Elke BaurDoppeltes Spiel

Doppeltes Spiel 

Eigentlich bin ich ein ehrlicher  Mensch! Wenn ich etwas finde, dann gebe ich es sofort entweder an denjenigen zurück, der es verloren hat, oder – wenn dessen Identität nicht geklärt werden kann – gebe es im örtlichen Fundbüro ab. Das habe ich der Erziehung meiner längst verstorbenen Eltern zu verdanken. Und daran hat sich in den vergangenen 33 Jahren eigentlich auch nichts geändert.

Aber bei diesem Handy, das ich vergangene Woche beim Spazieren gehen mit meiner Hündin Donna gefunden habe, ist irgendwie alles anders. Schon alleine der Umstand, wie ich es gefunden habe. 

Ich hatte an diesem Tag bei einem beliebten Aussichtspunkt unserer Stadt geparkt, von dem man einen herrlichen Überblick über das ganze Stadtzentrum hat.  Schon lange wollte ich den dort angrenzenden kleinen Nadelwald mal mit Donna erkunden. Denn das fehlende Unterholz und die selbst im größten Sommer Schatten werfenden Fichten und Kiefern hatten mich richtig neugierig gemacht.  

Ich bin gerne alleine unterwegs. Als Single – ein Umstand, der leider schon drei Jahre anhält – bin ich dies gewohnt. Und wenn ich mit Donna unterwegs bin, kann ich mich so herrlich meinen Gedanken hingeben. Denn Kopf frei machen, so nenne ich das immer. Das brauche ich dringend als Ausgleich zu meinem Beruf als Lehrerin an einer Realschule. Denn das Unterrichten junger Menschen, die heutzutage zunehmend mehr Hilfestellung und Geduld benötigen, ist schon sehr anstrengend. 

Aber zurück zu dem Handy! Ja, das war schon seltsam. Während ich so durch diesen kleinen Nadelwald schlenderte und meine Hündin den Gerüchen der Tiere nachjagte, stieß mein Fuß gegen einen metallischen Gegenstand. Jeder kennt doch bestimmt das Gefühl, wenn man über etwas stolpert und man sofort weiß, dass dies kein „normales“ Geräusch war und sich danach umdreht.  So war es auch bei mir und ich konnte unter vielen abgefallenen braunen Baumnadeln etwas Schwarzes erkennen. Als ich mich bückte und die Nadeln zur Seite schob, lag das Handy vor mir. Ich steckte es erst einmal in meine Jackentasche und ging weiter. Schließlich dämmerte es bereits und ich wollte zuhause sein, bevor es dunkel ist. Später im Auto habe ich meine Jacke ausgezogen und auf die Rückbank gelegt. Und dort erst einmal vergessen – mitsamt diesem Handy!

So viel zu dem Thema, ich gebe gefundene Gegenstände sofort zurück.

Die kommenden Tage wurden wärmer und die Jacke im Auto wurde nicht benötigt. An das Handy dachte ich überhaupt nicht mehr!

Als ich eine Woche später mal wieder meine Jacke benötigte und sie aus dem Auto holte, wunderte ich mich zuerst über das einseitig schwere Gewicht. Doch dann fiel mir sofort das Handy wieder ein! Mit einem ziemlich schlechten Gewissen, denn schließlich ist es ja sogar strafbar, ein fremdes Handy zu behalten, nahm ich es aus der Jackentasche und sah es mir näher an.

Es war ein normales iPhone – nichts Besonderes. Ich drückte auf die Tasten, ob es irgendwie reagierte. Keine Chance! Da ich selbst schon einige Handys in meinem Leben besessen habe und mich von alten Dingen sowieso nicht trennen kann, schaute ich erst mal nach, ob sich nicht noch ein passendes Ladekabel irgendwo in meinem Fundus befand. Bingo!  Ich schloss das Handy an und dann passierte etwas sehr Seltsames. Das Display leuchtete auf und ein Hintergrundbild erschien. Es war das Innere eines Lokals mit einigen Leuten zu erkennen, alles ziemlich unscharf. Das einzige Gesicht, das klar zu erkennen war, gehörte einer Frau, die an einem Tisch in der Ecke saß. Seltsam, irgendwie kam mir die Frau bekannt vor! Ich schaute näher hin und erschrak. Das war doch ich, oder? Aber nein, ich konnte dies nicht sein, denn das Lokal selbst war mir völlig unbekannt! Doch die Frau sah aus wie ich und wieder auch nicht. Die Frisur war etwas anders – eine blaue Strähne befand sich im Haar, für mich selbst undenkbar – und der Schmuck sowie die Kleidung waren auch überhaupt nicht mein Stil.

Das war erst mal alles etwas zu viel für mich und ich musste mich setzen. Viele Fragen schossen mir durch den Kopf. Wer war die Frau? Wo war das Foto aufgenommen worden? Wem gehört das Handy? Und die für mich am wichtigste Frage: Wie hängt das eine mit dem anderen überhaupt zusammen?

Ich versuchte, dem Handy weitere Informationen zu entlocken! Vergeblich! Es gab eine Tastensperre und dann bemerkte ich auch, dass die SIM-Karte fehlte. So kam ich nicht weiter! 

Aber eines war klar: das Handy werde ich erst einmal nicht im Fundbüro abgeben – schlechtes Gewissen hin oder her! Ich musste dem Ganzen auf den Grund gehen und mich auf die Suche nach dieser Frau machen, die mir so ähnlich schien.  Aber wie? Der einzige Anhaltspunkt war das Lokal, von dem ich nicht wusste, wie es heißt und wo es sich überhaupt befand. Aber in Zeiten von Internet, Facebook, Twitter und was es sonst noch so alles gibt müsste dies doch ganz einfach zu finden sein. Doch ganz ehrlich –  ich bin kein Internet-Junkie. Ich unterrichte Kunst und Technik, hier kann ich wenigstens meine kreative Ader austoben. Aber was Computertechnik usw. betrifft, da bin ich absoluter Laie. Doch zum Glück habe ich einen guten Kollegen, der Informatik unterrichtet und mir schon öfters bei Computerproblemen geholfen hatte.  

