Sophie BeckerEndlich eingeholt

 

 

 

Es ist ein besonders kalter Sonntagnachmittag im November, an dem Felix aus dem Auto steigt und den Bürgersteig betritt, der direkt an den kleinen Stadtpark seines Heimatortes angrenzt. Es ist kalt und trotz seiner dicken Winterjacke, fröstelt er. Die Arme vor der Brust verschränkt, betritt er die Grünanlage, atmet tief durch und spürt dabei den kalten Wind. Er hört die Blätter unter seinen Füßen rascheln, die schon längst ganz braun und lange nicht mehr so schön bunt sind, wie zu Herbstbeginn, wenn sich alle an den Farbspielen der Bäume erfreuen. Es ist ein schmerzhafter Tag für ihn, jedes Jahr aufs Neue. Denn auch wenn in sechs Jahren viel passieren kann, wird sich Felix das, was damals geschah, wahrscheinlich nie wieder verzeihen können.

 

Er kommt an der großen Eiche an, wo vor langer Zeit alles begann. In der im Frühling so prachtvoll blühenden Baumkrone, um genau zu sein. Felix berührt den Baum, dessen Stamm ganz kalt und leer ist. Anders als im Frühling, wenn sich hunderte Ameisen darauf tummeln. Er blickt hoch in die kahlen Äste, die trist und langsam im Herbstwind wippen. Er erinnert sich an die bunten Tulpen, Sträucher und Baumkronen, die im Frühjahr beginnen zu blühen und so herrlich duften, dass man automatisch anfängt zu lächeln, wenn man sich dem Park nähert. Doch im November blühen die Sträucher nicht, ganz abgesehen von den Tulpen. Alles was hier in ein paar Monaten die Familien mit ihren Kinderwägen und den gepackten Picknickkörben ins Grüne locken wird, ist jetzt noch wie ausgestorben.

 

Die vergangenen Jahre ziehen vor Felix‘ innerem Auge vorbei. Ein Gefühl der Leere macht sich in ihm und seinem Herzen breit. Manchmal fühlt er sich, als stünde er auf einer Autobahnbrücke, doch statt Autos zieht sein Leben an ihm vorbei, das er, ohne jegliche Emotionen zu verspüren, nur von außen betrachtet. Nur von der Trauer, die ihn tagtäglich umgibt, kann er sich nicht lösen. Daher lässt er nun auch langsam den Gedanken zu, den er an jedem anderen Tag im Jahr zu verdrängen versucht. Anders, wenn er hier im Park ist. Dieser Ort ist nicht nur Ursprung allen Elends, sondern scheint auch wie ein Schlüssel zu sein, der die Tür zu jener schmerzenden Erinnerung an die schrecklichsten Minuten seines Lebens öffnet.

 

Der Gedanke an den grausamen Moment in Marlas wunderschön dekorierten, einladenden Wohnung, in der man sich einfach wohlfühlen musste, schnürt Felix mal wieder die Kehle zu. Es friert ihm das Herz ein. Doch seine Gedanken kommen zum Stehen, bevor er ihnen und seinen Gefühlen freien Lauf lassen kann. Er entdeckt etwas. Ein kleines, schwarzes Kästchen im Geäst der Eiche, so groß wie ein Spielzeugauto, nein größer. Felix macht einen Schritt nach vorne und meint nun zu erkennen, was dort auf dem Ast liegt. Ein Smartphone, vermutet er. War das etwa ein Smartphone, das in der Baumkrone mitten im Stadtpark liegt? Felix geht noch etwas näher ran, um genau hinschauen zu können. Tatsächlich. Von unten konnte er eindeutig die kleine silberumrandete Kamera des Smartphones erkennen, das scheinbar perfekt ausbalanciert auf einem verzweigten Ast liegt. Felix klettert ein Stück den Baum hoch und stützt sich dabei auf den selben Ästen, wie noch vor sechs Jahren, als er zum erste Mal in die Baumkrone der Eiche kletterte, um oben endlich seine große Liebe küssen zu können.

