Claudia DieckmannEin Schatten aus der Vergangenheit (Psycho-Thriller mit ein wenig SF)

11+

»Tu bitte nichts Gefährliches während meiner Abwesenheit, Liebes. Du musst nicht alle Bösewichte überführen, well.«
»Du tust ja so, als ob ich mich ständig in Gefahr brächte. In bin doch nur eine Journalistin. Zugegeben, eine verdammt gute, aber trotzdem nur eine Journalistin. Und außerdem, wer sagt denn heutzutage noch „Bösewichte“?«
Sie grinste ihn frech an. Doch dem dürren Schotten, der mit seinen 1 Meter 85 über zwanzig Zentimeter größer als Sarah Keller war, schien nicht zum Scherzen zumute zu sein. »What?«
Automatisch verbesserte sie ihn zum gefühlt tausendsten Mal: »Das heißt „Wie bitte?“«
David Connor zog die linke Augenbraue in die Höhe und starrte sie an. Diesen stechenden Blick aus den braunen Augen kannte sie nur zu gut. Den wandte er immer bei Menschen an, denen er das Gefühl geben wollte, dass sie etwas überaus Dummes gesagt hatten. Er bedeutete: Ich gebe dir noch eine Chance, deine Antwort zu überdenken und etwas Vernünftiges von dir zugeben, ansonsten kannst du etwas erleben. Ohne ein Wort, nur mit den Augen zwang er die Leute zur Kapitulation. Diesen überheblichen Gesichtsausdruck bekam die intelligente junge Frau nicht oft ab, aber er zeigte ihr auch, wie besorgt er um sie war.
Sarah wollte die Situation mit einem Scherz auflockern. Sie streckte ihm ihre Hände entgegen, mit ihren Zeigefingern formte sie ein Kreuz: »Bitte nicht diesen Blick. Ich werde alles tun, was du sagst.« Und ernsthafter setzte sie hinzu: »Schatz, du brauchst dir wirklich keine Sorgen um mich zu machen, ich werde brav Zuhause sitzend, schmachtend deiner Rückkehr harren. Die Bösewichte sind vor mir sicher.« Tatsächlich sollte ihr das Verbleiben in der Wohnung, die eher einer Hochsicherheitsanlage entsprach, auch gelingen. Allerdings würde die Einhaltung des anderen Teils ihres Versprechens sich aber als umso schwieriger herausstellen.
Eigentlich machte sich Sarah Sorgen um ihn, denn er ging wieder einmal als Scharfschütze auf irgendeinen Einsatz der britischen Armee. War sein Job als Interpol-Agent nicht schon gefährlich genug, musste er auch noch als Reservist, der Krone jederzeit zur Verfügung stehen.
»Sei bitte vorsichtig, ich will dich in einem Stück wieder zurückhaben. Ist das klar?«

1.
Zwei Tage später saß Sarah Keller an ihrem Schreibtisch vor dem Computer und schrieb mit einem unglaublichen Tempo an einer Story. Ihre kleine, zierliche Figur mit den dunkelbraunen Haaren und den ebenso dunklen Augen versank in dem Schreibtischsessel, der eindeutig viel zu groß für sie war. Die Journalistin war völlig in ihrer Geschichte vertieft, als die Türklingel ging. Es musste noch einmal klingeln, bevor sie aus ihrer Konzentration aufschrak.
Sie ging zu der Tür ihrer eigens für sie erschaffenen Festung. Nachdem sie mit Davids Hilfe ihren Peiniger in den Knast gebracht hatte, war die schicke Wohnung anfangs zu ihrem selbstauferlegten Gefängnis geworden. Nach der anfänglichen Angst, hinter jedem Gebüsch Frank Brenner zu sehen, hatte sie sich nach Jahren endlich von dieser grausamen Episode erholt und sich ein neues Leben aufgebaut. Und das nur Dank David.
Eines Tages hatte der Interpol-Agent sie einfach vor die Tür getrieben. Nicht die geringste Furcht sollte zurückbleiben, nicht die kleinste Einschränkung sollte sie in ihrem Leben erdulden müssen. Brenner hatte ihr unsagbares Leid zugefügt, aber es war vorbei und ihr Leben sollte weitergehen. So hatte er damals argumentiert.
Zu Beginn hatte er sie auf ihren Joggingrunden um den Wohnblock begleitet. Doch er würde, bedingt durch seinen Job, nicht immer da sein können; sie musste lernen, auch ohne ihn klarzukommen.
Er stimmte ein Selbstverteidigungsprogramm speziell auf sie ab, und bevor sie morgens mit der Arbeit an ihrem Wochenblatt begann, trainierte sie eine Stunde lang nach ihrer Laufrunde. Nachmittags ging sie dann meist auf den Schießstand. Darauf hatte sie von Anfang an bestanden. Sie mochte keine Waffen, aber ihre Sig Sauer wollte sie nicht mehr missen. Oft arbeitete sie danach noch eine Stunde mit David an ihrem Kampftraining.
Mittlerweile konnte sie sich sehr gut verteidigen, und heute gab sie selbst Kurse für Kinder und Jugendliche. Es war wichtig, dass Kinder schon in jungen Jahren lernten, sich zu wehren. Auch ihr wäre eine Menge Übel erspart geblieben, wenn sie dazu als Mädchen und später als junge Frau in der Lage gewesen wäre. Bei ihrem Aussehen hätte sie das Selbstbewusstsein und die Stärke benötigt, um den Männern in den Arsch treten zu können.
Niemals würde sie das Gefühl der absoluten Hilflosigkeit vergessen, als sie vor so vielen Jahren allein im Kofferraum in der Dunkelheit lag. Durch Drogen zur Bewegungslosigkeit verdammt, konnte sie nur fieberhaft nachdenken. Trotz ihrer Erfahrungen mit Männern hatte sie sich niemals vorstellen können, dass ihr so etwas Grausames widerfahren könnte. Hätte es irgendwann einfach sein müssen? Sie war so oft dem hier entkommen. Nun stand sie Todesängste aus, denn es war noch nicht vorbei. Was würde Brenner mit ihr tun? Angstvoll starrte Sarah in die Dunkelheit. Hilflos einem Monster ausgeliefert.

