NadineErwachte Vergangenheit

9+

Die Luft draußen ist endlich warm geworden, die Sonne scheint und Vögel zwitschern fröhlich in ihren Nestern. Für das schöne warme Wetter gibt mein Kleiderschrank leider nichts her. Es ist Zeit für neue T-Shirts und Hemden. In der Einkaufsstraße unserer Stadt haben die Läden geöffnet. Straßenmusiker musizieren auf der Straße, Tauben picken die Krümel vom Boden auf. Glücklich und gelassen schlendere ich von Geschäft zu Geschäft, bis ich das gefunden habe was ich brauche. Die Einkaufsstraße ist voll. Dann setze ich mich in ein Café und genieße einen Kaffee mit einem wunderbar herrlichen Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Der Kellner ist sehr freundlich zu mir und ich gebe viel zu viel Trinkgeld. Auf dem Heimweg, als die Sonne schon am Untergehen ist, schaue ich wieder in die Schaufenster, als ich, wie aus dem nichts, etwas in der Glasscheibe sehe. Ehrlich gesagt glaube ich nicht an Geister, aber das ist schon echt gruselig. In einem der Schaufenster erscheint eine weibliche Gestalt wie ein Geist. Nur für den Bruchteil einer Sekunde, aber ich bin mir sicher sie gesehen zu haben. Schnell drehe ich mich um, um zu prüfen wer dasteht, aber ich sehe niemanden. In zügigem Tempo und mit pochendem Herzen laufe ich nach Hause, glücklich dass der Heimweg nicht zu lang ist.

Am nächsten Tag im Supermarkt begegne ich einer jungen Frau, sie muss etwa 20 Jahre alt sein. Ich gehe immer früh morgens einkaufen. Am Vorabend schreiben meine Ehefrau und ich die Einkaufsliste. Morgens sind die Supermärkte so schön leer und die Regale sind voll. Obwohl ich früher der größte Langschläfer war, muss ich zugeben, dass es echt ganz schön ist früh aufzustehen. „Der frühe Vogel fängt den Wurm“ ist jetzt mein Motto. Sie steht am Milchregal und entscheidet, ob sie lieber die Vollmilch oder fettarme haltbare Milch nehmen soll. Zwar kann ich ihr Gesicht nur von der Seite sehen, aber das reicht mir schon um sie zu erkennen. Wie angewurzelt bleibe ich stehen, meinen eigenen Augen nicht trauend. Fast fällt mir die Mehlpackung aus der Hand. Das gäbe eine schöne Sauerei. Vor mir steht meine verstorbene Exfrau. Wie kann sie es sein? Ist sie es wirklich? Sie sieht ihr unglaublich ähnlich, wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich dachte, sie wäre längst tot. Mit meinen eigenen Händen und Augen habe ich sie damals sterben gefühlt und gesehen. Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Wie kann sie also hier stehen? Sie scheint mich nicht zu bemerken und ich versuche mir nichts anmerken zu lassen. Ohne mich anzuschauen dreht sie sich mit der Vollmilchpackung in der einen und der haltbaren fettarmen Milch in der anderen Hand haltend weg und setzt ihren Einkauf fort. Mir bleibt nichts anderes übrig als das Gleiche zu tun.