Ein paar Tage später ergab sich dann die Gelegenheit. Wir beide hatten gerade eine Freistunde und hielten uns im Lehrerzimmer auf. Ich zog das Handy, das ich seitdem immer bei mir trug, aus meinem Rucksack und erklärte meinem Kollegen den Sachverhalt. Auch er war überrascht, wie ähnlich die Frau mir war. Er meinte, wenn ich ihm nicht glaubhaft versichern würde, dass ich nicht diese Frau auf dem Foto bin, würde er mir dies nicht abnehmen. Diese Ähnlichkeit war geradezu wahnsinnig. Aber wer weiß, vielleicht hatte  auch nur jemand ein Foto von mir mit Hilfe eines entsprechenden Programmes dahingehend verändert? Heutzutage ist ja alles möglich. Mein Kollege versprach mir, nachdem er sich das Foto abfotografiert hatte, sich mal im Netz umzuhören, ob jemand dieses Lokal kennt. Er würde sich so schnell wie möglich wieder bei mir melden. Vielleicht konnte das Rätsel ja dann gelüftet werden.

Wieder vergingen einige Tage und meine Unruhe wuchs. Mein Kollege hatte sich noch nicht gerührt und ich musste mich zwingen, ihn nicht anzurufen. Er wusste ja, wie sehr ich auf eine Antwort wartete, aber andererseits war mir auch klar, dass er momentan viele Vorbereitungen für seinen Unterricht hatte. Ich wollte ihn nicht noch mehr unter Druck setzen. 

Und dann kam endlich der erlösende Anruf! Er hatte mit Hilfe seiner Kontakte im Internet das Lokal ausfindig gemacht. Noch besser, es war sogar bei uns in der Stadt! Eine Szene-Kneipe mit dem Namen „Zum Ara“ in der Kaiserstraße.  Diese war in einem Stadtteil, den ich selbst sehr wenig besuche. Alles, was ich zu meinem Leben benötige, befindet sich im direkten Umfeld meiner Wohnung. Sogar einige gute Restaurants verschiedener Nationalitäten, denn ich bin keine Kneipengängerin. Wenn ich mit meinem Auto mal unterwegs bin, dann eigentlich nur, um mit Donna lange Spaziergänge zu unternehmen. Ansonsten bleibe ich meinem Viertel treu.

Doch wenn ich mehr über die Frau erfahren möchte, muss ich in die Kaiserstraße. Da hilft alles nichts. Gleich morgen nach der Schule werde ich mich auf den Weg machen. Ich kann es kaum erwarten!

Noch nie kam mir der Unterricht am nächsten Tag so lange vor. Der Arbeitstag wollte nicht enden und auch die Schüler bemerkten wohl meine Anspannung. Sie waren sehr unruhig und ständig störte jemand den Unterricht. Ich war froh, um 16.00 Uhr das Schulgebäude verlassen zu können und ging nur schnell nach Hause, um Donna kurz vor die Tür zu lassen und mich umzuziehen. Dann war es soweit. Um 17.00 Uhr stellte ich mein Auto auf dem Parkplatz vorm „Ara“ ab und ging erwartungsvoll ins Gebäude.

Als ich den Gastraum betrat, geschah etwas sehr Seltsames. Sofort kam der Wirt auf mich zu und begrüßte mich mit „Hallo, lange nicht mehr gesehen. Und dann auch noch zu einer so ungewöhnlichen Zeit – sonst besuchen sie uns ja immer samstags…“ und wies mir einen Platz im hinteren Teil des Restaurants zu. Ich ließ mir meine Überraschung nicht anmerken und setzte mich. Daraufhin fragte mich der Wirt, ob er mir das Übliche bringen soll. Ich nickte mit dem Kopf und spielte weiter meine Rolle. Nur so werde ich meine Antworten finden können.

Der Wirt brachte mir als Getränk ein Glas Weißwein. Witzig – auch ich trinke gerne Weißwein und als ich ihn probierte war er genau nach meinem Geschmack. Nach und nach kamen einen paar weitere Gäste, die sich aber großzügig im Gastraum verteilten. Da ich im hinteren Teil saß konnte ich das Geschehen gut überblicken. Komisch, das ist auch so eine Eigenschaft von mir. Ich sitze gerne an der Wand, um diese „schützend“ hinter mir zu haben. Ich will keine neugierigen Blicke im Nacken.

Dann kam das Essen. Eine weitere Überraschung! Es gab einen Kartoffel-Gemüse-Auflauf, der wirklich gut schmeckte. Also meine Doppelgängerin hat wirklich einen richtig guten Geschmack! Ich bin zwar selbst keine Vegetarierin, verzichte langsam aber sicher immer mehr auf Fleisch. Doch die Krönung war das Dessert – ein Grießbrei mit Roter Grütze. Denn ich liebe Süßes, besonders Desserts. Wer weiß, vielleicht hängt das auch ein wenig mit meinem Single-Leben zusammen. Da muss ich mir ja ab und zu etwas Gutes gönnen…

Da saß ich nun in dieser Kneipe und konnte nur noch staunen. Ich hatte ein gutes Essen mit einem Glas Wein genossen, ohne überhaupt etwas bestellt zu haben. Aber hätte ich es aus der Speisekarte wählen müssen, hätte ich wohl genau diese Komponenten bestellt. Die Unbekannte und ich hatten haargenau den gleichen Geschmack. Das Ganze wurde immer unheimlicher!

Später auf der Heimfahrt nahm ich mir vor, ab sofort jeden Samstag am Parkplatz  vor der Kneipe nach dieser Frau Ausschau zu halten. Der Wirt hatte ja bei der Begrüßung verraten, dass sie normalerweise samstags das Lokal besucht. Irgendwann müsste sie ja auch mal wieder auftauchen!

Ich wusste nicht, dass dies etwas länger dauern würde. Bereits vier Samstage hintereinander hatte ich mich vergeblich auf die Lauer gelegt. Das Lokal öffnete samstags erst um 18.00 Uhr und warme Küche gab auch nur bis 22.00 Uhr – in diesem Zeitraum saß ich in meinem Auto vor der Kneipe. Nur gut, dass die Abende im Sommer recht lange hell sind. So konnte ich die Zeit wenigstens mit Lesen verbringen.

Und dann kam der Samstag, an dem wir uns das erste Mal begegnen sollten. Wieder saß ich etwas gelangweilt in meinem Auto, als ein kleiner schwarzer Mini auf den Parkplatz fuhr. Ich wurde etwas aufmerksamer, denn genau so ein Auto hätte ich auch schon immer gerne gehabt. Wenn nur die Anschaffung und der Unterhalt nicht so teuer wären. Als die Fahrertür aufging, musste ich erst einmal schlucken. Da war sie – die unbekannte und mir doch so ähnliche Frau.