2.
Nun war dieses Monster tot. Und das bereits seit einem Jahr.
Und doch brauchte sie all diesen technischen Schnickschnack um sich herum. David hatte keine Mühen und Kosten gescheut und die Wohnung mit einer Alarmanlage und speziellen Schlössern gesichert. Sogar ein Panic-Room war eingebaut worden.
Zwar verdiente Sarah nicht schlecht mit ihrem Berliner Wochenblättchen, trotzdem hätte sie sich die Eigentumswohnung in diesem exklusiven Haus mit Portier und Wachdienst in der Nähe des Engelbecken in Berlin niemals leisten können. Aber David verdiente recht gut als Agent und zusammen konnten sie sich diese finanzieren.
Sarah deaktivierte die Alarmanlage und automatisch wurde das Sicherheitsschloss entriegelt. Sie konnte sicher sein, niemand würde vor der Tür stehen, der ihr Böses wollte. Karl vom Sicherheitsdienst ließ niemanden durch, der nicht sauber war.
Beim dritten Nerv tötenden Klingeln riss sie die Tür ungeduldig auf. Ihr Blick fiel auf ein Meer von Rosen in allen möglichen Farben; ihren Lieblingsblumen. Dahinter kam ein junger, rothaariger Bursche mit vielen Sommersprossen im Gesicht zum Vorschein.
»Was gibt es?«
»Wenn Sie Sarah Keller sind, dann habe ich hier etwas für Sie.« Seine Arme hielten ihr die Rosen in einem riesigen Korb entgegen, sie verströmten einen lieblichen Duft.
»Das bin ich.« Erstaunt nahm sie die Blumen entgegen, unterschrieb einen Wisch und bedankte sich mit einem Lächeln.
Die junge Frau schloss die Wohnungstür und schon aktivierte sie die Alarmanlage wieder. Völlig verwirrt betrachtete sie nun den Blumenkorb. Mit dem Arm voller wunderschöner Rosen ging sie ins Wohnzimmer und stellte den Korb auf den Tisch.

3.
Sarah nahm die Karte aus dem üppigen Blumenstrauß, klappte sie auf und las was darauf stand. „Sarah! Sieh dir die Fotos an. Ich habe herausgefunden, was du vor einem Jahr getan hast.” Sie untersuchte die Karte, drehte sie hin und her; keine Unterschrift.
Welche Fotos? Wer war der Absender? Die hübsche Frau sah etwas Schwarzes zwischen den Blumen. Sarah griff danach. Ein Handy? Sie wischte daran entlang und beinahe sofort erschien das erste Bild; es zeigte Brenner! Das konnte nicht sein. Der Mistkerl war tot. Sie selbst hatte ihn getötet. Sie wischte weiter.
Wer hatte diese Fotos? Fotos, die sie mit Frank Brenner zeigten. Und zwar in seinem Wochenendhaus in den Schweizer Bergen. Offenbar waren es Bilder von einer Überwachungskamera. Der Timecode unten rechts in der Ecke war auf den 30.04.2019 datiert, Brenners Todestag. Wer wusste, dass sie vor Brenners Tod ein paar Tage in seinem Haus verbracht hatte? Alle Informationen zu dem Fall von damals waren bei Interpol als strenggeheim eingestuft. Niemand kam so einfach an die Akte heran.
Sie sollte David fragen. Aber David war nicht da. Er war auf einer scheiß geheimen Mission und durfte nicht gestört werden, denn er war einer der besten Scharfschützen Ihrer Majestät. Trotzdem würde sie das Handy, das er ihr für Notfälle gegeben hatte, benutzen. Denn die Enthüllungsjournalistin hegte einen Verdacht, wer ihr die Fotos auf so ungewöhnliche Weise überbracht hatte. Sie würde Tom mit ins Boot holen. Tom Bauer, der Interpol-Computerspezialist aus dem Büro ihres Lebensgefährten, konnte auf alles eine Antwort finden.
Sie kramte das Handy raus und wählte die Kurzwahltaste für Notfälle. Als sie gerade auf den grünen Hörer drücken wollte, war alles schwarz. Nichts ging mehr, das Mistding war plötzlich tot. Sie schüttelte es. Wie konnte das sein? Es war nicht nur ein einfaches Mobiltelefon, es war ein Mobiltelefon mit Satellitenempfang.
Seit er vor so vielen Jahren von einem Einsatz als Scharfschütze nach Hause gekommen war und sie nicht vorgefunden hatte, wollte David auf Nummer sicher gehen und hatte ihr dieses Handy überreicht. Es besaß eine Direktleitung zu Tom Bauer. Und auch ihn selbst konnte sie damit jederzeit und überall erreichen. Jetzt war es mausetot. Sie schlüpfte in ihre Schuhe, griff sich ihre Handtasche und wollte die Wohnung verlassen.

4.
Durch die Tötung Frank Brenners hatten sie sich einen mächtigen Feind geschaffen. Seine Arbeitgeber, die hinter der „Association of Free Scientists“ standen, wollten Vergeltung. Aber vor allem wollten sie verhindern, dass sie die brisanten Informationen, die sie über die dubiose Gesellschaft zusammengetragen hatte, veröffentlichte. Die taffe kleine Frau war drauf und dran, sie in ihrem Wochenblatt bloßzustellen. Große Zeitungen hatten ihr schon Angebote gemacht, auch diese wollten sich die Story nicht entgehen lassen. Deswegen war sich Sarah sicher, nur sie konnten hinter der Botschaft auf dem Handy stecken.
Die AFS verfolgte seit langem schon das Ziel, den Weltraum mit Hilfe ihrer Forschung in der Quantenphysik zu erobern. Mit allen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen, wollten die mächtigen Bosse der AFS den Wettlauf zu den Sternen gewinnen. Der Menschheit gingen die irdischen Rohstoffe aus, die skrupellosen Leittiere sahen die einzige Möglichkeit, weiterhin Profit zu scheffeln, in dem Abbau der Ressourcen anderer Quellen dort draußen. Wussten sie von Sarahs und Davids dunkelstem Geheimnis?
Sie wählte den Sicherheitscode, um die Alarmanlage auszuschalten. Doch nichts tat sich. Das Schloss entriegelte sich nicht. In diesem Moment gingen die stahlverstärkten Jalousien runter und mit einem lauten Knacken rasteten sie ein. Niemand würde mehr durch die Fenster kommen. Nicht rein und nicht raus. Auch die Tür würde niemand aufbrechen können. Sie saß in der Falle.
Sie wollte unten bei Karl anrufen, aber das Telefon war tot. Sie kramte ihr Handy hervor. Wie das Satellitentelefon war auch dieses schwarz. Sie war komplett von der Außenwelt abgeschnitten. Instinktiv reagierte die zierliche Frau.

