machicraDoppelleben

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Sie betrat die Bar und registrierte noch auf der Türschwelle, dass sie mit ihrem dunklen Hosenanzug viel zu konservativ gekleidet war. Trotzdem fühlte sie sich wie die Königin der Welt, als sie den strengen Knoten in ihrem Nacken löste und spürte, wie das schwere rote Haar über ihre Schultern fiel. Sie hatte einen erfolgreichen Arbeitstag hinter sich und war in Feierlaune, also hatte sie beschlossen, sich einen Drink zu genehmigen. Nur einen einzigen. Wenige Augenblicke nachdem der erste Schluck Whisky Sour kühl ihre Kehle hinabgeronnen war und ihr pumpendes Herz besänftigt hatte, setzte sich ein Mann neben sie auf den Barhocker. Er legte einen Arm um ihren Stuhl und betrachtete sie von der Seite, doch sie ignorierte ihn.

„Ich beobachte dich schon seit du diesen Laden betreten hast“, sagte der Mann schließlich und beugte sich nah zu ihr herüber. Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals.

„Tatsächlich? Und was haben dir diese fünf Minuten über mich verraten?“ Sie schaute ihn an und versuchte, Spott in ihre Augen zu legen. Trotzdem flackerte ihr Blick für einen Moment. Es kam ihr vor, als habe sie diesen Mann schon einmal gesehen. Gleich darauf verwarf sie den Gedanken jedoch wieder und fand zurück zu ihrer selbstsicheren Art, indem sie ihr Kinn ein Stückchen höher reckte.

„Dass du wunderschön bist. Und dass ich dich kennen lernen will.“ Er legte ihr die Hand auf das Knie. Die Situation war ihr nicht unangenehm, doch sie wusste auch, was genug war.

„Dann muss ich dich wohl leider enttäuschen“, lachte sie und leerte ihr Whisky Glas in einem Zug. „Mein Mann erwartet mich.“ Sie wandte sich zum Gehen. Der Mann hielt sie am Arm fest, doch sie entzog sich seinem Griff.

„Sag mir wenigstens, wie du heißt!“

„Judith“, rief sie, ohne sich noch einmal umzudrehen. „Mein Name ist Judith!“

 

Als sie zuhause ankam, war es später, als sie es beabsichtigt hatte. Auf ihrem Heimweg hatte es einen Unfall gegeben, sodass sie einen Umweg in Kauf nehmen musste. Trotzdem sah sie schon von draußen, dass im Wohnzimmer noch Licht brannte. Nach ihrem Abstecher in die Bar freute sie sich nun auf zuhause und auf ihren Mann.

Tom saß im Wohnzimmer und las in einem Buch, das er sofort zur Seite legte, als Judith den Raum betrat und ihre Aktentasche auf den Boden stellte.

„Liebling, wie ist es gelaufen?“ Tom wirkte ehrlich interessiert und Judith betrachtete ihn einen Augenblick, bevor sie antwortete. Auch wenn sie es in der Bar einen Moment lang genossen hatte, dass ein anderer Mann Interesse an ihr zeigte, existierte für Tom keine ernst zu nehmende Konkurrenz.

„Was glaubst du wohl?“, sagte sie und ließ sich neben ihn auf das Sofa fallen. „Deine Frau ist nicht nur jung und wunderschön, sondern auch überaus erfolgreich.“

Sie gab ihm einen Kuss und er runzelte die Stirn. „Hast du Alkohol getrunken?“

Ihr Kiefer verhärtete sich und sie rückte einige Zentimeter von ihm weg. „Ich hatte zur Feier des Tages einen Drink in der Bar. Übrigens, vielleicht interessiert es dich zu hören, dass es dort durchaus auch noch andere männliche Lebewesen gibt, die sich für mich interessieren.“

Tom ließ sich nicht provozieren und ignorierte ihren Kommentar. „Kein Wunder, dass du dich nicht gemeldet hast, um mich ebenfalls auf einen Drink einzuladen. Du hast dein Handy vergessen.“ Er deutete auf ein Smartphone, das auf dem Wohnzimmertisch lag. Judith runzelte die Stirn. Sie war sich sicher, ihr Smartphone nicht nur morgens in ihre Tasche gepackt, sondern auch in der Mittagspause ihre Nachrichten darauf gecheckt zu haben.