Sie trug eine Jeans und ein so knallbuntes T-Shirt, das ich selbst nie tragen würde. Nicht mal als Schlaf-Shirt. Dazu trug sie ihre Haare etwas kürzer als ich. Ich lege schon immer viel Wert auf eine praktische Frisur, bei der manchmal nur noch der Pferdeschwanz eine Alternative zum Haare waschen ist. Sie dagegen trug einen modischen Bob mit der besagten blauen Strähne im dunklen Haar. Und viel Schmuck! Aber unsere Ähnlichkeit in den Gesichtszügen war unverkennbar.

Ich war wie versteinert. Mir gingen so viele Gedanken durch den Kopf, dass ich zuerst nicht reagieren konnte. Aber ich hatte mir ja vorgenommen, sie auf jeden Fall anzusprechen. Und wenn ich mich jetzt nicht gleich bewege, dann ist sie im Lokal verschwunden. Und eine Begegnung unter den wachsamen Augen Dritter wollte ich auf jeden Fall vermeiden. 

Ich riss meine Autotür auf und stieg aus. Die Frau, die schon auf dem Weg zum Eingang des Gebäudes war, drehte kurz ihren Kopf in meine Richtung und wollte weitergehen. Dann stockte sie mitten in der Bewegung und drehte sich ganz zu mir um. Es war interessant, die Überraschung in ihrem Gesicht zu sehen. Genau die gleiche Regung muss kurz vorher in meinem Gesicht stattgefunden haben. 

Wir sahen uns an – beide ohne ein Wort zu sagen. Ich war die erste, die die Stille unterbrach, schließlich war ich ihr mit dem Bewusstsein ihrer Existenz auch um einiges voraus. 

„Hallo, ich bin Julia!“ sagte ich und streckte ihr meine Hand entgegen. Zögernd nahm sie meine Hand und entgegnete tonlos: „Anna…!“

Ich schlug vor, dass wir uns in mein Auto setzen, damit ich ihr die näheren Umstände unserer Begegnung erklären konnte. Angefangen vom gefundenen Handy mit ihrem Foto, über die Recherche nach dem Lokal und der vergangenen Samstage, an denen ich vergeblich auf sie gewartet habe.

Es stellte sich heraus, dass Anna auch hier in der Stadt wohnte und ihren Lebensunterhalt als Sängerin verdiente, die sich selbst nur mit Gitarre begleitete. Ich musste schmunzeln als ich daran dachte, dass vielleicht einer meiner Schüler mal der Meinung sein könnte, dass ich ein zweites Standbein als flippige Sängerin hätte. Aber ihre melancholischen Songs sprachen hauptsächlich ein Publikum mittleren Alters an und ihre Karriere nahm langsam Fahrt auf. Und nein, sie vermisste kein Handy. Auch kam ihr das von mir gezeigte Handy völlig unbekannt vor. Die Erklärung für dieses Foto könnte nur in Zusammenhang mit einem hartnäckigen Fan stehen, der sie schon seit längerer Zeit stalkt. Sie hatte bereits viele Anrufe erhalten, ohne dass sich jemand am anderen Ende gemeldet hatte. Auch fühlte sie sich manchmal verfolgt, weshalb sie ihre Aktivitäten außerhalb der Wohnung sehr reduziert hat. Eine Anzeige bei der Polizei brachte ebenfalls keinen Erfolg. Ohne Straftat keine Fahndung!

Doch die größte Überraschung für uns beide war, wie ähnlich wir uns sind. Nicht nur optisch, sondern auch in Körperbau und Gestik. Und auch bei dem, was wir gerne mögen und was nicht. Das konnten wir bei unserem langen Gespräch im Auto immer mehr feststellen.  Anna war auch nach einer längeren Beziehung wieder Single und, was noch lustiger war, wir waren sogar gleich alt.

Anna war von diesen Gemeinsamkeiten so begeistert, dass sie mich unbedingt ihren Eltern vorstellen wollte. Und weil ich ihr den Gefallen gerne machen wollte, verabredeten wir uns für nächstes Wochenende vor dem Haus ihrer Eltern in einer Nachbargemeinde.

Die Woche verflog wie im Flug. Meinem Informatik-Kollegen erzählte ich inzwischen die ganzen Neuigkeiten. Völlig erstaunt suchte dieser im Netz nach der Sängerin Anna und fand doch tatsächlich ihre Homepage. Hätten wir von Anfang an wirklich geglaubt, dass es eine Frau gibt, die mir so frappierend ähnlich sieht, hätten wir vielleicht die Gesichtserkennung im Netz in Anspruch genommen. Wie einfach wäre dies gewesen! Aber ich wollte ja unbedingt in diesem Lokal Detektiv spielen.    

Dann kam der Tag, an dem wir Annas Eltern besuchen wollten. Ich war ziemlich nervös, als ich vor dem Haus parkte. Annas Mini stand schon da. Ich stieg aus und in dem Moment kam Anna auch schon von der Einfahrt her auf mich zugelaufen. Wieder war ich überrascht, wie ähnlich wir uns sind. Wenn wir uns modisch noch mehr aufeinander zubewegen würden – egal in welche Richtung, könnten wir glatt als Zwillinge durchgehen. Mit einem verschmitzten Lächeln nahm Anna mich in den Arm und wir gingen zusammen zu ihren Eltern.

Was ich nicht wusste war, dass Anna ihren Eltern kein Wort über mich erzählt hatte und sie mit mir überraschen wollte. Als wir in die Wohnung kamen, war Annas Vater gerade im Wohnzimmer, während ihre Mutter in der Küche hantierte. Ihr Vater erblickte mich als erstes. Er kam auf mich zu, um mich zu begrüßen, während Anna mich mit meinem Namen vorstellte. Noch als er die Hand zu mir ausstreckte, bemerkte ich die Veränderung seines anfangs überraschten Gesichtsausdruckes. Er kniff die Augen zusammen und musterte mich genau von Kopf bis Fuß. Seine Augen nahmen einen immer traurigeren Ausdruck an. Er erinnerte mich langsam an jemanden, der eine große Last zu tragen hat.