 

Er streckt seinen Arm aus und kann das Smartphone beim ersten Anlauf greifen. Das Handy in der Hosentasche, hält er sich nun mit beiden Armen an dem Ast fest, auf dem gerade noch das Handy gelegen hatte und springt vom Baum. Er zieht das Handy wieder hervor und schaltet es ein. Er erkennt sofort, dass es keinen Code, kein Passwort und auch keine Gesichtserkennung gibt. Nur die Aufforderung, über den Bildschirm zu wischen, um das Handy zu entsperren, leuchtet auf dem sonst schwarzen Hintergrund auf. Felix ist verdutzt über die Leichtsinnigkeit des Besitzers. Trotzdem entsperrt er das Handy, um herauszufinden, ob die Adresse oder eine Festnetznummer des Unbekannten vermerkt ist. Bevor er jedoch noch länger über die absurde Situation nachdenken kann, erblickt er etwas noch Seltsameres. Die Fotogalerie ist die einzige installierte App. Verwundert schaut sich Felix um. Er kann kaum mehr fassen, dass er nicht gerade einer versteckten Kamera zum Opfer fällt. Jedenfalls muss das Handy platziert worden sein, dem ist sich Felix sicher.

 

Die Neugier hatte ihn gepackt. Er klickt auf die Galerie. Zwei gespeicherte Fotos sind alles, was das Handy zu bieten hat. Unbekümmert will er das Handy gerade wieder ausschalten, um es für den rechtmäßigen Besitzer an den Fundort zurücklegen zu können, als er noch einmal genauer hinschaut und seinen Augen nicht traut. Die Bilder zeigen Felix hier im Park. An der Eiche. Genau vor einem Jahr. Das konnte er an seiner Kleidung erkennen. Die dicke Winterjacke, die er auch heute trägt, hatte er damals ganz neu. Er blickt sich noch einmal um, doch kann immer noch niemanden sehen. Wer sollte solche Bilder von ihm machen? Ein kranker Stalker mit psychischen Problemen, der sich Felix nur zufällig als sein nächstes Oper ausgewählt hatte? Ein Bekannter, der sich einen Scherz erlaubt? Felix fühlt sich beschämt, ertappt, beobachtet. Er schaut sich um, doch sieht niemandem im Park und auch nicht in näherer Umgebung. Keiner beobachtet ihn. Naja, zumindest sieht er keine Menschenseele, die aussieht, als hätte sie auf Felix gewartet. Aber irgendjemand musste wissen, dass er jedes Jahr am gleichen Tag im November hier in den Park kommt, um Marlas Tod zu gedenken. Sonst würden die Bilder vom Besuch letztes Jahr, nicht auf den Tag genau ein Jahr später auf einem Handy gespeichert am Ort des ersten Treffens zwischen Felix und Marla liegen. Plötzliche fällt ihm dann siedend heiß ein, dass es nur eine Person gibt, die weiß, dass sich die beiden hier zum ersten Mal verabredet hatten. Nicht einmal Felix oder Marlas Eltern wussten davon, geschweige denn von der Beziehung, denn die leben beide weit weg und die Beziehung hatte das junge Paar die ganze Zeit über nicht öffentlich gemacht. Nur einige Marlas engsten Freunde hatten mitbekommen, dass sie sich ab und zu mit jemandem trifft, doch sie hatte noch nicht viel verraten wollen. Sie waren ja nur eine so kurze Zeit zusammen gewesen, bis im November schließlich der Tod dazwischen kam.

 

Von einer unglaublichen Angst gepackt, verlässt Felix im nächsten Moment seinen Lieblingsort auf der ganzen Welt. Er läuft immer schneller, um zurück zu seinem Auto zu kommen und wie in Trance vergisst er dabei alles um sich herum und erinnert sich zurück an die Zeit mit Marla vor genau sechs Jahren.

 

An einem warmen und sonnigen Samstagnachmittag hatten sich die beiden zum ersten Mal verabredet. Um 15 Uhr wollten sie sich treffen. Felix war natürlich schon früher da gewesen. Seine Aufregung hielt er zu Hause kaum noch aus.

 

Und doch fing sein Herz nochmal mehr an zu schlagen, als er Marla auf sich zukommen sah. Der Tag war ganz besonders gewesen. Felix küsste Marla zum ersten Mal und er war der glücklichste 20-Jährige der Welt, da war er sich sicher gewesen.

 

Marla fragte ihn noch am selben Tag, ob sie nun ein Paar wären. Natürlich kam für Felix gar nichts anderes in Frage, als mit dieser Frau sein Leben zu teilen. Somit begann im Juni 2013 eine zunächst glückliche Beziehung. Doch von da an ging es ganz schnell bergab.

 

Marla liebte die Freiheit, ihre Freunde, Partys und das Tanzen. Doch Felix stellte sich eine Beziehung ganz anders vor. Er wollte seine Marla nur für sich. Zweisamkeit in seiner winzigen 3-Zimmer-Wohnung. Liebe, Geborgenheit und Zweisamkeit. Zwei. Und keiner mehr.