„Ich habe es selbst erst kurz bevor du gekommen bist auf dem Küchentisch liegen sehen. Du musst es heute Morgen nach dem Frühstück liegen gelassen haben.“

„Das kann nicht sein. Mein Handy ist in meiner Tasche.“

„Nun, meins ist es jedenfalls nicht.“ Tom griff erneut zu seinem Buch und Judith stand auf, um in ihrer Tasche nach ihrem Handy zu suchen. Es war nicht in der Außentasche, wo sie es normalerweise aufbewahrte. Sie durchwühlte die ganze Tasche und ihren Mantel, doch die Suche blieb erfolglos. Noch immer war sie sich sicher, dass das Handy, das Tom gefunden hatte, nicht ihres sein konnte. Trotzdem nahm sie es in die Hand und platzierte ihren rechten Zeigefinger auf dem Fingerabdruckscanner auf der Rückseite des Telefons. Sofort leuchtete der Bildschirm auf und zeigte das Logo der Kanzlei, in der sie arbeitete. Das war ihr Hintergrundbild. Tom hatte sie über den Rand seiner Lesebrille hinweg beobachtet und nickte nun selbstgefällig. In diesem Moment blinkte eine neue Nachricht von einem unbekannten Absender auf dem Handy auf. Als Judith sie öffnete, zog Tom die Augenbrauen hoch und sagte: „Ich nehme an, das ist eines der männlichen Lebewesen aus der Bar? Interessant.“
Die Nachricht bestand aus einem Bild, das Judith und den Mann aus der Bar zeigte. Sie hielten sich an den Händen und Judith neigte den Kopf in die Richtung des Mannes, während dieser mit ihr sprach.

Judith konnte sich nicht daran erinnern, die Hände des Fremden berührt zu haben.

 

In dieser Nacht schlief Judith schlecht. Sie hatte vor dem Schlafengehen noch ein Glas Rotwein getrunken, um ihre Gedanken zu beruhigen, doch das hatte nicht funktioniert. Sie wälzte sich von einer Seite zur anderen und lauschte den ruhigen Atemzügen ihres Mannes, bevor sie aufstand und auf leisen Füßen in die Küche huschte. Sie ließ den Lichtschalter unangetastet und so erhellte nur das Licht des Kühlschranks ihr Gesicht, als sie ihn öffnete, um nach einem Drink zu suchen. Sie fand eine Flasche Bier, verzichtete auf ein Glas und ließ sich auf das Sofa sinken. Das Licht der Straßenlaternen fiel durch die Fenster und verwandelte das Wohnzimmer in eine Ansammlung schummriger Umrisse. Das Handy lag noch immer auf dem Wohnzimmertisch und schien Judith mit seiner Präsenz zu erdrücken. Als sie es erneut in die Hand nahm, fühlte sich die glatte Oberfläche kalt und fremd an. Das Gewicht lastete sehr viel schwerer in ihrer Hand, als es eine Waage hätte anzeigen können. Wieder akzeptierte der Sensor ihren Fingerabdruck sofort und der Bildschirm leuchtete auf. Das blaue Licht war zu hell für Judiths Augen und blendete sie, doch schnell gewöhnte sie sich daran und öffnete ihre Nachrichten. Die Nummer, die das Bild geschickt hatte, war ihr noch immer nicht bekannt. Auch die Suche im Internet hatte ihr nicht weiterhelfen können, ebenso wenig wie die unbeantwortet gebliebenen Anrufe. Die Nachrichten, die sie selbst geschrieben und in denen sie nach der sofortigen Auflösung dieses Spiels verlangt hatte, wurden nicht zugestellt. Sie checkte ihr E-Mail-Postfach, hier gab es keine Veränderungen.

