C.KleinelanghorstDie zwei Gesichter

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„Guten Abend zur Tagesschau – ich begrüße Sie heute mit guten Nachrichten für uns alle, die COVID-19 Quarantäne wird ab Montag Nacht den 4. Mai 0:01 Uhr aufgehoben und Schulen, Kindergärten und Firmen dürfen wieder öffnen.“ Lotte konnte ihr Glück kaum fassen, als sie diese Worte des Nachrichtensprechers aus der Tagesschau vernahm. „Schatz, bedeutet dass, du darfst wieder ins Büro fahren?“ fragte sie unschuldig aus der Küche rufen und vernahm nur ein Grummeln. Lotte stand noch in der Küche und räumte die benutzen Teller vom Abendessen in die Spülmaschine und blickte hoffnungsvoll aus dem Fenster. 

Am nächsten Morgen gab es in den Medien kaum ein anderes Thema als die Aufhebung der Quarantäne und so titelte auch die regionale Zeitung – Normalität zum Greifen nahe. Im WhatsApp Chat der Kindergartengruppen von Felix und Jule gab es auch kein anderes Thema mehr. Die Mütter posteten alle den Link zur gestrigen Tagesschausendung oder fragten einander wer die Nummer der Kindergartenleitung hat und man sie jetzt gleich am Sonntag morgen anrufen kann. Denn die Sorgen waren ob der Kindergarten wirklich öffnete oder ob die Kleinen dort sicher wären. So war es nun einmal in Gechingen, einem kleinen beschaulichen Ort in Schwaben zu leben, dachte sich Lotte, denn hier war die Welt in Ordnung und das wichtigste waren die Kinder, das Haus und der Garten. Lotte wohne mit ihrem Ehemann Jakob und ihren zwei kleinen Kindern Jule und Felix in einem Haus mit Garten in einer Neubausiedlung in Gechingen und das schon seit einigen Jahren. Ein Idyll wie es sich viele erträumen. Es war nicht das Leben, was sich Lotte einst erträumte, aber unter den gegebenen Umständen durfte sie nicht klagen. Doch in den letzten Wochen war Lotte an ihre Grenzen gekommen als Mutter und Hausfrau. Es strengte sie an die perfekte Ehefrau und Mutter 24 Stunden am Tag ohne Pause zu geben, vor allem das es nicht ihrem Naturell entsprach. Sie biss jedoch die Zähne zusammen und dachte,“ Ich werde das schon durchstehen, es sind nur noch 12 Stunden, dann geht alles wieder seinen gewohnten Gang wie vor der Pandemie und ich habe schon ganz anderes hinter mir!“ und servierte mit einem Lächeln das Abendessen. Endlich würde ihr Mann wieder in der Arbeit fahren und die Kinder wären im Kindergarten. Denn so sehr sie von ihren Freundinnen und Nachbar beneidet wurde wegen ihrer perfekten kleinen Familie, es war harte Arbeit für sie. Denn die meisten Menschen mochten diese Normalität und es fällt ihnen leicht. Nur das war es für Lotte nicht. Sie wusste zwar, dass sie von ihrer Familie geliebt und von allen in ihrem Umfeld respektiert wird, sei es von den Eltern im Kindergarten bis hin zu ihren Kirchengemeinderat-Kollegen, welche ihr offenes Ohr oder ihre Rezeptideen schätzen, doch ihr Ziel war es nun ein unauffälliges Leben zu leben und dazu gehörte Normalität. 

 

Am nächsten Morgen klingelte der Wecker von Jacob um 6 Uhr und auch Lotte wachte auf. Die Kinder schliefen noch, doch sie würde sie in einer Stunde wecken, damit Jacob sie auf dem Weg in die Arbeit in den Kindergarten bringen konnte. Schlag 8 Uhr war das Haus leer und Lotte genoss für einen Moment die Ruhe mit einer Tasse dampfenden grünen Tee in der Hand. 

An die Küchenzeile gelehnt, überlegte sie, was sie heute tun könnte, denn eins wusste sie mit Sicherheit, zu Hause bleiben und die Hausfrau geben, stand nicht auf ihrer To-Do-Liste. 

Lotte entschied sich für eine lockere Joggingrunde durch den naheliegenden Wald und anschließen wollte sie vielleicht in die Stadt etwas bummeln gehen. Ihre Joggingrunde durch den Wald umfasste eine Strecke von ca. 15 km auf einigen wenig genutzten Waldwegen. Sie liebte diese Runde auf Grund der Abgeschiedenheit, da man dort kaum jemanden traf. Als sie sich auf dem Weg macht war das Wetter herrlich, doch als sie den Wald erreichte war anders als sonst, etwas stimmte nicht. Sie kannte die Runde auswendig, jede Biegung des Weges. Doch ihre Nackenhaare stellten sich auf und sie schaute sich um. Keiner war zu sehen und es war keiner im Wald unterwegs. Warum solle heute auch jemand in den Wald gehen, dacht Lotte, alle konnten jetzt wieder in die Arbeit oder in die Stadt gehen, da wollte kein mehr in den Wald. „Tief durchatmen“, sagte sich Lotte, schüttelte ihren Kopf und erhöhte das Tempo.

Kurz bevor Lotte sich umgedreht hatte, huschte eine dunkle Gestalt nur 30 Meter entfernt hinter ein Gebüsch und beobachtete sie durch die Zweige. Doch Lotte bemerkte die Person nicht und joggte davon. 

Nach einem Foto und zwei tiefen Atemzügen ging die dunkel gekleidete Person in die Richtung aus der Lotte kam. Der Mann ging zurück aus dem Wald hinaus und die Straße entlang und direkt auf Lottes Haus zu. Von außen sah es ähnlich aus wie die anderen Häuser in der Siedlung mit weißer Fassade und dunkelblauen Ziegeln. Er verzog das Gesicht, wie passend dachtet er, von außen betrachtet ist alles hübsch sauber. Hier hatte keiner eine Ahnung wer diese Nachbarin wirklich war. Doch Anton wusste es, darum stand er jetzt hier vor ihrem Haus und begann seinen Racheplan in die Tat umzusetzen. 