5.
Sie drehte sich um, lief durch die Küche in den hinteren Abstellraum. Dort drückte sie auf einen Knopf. Die Wand glitt zur Seite und sie betrat den Panic-Room. Sofort schloss sich die Tür hinter ihr. Sie glaubte sich in Sicherheit. Oder hatte sie ihr Gefängnis nur verkleinert? Die Panik kroch aus dem tiefsten Innersten ihres zarten Körpers hervor. Plötzlich hatte sie das Gefühl, wieder in dem Kellerraum in Brenners Haus in den Bergen zu sein. Auf der Stelle wollte sie umdrehen und den Raum verlassen. Sie hob die Hand, um auf den Knopf zu drücken. Ließ sie aber sofort wieder sinken. Sie wusste nicht, wer oder was dort draußen auf sie lauerte.
Sarah setzte sich auf die schmale Pritsche und versuchte, ruhig zu atmen. Ein und aus. In diesem Augenblick sah sie die Matratze deutlich vor sich, auf der sie Frank Brenner wieder und wieder vergewaltigt hatte. Die Panik hatte sie nun fest im Griff. Die Wände des Raumes kamen auf sie zu und drohten, sie zu zerquetschen, wenn sie ihn nicht sofort verließ. Sie sprang auf, sie musste hier raus.
Als die panische Frau vor der Tür stand, sah sie in die Kamera. Sie dachte, ihre Angst würde ihr einen Streich spielen, als sie das vertraute Gesicht von Tom Bauer sah. Vor Erleichterung ging sie zitternd in die Knie und hob auch schon die Hand, um die Tür zu öffnen.
Ein Gedanke ließ ihre Bewegung mitten in der Luft erstarren: Wie ist er in die Wohnung gekommen?
»Sarah? Geht es dir gut?«
Sie hörte seine besorgte Stimme. Und doch hatte sie das Gefühl, irgendetwas stimmte ganz und gar nicht.
»Wie bist du hier herein gekommen?« Sie empfand es als einen sehr merkwürdigen Zufall, dass alle Systeme gleichzeitig ausfielen und er genau zu diesem Zeitpunkt plötzlich ungebeten in ihrer Wohnung auftauchte.
»Ah, kluge kleine Sarah. Dir kann man nichts vormachen. Du hast zurecht den Ruf einer knallharten Enthüllungsjournalistin. Was soll ich sagen? Ich kenne alle diese Systeme, schließlich habe ich sie installiert. Nun, ich bin der Administrator. Kein Problem also, dich in deiner eigenen Wohnung einzusperren. Nur für diesen Panic-Room brauche ich mehr Zeit. Ihn zu knacken wird nicht einfach sein. Die Sicherheitsfirma, die ihn eingebaut hat, ist eine der besten.«
Sarah war nun ganz ruhig. Bei ihr war es nicht nur ein Klischee. Alles, was sie erlebt hatte, hatte sie hart gemacht. Nur deswegen war sie eine sehr gute Journalistin geworden, und ihr Spezialgebiet war die Aufdeckung von Schweinereien. Wäre dies hier sieben oder acht Jahre früher geschehen, sie hätte sich in der hintersten Ecke verkrochen. Aber diese verängstigte Frau von einst war sie schon lange nicht mehr. In ihrem neuen Leben legte sie sich mit Industriebossen und Kriminellen an, wobei das eine oftmals das andere nicht ausschloss. Mit Bösewichtern halt, wie David so schön antiquiert gesagt hatte. Und klein beigeben war keine Option für sie. Nein, sie war nicht mehr die kleine verängstigte Frau von damals. Das würde Tom auch noch herausfinden, wenn er ihr keine plausible Antwort für das hier lieferte. Sie hoffte auf einen Scherz. Vielleicht ließ David sie testen, damit sie nicht einrostete.
Oh toll, mein Schatz, ein Jahr Glück und Zufriedenheit verweichlichen einen, denkst du wahrscheinlich.
Alles, was ihr im Moment blieb, war die bittere Ironie, die bereits ein Leben lang ihre Begleiterin in den schwärzesten Stunden war. Ihr Atem war nun auf Normal-Level. Jetzt, wo sie sah, wer ihr Gegner war, wurde sie abgebrühter. Mit Davids Kollegen hatte sie zwar nicht gerechnet, aber er war kein von den Toten auferstandener Frank Brenner.
Eigentlich fand sie Tom immer schon sehr attraktiv, und wenn David nicht gewesen wäre, wäre sie von seinem Aussehen und seiner Persönlichkeit durchaus angezogen worden. Er war genau das Gegenteil von dem, was Sarah sich unter einem Computerspezialisten vorstellte. Die Meinung, die die Meisten von einem Menschen hatten, der in irgendeinem Raum blass und mit ungesunder Körperhaltung an den Computern saß und wild auf den Tastaturen herumhaute, erfüllte der Vierzigjährige so gar nicht. Er war eher der athletische Typ mit einem durchtrainierten Body und einer gesund gebräunten Gesichtshaut. Zu der dunklen Haut bildeten seine blauen Augen einen reizvollen Kontrast. Diese schienen himmelblau zu sein, doch bei genauerem Hinsehen waren sie zwar ungewöhnlich blau, aber sie hatten nicht die Farbe des Himmels, dafür waren sie eine Spur zu blass. Trotzdem leuchteten diese schönen Augen hell aus seinem dunklen Gesicht mit den dunkelblonden, fast braunen Haaren, hervor.
Sie erinnerte sich an Toms Babyface vor dreizehn Jahren. Jetzt aber hatte sein Gesicht die Weichheit verloren, und ein harter Zug hatte sich in sein Gesicht gegraben.
Wann hat er seine Jugendlichkeit verloren? Warum ist mir das nie vorher aufgefallen?
Er trug einen gepflegten Dreitagebart, einen angedeuteten modischen Balbo, der auch den letzten Rest der ehemals weichen Gesichtszüge vertrieb. Die einst mal längeren Haare waren der Schere zum Opfer gefallen und hatten einer Kurzhaarfrisur weichen müssen. Dadurch wirkten sie dunkler.
Was die junge Frau immer besonders an ihm mochte, war dieses meist leicht amüsierte Grinsen auf seinen, wie sie fand, sehr sinnlichen Lippen, das ein aufmerksamer Beobachter aber nur bei genauerem Hinsehen bemerkte und sie mochte seinen feinen trockenen Humor. Ein unaufmerksamer Zuhörer bemerkte oftmals nicht sofort, wenn er einen Scherz machte, so ernsthaft gab er Äußerungen von sich. Nur wenn sein Gegenüber dieses leise Lächeln sah, dann erst dachte derjenige über das Gehörte nach und war sprachlos, dass so ein allzeit ernster Bursche, einen soeben veräppelt hatte. Er war ein eigentlich sehr gut aussehender Mann, der aber durch sein unauffälliges Betragen den Leuten nie lange im Gedächtnis haften blieb. Sein Auftreten war allzeit kompetent, ruhig und sehr sympathisch. Bis heute.
Dieser nette, freundliche Kerl, den sie durch die Kamera beobachtete, war, seit David sie damals mit seiner Hilfe befreien konnte, ihr Freund. Er konnte doch nicht von jetzt auf gleich zu einem Arschloch mutiert sein. Oder doch? Vielleicht war er von etwas infiziert worden.
Boah, Sarah, du bist doch nicht in einem schlechten Zombiefilm gelandet, schalt sie sich mit ein wenig Galgenhumor.
Sie konnte ihre Lage noch nicht wirklich als gefährlich einstufen. Trotzdem war sie, schon aus reiner Gewohnheit, vorsichtig.
Beinahe scherzhaft sagte sie: »Bis dahin wird David von der Arbeit zurück sein und dir für deinen blöden Scherz in den Arsch treten. Sollte er etwas damit zu tun haben, dann trete ich ihm in den Allerwertesten.«
Anerkennend nickte er. »Guter Versuch, Sarah. Aber ich höre euch schon eine ganze Weile ab, und ich weiß von Davids Einsatz im Ausland. Ein Jahr habe ich auf diesen Moment gewartet.«
Sie zuckte mit den Schultern. »Ich musste es versuchen. Was willst du von mir, Tom? Bisher dachte ich, du wärst auf unserer Seite.«
»Ich möchte von dir wissen, was damals in den Bergen passiert ist. David hat mir nie alles erzählt. Aber ich habe mir das Meiste zusammengereimt. Ihr habt ihn ermordet, das ist sicher.«
»Es war kein Mord.«
»Am Ende landete er in einer ziemlich tiefen Schlucht.«
»Ja, und es war mir ein Vergnügen, die Welt von einem miesen Drogen- und Waffenhändler und von einem Vergewaltiger zu befreien.«
»Erzähl mir, wie ihr meinen Mentor ermordet habt.«
»Ah, jetzt war er also dein Mentor? Interessant.«
»Er war meine größte Hoffnung. Er wollte mich in das Weltraumprogramm der AFS bringen. Alles würde ich dafür geben. Durch seinen Tod wurde meine Aufnahme auf unbestimmte Zeit verschoben. Jetzt muss ich erst einmal die Drecksarbeit für sie erledigen, um mich neu zu beweisen. Danke dafür. Ihr steht meinem Ziel im Wege, und ich werde euch den Mord an ihm nie verzeihen.«
»Es war kein Mord.« Als er wieder ansetzen wollte, hob sie die Hand und kam ihm zuvor. »Okay, okay, du hast die Schweinebacke geliebt, hab verstanden. Ich aber nicht, du weißt wieso. Denn du und David, ihr beiden habt mich damals aus seinen Klauen befreit. Sorry, dass ich mich gewehrt habe, denn er wollte zwölf Jahre nach seiner Tat etwas von mir.«
»Ja, er wollte Reue zeigen.«
Trotz ihrer misslichen Lage brach sie in Gelächter aus. »Er wollte nur eins; und zwar Rache. Und so lud er mich in sein Wochenendhäuschen in St. Moritz ein. In das Haus, in das er mich vor seinem verdienten Knastbesuch entführt und dann vergewaltigt hat. Ausgerechnet in dieses Haus. Oh, wie reuevoll das doch war. Ich war echt gerührt.
David und ich trafen eine Woche eher ein, wir wollten uns auf diese Begegnung vorbereiten. Wir gaben ihm eine Chance, uns zu zeigen, wie sehr er sich geändert hat. Aber wir wollten uns auch nicht überraschen lassen. Vielleicht kennst du Brenners Haus? Dann weißt du, von dort aus gelangt man direkt in die Berge. Wir trainierten dort, liefen den Weg durch die Schluchten immer wieder ab und David stellte Fallen auf. Als ich dann schon ein paar Tage in dem Haus verbracht hatte, schreckte ich mitten in der Nacht auf…«
Sie musste Zeit schinden, also erzählte sie ihm, was er hören wollte. Sie hatte noch keinen Plan, wie sie hier rauskommen konnte.