Sie öffnete ihre Galerie und fand wie erwartet das Bild aus der Bar. Erneut betrachtete sie es und kam wieder zu dem Schluss, dass sie sich nicht an den Moment erinnern konnte, in dem dieses Foto entstanden sein musste. Als sie die Galerie schließen und das Handy weglegen wollte, fiel ihr Blick auf ein weiteres Foto. Es zeigte sie vor der Eingangstür der Kanzlei. Sie hielt ihre Aktentasche in der Hand und lächelte triumphierend in der Kamera. Judiths Herz setzte einen Schlag aus und schlug dann umso schneller. Sie kannte dieses Bild nicht.

Als sie weiterblätterte, fand sie das nächste Foto. Es zeigte sie in ihrem Garten, wie sie zwischen den Sträuchern auf dem Boden kniete, die Hände voller Erde. Diesmal schien sie nicht zu bemerken, dass sie fotografiert wurde. Die Haare fielen ihr ins Gesicht, sie wirkte gelöst und glücklich.

Judith hasste Gartenarbeit.

Auch das nächste Foto zeigte sie, diesmal hatte sie sich selbst im Spiegel fotografiert. Sie hatte ein weißes Badetuch um ihren Körper geschlungen, ihre Haare waren nass und wirkten fast schwarz. Im Spiegel entdeckte sie die Reflexion des Mannes aus der Bar.

 

„Judith, wach auf.“

Als Judith die Augen öffnete, sah sie als erstes das Gesicht von Tom, der sie mit gerunzelter Stirn betrachtete. Dann schloss sie ihre Augen wieder. Das Licht war zu hell für sie, ihre Schläfen pochten.

„Was ist hier los?“ Tom begann, die leeren Flaschen aufzusammeln, die auf dem Boden um das Sofa verteilt waren.

„Ich hatte Durst.“ Judith setzte sich auf und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass die Bewegung unangenehm in ihrem Kopf nachhallte.

„Du hast dich also wirklich dazu entschlossen, wieder zu trinken.“ Tom schaute erst die Flasche an, die er gerade in der Hand hielt, danach Judith. Sie war sich nicht sicher, welche Emotion sie in seinen Augen lesen sollte. Enttäuschung? Wut?

„Ja, das habe ich wohl.“ Sie spuckte die Antwort aus und klang aggressiver als beabsichtigt. „Wie Millionen andere Menschen auch. Solltest du auch mal probieren, würde dir guttun.“

Wie so oft prallte ihr Zorn an Tom ab. Er ignorierte sie und räumte weiter das Wohnzimmer auf, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Die Stille dröhnte in Judiths Ohren und noch bevor sie darüber nachgedacht hatte, sagte sie: „Ich habe noch mehr Fotos auf dem Handy gefunden.“

Tom schaute sie an. „Was meinst du damit?“

Schon jetzt bereute Judith es, das Thema überhaupt angesprochen zu haben. „Auf dem Handy sind noch mehr Fotos von mir. Fotos, die ich nicht gemacht habe. Fotos, an die ich mich nicht erinnern kann.“

Tom setzte sich zu ihr auf das Sofa und betrachtete sie nachdenklich. „Fotos, an die du dich nicht erinnern kannst?“, wiederholte er.

Judith schloss die Augen. Sie wusste, was als nächstes kam.

„Judith, ich mache mir Sorgen um dich.“ Er deutete mit dem Kopf auf die leeren Flaschen. „Mir ist schon vorher aufgefallen, dass du wieder mehr trinkst. Ich wollte kein Spaßverderber sein, aber Fotos, an die du dich nicht erinnern kannst…“ Er zögerte. „Seit dem Tod deiner Schwester…“

„Lass meine Schwester aus dem Spiel!“, fauchte sie und ignorierte das zornige Pochen in ihrem Kopf.