Später, im Park, sehe ich sie wieder. Sie sitzt auf einer Bank. Es ist ein warmer, sonniger Frühlingstag und ich bin mit Tom, meinem Sohn, zum Fußballspielen hergekommen. Nachdem ich vorhin nach Hause gekommen war hat er mich gleich dazu gedrängt sofort mit ihm rauszugehen. Da sitzt sie also und liest in aller Ruhe ihr Buch. Ab und zu schaut sie auf, als müsste sie darüber nachdenken, was sie gerade gelesen hat. Oder sie nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Ich denke mir nicht viel dabei und konzentriere mich auf das Spiel. Tom erzählt mir gerade, was er letztens im Training gelernt hat und führt es mir stolz vor. Ich lächle ihm aufmunternd zu und juble. Schließlich kann man ein und derselben Person zwei Mal hintereinander zufällig begegnen, nicht wahr? Dennoch kommt es mir komisch vor, zumal ich sie vorher noch nie gesehen hatte und unsere Stadt nicht die größte ist. Sie muss wohl neu hierhergezogen sein. Insgeheim hoffe ich, dass sie nur vorübergehend hier ist und bald wieder verschwindet. Sie ab jetzt regelmäßig zu sehen würde ich nicht aushalten. Tom ist Feuer und Flamme für Fußball, seitdem er es letztes Jahr für sich entdeckt hat. Seitdem muss ich wöchentlich mit ihm in den Park gehen und mit ihm trainieren, schließlich will er ja ein ganz großer Fußballspieler werden. Zugegebenermaßen tut es mir auch gut mich sportlich an der frischen Luft zu betätigen und außerdem macht es Spaß. Warum soll ich mich also beklagen? Ich bin froh, mein Leben wieder in den Griff bekommen zu haben.

Am Spätnachmittag in der Eisdiele sehe ich sie erneut. Wir haben uns reingesetzt, nachdem wir den ganzen Vormittag und den halben Nachmittag auf dem Rasen waren. Jetzt sind wir echt erschöpft und gönnen uns eine kleine Erholung. Leider waren alle Plätze draußen besetzt, also haben wir uns nach drinnen gesetzt. Tom ist schon ganz aufgeregt wegen eines Spiels am Wochenende. Er erklärt mir, warum seine Mannschaft gewinnen muss und ich versichere ihm, dass sie es tun werden. Zum fünfzigsten Mal verspreche ich ihm, dass ich da sein werde und mich ganz vorne auf der Tribüne hinsetze. Der Kellner bringt gerade einen riesigen Eisbecher mit Schokoladen-, Vanille-, Walnuss- und Heidelbeereis, viel Sahne und noch mehr Kokosraspeln. Obendrauf ragt eine Waffel und ein pinkfarbenes Schirmchen heraus. Tom und ich teilen uns den Eisbecher, und er hat die Sorten ausgesucht. Gerade scheint er wirklich unglücklich darüber zu sein, dass das Schirmchen rosa ist. Deshalb lasse ich es blitzschnell auf wundersame Weise verschwinden. Gierig beginnt Tom das Eis zu löffeln. Da läuft sie in das Lokal und setzt sich an einen Tisch nicht weit von uns, als wäre sie uns den ganzen Tag lang gefolgt. Um die Schulter trägt sie eine Umhängetasche und ihre Sonnenbrille bedeckt ihr halbes Gesicht. Trotzdem erkenne ich sie sofort wieder. Sie steckt sich die Sonnenbrille hoch in die Haare und lächelt den Kellner freundlich an. Da sie sich in meinem Blickfeld befindet, kann ich sie genau betrachten. Sie bestellt einen Kaffee und einen Croissant mit Marmelade. Ihr Lieblingssnack, wie damals schon. Ich frage mich, warum sie dafür in die Eisdiele gekommen ist. Meiner ehemaligen Frau ist sie nicht nur sehr ähnlich, sondern wie aus dem Gesicht geschnitten. Als wir die Eisdiele wieder verlassen sitzt sie immer noch drinnen. Ganz vertieft in ihr Buch bemerkt sie gar nicht, dass wir an ihr vorbei ins Freie treten.

Die nächsten zwei Tage sehe ich sie nicht.