6.
Sarah erwachte aus einem leichten Schlummer. In ihrem Kampfanzug rollte sie sich vom Bett und stand sofort zum Kampf bereit mit der Sig Sauer in der Hand da. Irgendetwas hatte sie geweckt. Heute war die vorletzte Nacht in diesem verhassten Haus. Jede Nacht rechnete sie damit, von Frank überfallen zu werden. Sie trat zum Fenster, das nach vorne zeigte, und schaute vorsichtig hinaus. Sie erkannte Frank und seinen Bodyguard Cho und vier unbekannte Männer.

»Was soll ich dir sagen, Tom? Dass wir vorhatten, Selbstjustiz an dem Schweinehund zu verüben und ihn abknallen wollten? Wir gaben Brenner seine Chance. Das war mehr, als er mir vor dreizehn Jahren zugestanden hatte. Er musste nicht in unsere Falle tappen. Es sah aber ganz danach aus. Nur Frank hatte sein Schicksal in der Hand, offensichtlich hatte er sich für die Rache entschieden.«

Sarah streifte sich ein Nachtsichtgerät über. David hatte an alles gedacht. Sie öffnete das Fenster, das nach hinten rausging, und an einem Seil kletterte sie die Hauswand hinunter. Auf einem schmalen Vorsprung setzte sie auf. Danach schlich sie um das Haus herum und rannte geduckt den Fußweg hinter dem Haus entlang in die Berge. Dabei hinterließ sie mit ihren schweren Armeestiefeln tiefe Abdrücke, so konnten sie ihr auf jeden Fall folgen. Und das taten sie, nachdem Frank sie nicht in ihrem Zimmer finden konnte.

»David setzte die vier unbekannten Männer sofort außer Gefecht. Oh nein, getötet hatte er sie nicht, nur ein wenig verletzt. Töten wollte er nur Frank und seinen asiatischen Bodyguard.«

Mit sicheren Schritten rannte Sarah den Weg entlang. Sie hatte genug Zeit, die vorgemerkte Strecke zu ihrem Rendezvousplatz mit David abzulaufen. Oft genug hatte sie schließlich genau das in den letzten Tagen getan.
Der Scharfschütze indes lauerte über Brenner und Cho auf eine Chance, aber der Winkel war zu schlecht, er bekam sie nicht ins Fadenkreuz. Er kannte Chos Vergangenheit, dieser würde ihm kein weiteres Ziel mehr bieten, also ließ David sein Gewehr liegen und beeilte sich, zu Sarah zu kommen. Sie versteckte sich genau dort, wo die beiden es ausgemacht hatten.

