teddy-tessaEine letzte Nachricht

27+

Ares kommt gerade von einem anstrengendem Arbeitstag aus dem Krankenhaus nach Hause und würde sich eigentlich über die frische Frühlingsluft freuen, als er einen seltsamen Fund vor seiner Haustür entdeckt. Ein fremdes Handy. Er macht sich erst Gedanken darüber, ob es jemand verloren haben könnte, doch er wohnt seit Jahren in einem kleinen Reihenendhaus. Hier würde niemand zufällig vorbeikommen und sein Handy auf seiner Fußmatte verlieren. Er hat schon jetzt ein seltsames Gefühl im Magen, wenn er das Handy ansieht. Bevor er den Schlüssel ins Schloss stecken kann, macht seine Freundin die Tür auf und begrüßt ihn mit einem zärtlichen Kuss. Im selben Moment taucht sein  Gewissen ihn in Schuldgefühle, denn er weiß, dass jemand sein Geheimnis kennt. Eigentlich weiß sie, seine Freundin Learta überhaupt nichts von ihm. Er hat ihr nie von seiner Vergangenheit erzählt. Er gibt ihr einen flüchtigen Kuss, zuvor hatte er das Handy vom Boden aufgehoben und in seine Hosentasche gesteckt, damit sie keine Fragen stellen konnte. Er wollte und würde ihr nicht das Geringste über seine Vergangenheit erzählen. Dazu fühlt er sich immer noch zu schuldig. Sie würde ihn nicht mehr lieben, wenn er ihr all die Dinge, die verstörenden Sachen über ihn, die niemals jemand von ihm erwartet hätte, unter die Nase reiben würde. Er weiß, dass sie ihn verlassen würde, wenn sie seine Vergangenheit kannte.

Nachdem er mit Learta zu Abend gegessen hatte, nimmt er sich eine ruhige Minute, um sich nun endlich das Handy anzuschauen, welches er vor seiner Haustür gefunden hatte. Dies kann kein Zufall sein.

Learta hatte heute Mal wieder für ihn gekocht. Ares denkt sich oft, dass er diese unglaubliche Frau überhaupt nicht verdient hatte. Er schließt sich im Badezimmer ein, um sich dem Handy zu widmen. Ares kann es einfach entsperren, ohne einen Code einzugeben, welches ihm erneut seltsam vorkommt. Aus irgendeinem Grund kommt er sich beobachtet vor und schaut sich noch einmal um. Das Handydisplay entsperrt sich und das blaue Licht des Handys leuchtet ihm entgegen. Erst im nächsten Moment realisiert Ares, dass er derjenige ist, der ihm vom Handy entgegen lächelt. Es ist ein Bild von ihm, wie er in die Kamera strahlt. Er weiß genau, dass dieses Foto bei dem zweiten oder dritten Date mit Learta entstanden ist. Sie hatte es von ihm gemacht. Er kann sich jedoch nicht vorstellen, dass sie sich einen Scherz mit ihm erlaubte- und wenn doch, dann war dies absolut nicht lustig. Er ringt einen Moment mit sich, ob er sie danach fragen soll, bis er bemerkt, dass auf dem Handy kaum Apps vorhanden sind. Noch nicht einmal die, die immer auf dem Handy zu finden sind. Er wusste noch nicht einmal, dass dies überhaupt möglich war. Inzwischen zittern Ares Hände und er öffnet die erste der beiden Apps, die auf dem Handy vorhanden sind.

Ihm blickt ein weißer Bildschirm entgegen. Es sind keine Chats vorhanden. Er klickt sich durch das vorhandene Profil des Handys. Es ist sein WhatsApp Account, doch er fragt sich die ganze Zeit, wie dies möglich ist. Er zittert immer noch und nun tippt er auf die andere App, die auf dem Handy zu finden ist. Die Galerie öffnet sich langsam und es erscheinen mehrere Ordner. Als er jedoch bei jedem der Ordner sieht, dass er in den Fotos als Startfoto ausgewählt wurde, muss er schlucken. Er tippt auf den ersten Ordner. Arbeit. Er scrollt durch die Bilder und sieht sich in seiner Arztuniform im OP oder mit einer seiner Patienten reden, in der Mittagspause. Tausende Bilder von ihm bei der Arbeit. Sein Mund wird trocken und es schmeckt alles nach Metall. Ihm wird schlecht.

„Schatz?“, ruft auf einmal Learta, womit sie ihn aus seiner Schockstarre befreit.