Anton ging einmal um das Haus herum, in den Garten und schaute durch die großen verglasten Terrassentüren in das Haus hinein, wie er es schon oft aus der Ferne getanzt hat. Alles war blitzblank. Nichts lag herum oder zeugte auch nur davon, dass hier wirklich Menschen lebten, denn es gab keine Spur von Chaos, kein Kinderspielzeug was herumlag, keine Zeitung die noch vom Frühstück auf dem Tisch lag. Nun die Reinlichkeit hatte Lotte nicht verlernt, alles war klinisch rein. Je mehr er sah um so wütender wurde er, hier lebte Juliane oder Lotte wie sie sich nun nannte und hatte alles wovon er geträumt hatte, eine Familie, ein Haus mit Garten und vor allem eine Zukunft. Alles das hatte sie ihm damals genommen. Doch nun war die Zeit gekommen sich zu rächen und rächen würde er sich an ihr. Wenn der heutige Tag vorüber und er mit ihr fertig war, würde sie leiden, wie er litt. Ihre Familie würde zerstörten und alle würden wissen was für eine furchtbare Person Lotte was. Es gab kein Entkommen mehr. 

Anton schritt wieder zurück zur Haustür. Er schaute sich um, keine Kinder war da und auch von den Nachbaren war niemand zu sehen. Es schien, dass jeder seine zurückgewonnene Freiheit auskostete und nicht zu Hause war. So zog Anton eine kleine Tüte aus der Tasche seines Kapuzenpullis und stellte sie vor die Tür. Es würde nicht mehr lange dauern, dann würde Juliane von ihrer Joggingrunde zurückkommen. Er hatte sie schon oft beobachtet und wusste, dass sie in etwas 40 Minuten für diese Runde benötigte. Er drehte sich um und lief die Straße hinunter. Das Wetter war perfekt, strahlender Sonnenschein, „Warum sollte ihre Welt nicht an einem wunderschönen Frühlingstag enden?“ dachte sich Anton, „mein Leben endetet genau an einem solchen Tag.“ Zwei Straßen weiter stieg Anton in sein Auto und fuhr davon. Er wusste, dass Lotte die Tüte finden würde und ab dann würde er seine Rache bekommen.

 

Lotte hatte inzwischen das mulmige Gefühl abgeschüttelt und ließ den Wald hinter sich um leichtfüßig zurück nach Hause zu joggen. „Zuhause, was für ein komischer Gedanke. Denn es fühlte sich nicht so an, man sagte doch, dass Zuhause ist, wo das Herz ist.“, dachte Lotte als sie ihr Haus erblickte. An der Tür angekommen, angelte Lotte ihren Schlüssel aus der Tasche heraus, als sie eine kleine Tüte an der Tür erblickte. Wer hatte ihr das an die Tür hingestellt. Sie hob die Tüte an, schloss die Tür auf und ging ins Haus. Im Haus zog Lotte erst einmal die Schuhe aus, stellte die Tüte in der Diele auf einen kleinen Tisch ab und ging hoch ins Bad um zu Duschen. 

Frisch geduscht und zurecht gemacht in ihrem Standard-Outfit weiße Bluse und schwarze Leggings kam sie die Treppe runter und wollte gerade in die Küche gehen, als ihr Blick wieder die Tüte streifte. Sie griff nach der Tüte und öffnete sie. In der Tüte lag ein iPhone. Es war jedoch nicht ihres oder dass ihres Mannes, dass erkannte sie sofort. „Es war ein älteres Modell vielleicht ein altes iPhone 3G?“, überlegte sie. Lotte drückte auf den Home-Button. Das Display ging an und auf dem Display waren nur 3 Apps zu sehen, die Anruffunktion, die Nachrichten App und die App für die Bilder. Lotte wunderte sich, wer ihr so etwas an die Tür stellte. 

Sie wollte eigentlich in der Anrufliste nach vielleicht bekannten Nummern schauen, war jedoch zu schnell mit ihren Fingern und öffnete stattdessen die Foto App. Lotte erstarrte. Was sie auf dem Bildschirm sah konnte nicht sein. Ihre Augen mussten ihr einen Streich spielen. Sie erkannt sofort, dass die in kleinen Kacheln angeordneten Bilder alle sie zeigten. Es waren alles Bilder von Lotte sei es an der Haustür, Lotte im Garten, Lotte vor dem Kindergarten als Jule und Felix auf sie zu rannten. Die Bilder waren aus der Ferne aufgenommen wurden. Sie konnte nicht mehr klar denken, ihr Kopf sagte ihr immer wieder, dass sie sich irren musste und es nicht sie selbst auf den Bildern war. Hatte sie einen Starker? Nein, das konnte nicht sein, doch als sie die Bilder nun groß auf dem Display sah, gab es keinen Zweifel, es war sie selbst – sie allein, oder mit ihrem Mann oder mit ihren Kindern. Sie scrolle weiter durch die Bilder. Sie erkannte, dass diese nicht nur aus dem letzten halben Jahr waren, nein sie gingen sogar zurück bis zur Schwangerschaft mit Felix.  Lotte wurde blass. Das kann kein Zufall sein, dachte sie sich. Ihr Puls raste und sie zwang sich tiefe lange Atemzüge zu nehmen. Denn sie hört für einen Moment nur noch Ihr Blut pulsieren. 