»Ich war so erleichtert, David zu sehen. Doch es war noch nicht vorbei. Frank und seinen Bodyguard hatte er nicht erwischen können. Er verlangte, dass ich zurück ging, das Auto nahm und verschwand. Er wollte es alleine zu Ende bringen, denn David hatte wegen Cho Bedenken. Der Asiate war ein ehemaliger SEAL-Agent und ihm im Nahkampf vielleicht überlegen. Ich war wütend. Für was hielt er mich? Als ob ich abhauen würde, nur weil es schwierig wurde. Dafür hatten wir nicht so lange trainiert. Ich sagte ihm, ich könne Frank übernehmen. Damit war die Sache für mich geklärt. Wir liefen zum nächsten Punkt unseres Feldzuges gegen das Arschloch Brenner. Doch irgendwann mussten sich Cho und sein Boss getrennt haben.«

Sarah und David erreichten das Ende des Weges. Eine natürliche Aussichtsplattform zeigte ein atemberaubendes Panorama. Steil ging es bergab. Sie schauten beide hinab, dadurch entging ihnen der Mann, der hinter ihnen aus seiner Deckung trat. So früh hatten sie mit ihren Gegnern nicht gerechnet. Zumindest Frank musste den gefährlichen Fußweg genommen haben, trotz der drohenden Fallen, die David aufgestellt hatte, um sie beide durchs Dickicht zu zwingen.
»Ach, was für ein süßes Pärchen. Macht ihr hier Urlaub? Mit Freuden werde ich beobachten, wie ihr über die Klippe geht.«
Anstatt auf seinen besten Mann zu warten, sah er eine Gelegenheit, die Sache alleine zu beenden. Cho hätte David niemals so unterschätzt, wie es Frank in diesem Moment tat.
Das Gesicht des ehemaligen Scharfschützen wurde hart, seine Zähne pressten sich aufeinander. Ohne zu zögern duckte er sich und wirbelte dabei herum. Gleichzeitig sprang Sarah zur Seite. Noch in der Drehung schoss er auf Brenner.
Dieser merkte, dass er einen großen Fehler begangen hatte, er hätte sofort schießen sollen. Jetzt eröffnete er das Feuer. Zu spät, denn schon traf ihn die Kugel. David hatte nicht gut zielen können, das Geschoss traf Frank nur in den linken Arm. Zwar warf ihn das zurück, aber er konnte noch in Deckung gehen.
David bewegte sich auf ihn zu, plötzlich brach direkt hinter ihm der ehemalige Seal aus dem Gebüsch. Der bullige Mann schlug ihm die Waffe aus der Hand und nahm ihn sofort in den Schwitzkasten. David versuchte sich zu befreien. Irgendwie kam er an sein Messer heran und stach es seinem Angreifer mit voller Wucht ins Bein. Dieser musste ihn loslassen. Keuchend drehte sich David zu ihm um, da bekam er auch schon eine Faust ins Gesicht. Er taumelte einen Schritt rückwärts. Cho zog das Messer heraus und setzte nach.

»Der Drecksack Frank sah, dass ich benommen am Boden lag. Mein Kopf war auf einen Stein aufgeschlagen, als ich mich zur Seite geworfen hatte. Ich richtete mich gerade auf und suchte nach meiner Waffe, konnte sie aber nirgends entdecken.«

Frank ging zu ihr mit gezogener Waffe. Immer noch der überhebliche Frank Brenner unterschätzte er auch Sarah. Starr blieb sie stehen und ließ ihn näherkommen.
»Dreh dich um, kleine Sarah.«
Sie wandte sich um, und er bohrte ihr die Pistole in den Rücken. Kurz warf er einen Blick auf die beiden Kämpfenden. Sein Bodyguard stand mit dem Rücken zu ihm. Frank hatte keine freie Schusslinie auf David. Also beschloss er, sich erst um seine leichte Beute zu kümmern.
»Du hast mir zwölf Jahre meines Lebens genommen, du Miststück.«
Sarah zögerte nicht länger, drehte sich um und benutzte den Schwung, um seinen Arm mit der Waffe zur Seite zu schlagen, gleichzeitig rammte sie ihm die linke Faust in den Unterleib. Er taumelte zurück und krümmte sich vor Schmerzen zusammen, dabei ließ er die Pistole fallen.
»Die hast du dir selber genommen, du Schweinehund. Ich habe dich damals nicht gebeten, mir das anzutun.«
Wütend stürzte er sich auf sie, aber David hatte sie gut trainiert. Sie ließ sich fallen und hebelte ihn über ihren Kopf hinweg. Der Schwung des Wurfes schleuderte ihn über die Klippe. Mit einem gellenden Schrei, der von den Wänden der Schlucht hallte, fiel er hinab und mit einem dumpfen Schlag traf er auf.

»Ich sah David mit Cho kämpfen. Meine Pistole lag direkt vor mir. Ich nahm sie, da rammte David ihm einen Ellenbogen in die Beinwunde. Das Blut quoll erneut hervor. Er krümmte sich zusammen und David packte ihn von hinten. Er ließ einen Arm um den dicken Hals liegen. Mit der anderen fasste er an seinen Gürtel, um die Handschellen hervorzuholen. Wollte ich, dass David ihn festnahm? Ich schaute auf die Waffe in meiner Hand und zögerte.
Da tat der blöde Asiate mir einen Gefallen. Er griff blitzschnell nach dem Kampfmesser, das neben ihm am Boden lag und wollte es David ins Auge rammen.« Sie zuckte mit den Schultern. »David zögerte nicht mehr länger und brach ihm mit einem kurzen kräftigen Ruck das Genick. Cho ließ das Messer fallen, der Kampf war vorbei. Das wars. Du siehst, es war kein Mord. Bei der anschließenden Anhörung wurde David freigesprochen. Aber das weißt du ja, denn du warst dabei. Hast die ganze Zeit neben ihm gesessen als sein guter Freund.« Vorwurfsvoll sah sie in die Kamera. »Haben wir jemals Gewissensbisse gehabt wegen der Tötung Brenners und Chos? Nein, absolut nicht. Das Dreckschwein hatte mich drei Tage vergewaltigt und gequält und Cho hatte die ganze Zeit draußen vor dem Haus gestanden und hatte nichts dagegen unternommen. Die Jahre im Gefängnis hatten Frank nicht geläutert. Niemals hätte er mich in Ruhe gelassen. Wir stellten ihn auf die Probe und er wählte die falsche Seite. Das war sein Todesurteil gewesen.« Und mit Nachdruck setzte sie nach: »Ich bereue rein gar nichts.«

