Jana SchikorraEin guter Junge

7+

Kapitel 1: Ria

 

  „Ich bin eine Frau mit Prinzipien.“
Keine Ahnung, wie oft ich diesen Satz im Laufe meines Lebens schon ausgesprochen habe, aber die Zahl dürfte eine hohe sein. Für gewöhnlich markiert er den kritischen Punkt einer Unterhaltung. Den Punkt, an dem es unangenehm und der Gesprächspartner bestenfalls in Verlegenheit gebracht wird.
Vor allem, wenn mein Lieblingssatz mir so gefährlich leise über die Lippen kommt wie jetzt.
Dieses Mal scheint er bei meinem Gegenüber allerdings nicht die gewünschte Wirkung zu erzielen.
Der Postbote sieht mich unbeeindruckt an.
„Frau Abendroth, ich werde nicht weiter mit Ihnen darüber diskutieren. Sie legen Wert auf Ehrlichkeit? Bitte. Reden Sie mit Ihrem Nachbarn, den habe ich schon öfter durch Ihr Beet trampeln sehen. Ich war es jedenfalls nicht, der Ihren Lavendelbusch malträtiert hat.“
Ich reiße ihm die Briefe aus der Hand, die er gerade im Begriff war, in meinen Postkasten zu werfen, und verschränke die Arme vor der Brust.
„Wie dem auch sei“, sage ich süßlich, „Bleiben Sie künftig einfach auf dem Weg und verzichten Sie auf diese verlockenden kleinen Abkürzungen, die durch die Vorgärten anderer Leute führen.“
Man könnte meinen, es mache mir Spaß, anderen das Leben schwer zu machen.
Aber das stimmt nicht.
Ich bin ganz einfach ein ordnungsliebender Mensch.
Jemand, dem es wichtig ist, dass alles seinen geregelten Gang geht. Und dazu gehört eben auch ein gepflegter Garten.
Ich sehe, dass der Postbote zu gern etwas erwidern würde.
Die Art, wie er die Lippen aufeinander presst und mit dem Kiefer mahlt, erinnert mich an jemanden.
Kurz flackert ein Gesicht vor meinem inneren Auge auf.
Ein Gesicht, das ich einmal geliebt und dann zerschnitten habe.
Ich stelle mir vor, wie ich dasselbe mit dem Postboten tue.
Bedauerlicherweise siegt seine Selbstbeherrschung.
Wortlos dreht er sich um und geht zurück zu seinem Fahrrad.

 Ich schließe die Tür hinter mir, öffne die Briefe noch im Hausflur und entsorge sie gleich darauf in der Altpapiertonne.
Werbung. Was sonst.
Lustlos gehe ich in die Küche, mache mir einen Cappuccino und lehne mich seufzend gegen die Arbeitsplatte.
Als ich wenig später einen Schlüssel in der Tür höre, stelle ich die Tasse beiseite, nehme mir ein Geschirrhandtuch vom Haken und werfe es meinem Sohn zu, der, seinen Rauhaardackel Obelix im Schlepptau, auf den Kühlschrank zusteuert.
Er fängt das Handtuch und rollt mit den Augen.
Obelix gibt ein schrilles Kläffen von sich.
„Wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst seine Pfoten abtrocknen?“, frage ich ungeduldig und deute auf die Spur aus Dreck, die der Hund auf den Fliesen hinterlassen hat.
„Ach, Mama. Wenn es nach dir ginge, müsste Obelix Hausschuhe tragen“, sagt Raphael belustigt.
Damit hat er nicht ganz unrecht.
Ohnehin wundert sich jeder, der mich kennt, darüber, dass ich meinem Sohn ein Haustier erlaubt habe.
Die Antwort darauf ist simpel: Ich kann Raphael nichts abschlagen.
Wenn er mich mit seinen großen braunen Augen ansieht, die denen seines Vaters gleichen wie ein Ei dem anderen, werde ich weich.
„So“, sagt Raphael, nachdem er Obelix abgetrocknet und das Chaos auf dem Küchenboden beseitigt hat. „Wir gehen in mein Zimmer, ja?“
„Sicher. Aber bring das Handtuch vorher noch in den Waschkeller, Schatz.“
Raphael nickt, gibt mir einen Kuss auf die Wange und nimmt sich eine Flasche Limonade aus dem Kühlschrank.
„Siehst du dir heute Abend diesen Film mit mir an?“, möchte er wissen, als er schon fast aus der Tür ist.
Ich kann mich nicht erinnern, mit Raphael über einen Film gesprochen zu haben, lasse mir aber nichts anmerken.
„Natürlich“, versichere ich.
Mein Sohn grinst zufrieden, klemmt sich Obelix unter den Arm und eilt die Treppe hinauf.