 

Anton war mit seinem Auto in seine kleine Wohnung nahe Stuttgart gefahren. Es war ein einfaches Apartment unter vielen in einer Wohnsiedlung, die den Plattenbauten in nichts nachstand. Er hatte die Wohnung aus ganz pragmatischen Gründen damals gewählt. Er war einer von rund 3.000 Menschen, die in dieser Siedlung wohnten und konnte dadurch anonym bleiben und nicht auffallen. Keiner interessierte sich hier wirklich für den anderen, denn wenn man sich für den Falschen interessierte, konnte das schmerzlichste Konsequenzen haben. 

Anton nahm den Aufzug in den 10.Stock und spürte, dass sich seine Lippen verzogen. War das etwa sowas wie ein Lächeln auf seinem Gesicht? Es konnte nur das sein, es fühlte sich komisch an nach so langer Zeit wieder zu Lächeln. Wann er das letzte Mal Lachen konnte, erinnerte er sich zwar noch, aber es war für ihn wie aus einer anderen Zeit in einem anderen Leben. Es war ein Leben, welches es nicht mehr gab und dass diese Frau zerstört hatte. Die Genugtuung seinen Plan nun endlich umzusetzen, hatte ihm tatsächlich kurz ein Lächeln entlockt. 

In seiner Wohnung angekommen, ging er in die Küche und öffnete den Kühlschrank. Er nahm sich ein Bier heraus, öffnete die Flasche und trank. Anton setzte sich auf das Sofa und betrachtet es Bild, welche auf dem Couchtisch lag. Es war das einzig Persönlich in der Wohnung. Darauf war eine junge Familie zu sehen, ein Mann der seine Frau umarmte, die ein Baby auf dem Arm hatte und ein kleiner Junge, der durch den Garten tollte. Es wurde vor vielen Jahren aufgenommen und hatte inzwischen an Farbe verloren. Damals hatte er noch in Franken gelebt und hatte eine Frau, die er über alles liebte und zwei Kindern, denen er die Welt zeigen wollte. Da war er wieder, der wohlbekannte Stich ins Herz, der ihn so schmerzte, denn alle drei waren nicht mehr da. Nur er war alleine noch auf dieser Welt und all sein Glück lag drei Meter tief auf einen Friedhof in Ansbach. 

Anton war nicht der perfekte Mann gewesen. Als das Bild aufgenommen wurde, hatte er gerade die Affäre mit einer jungen Ärztin aus dem Klinikum in dem seine Kinder zur Welt kamen beendet und sich dazu entschlossen all seine Energie dafür aufzubringen, der beste Ehemann und Vater zu sein. Er würde nicht mehr auf Status, Macht und den Affären versessen zu sein. 

Anton saß auf dem Sofa und dachte an sein altes Leben. Am Anfang lief alles gut für ihn. Er hatte einen guten Job, machte Geld an der Börse, fuhr ein schnelles Auto. Er hatte die schönste Frau in ganz Mittelfranken geheiratet und mit ihr ein Haus gebaut. Es war keine Übertreibung dachte er bei sich, denn seine Frau Anna hatte 1999 den Titel zur Miss Mittelfrank gewonnen. Er hatte sie damals auf dem Ansbacher Stadtfest gesehen und wusste er wollte sie haben. Er legte sich ins Zeug und gewann ihr Herz. Alles war spannend und neu und der Sex leidenschaftlich und auch die ersten Jahre ihrer Ehe hielt diese Phase an. Natürlich drehte er sich weiterhin nach schönen Frauen um und bei seinen Streifzügen mit seinen Kumpels in Frankfurt oder München endeten manche Nächte auch nicht alleine im Hotelzimmer. Aber davon wusste Anna nichts. Sie ließ ihn gehen und dachte die Jungs gönnen sich ein Rockkonzert und betrinken sich. Wie einfach ihre Welt war, dachte Anton damals. Nun 15 Jahre später sehnte er sich nach einem Leben mit ihr, egal wie einfach. „Wie sich die Umstände ändern können“, dachte er bei sich und trank den letzten Schluck aus seiner Flasche Bier. 

Anton stand auf, ging zum Fenster und schloss die Vorhänge, er wollte das Tageslicht der strahlenden Sonne nicht mehr sehen, die warmen hellen Strahlen aussperren, denn bei ihm hatten sie nichts mehr verloren. Alles war kalt und dunkel in ihm und so sollte es auch um ihn herum sein. Im Dunkeln ging er in die Küche und öffnete einen der Küchenschränke in dem noch eine verschlossene Flasche Wodka stand. Er nahm sie heraus und drehte den Deckel auf. Mit einem Glas und der Flasche in der Hand ging er zurück und setzte sich wieder auf das Sofa. 

Er kippte das erste Glas und die Erinnerungen an sein früheres Leben überkamen ihn. Annas erste Schwangerschaft und die Geburt seines Sohnes Michael lief wie ein Film in seinen Gedanken ab. Er dachte damals, wie schön es war eine kleine Familie zu haben, jedoch änderten sich seine Gefühle für Anna und er fand sie nicht mehr attraktiv. Er wusste damals schon, dass diese Gedanken oberflächlich waren, aber er konnte sie nicht abstellen. Jeder beglückwünschte ihn dazu, dass er Vater wurde und eine so hübsche kleine Familie habe. Er fand den Gedanken auf einmal so beengend. Er wollte ausbrechen, also tat er das. Anton begann neben den gelegentlichen Seitensprüngen auf den Männerwochenenden mit einer Affäre. Ihm hatte es die junge Ärztin im Krankenhaus in Nürnberg angetan, die sich so gut um seine Frau und seinen neugeborenen Sohn kümmerte. Denn die Geburt war nicht einfach und beide mussten 14 Tage im Krankenhaus bleiben zur Beobachtung. Anton kam damals jeden Tag ins Krankenhaus um Anna und Michael zu besuchen, jedoch sprach er mehr mit der jungen Ärztin. Er ließ seinen Blick über ihren Körper schweifen und fragte sich wie gut sie wohl in richtigen Kleidern aussehen musste, wenn sie nicht diesen Kittel trug. Nach den zwei Wochen hatte er nicht nur den Namen der jungen Ärztin, Frau Dr. med. Juliane Heck, sondern auch ihre Adresse und ihre Telefonnummer. Er wunderte sich ein bisschen, dass sie ihm damals alles gab, obwohl sie seine Frau und seinen Sohn medizinisch betreute. Doch er hatte den Gedanken abgetan und dachte, sie sei wie er auf etwas Einfaches ohne große Verstrickungen aus. So war es am Anfang auch. Sie trafen sich bei ihr oder im Hotel und hatten Spaß. So verging die Zeit und nach knapp zwei Jahren war es mehr als nur Spaß. Juliane begann ihm Fragen zu stellen, wie es weiter gehen würde. Damals war Anna gerade mit dem zweiten Kind schwanger und an Sex war nicht mehr zu denken, so verbrachte er noch mehr Zeit mit Juliane. Das musste es wohl gewesen sein, die viele Zeit hatte ihr den falschen Eindruck gegeben. Doch auch das war ihm egal, er dachte nur an sich, denn er hatte von außenbetrachtet eine tolle kleine Familie und noch eine heiße Affäre von der niemand etwas wusste. 