7.
»Sarah, Sarah«, Tom Bauer schüttelte den Kopf, als ob er sie verstehen würde. »Euer kleines Geheimnis ist bei mir sicher. Ich werde der Presse sicherlich keine schmutzigen Details über den Mord stecken und deinen Ruf beflecken.«
Sarah verlor langsam die Nerven. »Was willst du dann noch?«
»Du erinnerst dich an die Drecksarbeit, die ich wegen euch ausführen muss? Tja, deswegen bin ich hier. Du gibst mir Donaldsons Forschungsunterlagen über den Mikrowellen-Antrieb und ich verschwinde. Keiner von euch beiden wird mich jemals wiedersehen. Großes Indianer-Ehrenwort.« Er hob übertrieben zwei Finger zum Schwur in die Luft.
»Ich weiß nicht, von was du sprichst. Du meinst echt „Mikrowellen“? Wie aus unserer Mikrowelle?«
Sarah reizte ihn mit ihrer gespielten Unwissenheit. Sie wusste sehr wohl, dass nicht die herkömmlichen Mikrowellen gemeint waren. David, sie und ihr Freund Peter hatten oft über dessen Forschungsprojekt gesprochen, und er hatte ihr tatsächlich Unterlagen als Absicherung gegen die AFS anvertraut.
Belehrend hielt Tom ihr einen Vortag: »Nein, du Dummerchen, doch nicht die Mikrowellen aus der Küche. Hier geht es um physikalische Mikrowellen. Vereinfacht gesagt, verwendet Peters „MW-Drive“ elektromagnetische Wellen als Antrieb. Mit Strom werden Mikrowellen erzeugt, die sich in einem geschlossenen Behälter bewegen. Ein Unterschied im Strahlungsdruck soll dann zu zielgerichtetem Schub führen. Und weil die Wellen nicht entweichen können, aber ständig neue produziert werden, nimmt die Antriebskraft stetig zu. Natürlich ging das nicht ohne das besondere Material, das Peter über die Uni bekommen hat. Wir haben es etlichen Instituten anonym zur Verfügung gestellt, aber nur er konnte etwas damit anfangen. Unser genialer schottischer Quantenphysiker kann mit Vibration die nahezu unzerstörbare Substanz so formen, wie er es benötigt. Er schafft einfach eine Öffnung, um die Mikrowellen hinein- oder hinauszulassen. So kann er den Schub erzeugen. Niemand sonst kam auf die Idee, Vibrationstechnik einzusetzen. Aber das weißt du ja sicherlich schon alles aus seinen Unterlagen.«
Oh ja, diese mysteriöse Substanz. Sie erinnerte sich an das letzte Gespräch, das sie mit Peter geführt hatte.

»In meinem Bericht spreche ich über ein Material, das mir gänzlich unbekannt ist. Aber dieses Zeug, das mir die Universität Berlin zur Verfügung gestellt hat, brachte mich und mein Forschungsteam einen entscheidenden Schritt voran. Heute weiß ich natürlich, dass es die AFS der Universität zur Verfügung gestellt hat.«
»Was meinst du damit, es ist dir unbekannt? Kommt es nicht von der Erde oder was?«
Er zuckte mit den Schultern und schaute sie ohne mit der Wimper zu zucken an.
Eigentlich hatte sie ihre Frage scherzhaft gemeint. Verständnislos fragte sie deshalb nach: »Du meinst, es ist… außerirdisch?«
»Es gibt verschiedene Möglichkeiten, woher es stammen könnte. Zum Beispiel könnte die AFS durch Meteoriteneinschläge daran gekommen sein. Vielleicht haben sie eine Möglichkeit gefunden, dieses Material zu extrahieren. Und ja, dann wäre es tatsächlich außerirdisch.«
»Das klingt nicht sehr überzeugend, Mr. Wissenschaftler. Was ist dein Verdacht? Kleine grüne Männchen?«
Sie spekulierten noch ein Weilchen weiter herum. Aber Peter hatte nie wirklich gesagt, was er glaubte.

»Ah ha.« Die kleine Frau schaute skeptisch in die Kamera. »Als Hindernis sehe ich hier das Newtonsche Gesetz zur Massenerhaltung. Demnach kann der Schub nicht aus dem Nichts entstehen. Es müsste dafür also eine andere Quelle geben. Es ist gar nicht möglich, ohne einen herkömmlichen Antrieb einen so festen Stoß zu erzeugen, den man braucht, um etwas in die Höhe zu bewegen. Bist du dir sicher, dass deine Bosse so einen Humbug haben wollen?«
Sarah wusste genau, er funktionierte, hatte sie es schließlich mit eigenen Augen gesehen. Eine kleine Rakete war mit diesem Antrieb in Peters Labor umher geflogen. David und sie waren begeistert gewesen.
Einen Versuch ist es wert, dachte sie sich und stellte Tom ganz beiläufig eine Frage: »Wo haben sie die Substanz her?«
Er setzte an, um ihr zu antworten, grinste dann aber. Er hob einen Zeigefinger und wackelte damit in die Kamera. »Kleine, raffinierte Sarah. So bekommst du vielleicht deine Interviewpartner zum Reden, aber nicht mich.«
Fast flehentlich fragte sie ihn: »Warum willst du Brenner rächen, Tom? Du gehörst doch nicht zu diesen Arschlöchern. Ich verstehe es einfach nicht.«
»Dieser Mann war wichtig für die Association of Free Scientists, also war er es auch für mich.«
»Was hast du mit den Leuten der AFS zu schaffen? Wenn du wüsstest, was Peter über sie sagt, dann würdest du…«
»Was? Meine Ziele aufgeben? Diese Leute sind die Zukunft.«
»Die Zukunft? Du meinst das Geld, das sie auf Kosten der Menschheit scheffeln wollen? Willst du alles für Geld aufgeben? Ist es dir so wichtig?«
»Für Geld? Wie naiv du doch bist, Sarah. Wir brauchen die Rohstoffe.«
»Da gebe ich dir vollkommen recht, die Menschheit braucht die Rohstoffe. Diese Technik in den falschen Händen und nicht die Menschheit würde sie bekommen. Deine Bosse scheren sich einen Dreck darum, wer dafür draufgehen muss, um an sie heranzukommen. Hauptsache der Meistbietende bezahlt die Zeche.«
»Das sind Davids Worte, nicht wahr? Der Gute kotzt mich einfach nur an…«
»Er ist der Beste«, heftig unterbrach Sarah Tom Bauer.
Seine Stimme trifte nun vor bitterbösem Zynismus. »Wir können nicht alle so gut sein wie er. Er, der ohne Schwächen ist, der keinen Makel an seinem Charakter aufweist.«
»Er wird immer gegen solche Leute, wie es deine Bosse sind, kämpfen. David ist unsere letzte Hoffnung. Wenn sich gute Männer, wie du es in deinem Herzen bist, korrumpieren lassen, dann liegt das Schicksal der Menschheit in seinen Händen. Tom, du bist nicht so. Wir sind Freunde, da bin ich mir sicher.«
Nachdenklich schaute Tom ihr schönes Gesicht in dem kleinen Fenster, das ihm einen Ausblick in den Panic-Room gewährte, an. »Wenn es doch nur so einfach wäre, Sarah.«
Die kleine Frau hob stolz den Kopf und erwiderte kämpferisch den Blick. »Es ist so einfach. Entweder stehst du auf der guten Seite oder du stehst auf der bösen. Wir oder sie. Das würden sie dir auch sagen, wenn sich die feinen Herrschaften einmal sehen lassen würden. Etwas anderes gibt es nicht. Du hast dich für die schlechte Seite entschieden.«
»Diese Gesellschaft hat eine Vision. Sie gehen über Leichen… Vielleicht… Aber sie stehen für den Fortschritt, den die Menschheit so dringend braucht, um zu überleben. Nur mit ihrer Hilfe werden wir in den Weltraum gelangen. Mit ihrer und mit Peters Hilfe.«
»So rechtfertigst du ihr skrupelloses Handeln? So beruhigst du dein Gewissen, Tom? Peter wird euch niemals helfen. Er verabscheut die AFS. Wenn mir etwas passiert, werden seine Unterlagen veröffentlicht.«
»Du redest von deinem kleinen Timecode, den du jeden Tag wieder auf „Null“ setzen musst, damit die großen Zeitungen keine Mails bekommen. Tj, Tj, Tj, kleine Sarah. Ich muss sagen, sehr raffiniert. Ich muss mich selbst loben.«
Natürlich, er hatte ihr bei der Einrichtung dieses Druckmittels geholfen. Ihr blieb nur noch ein Bluff. »Ich verlasse mich nicht nur auf dich und deine kleinen Spielereien.«
»Ah, ah, das soll ich dir glauben? Du hast mir absolut vertraut. So wie David auch. Selbst den großen Professor Peter Donaldson, den brillanten Wissenschaftler, konnte ich täuschen.«
»Dann riskier es doch, du Bastard.«
»Aber, aber. Kein Grund gleich so ausfallend zu werden. Wir unterhalten uns doch gerade so nett. Also, Sarah, ich frage dich jetzt zum letzten Mal, wo sind Peters Forschungsunterlagen?«
Sarah dachte angestrengt nach. »Nein, mein Lieber, ich muss dich leider enttäuschen. Über so eine Forschung habe ich keine Unterlagen erhalten. Mikrowellen-Drive, wer glaubt denn, dass so etwas funktioniert? „Warp-Antrieb“, ja, damit hättest du mich gehabt.«
Seine Augen verengten sich. »Ich verliere langsam die Geduld mit dir. Ich werde jetzt das Badezimmer aufsuchen und danach wirst du mir sagen, wo sie sind. In genau fünf Minuten wird die Tür aufgehen und dann wars das für dich. Lauf nicht weg.« Er hielt ihr ein Schaltpult entgegen, der Timecode sprang gerade auf 5:00.