 

 Den Rest des Tages bringe ich damit zu, jeden Winkel der Wohnung von Staub zu befreien, einen Haushaltsplan für die kommenden zwei Wochen zu erstellen und mir ein Stück meines Lieblingskuchen aus der Bäckerei an der Hauptstraße zu holen. Die tägliche Dosis Süßgebäck soll mir helfen, ein paar Minuten lang zur Ruhe zu kommen. Heute will das selbst auferlegte Entspannungsritual seinen Zweck allerdings nicht erfüllen.
Anstatt still zu sitzen und meinen Kuchen zu genießen, rutsche ich auf meinem Stuhl unruhig hin und her.
Seit ich nur noch in Teilzeit arbeite, fällt es mir ohnehin schwerer, meiner Zwänge Herr zu werden. Aber es ließ sich nicht vermeiden; jetzt, wo sein Vater nicht mehr bei ihm sein kann, braucht Raphael mich.
Ich versuche, nicht an Thilo zu denken, doch wie immer gelingt es mir nicht. Die Erinnerungen verselbstständigen sich, nehmen quälend scharfe Konturen an.
Ich sehe sein Gesicht vor mir. Das Lächeln, das langsam erschlafft. Die flatternden Lider. Und das Blut.
Verflucht, all das Blut…
Als die Uhr sieben schlägt, halte ich es nicht länger aus, bereite eine Portion Mikrowellenpopcorn zu und klopfe kurz darauf an der Zimmertür meines Sohnes.
„Herein“, ruft Raphael.

 Er hat schon alles vorbereitet. Sein Laptop ist mit dem Beamer verbunden, der das Bild an die Wand seines Zimmers wirft. Wann immer wir gemeinsam Filme schauen, tun wir es hier oben. Der Fernseher im Wohnzimmer ist so gut wie nie in Betrieb.
Ich lasse mich in den Berg aus Kissen auf Raphaels Schlafcouch sinken, stelle die Schale mit dem Popcorn zwischen uns ab und werfe einen Blick auf den Laptop, den mein Sohn auf seinem Schoß platziert hat, um Bildqualität und Lautstärke einzustellen.
Dabei springt mir der Name der Datei ins Auge, die er mit einem Doppelklick öffnet: ‚Nichts als die Wahrheit‘.
„Was ist das für ein Film?“, möchte ich wissen.
Raphael zuckt die Achseln.
„Weiß auch nicht. Den habe ich von Tante Isabella.“
Meine Eingeweide verknoten sich.
„Von Tante Isabella?“, wiederhole ich konsterniert.
„Ja. Sie sagte, dieser Film wird unser Leben verändern.“
Raphaels Blick zuckt immer wieder zu seinem Kleiderschrank herüber.
„Was? Wollen wir erst noch das Chaos darin beseitigen, bevor wir uns diesen lebensverändernden Streifen ansehen?“, necke ich ihn.
„Nein“, sagt er scharf und startet den Film.

 

Kapitel 2: Isabella

 

 Ich sitze zusammengekauert zwischen Raphaels Klamotten.
Die unbequeme Haltung lässt meine Gelenke allmählich steif werden. Seit Ria heute Nachmittag zum Bäcker gegangen ist, um Kuchen zu holen, hocke ich hier. Atme den blumigen Duft des Waschmittels ein, der aus den unzähligen Shirts und Hosen dringt. Das süße Aroma einer heilen Welt.
 Ih gitt.
Wir spielen Verstecken. So wie früher. Das zumindest habe ich Raphael gesagt, bevor ich in seinen Kleiderschrank geklettert bin. Und natürlich, dass das Spiel erst endet, wenn Ria mich findet.
Durch den Spalt zwischen den Türen kann ich das Profil meiner Zwillingsschwester erkennen. Das zarte Näschen mit dem kleinen Höcker, die scharfgeschnittene Kieferpartie, den süßen Schmollmund.
Mein Ebenbild. Der Mensch, mit dem ich mir neun Monate lang eine Gebärmutter geteilt habe. Der mich besser kennt als irgendjemand sonst und den ich mit einer solchen Inbrunst hasse, dass die Wut sich wie Säure in mein Herz frisst.
„Schatz, ich denke, wir sollten uns das besser nicht ansehen. Deine Tante hat eine grässliche Vorliebe für Horrorfilme, weißt du?“
Ria klingt nicht nur besorgt, sondern als wäre sie von einer tiefen, nagenden Angst erfüllt.
Gut so.
  „Bitte, Mami. Du bist doch bei mir. Wenn es zu schlimm wird, können wir den Film immer noch ausmachen.“
Meine Schwester nestelt an ihrem Ohrring.
Ob sie etwas ahnt?
Nein. Ihr Zustand scheint nur dem Umstand geschuldet, dass sie alles, was mit mir in Verbindung steht, grundsätzlich ablehnt.
Dass sie ihrem Sohn am liebsten jeglichen Kontakt zu mir untersagen würde. Aber das kann sie nicht. Nicht, wenn sie mein Schweigen nicht gefährden möchte.
Das Schweigen, das ich in wenigen Sekunden brechen werde.