 

Die unzähligen Abende, an denen Marla mit ihren Freunden tanzen gegangen war, zerrissen Felix das Herz. Er rief sie mehrfach an, schrieb ihr und wollte immer genau wissen, mit wem seine Marla redete, tanzte und lachte. Wenn sie daraufhin mit Unverständnis und Wut reagierte, konnte Felix das einfach nicht nachvollziehen. Er wollte doch nur wissen, wer da alles um seine Freundin herum war. Wer war Jonah aus der Uni? Wer war Markus aus dem Café an der Ecke? Wer waren diese Typen? Wer wollte ihm Marla wegnehmen? Gedanken über Gedanken zerstörten Felix. Er schlief und aß kaum, wenn sie nicht bei ihm war. Er war verzweifelt vor Eifersucht, malte sich Dinge aus, die Marla womöglich anstellte, wenn er nicht dabei war. Ob sie denn wirklich treu war? Ob Jonah und Markus wirklich nur Freunde waren, so wie sie es sagte? Felix wollte es genau wissen, er konnte die Unsicherheit und das Gedankenspiel, welches ihn vom Schlafen abhielt nicht länger ertragen. Schon früh in der Beziehung begann er also damit, seine Eifersucht nicht mehr offen vor Marla zu zeigen, um weniger Konflikte entstehen zu lassen. Er wollte sich im Hintergrund halten und dabei trotzdem alles genau im Blick haben. Daher ließ Felix seine Freundin zwar alleine ausgehen, doch er wich ihr nie wirklich von der Seite. Er folgte ihr in die Disco, nahe der Uni, wo sich Marlas Kommilitonen einmal die Woche trafen. Das hatte er Gott sei dank zu Beginn der Beziehung herausgefunden, als Marla noch dachte, das Interesse an ihr sei Grund für die ganzen Fragen. Felix ging also jedes Mal eine halbe Stunde nach ihr los, stellte sein Auto ein paar Straßen weiter auf einem kleinen Parkplatz vor einem Friseursalon ab und ging dann in die Disco. Dort stellte er sich so weit weg von seiner Freundin, dass er sie gerade noch gut beobachten, sie ihn aber auf keinen Fall in der Menschenmenge entdecken konnte.

 

Wunderschön stand sie da, lachte und hatte Spaß. Sie tanzte und sah aus, als fühlte sie sich frei. Doch Felix freute sich nicht für seine Freundin, denn was er da sah, wollte er unbedingt vermeiden. Marla sollte nämlich mit ihm Spaß haben und lachen können, sie sollte jeden Abend mit ihm zu Hause verbringen und nicht in einem vollgestopften Raum, der eigentlich nur für die Hälfte der Leute Platz hatte, die sich hier auf der Tanzfläche tummelten.

 

Wie ein dunkler Schatten Marlas, war Felix Woche für Woche einfach nur anwesend und kam niemandem zu Nahe, um nicht doch auf jemanden zu treffen, der ihn von einem Foto mit seiner Freundin kannte und ihn zu ihr bringen würde. Schließlich wollte er als fürsorglicher Freund nur seine Marla beobachten – aus sicherer Distanz.

 

 

Das Versteckspiel ging solange gut, bis Felix etwas beobachtete. Einen schleichenden Prozess: Marla und Jonah wurden immer zärtlicher miteinander. Sie sprachen lange und zu zweit. Er berührte ihre Schulter, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Und sie lachte. Sie lachte, wie sie nie mit Felix lachen würde. Unbeschwert und vollkommen glücklich. Den Anblick hielt er kaum aus, doch der Gedanke, er könnte verpassen, was noch alles zwischen den beiden passiert, war noch unerträglicher. Also blieb er jedes Mal sehr lange in der Disco, blendete die Musik und die Lichter aus und fixierte Marla, die so wunderschön aussah in ihren Partykleidern, welche sie bestimmt ganz bewusst für Jonah auswählte.