„Ich komme gleich“, ruft er gespielt fröhlich zurück. Er geht schnell aus dem Ordner hinaus und öffnet einen neuen. Wenn er sich alle anschauen würde, könnte dies noch mehrere Stunden dauern, weshalb Ares die Ordner schnell überfliegt und sich die Namen anschaut. Freizeit, Partys, Freunde, Familie, Privates, Videos, Learta. Bei Learta muss er stocken. Es ist seltsam genug, dass er millionenfach auf diesem Handy drauf ist. Als wenn es sein eigenes Handy wäre. Auf den anderen Bildern in den Ordnern ist immer er selbst mit abgebildet, doch auf diesen Bildern ist es Learta allein. Es sind Fotos, die Ares von ihr im Urlaub gemacht hatte. Sie ruft ihn noch einmal aus dem Wohnzimmer. Er deponiert das Handy im Badezimmerschrank unter einem seiner Handtücher, sodass sie es nicht finden würde und macht sich auf den Weg ins Wohnzimmer, um sich den neuen Film auf Netflix mit Learta anzuschauen. Das Handy geht ihm den ganzen Film lang nicht aus dem Kopf, sodass er sich nicht auf den Film konzentrieren kann. Er fragt sich, was es damit auf sich hat und wer es war, der dieses Handy ausgerechnet vor seine Tür legt. Es muss eine geplante Aktion gewesen sein und er fragt sich, ob jemand ihm einen Streich spielen will.

In der Nacht steht er noch einmal auf, um sich das Handy ein erneutes Mal anzusehen. Es geht ihm nicht aus dem Kopf. Ares kann seit dem Fund an nichts anderes mehr denken. Er kann verstehen, woher manche der Bilder kommen. Seine Freundin hatte ihm damals einen Instagram-Account erstellt, auf dem er nun regelmäßig Bilder aus seinem Leben postet und über Medizin informiert. Über die Jahre hatte ihm dies immer mehr Spaß gemacht. Doch manche der Bilder, das weiß er, sind seine privaten Bilder, die er niemals auf Instagram veröffentlicht hatte und das macht ihm mehr als nur Angst. Es gibt noch einen versteckten Ordner, den er bisher noch nicht entdeckt hatte, der ihm nun allerdings noch mehr Furcht einjagt.

„Ich kenne dein Geheimnis“, ist der Name des Ordners und in diesem Moment würde Ares am liebsten schreien. In diesem Ordner befinden sich Bilder aus seiner Vergangenheit. Zwar sind es noch Bilder, die nichts mit seinem Geheimnis zu tun haben, aber er ist sich sicher, dass dies noch folgen würde. Niemand aus seiner Vergangenheit ist heute noch in seinem Leben. Niemand konnte diese Bilder haben, denn er hatte sie nicht einmal Learta gezeigt. Ares muss sich zusammenreißen, denn es ist drei Uhr morgens. Er weiß, dass er am nächsten Tag übermüdet sein wird, aber er zerbricht sich die ganze Nacht den Kopf über das Handy und die Fotos darauf. Inzwischen ist er sich darüber bewusst, dass ein ganz böses Spiel mit ihm gespielt wird und dies ist nicht das erste Mal, dass er sich wünscht, ein anderer zu sein.

*

Irgendwie muss er gestern doch noch in einen tiefen Schlaf gefallen sein, denn am nächsten Morgen weckt Learta ihn vorsichtig.

„Wenn du jetzt nicht aufstehst, dann kommst du zu spät zur Arbeit“, lächelt sie und er ist schneller aus dem Bett, als er laufen kann. Er wirft sich schnell ein paar Klamotten über und toastet sich ein Toast, welches er auf dem Weg zur Arbeit essen würde. Nachdem er nach draußen gestürmt ist, läuft er noch einmal zurück, um Learta einen Kuss zu geben.

„Ich liebe dich“, sagt er noch einmal, bevor er ins Krankenhaus fährt. Dort angekommen checkt er zuerst noch einmal das fremde Handy, welches er gestern Nacht in seinen Arbeitsrucksack gesteckt hatte, um es sich nun noch einmal in Ruhe in seiner Pause anzusehen. Ares verschließt das Handy in seinem Schließfach, bevor er sich auf die erste Operation vorbereitet. Als er in der Pause in das Zimmer kommt, sieht er als erstes, dass sein Schrank aufgebrochen wurde.

„Scheiße“, flucht er und begibt sich zu dem Schrank, um die Sachen alle durchzugehen. Als er jedoch feststellt, dass alles immer noch da ist, beruhigt er sich wieder.