 Ich verrenke mir den Hals, um einen Blick auf die Leinwand oder zumindest den Bildschirm des Laptops zu erhaschen, aber von meiner Position aus kann ich nur Ria und Raphael erkennen.
Also muss ich mich damit zufriedengeben, mir die mit klassischer Musik untermalten Landschaftsaufnahmen vorzustellen, die den Film eröffnen.

 „Es war einmal, in einem verschlafenen Dorf am Rande eines großen Waldes, eine glückliche vierköpfige Familie…“
Die sonore Stimme meines alten Schulfreundes, der gegen eine kleine Bezahlung den Job als Synchronsprecher angenommen hat, dröhnt aus den Lautsprechern.
Ich sehe, wie sich Rias Schultern versteifen. Kerzengerade sitzt sie da, ganz sicher alarmiert durch die Großaufnahme des Gehöftes, das just in diesem Augenblick auf der Leinwand erscheinen müsste.
„Eine Familie, der man die schmutzigen Geheimnisse, die sie hütete, nicht im Entferntesten ansah. Georg und Emilia Abendroth, Leiter einer psychiatrischen Klinik im Herzen von…“
„Mach das aus!“, herrscht Ria Raphael an. „SOFORT!
Das ist mein Stichwort.

Ich stürze aus dem Schrank und verpasse Ria mit dem Bügeleisen, das ich aus der Wäschekammer entwendet habe, einen kräftigen Schlag auf den Hinterkopf.
Sofort sackt sie in sich zusammen.
Obelix springt aus seinem Körbchen auf und macht einen Heidenradau. Als Raphael mich vorhin in sein Zimmer geführt hat, war das Tier mir gegenüber zwar mit einer gewissen Zurückhaltung begegnet, hatte sich nach einer gehörigen Portion Hundekuchen mit enthaltenem Beruhigungsmittel jedoch schließlich entspannt.
Ich greife in meine Hosentasche, ziehe ein weiteres präpariertes Leckerli heraus und werfe es ihm zu.
Erst dann widme ich mich Raphael.
„Alles in Ordnung?“, frage ich ihn behutsam.
„So geht das nicht“, bringt er hervor. Der Schock hat sein Gesicht verzerrt. „So… so spielt man nicht Verstecken.“
„Das hier ist ein ganz besonderes Spiel. Mach dir um Ria keine Sorgen. Sie muss sich nur etwas ausruhen.“
Raphael streicht Ria eine Haarsträhne aus der Stirn.
Der Blick, mit dem er sie ansieht, ist voll von Schmerz.
Aber ich bemerke darin noch etwas anderes. Faszination?
„Da ist Blut an ihrem Kopf“, sagt er nachdenklich.
„Ja. Nicht viel. Das ist nicht schlimm.“
Raphael tippt die Wunde mit dem Zeigefinger an und führt ihn zum Mund. Er leckt den grellroten Tropfen ab. Seine angespannten Gesichtszüge verwandeln sich langsam in ein verzücktes Lächeln.

  „Spul doch am besten nochmal zurück“, sage ich und wuschle ihm durchs Haar. „Ich habe mir mit diesem Film große Mühe gegeben und möchte, dass du ihn dir in aller Ruhe ansehen kannst.“

Und das tut Raphael.