Am dritten Tag fahre ich gerade mit dem Auto von der Arbeit nach Hause. Im Radio spielen sie irgendwelche 80ger Lieder und erzählen von den neuesten Nachrichten auf der Welt. Wieder ein Amoklauf, wieder ein Terroranschlag. Hört das denn nie auf? Da erblicke ich eine Gestalt im Rückspiegel meines Autos. Eine komplett in schwarz gekleidete Frau läuft die Straße runter. Da es schon fast dunkel ist, kann ich sie nicht genau erkennen, aber der Frau von vor ein paar Tagen sieht sie schon sehr ähnlich. Als ich mich umdrehe, ist die Straße komplett leer. Wie ist das möglich? Bilde ich mir das etwa nur ein? Nachdem ich meine Exfrau einen Tag lang ständig vors Gesicht gehalten bekommen habe, musste ich viel nachdenken. Die Nächte waren kurz und die Gedanken lang und leer. Deshalb kann es auch sein, dass ich mir das Ganze hier gerade nur einbilde, aber, – da – im Rückspiegel sehe ich sie schon wieder. Sie läuft in die gleiche Richtung in die ich fahre. Panik steigt in mir auf, meine Hände beginnen zu zittern. Schnell drücke ich aufs Gaspedal und fahre weiter, nach Hause, in Sicherheit.

Abends im Bett, das plötzlich nach fremdem Waschpulver riecht, kann ich nicht einschlafen. Ich lasse mir die Geschehnisse der letzten Tage nochmal und nochmal durch den Kopf gehen und finde einfach keine passende Erklärung für all das. Es kommt mir suspekt und sehr surreal vor. Geister kann es nicht geben. Dafür, dass ich meine verstorbene Exfrau die ganze Zeit sehe muss es eine andere, natürliche Erklärung geben. Meine Frau schläft tief und fest neben mir. Sie muss sich nicht mit dem ganzen Mist rumschlagen. Irgendwann schlafe ich dann auch endlich ein.

 

***

Da liegt etwas auf dem Boden. Es glänzt in der Sonne. Ich trete näher heran. Es ist ein Handy.

In der Annahme, dass es jemand verloren haben muss hebe ich es auf. Beim versuch es zu entsperren muss ich nur wischen. Wie verantwortungslos. Ich möchte eigentlich nach Kontaktdaten suchen, um das Handy an den Besitzer zurückzugeben, da es offensichtlich jemand verloren hat. Doch das, was auf dem Bildschirm erscheint, lässt mich zutiefst erschüttern. Es ist ein Bild, auf dem ich zu sehen bin. Wo meine frühere Frau und ich gemeinsam zu sehen sind. Während der schrecklichsten Tat meines Lebens. Während der Nacht, die ich erfolgreich verdrängt und in die hinterste, tiefste Schublade in meinem Kopf gesteckt habe. An die ich mich nur sehr ungern und mit Wiederstand erinnere. Mein ganzer Körper beginnt zu zittern. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Wie kann dieses Bild entstanden sein? Niemand war dabei. Niemand war währenddessen im Haus. Wir waren ganz alleine und ich bin durchgedreht. Bis heute weiß ich nicht, was in mich gefahren ist. Ich wusste ja selbst nicht wozu ich imstande war. Die ganze Zeit habe ich gedacht niemand wüsste davon. Es kann niemand davon gewusst haben. Wie gelähmt stehe ich mitten auf der Straße, meine Einkaufstüte in der einen, das fremde Handy in der anderen Hand haltend. Um den Verstand nicht komplett zu verlieren muss ich mich echt zusammenreißen. Diese Person, wer auch immer es ist, weiß wer ich wirklich bin, weiß was ich getan habe. Sie kennt meine wahre, frühere Identität. Sie muss schlau sein, das Handy genau so zu drapieren, dass ich es finden muss. Oder keine Angst zu haben, wenn jemand anderes es findet. Das Handy fühlt sich kalt und fremd in meiner Hand an. Ich traue mich nicht nach weiteren Fotos zu suchen und belasse es bei dem einen. Es genügt mir um zu wissen was ich wissen muss. Plötzlich fühle ich mich von allen Seiten beobachtet. So, als würde jeder meiner Schritte aufgezeichnet werden und nur ein falscher bedeutet das Aus. Ich weiß nicht, wie ich mich jetzt verhalten soll. Ängstlich schaue ich mir über beide Schultern. Weit und breit kein Mensch zu sehen. Was ich jetzt mit dem Handy machen soll weiß ich nicht so recht. Sicherheitshalber stecke ich es ein und laufe weiter. Nur keine Dummheiten machen, ermahne ich mich selbst.