„Alles okay?“, fragt eine Kollegin, die in das Zimmer hineinkommt. Er nickt kurz und sie verschwindet wieder. Er braucht definitiv einen ruhigen Ort, um das Handy noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Er verschließt  die Kabine der Toilette und versteckt sich dort. Ihn würde in seiner Pause schon keiner vermissen. Er öffnet noch einmal die Galerie. Wieder die gleichen Ordner. Freizeit, Partys, Freunde, Familie, Privates, Videos, Learta. Doch dieses Mal ist noch ein Ordner dazu gekommen. Er trägt den Namen „Heute“. Ares Finger fangen wieder an zu zittern, denn er erkennt das erste Bild. Das ist er. Heute Morgen auf dem Weg zur Arbeit, wie er Learta küsst. Dann scrollt er durch die Bilder. Er, wie er zu seinem Auto läuft, er wie er in den Pausenraum geht und danach er, wie er in den OP-Saal läuft. Er auf tausend Fotos, die heute von ihm geschossen worden sind. Es ist kein Wunder, dass er sich schon den ganzen Tag über beobachtet fühlt. Es beobachtete ihn jemand. Die ganze Zeit. Derjenige, der für das Handy verantwortlich ist, musste hier gewesen sein, seinen Schrank aufgebrochen haben und die Fotos auf das Handy gespielt haben.

Ares schaut sich den ganzen Tag über um, doch er kann niemanden erkennen, nicht einen einzigen, den er für verdächtig halten würde.  Nachdem er seine Schicht im Krankenhaus beendet hat, überlegt er einen Umweg zu fahren, doch dann wird ihm bewusst, wie dämlich diese Überlegung doch ist. Wenn der Täter das Handy vor seiner Haustür platziert hatte, weiß dieser längst wo Ares und Learta wohnen. Dies machte ihm bloß noch mehr Angst, denn sein Zuhause ist ein intimer sicherer Ort, an dem er sich wohlfühlt. Doch dies konnte er ab nun wohl vergessen.

Heute begrüßt ihn seine Freundin nicht – wie gewohnt an der Haustür und ein unheimliches Gefühl beschleicht den jungen Mann. Was ist, wenn er sich meine Freundin geschnappt hatte? Ares schließt die Wohnungstür seiner Wohnung auf und ruft den Namen seiner Freundin, doch niemand antwortet. Auf einmal vibriert das Handy in der Hosentasche, welches er zuvor aus dem Rucksack genommen hatte, um es die ganze Zeit bei sich zu haben. Damit niemand es nehmen und neue Fotos drauf spielen konnte. Die Situation war ohnehin gruselig genug. Ares zuckt zusammen und bekommt wieder schweißnasse Hände. „Wenn dir etwas an deiner kleinen Freundin liegt, solltest du deine Vergangenheit auslöffeln“, schreibt  eine unbekannte Nummer ihm. Es ist bisher die einzige Nachricht, die er auf diesem Handy bekommen hatte. Er nimmt sein eigenes Handy und schaut nach, ob diese Nachricht auch auf diesem angekommen war, doch dort waren bloß noch die Chats offen, mit denen er heute geschrieben hatte. Nichts von der Nachricht, die Ares eben gerade bekommen hatte. Er schließt die Augen und atmet tief durch, er muss nachdenken.

„Was willst du von mir?“  schreibt er der Person hinter dem anderen Bildschirm zurück. Lange tippt die Person bloß auf dem Handy herum. Nach ganzen fünf Minuten kommt immer noch keine Antwort. Ares fragt sich, wer dahinterstecken könnte. Inzwischen ist er sich nun mehr als zu hundert Prozent sicher, dass dies kein Scherz von einem seiner Freunde sein könnte. So ein krankes Spiel konnte niemand mit ihm spielen. Zumal niemand von Ihnen seine Vergangenheit kannte. Er muss unbedingt herausfinden, wer dieses Spiel mit ihm spielt. Niemand hätte einen Grund, ihm solch einen Streich zu spielen, ohne seine Vergangenheit zu kennen. Zumal dies kein harmloser Streich sein kann. Schließlich denkt er nach, ob jemand aus seiner Vergangenheit dafür verantwortlich sein könnte. Doch auch hier kann er sich niemanden vorstellen, denn sie hatten seit damals nie wieder Kontakt gehabt und niemand hätte einen Grund, nach so vielen Jahren Stille ein solches Theater zu veranstalten.

