Katrin PfeiferEiskalt

Identität

Ein Samstagmorgen im März 2007.

Sie saß mit ihrem Espresso am Küchentisch, blickte hinaus in den Garten und fühlte sich rundum wohl. Gestern war die Putzfrau da, die Villa glänzte. Der Gärtner hatte ebenfalls ganze Arbeit geleistet und der Frühling spielte seinerseits auch mit in diesem Jahr und schmückte den weitläufigen Garten. Das Leben war schön. Sie lebte ihren Traum.

Ihr Mann war bereits nach dem Frühstück zum Golfen gefahren. Er fehlte ihr nicht. Eigentlich nie.

Die Faszination war vorbei. Das privilegierte Leben blieb. Er war erfolgreicher Anwalt und zählte mittlerweile eine ganze Liste der Münchner Prominenz und Schickeria zu seinen Klienten.

Ein eindeutiger Ehevertrag machte ihr dieses süße Leben anders nicht möglich.

Sie war 40, hatte nichts gelernt. Die Kinder, Tochter 19, Sohn 21 studierten in Hamburg und in Bern und kamen nur noch selten für einen Wochenendbesuch nach Hause.

Sie kam aus ärmlichen Verhältnissen. Hatte keinerlei intellektuellen Anspruch an sich selbst gehabt. Ihr Ziel, attraktive Anwaltsgattin in der High Society, hatte sie erreicht.

Vor ihr lag das Handy, dass sie vorhin beim Briefkasten auf der Straße fand. Sie nahm es zur Hand und wollte nach Hinweisen suchen, um den Besitzer zu ermitteln.

Nichts anderes war jedoch drauf als unzählige Fotos. Ihr Herz fing an zu rasen. Das Handy fiel ihr aus den Händen.

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Er ist 23 Jahre alt. Bei der Kripo in München beschäftigt. Sportlich, intelligent, erfolgreich.

Dass eine Kindheit und Jugend in zahlreichen Heimen und bei unterschiedlichen Pflegefamilien hinter ihm liegt, voller Einsamkeit, Enttäuschungen und Schmerz, weiß keiner.

Er fühlt so viele seelische Defizite, traut sich keine Partnerschaft zu, kann nur schlecht Nähe zulassen und Vertrauen aufbauen. Er leidet so unglaublich darunter und will wissen, wem er diese prägende Vergangenheit zu verdanken hat. Seit 5 Jahren lässt ihn dieser Entschluss nicht los. Er recherchiert in jeder freien Minute. Seine Unterlagen im ersten Heim waren der Ausgangspunkt:

Er wurde am 8. August 1984 in der Nacht im Englischen Garten von einem Spaziergänger gefunden. Er war in keine Decke gewickelt, lag nackt im Gebüsch. Auf seinem linken Unterarm stand mit schwarzem Filzstift geschrieben

                              Paul, geb. 8.8.1984

Gelernt ist gelernt. Seine Recherche war endlich erfolgreich. Er fand die Frau, die ihn geboren hatte: eine Schickeria-Tussi in Grünwald, große Villa, Anwaltsgatte, 2 erwachsene Kinder.

Er beobachtete sie über Wochen und Monate.

Seine Mutter, seine Halbgeschwister.

Der Schmerz, den er dabei verspürte wuchs bedrohlich. Das einzige Pflaster, das seine verletzte Seele lindern könnte, hieß für ihn Rache.

Er begann seinen ins kleinste Detail ausgearbeiteten Plan damit, dass er sie vor ihrem Briefkasten ein Handy finden ließ.

 

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Sie nahm zitternd das Handy wieder zur Hand. Nichts anderes war drauf als unzählige Fotos von ihr und ihrer Familie an allen möglichen Orten. Panische Angst machte sich in ihr breit als sie das Foto eines nackten Babys im Unterholz sah. Wie kann das sein? Wie kam der Schriftzug auf den Unterarm? Konnte nur ihr damaliger Exfreund gewesen sein. Aber der war längst tot. Von ihm würde sie keine Antwort bekommen. 

