Anna-Lena SchulzEscape

 

ESCAPE 


 

Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärlich Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!

E. T. A. Hoffmann

 

In den Augen des anderen bist du einer, den du selbst gar nicht kennst – aber du erfährst viel über diese Augen.

Andrea Mira Meneghin

                                               

Dienstag, 30. Oktober

 

“Sonntag! Na komm mein Junge. Wo bleibst du denn? Die Leute warten bestimmt schon auf uns. Na komm.” ruft eine Obdachlose an der ihrem schwarzbraunen Schäferhund zu.

Sie ist unscheinbar und nicht so lästig wie die anderen Obdachlosen der Seestraße. Seit knapp 2 Jahren lebt sie schon dort. Als die junge Frau in die Seestraße kam, hatte sie keinerlei Erinnerungen an ihr früheres Leben. Sie wusste nicht einmal ihren eigenen Namen.
Kurz darauf lief ihr ein wilder Streuner zu und sie nahm ihn bei sich auf. Der Hund lernte in kürzester Zeit einige Kunststücke. Deshalb bekam die Fremde den Namen Tilly, nach einer berühmten österreichischen Dompteurin. Ansonsten ist Sie nicht sehr auffällig oder hübsch. Ihr dunkelblondes Haar ist strähnig und sie ist abgemagert, aber stets freundlich und wird von allen Obdachlosen  gemocht. 

Sonntag und Tilly führen an ihrer üblichen Stelle in der Innenstadt ihre Kunststücke auf. Einmal im Monat kommt ein großer rothaariger Mann zu ihrer Show und wirft einen zweistelligen Betrag in Tillys Spendenbecher. Er gibt Sonntag ein Stück Wurst zur Belohnung. So auch heute. Der Mann spricht nie, wirkt aber sehr nett und nette Menschen gibt es leider nicht sehr viele in dieser Stadt.


Jeden Tag gehen die beiden die gleiche Runde durch die Stadt, denn Molly aus der Seestraße sagt immer, es sei wichtig sich Gewohnheiten anzuschaffen, um nicht durchzudrehen in dieser irren Welt.  

Im  Einkaufsviertel fischt Tilly eine Zeitung aus einem Mülleimer, da bemerkt sie, wie Sonntag wegrennt. Erstaunt ruft Tilly: “Hey Sonntag! Bei Fuß! Stopp!” und sprintet ihm hinterher. So etwas hatte er noch nie gemacht. Der Hund rennt direkt in ein verlassene Viertel, welches Tilly meist umgeht.
“Sonntag! Komm her!” schreit sie zwischen den Häusern hindurch. Als sie ihn endlich einholt, frisst Sonntag irgendwas vom Boden einer verlassenen Haltestelle.
“Hab ich dich Kleiner. Was sollte das, du Ausreißer? Du hast mir vielleicht einen Schrecken eingejagt. Nanu, was ist denn das?”
Auf der Bank der Haltestelle liegt ein Handy, relativ neu und gut gepflegt. Ohne viel nachzudenken, nimmt sie es an sich und muss weiterrennen, da Sonntag heute seinen eigenen Weg gehen will.
Kurz darauf kommen die beiden in der Seestraße an. Molly rührt etwas in einem großen Topf um und blickt die beiden erstaunt an.
“Hallo! Was macht ihr zwei denn schon hier? Die Sonne geht doch grad erst unter. War die Show heute nicht gut?”
“Nein, alles gut Molly, sogar sehr gut. Der Typ mit der Wurst war wieder da.” antwortet Tilly.
“Oh wie schön. Hat er wieder so viel Geld gegeben? Und hast du ihn endlich mal angesprochen?” forscht sie etwas aufdringlich nach.
Tilly lacht nur. “Gute Nacht Molly.” 

“Hast du denn wenigstens schon etwas gegessen, mein Kind? Du siehst schon wieder so dürre aus!” 

“Ja danke, hab vorhin einen Cheeseburger gefunden!” Tilly dreht sich um und geht in Richtung Schlafplatz. Molly ruft ihr verzweifelt etwas hinterher, aber Tilly hört gar nicht mehr hin.

“Cheeseburger! Das ist doch nichts zu essen….”

Tillys Schlafplatz ist etwas abseits von den anderen. Sie schläft oft schlecht und schreit manchmal mitten in der Nacht los, weil sie einen Alptraum hat. 

In ihrer Ecke angekommen, gibt Tilly Sonntag noch eine Kleinigkeit zu Essen und schlägt dann die gefundene Zeitung auf.

Auf der Titelseite prangt die Schlagzeile “Der ‘ADLER’ bald auf freiem Fuß?”
sie liest: 
“Seit zwei Jahren laufen die Verhandlungen gegen Timo Camen, den vermeintlichen Entführer und Vergewaltiger von 35 Frauen. 

Übermorgen soll der ADLER freigelassen werden, aufgrund mangelnder Beweislast.

Hier die Fakten:
Soweit bekannt wurde, wurden allen Frauen Drogen verabreicht, sie wurden vergewaltigt und misshandelt. Alle Frauen stammen aus unserer Stadt, gefunden wurden sie jedoch in verschiedenen Städten Deutschlands. Keine von ihnen wusste wie sie dorthin gekommen ist. Jede erinnert sich an einen weißen Mann mit einem “Adler Tattoo” auf dem rechten Arm. 

Trotz 20 Zeugenaussagen und vergeblichen Versuchen seitens der Polizei, Informationen von dem Verdächtigen zu bekommen, konnten bisher keine stichhaltigen Beweise gefunden werden. Morgen wird das Urteil gegen den Hauptverdächtigen Timo Camen verkündet. Die Karten stehen gut für ihn, denn das Urteil läuft mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen Freispruch hinaus. 

Bislang konnte die Polizei die Kronzeugin Emma Schultheis – Camen, die Frau des Angeklagten, nicht aufspüren. Jegliche Bilder von E. S. – Camen, auch alle Internetbilder, werden unter Verschluss gehalten um sie zu schützen, falls Timo Camen einen Komplizen außerhalb des Gefängnisses hat.

Kurz vor der Festnahme des Hauptverdächtigen, wurde E. S. – Camen brutal zusammengeschlagen. Aus dem Krankenhaus, in das man sie einlieferte, verschwand sie spurlos.
Sie sollte als Kronzeugin im Prozess gegen T. Camen aussagen, weil sie belastende Beweise gegen ihn besitzen würde. Laut Polizei würden E. S.-Camens Fotos vom Hauptverdächtigen, ihn auf frischer Tat ertappen.
Was steckt wohl dahinter?
Bislang gibt es auch keine Äußerungen von E. S.-Camens Vater Holger Schultheis. Der Milliardär verweigert jegliche Aussagen über seine Tochter und behauptet immer wieder, sie sei nicht verschwunden, sondern wahrscheinlich abgehauen. Die Aussage lässt auf innerfamiliäre Spannungen schließen.

 

Bleiben Sie dran beim nervenaufreibendsten Fall der Neuzeit. 