„Ich will dein Geheimnis“, erklärt dieser. Dabei fährt Ares sich nervös durch die Haare. Er kennt niemandem aus seinem Umfeld, der etwas über seine Vergangenheit herausgefunden haben könnte, denn er hatte sie sicher verwahrt, begraben. Er kann sich nicht vorstellen, dass jemand ihm nachspioniert und durch seine Vergangenheit schleift. Alle Erinnerungen an damals kommen Stück für Stück wieder hoch und er fühlt sich von Sekunde zu Sekunde schuldiger. Dazu kommt, dass seine Freundin immer noch nicht Zuhause ist und Learta sollte schon längst Zuhause sein. Ihre Schicht ist schon lange vorbei. Er drohte ihm. Ares muss etwas unternehmen, doch er kann sich keinen Millimeter mehr bewegen. Seine Vergangenheit war doch schon längst abgehakt, er hatte all das geklärt. Er hat einen Neuanfang gestartet und nun holte seine Vergangenheit ihn doch ein. Auf einmal kommt Ares ein Gedanke. Er reist in seinen Gedanken in die Vergangenheit, zum Verfahren und muss schlucken und kann es sich nicht vorstellen. Derjenige kennt selbst das Gefühl andauernd beobachtet zu werden.

Ares wird immer nervöser. Inzwischen beißt er sich schon auf den Lippen herum. Eine schlechte Angewohnheit, die er sich eigentlich seit langem schon abgewöhnt hatte. Er kann sich nicht mehr an alles von damals erinnern, aber das, was er noch weiß, ist grausam. Wahrscheinlich hatte er den Rest als Selbstschutz einfach verdrängt. Er will nicht in seine Vergangenheit  zurückreisen, doch vielleicht war genau das das Motiv des Täters. Ares kann es sich dennoch nicht vorstellen und muss trotzdem einen Entschluss fassen, denn er weiß nicht, wie viel Zeit er noch hat, bevor der Täter seiner Freundin etwas antun würde. Er weiß nicht, wie weit diese Person gehen würde. Immerhin war er damals bereit zu morden.

Ares setzt sich in das kleine schwarze Auto, welches er damals zu seinem Praktischen Jahr bekommen hat. Seine Mutter war ziemlich stolz auf ihn, denn er hatte es endlich geschafft, seinen Traum zu verwirklichen und Arzt zu werden. Er muss immer daran denken, wenn er in dem kleinen Auto sitzt, doch nun kann er an nichts anderes denken als an Learta und den kranken Psychopathen, der sie in ihren Fingern hatte. Er will gar nicht darüber nachdenken, was er ihr alles antun könnte und würde, wenn er nicht seinen Willen bekam. Er wusste aus eigener Hand zu viel über das Business des Verbrechens.  Immer wieder schweifen seine Gedanken jedoch vom  Verkehr ab und sein Kopfkino zeigt, in welcher Lage Learta sich gerade befinden könnte, weinend und um Hilfe schreiend. Schon wieder hupt jemand hinter ihm, weil die Ampel grün geworden ist. An der nächsten Ampel wird ihm jedoch klar, dass Ares überhaupt nicht weiß, wo er gerade hinfährt. Er hat keine genauen Angaben von dem Täter bekommen. Er weiß nur, dass er sein Geheimnis verraten sollte, aber das konnte er nicht. Wenn er dies verraten würde, würde er sowohl Learta als auch seinen Job verlieren. Dennoch würde er auch Learta verlieren, wenn er diesem kranken Psychopathen nicht aufhalten würde. Er beschließt, irgendwo an den Rand zu fahren und dort zu halten, um noch einmal Kontakt mit dem Täter aufzunehmen.

„Wo bist du?“, schreibt er und duzt ihn auch bewusst. Er hat keinen Respekt mehr vor ihm.

„Das werde ich dir nicht sagen. Du sollst mir dein Geheimnis verraten“  Ares rastet innerlich schon aus. Er kann sein Geheimnis nicht verraten. Er will es nicht noch einmal aussprechen, weshalb er es die letzten Jahre erfolgreich verdrängt und sich abgekapselt hatte, sodass niemand es je zu Gesicht bekommen hatte. Dies sollte eigentlich auch so bleiben.

„Wieso willst du das? Was bringt es dir?“

„Gerechtigkeit.“ Ares muss schlucken. War es wirklich die Person, die er seit Anfang an verdächtigte? Hatte sie dies wirklich alles in die Wege geleitet? Er kann sich nicht vorstellen, dass sie zu so etwas in der Lage ist, vor allem nicht, nachdem, war er ihr angetan hatte. Sie musste damals in die Psychiatrie, weil sie zu sehr geschädigt wurde. Das Verfahren war eingestellt wurden, deshalb hatte er es vermutlich auch geschafft, es zu vertuschen und aus seinem Leben zu streichen. Er hatte neu anfangen wollen. Er kann sein Geheimnis nicht verraten, dies würde ihn um fünf Jahre zurückwerfen.