Doch Juliane ließ nicht locker und kurz nach der Geburt von Friedericke, wusste er, dass er die Affäre beenden musste, Anna hatte wieder eine komplizierte Geburt und als er merkte, dass er sie für immer verlieren könnte und da wurde ihm alles klar. „Wie einfach die Dinge werden, wenn es um Leben und Tod ging,“ dachte er. Anton braucht den Status und die neidischen Blicke der anderen nicht mehr und auch die heiße Affäre war nichts mehr für ihn. Er war auf einen Schlag ausgenüchtert und sah seine Prioritäten jetzt klar. 

Kurz bevor Anna aus dem Krankenhaus entlassen wurde, fuhr Anton zu Juliane in ihre blitzsaubere Wohnung und machte Schluss. Er erklärte ihr, dass er jetzt für seine Frau und die beiden Kinder da sein wollte und dass ihm die Ereignisse der letzten Wochen das klargemacht hatten. Er erinnerte sich noch heute an das reglose Gesicht, das keine Emotion zeigte, nur Julianes Augen verrieten, dass sich dahinter etwas zusammenbraute als sie sich verengten und ihn böse anfunkelten. 

Am nächsten Tag holte Anton seine Frau mit die kleine Friedericke aus dem Krankenhaus ab. Anna wurden noch einige Medikamente zur Nachsorge für das Baby mitgegeben, welche ihr Frau Dr. Heck verschrieben hatte und die sie regelmäßig nehmen sollte. Zuhause angekommen war es für Anton als ob jetzt ein neuer Lebensabschnitt als liebender Ehemann und Vater begann, der nicht mehr enden sollte. 

Familie Frankenberger war zu Hause und es schien Anna und den Kindern gut zu gehen. Sie nahmen brav ihre Medikamente, die Anton ihnen jeden Tag hinlegte, so wie sie verschrieben wurde. So hatte die Schwester ihnen bei der Entlassung aus dem Krankenhaus erklärt das Mutter und Tochter zwei Mal am Tag diese Tabletten einnehmen sollten. Doch nach zwei Wochen änderte sich alles. Eines Nachts schrie Friedericke ganz schrecklich und danach war es ruhig. Anna hatte das kleine Mädchen gerade aus dem Beistellbett zu sich herangezogen, doch sie hielt nur noch ihr lebloses Baby in den Armen. Anton sprang auf und suchte das Handy. Er wollte den Notruf wählen, er schrie Anna noch an, sie sollte Friedericke beatmen, Hilfe sei unterwegs. Doch die Hilfe traf zu spät ein. Der Notarzt sagte etwas von plötzlichem Kindstod und Anton sah nur noch Annas leeren Blick und hörte Michael weinen. An weitere Details des Abends erinnerte er sich nicht mehr. 

 

Anton öffnete die Augen und schenkte sich das nächste Glas ein. Jeden Abend lief dieser Film vor seinem inneren Auge. Jedes Mal hoffte er, es würde anderes enden, ein Happy End oder zumindest eines in dem seine Familie weiterlebten. Er schenkte sich nach und trank das Glas auf einmal aus. Er schloss die Augen und spürte wie der Wodka in seiner Kehle brannte. 

 

Anton hatte ein ungutes Gefühl, denn er konnte keinen rechten Sinn aus dem Tod seiner Tochter machen. Etwas nagte tief in ihm und wollte an die Oberfläche, denn als Anna und Friedericke aus dem Krankenhaus entlassen wurden, war noch alles gut. Die Ärzte hatten sie entlassen, weil Mutter und Kind wohlauf waren. Waren es wirklich ein Unglück oder stecke mehr dahinter? Hatte es mit den verschriebenen Medikamenten zu tun? Vielleicht sollte er mit Juliane darüber sprechen, sie war schließlich die Ärztin und würde ihm trotz der Trennung eine Auskunft geben? Er wählte ihre Nummer, doch nach dem ersten Klingeln sagte eine Computerstimme, dass diese Nummer nicht vergeben ist. So versuchte er Juliane im Krankenhaus zu erreichen. Doch da sagte man ihm, dass sie gekündigt hatte und nicht mehr dort arbeiten würde. Das Ganze kam ihm immer merkwürdiger vor und das ungute Gefühl in ihm wurde stärker. Nach der Arbeit würde er zur Julianes Wohnung fahren und sie dort versuchen zu erreichen. 