 

Für Sie berichtet der Journalist Max Konrad Braum jeden Tag neu von den Ereignissen im Gerichtsgebäude. “

 

Tilly legt die Zeitung weg. Genug schlimme Nachrichten für heute. Gerade will sie sich zum Schlafen hinlegen, da fällt ihr das Telefon von der Haltestelle wieder ein.  
Der Bildschirm leuchtete hell auf, als sie den Knopf an der Seite drückt. Das Handy ist mit einem Sicherheitscode gesperrt. Sie tippt einige Zahlenkombinationen ein, ohne Erfolg.
“1 Minute gesperrt” 

Eine Minute später versucht Tilly es erneut, dabei hält sie sich das Handy näher ans Gesicht. Es öffnet sich ein neues Bild. Sie blickte erstaunt auf das Gerät. “Face-ID korrekt” Das Handy ist entsperrt. Ganz ohne Sperrcode. Das kommt ihr seltsam vor, trotzdem will sie herausfinden wem das Handy gehört und wischt auf dem Bildschirm die Seiten durch. Es sind nicht viele Anwendungen drauf. Eine Galerie, ein leeres Kontaktbuch, ein E-Mail-Programm ohne Mails. Das Handy ist wie neu. In einem letzten Versuch, mehr über den Besitzer des Handys zu erfahren, öffnet Tilly die Galerie.
Was sie nun sieht, lässt sie erschaudern. Ihr wird heiß und kalt zugleich. Geschockt dreht sie sich um. Niemand zu sehen.
Sie wendet den Blick wieder auf das unheimliche Bild auf dem Handy. 
Auf dem Foto ist das blasse Gesicht einer Frau zu sehen, welches von knallroten Haaren gerahmt wird. Das bleiche Gesicht ist überzogen von blauen und grünen Flecken, sowie blutigen Frakturen. Ihr Blick wirkt leer und tot. Auf ihrer Stirn steht in blutiger Schrift „Mörderin“ geschrieben.
Das konnte doch nicht sein. Die misshandelte Frau auf dem Foto hat zwar rote Haare, aber es ist unverkennbar, das Foto zeigt ihr eigenes Gesicht.
Tausende Gedanken schießen Tilly durch den Kopf. Ein dicker Kloß sammelt sich in ihrem Hals und ein seltsames Gefühl macht sich in ihr breit. Sie streicht über den Bildschirm zum nächsten, noch grauenhafteren Foto. Und noch mehr Fotos von dieser Frau, die ihr so unglaublich ähnlich sieht. Auf jedem Bild ist sie brutal zusammengeschlagen.
Nackt. Hilflos. Allein.

Die beiden letzten Fotos sind jedoch anders. Die rothaarige Frau ist von hinten zu sehen. Sie steht an einem Unfallort. Zwei Autos sind ineinander gefahren. Aus den Wracks steigen schwarze Rauchwolken auf. Zwei erwachsene Personen liegen auf der Straße neben einem der Fahrzeuge, sie sehen leblos aus. Das andere Bild zeigt ein kleines Mädchen in dem Autowrack liegen, es hat überall blutige Abschürfungen und ihr einer Arm ist unnormal verdreht. Ein älterer Junge, ungefähr 15 oder 16 Jahre liegt neben ihr. Er hat ebenfalls diverse Verletzungen am Körper. Tränen sind auf seinen Wangen zu sehen. Hilfesuchend streckt er die Hand nach der Kamera aus.

Tilly bekommt keine Luft mehr und ihr wird übel. Alles in ihr dreht sich und ihre Gedanken verschwimmen. Sie schmeckt einen metallischen Geschmack im Mund und fühlt eine klammernde Enge in ihrem Brustkorb. Sie schwitzt und hört nur noch ein Piepen in ihren Ohren. Das Letzte was sie von der Außenwelt mitbekommt, ist wie Sonntag auf sie zu rennt und bellt, dann wird alles schwarz und sie gleitet in eine endlose, aber vertraute Tiefe. 

 

Tilly:

 

Ich spüre wie ich hart auf etwas aufschlage. Um mich herum ist alles dunkel. Ich schmecke Blut in meinem Mund und höre ein kreischendes Geräusch. Mit einem Mal wird es schrecklich grell über mir und aus dem weißen Licht stürzt ein riesiger Adler auf mich hinab, schlägt seine gewaltigen Krallen in meinen leblosen Körper und trägt mich weg aus der Dunkelheit hinauf ins Licht. Ich bin vollständig umgeben von Helligkeit. Ich versuche etwas zu erkennen, doch ich bin so geblendet von weißem Licht. Mein ganzer Körper schmerzt und ich fühle mich wie eine Glasvase kurz vor dem Zerbersten. Jede einzelne Zelle in meinem Körper pulsiert und pocht.
Etwas dunkles, samtiges schwebt langsam auf mich hinab und nimmt mir für kurze Zeit den Schmerz und das Leid von dem ich erfüllt bin. Tintenschwarze Federn bergen meinen gebrechlichen Körper. Sie fühlen sich weich und sicher an.
Ich fühle mich aufgehoben. Frei. Schwerelos.

Die Federn umschlingen mich. Immer fester und fester. Meine Brust wird immer enger, ich werde zerquetscht von den rettenden Federn. Ich kann es spüren. Die Dunkelheit dringt in meine Blutbahn ein und ich werde schwerer. Als ich es fast nicht mehr aushalte, ertönt ein ohrenbetäubender Schrei und mein Körper wird in all seine Atome gesprengt. Ich verbrenne in der tiefschwarzen Dunkelheit.

 

Mittwoch, 31. Oktober

 

Es ist noch dunkel als Tilly schreiend und schweißgebadet aus ihrem Alptraum erwacht. Sie sieht sich hektisch um, dann realisiert sie, dass es nur ein Traum war.
Sonntag ist schon auf den Beinen und sucht den Boden nach etwas Essbarem ab. 

Tilly hat seitdem sie auf der Straße lebt immer wieder Alpträume. Jedes Mal dasselbe Geräusch. Die dunkle Panik in ihr und der Adler der auf sie hinabstürzt. Manchmal spürt sie den ganzen Tag über seine Krallen in ihrem Körper. 

Die Restpanik vom gestrigen Abend und dem schrecklichen Traum liegen schwer in ihren Knochen. Ihr fällt das Telefon ein und sie betet, dass dies nur ein Relikt aus dunklen Träumen ist. Doch das Handy ist noch da, genauso wie die Bilder der misshandelten Frau.
Was soll ich jetzt tun? Benommen steht Tilly auf und wäscht sich das Gesicht. Beim Frühstück denkt sie nach, ob die Bilder auf dem Smartphone vielleicht Hinweise auf ihre Vergangenheit sein könnten. Die Ähnlichkeit mit der Frau ist unfassbar. Was ist, wenn ich wirklich die Frau auf den Fotos bin? Hatte ich einen Autounfall und kann ich mich deshalb an nichts erinnern? Aber was ist, wenn die Frau bzw. ich jemanden umgebracht habe und die leblosen Körper auf der Straße ihre oder gar meine Schuld sind? Vielleicht wird sie gesucht oder schlimmeres. Was ist, wenn ich das Handy nicht ohne Grund gefunden habe? Wenn ich wirklich die Frau auf den Fotos bin, will sich jemand an mir rächen?
Aber ist mit den anderen Fotos?
Panik kocht in Tilly hoch. Vielleicht beobachtet mich jemand und will mich entführen oder mir das Gleiche wie der Frau auf den Fotos antun?
Aus Angst ihr könnte etwas zustoßen, beschließt Tilly zur Polizei zu gehen und das Handy abzugeben. Sie denkt, wenn sie die Fotos bedrohen oder erpressen sollen, dann wird sie bestimmt von der Polizei beschützt und erfährt vielleicht etwas über ihre Vergangenheit.
Was sollte mir schon passieren? Selbst wenn ich die rothaarige Frau bin und wegen der Unfallfotos festgenommen werde, werde ich mehr über mich und meine Herkunft erfahren. Hoffentlich.