Dieses vor 23 Jahren entsorgte Kind mußte überlebt haben und hatte sie jetzt gefunden. Mist! Damit hatte sie niemals gerechnet nach so langer Zeit. Den reichen Anwalt, den sie sich damals geangelt hatte, hätte sie mit dem Kind nie an sich binden können. Hätte er sich bestimmt niemals ein zweites Mal mit ihr getroffen, wenn er erfahren hätte, dass sie gerade vor knapp 5 Wochen ein Kind zur Welt gebracht hatte. Ein Kind, dass aus einer kurzen Beziehung mit einem Nachbarssohn entstanden war. Was hatte sie auch geritten, sich mit einem Fliesenleger einzulassen, der noch dazu ein Alkoholproblem zu haben schien. Ihre Beziehung bestand in kurzer Zeit schon aus täglichem Frust und Streit. Es machte sich eine düstere Erkenntnis in ihr breit, dass sie mit dem Balg, den sie nun in Kürze gebären wird, niemals jemand neuen und wohlhabenden kennenlernen und gar an sich binden können wird. Bis zu jenem Abend ungefähr 4 Wochen nach der Geburt, an dem sie sich endlich wieder so richtig schick machte und aus ihrem Leben ausbrach. Immer wieder hatte sie in der Vergangenheit mit ihrem Aussehen, der tollen Figur, ihrer gelockten Mähne den Männern in solchen angesagten Clubs der Stadt den Kopf verdreht. Meist jedoch nur für den einen Abend. 

Ausgerechnet 4 Wochen nach der Geburt ihres Sohnes passierte es dann. Ein aufstrebender Junganwalt aus renommierter Familie biss an. Dieses Mal konnte sie den Fisch tatsächlich auch an Land ziehen. Er meldete sich bei ihr 4 Tage später und lud sie zum Essen ein.

Diese Chance musste sie ergreifen. Das war ihr augenblicklich klar. Das Kind musste weg.

Es klappte einfacher als sie dachte. Mit dem Fliesenleger machte sie endgültig Schluss. Ihm missfiel der Gedanke seinen Sohn einfach irgendwo draußen auszusetzen zwar sehr, aber sie konnte sehr überzeugend sein. Würde sie das Baby an einen sicheren Ort in der Stadt bringen, an dem es bestimmt in kürzester Zeit schon von jemandem entdeckt werden würde.

Zudem war seine Alkoholsucht nun soweit fortgeschritten, dass er sich keinesfalls in der Lage sah, sich in irgendeiner Form um seinen Sohn kümmern zu können. Er schaffte es immer öfter morgens nicht einmal mehr aus dem Bett zu kommen. Versagt hatte er. Solch einen Vater will und braucht doch keiner dachte er. 

Er musste sich aber noch einmal ganz alleine von seinem Sohn verabschieden und so folgte er seiner Ex heimlich in den Englischen Garten. Er wartete bis sie weg war und beugte sich mit Tränen in den Augen zu dem Baby hinunter und schrieb dann dessen Namen und Geburtstag auf seinen kleinen Unterarm. Würde so nicht irgendein Baby gefunden werden, sondern sein kleiner Paul.

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Er beobachtete sie weiter. Sie begann zu trinken. Nicht mehr nur abends ein bis zwei Gläschen Wein. Die erste Rotweinflasche war nun öfter schon am frühen Nachmittag leer.

Sie vernachlässigte sich. Wurde auch immer öfter psychisch auffällig. Der Anwaltsgatte finanzierte eine Entziehungskur, eine psychosomatische Behandlung, sogar eine Yogawoche in Andalusien. Alles vergebens.

Die Fotos, die er heimlich von ihr machte, als sie randvoll mit Tabletten und Alkohol durch den Grünwaldpark torkelte, waren Balsam für seine Seele. Er verspürte eine unglaubliche Genugtuung jedesmal wenn er sie wieder ein Handy mit neuen Fotos ihres nun immer verwahrlosteren Selbst finden ließ. Er genoß auch die Zeitungsartikel der Münchner Boulevardpresse, die nun immer häufiger von den Eskapaden der Gattin des Münchner Star- und Schickeriaanwalts schrieb. Jetzt war er nicht mehr der einzige, der ihr auf Schritt und Tritt folgte. Sie wurde regelrecht gejagt, hatte keine Chance sich in die Anonymität zu retten.