So fuhr er am nächsten Tag zu Juliane. Doch auch hier musste er erschreckt feststellen, dass hier niemand mehr wohnte. Es stand kein Name mehr am Klingelschild, doch er klingelte trotzdem. Nichts passierte. Er klingelte wieder. Nichts. Als er ein drittes Mal klingeln wollte, machte eine ältere Frau gerade die Haustür auf und wollte auf die Straße treten. Anton sprach sie an, „wohnt Frau Heck noch hier?“ Die Frau sah ihn nachdenklich an. Er fügte schnell hinzu, dass er die junge Frau im 3.Stock meinte. Jetzt schien die ältere Dame zu verstehen und schüttelte den Kopf, „diese Frau sei Anfang der Woche ausgezogen“, antwortete sie und ging an Anton vorbei die Straße hinunter. Er schaute ihr noch nach, stieg in sein Auto und fuhr nach Hause. 

 

Nach dem Schock über Friederickes Tode stand Anna neben sich. In den ersten Tagen waren sie alle von der Trauer wie gelähmt gewesen, doch bei Anna wurde es nicht besser. Sie vernachlässigte sich und Michael immer mehr. Die Ärzte verschrieben ihr Antidepressiva und Schlafmittel um sie zu stabilisieren. Doch Anna verschwand immer weiter, sie zog sich weiter zurück. Sie stand kaum noch auf und verbrachte die meiste Zeit im Bett. Anton versuchte sie dazu zu bewegen mit ihm nach draußen an die Luft zu gehen und mit Michael zu spielen, doch es gelang ihm nicht. Er wunderte sich, dass die Tabletten Anna nicht halfen und die ganze Situation bereitete ihm große Sorgen.

 Jeden Tag fiel es Anton schwerer in die Arbeit zu gehen, denn sein Zuhause war mit dunklen Wolken verhangen, welche nichts Gutes verhießen. Doch er muss zur Arbeit, er gab sein Bestes und versuchte neben der Arbeit auch den Haushalt zu schmeißen und sich um Michael zu kümmern, nur um abends völlig erschöpft auf dem Sofa einzuschlafen. Das zog sich nun schon mehrere Wochen hin und ohne eine Veränderung. So ging er auch an diesem Morgen im Mai früh zur Arbeit los. Er verabschiedet sich von Anna und Michael und versprach sich zu beeilen, sodass er bald von der Arbeit nach Hause zu kommen würde und verließ das Haus.

 In den letzten Wochen war Anna klar geworden, dass sie so nicht weiterleben konnte, denn Friedericke fehlte ihr und ihre kleine Familie war kaputt. Auch wenn sie Michael ansah, sah sie nur die Trauer in ihm und in Antons Blick nahm sie nur die Qual über den Verlust seiner Tochter war. Anna konnte keine weiteren Empfindungen zulassen und ließ die Trauer über sich hereinbrechen. Sie wollte die Tabletten nicht nehmen, da sie ihrer Meinung nach nichts bewirken könnten, da sie nicht krank war, sondern an einem zu tiefsten gebrochenen Herzen litte, weil sie ihre kleine Tochter verloren hatte. So kam Anna an diesem Tag aus dem Schlafzimmer heraus und ging mit Michael in die Küche. Sie war verzweifelt und doch entschlossen. Sie stand in der Küche und erwärmte gerade Milch für eine warme Milch mit Honig für Michael. Dabei mischte sie nicht nur den Honig in die Milch, sondern auch die Tabletten, welche sie in den letzten Wochen aufgehoben. Sie schenkte eine Tasse für Michael ein und eine für sich selbst. Sie tranken die Tassen aus und dann ging Anna mit dem Jungen ins Wohnzimmer und kuschelten sich auf dem Sofa zusammen. 

Anton kam wie er es versprochen hatte, etwas früher aus der Arbeit. Er schloss die Tür auf und rief nach Michael. Doch er erhielt keine Antwort. Es war still im ganzen Haus. Er rief noch einmal nach Michael und Anna, dann ging er ins Wohnzimmer. Dort sah er Anna und Micheal zusammen auf dem Sofa liegen mit weißem Schaum der ihre Lippen bedeckte. Anton rannte zu ihnen bittend und flehen, dass sie aufwachen sollen. Doch beide Körper waren kalt. Er schüttelte sie, doch nichts passierte. Dann nahm der sein Handy aus der Hosentasche und wählte den Notruf. 

Der Rettungsdienst kam nach kurzer Zeit und stellte nach kurzer Untersuchung den Tod seiner Frau und seines Sohnes fest. Der Notarzt verständigte die Polizei, da es in diesem Monat schon das zweite Mal war, dass der Rettungsdienst gerufen wurde und nur noch den Tod diagnostizieren konnte. Auch die Polizei traf bald darauf ein und begann Anton zu den Umständen des Todes seiner Frau und seiner Kinder zu befragen. Anton musste mit auf die Polizeiwache und auch Annas Medikamente werden als Beweismittel mitgenommen. Nach einem langen Verhör, wurden Antons Aussagen zu Protokoll genommen. Gleichzeit wurde durch die Polizei eine Obduktion angeordnet und Anton blieb ein Verdächtiger. In dieser Zeit wanden sich alle von ihm ab, da er nun nicht nur seine kleine Tochter, sondern in zwischen auch seine ganze Familie verloren hatte und dies nun nicht mehr nach einem tragischen Unglück aussehe. Vielmehr hatten einige den Eindruck gewinne, dass seid die Polizei ihn befragte hatte, Anton am Tod seiner Familie Schuld haben musste und so vermuteten sie, dass es sich nur um ein Familiendrama handeln konnte. 

Anton konnte das alle kaum noch ertragen, nun war er es der sich verstecke und kaum noch aus dem Haus ging. Aber er wusste, im Haus konnte er nicht bleiben, denn alles erinnerte ihn an seine Familie. Als die Ergebnisse der Obduktion zurückkamen und die Gerichtsmedizin die Überdosis an Schlaftabletten und Beruhigungsmitteln bestätigte, wurde der Anna Tod als Suizid und Michaels Tod als Kindestötung durch die Mutter eingestuft. Damit stand Anton nicht mehr im Verdacht der Polizei seine Familie getötet zu haben, doch das war den Freunden, Kollegen und Nachbarn egal. Er war inzwischen Stadtbekannt und wurde von allen gemieden. 