 

Jede Woche, wenn sich Marlas Gruppe mal wieder zum Tanzen verabredet hatte, gingen die beiden einen Schritt weiter. Bis es letztendlich zum Kuss mitten auf der Tanzfläche kam und Felix alles mit ansehen konnte. Sein Herz schlug so schnell, wie an jenem Nachmittag im Stadtpark. Doch heute war er alles andere als glücklich. Er war wütend, enttäuscht und unglaublich sauer. Am liebsten hätte er das Glas zerdrückt, welches er in der Hand hielt, doch stattdessen stellte er es auf dem Tresen ab, stürmte aus dem stickigen, vom Rauch vernebelten Raum und raus aus der Disco. Er hatte genug gesehen und Marla war eindeutig zu weit gegangen. Die Tränen liefen ihm über die Wangen. So schnell wie möglich wollte er nach Hause und Marla gleich am nächsten Morgen konfrontieren. Er würde sie zur Rede stellen und zwar noch vor dem Frühstück, länger würde er diese Erniedrigung nicht aushalten. Felix wollte doch der einzige Mann für Marla sein, jetzt und für immer. Es sollte nur die beiden geben und keinen, der sich in die Beziehung einmischt. Weder Freunde, noch Familie, noch Jonah. Der „Bekannte“ aus der Uni. Der, der nur „ab und zu“ mal neben Marla saß. Und mit dem sie auch nur über „Uni-Sachen“ schrieb. Hätte Felix doch bloß mal die Nachrichten gelesen, wenn Marla ihr Handy zum Lernen weggelegt hatte. Bestimmt wurde per Nachricht schon alles beschlossen. Vielleicht war auch noch viel mehr geplant. Wollte sie lieber mit diesem Jonah zusammen sein, als mit ihm? Das konnte er einfach nicht glauben. Er erreichte seinen Wagen, setzte sich ans Steuer und fuhr los. Die Tränen unterdrückend fuhr er so schnell er konnte, um endlich daheim zu sein.
Am frühen Morgen machte Felix sich gleich auf den Weg zu Marla. Er musste wissen, was da in sie gefahren war, warum sie ihm so etwas angetan hatte.
Er klingelte Sturm an ihrer Wohnung, hielt es kaum noch aus. Die Tür öffnete sich langsam einen Spalt breit und Marla schaute ihn verwundert an. Sie hatte so früh scheinbar nicht mit Besuch gerechnet. Während Felix die Tür noch weiter aufriss und schnurstracks in ihr Wohnzimmer stürmte, legte er sofort los: „Was hat dieser Jonah was ich nicht habe? Was macht ihn zu einem besseren Mann? Was kann er besser als ich?“. Marla, noch im Pyjama, folgte ihm und blickte ihn stirnrunzelnd und mit verschlafenen Augen verdutzt an. Sie sagte nichts. Sie schaute ihn nur an. Also berichtete Felix von seinen heimlichen Beobachtungsaktionen und dass er die Annäherungen zwischen seiner Marla und Jonah immer hautnah miterlebt hatte. Marla riss die Augen auf und begann zu schreien. Sie schmiss ihm an den Kopf, dass er ein Psychopath sei, sofort ihre Wohnung verlassen und sie mit Jonah einfach in Frieden lassen solle. Ein Stich durchfuhr Felix‘ Herz bei diesen Worten.

 

 

Nie wieder bei seiner Marla sein zu können und sie an einen anderen zu verlieren, war für ihn unvorstellbar. Für einen Moment erstarrte er. Er liebte die Frau, die vor ihm stand und ihn mit purer Wut in den Augen anschrie. Als Marla ihn dann jedoch auf den Flur und zur Tür zurück schob, anbrüllte und sich mit aller Kraft gegen ihn lehnte, fasste Felix einen Entschluss und riss sich aus der Starre los.

 