Annas Vater rief nach seiner Frau in der Küche und lief ihr gleichzeitig bereits entgegen. Doch die Reaktion von Annas Mutter überraschte mich noch mehr. Als sie mich neben Anna erblickte hatte ich das Gefühl, sie war kurz vorm Zusammenbruch. Ihr Körper wurde schlaff und Annas Vater konnte sie gerade noch rechtzeitig zur Couch führen, wo sie kraftlos in die Kissen sank. Dort saß sie nun mit gebeugtem Oberkörper, den Kopf auf die Arme gelegt. Ein leises Jammern war zu hören.

Anna stand mit großen Augen neben mir und sagte kein Wort. Sie war geschockt von der Reaktion ihrer Eltern, die ganz anders ausgefallen war, als sie erhofft hatte. Doch sie erholte sich schnell, setzte sich neben ihrer Mutter auf das Sofa und legte den Arm um sie. Ihr Vater nahm auf der anderen Seite seiner Frau Platz und konnte den Blick nicht von mir wenden. Noch nie habe ich mehr gewünscht an einem anderen Ort zu sein als in diesem Moment.

Anna redete beruhigend auf ihre Mutter ein, während ihr Vater mir mit brüchiger Stimme einen Platz im Sessel anbot. Ich setzte mich in der Hoffnung, dass der ganze Alptraum endlich ein Ende nimmt. Doch ich hatte ja keine Ahnung, dass dies erst der Anfang eines noch größeren Albtraumes sein würde. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte sich Annas Mutter einigermaßen beruhigt und konnte sich mir zuwenden, ohne gleich wieder in Tränen auszubrechen. Sie schaute ihre Tochter an und sagte, dass sie gehofft hatte, diesen Moment nie erleben zu müssen. Und dann begannen Annas Eltern uns beiden eine Geschichte zu erzählen, die das bisherige Leben von Anna und mir völlig in Frage stellen würde.

Annas Mutter arbeitete 1987 als Krankenschwester in einer Klinik – genauso wie meine verstorbene Mutter. Ein junger Mann brachte damals seine hochschwangere minderjährige Freundin in die Klinik, da sie mitten in der Nacht mit Blutungen aufgewacht ist. Es stellte sich heraus, dass sie Zwillinge erwartete, deren Leben enorm gefährdet war. Die beiden Mädchen müssten sofort mit einem Not-Kaiserschnitt entbunden werden. Die werdenden Eltern erklärten, dass sie diesem Eingriff nur zustimmen, wenn sie anonym entbinden und anschließend die Kinder zur Adoption freigeben können. Die angesehene Familie des jungen Mannes wäre strikt gegen diese Verbindung, wüsste nichts von der Schwangerschaft und sollte es auch nie erfahren. Da man schnell handeln musste, stimmte die Klinik schweren Herzens dieser Forderung zu. Doch es gab Komplikationen während der Entbindung. Ein Kind wurde daraufhin für tot erklärt. Das überlebende Mädchen – Anna – zeigte man nur kurz den Eltern, da diese immer noch darauf bestanden, es zur Adoption freizugeben. Annas Mutter übernahm im Krankenhaus die Pflege des kleinen Mädchens. Meine Mutter bekam den Auftrag, das verstorbene Kind in die Pathologie zu bringen. Als sie es in ihren Armen in diese nachts unbesetzte Abteilung brachte und in die Kühlzelle legen wollte, bemerkte sie eine winzige Regung der kleinen Hand. Sofort begann sie mit Reanimationsmaßnahmen. Und wirklich, nach ein paar Minuten begann sich der kleine Brustkorb auf und ab zu bewegen. Ich lebte! Meine Mutter, die schon immer den Wunsch nach einem eigenen Kind hatte, der sich leider nicht erfüllte, konnte nicht anders als mich heimlich mit nach Hause zu nehmen. Nur Annas Eltern wussten Bescheid! Und laut Annas Mutter hatte meine Mutter bereits als junge Frau rundlichere Formen, so dass eine Schwangerschaft mit Entbindung für das Umfeld gut zu erklären war! Nähere Verwandtschaft gab es nicht. Und glücklicherweise war ihr Mann damals nach einer OP gerade längere Zeit zuhause und konnte sich erstmals um mich kümmern.  Anna hingegen wurde im Säuglingsalter erst als Pflegekind von Annas Eltern aufgenommen und später ganz normal mit behördlicher Hilfe adoptiert. Das war zu dieser Zeit noch einfacher war als heutzutage.  Beide, Annas und meine Mutter, versprachen sich, über diesen Vorfall nie wieder ein Wort zu verlieren und auch nie wieder Kontakt miteinander aufzunehmen, nachdem beide ihre Arbeit in der Klinik aufgegeben hatten. Und die Eltern der kleinen Mädchen? Die junge Mutter wurde von dem jungen Mann nach ihrer Genesung abgeholt und sie verließen die Klinik , ohne sich noch einmal nach ihrer vermeintlich einzigen Tochter zu erkundigen.

Nach dieser Geschichte war es völlig ruhig in der Wohnung. Wir schauten uns gegenseitig an und man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Ich schaute zu Anna, dann zu ihrer Mutter und ihrem Vater und wieder zurück zu Anna. Tausend Gedanken gingen durch meinen Kopf. Anna schien das gleiche durchzumachen wie ich. Ich sah es ihr an. Uns war bis zu diesem Zeitpunkt gar nicht bekannt, dass wir sogar das gleiche Geburtsdatum hatten, weil wir darüber gar nicht gesprochen hatten. Aber als erstes musste ich hier raus – an die frische Luft! Es wurde mir in der Wohnung zu eng. Ich verabschiedete mich schnell, keiner hielt mich auf. Wie in Trance fuhr ich nach Hause. Daheim angekommen nahm ich erst einmal meine Hündin in den Arm und versuchte, meine Gedanken zu ordnen.

Mein Leben war jetzt auf einer Lüge aufgebaut! Warum hatten meine Eltern mir nie etwas  gesagt. Gut, sie sind beide früh verstorben – vielleicht hatten sie es sich ja vorgenommen, mich über meine Vergangenheit aufzuklären. Und andererseits hatte mir meine „Mutter“ damals das Leben gerettet. Ich versuchte mehr oder weniger mit diesen neuen Tatsachen klar zu kommen und wieder zurück in die Normalität zu finden.