„Ich kann es nicht verraten. Dann verliere ich Learta und meinen Job“, schreibt er und beschließt mit offenen Karten zu spielen.

„Die hast du schon lange verloren“, schreibt derjenige zurück. In Ares Kopf explodieren tausend Sirenen, es hallt und er beginnt zu schreien, dann weint er. Er kann nicht ohne Learta leben. Sie ist sein ganzes Leben. Sie waren inzwischen über drei Jahre zusammen und er wollte ihr bald einen Antrag machen. Sie ist die Liebe seines Lebens.

„Was hast du ihr angetan, du Schwein?“, fragt er nun. Dabei schlägt er vor Wut gegen das Lenkrad.  Er ist sich nicht sicher, ob er dies überhaupt wissen will. Dann schreibt die Täterin ihm tatsächlich eine Adresse.

„Schau es dir selbst an. Ohlsdorfer Friedhof“, schreibt sie. Ares denkt darüber nach. Der Friedhof ist riesig. Da würde er Learta niemals finden und es kommen andauernd Spaziergänger vorbei.

„Wo genau da?“

„Das kannst du selbst am besten herausfinden. Viel Glück“, schreibt der Täter und es erscheint ein offline auf dem Bildschirm. Ares Gedanken rattern schon wieder wie wahnsinnig. Er rast aus dem Parkplatz und macht eine Chicagowende, um umzudrehen und auf den Friedhof zu fahren. Er weiß nicht, wo genau er suchen soll, als sein Handy klingelt und er sich zu Tode erschreckt. Dies beachtet er allerdings nicht, denn es ist ihm egal, wer ihn nun anruft. Dann klingelt es noch einmal und hört nicht mehr auf. Er dreht das Handy vorsichtig um und erkennt, dass es nicht sein eigenes ist, welches klingelt. Er dreht das fremde Handy um und erkennt dass es eine unbekannte Nummer ist. Die Handys haben den gleichen Klingelton, weshalb er zuerst dachte, dass es sein eigenes ist. Die beiden Handys liegen nebeneinander in der Ablage. Nun denkt er nicht mehr daran an die Seite zu fahren und zu parken, denn es geht für Learta wahrscheinlich um Sekunden. Er nimmt das Gespräch an, doch niemand sagt etwas. Es atmet bloß jemand.

„Hallo?“, fragt Ares noch einmal, doch auch dieses Mal hört er nur das Atmen.

„Learta?“, fragt er panisch. Niemand antwortet, nur noch das Atmen. Im ersten Moment wird Ares panisch, im zweiten Moment denkt er, dies sei ein gutes Zeichen, denn Learta, wenn sie es nun ist, lebt noch. Er beschleunigt noch einmal das Gaspedal und es ist ihm egal, ob er nun einen Strafzettel für das zu schnelle fahren kassieren würde. Er muss Learta finden. Er will sich nicht vorstellen, wie viel Angst sie in diesem Moment haben muss. Er fährt mit 80 über die Fuhlsbüttler straße. In diesem Moment ist er froh, dass kaum Autos unterwegs sind, was ziemlich untypisch für Hamburg ist. Dennoch hupen die Autos ihn an, die auf der Fahrbahn unterwegs sind und manche schreien ihn an, dass er ein Wahnsinniger sei. Am liebsten würde er zurück schreien, dass er seine Freundin vor einem Wahnsinnigen retten muss und deshalb so rase, aber er kann es sich verkneifen und rast weiter, bis er am Haupteingang des Friedhofes angekommen ist. Nun würde er lange warten können bis er Learta fand. Er versucht sich in den Kopf eines Psychopathen reinzudenken, wo er Learta verstecken würde, wo er selbst Learta verstecken würde. Erst jetzt kommt ihm der Gedanke, dass der Täter Learta vielleicht auf dem Friedhof versteckt, um sie lebendig zu begraben oder sie zu töten und direkt auf einem Friedhof beseitigen zu können. Immerhin ist dies der beste Ort, um eine Leiche loszuwerden. Das Handy hat er immer noch in seiner rechten Hand. Er würde und konnte die Verbindung nicht unterbrechen, bis er auf einmal ein Rascheln hörte.