 

***

An dem Tag komme ich wie gewohnt von der Arbeit zurück nach Hause. Die Sonne ist noch nicht ganz untergegangen und wirft wunderschönes Licht auf unsere Balkonpflanzen. Normalerweise wären meine Frau und Tom schon zu Hause, doch an dem Tag ist niemand da. Vielleicht sind sie zum Einkaufen gefahren oder in den Park das Wetter ausnutzen. Ich ziehe meine Jacke und Schuhe aus und räume sie an ihren Platz, gehe in die Küche und schenke mir etwas Wasser ein. Durstig trinke ich das komplette Glas in einem Zug aus, da klingelt mein Handy. Auf dem Display erscheint eine unbekannte Nummer. Ich nehme den Anruf an. Ganz entspannt und wie in Trance fühle ich mich plötzlich.

 

***

In einer Hütte komme ich wieder zu Bewusstsein. Schläfrig aber trotzdem energiegeladen fühle ich mich. Ich erinnere mich daran, durch die Stadt in den Wald gelaufen zu sein, in die Hütte eingetreten zu sein, aber nicht warum. Und wie ich überhaupt darauf gekommen bin. Die Hütte hat Fenster, zu denen ich jetzt gehe und hinausschaue. Draußen ist Wald. Ich befinde mich in einer Hütte im  Wald. Die Sonne steht schon tief und wirft goldene Strahlen durch die Baumkronen. Verwirrt laufe ich zur Tür, doch sie ist abgeschlossen. Ich kann sie nicht öffnen und sehe auch keinen Schlüssel. Deshalb schaue ich mich in der Hütte um und bemerke, dass sie fast leer ist. An einer Wand hängt ein zu einer Schlaufe gebundenes Seil. Es sieht aus wie ein Seil, das man zum erhängen benutzen würde. Am Boden steht ein Schemel aus Holz. Ob sich hier schon mal jemand erhängt hat oder es noch vorhat? Schnell verbanne ich diesen Gedanken aus meinem Gehirn. An einer anderen Wand steht ein Hocker. Er ist ebenfalls aus Holz und hat ein rotes Sitzpolster. Es gibt auch ein Bücherregal und eine Nähmaschine. Im Regal stehen einige bunte Tassen und Teller, außerdem ein Laib Brot sowie ein Krug durchsichtiges Wasser. Er trägt ein Blumenmuster, die Teller sind wild zusammengewürfelt. Die Hütte scheint bewohnt zu sein. Sie ist klein, sodass die kahle Möblierung sie komplett erfüllt. Diese Hütte habe ich in meinem Leben noch nie gesehen geschweige denn betreten. Umso mehr wundert es mich, wie ich mitten am Tag alleine in diese Hütte gelangt bin, ohne mich daran erinnern zu können. Irritiert setze ich mich auf den Hocker, stütze meine Ellenbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände. Doch viel Zeit zum Nachdenken wird mir nicht gelassen.

„Hallo, mein Süßer.“ Eine Stimme ertönt aus dem nichts. Sie klingt aufgesetzt. Ich schaue mich in der Hütte um. An der Decke hängen Lautsprecher. Ich drehe mich zu ihnen und beginne zu sprechen.

„Äh, hallo. Wer ist das?“, frage ich verunsichert. Die ganze Situation kommt mir surreal vor.

„Weißt du nicht wer ich bin, Frank?“ Auf einmal dämmert es mir. Plötzlich weiß ich wer das ist.

„Lisa, du bist es“, sage ich verlegen. Es ist mir peinlich, meine eigene Tochter erst jetzt erkannt zu haben. Sie sieht ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten.