Aufmerksam sitzt er da, schiebt sich dann und wann ein Stück Popcorn in den Mund und wirft mir einen ungläubigen Blick zu, als die Szene gezeigt wird, in der ich mich ihm als seine Mutter vorstelle.
Ich regle die Lautstärke hinauf und lausche gebannt meiner eigenen Stimme.
„Neun Monate weggesperrt in der psychiatrischen Klinik meiner Eltern musste ich, der schlechte Zwilling, meinen Sohn still und heimlich gebären. Währenddessen täuschte Ria eine Schwangerschaft vor. Sie schüchterte mich ein, manipulierte mich.
Mit der tatkräftigen Unterstützung meiner Eltern ließ sie mich glauben, nicht in der Lage zu sein, ein Kind aufzuziehen. Von diesem Tag an war sie eine Mutter – und ich das, was ich schon zuvor gewesen war: Ein Nichts. Ein Niemand. Während meines Aufenthaltes in der Klinik hatte Ria mir sogar meinen Thilo, den Vater meines Kindes, gestohlen. Den Mann, den ich über alles liebte und der Jahre später, als er nach einem Streit mit Ria zu mir zurückkehren wollte, unter mysteriösen Umständen sein Leben lassen musste.
Damals, vor elf Jahren, hat meine Zwillingsschwester mir mit dem Raub meines Sohnes alles genommen; sogar meine Identität. Ich musste schwören, niemals etwas zu verraten. Im Gegenzug sollte ich mein Kind besuchen dürfen, wann immer ich wollte. Doch auch diese Besuche wurden immer weniger. Ich war nicht erwünscht, bin es heute noch nicht, obwohl ich meine Krankheit überwunden habe. Und als ich dann bemerkte, wie meine Schwester auch meinen Sohn mit ihrer herrischen Art zu unterdrücken begann… wie sie ihn mit der Kälte, die in ihrem Herzen wohnt, immer mehr verdarb… Entschloss ich mich, mein Schweigen zu brechen. Ein für alle Mal.“
Ich bin ziemlich angetan von der dramatischen Wirkung, die diese Sätze aus meinem Mund haben. Auf meinen Armen hat sich eine Gänsehaut gebildet und auch Raphael sieht aus, als ginge ihm sehr nahe, was ich gerade offenbart habe.
Er dreht sich zu mir, die Wangen nun ganz nass von lauter Tränen.
„Hallo, Mama“, sagt er mit brüchiger Stimme und schmiegt sich dann ganz fest an mich.
Ich wünsche mir, die Umarmung würde ewig andauern, doch irgendwann unterbricht ein leises Wimmern unseren besonderen Moment.
Es ist Ria. Sie kommt langsam zu sich.
„Was meinst du, Raphael?“, frage ich meinen Sohn und lächle so breit, dass meine Mundwinkel spannen, „Hast du Lust auf eine kleine Party?“

 

Kapitel 3: Raphael

 

 Ich bin ein guter Junge.
Das jedenfalls hat meine Mutter immer zu mir gesagt.
Es sind die ersten Worte, die mir an diesem Morgen in den Sinn kommen. Ich gähne herzhaft, strecke mich und stoße dann einen leisen Schmerzenslaut aus.
Die Muskeln in meinen Armen brennen fürchterlich.
Auch meine Fingerknöchel tun weh. An einigen Stellen sind sie aufgeplatzt, verkrustetes Blut klebt darauf.
Ächzend stehe ich auf, schlurfe ins Badezimmer und putze mir die Zähne. Dann wasche ich mich, schlüpfe in Jeans und T-Shirt und lege Obelix sein Halsband an.
Normalerweise freut er sich wie verrückt, wenn er seine Hundemarke klimpern hört. Heute ist er ungewöhnlich ruhig.
Ich versuche mich daran zu erinnern, ob er sich am Vortag schon eigenartig verhalten hat. Doch da ist nichts.
In meinem Gedächtnis klafft eine Lücke. Alles, was in meinem Kopf noch vom Freitag übrig ist, beschränkt sich auf das Glas Orangensaft, das ich zum Frühstück getrunken habe.
„Mama?“, rufe ich die Treppe hinunter, erhalte jedoch keine Antwort.
Seltsam.
Ich pfeife Obelix herbei, der lustlos aus meinem Zimmer trottet und mich aus seinen traurigen Dackelaugen ansieht.
„Komm, alter Junge. Gehen wir Gassi.“
Im Erdgeschoss suche ich noch einmal nach meiner Mutter und komme dann zu dem Schluss, dass sie Einkaufen gefahren sein muss.
Achselzuckend ziehe ich mir eine Jacke über, leine Obelix an und öffne die Tür.
Erschrocken mache ich einen Satz zurück.
Was ist das?
Auf der Schwelle liegt ein Geschenkkästchen. Irritiert hebe ich es auf. An der roten Schleife, die darum gewickelt ist, klebt ein Zettel.
Für Raphael steht darauf geschrieben.
Mein Herzschlag beschleunigt sich, als ich das Geschenk öffne, und setzt beim Anblick des nagelneuen Handys darin kurz aus.