Oder alles stellt sich als großer Irrtum heraus und ich helfe dieser  fremden Frau ihren Peiniger zu überführen.

Tilly macht sich auf den Weg zum Polizeirevier. Sie denkt viel über die Fotos nach. 
Am Revier angekommen, ist sie sich nicht mehr sicher ob sie überhaupt wissen will, wer die Frau auf den Fotos ist.
Wahrscheinlich ist die Frau ein schlechter, wenn nicht sogar böser Mensch, die die blauen Flecken vielleicht sogar verdient hat.

Tilly läuft hin und her. Ab und zu schaut sie zum Revier, dreht dann aber wieder in die andere Richtung um.
Was solls, denkt sie, die Sache wird mich eh den ganzen Tag verfolgen, wenn ich jetzt nichts mache. Mit gesenktem Kopf steigt sie die Stufen hinauf und will gerade die Tür öffnen, als ein junger Mann aus der Tür kommt.
Er ruft ins Revier: “Tja Anna, dann hättest du mir Ergebnisse liefern müssen, dann wärst du vielleicht etwas besser weggekommen.”
Rums.

Tilly und der Mann knallen zusammen.

“Oh Verzeihung, ich habe Sie..” murmelt Tilly.
Doch dann sieht sie den irritierten Mann an.
“Momentmal ich kenne sie doch!” sagt sie etwas lauter als beabsichtigt.
Die Tür schließt sich hinter dem Mann. Er blickt sie an, rückt seine Brille zurecht und lächelt.
“Ach Hallo! Zweimal in einer Woche so ein Glück für mich. Wie geht es Ihnen und Ihrem Hund?” es ist der große rothaarige Mann mit der großzügigen Spende. 

Tilly lächelt und deutet auf Sonntag. “Mir geht es gut. Sonntag? Fragen Sie ihn doch selbst. Er freut sich bestimmt.”

Der Mann nickt und geht die Treppen zu Sonntag hinunter, kniet sich vor ihn hin und beginnt ihm die Ohren zu kraulen. Sonntag scheint dies sehr zu gefallen.

“Sie sind also Polizist, ja?” fragt Tilly, die nun auch die Treppen wieder hinabgestiegen ist.

“Verzeihung?” 

“Naja Sie kamen gerade aus dem Polizeirevier, da dachte ich, dass Sie bei der Polizei arbeiten.”

Er lacht. Auf seinen Wangen tanzen viele kleine Sommersprossen und sein Lachen erwärmt Tilly von Innen. Für den Moment vergisst sie die schrecklichen Bilder von dem Telefon und auch ihre Zweifel.

“Nein, nein ich bin Journalist. Ich berichte gerade über eine Mordserie und befrage öfter mal meine Freunde bei der Polizei. Wirkt authentischer, wenn man mit Fachausdrücken um sich werfen kann.” antwortet er freundlich.

“Das klingt spannend, was ist denn das für eine Mordserie, an der Sie schreiben?”

“Ich möchte nicht angeben, aber wenn Sie zufälligerweise die Nachrichten verfolgt haben, dann haben Sie sicherlich von dem „ADLER“ gehört?”

“Oh ja, schrecklicher Kerl. Und so schrecklich, dass diese Emma verschwunden ist. Morgen soll er freigesprochen werden, oder?”

“Ja, das stimmt. Über diese Mordserie berichte ich.”

“Wow, das ist bestimmt aufregend! Sind Sie auch im Gericht dabei?”

Verlegen zuckt er mit den Schultern und richtet sich wieder auf, er streicht seine Hände an der Hose ab und geht auf Tilly zu, während er sagt: “Max. Max Konrad. Sie dürfen mich gerne duzen, wenn Sie möchten.”
Dann reicht er ihr die Hand.
Tilly erwidert den Handdruck und lächelt.

“Hallo Max, ich heiße Tilly. Übrigens, vielen Dank für Ihre, äh ich meine, für deine Spende gestern! Das war sehr nett!”

“Kein Problem für eine gute Show gebe ich gerne mein Geld hin. Ich meine es ist ja auch nur Papier, oder? Und was hat dich hierher verschlagen? Bist du etwa Polizistin?” frech funkeln seine bernsteinfarbenen Augen hinter seiner Brille. 

“Haha nein, ich bin eine professionelle Obdachlose und verdiene mir meine erste Million mit einer Hundeshow, die du ja bereits ein paar Mal gesehen hast. Ich habe gestern ein Handy gefunden und wollte es hier abgeben, aber ja naja egal.” grinsend beendet sie ihren Satz.

“Das ist ja lieb von dir! ich denke, die meisten würden es einfach behalten.”

“Ja das stimmt und ich glaube, ich würde es auch behalten, wenn da nicht…” fast hätte sich Tilly verquatscht. 

“Wenn da nicht was?” 

Mist er hat es mitbekommen denkt Tilly. Was soll ich jetzt tun? Ich kann ihm ja schlecht sagen: >Hey Max ich weiß wir kennen uns überhaupt nicht, aber hey, schau hier sind super gruselige Fotos von einer misshandelten Frau, die wie ich aussieht und ach ja, hier noch ein Schnappschuss von einem Unfall, an dem mein seltsamer Zwilling steht.<

“Ach nichts, alles gut. Ich muss dann jetzt auch da rein.” sie deutet auf das Polizeirevier. “Der oder die Besitzerin vermisst bestimmt schon sein Telefon.”
Stirnrunzelnd sieht Max sie an. “Na gut dann viel Erfolg bei der Suche, allerdings, ohne dir zu nahe treten zu wollen, du siehst nicht sehr überzeugt von deinem Vorhaben aus.”

Betreten schaut Tilly zu Boden.

“Hey, ich weiß wir kennen uns überhaupt nicht, aber ist irgendwas?” hakt Max nochmal nach.

“Ach alles gut ich will dich nicht aufhalten. Es ist alles gut.”

Max nickt. “Na dann, schön dich gesehen zu haben!” Er winkt zum Abschied und geht.

Na Klasse hinbekommen Tilly. Jetzt hast du den einzigen Menschen, den du kennst und der nicht aus der Seestraße stammt vergrault.
Sie setzt sich auf die Bank vor dem Polizeirevier und denkt nach. Sonntag kommt zu ihr und lässt sich die Ohren kraulen.

20 Minuten verstreichen und Tilly sitzt immer noch so da, als eine vertraute Stimme sagt:

“Und hast du den Besitzer schon gefunden?”
Es ist Max. Erschrocken blickt sie auf. Er lächelt sie an. Dann schüttelt sie den Kopf und muss lachen. So etwas peinliches konnte auch nur ihr passieren. Max setzt sich neben sie auf die Bank.

“Du hältst mich bestimmt für total irre.” 

“Nein, wieso sollte ich. Ich hätte bestimmt auch Zweifel, wenn ich ein Handy finden würde.” mit seinem ganz besonderen Lächeln sieht Max Tilly an und ihr wird warm ums Herz. Sie lächelt zurück.

“Warum bist du zurückgekommen?” fragt Tilly verwundert.