Immer noch gehen mir die Fragen durch den Kopf. Wieso bin ich hierhergekommen? Was willst du von mir?

Als könnte sie meine Gedanken lesen sagt sie: „Du fragst dich sicher, wie du hergekommen bist.“

„Ja“, antworte ich. Was soll man auch sonst antworten?

„Hypnose“, sagt Lisa nur, als ob das reichen würde.

„Ich verstehe nicht ganz- “, fange ich an, doch sie unterbricht mich.

„Telefonhypnose“, erklären die Lautsprecher nun. Immer noch leuchtet mir nicht ganz ein wie sie es genau getan hat. Trotzdem erinnere ich mich, aber es fühlt sich mehr wie eine Erinnerung aus einem Traum an.

„Ich mache Hypnotherapien und Hypnobirthing beruflich, daher kann ich das. Es durch das Telefon zu erlernen hat mich nur einen kleinen Fortbildungskurs gekostet.“ Sie hält kurz inne. Es ist süß wie stolz sie auf sich selbst ist. „Naja, ist ja auch egal. Kommen wir nun zu den Wichtigen Dingen. Warum hast du sie umgebracht?“ Ihre Stimme hat sich innerhalb des letzten Satzes stark verändert. Sie klingt jetzt kalt und unbarmherzig. Die Frage trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube.
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich sie geliebt habe. Das ist eine lange und komplizierte Geschichte.“ Völlig unvorbereitet und aus dem Nichts kann und werde ich diese Geschichte nicht erzählen. Zumindest lüge ich nicht.

„Ich habe Zeit, und du auch, bis du mir die Wahrheit sagst.“ Lisa klingt sehr bestimmt.

„Ich – ich kann sie dir jetzt nicht erzählen.“
„Warum nicht?“
„Ich kann mich nicht im Detail erinnern. Wenn ich sie dir erzählen würde, wäre sie nicht ganz korrekt. Besser du erfährst nichts als eine falsche Version.“ Das stimmt. Mit der Zeit wird das Gedächtnis schwach. Ich habe Angst, Lisa eine falsche oder unvollständige Version zu erzählen. Außerdem traue ich mich nicht, mich ganz daran zu erinnern.

„Warum bist du abgehauen?“ Ich wusste, dass diese Frage kommen würde.

„Ich habe dich um alles geliebt. Deswegen bin ich weggegangen. Ich hatte Angst, dass ich dir auch etwas antue, und das hätte ich mir niemals verziehen. Außerdem hatte ich keinen Grund zu bleiben. Was hast du denn von mir erwartet? Dass du morgens aufwachst und ich dir erzähle, dass deine Mami leider tot ist? Ich war ein Feigling und bin abgehauen. Aber ich bin überzeugt, dass es das Beste für uns beide war.“ Auch diesmal ist es die Wahrheit.

„Nimm das Seil in die Hand.“ Sagt sie hart und bestimmt. Ich schaue mich um. Sie meint das Seil an der Wand. Ich gehorche ihr.

„Stell dich auf den Schemel unter dem Seil und mach deinen Kopf durch die Schlaufe“, weist sie mich an, als wüsste ich nicht, wie man sich erhängt. Das Mädchen ist schlau. Ich stelle mich auf den Schemel, strecke meinen Kopf aber nicht durch das Seil. Mein Herz pocht wie es noch nie zuvor gepocht hat. Angst steigt in mir auf.

 „Bitte, Lisa, begehe nicht denselben Fehler den ich begangen habe. Siehst du nicht, dass du gerade genau das tust wofür du mich so hasst?“

„Ich begehe keinen Fehler. Ich bringe nur deine Tat zu Ende, damit Gerechtigkeit sorgt und Mama endlich beruhigt ruhen kann. Und damit ich beruhigt bin, dass du das nie wieder tust.“
„Meine Tat war ein Fehler. Der größte Fehler meines Lebens. Ich habe und werde es mir nie verzeihen können. Dass ich deine Mutter und meine geliebte Ehefrau umgebracht habe war ein Fehler. Ich wünschte, ich hätte es nicht getan. Bitte, baue dein Leben nicht auf meinem Fehler auf. Sei stärker als du selbst.“

„Wie kann ich dir glauben, dass du es nie wieder tust?“ Ihre Stimme klingt angespannt und nervös.