Anton hielt es nicht mehr in Ansbach aus. Nach der Beerdigung seiner Frau und seines Sohnes, stieg er in sein Auto und fuhr nach Prag. Er wollte verschwinden und bezog ein einfaches Hotelzimmer in Prag und versuchte dort seinen Kummer und seine Trauer und sich selbst im Alkohol zu ertränken. 

Trotz seiner vieler Alkohol-Exzesse hatte Anton es nicht geschafft sich zu Tode zu trinken und so gewöhnte er sich nach ein paar Monaten des Trinkens in Prag an den Alkohol. Er begannen seine Gedanken durch den Alkoholnebel wieder wahrzunehmen, doch die einzigen Dinge auf was er sich fokussieren konnte war der Verlust seiner Familie sowie Julianes schnelles Verschwinden. 

Anton hatte inzwischen seine Arbeit verloren und sein ganzer Tag bestand darin sich einen Sinn aus all dem zu machen. Gab es denn einen Zusammenhang zwischen dem diesem Schicksalsschlag und Julianes verschwinden? Mit der Zeit sah er klarer und fixierte sich auf Juliane, denn mit ihr hatte alles angefangen. Er erinnerte sich, dass sie das Medikament für Anna und Friedericke verschrieben hatte. Wenn er sich doch nur noch an den Namen der Medikamente erinnern könnte. Doch für ihn wurde das Bild immer klarer, Juliane musst Friederike vergiftet haben. Sie hatte seine Familie und sein Leben zerstört und er wollte ihr das gleiche antun. Anton machte sich auf die Suche nach Juliane. Er rief in den Krankenhäusern in Franken an und suchte nach ihr im Internet. „Heutzutage kann doch keiner mehr spurlos verschwinden“, sagte sich Anton, wenn wiedermal eine Spur sich ins Leere verlor. Er begann mit Hilfe von Gesichtserkennungsprogrammen nach ihr zu suchen und weitet dann seine Nachforschungen breiter zu streuen. Er weitet er die Suche auf ganz Bayer aus, dann Süddeutschland. Eines Abends stieß er durch Zufall auf ein Bild aus einer Lokalzeitung im Schwarzwald, das einen Teiltreffer bei der Gesichtserkennung vorwies. Er schaute sich das Bild von einer Gruppe Frauen genauer an. Sie standen hinter einem Tisch mit Kuchen vor einem Kindergarten. Der zum Bild dazugehörende Artikel berichtet von den Frauen die über Kuchenverkäufe 10.000 Euro eingenommen hatten um die Sanierung des Kindergartens voranzutreiben.  Er zoomte näher an das Bild. Konnte es tatsächlich Juliane sein? In der letzten Reihe hinter den anderen Frauen stand eine schlanke Frau die in die Kamera lächelte. Ihre Haare waren anderes, sie hatte eine helle Haarfarbe als in seiner Erinnerung und auch die weiblichen Kurven waren einem durchtrainierten Körper gewichen. Doch Anton kannte dieses Lächeln. Er würde es immer wieder erkennen. Es war Julian. Er hatte sie endlich gefunden. Jetzt musste er nur noch mehr über ihr Leben erfahren und dann konnte er seinen Racheplan in die Tat umsetzten. 

 

Es klirrte, Anton blinzelte und merkte, dass es auf dem Sofa eingeschlafen war und ihm das Glas aus der Hand fiel. Er rieb sich die Augen und schaute auf die Uhr, es war 14 Uhr. In zwei Stunden würde der Kindergarten Julianes Kinder nach Hause schicken und er würde sie auf dem Nachhause Weg abfangen. Er stand auf und machte sich auf den Weg.  

 

Lotte hatte wieder Luft bekommen, das einschnürende Gefühl in ihrem Brustkorb wurde besser und auch ihr Puls begann sich zu normalisieren. Sie saß in ihrem Hausflur auf dem weißen Boden, umarmte ihre Knie und betrachtete die Fotos auf dem Handy. Eins nach dem anderen schaute sie an. Sie sah sich in der Küche stehen beim abendlichen Kochen. Das Foto musste durch einen Spalt zwischen den Vorhängen von der Terrasse aus aufgenommen wurden sein. Auf dem nächsten Foto sah sie sich und Jule wie sie auf ihren Bauch zeigte. Da war aus der Zeit als sie mit Felix schwanger war. Also war das auch schon mehr als zwei Jahre her. Sie wischte weiter nach link zum nächsten Foto. Wieder ein Foto von ihr, dies Mal weiter weg. Es zeigte sie beim Joggen im Wald. Sie ging die Fotos weiter durch und langsam dämmerte es ihr, dass sie seit fast zwei Jahren beobachtet wurde. Es gab Fotos von all ihren Routinen wie die Kinder aus dem Kindergarten ab zu holen oder ihr Heimweg von den Gemeinderatssitzungen. Alles war mit einem Bild dokumentiert und zum Schluss sah sie auch das neuste Bild von ihr von der heutigen Joggingrunde. Lotte zwang sich tief und ruhig zu atmen, sie schaute auf die Uhr es war inzwischen fast 11 Uhr. Sie stand auf. Sie musste dieser Sache auf den Grund gehen, ohne dass ihre Familie etwas davon mitbekam. Sie würde sich nichts anmerken lassen und wie immer ruhig Hausfrau geben. Sie ging in die Küche, machte sich einen Espresso und holte ihr Handy heraus. Der Gedanke an einen Stalker war erschütternd gewesen aber nun, da sie wieder klar denken konnte, gab es dafür nur einen Kandidaten, der einen solchen Grund hatte. Anton Frankensberger. 