„Ich meine ja nur“, Tom legte ihr beruhigend die Hand auf das Knie, „dass der Suizid eines nahen Angehörigen sehr belastend ist. Da hat jeder Mensch Verständnis für. Vielleicht könnte ich dir eine Therapie…“
„Eine Therapie? Hast du sie noch alle? Du vergisst wohl, dass ich Anwältin bin. Ich habe mein Leben unter Kontrolle! Vielleicht sollest du dir selbst eine Therapie suchen.“

Judith sprang vom Sofa auf. Ihre Hand ballte sich zur Faust, ihr Herz raste in ihrer Brust und jedes Pochen schickte den Schmerz in ihren Kopf. Sie stürmte an Tom vorbei und im Schlafanzug aus dem Haus, ohne sich noch einmal umzudrehen.

 

Judith hatte darauf geachtet, dass Tom bereits zur Arbeit gefahren war, bevor sie ins Haus zurückkehrte, um sich richtig anzuziehen. Kurz darauf rief sie in der Kanzlei an, um sich krank zu melden. Mit zittrigen Händen warf sie das Nötigste in eine kleine Reisetasche und verließ das Haus entschlossenen Schrittes wieder. Sie hatte in einem Hotel für die nächste Nacht ein kleines Zimmer gebucht, da sie Toms vorwurfsvollen Blick nicht länger ertragen konnte.  

   Nachdem sie das Hotelzimmer betreten hatte, schloss sie sofort die Tür hinter sich und zog die Vorhänge zu. Trotzdem fühlte sie sich immer noch beobachtet. Sie setzte sich auf das gemachte Bett und betrachtete sich selbst im Spiegel, der ihr genau gegenüber hing. Ihre sonst so glänzenden roten Haare wirkten spröde und kraftlos, die Augen lagen tief in den Höhlen und waren von dunklen Ringen umgeben. Ihre Haut war fahl und wirkte wie altes, dünnes Pergament. Obwohl sie sich vor 24 Stunden noch wie die Königin der Welt gefühlt hatte, schien es ihr nun, als seien ihre Lebensgeister mit dem Eintreffen des ersten Bildes verschwunden. Sie fühlte sich schmutzig und verwundbar und rechnete in jeder Sekunde damit, im Spiegel wieder die Reflexion des fremden Mannes zu entdecken.

Stattdessen fiel ihr Blick immer wieder auf ihre geöffnete Reisetasche, in der sie das Handy liegen sehen konnte. Je länger sie es beäugte, desto beklemmender empfand sie seine Anwesenheit. Sie wollte wissen, was es mit den Fotos auf sich hatte, wagte es jedoch nicht, sie noch einmal zu betrachten. Vielleicht fürchtete sie, auf weitere Fotos oder Nachrichten des Unbekannten zu stoßen. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus und schleuderte das Kopfkissen des Bettes mit einem unterdrückten Aufschrei auf die Tasche.

Ihre Gedanken rotierten. Sie war sich sicher, dass der Schlüssel des Rätsels bei dem Mann aus der Bar lag. Wo hatte sie ihn bloß schon einmal gesehen? Und wie sollte er an die Fotos von ihr gekommen sein? Gehörte das Handy ihm? Aber wie sollte es dann auf ihren Esstisch geraten sein und warum erkannte es ihren Fingerabdruck? Sobald sie das Gefühl hatte, eine Frage beantworten zu können, warfen sich umso mehr neue auf. Selten zuvor hatte sie sich so einsam und hilflos gefühlt. Als sie sich vom Bett erhob, fühlte sich ihr Körper an, als sei sie unter Wasser gefangen. Sie bewegte sich wie in Zeitlupe gegen den Widerstand und öffnete die Minibar.