„Ich werde es nie wieder tun. Das verspreche ich hoch und heilig. Ich habe eine Therapie gemacht, eine neue Familie gegründet und mir ein Leben aufgebaut.“ Es ist seltsam, mit Lautsprechern zu sprechen.

„Wie kann ich dir glauben, dass du nicht das gleiche mit deiner neuen Familie machen wirst? Oder mit mir? Ich habe gesehen, was du getan hast. Es war schrecklich. Ich wusste nicht, dass ein Mensch überhaupt zu so etwas im Stande ist. Und dann auch noch mein eigener Vater!“ Sie klingt verletzt. Der Ton ist wütend. Ich hatte vergessen, dass sie auch im Haus war. Sie hat also alles mit angesehen. Und dabei auch noch Fotos gemacht. Sie tut mir wirklich Leid. Es muss traumatisch gewesen sein. Noch nie habe ich mich so sehr für mich selbst geschämt wie in diesem Augenblick. Ich steige vom Schemel runter.

„Lisa, wenn ich das noch einmal tun würde, ich würde es selbst nicht überleben. Ich weiß ja selbst nicht, was in mich gefahren ist. Noch so eine Tat bedeutet das Ende für mich. Die Polizei hat mich damals nicht verhaftet, weil ich Ihr Ehemann war. Und sie konnten nicht nachweisen, dass ich es gewesen bin, der sie umgebracht hat. Dabei habe ich mich so schlimm und elendig gefühlt, weil ich ein Feigling war und mich nicht getraut habe mich zu stellen. Deswegen habe ich ja auch sämtliche Therapien gemacht, mir einen neuen Job zugelegt und eine Familie gegründet. Ich liebe meine Söhne und meine Frau über alles und ich wünschte, ich könnte diese dumme Nacht einfach rückgängig machen. Aber wenn du mir verzeihen kannst, Lisa, werde ich alles dafür tun, dass es dir gut geht. Vielleicht möchtest du studieren, oder reisen oder so? Ich bezahle es dir. Versprochen.“ Nun lasse ich auch das Seil los.

„Also willst du mein Vergeben erkaufen, ja?“
„Oh Gott. Nein. Natürlich nicht.“ Mist, das habe ich echt schlecht ausgedrückt. „Glaub mir, ich bin der letzte, der sich so etwas erkaufen würde. Ich wollte nur sagen, dass ich für dich da sein werde, falls du Unterstützung brauchst. In allem, was du willst. Oder wenn du keinen Kontakt zu mir haben willst, ist das auch völlig in Ordnung. Nur bitte tu jetzt nichts was du nicht rückgängig machen kannst und später bereuen wirst.“ Es ist das Wenigste, was ich für sie tun kann nachdem ich als Vater völlig versagt habe. Ruhe bewahren, sage ich mir selbst immer wieder. Damit sich meine Nervosität nicht auf sie überträgt, spreche ich so ruhig, deutlich und konzentriert wie ich es nur kann. Sie schweigt. Ich spreche weiter.