8.
Sarah erschrak. Welches fiese Programm hatte er dazu durchlaufen lassen? Da er tatsächlich ein Computergenie war, glaubte sie ihm. Sie musste jetzt handeln.
Die kleine Frau wartete, bis er außer Sichtweite war. Schnell holte sie ihre Sig Sauer und ein Nachtsichtgerät aus dem kleinen Tresor in der Ecke. Sie setzte es auf und nahm die Pistole fest in die Hand.
Als Tom das System lahmgelegt hatte, hatte er, bis auf die kleine Lichtquelle im Panic-Room, die unabhängig vom Stromkreis der Wohnung schien, das Licht in der gesamten Wohnung ausgeschaltet. Es herrschte absolute Dunkelheit. Jetzt trug er ein Nachtsichtgerät wie sie. Der Bastard hatte an alles gedacht.
Sarah öffnete die Tür, machte das Licht im Raum aus und trat vorsichtig hinaus. In dem Moment hörte sie die Badezimmertür gehen. Wie lange würde sie Zeit haben? Zwei, drei Minuten?
In diesem Moment warf er sie über die Schulter auf den Boden und kniete sich auch schon über sie. Der verfluchte Mistkerl hatte sie reingelegt. Links und rechts hielten seine Knie ihre Arme auf den Boden gedrückt. Die Luft war ihr aus den Lungen gewichen, doch sie hielt die Sig Sauer krampfhaft in der Hand. Ganz nah kam er mit seinem Gesicht an ihres. Die kräftigen Hände legten sich um ihren Hals.
»Und? Hast du mir etwas zu sagen?«
Die zarte Frau sammelte ihre letzte Flüssigkeit im Mund, um sie ihm ins Gesicht zu spucken.
Er zuckte automatisch zusammen und wich ein Stück nach hinten zurück. Die Hände lockerten sich für einen Augenblick, den Sarah dazu nutze, ihre Beine um seinen Hals zu schlingen und sich mit ihm zur Seite zu rollen. Der Schwung reichte nicht ganz, um auf ihm zu landen, aber ihre Arme waren frei. Sie hob die Pistole und ohne zu zögern, schoss sie auf ihn.
Doch Tom war ein gut ausgebildeter Interpol-Agent, er duckte sich weg und der erste Schuss zerschoss ihm nur seitwärts das Nachtsichtgerät. Mit einem Fluch streifte er es sich von den Augen. Nun war er blind. Blitzschnell zog er seine Dienstwaffe und schoss dorthin, wo er sie vermutete.
Sarah hatte sich jedoch schon bewegt. Schnell und lautlos trat sie hinter den Besenschrank. Er schoss noch zweimal, aber es waren Verzweiflungsschüsse in die Gegend. Sie sah ihn klar und deutlich vor sich.
Als der Timer abgelaufen war, klickte die Tür des Panic-Rooms, gleichzeitig ging das Licht in der Wohnung an, die Alarmanlage schaltete sich aus und die Jalousien fuhren hoch. Um den Sicherheitsbunker zu knacken, musste Tom die gesamte Anlage runtergefahren haben.
Der geblendete Tom schoss systematisch in die Ecken der Küche, bis eine Kugel von Sarah dem ein Ende bereitete. Der Stoß schleuderte ihn an den Kühlschrank. Langsam glitt er daran herab und hinterließ dabei eine Blutspur. Seine blauen Augen, die sie immer schon anziehend fand, blickten ins Leere.
Sarah kauerte sich auf den Boden und weinte. Sie weinte um einen guten Freund, den sie heute verloren hatte. Doch plötzlich richtete sie sich auf. Ihr Kampf gegen die AFS würde weitergehen.

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15 thoughts on “Ein Schatten aus der Vergangenheit (Psycho-Thriller mit ein wenig SF)

  1. Moin Claudia, was für eine Welt hast du dir da geschaffen! Viel zu schade und komplex für eine Kurzgeschichte. Das du schreiben kannst merkt man sofort. Deine Storie hat mir gut gefallen! Vom Anfang bis zum Ende super aufgebaut. Klasse!
    Ob es das richtige für diesen Wettbewerb ist? Das soll jeder für sich selbst entscheiden..