Ein paar Tage später rief Anna mich an und bat mich um ein Treffen. Ich stimmte gerne zu, denn schließlich war ich nun ja nicht mehr alleine auf der Welt und hoffte darauf, mein Gefühlschaos mit meiner neuen Schwester ordnen zu können.                

In den darauffolgenden Wochen trafen wir uns immer wieder und führten lange Gespräche. Auch gelegentlich bei Annas Eltern zuhause. Wir wuchsen als Gemeinschaft immer mehr zusammen und es fiel uns zunehmend leichter, mit der neuen Vergangenheit zu leben.

Anna und ich hatten für uns unterschiedliche Möglichkeiten der Vergangenheits-bewältigung gefunden. Anna schrieb ein paar neue, sehr intensive Lieder über Trauer, Familie und ein wiedergefundenes Lebensglück –  ich habe zuhause meine leeren Leinwände hervorgekramt und mich in die Kunst gestürzt. Die zuerst etwas düsteren abstrakten Gemälde erhielten mit der Zeit immer mehr kräftigere positive Farben.

Durch ihre neuen Songs bekam Anna immer mehr Angebote, öffentlich aufzutreten. Ich besuchte sie dort oft.  Da ich ihr aber nicht die Show stehlen wollte und aus diesem Grund keiner der Besucher unsere Ähnlichkeit bemerken sollte, hatte ich mir angewöhnt, entweder eine Mütze oder ein Stirnband und eine dunkle Brille zu tragen. Kleidungstechnisch waren wir ja sowieso sehr weit auseinander und so fiel ich im Publikum nicht weiter auf.

Doch mit ihren zunehmenden Auftritten nahm auch die Präsenz des Stalkers wieder zu. Anna erhielt wieder täglich Anrufe, bei denen sich keiner meldete. Nur ein leises Atmen war zu hören. Auch hatte sie erneut oft das Gefühl, beobachtet zu werden.  

Anna wurde immer ängstlicher und wollte, dass ich sie bei jedem Auftritt begleite.  Ich schlug ihr den Besuch eines Selbstverteidigungskurses vor. Zuerst sträubte sie sich, aber als sie endlich damit anfing, stellte sich heraus, dass Anna ein Naturtalent war. Keiner bewegte sich so schnell und sicher wie sie. Sie hatte schnell die Taktik heraus, wie man sich aus einem fremden Griff wieder befreit und wie sie sich einen Gegner vom Leib halten kann. Ihre Selbstsicherheit nahm zu und ich war wirklich stolz auf sie.

Doch die Anrufe wurden nicht weniger und auch die Polizei konnte nicht weiterhelfen, außer mit der Auskunft, sie möge doch einfach ihre Telefonnummer wechseln.                                                                                                                                      Wir überlegten, wie wir vielleicht gemeinsam dem Stalker eine Falle stellen könnten, um dessen Identität zu lüften und diesem Spuk endgültig ein Ende zu bereiten.

Anna kam auf die Idee, den Stalker mit einem Auftritt zu ködern. Zuerst mussten wir uns allerdings einen Auftrittsort suchen, der etwas abseits gelegen ist. Wir wollten sichergehen, dass, falls noch jemand in dem Gebäude nach Annas Auftritt unterwegs ist, es nur jemand sein kann, der dort eigentlich nichts zu suchen hat. Dabei fiel mir ein, dass ich mit meinen Schülern im Technikunterricht einmal ein Firmengelände besichtigt habe, das außerhalb der Stadt lag und auf dem auch ein kleines Pförtnerhäuschen stand. Diese Firma hatte inzwischen leider Insolvenz anmelden müssen und ihren Betrieb geschlossen. Vielleicht könnte man ja für kleines Geld dieses Häuschen mieten und sozusagen ein Wohnzimmerkonzert geben. Wir nahmen mit dem Insolvenzverwalter Kontakt auf und tatsächlich, nachdem wir zugesichert haben, die Gäste nur in diesem Pförtnerhaus zu empfangen und nicht auf das eigentliche umzäunte Betriebsgelände zu lassen, konnten wir dieses für insgesamt fünf Abende mieten. Anna und ich waren natürlich keinesfalls so blauäugig, dass wir annahmen, den Stalker beim ersten Auftritt dort stellen zu können.

Zuerst einmal schauten wir uns dieses Pförtnerhaus genauer an. Rechts davon war der gläserne Anbau, indem der Pförtner tagsüber damals saß und den Besuchern die Schranke öffnen konnte. Innen gab es eine kleine Wohnung mit Wohnzimmer, Badezimmer, Schlafzimmer und Küche. Das Wohnzimmer konnte zusammen mit dem angrenzenden Flur ungefähr 25 bis 30 Gäste aufnehmen, es standen ja keine Möbel mehr drin. Die restlichen Zimmer, außer dem Badezimmer natürlich, ließen sich gut abschließen. Da es gerade Spätsommer war, konnte man wenigstens die Fenster im Wohnzimmer weit öffnen, damit man sich nicht so beengt fühlte. Anna wollte das angrenzende Schlafzimmer als Garderobe nutzen, zumal es dort noch einen alten Einbauschrank gab, in dem ich mich vorsichtshalber nach jedem Auftritt verstecken konnte. Schließlich wollte ich sie ja nicht alleine lassen.

Es hätte keinen geeigneteren Ort für unseren Plan geben können. Zunächst einmal machten wir zusammen einen Großputz. Ich lieh mir an meiner Schule ein paar Holzstühle für unsere Gäste aus. Annas Garderobe wurde mit einem Spiegel und ebenfalls einer Sitzgelegenheit ausgestattet. Nur gut, dass die Stromversorgung noch gewährleistet war, auch wenn im ganzen Haus nur noch nackte Glühbirnen an der Decke hingen. Aber selbst das hatte einen gewissen Stil. Meinen geheimen Platz im Schrank machte ich mir mit einem leeren Bierkasten zum Daraufsitzen und einer Dose Pfefferspray etwas gemütlicher.

Dann kam Annas erster Auftritt im Pförtnerhaus. Es waren ungefähr 15 Leute da – der kleine intime Auftritt hatte sich noch nicht so rumgesprochen. Da wir von behördlicher Seite leider auch einen Sicherheitsbeamten vor dem Haus abstellen mussten, der dafür sorgte, dass es nicht zu Ausschreitungen kam, war es klar, dass es ein Minusgeschäft für Anna werden würde. Aber, falls der Stalker sich nicht vom diesem Sicherheitsbeamten abhalten ließ und wir ihn stellen konnten, war es uns die Investition wert.  