Und dann erinnere ich mich plötzlich.

 An die Angst, an die Verwirrung, an die Wut. Und an die Schreie. Ganz besonders an die Schreie.
Ich weiß wieder, warum mir die Arme und Hände so wehtun.
„Stell dir einfach vor, dass hier ist der Boxsack aus meiner Garage, auf den du mal eingedroschen hast, nachdem die Jungs aus deiner Klasse dich mal wieder fertiggemacht haben“, hat Tante Isabella mir gestern Abend zugeraunt.
Und genau das habe ich auch getan.
Habe meine Fäuste wieder und wieder auf Gesicht meiner Mutter, die gar nicht meine Mutter ist, niedersausen lassen, während Isabella mich angefeuert hat.
„Sie hat dich belogen!“, hat sie geschrien und ist dabei immer lauter und lauter geworden, „All die Jahre hat sie dich belogen!“

 Stirnrunzelnd nehme ich das Handy aus dem Kästchen und entsperre es mit einem Wischen meines Fingers.
Es ist mit keinem Code gesichert.
Das eingestellte Hintergrundbild sieht merkwürdig aus.
Wie eine Blutlache. Ich kann es nicht genau erkennen, weil die Apps auf dem Home-Bildschirm das Foto verdecken.
Also öffne ich die Bildergalerie.
Obelix jault leise, so als würde er mich warnen wollen.
Ich schaue kurz zu ihm hinunter.
Wirf das Handy weg und hau mit mir ab, sagen seine treuen Kulleraugen.
Aber das geht nicht.
 Ich senke meinen Blick wieder auf den Bildschirm. Ein heißes Glücksgefühl breitet sich in meiner Brust aus, als ich durch die Fotos scrolle: Sie alle zeigen mich, aus den unterschiedlichsten Perspektiven.
Mal hocke ich strahlend neben Rias leblosem Körper, mal halte ich ein Messer in die Kamera.
Und ich sehe so cool dabei aus!

Das letzte Foto gefällt mir am besten.
Auf meiner Stirn prangt ein mit Blut gemaltes Fragezeichen und ich tippe mir in dem Versuch, nachdenklich zu wirken, mit dem Finger gegen das Kinn.
Das Motiv ist so lustig, dass ich wie verrückt anfangen muss zu lachen. Die Tränen laufen mir unaufhaltsam über die Wangen. Als ich mich endlich gefangen habe, wische ich mir mit dem Jackenärmel über das Gesicht, lade das Foto bei Instagram hoch und schreibe dazu:
„Wer bin ich? #überraschung #dreimaldürftihrraten #lügenhabenkurzebeine“
Schon nach wenigen Minuten hat es mehr Likes als alle meine anderen Beiträge zusammen.
Ich setzte mich auf den kühlen Steinboden, lehne mich mit dem Rücken gegen die Haustür und kraule Obelix hinter den Ohren.
Erst, als in der Ferne Polizeisirenen erklingen, stehe ich auf, laufe quer durch das Lavendelbeet hinüber zum Gartentor und halte erwartungsvoll Ausschau nach dem Einsatzfahrzeug.
„Das ist der beste Tag meines Lebens“, eröffne ich Obelix aufgeregt. „Ich wollte schon immer mal in einem Polizeiwagen mitfahren!“

7+

2 thoughts on “Ein guter Junge

  1. Da soll nochmal einer sagen, Perspektivwechsel haben in Kurzgeschichten nichts verloren. Hier ist es super spannend, in drei verschiedene, allesamt pathologische Köpfe zu schauen. Ich finde deinen Schreibtsil auch sehr gekonnt. Ein Beispiel für deine anschauliche Wortwahl: „Die Erinnerungen verselbstständigen sich, nehmen quälend scharfe Konturen an.“ An solchen Formulieren erfreue ich mich immer beim Lesen.
    Tolle Kurzgeschichte! Und auch interessant, dass das Smartphone hier erst zum Schluss auftaucht.

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