Sie überlegte sich was sie tun sollte, sollte sie das unwissende Opfer spielen und es der Polizei sagen oder sollte sie die Dinge lieber selbst in die Hand nehmen? Lotte hatte seit fast 7 Jahren nicht mehr Anton Frankensberger ihren Ex-Geliebten gedacht. Seitdem er sich von ihr getrennt hatte als seine Frau das zweite Kind bekam. Sie hatte damals eine solche Wut in sich gespürt auf dieses Kind und diese Frau, die es wagte ihr damit alle zu zerstören. Sie hatte Anton damals fast soweit, dass er seine Ehefrau für sie verlassen hätte, wenn da nicht die zweite Schwangerschaft gewesen wäre.  So hatte sie damals aus Wut und Affekt heraus ein Mittel aus der Familie der Barbiturate für Mutter und Kind verschrieben. Der Grund für ihre Trennung sollte nicht leben dürfen, wenn ihre Beziehung mit Anton und ihr eigenes Glück nicht weiterleben durfte. So verschrieb sie ein Mittel, dass dem Ganzen ein Ende bereiten würde und da das Kind die doppelte Dosis aufnehmen würde über die Behandlung und die Muttermilch würde es nicht lange dauern. Dadurch würde Anton leiden müssen genau so wie sie litt. Sie konnte nicht mehr in ihrem Leben verharren und weiter im Krankenhaus und in der Nähe von Anton bleiben. So kündigte Sie ihre Stellung als Ärztin und zog aus ihrer Wohnung aus um irgendwo anderes in Deutschland von vorn anzufangen und diese Episode zu vergessen.  

Jetzt nach all den Jahren hatte sie das alles eingeholt und Anton war wieder in ihr Leben getreten. Doch nun drohe er alles zu zerstören.  Das konnte sie nicht zulassen. Sie hatte sich hier etwas neues Aufgebaut und auch wenn es nicht das war, was sie ursprünglich wollte, aufgeben würde sie es nicht. Mit einem Mal wusste sie, dass sie nicht zur Polizei gehen würde, sondern alldem selbst ein Ende bereiten würde. 

Dafür musste jetzt ein Plan her. Sie rief im Kindergarten an und bat, dass die Kinder über den Mittag im Kindergarten bleiben sollten. Dann ging sie in den Keller und kramet in einem alten Karton nach ihren Arzneimitteln und Spritzen. Sie musst nur herausfinden wo sie Anton treffen könnte und musste ihn dann irgendwie unter Kontrolle bekommen, damit sie ihn mit einer Spritze voll Luft erledigen könnte. Oder vielleicht wäre ein Selbstmord besser. Vielleicht sollte sie auch erste mit etwas aus ihrem Notfallkoffer betäuben und ihm mit umbringen. Sie packte schnell ihre Arzttasche mit allem was ihr bei ihrem Plan helfen konnte und dazu noch ein paar Kabelbinder und Alkohol falls sie doch auf andere Optionen zurückgreifen musste. Nun stelle sie sich die Frage, wo sie Anton suchen konnte. 

 

Anton war in Gechingen angekommen und parkte das Auto auf dem Heimweg der Kinder ca. 100 Meter vom Kindergarten entfernt. Er schlenderte langsam in Richtung des Kindergartens und des Sportplatzes. Er ließ die letzten Jahre seiner Suche und seines Planes Revue passieren. 

Anton war fast am Ziel angelangt, heute würde er seine Rache endlich bekommen. Als er Juliane endlich ausfindig gemacht und die ersten Bilder aufgenommen hatte, durch die großen Glastüren im Wohnzimmer, war er kurz von der Schönheit gebannt gewesen. Sie sah anderes aus, jedoch noch genau so reizvoll wie vor all den Jahren. Doch die Veränderung täuschte ihn nicht. Es war Juliane, die Frau die seine Familie auf dem Gewissen hatte und sein Leben zerstörte. Er musste es ihr lassen sie war nicht nur schön gewesen, sondern auch clever und wäre da nicht ihr schnelles verschwinden aus dem Krankenhause gewesen, hätte er sich vielleicht nichts dabei gedacht und den Zusammenhang nie erkannt. Nur dieser eine Zweifel, dass es nicht einfach ein furchtbares Unglück war oder eine Bestrafung des Schicksals für seine vergangenen Taten war, ließen ihn nicht los und hielten ihn am Leben. Deswegen war er hier und hatte sie beobachtet und fotografiert. Er hatte den richtigen Moment abgewartet und nun nach all diesen Jahren hatte er endlich sein Ziel gefunden – Julian Heck.  Die Rache war das einzige, was ihn noch am Leben hielt und nun sollte er sie bekommen. Er hatte ihr das Handy an die Tür gelegt um sich anzukündigen und ihre Angst zu machen und als Ankündigung auf das was noch kommen sollte. Jetzt würde er ihr sein Vorhaben per SMS mitteilen. Er hatte die SMS schon lange verfasst, so musste er sie nur noch senden. 

 

Das Handy vor Lotte leuchtete mit einem Ping auf und zeigte eine neue SMS. „Ich werde dich leiden lassen, wie du mich. Ich werde dir alles nehmen, wie du mir. Ich hoffe du hast dich von deinen Kindern verabschiedet.“

Lotte wurde bleich und ihre Knie wurden wacklig. Sie hielt sich am Küchentisch fest. Kurz war sie erschrocken und hatte Angst um ihre Kinder. Doch dann erkannte sie, dass er ihr gerade mit dieser SMS einen Anhaltspunkt gegeben hatte, wo sie ihn finden konnte. Nun wusste sie, er wollte zu ihren Kindern. Sie schaute auf die Uhr es war 15 Uhr. In einer Stunde wuerde der Kindergarten aus sein und die Kleinen würden auch Hause kommen. Er würde bestimmt in der Nähe des Kindergartens ihren Kindern auflauern und da würde sie ihm auflauern. Lotte rief ihrer Freundin an und bat sie heute Jule und Felix mit zu sich zu nehmen, damit sie noch etwas miteinander spielen könnten, denn sie konnten seit dem Ausbruch von COVID-19 nicht mehr zusammenspielen. Ihre Freundin war damit einverstanden und Lotte sagte, dass Jan die Kleinen heute Abend holen würde. Sie schrieb Jan noch einen Zettel und legte ihn auf den Küchentisch bevor sie sich umzog um unauffälliger zu wirken und sich auf den Weg machte. 