„Sie kommt zurück. Soldatengräber“ , kommt es abgehackt aus dem Telefon. Ares bestätigt in diesem Moment seinen Verdacht. Es konnte nur sie sein. Jemand anderes kann er sich nicht vorstellen. Dann ist die Verbindung tot. Nun rast er ebenfalls über den Friedhof, auch wenn dies respektlos gegenüber  den Toten ist. Immerhin hatte er zuvor das Radio ausgeschaltet, so wie er es immer tut, wenn er über den Friedhof fuhr. Trotzdem konnte er es dieses Mal nicht verhindern, schnell zu fahren. Er riskiert angehalten zu werden, aber es geht um Leben und Tod. Er will Learta nicht jetzt schon hier begraben, nicht in diesem Leben. Insgeheim hatte er immer gehofft, dass er als erstes von den beiden stirbt.

Inzwischen ist er angekommen und hatte schief und quer in einen der Parkplätze eingeparkt. Es musste schnell gehen, er konnte nun nicht mehr respektvoll mit seinen Mitmenschen umgehen. Es war ihm schlichtweg egal, ob jemand sein Auto dafür zerkratze. Er nähert sich immer weiter den Gräbern, bis er bei den Soldatengräbern angekommen ist. Doch dort ist niemand. Learta ist nirgendswo zu finden. Auf dem ersten Areal ist niemand zu finden und selbst auf dem dritten ist keiner. Als wenn nie jemand hier gewesen wäre. Er flucht, doch er kann nun auch nicht noch einmal anrufen. Er wusste nicht, ob dies Leartas Tod bedeuten könnte, wenn er nun das Handy nutzte. Immerhin klang es vorhin so, als wenn sie ihn heimlich angerufen hätte. Das würde auch das Atmen erst einmal nur erklären. Dennoch fragte er sich in diesem Moment, ob die Täterin ihn nicht gehört hatte, denn er hatte geredet. Dies war in diesem Moment jedoch auch egal, denn er musste Learta finden, bevor ihr noch weiteres passieren konnte.

Auf einmal hört er es in nächster Nähe platschen, als wenn jemand in einen See fallen würde. Versuchte sie gerade seine Freundin zu ertränken? In seinem Leben war Ares noch nie so schnell gelaufen, wie in diesem Moment. Innerhalb von Sekunden war er an der nächsten Stelle angekommen, an der es Wasser gibt. Doch auch dort ist niemand zu sehen.

„Hör auf mit dem Versteckspiel. Ich weiß, dass du hier bist“, hört er sich selbst rufen und ist in diesem Moment sogar über sich selbst erschrocken. Immerhin weiß er nun, wer die Täterin ist und inwiefern ihm dies die Angst nimmt, ist zu spüren. Doch immer noch quälte ihn die Frage, weshalb Sie keine Angst mehr vor ihm hatte.

„Okay. Kein Versteckspiel mehr“ , hört er die Stimme, die er jahrelang geliebt hatte, hinter sich. Sein Verdacht bestätigt sich. Seine damals beste Freundin steht hinter ihm und neben ihr seine Freundin.

„Was willst du von mir?“, fragt er sie nun sachlich.

„Gerechtigkeit“, ist noch einmal ihre Antwort.

„Womit ist das gerecht?“, fragt er sie und deutet auf Learta. Er kann die Angst in ihren Augen sehen. Sie schaut ihn panisch an und ist gefesselt. Ares schaut sich um und wundert sich, dass keine Spaziergänger vorbeikommen. Sie würden die Situation sehen, verstehen und handeln. Doch es kommt keiner und er ist mit ihr auf sich allein gestellt.

„Lass Learta gehen und wir beide regeln das. Ich verstehe es nicht. Es gab doch ein Verfahren“, erklärt er ihr.

„Ein Verfahren, welches eingestellt worden ist, wie so viele“, erklärt Sie.

„Was meinst du, was du mir alles angetan hast? Ich bin damals in die Psychiatrie gekommen und habe  heute noch Panikattacken. Ich habe ständig Angst und denke, von jedem verfolgt zu werden. Ich vertraue niemand mehr und lasse keinen an mich ran. Ich habe versucht, mich umzubringen. Und dass nennst du Gerechtigkeit? Dass du davongekommen bist, nicht einmal irgendeine Strafe bekommen hast, dafür dass du mich terrorisiert hast?“, fragt sie ihn.

„Es.. es tut mir Leid“, stammelt Ares nun vor sich hin und schaut vorsichtig zu Learta hinüber. Sie darf seine Vergangenheit nicht kennen. Sie wird Angst vor ihm haben, all das hatte er doch schon jahrelang abgehakt und hinter sich gelassen. Er hatte geschworen, so etwas grausames nie wieder zu tun.