 „Lisa, ich habe mich geändert. Ich bin nicht mehr der gleiche wie früher. Wirklich nicht. Nachdem ich mich schon damals fast selbst umgebracht hätte, musste ich etwas ändern. Sonst wäre ich nicht mehr hier. Ist das nicht Beweis genug, dass ich mich verändert habe? Zumal ich sogar früher kaum zu so etwas fähig gewesen wäre.“
„Das ist mir alles egal. Egal, was du sagst, es kann das Geschehene nicht rückgängig machen. Egal, was du tust, ich werde dich hassen. Du bist nicht mein Vater. Du bist der Mensch, der meine Mama umgebracht hat und meinen Papa verschwinden lassen hat und dafür musst du bezahlen. Mein Leben hast du komplett zerstört. Du wirst nie der Vater sein, den ich mir immer gewünscht hatte!“ Ihre Stimme klingt gebrochen. Ich höre den Schmerz und die Enttäuschung heraus. Sie hört sich so wegen mir an. Natürlich kann und wird nichts das Geschehene rückgängig machen. Das weiß ich selbst und in dem Moment schmerzt es wie nie zuvor.

„Weißt du, wie es sich anfühlt, jemanden zu töten?“
„Was? Was soll das denn jetzt für eine Frage sein? Lenk nicht vom Thema ab!“
„Beantworte die Frage, Lisa.“ Ich setze mich auf den Boden.
„Nein. Ich weiß es nicht.“
„Es tut weh. Es schmerzt überall. Am ganzen Körper, im Kopf, physisch sowie psychisch. Der Kopf ist leer und gleichzeitig quillen die Gedanken über. Manchmal denkst du auch, sie sind herausgefallen. Über die ganze Welt legt sich ein Grauschleier und du kannst nichts mehr tun. Es fühlt sich so an, als würdest du tot aufwachen und alles von außen betrachten. Als würdest du nicht mehr leben.“ Ich unterbreche mich kurz, um eine Reaktion abzuwarten. Schweigen. Also fahre ich fort: „Weißt du, diese Erfahrung ist keine schöne. Sie verfolgt mich täglich in den unpassendsten Momenten. Ich weiß, du kannst es wahrscheinlich nicht nachvollziehen, aber es war auch für mich eine Traumatische Nacht.“ Ich kann nur von meiner eigenen Erfahrung sprechen. Ein Mordlustiger oder Serienkiller empfindet das wahrscheinlich ganz anders.

Immer noch schweigen.

„Du siehst deiner Mutter sehr ähnlich.“

Schweigen.

„Ich kenne dich genug, um zu wissen, dass du es dir niemals verzeihen würdest, wenn du das jetzt tust. Ich weiß, du bist sicher noch sauer auf mich, aber das hier ist nicht die Lösung.“ Ich versuche, sie von ihrem Vorhaben abzuhalten. Um Ihretwillen und um Meinetwillen.
„Weißt du was? Ich bin eines Tages, nachdem ich gesehen habe, wie mein Vater meine Mutter umbringt, ganz alleine im Haus aufgewacht. Ich hatte gehofft es sei nur ein Traum, doch es war die bittere Realität. Ich hatte Angst, du seist noch irgendwo da und würdest das gleiche mit mir tun. Ich hatte Angst, zur Polizei zu gehen. Ich hatte Angst zu leben. Bis die Polizei kam und mich in ein Kinderheim steckte. Das war dann also meine Ersatzfamilie. Ich war so traumatisiert, dass ich lange Zeit gar nicht mit erwachsenen Männern gesprochen habe“, sprudelt es aus ihr heraus, bis ihre Stimme bricht und sie nicht weiterredet. Ich stehe vom Boden auf.
„Es tut mir leid. Es ist meine Schuld, das werde ich nie vergessen. Niemals. Aber zu versuchen, die Vergangenheit zu rächen, indem du mich jetzt als Büßer für das passierte umbringst ist sicher auch nicht das Richtige.“ Während ich spreche, laufe ich in der kleinen Hütte langsam auf und ab. Ich rede jetzt mehr mit dem Raum und mir selbst als mit den Lautsprechern.

Wieder schweigen. Ich muss weiterreden. Auch zu schweigen würde uns beide jetzt nervlich komplett zerstören.