 

Lotte fuhr mit einem Klapprad, was Jan noch in der Garage hatte in Richtung Kindergarten. Ihr Plan sah vor Anton zu vor zu kommen und ihn weg von ihren Kindern zu locken. Es war kurz vor 16 Uhr als Lotte am Kindergarten ankam. Gleich würden die Türen sich öffnen und die Kinder herauskommen. Lotte sah ihre Freundin schon vor dem Kindergarten warten. Sie selbst hielt einigen Abstand und versuchte sich hinter den Autos zu verstecken. Ihr Blick suchte die Gegend nach Anton ab und blieb an einer dunklen Gestallt am Fußballfeld hängen. Lotte lief schnell hinter den Autos weiter in Richtung Fußball Feld als die Tür des Kindergartens aufging und die Kinder rausrannten. Anton bewegte sich langsam in die Richtung der Kinder, doch Lotte war schneller und rannte mit gezückter Spritze hinter Anton her. Sie holte ihn ein und drückte ihm die Nadel an den Hals. Sie drückte ihn an einen Baum und sagte mit kalter, klarer Stimme, „Komm jetzt mit mir mit und führ mich zu deinem Auto.“ Anton war von ihrer Schnelligkeit überrumpelt und wusste nicht was er machen sollte. Er blinzelte in Richtung seines Autos. Lotte folgte seinen Blick und injizierte ihm das Betäubungsmittel. Er bekam wacklige Knie, seine Stimme versagte und sein Blick wurde glasig. Lotte schleppte ihn stützend zu seinem Auto. Sie suchte seine Taschen nach dem Autoschlüssel ab und schloss das Auto auf. Sie legte Anton die Kabelbinder an und Zug sie fest. Dann schloss sie das Auto wieder ab und holte ihre Arzttasche und das Klapprad. Sie verstaute beides im Auto und vergewisserte sich, dass Anton noch betäubt war. Dann setzte sie sich ans Steuer und fuhr los. Lotte fuhr in Antons Auto weiter in den Schwarzwald. Anton lag gefesselt und betäubt auf dem Rücksitz. Nach einer halben Stunde fahrt, bog Lotte auf eine Seitenstraße ab, die weiter in den Wald führte. An einer Ausbuchtung in der Straße mit Blick in das unterhalb liegenden Tales angekommen, stellte sie das Auto ab. Sie nahm ihre Arzttasche und das Klapprad aus dem Kofferraum. Dann zwang sie Anton sich auf den Fahrersitz zu setzten und holte derweil eine weitere Spritze aus ihrer Arzttasche. Anton kam langsam wieder zusieht und realisierte, dass sein Plan nicht aufgegangen ist. So sollt es nicht sein, jetzt war er der Gewalt dieser Frau ausgeliefert, die er kaum wiedererkannte, so kaltblütig und abgeklärt wirkte sie. Er versucht sich weiter zu befreien und sich gegen Lotte zu wehren. 

Doch Lotte holte die zweite Spritze hervor und stach sie ihm in den Bauchnabel. Ihm wurde sofort wieder schummrig, begann zu schwitzen und zu zittern. Jetzt musste alles ganz schnell gehen. Lotte nahm Anton die Kabelbinder ab, dass die Druckstellen noch verschwinden konnten. Sie holte die Flasche Schnaps aus ihrer Tasche und übergoss Anton mit Schnaps. Sie schüttete ihm noch etwas in den Mund und warf die Flasche in den Fußraum des Autos. Inzwischen war Anton auf das Lenkrad gefallen und atmete kaum noch. Lotte fühlte seinen Puls, der raste. Antons Gehirn war panisch und kämpfte gegen die Hypoglykämie an. Bald würde es soweit sein, dachte Lotte. Anton würde erst ins Koma fallen bis seinen Körper seinen Zellstoffwechsel nicht mehr aufrechterhalten konnte und sterben würde. Lottes Plan ging auf, sie hatte ihm genug Insulin gespritzt um sicher zu gehen, dass Anton die nächsten 15 Minuten nicht mehr überleben würden. Sie schaute auf ihre Uhr, 5 Minuten waren schon vergangen. Sie ließ den Motor an und legte einen Gang ein und löste die Handbremse. Sie vergewisserte sich, dass sie keine Spuren am und im Auto hinterlassen hatte. Gut, dass sie vorher die Handschuhe angezogen hatte. 

 Noch Ein Blick auf die Uhr und einen auf Anton. Er war bleich, nassgeschwitzt und in zwischen ins Koma gefallen. Sein Puls war kaum noch tastbar. Lotte ging wieder nach hinten und schob den Wagen weiter in Richtung Hang. Sie merkte wie es leichter wurde und das Auto schneller wurde rollte auf den Abgrund zu. Lotte blickte dem Wagen nach als es nach dem Hang hinunter und im Wald verschwand. Sie drehte sich um, klappte ihr Klappfahrrad auf, spannte die Arzttasche auf den Gepäckträger und fuhr zurück in Richtung der Hauptstraße.  

 

Am nächsten Morgen titelte der Schwarzwälder Bote „Alkoholiker kommt betrunken von der Fahrbahn ab und verunglück“. Lotte überfliegt den Artikel kurz bevor sie die Zeitung ihrem Mann hinlegt und ihm seinen Kaffee bringt. 

 

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