“Ich hatte irgendwie ein schlechtes Gefühl dich hier allein zu lassen und ich habe meinen Kaffeebecher im Revier vergessen.” triumphierend zeigt er ihr seinen Kaffeebecher.

“Hör mal, ich will dich natürlich nicht bedrängen, aber ich sehe doch das dich da etwas beschäftigt. Na komm, du kannst es mir sagen und ich verspreche dir, wenn du wirklich irre bist, dass ich ganz schnell weglaufe und unser Gespräch vergesse.” Tilly lacht.

“Na gut. Aber es ist wirklich seltsam und irgendwie gruselig. Sicher, dass du es wissen willst?”
“Klingt mysteriös. Schieß los. Ich bin Journalist, ich stehe auf eine gute Story.”
Tilly beschließt sich ihm anzuvertrauen und erzählt ihm die ganze Geschichte. Es tut gut auszusprechen, dass sie Angst hat und es fühlt sich gut an sich jemandem anzuvertrauen.

Max schaut sich die Fotos ruhig und mit gerunzelter Stirn an. Er wirkt nicht verstört, eher mitfühlend und nachdenklich.

“Das sind ganz schön heftige Bilder, Tilly. Gut, dass du damit zur Polizei wolltest. Geht es dir gut?” 

Sie nickt. “Ich habe mich ganz schön erschreckt als ich die Fotos das erste Mal gesehen habe. Ich weiß auch nicht, wie ich damit umgehen soll und mir ist einfach nichts anderes eingefallen, als zur Polizei zu gehen.”
“Und du weißt nicht woher die stammen?”
“Nein, aber ich glaube die Fotos haben etwas mit mir zu tun, ich meine schau dir die Fotos an. Die Ähnlichkeiten zwischen der Frau und mir sind nicht zu übersehen. Und außerdem lebe ich erst seit knapp 2 Jahren auf der Straße, an die Zeit davor kann ich mich nicht erinnern.”

“Wie meinst du das?”

“Naja, ich kam vor etwa zwei Jahren in die Seestraße ohne jegliche Erinnerungen. Ich wurde dort gut aufgenommen und habe mir ehrlich gesagt keinerlei Gedanken um mein “altes Leben” gemacht. Nun finde ich dieses Handy mit den vielen schlimmen Fotos drauf. Ich weiß echt nicht was ich machen soll.”

“Ja das verstehe ich. Seltsam, das mit diesem Handy. Ich wüsste nicht, was ich an deiner Stelle gemacht hätte.”

“Anfangs war ich auch echt hin und her gerissen, ob ich überhaupt zur Polizei gehen sollte. Ich meine, was wenn ich das wirklich auf den Fotos bin? Dann werde ich wohlmöglich noch verhaftet. Außerdem ist es eine skurrile Vorstellung auf die Art etwas über sich zu erfahren.”

Max nickt und scheint über etwas nachzudenken.

“Tut mir leid, dass ich dich da mit reingezogen habe. Ich weiß auch nicht was ich mir dabei gedacht habe, dir die Fotos zu zeigen. Es ist wohl besser ich gehe jetzt und wir vergessen das einfach.” Tilly steht auf und will gerade gehen, da sagt Max etwas, womit sie niemals gerechnet hätte.

“Was ist, wenn ich das Telefon zur Polizei bringe?”

Tilly bleibt stehen und sieht ihn an. 

Warum tut er das für mich? Misstrauisch sagt sie: “Ich weiß nicht recht, ich glaube nicht…”

“Ich möchte dir wirklich helfen. Wenn du einverstanden bist, rufe ich meine Freundin bei der Polizei an und frage sie, was sie machen würde.”

Nach kurzer Überlegung willigt Tilly ein. Max überprüft das Handy und stellt fest, dass eine Sim-Karte eingelegt ist. Dann tauschen Tilly und Max die Telefonnummern und er verspricht sie am Abend anzurufen, wenn er etwas von seiner Freundin bei der Polizei erfahren hat. 

Zum Abschied streicht Max Tilly über den Arm.

“Das tut mir sehr leid für dich, Tilly. Ich hoffe für dich, dass sich das alles klärt und du nicht in Gefahr ist. Wenn etwas sein sollte, ruf mich einfach an. Auch wenn du das Handy lieber vergessen willst und du es dir anders überlegt hast.” 

Tilly nickt. “Danke Max, ich weiß nicht wie ich mich für deine Mühe und Sorge bedanken kann.“ sie lächelt verlegen.

“Alles gut Tilly, jetzt muss ich los. Ich hoffe, ich kann dir helfen und alles wird gut. Ich ruf dich heute Abend an. Bis dann!”

Tilly verabschiedet sich ebenfalls und sieht ihm nach. 

 

7 Stunden später… 

 

Es ist dunkel, als Tilly von ihrer täglichen Runde zurückkommt.

5 Minuten nach ihrer Ankunft klingelt das Handy. Es ist Max.

“Hallo? Hier ist Tilly.”

“Ja hallo, Tilly, hier ist Max von heute Morgen. Ich hab großartige Neuigkeiten. Ich habe mit meiner Freundin von der Polizei gesprochen. Sie heißt Anna Rogers. Du kannst sie morgen um 12:00 Uhr in einem Café in der Eschenauer Straße treffen. Weißt du wo das ist?”

“Oh danke schön, ja ich weiß wo das ist. Das ist wirklich nett von dir und natürlich auch von deiner Freundin. Aber kann ich denn einfach so in das Café gehen? Also ich meine, das ist doch ein relativ vornehmes Café oder?” 

“Ach Tilly, mach dir darum keinen Kopf und wenn es dir unangenehm ist, dann wartest du vor der Tür oder gegenüber. Anna hat blonde Haare und sie wird dich schon erkennen.”

“Das hast du lieb gesagt.” sie lacht ein wenig.

“Gut, dann drücke ich dir die Daumen für Morgen und wenn etwas ist, kannst du mich gerne anrufen. Ich bin eigentlich jederzeit erreichbar. Wenn nicht, dann hinterlass mir einfach eine Nachricht.”

“Vielen Dank für deine Hilfe, Max. Tausend Dank, wirklich!!”

“Das ist doch kein Problem. Ruf an, wenn was ist. Tschüss!”

Sie legt das Handy weg. 

Ein wenig unbehaglich fühlt sich Tilly schon noch, aber sie ist beruhigter als gestern und schläft wesentlich besser.

 

Donnerstag, 01. November

 

Es ist kurz nach halb 12 und Tilly steht aufgeregt auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Cafés in der Eschenauer Straße. Eine halbe Stunde noch, bis zu ihrem Treffen. Sonntag ist bei Molly, er würde nur stören. Außerdem mag er es nicht lange alleine zu bleiben.
Auf der leeren Straße laufen nur ein paar Büroleute mit ihren schweren Aktenkoffern.
Tilly muss an den Prozess des „ADLERS“ denken und dass er jetzt vermutlich wieder frei ist. Ganz in der Nähe von dem Café ist das Gerichtsgebäude. Wahrscheinlich ist die Polizistin noch im Gericht und muss zusehen, wie der Adler freigesprochen wird. Tilly hofft, dass vielleicht diese Emma im letzten Moment noch aufgetaucht ist und den Mistkerl wieder hinter Gitter gebracht hat.