Nie kam ihm der Gedanke nun Gnade walten zu lassen. Als sie völlig am Boden war, ihr schlussendlich die Hand zu reichen und Versöhnung anzubieten.

Nein! Sie hatte ihn nicht abgegeben. Sie hatte ihn weggeschmissen!

Er brauchte einzig Rache.

Er war regelrecht besessen davon.

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Sie konnte und wollte niemandem erzählen, wie es zu ihrem Absturz kam. Ließ alle in dem Glauben eine Psychose hätte sie befallen. Die Lüge war ihr lieber als mit der Wahrheit herauszurücken. Schließlich hatte sie doch über die vielen Jahre ihre Vergangenheit, das Leben in Armut, dieses Baby, ganz weit von sich geschoben, es verdrängt, so weit in die hinterste Ecke ihres Gedächtnisses verbannt, dass es ihr regelrecht vorkam, als ob es gar nicht mehr ein Teil ihres Lebens war. Die Tabletten und der Alkohol verhalfen ihr schließlich diese Lüge vollständig als Wahrheit für sich zu etablieren.

Einige Jahre war da noch Mitleid einzelner Bekannten und Freunde, die ihr Obdach und kleinere Jobs anboten. Ihr Anwaltsgatte hatte sich inzwischen von ihr scheiden lassen. Dank dem Ehevertrag war er ihr auch nichts schuldig. Er zahlte ihr monatlich eine kleine Summe an Unterhalt, vorwiegend aus Mitleid und der gemeinsamen Kinder zu liebe. Die Alkoholsucht ließ ihr jedoch nicht viel davon übrig.  Ladendiebstahl, Erregung öffentlichen Ärgernissen und schließlich Prostitution und Obdachlosigkeit machten ihr Leben nun aus.

13 Jahre dauerte ihr Absturz jetzt schon. Sie fühlte nichts mehr. Nicht dass sie jemals eine emphatische Person gewesen wäre. Das war sie nie. Aber nun funktionierte sie nur noch schier mechanisch. Sie existierte.

Jetzt, Ende März 2020 waren die Nächte draußen immer noch sehr kalt. Hohes Fieber ließ sie in ihrem Schlafsack schwitzen. Sie zog sich nackt aus und legte sich so auf den kalten Boden und glitt schließlich in den Schlaf.

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Die Straßen Münchens waren in dieser Frostnacht wie ausgestorben. Eine Corona-Pandemie hatte die Welt erfasst. Das Leben stand nun seit fast 2 Wochen regelrecht still.

Er kannte den Schlafplatz seiner Mutter im Gebüsch im Englischen Garten nur zu gut.

Als er heute Nacht zu ihr schlich, um sie zu fotografieren, fand er sie tot. Splitternackt auf dem Boden. 

Er kramte in seinem Rucksack und holte einen schwarzen Stift hervor.

Dann schrieb er auf ihren linken Unterarm:

                            Carola, geb. 14.06.1967

Er gönnte sich noch dieses letzte Foto. Zuhause druckte er es aus und heftete es ab neben seines aus den Heimunterlagen.

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Am Morgen fand der Ordnungsdienst die Leiche im Park. Die Zeitungen am nächsten Tag waren voll damit. Er verschlang jede einzelne Schlagzeile, jeden Artikel. Er hatte das Gefühl jetzt könne er endlich anfangen zu leben.

Er glaubte fest daran!

 

(Geschrieben von Katrin Pfeifer)

2 thoughts on “Eiskalt

  1. Hey Katrin,
    die Grundidee Deiner Geschichte hat mir sehr gut gefallen. Sie hat auf jeden Fall mein Interesse geweckt. Das Ende hätte ich wahrscheinlich etwas anders gestaltet. Dramatischer, z.B. dass der Sohn, als er seine Mutter da liegen sieht, alles betreut und sich wünschen würde, dass seine Mutter noch lebt.

    Vielleicht magst Du ja auch meine Geschichte „Stumme Wunden“ lesen, das würde mich sehr freuen. 🌻🖤

    Liebe Grüße, Sarah! 👋🌻 (Instagram: liondoll)

    Link zu meiner Geschichte: https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/stumme-wunden?fbclid=IwAR1jjPqPu0JDYk0CBrpqjJYN78PYopCEU1VGdqzCvgp7O4jnGKQSFdS6m6w

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