„An dem Tag, als du geboren wurdest, habe ich geweint“, fange ich an zu erzählen. „Ich konnte nicht dabei sein, aber als ich dich später im Arm hielt, das war einfach unbeschreiblich. Nie hätte ich mir träumen können, solches Glück, solche Erfüllung zu spüren. Ich erinnere mich genau daran, dich in deiner weißen flauschigen Decke gehalten zu haben und dir tief in die Augen geschaut zu haben. Damals dachte ich, ich könnte und würde dir niemals wehtun. Ich versprach uns, dass, falls ich dir wehtuen sollte, ich weit, weit weg gehen würde, damit du nicht noch mehr verletzt würdest und sicher vor mir seist. Als der Tag tatsächlich gekommen war, musste ich gehen. Ich hatte keinen Grund zu bleiben und wusste, dass ich dich damit nur noch mehr verletzen würde. Es tat so weh, mein kleines Baby hinter mir zu lassen. Auch an dem Tagen habe ich geweint. Einmal war es also vor Glück und einmal vor Schmerz.“ Jetzt weine ich auch. Es tut gut. Unter Tränen erzähle ich weiter: „Es gab doch noch so viele Dinge die ich mit dir unternehmen wollte. Die ich erfahren wollte, die ich dir zeigen wollte, die ich dir beibringen wollte. Die Chance, ein guter Vater für dich zu sein, die ich nicht nutzen konnte. Nie konnte ich der richtige Vater für dich sein, den du verdient hattest. Den ich mir für dich gewünscht hatte. Ich war ein Feigling, dich alleine zu lassen. Bis heute kann ich mir nicht verzeihen was ich dir angetan habe. Als mein Sohn geboren wurde, versprach ich ihm, nie jemals das Gleiche zu tun. Oder auch nur zu denken. Und jetzt möchte ich dich bitten, das auch niemals jemandem anzutun. Schon um dein eigenes Willen und Wohl.“ Ich setze mich wieder auf den Boden. Diesmal mit dem Rücken zu Tür, sodass ich zur Decke rede. Da die Hütte nicht besonders hoch ist, geht das ohne Probleme. Weinen tue ich immer noch.

Ein leises Schluchzen ertönt nun auch aus den Lautsprechern. Ich bin mir nicht sicher, ob ich weitersprechen soll. Vorerst entscheide ich mich, auch zu schweigen. Da sitzen wir also beide und schweigen und weinen uns gegenseitig an. Mittlerweile glaube ich, ihre Meinung geändert haben zu können. Dennoch verunsichert mich ihr Schweigen.

„Ich habe mich entschieden“, sagt sie endlich, spricht aber nicht weiter. Ich werde auch nicht nachfragen. Langsam stehe ich auf, drehe mich um und sehe, dass sie Tür offensteht.

„Geh jetzt bitte“, sagt sie, als könnte sie mich sehen. Die Sonnenstrahlen des Spätnachmittag werfen jetzt auch goldenes Licht in die Hütte. Ich kann nichts mehr sagen. Aus meinem Mund kommen keine Worte. Auf meinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. Erleichtert trete ich aus.

9+

One thought on “Erwachte Vergangenheit

  1. Moin Nadine,

    eine schöne Geschichte die du uns hier präsentierst! Mir fehlt es etwas an Geschwindigkeit, es wirkt beim lesen so als würde man einer Aufzählung folgen. Ich kann dir noch nicht mal genau sagen was es ist, aber so richtig gepackt hat mich deine Storie nicht. Die Dialoge wirken auf mich zu konstruiert. Ich kann mir nicht vorstellen das sich Menschen so unterhalten. Am Ende hätte ich mir ein wenig mehr Drama gewünscht. Aber das ist nur meine Meinung, ich mag es halt etwas unvorhergesehener und düsterer.

    Mein Like lass ich dir trotzdem da, denn von mir bekommt jeder eins, alleine für den Mut hier mitgemacht zu haben.

    LG Frank aka leonjoestick ( Geschichte: Der Ponyjäger)

    0

Schreibe einen Kommentar