 

Mittlerweile ist es 10 Minuten vor 12 und Tilly will gerade über die Straße gehen, da fällt ihr jemand auf der anderen Straßenseite auf. Ein Mann mit blonder Igelfrisur. Er starrt sie direkt an. Tilly schaut weg und dann wieder zu dem Mann hin. Er ist weg. Suchend dreht sie sich hin und her. Sie fühlt sich mit einem Mal unwohl und beobachtet. Tilly wird hektisch, wo ist er hin? Sie spürt noch immer seinen Blick im Rücken. Dann dreht sie sich um und da steht er. Direkt vor ihr. Seine kalten blauen Augen blicken ihr tief in die Seele. 

“Hallo Emma, Schatz, lange nicht gesehen.”

Tilly rennt los. Ohne nachzudenken läuft sie in die nächste Seitenstraße. Die Angst frisst sich in ihre Gedanken.
Wohin? 

Sackgasse. 

“So eine verdammte Scheiße!” Sie dreht sich um. 

Nichts von ihrem Verfolger zu sehen.  Erleichtert atmet sie auf.
So ein Blödsinn, warum sollte jemand gerade mich verfolgen? Und wen meinte er mit Emma? Emma… 

Tilly verschnauft und versucht wieder normal zu atmen. Der kleine Sprint hat sie außer Puste gebracht. 

Sie hört ihn nicht kommen, er ist leise wie eine Katze.

“Renn doch nicht weg Kleines, kennst du mich denn nicht mehr?”
Als sie sich schlagartig umdreht, fährt ihr der Schreck in die Knochen und das Letzte was sie sieht, bevor sie einen harten Schlag auf den Kopf bekommt, sind die kalten blauen Augen des Mannes mit der Igelfrisur.

 

Tilly: 

 

Alles ist dunkel und grau um mich herum. Ich schmecke einen metallischen Geschmack im Mund. Ich kann nur wenig erkennen, doch im sanften Mondschein erkenne ich zwei Autos die einen Unfall hatten. Überall liegen Autoteile. Ich höre jemanden schreien. Zögernd gehe ich auf das Autowrack zu. Im nächsten Moment werde ich von scharfen Krallen durchbohrt und nach hinten gerissen. Ich will mich wehren, kann es aber nicht. Ich bin wie erstarrt. Ich spüre wie meine Lunge sich mit Flüssigkeit füllt. Hilflos sehe ich zu, wie die Straße immer kleiner wird und spüre, wie ich nach oben gezogen werde. Panisch strample ich mit den Beinen. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich ertrinke langsam und die anhaltende Atemlosigkeit lähmt mich.
Immer höher werde ich getragen und durchbreche die Wolkendecke. Es wird hell um mich herum und eine erleichternde Schwerelosigkeit ergreift mich. Die Lähmung lässt nach und ich atme tief ein.
Der kurze Frieden hält nicht lange an.
Ein dunkler immer größer werdender Fleck frisst sich in das warme Licht. Kalt und gefährlich kommt es auf mich zu.

Ich erkenne ein Gesicht und eiskalte blaue Augen. Es sind die Augen von dem Mann mit der Igelfrisur.

 

Irgendwo außerhalb der Stadt in einem ruhigen Wald…

 

Der Nebel lichtet sich langsam. Tilly kommt wieder zu sich.

“Hallo Emma. Schön, dass du endlich wach bist. Ich habe mich seit zwei Jahren danach gesehnt dich zu sehen.”
Er geht auf sie zu und streichelt ihre Wange. Er hat kein T-Shirt an. Sein Oberkörper glänzt, als hätte jemand ein Fass Öl über ihm ausgeschüttet.
Tilly befindet sich in einem Keller. Es ist nass und stickig. In dem Raum stehen Bänke mit seltsamen Gegenständen darauf. Von der Decke baumeln mehrere Stahlketten und furchteinflößende Gestelle. Sie ist in der Mitte des Raumes an zwei von der Decke hängende Ketten gefesselt. Ihre Beine hängen nach unten und nur mit den Fußspitzen kann sie den kalten Betonboden berühren. Bei jeder Bewegung dröhnt ihr Kopf. Der Mann mit der Igelfrisur kommt auf sie zu. 

Er nimmt ihr Kinn in die Hand und richtet es auf. Ein stechender Schmerz durchzuckt sie wie ein Blitz. Sie schmeckt Blut in ihrem Mund.

“Weißt du Emma, all die Jahre, in denen wir das glückliche Vorstadtpärchen gespielt haben, hatte ich eigentlich immer nur diesen Moment im Sinn. Nun kann ich endlich das zu Ende bringen, was ich vor zwei Jahren nicht geschafft habe, allerdings mit einem winzig kleinen Unterschied. Vor ein paar Tagen kam Brief zu mir ins Gefängnis.”
Er holt einen Zettel aus der Hosentasche und liest vor:
“Ich habe deinen Auftrag erfüllt. Damit du es glaubst, habe ich dir ein Foto mitgeschickt. Es ist wahr. SIE war es.
Keine Sorge, ich habe mich gut um sie gekümmert.
Wo du sie findest und wohin du sie bringen kannst, erfährst du im Gericht. Jemand wird auf dich zukommen und dir alle Informationen geben. K.”  er lacht höhnisch und packt sie am Hals. “Jetzt habe ich einen noch besseren Grund dich umzubringen, du beschissener Junkie. DU hast sie einfach umgefahren und bist auch noch davongekommen. DU musstest keine Konsequenzen fürchten, weil dein SUPER-DADDY alles für dich vertuscht hat. DU wusstest, wie ich gelitten habe. DU wusstest, welchen Schmerz ich gespürt habe! DU hast zugesehen, wie ich jahrelang den verdammten Mörder meiner Familie gesucht habe, dabei hatte ich ihn die ganze Zeit schon gefunden. Ich erinnere mich an jedes Mal. An jeden Schlag, der deine bleiche Haut in ein blaues Meer aus Schmerz verwandelte. Jetzt bereue ich, dass ich damals nicht noch fester zugeschlagen habe!” er schlägt Tilly mit der Faust in den Bauch, dann ins Gesicht. Sie japst und ringt nach  Luft.
“Was wollen Sie von mir? Ich…Ich kenne Sie nicht mal.”

“LÜGNERIN!” er schlägt ihr noch heftiger in den Bauch. Dann dreht er sich um und nimmt eine Peitsche von einer der Bänke.
“Vor über 2 Jahren erhielt ich einen Anruf. Wenn ich für IHN ins Gefängnis gehen würde, dann würde ich endlich erfahren wer meine Eltern tötete. Dafür sollte ich nichts weiter tun als zu schweigen und mein Tattoo zeigen. Das Tattoo, dass einst meine Freiheit symbolisierte. Das Einzige, was mir jemals etwas bedeutete, seitdem DU meine Eltern und meine kleine Schwester überfahren hast! Immer wollte ich nur die Wahrheit wissen, weil ich es VERDIENE!” bei den letzten Worten spuckt er Tilly ins Gesicht. Er holt ein Messer aus seiner Hose und fängt an ihr die Kleider vom Körper zu schneiden. Dann holt er mit der Peitsche aus und schlägt zu.
Einmal.
Zweimal.
“Und weißt du Emma, eine Sache solltest du wissen: Hier bist du ALLEIN! Niemand wird dich beschützen. Dein Daddy wird nicht kommen, er wird dich nicht retten.”
Dreimal.
Er umklammert ihren Hals so fest, dass sie kaum atmen kann. Sie strampelt und zerrt an ihren Fesseln, doch sein Griff lockert sich nicht ein Stück.
“Du bist so hässlich. Blond. Tzee! Ich finde, mit roten Haaren sahst du viel besser aus. Es brachte deine wahre teuflische Seite hervor.”  Er holt ein Foto und hält es Tilly direkt vors Gesicht.
“Nun, was hältst du davon, mhh?” Tilly erkennt es. Es ist das Unfallfoto von dem Handy. Sie kann ihren Augen nicht trauen und anscheinend sieht er es auch.
“Ach komm schon Schätzchen, tu doch nicht so!”