 

Am nächsten Morgen wurde Judith von den Geräuschen der anderen Hotelgäste geweckt. Sie versuchte, die Orientierung zurückzuerlangen und bemerkte, dass sie auf dem Boden lag. Die Tür der Minibar stand offen, in dem Kühlschrank stand nur noch ein einsamer Orangensaft. Sie war der Lösung keinen Schritt nähergekommen, fühlte sich aber noch elender als zuvor, falls das überhaupt möglich war. Noch immer traute sie sich nicht, erneut auf das Handy zu schauen, obwohl sie sich fragte, ob Tom versucht hatte, Kontakt zu ihr aufzunehmen. Ein Blick auf die Uhr an der Wand verriet ihr, dass es noch nicht einmal sechs Uhr am Morgen war. Wenn sie jetzt losfuhr, würde sie wieder zuhause sein, bevor Tom überhaupt aufgestanden war.

Als Tom die Küche betrat, stand Judith an der Kücheninsel und wandte ihm den Rücken zu. Sie tat so, als würde sie sich mit der Kaffeemaschine beschäftigen, doch in Wahrheit konzentrierte sich jeder Muskel ihres Körpers auf die Anwesenheit ihres Mannes. War er sauer, dass sie gestern einfach verschwunden war?

Er trat näher an sie heran und umarmte sie von hinten. Als er seine Hände unter ihrer Brust verschränkte und ihren Nacken küsste, versteifte sich Judiths Körper. Das war nicht die Reaktion, mit der sie gerechnet hatte.

„Du bist ja schon wach“, murmelte er an ihrem Hals. Er klang schläfrig. Hatte er gar nicht bemerkt, dass sie die letzte Nacht nicht zuhause verbracht hatte?

„Bist du gar nicht sauer?“, fragte Judith mit erstickter Stimme, sodass nicht mehr als ein Flüstern herauskam.

„Sauer? Wie könnte ich nach der letzten Nacht sauer auf dich sein?“

„Wie meinst du das?“

„Ach komm schon. Willst du unbedingt, dass ich es nochmal sage?“, fragte er und biss ihr sanft ins Ohrläppchen.

 „Tom“, sagte Judith mit trockener Kehle und versuchte sich umzudrehen, sodass sie ihrem Mann ins Gesicht schauen konnte. „Ich habe die letzte Nacht in einem Hotel verbracht.“

„Na, das wüsste ich aber.“ Er sah immer noch schläfrig aus, seine grünen Augen verrieten jedoch Irritation. „Du bist nach Hause gekommen, als ich schon im Bett lag. Als du zu mir ins Bett kamst, hattest du das schwarze Nachthemd an, das ich so mag. Und dann…“ Er zögerte. „Kannst du dich etwa nicht daran erinnern?“

Judith fühlte sich wie betäubt. Sie wollte etwas sagen, doch ihre Zunge lag wie Blei in ihrem Mund.

„Hast du getrunken?“ Tom schob sie von sich weg und betrachtete ihr Gesicht aufmerksam. Judith konnte seinen Blick nicht ertragen, die Situation erdrückte sie, ihre wirbelnden Gedanken schrien sie an und machten sie taub für alles um sie herum. Irgendwie schaffte sie es, an Tom vorbei aus der Küche zu taumeln. Sie riss die Haustür auf und fing an zu rennen. Sie wusste nicht, wohin sie rannte. Sie wusste nur, dass sie nicht stehenbleiben konnte. Sie wollte rennen, bis die Beine unter ihr nachgaben.

Sie rannte wie blind über die Straße und spürte noch einen kräftigen Schlag auf ihren Hinterkopf, bevor die Welt um sie herum schwarz wurde und ihre Gedanken endlich verstummten.

 

Als Judith langsam wieder zu sich kam, wusste sie nicht, wo sie war. Sie schien auf dem Boden zu sitzen, angelehnt an eine Wand. Unter ihren Fingerspitzen fühlte sie kalten Stein. Ihr Kopf dröhnte, doch das lag dieses Mal nicht am Alkohol. Sie öffnete die Augen und sah direkt in ihr Spiegelbild. Verwundert stellte sie fest, dass sie erholter aussah als noch vor wenigen Stunden. Ihre Haut hatte wieder mehr Farbe und die Ringe unter den Augen waren verschwunden. Ihre Haare wirkten jedoch ein wenig kürzer und sie entdeckte ein Funkeln in den Augen, das sie beunruhigte. Es dauerte einige Augenblicke, bis Judith realisierte, dass sie nicht in einen Spiegel sah.