„Du hast all das hier verdient. Ich wollte dir zeigen, wie es ist gestalkt zu werden“, erklärt sie ihm.

„Nein!“, schreit Ares nun, denn jetzt weiß Learta sein Geheimnis, seine Vergangenheit und wozu er fähig ist. Sie wird ihn nicht mehr lieben, sie wird ihn verlassen.

„Ich wusste es schon lange“, erklärt Learta auf einmal, die zuvor aus irgendeinem Grund noch nicht geschrien hatte, denn sie war bloß gefesselt, hatte kein Knebel im Mund. Sie hatte nicht versucht, auf sich Aufmerksam zu machen und dies erscheint ihm in diesen Moment sehr seltsam. Auf einmal löst sie ihre Fesseln von allein. Heißt das, sie konnte jederzeit die Flucht ergreifen und er hatte sich umsonst Sorgen um seine Freundin gemacht? Ares ist verwirrt und kann die Tatsachen nicht zu einem Bild zusammenfügen.

„Was?“, fragt er nun verdutzt und schaut die beiden fragend an.

„Calla und ich haben uns kennen gelernt. Vor einiger Zeit, und wir haben uns zusammengetan. Ich habe erfahren, was du ihr angetan hast. Sie wollte sich an dir rächen und da ist uns dieser zauberhafte Plan eingefallen. Du hättest dein Gesicht sehen sollen. Ich werde dir das, was du ihr angetan hast, niemals verzeihen. Das, was wir dir angetan haben, war im Gegensatz zu den Dingen, die du Calla angetan hast, harmlos. Ich fasse es nicht, dass ich dich nicht gekannt habe. Ich habe dir doch selbst einmal erzählt, wie ich von jemandem belästigt wurde und wie sehr ich jahrelang damit zu kämpfen hatte. Und dann erfahre ich so etwas von dir. Aber noch nicht einmal von dir selbst, sondern von einer völlig fremden Person. Du bist mir völlig fremd, Ares. Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein, nicht nachdem, was du getan hast. “, sagt sie und schaut ihn mitleidig an, als wenn er ein kleines Kind wäre, welchem sie gerade die Süßigkeiten verweigerte. Dabei war das alles hier so viel mehr.

„Learta. Warte. Ich liebe dich doch“, erklärt er ihr und will einen Schritt auf sie zu machen, doch da mischt sich Calla wieder ein.

„Tritt mir keinen Schritt näher“, erklärt sie. Er kann sich immer noch nicht erklären, dass Calla keine Angst mehr vor ihm hat.

„Ich habe mich geändert. Das bin ich nicht mehr, schon lange nicht mehr. Diesen Ares habe ich hinter mir gelassen“, versucht er ihr zu erklären.

„Das kann ich dir nicht mehr glauben. Du hast mich jahrelang belogen, Ares“, erklärt seine geliebte Freundin ihm. Calla steht bloß daneben und schaut ihn mit emotionslosen Augen an. In diesem Moment hat er den Moment vor Augen, indem er das fremde Handy gefunden hatte.

„Aber, wie?“, fragt er sich. „Wie habt ihr das mit dem Handy und den Fotos gemacht? Dass war mein Whats- App -Account?“, fragt er.

„Wir haben es wie dein Profil eingerichtet. Das kenne ich immerhin in-und auswendig. Dann haben wir einfach eine andere Nummer genommen. Und ich komme leicht an deine Fotos heran.“, erklärt Learta ihm.

„Aber, wie könnt ihr mir so etwas antun, wenn ihr selbst doch schon einmal Opfer wart?“, fragt er nun noch einmal. Er musste wenigstens alle Fragen klären, die in seinem Kopf noch offenstanden.

„Du hast es verdient, wie tausend andere, die einmal jemanden gestalkt haben. Du hast es verdient zu erfahren, wie lange man damit kämpfen muss. Du hast es verdient, zu erfahren, wie es ist, andauernd Angst zu haben. Wie so viele andere. Die meisten Verfahren werden eingestellt und die Täter bekommen niemals ihre gerechte Strafe. Vielleicht gibt dir das ja einen Denkanstoß. Ich bin jedenfalls fertig mit dir. “, erklärt Calla ihm.

„Aber ich bin doch ein anderer. Ich habe mich verändert“, versucht er den beiden jungen Frauen zu erklären.