“Ich weiß nicht WER Sie sind, Sie kranker Psychopath! Ich weiß nicht wer diese Emma ist von der Sie sprechen. Dieses Foto habe ich nur ein einziges Mal gesehen, auf einem Handy, das ich Vorgestern gefunden habe. Ich habe KEINE Ahnung was hier abgeht! Lassen Sie mich einfach gehen und ich verspreche Ihnen, wir vergessen das hier einfach und ich sag keinem was davon. Bitte!” sie fleht und weint, reißt an ihren Fesseln. Der Mann dreht sich um. Sie erhascht einen Blick auf seinen rechten Arm. Er ist tätowiert mit Federn, es sieht aus, als hätte er einen Flügel anstelle eines Armes. Bilder blitzen vor Tillys innerem Auge auf. Bilder von ihm und ihr. Zusammen. Sie küssen sich und scheinen glücklich zu sein.
Was ist hier los? Wer ist dieser Irrer und was will er ständig mit seiner Emma?!
“Ich habe deine Lügen so satt. Schon damals, als ich dich kennenlernte, konntest du mir nur ins Gesicht lügen. Ich habe keine Ahnung was ER an dir findet. Du bist eine widerliche Schlampe. Weißt du, was man mit widerlichen Schlampen macht? Na Ems, weißt du’s?” sie schüttelt schwach den Kopf und sagt nur:
“Ich weiß nicht wer Sie sind, das sagte ich doch schon. Was auch immer diese Emma Ihnen angetan hat, es tut mir Leid. Sie haben die Falsche! Lassen Sie mich gehen!”
Trotz der Erinnerungsfetzen, kann Tilly nicht glauben, dass ihr das passiert. Das kann doch nicht real sein. Bestimmt ist das nur ein schlimmer Traum, aus dem ich gleich aufwache. 

“Oh nein Süße, du bist hier schon ganz richtig. Vielleicht sollten wir deinem Gedächtnis auf die Sprünge helfen?
Du bist Emma Schultheis- Camen, die Ehefrau von Timo Camen. MIR. Als du 18 Jahre alt warst, hast du meine Familie im Vollrausch umgebracht! Du hast sie totgefahren in Daddys schicken Auto. Du hast gesehen wie sie starben und standest nur daneben! Geglotzt hast du. Ich hatte meine Eltern nur 16 Jahre und meine kleine süße Schwester gerade mal 5. Und du, du undankbares Stück Scheiße, hasst deinen Vater an jedem Tag. Dabei hat er dir doch alles gegeben. Er hat sogar für dich deinen Mord an meiner Familie und meiner Zukunft vertuscht. Dann kam ich in dieses schreckliche Heim. Weißt du noch wie sie mich da nannten? Hm, weißt du’s noch?
“Schwächling” flüstert Tilly.
“Wie bitte?“
„Schwächling!“ schreit Tilly Timo an.
„Na, du scheinst dich ja doch zu erinnern!”
“Schwächling!!” schreit sie ihn an, doch Timo lacht nur.
“Aha, da ist sie, die Emma die ich kenne. Die kalte Schlampe.”
“Sie wissen gar nichts über mich! Und ich heiße Tilly verdammte Scheiße!” sie spuckt ihn an. Timo lässt ihre Reaktion kalt.
Er nimmt das Messer und geht nah an Tilly heran. Sie riecht seinen schlechten Atem und spürt wie die Gänsehaut ihre Haut entlangwandert. Timo setzt das Messer an ihre Kehle.
“Du kleines Miststück. Ich kenne dich besser als sonst irgendjemand. Und weißt du, was ich jetzt mit dir machen werde?” sie schüttelt den Kopf.
“Nein? Weißt du nicht mehr unser kleines Spiel? Na gut, dann zeige ich es dir.” er setzt das Messer unter ihrer Brust an und zieht es leicht über ihre Haut. Tilly schreit auf vor Schmerzen. Sie fühlt das warme Blut über ihre Haut fließen. Mit seiner kalten Hand fährt er über ihren nackten Körper. Er hat ihr Blut an seinem Finger und leckt es ab.
Sie wünscht sich weg. Weit weg.
An ihrem linken Bein spürt sie seine Erektion und dreht den Kopf weg, als ob das etwas bringen würde. Doch er gräbt seine Hand in ihr Haar und zieht es nach unten. Sein Atem an ihrer Kehle. Er leckt ihr den Hals bis zum Kinn hinauf. Langsam und drohend flüstert er ihr ins Ohr:
“Emma Schatz, ich weiß das von dem Baby.”
Schlagartig krampft sich alles in Tilly zusammen. Erinnerungen von all den verlorenen Jahren überströmen sie. Wütend starrt sie Timo in die eiskalten blauen Augen. In ihr sammelt sich starke unbändige Wut. Immer wieder erscheinen Bilder von Gewalt und Misshandlungen vor ihrem inneren Auge. Davon wie er, Timo sie schlägt und vergewaltigt. Dann eine neue Szene. Sie sieht, wie sie in eine Klinik geht. “Klinik für Schwangerschaftsabbrüche”
“Fick dich du Perverser! Du hast mich geschlagen und gefoltert…”
Daraufhin drückt er ihr den Finger auf den Mund. In der anderen Hand hält er nach wie vor das Messer. Langsam wandert diese ihren Körper runter. Tilly spürt die metallische, kalte Klinge ihren Oberschenkel hoch und runter wandern. Immer ein wenig höher.
“Schhhht kleine Emma. Den Spaß, den wir haben werden, der hat noch nicht einmal angefangen.” Er rammt ihr die Faust ins Gesicht und sie gleitet in die Bewusstlosigkeit.

Wie ein Film ziehen die Erinnerungen an Tillys Kindheit vorbei. Wie ihr Vater sie schlug, wenn sie eine schlechte Note mit nach Hause brachte, wie traurig sie war als ihre Mutter starb und sie daraufhin anfing zu rauchen und Drogen zu nehmen. Sie sieht die Kerle, die zu ihr ins Bett stiegen. Und dann der Aufprall. Danach die Entzugsklinik und der Arbeitskollege ihres Vaters. Sie lernte Timo kennen. Ihr Retter aus der Dunkelheit. Ihre Hochzeit, die Misshandlungen und die Drogen, die Timo ihr verabreichte, um sie ruhig zu stellen. Die Schläge, die Vergewaltigungen. Die Affäre, die Abtreibung.