„Laura“, flüsterte sie.

„Na sowas“, sagte die Frau, die Judith für ihr Spiegelbild gehalten hatte und erhob sich, sodass Judith zu ihr hochschauen musste.

„Die Prinzessin ist wachgeworden.“

„Laura“, flüsterte Judith noch einmal, fassungslos. „Wie kann das sein? Du bist doch… Ich war doch auf deiner…“

„Ich bin tot, wolltest du sagen? Und du warst doch auf meiner Beerdigung? Wie liebenswürdig von dir. Ich konnte aus gegebenen Gründen leider nicht dabei sein, aber Martin erzählte mir, dass es eine rührende, wenn auch scheinheilige Feier gewesen sei.“

Judith konnte die Augen nicht von ihrer Zwillingsschwester abwenden. Die Zwillingsschwester, von der sie seit zwei Jahren geglaubt hatte, dass sie sich ihr Leben genommen hätte.

„Was ist?“, blaffte Laura sie an und hockte sich direkt vor Judiths Gesicht, die immer noch wie gelähmt war. „Hast du mir gar nichts zu sagen? Freust du dich etwa nicht, mich zu sehen?“

„Warum…“, krächzte Judith. Das war alles, was sie herausbrachte. Ihre Kehle war trocken und sie versuchte sich zu räuspern, doch nicht einmal dazu konnte sie die Kraft aufbringen.

„Warum, warum?“ Laura äffte sie nach und rollte mit den Augen. „Fragst du dich das ernsthaft? Kannst du dich etwa nicht mehr daran erinnern, dass du mein Leben zerstört hast, du Schlampe? Hast du vergessen, dass ich wegen dir im Heim gelandet bin?“

Judith schloss die Augen. Natürlich hatte sie das nicht vergessen und seit dem Tag, an dem sie die Nachricht von Lauras vermeintlichem Suizid erhalten hatte, bezahlte sie jeden Tag dafür.

Laura und Judith waren bei ihrer Mutter aufgewachsen. Je älter die Mädchen wurden, desto öfter hatte es Ärger zwischen ihnen und ihrer Mutter gegeben und schließlich auch zwischen den Schwestern selbst. Judith hatte es schon immer verstanden, die Dinge zu ihren Gunsten zurechtzubiegen und sie hatte es gerne akzeptiert, dass Laura meistens diejenige gewesen war, die später dafür geradestehen musste. 

„Ich habe alles für dich getan“, spuckte Laura verächtlich aus. „Und du hast es mir gedankt, indem du mich verrätst und hintergehst. Du hast alle manipuliert, belogen und betrogen. Du hast Schuld daran, dass Mutter mich abgegeben hat.“ Sie wählte ihre nächsten Worte mit Bedacht und konzentrierte sich auf das Gesicht ihrer Schwester. „Du hast alles getan, um mich loszuwerden. Du hast damals schon entschieden, dass du mein Leben zerstören willst. Jetzt werde ich dein Leben zerstören.“

Laura hockte immer noch vor Judith und beobachtete sie aufmerksam. Sie genoss ihre Position und konnte in den Augen ihrer Schwester lesen, dass sie die Vergangenheit wachgerufen hatte.

Tatsächlich durchlebte Judith die letzten Erinnerungen an ihre Schwester vor ihrem geistigen Auge noch einmal. Sie sah, wie Laura von zwei Mitarbeiterinnen des Jugendamtes abgeholt wurde. Sie hörte, wie ihre Schwester flehte und weinte, während sie selbst ein Lächeln unterdrücken musste. Sie sah die Narben an Lauras Armen und ihre stumpfen Augen, als sie sie das erste und einzige Mal in der Wohngruppe besuchte.