Annas Eltern wollten eigentlich auch alle Auftritte von ihr zusammen mit mir besuchen, doch wir konnten sie mit einer Ausrede davon abhalten. Es war uns einfach zu riskant. Wir sagten ihnen, dass Anna gerne alleine – ohne uns – ihre Auftritte absolvieren wollte, da sie noch mit der ganzen Adoptionsgeschichte haderte und wir sie dadurch nur nervös machen würden. Sie glaubten uns widerstrebend und wir hatten natürlich ein schlechtes Gewissen wegen der Notlüge. Doch wenn alles gut ausgehen sollte, haben wir uns fest vorgenommen, ihnen die Wahrheit zu sagen.

Nach Annas Auftritt, den ich wieder in meiner Verkleidung als Gast sehr genossen hatte, ging ich noch während ihrer Zugabe – nach dem Besuch der Toilette – in ihre Garderobe. Der Vorteil dieses Raumes war, dass er am Ende des Flures hinter der Toilette lag und keine der Gäste es auf Anhieb mitbekam, wenn man die Garderobe betrat. Allerdings achteten wir gut darauf, dass die Garderobe wie alle anderen Räume – außer der Toilette – während des Konzertes immer abgeschlossen war und wir beide einen Schlüssel hatten. Einen Zweitschlüssel ließen wir uns vom örtlichen Schlüsseldienst anfertigen.

In der Garderobe angekommen, versteckte ich mich gleich im Wandschrank. Anna und ich hatten besprochen, dass das Licht in der Garderobe immer angeschaltet und der Rollladen am Fenster geschlossen bleibt. So sollte ich mich unbemerkt verstecken können, bevor Anna nach ihrem Auftritt die Garderobe betrat.

Ich, eine begeisterte Krimileserin, hatte die Idee, dass Anna nach ihrer Zugabe die Gäste entließ und nach einem kurzen Kontroll-Rundgang zusammen mit dem Sicherheitsbeamten auch diesen nach Hause schickte. Anschließend sollte sie die Toilette verschließen und bei nicht abgeschlossener Haustüre in ihre Garderobe gehen und sich so lange wie möglich dort aufhalten – mit der Gewissheit, dass ich mich ganz nahe bei ihr im Schrank aufhalte.  So wollten wir dem Stalker die Möglichkeit geben, sie aufzusuchen. Natürlich war klar, dass wir das Pförtnerhaus nach dem Auftritt und der Wartezeit in der Garderobe nicht gemeinsam verlassen konnten. Ich verließ das Gebäude immer durch die Terrassentür im Wohnzimmer nach hinten auf das abgesperrte Firmengelände. Dort hatten mich meine Schüler während unserer Besichtigung mal auf eine kleine Stelle im Zaun des Firmengeländes aufmerksam gemacht, die gerade groß genug war, dass ich mich durchzwängen konnte.  

Drei Auftritte im Pförtnerhaus liefen so ab, ohne dass es einen nennenswerten Zwischenfall gab. Die Gästezahlen nahmen durch Mundpropaganda zu und Anna musste sogar einigen Leuten den Zutritt verwehren, weil der Platz für alle einfach nicht reichte.

Wie immer saß ich bei den Gästen nahe an der Wohnzimmertür. Ich achtete peinlich darauf,  dass ich nicht immer die gleiche Verkleidung trug. Schließlich wollte ich nicht auffallen, wenn ich immer bereits während Annas Zugabe schon das Zimmer verließ.                      

Ein Mann mittleren Alters mit Brille, der auch beim dritten Auftritt da war, fiel mir allerdings selbst bereits während Annas dritten Auftritt auf.  Er saß auch damals ziemlich vorne im Raum und beobachtete Anna ganz genau. Seine aufrechte Haltung und sein verhaltener Applaus waren nicht zu übersehen. Obwohl ich schräg hinter ihm saß und ihn nicht direkt beobachten konnte, hatte ich das Gefühl, dass er Anna während ihres Auftritts nicht aus den Augen ließ.

Als ich mit Anna nach dem Konzert darüber gesprochen habe, gab sie zu, dass er auch ihr aufgefallen wäre und sie schon ein wenig eingeschüchtert hätte.  Wir beschlossen, dass wir bei den nächsten zwei Konzerten ganz besonders vorsichtig sein wollten.

Und dann kam das vierte Konzert, bei dem Anna sogar noch mehr Gäste an der Tür abweisen musste. Doch auch dieses Mal war der Mann mit Brille rechtzeitig mit den ersten Gästen angekommen. Und ich saß wieder wie immer nahe der Tür. Dieses Mal hatte ich mir sogar von einer Kollegin eine braune Perücke ausgeliehen, mit der mich selbst Anna fast nicht wiedererkannt hätte. Und mein Kleiderschrank barg noch viele biedere Outfits, bei denen man am besten sowieso gleich gerne wieder wegschaut.

Annas Auftritt verlief wie die letzten einfach toll. Ich war stolz auf meine talentierte Schwester. Und auch die Gäste waren begeistert. Während der Zugabe hielt es niemand mehr auf den Stühlen, selbst der Mann mit Brille stand auf. Das war der Anlass für mich, mich mal wieder in die Garderobe zu schleichen. 

Nach ihrem Auftritt und der Kontrolle mit dem Sicherheitsbeamten suchte Anna erschöpft die Garderobe auf. Durch einen kleinen Schlitz an der Tür des Schranks, wo sich das Furnier etwas gelöst hatte, konnte ich sie beobachten. Sie setzte sich auf ihren Stuhl vor dem Spiegel und schminkte sich ab. Sehr langsam, um Zeit zu gewinnen. Schließlich sollte sie sich ja ungefähr noch 1,5 Stunden in der Garderobe aufhalten, wie nach den letzten Auftritten auch.

Ich hatte mich bereits meiner Brille und Perücke entledigt und rutschte auf meinem Bierkasten hin und her. Hätte ich mir doch nur ein Kissen mitgebracht, wie ich es mir das letzte Mal schon vorgenommen hatte. Es war einfach wahnsinnig unbequem und fast zwei Stunden dort zu sitzen war schon eine Herausforderung für meine Sitzmuskulatur. Nur gut, dass ich immer vorher auch noch die Toilette besuchte!