Tilly kommt wieder zu sich. Timo zieht gerade seine Hose hoch.
„Es ist genauso wie ich es in Erinnerung hatte. So schön, wenn du schläfst. Dann bist du ruhig, genauso wie nach meinen Schlägen, als du bewusstlos auf dem Boden lagst. Du hast dich nicht gewehrt. Und ich wette es hat dir gefallen, die blauen und lila Blumen, die ich über deinen ganzen Körper gezaubert habe. Trotzdem bin ich immer noch stinksauer. Als du schwanger warst, wolltest du es mir nicht erzählen. Stattdessen hast du es einfach tot gemacht. Erst nimmst du mir meine Eltern und meine kleine Schwester, dann mein Kind. Du Hure. Aber jetzt haben wir ja genug Zeit all das nachzuholen. Hier unten wird uns keiner finden. Hier können wir eine Familie gründen. Und wenn wir dann ein Kind haben, dann bringe ich dich um, langsam, damit du spürst, wie es sich anfühlt das Wichtigste im Leben zu verlieren.“

Gerade als Timo immer näher mit dem Messer in der Hand auf sie zu kommt, ertönt ein Knall. Blut spritzt Tilly ins Gesicht und auf den nackten Oberkörper.

Taumelnd dreht Timo sich um und mit letzter Kraft haucht er: „Max was…“ ein weiterer Schuss ertönt und Timo sackt zu Boden.
Max Konrad betritt den Bunker. Timo liegt blutend auf dem Boden. TOT.

„Oh Gott, Emma! Du blutest! Was hat er mit dir gemacht?!“ Max rennt auf Tilly zu und bindet sie von ihren Ketten los.
„Es tut mir so leid. Anna hat mich angerufen und mir gesagt, dass du nicht aufgetaucht bist und als du nicht ans Telefon gegangen bist habe ich mir Sorgen gemacht. Dann habe ich dein Handy geortet. Es tut mir schrecklich leid! Ich wünschte ich wäre schneller gewesen!“
Max legt seine Jacke über die nackte Tilly.
Tilly weint und vor ihrem inneren Auge flackern immer wieder neue Erinnerungen auf. Bilder von Timos Gesicht. Von kalten blauen Augen und pechschwarzen Flügeln.
“Komm ich bringe dich hier raus. Jetzt ist es vorbei. Du hast es geschafft. Ich rufe noch schnell Anna an, damit sie sich keine Sorgen machen muss und sie weiß, dass ich dich gefunden habe.”
Tilly sieht ihn an. Dann sagt sie mit zitternder Stimme:
”Du … du hast ihn… erschossen!”
“Mach dir deshalb bitte keine Sorgen. Hauptsache dir geht es gut. Komm.”

Tilly steht völlig neben sich, trotzdem rappelt sie sich auf und humpelt mit Max aus dem Bunker. An seinem Auto angekommen gibt er ihr etwas zum Anziehen und zu trinken. Max geht kurz ein paar Schritte abseits und telefoniert. Tilly steigt ins Auto. Kurz darauf steigt auch Max ein und fährt los. Tilly spürt wie ihre Zunge immer schwerer wird und ihr Körper sich der Erschöpfung hingeben will. Ihr Blick verschwimmt. Sie nuschelt:
“Wo… wo bringst du mich hin?… Wo soll ich nur hin?… Ich weiß nicht… ich auf Straße kann… glaube ich muss herausfinden… keine Ahnung … muss erst … Polizei und… und Sonntag … Seestr…”
“Tilly, ich glaube es wäre besser, wenn ich dich erst einmal in ein Krankenhaus bringen würden. Die Polizei hat sicherlich noch einige Fragen an dich und um Sonntag kümmere ich mich, wenn ich dich abgesetzt habe. Okay?” schwach nickt Tilly.
Doch bevor sie in einen tiefen traumlosen Schlaf gleitet, denkt sie an Max Worte:
“Oh Gott, Emma!”

Als Tilly aufwacht, ist sie in einem hellblauen Zimmer. Sie hat ein weißes Krankenhaushemd an. Blinzelnd sieht sie sich um. Das Zimmer ist leer, nur das Bett, in dem sie liegt und ein kleiner Nachttisch stehen darin. Durch ein Fenster in der Wand fällt schwaches Sonnenlicht.
Sie will sich aufrichten, aber ihre Arme und ihre Beine sind fixiert. Schwach rüttelt sie an ihren Fesseln. Ihr Mund ist trocken, sie versucht zu schreien, aber sie bekommt kein Wort heraus.
Die Zimmertür wird geöffnet und ein großer grauhaariger Mann tritt ins Zimmer.
“Hallo Tilly, schön dass Sie wach sind. Sie waren sediert, Ihnen könnte etwas schwindelig sein, wundern Sie sich nicht.” Er kommt näher.
“W a s s e r.” flüstert sie. Der Mann geht zum Nachttisch und reicht ihr einen Becher mit einem Strohhalm. Hastig trinkt sie alles aus.
Hustend fragt sie: “Wo bin ich, was ist passiert? Warum bin ich gefesselt?”
“Wissen Sie gar nichts mehr? Ihr Mann hat Sie hergebracht, nachdem Sie einen Nervenzusammenbruch hatten. Sie haben wild um sich geschlagen und redeten wirres Zeug von einem Mann, dass er Sie hintergangen hätte und Sie dringend eine Polizistin sehen müssten. Sie wurden gewalttätig und wir mussten Sie immer wieder sedieren, da Sie eine Gefahr für andere und sich selbst darstellten.”
Fassungslos starrt Tilly ihn an. Ihre Erinnerungen kommen langsam zurück. Alles. Kräftiger reißt sie an ihren Fesseln und schreit: “Hiiiiiillllfeeeeee!!!!!!!!”
“Ach Tilly, das hatten wir doch schon.” Der Mann nimmt eine Spritze aus seiner Kitteltasche und rammt sie der schreienden Tilly in den Oberarm . Um sie herum wird es dunkel und sie gleitet in die altbekannte, tintenschwarze Tiefe.

 
Dienstag, 15. Januar 

Die Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit  stürmt ein  Haus an einem großen See. Was sie dort zu sehen bekommen, schockt sogar die erfahrensten und ältesten Polizisten und BFE – Mitglieder.
Im Keller von Max Konrad Braum sind die Wände zugekleistert mit Bildern von unzähligen Frauen mit roten Haaren. Eine Wand ist speziell einer Frau gewidmet.
Emma Schultheis-Camen.
Ungläubig sieht sich Kriminalhauptkommissarin Anna Rogers in dem dunklen, feuchten Raum um.
An den Wänden sind Fotos aller Opfer des “ADLER” bei den unterschiedlichsten Tätigkeiten zu sehen. Es gibt ein Buch voller Fotos von bewusstlosen, nackten Frauen.
Seine Trophäen.
Ein Ärmel, der mit einem Tattoo verziert ist, liegt auf einer Ablage. Es ist das Tattoo von Timo Camens Oberarm.