Als Judith die Augen wieder öffnete, lief eine einsame Träne aus ihrem Augenwinkel und Laura lachte laut auf.

„Oh nein, muss die arme kleine Judith wieder weinen? Denkst du, das kann dich nochmal retten? Dank dir war mein Leben die Hölle. Hast du überhaupt eine Ahnung, wie es sich anfühlt, von Wohngruppe zu Wohngruppe gereicht zu werden, während du als kleine Prinzessin ein tolles Leben lebst? Sieh dich doch nur an, Anwältin bist du! Und was bin ich? Ich bin nichts. Gar nichts. Wegen dir.“

„Laura, es tut mir Leid“, brachte Judith schließlich hervor. „Wirklich“, sagte sie, als Laura verächtlich lachte. „Aber trotzdem, warum… Ich dachte, du bist tot!“

„Tja, das hättest du wohl gerne.“ Laura erhob sich und fing an, langsam hin und her zu gehen. Judith folgte ihr mit den Augen und realisierte erst jetzt, dass sie sich in einem kleinen Raum ohne Fenster befanden. Der Bereich, in dem sie saß, war von dem eigentlichen Raum durch ein Gitter abgetrennt, dessen Tür jedoch offenstand. Neben ihr lag eine schmutzige, dünne Matratze auf der, wie Judith annahm, alte Lumpen lagen, zugedeckt mit einer verblichenen Decke. Außerhalb des Gitters standen zwei Eimer und ein Holztisch, ansonsten war der Raum kahl und leer. Judith fror.

„Wie du siehst, liebe Schwester“, fuhr Laura fort, ohne Judith weiter zu beachten, „bin ich alles andere als tot. Der liebe Martin hat mir geholfen, meinen Tod zu inszenieren. Übrigens, würde man jetzt meinen Sarg exhumieren, würde man auch keine Leiche finden. Was nicht alles möglich ist, mit treuen Freunden, ein wenig Geld und ein paar klitzekleinen Drohungen!“ Sie führte Daumen und Zeigefinger zusammen und lachte, als sei sie selbst erstaunt. Ihr Blick fiel auf Judiths ausdruckloses Gesicht und sie stöhnte laut auf.

„Gott, du verstehst es immer noch nicht, oder? Mein Leben war schon lange nicht mehr lebenswert. Ich habe uns allen einen Gefallen getan, indem ich mich sterben lassen habe. Aber du hast doch wohl nicht im Ernst geglaubt, dass du so leicht davonkommst.“

 Judith fühlte sich noch immer wie betäubt. Sie versuchte, aufzustehen oder sich wenigstens aufzurichten, doch sie hatte keine Kontrolle über ihre Gliedmaßen und so blieb es bei dem kläglichen Versuch.

Laura lachte, als sie die Bemühungen ihrer Schwester bemerkte. „Ach ja, hatte ich das vergessen zu erwähnen? Martin war so nett, dich mit einem kleinen Cocktail zu versorgen, bevor er sich, naja, zu dir gelegt hat.“ Laura betonte die letzten Worte und nickte vielsagend zu der Matratze. Judith sammelte ihre ganze Kraft und schaffte es, einen Zipfel der Decke mit den Fingerspitzen zu packen und wegzuziehen. Unter der Decke lag der Mann aus der Bar, der sie aus leeren braunen Augen anstarrte. Judith wandte schnell den Blick ab und musste würgen, woraufhin ihre Schwester erneut lachte.

„Na, Prinzessin, kommt er dir bekannt vor? ‚Ich möchte dich kennenlernen, sag mir doch wenigstens deinen Namen!‘“, rief Laura und lachte wieder hysterisch. „Kamst du dir nicht selbst lächerlich vor? Und du hast nicht einmal bemerkt, wie er dir dein Handy aus der Tasche gezogen hat!“ Wieder lachte sie, als würde sie eine wirklich lustige Geschichte erzählen.

„Wer ist das?“, flüsterte Judith.