Auch heute vergingen die 1,5 Stunden, ohne dass etwas passierte. Anna fing an, ihre Schminkutensilien und Klamotten wie jedes Mal wieder einzupacken und räumte ihre Gitarre auf.  Sie stand auf und wollte schon in meine Richtung gehen. Es war verabredet, dass ich den Einbauschrank nicht vorher verlasse, bevor sie nicht selbst die Tür öffnete. Ich machte mich gerade innerlich bereit, endlich wieder aufstehen zu können, als die Tür zu Annas Garderobe geöffnet wurde.

Anna blieb abrupt stehen und drehte sich zur Tür. Ich hielt vor Schreck die Luft an. Der Mann mit Brille, der uns beiden schon aufgefallen war, kam herein. Eigentlich keine Überraschung! Aber sich etwas auszudenken und die Realität sind zwei unterschiedliche Dinge. Keiner ist in der Lage, sich theoretisch seine Reaktion in der Realität vorzustellen, weil der Körper in Stresssituationen ein Eigenleben entwickelt.  

Der Mann ging auf Anna zu, die weiterhin regungslos dastand. Ich selbst mahnte mich in Gedanken immer wieder dazu, erst einmal ruhig zu bleiben und nichts Überstürztes zu tun. Erst jetzt fiel mir auf, dass der Mann Handschuhe trug und einen bunten Schal in der linken Hand hatte. Diesen Schal hatte Anna bei ihrem zweiten Auftritt ihren begeisterten Gästen zugeworfen hatte. Da war mir gar nicht aufgefallen, dass gerade er ihn gefangen hatte. Entweder war ich da gerade abgelenkt oder dieser Mann hatte eine wahnsinnig schnelle Reaktionsfähigkeit. Das verhieß nichts Gutes!

Anna stand immer noch wie versteinert in der Mitte des Raumes. Der Mann, der einen guten Kopf größer war, ging schnell auf sie zu und nahm sie in den Schwitzkasten. Sein Gesicht wurde hassverzerrt. Er sagte zu ihr: „Endlich treffen wir uns persönlich, kleine Stiefschwester! Unser Vater hat mir erst sehr spät von dir erzählt, aber ich habe dich von Anfang an gehasst. Du hast mein Leben zerstört! Und jetzt zerstörte ich Deines. Anna, die Sängerin, verfolgt von einem Stalker, weiß keinen anderen Ausweg mehr, als Selbstmord zu begehen!“  Während er dies sagte, legte er ihr den Schal um den Hals und zerrte sie zum Fenster, um den Schal dort am Fenstergriff zu befestigen.  

Doch langsam kam wieder Bewegung in Anna und in dem Moment öffnete ich die Schranktür, das Pfefferspray in der Hand. Der Mann drehte sich in meine Richtung und ging auf mich zu, noch immer Anna im Schwitzkasten, die sich immer mehr dagegen wehrte. Ich trat aus dem Wandschrank ins Licht und die Reaktion des Mannes war überwältigend. Er starrte mich an, als ob er ein Gespenst sehen würde. Ich hatte in der Aufregung ganz vergessen, dass ich Anna ohne Verkleidung ja so ähnlich bin. Er hielt in seiner Bewegung inne und sein Griff an Annas Hals löste sich etwas. Bevor ich jedoch das Pfefferspray einsetzen konnte, erinnerte sich Anna wieder an ihre erlernte Selbstverteidigung. Sie drehte sich gekonnt aus seinem Griff und machte einen Schritt wieder zurück Richtung Fenster. Dann winkelte sie das Knie an, zog es wieder nach oben und gab ihm einen gezielten heftigen Tritt in die Weichteile.

Der überraschte Ausdruck im Gesicht des Mannes veränderte sich schnell in einen schmerzerfüllten. Er griff mit beiden Händen nach unten und verlor in diesem Moment das Gleichgewicht. Mit einem Aufschrei fiel er nach hinten, ausgerechnet in Richtung des Garderobenspiegels. Er prallte mit dem Rücken an den Spiegel, riss ihn mit nach unten und blieb auf den vielen Scherben liegen. Langsam breitete sich Blut unter seinem Körper aus.

Anna und ich gingen vorsichtig auf ihn zu. Der Mann schaute uns an und wimmerte leise. Ich hielt mein Pfefferspray immer noch wie eine Waffe vor mich und wir beugten uns beide zu ihm runter. Das viele Blut machte uns Angst. Der Mann flüsterte etwas, das wir zuerst nicht verstehen konnten. Wir beugten uns noch weiter runter, nachdem wir ihm zuerst unmissverständlich klargemacht hatten, dass er ja nicht auf die Idee kommen sollte, uns anzugreifen. „Ich kann meine Arme und Beine nicht mehr spüren“ war das letzte, was der Mann sagte, bevor er das Bewusstsein verlor.

Wir riefen den Krankenwagen, der den Mann in die Klinik brachte. Er wurde notoperiert, nachdem festgestellt wurde, dass ein großer Glassplitter die Wirbelsäule verletzt hatte. Seine Chancen, seine Gliedmaßen jemals wieder ab Brustkorb abwärts bewegen zu können, standen laut Auskunft der Ärzte gleich Null.

Die inzwischen eingetroffene Polizei nahm unsere Aussagen auf. Und da Anna aus Notwehr gehandelt hatte, hatte sie nicht zu befürchten, dass Anklage gegen sie erhoben wurde.

Die Ermittlungen der Polizei gegen den Mann, dessen Namen sich mit Henning van Trost herausstellte, brachte endlich auch Licht in die ganze Angelegenheit.