    LG Frank aka leonjoestick ( Der Ponyjäger)

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  2. Hallo Frank,
    danke dir für deinen positiven Kommentar. Freut mich total, dass dir meine Geschichte gefallen hat. Tatsächlich steht da eine eigenen kleine Welt dahinter, die ihren Anfang 1973 hat und die in der nahen Zukunft im Jahre 2024 ihren Höhepunkt findet. Sie ist aber noch nicht fertig, da ich immer wieder überarbeite und überarbeite und überarbeite und…
    Allerdings findet Tom Bauer in dieser Welt höchstwahrscheinlich nicht so ein Ende, da ich noch nicht wirklich weiß, was ich mit diesem zwiespältigen Charakter anstellen werde.
    Viel Glück dir mit deinem Ponyjäger. Ich habe mir deine Geschichte schon vorgemerkt und bin gespannt darauf. Und zwar bevor du mir ein Herzchen und einen Kommentar geschickt hast.
    Viele Grüße
    Claudia

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    1. Sehr schöne Geschichte, das ist wirklich mal was ganz anderes! Ich würde tatsächlich sogar gern mehr davon lesen, hat mir sehr gefalle!!!

      LG, vielleicht schaust du auch mal bei meiner Geschichte vorbei..würde mich freuen “Fünf Tage“

      1+
      1. Danke dir. Es gibt demnächst tatsächlich mehr davon, auch wenn diese Szene absolut nicht in dem Buch vorkommt, dieses kleine „Kammerspiel“ habe ich nur für den Wettbewerb geschrieben.
        Viel Glück für deine Geschichte.

        0
    2. Moin Claudia,

      eigentlich nicht meine Art, so hinterher zu „ betteln „

      Aber hast du meine Geschichte schon gelesen? Würde echt gerne wissen was du vom Ponyjäger hältst. Hab dich auf Instagram auch schon angeschrieben, ohne Erfolg! 😢😔

      Hoffe das kommt hier jetzt nicht blöd rüber, aber du hattest ja extra in deiner Antwort geschrieben, daß du meine Geschichte auch lesen wolltest. Wenn du es schon getan hast und sie gefiel dir überhaupt nicht, dann ist das auch OK. Würde es nur gerne wissen…halte echt viel von deiner Meinung..

      LG Frank

      0
      1. Hi Frank,
        tut mir leid, bin noch nicht dazu gekommen, ausführlich zu lesen. Ich habe aber schon reingelesen. Werde auf jeden Fall mich intensiver mit deiner Geschichte beschäftigen. Möchte aber dann keinen larifari Kommentar loslassen, sondern schon etwas, was ich auch so meine, deswegen möchte ich mir dazu etwas Zeit lassen. Aber kommt noch.
        Auf Instagram habe ich deine Nachricht nicht gesehen. Ich kenne mich allerdings da auch nicht so gut aus. Muss ich mal schauen, wo ich dich finde. Sorry, war nicht bös gemeint, dir nicht zu antworten.
        Schönen Gruß und bleib gesund und munter
        Claudia

        1+
      2. Hallo Frank,
        habe dir meine Rezension unter deine Geschichte geschrieben. Sie ist ein bisschen lang geworden. Auch wenn die Kritik nicht ganz so gut geworden ist, finde ich deine Geschichte im Großen und Ganzen ganz gut.
        Schönen Gruß
        Claudia

        0
  3. eine wirklich tolle Story mit viel Potential. Hätte ich nicht schon in den Kommentaren gelesen, dass du an einem Buch arbeitest, hätte ich dir jetzt dazu geraten!
    Vor allem die Kampfszenen haben mir mehr als gut gefallen. Die hast du super beschrieben. Man hatte wirklich das Gefühl, mit den Protagonisten in einem Raum zu sein.
    Liebe Grüße

    1+
  4. Liebe Jess,
    danke dir für deinen super Kommentar. Das baut mich auf. Wenn ich Szenen schreibe, dann laufen diese in meinem Kopf wie in einem Film ab und ich versuche, es so aufs Papier zu bringen.
    Meine Geschichte hat natürlich nicht so eine tolle Aussage wie deine und ich wünsche dir viel Glück, damit sie zumindest ins eBook kommt.
    Schönen Gruß
    Claudia

    0
  5. Hallo liebe Claudia,

    Du hattest mich schon vom ersten Moment mit Deinem Dr. Who Zitat und der Tatsache, dass eine Figur an Tom Wlaschiha anlehnt – den schmachte ich leicht an 😂
    Deine Geschichte sticht von allen, die ich bisher gelesen habe, wirklich heraus und ist etwas ganz Besonderes- das hat mir wirklich gefallen!
    Auch Deine anschaulichen, drehbuchartig anmutenden Beschreibungen mag ich sehr!

    Liebe Grüße
    Anita („Räubertochter“)

    0
  6. Hallo Anita,
    danke dir für deine tolle Kritik.
    Ich habe Tom Wlaschiha zweimal getroffen, als er aus Game of thrones gelesen hat. Er hat bei den anschließenden Fragen einen leisen, trockenen Humor gezeigt. Ein amüsiertes Lächeln umspielte dabei immer seine Lippen. In meinem Roman wird Tom Bauer eine größere Rolle spielen, wobei ich mir noch nicht im Klaren bin, wohin der Charakter geht.
    Bist du auch Doctor Who Fan?
    Ganz liebe Grüße und bleib gesund und munter.
    Claudia

    0
  7. Liebe Claudia!
    Du hast eine ganz eigene Story erschaffen, wie ich sie so noch nicht gelesen habe. Hut ab. Sehr fantasievoll und riesig spannend. Das hätte Potenzial für einen Roman, vielleicht solltest du es ausarbeiten?
    Gerne lasse ich dir mein Like da, vielleicht hast du auch Lust, meine Geschichte zu lesen und mir Feedback zu geben, das würde mich riesig freuen.
    Liebe Grüße Lotte
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/der-alte-mann-und-die-pflegerin

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  8. Hallo Claudia,
    ich schieße mich Franks Kommentar am Anfang an. die Geschichte liest sich, wie eine große Geschichte, die Du versucht hast, für diesen Wettbewerb in ein Kurzgeschichtenkorsett zu zwängen. Mir hat die Story sehr gefallen. Das ist Stoff für eine ( oder mehrere?!) große Geschichte(n). Schreib bitte weiter daran, mach was großes draus, ich würde es lesen wollen!

    Mein Like hast Du!

    P.S. vielleicht hast Du ja Zeit und Lust, auch meine Geschichte zu lesen und ein Feedback da zu lassen …
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/glasauge

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    1. Hallo Schweenie,
      danke dir. Solche Worte bauen mich immer auf, wenn ich Zweifel bekomme, und im Moment zweifele ich sehr. Ja, die Geschichte ist ein Sequel meines Romans. Ich sage Sequel, weil die Story so nicht vorkommt und sie ein völlig anderes Ende und Tom Bauer etwas anders hier dargestellt wird, als er es tatsächlich im Roman ist, aber es könnte so sein, wenn ich seine Geschichte enden lasse. Es könnte, muss aber nicht.
      Deine Geschichte werde ich mir auch noch vornehmen und dir einen Kommentar dalassen. Vielleicht nicht jetzt sofort, aber demnächst.
      Viel Glück aber für deine Story und ganz liebe Grüße
      Claudia

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