„Ich sehe das genauso, wie Calla. Ich bin fertig mit dir. Dass mit uns kannst du dir abschminken. Ich hatte ja keine Ahnung, wozu du überhaupt fähig bist“, erklärt Learta. Bevor Ares noch etwas erwidern kann, drehen die beiden Frauen sich um und verlassen den Friedhof. Sie lassen ihn stehen, ohne dass er weiß, wie es mit ihm weitergehen soll. Er kann nicht fassen, dass seine Freundin ihn einfach so stehen lässt, mit seinen eigenen Gedanken und ihn verlässt. Einfach so, ohne ihn darauf vorzubereiten. Von null auf hundert.

In diesem Moment driften seine Gedanken in die Vergangenheit, zu der Zeit, als Ares und Calla beste Freunde waren. Er kann sich noch genau an den Tag erinnern, an dem er sich in sie verliebt hat. Es war der Abschlussball gewesen. Er hatte sich schlagartig in sie verliebt, oder war es schon immer gewesen und hatte es erst zu diesem Moment erkannt. Er gestand Calla noch an dem Abend seine Liebe. Sie stieß ihn jedoch ab und wies ihn zurück und meine, dass sie anders fühle, als er und sie doch Freunde bleiben sollten. Er konnte sie nie vergessen und ab dem Tag begann der Terror. Eine Sicherung in seinem Kopf platzte und er schickte ihr Millionen Nachrichten auf ihr Handy, die sie nie beantwortete. Sie ignorierte ihn und da sie nun beide mit der Schule fertig waren, war es ein leichtes Spiel ihm aus dem Weg zu gehen und ihn zu ignorieren, denn sie gingen inzwischen getrennte Wege. Er wusste damals, wo sie wohnte und lauerte ihr nun abends auf, wenn sie mit Freunden ausgegangen war und zurückkam. Er verfolgte sie auf Schritt und Tritt, wusste immer wo sie war und was sie machte. Er war auf jeden eifersüchtig, der in Callas Nähe war und bedrohte diese Personen sogar. Er hatte in dieser Zeit damals so viele Menschen verletzt und auch verloren. Er war überall aufgetaucht und hatte Callas Nähe gesucht, die jedoch nichts mehr mit ihrem damaligen besten Freund zu tun haben wollte, was ihn umso wütender machte, und er beschloss, sie zu verletzten. Wenn er sie nicht haben konnte, dann sollte keiner sie haben können. In diesem Moment öffnet er noch einmal die Augen, weil nun der Moment kommt, denn er am meisten verabscheute und den er am liebsten für immer aus seinem Leben streichen würde. Er konnte sich bis heute nicht erklären, wie er zu so etwas in der Lage gewesen sein konnte.

Er lauerte ihr abends wieder auf und wollte sie derart verletzten. Sie hatte Glück, denn ihr neuer Freund war dabei und hielt Ares damals auf. Irgendwann, ein oder zwei Jahre später fand dann schließlich ein Verfahren gegen ihn statt, welches jedoch nach einer Weile eingestellt wurde.  Dies weckte Ares endlich aus seiner Trance auf und er schwor sich, so etwas niemals wieder in seinem Leben zu machen. Er wollte sein Leben wieder in den Griff bekommen und nahm das Medizinstudium erneut auf, welches er ein paar Jahre später auch erfolgreich abgeschlossen hatte. Er begab sich in einen Alltag, der gewöhnlicher nicht hätte sein können und nichts, außer seinen eigenen Gedanken erinnerte ihn an seine düsterste Zeit. Er verdrängte sein Geheimnis erfolgreich und lernte Learta kennen, die ihm alles über und von sich anvertraute und in ihm endlich diesen Freund sah, der er immer für Calla sein wollte. Sie erwiderte seine Liebe und die beiden zogen schließlich sogar zusammen. Er dachte, alles in seinem Leben sei perfekt, bis Calla wieder auftaucht und erneut alles zerstört.

Er dachte nicht einmal mehr an Calla, nicht bis zu diesem Moment, als er das Handy vor der Haustür fand. In diesem Moment dachte er das erste Mal seit Jahren wieder an seine beste Freundin. Sie hatte sein Leben auseinandergerissen, so wie er es damals bei ihr getan hatte. Er hatte damals auf unbestimmte Zeit ihr Leben zerstört und Wunden hinterlassen, die niemals heilen würden.

Als er die Augen wieder öffnet, ist der Friedhof totenstill.  Niemand außer ihm scheint auf der Erde zu sein. Er will schreien, denn er weiß ein erneutes Mal nicht, wie sein Leben weitergehen soll, denn in diesem Moment hat er alles verloren, was ihm lieb ist.

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