobias war auf alles gefasst.

Er schüttelte müde den Kopf. „Hör auf damit!“, sagte er und zwang sich, seiner Stimme nicht zu viel Angst zu verleihen.

Kerstin lachte bitter. „Sie haben meine Zukunft zerstört!“, spie sie ihm vor die Füße. Ihre grau-grünen Augen nahmen einen hasserfüllten Glanz an.

Jessica stand noch immer in der Tür und rührte sich nicht.

„Sie haben mir eine schlechte Note nach der anderen verpasst, obwohl ich mir viel Mühe gegeben habe. Wegen ihnen werde ich keine Ausbildung bekommen.“

„Deshalb wolltest du dich an mir rächen,“ vermutete Tobias.

„Du hast was gedreht. Du hast mir was in den Sekt getan.“

Kerstin nickte und plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen.

„Sie sollten wissen, wie es sich anfühlt, wenn einem das Leben zerstört wird. Und jetzt zerstöre ich ihres!“

Es geschah alles zugleich. Etwas kam hinter ihrem Rücken auf ihn zugeflogen. Es war zum Glück nur eine Klorolle. Doch die sollte ihn offenbar nur ablenken. Als Nächstes sprang Kerstin auf ihn zu, mit einem blitzenden Gegenstand in der Hand.

Tobias bückte sich weg und das Messer traf klirrend gegen die Wandfliesen, wo eine zersprang.

Während sich Tobias keuchend wieder aufrappelte, stürmten fünf Personen das Schüler-WC.

Jessica stieß Kerstin zur Seite und Tränen liefen ihr über die Wangen.

„Bist du wahnsinnig?“, fuhr sie Kerstin an. „Du sagtest, du wolltest deinem Lehrer bloß einen Schrecken einjagen. Von Mord war nie die Rede!“

Gleich zwei Polizisten drücken Kerstin an die Wand und legten ihr Handschellen an. Jessica und Tobias wurden von den beiden anderen hinausgeführt.

„Es tut mir leid, dass ich Ihnen das angetan habe,“ schniefte Jessica, während ihre Tränen glänzende Spuren auf ihrem Gesicht hinterließen.

„Pass das nächste Mal besser auf, welche Freunde du dir aussuchst.“

 

Kapitel 10 Verständnis

Tobias hatte der Polizei alles erzählt.

Diese bestätigte, dass ihm etwas in den Sekt getan worden war. Somit würde er seine Arbeit weiter ausführen dürfen.

Jessica würde, wenn alles für sie gut lief, mit Sozialstunden davon kommen. Sie hatte Hilfeleistung getätigt aber sich am Ende besonnen und dem Opfer beigestanden.

Kerstin drohte Jugendgefängnis, wegen versuchten Mord.

Seine Frau Jennifer stand neben Tobias und legte eine Hand um ihn.

Sie hatte es zuhause nicht ausgehalten und war mit dem Taxi zur Schule gekommen.

„Nie wieder Geheimnisse, okay?“, sagte sie und gab ihm einen Kuss. „Du hättest mit mir darüber reden müssen.“

Tobias nickte langsam. „Es war eine schwere Situation.“

„Ja, ich weiß. Aber dafür sind wir zusammen. Um schwere Situationen gemeinsam zu bewältigen.“

Tobias lachte humorlos. „Auch wenn dein Mann mit einer Schülerin fremdgegangen ist?“

Jennifer boxte ihm auf den Arm.

„Das bist du nicht. Unter den Umständen hätte das jedem passieren können.“

Ein Streifenwagen fuhr an ihnen vorbei. Kerstin und Jessica saßen hinten und sahen dem Lehrer mit ausdrucksloser Miene entgegen.

„Ich hoffe, sie lernen daraus und finden ihren Weg ins Leben.“

Jennifer und Tobias verabschiedeten sich von der Polizei, dann fuhren sie nach Hause.

 

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