„Das“, sagte Laura stolz und deutete mit ihrem ausgestreckten Arm ausladend auf die Leiche, „ist Martin. Ich lernte ihn in einer Wohngruppe kennen und er fraß mir aus der Hand. Er tat einfach alles für mich – organisierte meine Beerdigung, auf der du ihn übrigens getroffen haben müsstest, schoss die Fotos von mir, die du in deiner Galerie findest und zog dir dein Handy schließlich aus der Tasche, damit wir die Bilder überspielen und eine Tracking Software installieren konnten. Wie gut, dass du aufgehalten wurdest, so hatten wir noch genug Zeit, das Handy auf den Küchentisch zu legen. Glücklicherweise habe ich schon seit einiger Zeit einen Zweitschlüssel für euer trautes Heim.“ Sie zögerte kurz. „Martin war ein wirklich guter Freund“, sagte sie dann nachdenklich und beugte sich zu ihm hinunter, um sein bleiches Gesicht zu streicheln. „Aber jetzt brauche ich ihn nicht mehr.“ Energisch zog sie die Decke wieder über das blasse Gesicht und richtete sich auf.

„Warum?“, fragte Judith wieder. Ihr Kopf sackte gegen die Wand und der Raum begann wieder, sich um sie zu drehen. Laura bemerkte, dass Judith drohte, das Bewusstsein zu verlieren und griff schnell zu einem der Eimer, der auf der anderen Seite des Gitters stand. Mit einem Schwall goss sie ihrer Schwester kaltes Wasser ins Gesicht, sodass sie aufschreckte und nach Luft schnappte.

„Zum Schlafen wirst du noch genug Zeit haben, Prinzessin. Du wolltest wissen, wieso ich das getan habe, nicht wahr?“ Laura genoss ihre Rolle und das Leid ihrer Schwester sichtlich. „Ich wollte dich einfach wissen lassen, dass ich noch da bin. Das scheinst du allerdings leider nicht von allein begriffen zu haben.“ Sie kniff die Augen zusammen und betrachtete Judith missbilligend. „Um Klartext zu sprechen: Jetzt bin ich dran. Ich werde mir nun ganz einfach nehmen, was mir zusteht.“ Sie machte eine erwartungsvolle Pause, doch Judith hatte nicht mehr die Kraft, weitere Fragen zu stellen, also fuhr Laura fort.

„Du lebst das Leben, das eigentlich ich hätte führen sollen. Deinen Job, dein Haus, dein Mann, das alles verdienst du nicht. Dein Mann war gestern Nacht übrigens ziemlich begeistert von mir.“ Sie leckte sich die Lippen und wartete, wie ihre Provokation auf Judith wirkte, doch die schloss nur die Augen und betete, dass dieser Alptraum bald vorbei sein würde, auf die eine oder andere Weise.

„Mach dir keine Sorgen“, sagte Laura und wandte sich zum Gehen. „Ich werde dein Leben besser leben, als du es je gekonnt hättest. Aber keine Angst, hin und wieder besuche ich dich und halte dich auf dem Laufenden.“ Sie schloss die Tür des Käfigs und sicherte sie von außen mit einem Riegel. Dann drückte sie ihr Gesicht gegen die Gitterstäbe und lächelte: „Mein Mann erwartet mich.“

 

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One thought on “Doppelleben

  1. Hey Machicra,

    mir hat deine Kurzgeschichte gut gefallen (;
    Am Anfang musste ich mich ein bisschen rein lesen bevor ich mir sicher war, dass ich sie zum Ende lesen möchte. Aber ich bin froh, dass ich es getan habe 🙂
    Tatsächlich habe ich auch festgestellt, dass deine Geschichte, vor allem am Ende, gewisse Parallelen mit meiner aufweist, was ich wirklich interessant und auch amüsant finde. Vielleicht hast du ja Lust sie zu lesen, kommentieren und/oder zu liken – sie heißt „Unschuldskind“.

    Liebe Grüße und noch viel Spaß beim Schreiben
    Sarah

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