Henning war der Stiefsohn des Mannes, der unser Vater war. Unser Vater, Maximilian van Trost, hatte sein Geld mit Immobilien gemacht und besaß ein größeres Anwesen direkt hinter dem Wäldchen am Aussichtspunkt unserer Stadt. Genau dort, wo ich das Handy gefunden hatte, mit dem Henning das Foto von Anna aufgenommen hatte. Er hatte es da wohl einfach entsorgen wollen. Henning war der Sohn der zweiten Frau unseres Vaters, nachdem unsere Mutter, die er doch später geheiratet hatte und deren Ehe dann kinderlos blieb, bald durch Krankheit gestorben ist. Unser Vater hatte Henning dann adoptiert, nachdem auch seine zweite Frau bei einem Verkehrsunfall gestorben war. Deshalb war sich Henning sicher, Alleinerbe des großen Vermögens zu sein. Doch als unser Vater sehr krank wurde begann er von seiner damals unehelichen einzig überlebenden Zwillingstochter zu erzählen, die zur Adoption freigegeben wurde. Doch als legitime Tochter hatte er sie notarisch als Alleinerbin eingesetzt. Henning war verzweifelt und beauftragte einen Privatdetektiv, der Anna letztlich auch ausfindig machte. Von meiner Existenz wusste ja niemand.

Hennings Hass auf Anna wurde immer größer. Er beschloss sie zu stalken und somit zur Verzweiflung zu treiben. Damit sein geplanter Mord letztlich auch als Selbstmord durchgeht. Doch er hatte seine Rechnung einfach ohne mich gemacht! Gemeinsam haben wir ihn zur Strecke gebracht. Er wird nie mehr laufen können und muss sein Leben in einer betreuten Wohneinheit verbringen.

Unseren Vater haben Anna und ich leider nicht mehr kennengelernt, denn kurz vor Enthüllung der ganzen Tatsachen erlag er seiner schweren Krankheit. Laut seinem dem Testament war Anna die Alleinerbin. Ich beantragte vor Gericht, ebenfalls als Nachfahre und legitime Erbin anerkannt zu werden, da ich anhand eines Gentests natürlich auch beweisen konnte, die zweite Tochter von Maximilian van Trost zu sein. Das war mit Anna so besprochen, damit jeder sein Erbe schriftlich nachweisen kann und es später nicht vielleicht zu Streitigkeiten kommt.

Jetzt teilen Anna und ich uns ein großes Vermögen zu zweit und wir sind zusammen mit Annas Eltern in dem großen Anwesen hinter meinem Lieblingswäldchen eingezogen. Donna freut sich über ihren riesigen Auslauf auf dem weitläufigen Grundstück.

Annas Adoptiveltern haben wir inzwischen natürlich auch die Wahrheit über die „Wohnzimmerauftritte“ und die damit verbundene geplante Falle für Henning erzählt. Sie haben uns natürlich verziehen, dass wir sie damals zu ihrer Sicherheit angelogen hatten, um zu vermeiden, dass sie zu den Auftritten kommen..

Um ruhig schlafen zu können, haben Anna und ich besprochen, keine Anzeige gegen Henning van Trost zu erheben. Er ist ja trotz allem unser Stiefbruder und wir investieren einen Teil des Erbes in das betreute Wohnen, und zwar bis zu seinem Lebensende. Denn unserer Meinung nach ist er nach dem missglückten Mordversuch durch seine Lähmung schon genug bestraft. 

Ach ja, Annas Berühmtheit als Sängerin hat auch zugenommen, schließlich wurde der ganze Fall ja ausführlich in der Presse ausgeschlachtet. Viele wollen sie inzwischen sehen und sie füllt immer größere Hallen. Die Kritiken sind durchweg positiv. Manchmal, in einer ruhigen Stunde, erinnert sie sich nach eigener Aussage noch wehmütig an die kleinen intimen Wohnzimmerauftritte im Pförtnerhäuschen zurück. 

Und ich? Ich unterrichte weiterhin unruhige Teenager und liebe es. Privat widme ich mehr meiner Malerei und konnte auch schon ein paar Bilder verkaufen.                   Das einzige was sich jetzt laut Anna bei mir noch ändern muss ist mein Kleidungsstil.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5 thoughts on “Doppeltes Spiel

  1. Zack! Das hat mein Herz verdient! Ich danke dir, dass ich solch eine spannend/tolle Geschichte lesen durfte. Wahnsinn! Nach solchen Geschichten frage ich mich wirklich gar nichts mehr… also wirklich – das hier war sowas von Buchreif! Jedes Wort war einfach richtig gewählt, selbst dass du das „Zwillingsding“ aufgegriffen hast, dass mich eigentlich schon richtig nervt mittlerweile, war bei dir goldrichtig! Meine Stimme hast du! Und wenn nicht fürs Buch dann wenigstens fürs EBook 🙂

    1. Hallo Lia, so ein positives Feedback macht richtig gute Laune! Danke schön!

      Wenn Du Lust hast, kannst Du auch gerne meine andere Geschichte lesen:
      https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/jagdfieber

      Aber ich muss Dich vorwarnen:
      Diese Geschichte ist um einiges „blutiger“ und nichts für schwache Nerven. Da habe ich meine Vorliebe für „Stephen King“ richtig ausgelebt… 🙂

      Ich wünsche Dir weiterhin viel Spass beim Schmökern!

      1. Oh wow! Sollte sich die Möglichkeit ergeben, werde ich deine zweite Geschichte auch noch lesen. Möchte aber versuchen so viele Geschichten wie möglich zu lesen um meine 100 Herzen verteilen zu können: wenn das der Fall ist, komme ich gerne drauf zurück 🙂
        In der Zwischenzeit kannst du gerne mal meine Geschichte „was sich liebt das hackt sich“ lesen 🙂 würde mich riesig freuen! Herzlich – Lia 🌿

  2. Hallo Elke,
    Ich finde es wirklich schade das deine Geschichte noch nicht so viele Likes hat, denn mir hat sie gut gefallen. Die spielst so schön mit der Sprache und dein Thema war klasse dargestellt. Meine Stimme hast du 💛. Ich wünsche Dir trotzdem viel Erfolg 🍀.

    Ganz liebe Grüße

    Maddy

    P. S Meine Geschichte heißt „Alte Bekannte“ und ich würde mich über ein Feedback freuen 😁☺️, ehrlich und schonungslos 🙈.

    1. Hallo Maddy,
      ich freue mich sehr über Dein positives Feedback. Vielen Dank für Deine Stimme!
      Natürlich lese ich auch gerne Deine Geschichte in den nächsten Tagen und gebe Dir dann Bescheid!
      Und wenn Du Lust, Zeit und gute Nerven hast, lade ich Dich noch zum Lesen meiner zweiten Geschichte ein:
      https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/jagdfieber

      Aber Vorsicht – die ist wirklich nichts für Zartbesaitete… 🙂

      Liebe Grüße
      Elke

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