Da er natürlich viel stärker als seine zierliche Freundin war, hatte Felix sofort die Kontrolle über ihren Körper gewinnen können. Er packte seine Marla an ihren zarten, runden Schultern drückte sie gegen die Wand neben dem Eingang zu ihrer Küche und schleuderte sie schließlich zu Boden. „Wenn ich dich nicht haben kann, wird dich keiner haben! Niemals!“, Felix letzte Worte zur lebendigen Marla, denn im nächsten Moment schlug er ihren Kopf mit voller Wucht auf die kleine Stufe, die in die Küche führte und über die er schon tausende Male gestolpert war. Der Aufprall des Kopfes war beim letzten Mal so heftig gewesen, dass das Blut blitzschnell aus Marlas Schädel strömte und sich auf dem Laminatboden ausbreitete. Felix erstarrte erneut, doch diesmal schossen ihm sofort die Tränen in die Augen. Auf einmal spürte er einen unerträglichen Schmerz in der Brust und verstand die Welt nicht mehr, verstand sich selbst nicht mehr. Am ganzen Körper zitternd, hielt er einen blutenden Schädel in beiden Händen, kniete auf dem harten Boden und würde am liebsten sofort alles rückgängig machen. Doch dafür war es nun zu spät und das begriff er auch im nächsten Moment, denn er wollte so schnell wie möglich nur noch raus aus dieser Wohnung, weit weg vom Tatort und nie wieder zurückkehren. Langsam senkte er Marlas Kopf ab und legte ihn auf den vom Blut nassen Boden. Er strich ihr mit dem Handrücken sanft über die Wange und spürte ihre Wärme. Langsam schlossen sich Marlas Augen vor Erschöpfung und Felix löste sich von ihr. Er richtete sich auf und betrachtete zum letzten Mal Marlas Wohnung. Dabei konnte er einen Schatten am Ende des Flures erkennen. Jemand hatte soeben das Schlafzimmer betreten. Die Tür zum größten Raum in Marlas Wohnung schloss sich gerade, als Felix, der inzwischen schon dort angekommen war, sie aufdrückte und somit Alex davon abhalten konnte, die Tür abzuschließen. Marlas kleiner Bruder schaute mit aufgerissenen, von Tränen gerötete Augen zu Felix auf. Dieser hatte zu keiner Sekunde mitbekommen, dass Alex schon die ganze Zeit in der Wohnung war und somit alles mitbekommen haben musste. Er hatte nicht einmal gewusst, dass Alex mal wieder zum Frühstück bei Marla eingeladen, und daher wie immer schon früh morgens hier war, um seiner Schwester bei den Vorbereitungen zu helfen. Eine unglaubliche Angst durchfloss Felix. Sein Mund wurde trocken und er wusste nicht, was er sagen sollte. Was sagt man auch jemandem, der gerade Zeuge eines so schlimmen Streits geworden war?

 

Zu all dem Schmerz, den Felix immer noch fühlte, kam also die Panik. Die Gedanken darum, nun erwischt zu werden und nicht mehr flüchten zu können, kreisten in seinem Kopf. Alex war zwar noch jung, aber an seinem angstverzerrten Gesicht konnte Felix erkennen, dass er genau verstanden hatte, was eben geschehen war. Und durch genau diesen Gedanken kam ihm eine Idee. Vermutlich ließ sich Alex, gerade mal zehn Jahre alt, ziemlich leicht manipulieren, sodass er Felix vor der Polizei in Schutz nehmen konnte. Zumindest ließ er sich oft von Dingen überzeugen und glaubte beispielsweise immer noch, dass der Weihnachtsmann sein Verhalten ganz genau im Blick hatte. So befolgte er normalerweise alle Regeln, die Marla und Felix aufstellten. Ob er nun auch für Felix lügen würde, wollte dieser wenigstens ausprobieren, um der Situation irgendwie entfliehen zu können.

 

Felix ließ Marlas Bruder also mehrfach wiederholen, dass er seine Schwester stürzen sah, ihr helfen wollte und sofort den Krankenwagen gerufen hatte. Immer und immer wieder wiederholte Alex den Satz mit zitternder Stimme und herzzerreißendem Schluchzen, die ihn dabei unterbrachen. Felix redete zudem lange auf Alex ein, dass es für sie beide sehr wichtig sei, der Polizei genau diese Geschichte zu erzählen. Was genau er sich da aus den Fingern gezogen hatte, weiß er gar nicht mehr, doch es schien zu funktionieren, denn nach einer gefühlten Ewigkeit war Felix davon überzeugt, dass Alex das Gesagte verinnerlicht hatte. „Hast du nun wirklich verstanden, dass du auf keinen Fall etwas anderes sagen darfst, als das, was wir gerade tausendmal wiederholt haben?“, fragte er zum Schluss, um sich ganz abzusichern. Das schnelle Nicken und die angsterfüllten Augen des kleinen Jungen versicherten Felix, dass er wirklich verstanden hatte. Alex tat ihm schon fast leid, wie er so vor ihm stand an dem wohl schlimmsten Tag seines jungen Lebens.
Ohne ihn aus den Augen zu lassen machte Felix zwei Schritte zurück, drehte sich dann um und ging ins Wohnzimmer. Neben dem Fernseher stand das Festnetztelefon, wobei sich Felix zu Beginn der Beziehung gefragt hatte, wer in Marlas Alter überhaupt noch eines besitzt. Doch für sie war das ein Stück ihrer Kindheit und erinnerte sie an die zahlreichen Telefonate mit ihrer geliebten Oma, die im vorherigen Jahr verstorben war. Das hatte Felix immer fasziniert und er hatte den Geschichten aus Marlas Kindheit immer gerne gelauscht. Wenigstens wird sie ihre Oma nun endlich wieder sehen, dachte Felix und lächelte. Nachdem er sich wieder gesammelt hatte, nahm er das Telefon aus der Ladestation. Zurück im Schlafzimmer wählte er den Notruf, übergab das Telefon dann Alex, beugte sich zu ihm runter und sagte: „Sobald ich draußen bin, drückst du auf den grünen Hörer und erzählst was du gesehen hast, okay?“ Alex nickte, was Felix Zeichen war zu gehen. Er richtete sich auf, ging den Flur hinunter und hielt kurz inne, als er bei Marla ankam, die immer noch mit geschlossenen Augen, reglos da lag. Er blickte ihr ein letztes Mal ins Gesicht und öffnete dann die Eingangstür, um die Wohnung endlich zu verlassen.

 

Ein paar Tage später erhielt Felix den Anruf aus dem Krankenhaus. Er war Marlas Notfallkontakt gewesen und wurde somit als erste Person über ihren Tod informiert. Bei der Notfall-OP war etwas schiefgegangen. Marlas Verletzungen waren einfach zu stark gewesen und sie hatte es nicht geschafft. Das zog Felix endgültig den Boden unter den Füßen weg.

Felix kommt endlich an seinem Auto an
, öffnet den Kofferraum und kramt heraus, was er nun schon seit fast sechs Jahren mit sich herumträgt. Er schließt sein Auto ab und macht sich sofort wieder auf den Weg zur Eiche.

 

Nur eine Person, außer Marla und Felix selbst, weiß, wo sich die beiden vor sechs Jahren zum ersten Mal getroffen hatten und dass Felix genau heute hier sein würde. Die selbe Person weiß auch von Felix‘ Tat, denn sie war dabei gewesen.
Alex musste irgendwann herausgefunden haben, dass Felix einmal im Jahr in den Stadtpark zurückkehrt und hat sich dann etwas einfallen lassen, um Angst zu schüren. Und genau das hatte er auch erreicht, es war zu viel für Felix. Jedes Jahr aufs Neue schafft er es nicht, seinen Plan zu vollenden und dem Elend ein Ende zu setzen. Schon jahrelang hatte er gewusst, dass er irgendwann sein dunkles Geheimnis und damit sein ganzes nutzloses Leben hinter sich lassen musste. Doch die Erinnerung an seine wunderschöne, zarte, liebevolle Marla war es, die ihn am Leben gehalten hatte. Das Handy und die darauf gespeicherten Bilder von ihm waren nun wie ein letzter Stoß, der Felix endlich von der Klippe fallen ließ, an der er schon so lange stand. Alleine hätte er diesen Weg niemals gehen können.

 

Zurück am größten Baum des Parks, welcher immer noch menschenleer war, klettert Felix ganz nach oben. Ein letztes Mal steigt er auf den Baum und es fühlt sich vertraut an, wenn er dabei daran denkt, wie er zum ersten Mal heraufgeklettert war, um seine Marla zu küssen.

 

Er nimmt das breite Seil, das jahrelang in seinem Auto gelegen hatte, hervor und bindet es um den dicksten Ast, den er in der Baumkrone finden kann. Die Schlinge am Ende des Seils hatte er direkt nach dessen Kauf geknotet, sie oft betrachtet und darüber nachgedacht, wie es sich wohl anfühlte, darin zu hängen. Mit dem festen Entschluss genau das heute endlich herauszufinden, legt er sich die Schlinge um den Hals. Ein letztes Mal blickt er auf den Boden, um zu kontrollieren, ob er auch wirklich weit genug nach oben geklettert war. Alles was Felix jetzt noch fühlt ist Dankbarkeit. Er ist dankbar für den Anstoß, der ihm endlich die Freiheit geben soll, die er sich immer gewünscht hatte. Ohne einen weiteren Gedanken an seine Vergangenheit zu verschwenden, lässt er den Ast los und springt.

 

Ein paar Minuten hängt er mit dem Hals in der Schlinge und denkt an seine Marla, bis die Halsschlagader endlich kein Blut mehr in sein Gehirn pumpen kann. Alles was man im Park daraufhin noch hören kann, ist das Handy, das aus Felix Hand auf den kalten Boden fällt.

 

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