In Anna Rogers Kopf dreht sich alles. Max Konrad war ihr Freund.
Ihr Vertrauter. Sie hat ihm vertraut. Ihm Einzelheiten ihrer Arbeit, der Jagd nach dem „ADLER“ anvertraut. Sie hat sich geirrt. ER war der ADLER. ER lief vor ihren Augen frei umher. Ohne zu ahnen, was ER nachts trieb. Er war ihr Freund…
Was hatte er den Frauen angetan und was hatte er Emma angetan? Er hatte ihr Leben zerstört, ihr alles genommen. Ihre Erinnerungen, ihre Identität, er hat sie auf der Straße abgesetzt und verwahrlosen lassen. Und dann, nachdem er Timo Camen reingelegt und erschossen hatte, hat er Tilly, oder Emma, wie sie wirklich heißt, in eine abgelegene, heruntergekommene Anstalt am Rande der Stadt untergebracht. Dort sollte sie verenden. Für immer ruhiggestellt.
Hätten nicht Wanderer zufällig den Bunker im Wald und Timos Leiche darin entdeckt, wäre ER davongekommen. Auf dem Betonboden neben Timos Leiche, waren blutverschmierte Zeichen zu sehen.
Erst jetzt wird Anna Rogers klar, dass diese Zeichen „Emma“ heißen sollten.
2 Monate vergingen, bis sie die Verbindung zwischen Tilly beziehungsweis Emma, Timo Camen und Max Konrad Braum herstellen konnte und einen Tatverdacht hatte.

2 MONATE.

Dieser Fall beschäftigte Anna Rogers jetzt seit fast 3 Jahren.
Es ist zu viel.
Anna Rogers rennt aus dem Haus und übergibt sich in den Vorgarten. Noch nie hatte sie diese Art von Grausamkeit gesehen, solchen Kontrollzwang und nie hatte sie so stark versagt.
Als Anna Rogers endlich herausfand, dass Emma Schultheis-Camen unter dem Namen Tilly Braum in die Berg-Klinik eingewiesen wurde, war es schon zu spät. Emma, alias Tilly, hatte sich zwei Tage zuvor die Pulsadern aufgebissen. Sie kam mit ihrer Schuld und den Erinnerungen an ihre Vergangenheit nicht mehr zurecht. In ihrem Abschiedsbrief an sie, Anna Rogers, adressiert, schreibt Emma ihre Geschichte nieder und gesteht den Mord an Timo Camens Familie vor über 12 Jahren. Sie schreibt über die Misshandlungen und Vergewaltigungen ihres Ehemannes Timo Camen, von der Affäre mit Max Konrad Braum und über die Abtreibung des Babys, Timos Baby, von dem Max Braum dachte es wäre seines. Emma berichtet von der Freundschaft zu Max. Er war es, der Timo nach dem Heim bei sich aufnahm. Und er war es, der Timo und Emma einander vorstellte. Sie beschreibt, wie Max sie beschützte und ihr helfen wollte, Timo hinter Gitter zu bringen.

Anna Rogers richtet sich auf und sieht wie ein Polizist Max Konrad Braum über seine Rechte aufklärt und ihn abführt. 
Sie hört nur ein Rauschen in ihren Ohren und wie in Trance geht sie langsam auf Max Konrad Braum zu. Er starrt sie an. Roten Locken umrahmen sein Gesicht. Seine bernsteinfarbenen Augen, die einst so freundlich waren, blitzen hinter seiner Brille gefährlich auf.

Er lächelt bösartig und seine weißen Zähne grinsen sie höhnisch an. Es ist nichts mehr übrig von dem netten Kerl, den sie einst so geschätzt hatte. Etwas derart Böses, wie die Verbrechen an 35 Frauen, hätte sie ihm niemals zugetraut.

Anna Rogers unterdrückt den Wunsch sich erneut zu übergeben. Stattdessen geht sie weiter auf ihn zu.
Anna und Max stehen sich Angesicht zu Angesicht gegenüber. Dieser irre Blick in seinen Augen.
Ein klassischer Sadist, denkt sie. Dann holt sie aus und wie in Zeitlupe schlägt sie ihm ins Gesicht. 

 “W I E S O?”  schreit sie ihn an.

Im nächsten Moment wird Kriminalhauptkommissarin Anna Rogers von einem Polizisten weggerissen. Max arrogantes Lachen hallt in ihren Ohren wider. Sie sieht wie er ihren Schmerz genießt und sich an ihm ergötzt. 

Dann bricht Kriminalhauptkommissarin Anna Rogers zusammen.

 

10 thoughts on “Escape

  1. Hallo Anna-Lena!,

    ich bin gerade über Instagram auf deine Geschichte aufmerksam geworden und hab sie mir gleich mal angeschaut.

    Ich finde die Grundidee gut und auch, wie du die Wendungen einbaust.
    Der Text an sich könnte meiner Empfindung nach etwas mehr „Pepp“ vertragen, um emotionaler zu werden. Schließlich macht die gute Frau ganz schön was mit 🙂

    Da es hier ja aber in erster Linie um die Idee geht, lasse ich dir meine Stimme hier, da die, meiner Meinung nach, eine gute Story abgibt.

    Mir sind ein paar Fehler aufgefallen, die ich dir nachfolgend hinschreibe, falls du sie ausbessern möchtest.

    – Na komm.” ruft eine Obdachlose an der ihrem schwarzbraunen Schäferhund zu.
    Na komm.” ruft eine Obdachlose ihrem schwarzbraunen Schäferhund zu.

    – Hund?” es ist der große rothaarige Mann…
    Hund?” Es ist der große rothaarige Mann

    – Dann werde ich wohlmöglich noch verhaftet.
    Dann werde ich womöglich noch verhaftet.

    – in Daddys schicken Auto
    in Daddys schickem Auto

    Wenn du Zeit hast, würde ich mich freuen, wenn du auch mal bei mir vorbeischaust…

    Viele Grüße
    J. D.
    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/das-leben-eines-toten-mannes

  2. Liebe Anna-Lena

    Ich habe heute deinen Aufruf bei Instagramm gelesen und bin nun gerne hier.

    Liebe Anna-Lena
    Ich habe deine Geschichte sehr gerne gelesen. Und wenn du erlaubst, würde ich dir gerne ein komplett ehrliches Feedback zurücklassen.

    Die allermeisten Menschen hier auf wirschreibenzuhause legen einen großen Wert auf Ehrlichkeit, konstruktive Kritik und gute Tipps.
    Und auf wohlwollende Ratschläge.

    Mein geschätzter „Vorredner“ J.D. ist das beste Beispiel für so einen konstruktiven, gerechten und zugleich menschlichen Kritiker.

    Also.
    Nun mal Tacheles:

    Deine Geschichte hat mir gut gefallen. Die Grundidee ist gut gewählt, die Protagonisten cool erdacht, die Parameter ordentlich eingeflochten, das Finale spannend und überraschend zugleich.
    Zudem mag ich Geschichten, in denen es „zur Sache“ geht.

    Wenn man der FSK deine Story vorlegen würde, bekäme sie definitiv keine U-18 Freigabe. Wahrscheinlich nicht einmal eine U-30.
    🙂
    Deine Geschichte beschreibt viele grausame und blutige Details. Um nicht zu spoilern, werde ich nicht auf die Einzelheiten eingehen.
    Diese kommen so harmlos und „nebenbei“ daher, dass man zuweilen schon schlucken muss.

    Ich mag deine Anbindung an das Obdachlosenmilieu. Ich selbst kenne wegen meines Jobs nicht nur zahlreiche Obdachlose, sondern habe oft über die Szene, die Menschen geschrieben.
    Man spürt deutlich und bereits nach wenigen Sätzen, dass du dir viele Gedanken gemacht hast.
    Die Geschichte ist logisch und stringent erdacht.
    Das Ende ist definitiv aufklärend und Fragen-beseitigend.
    Du schreibst zielorientiert und straff…………
    ……… und nun komme ich, wenn du gestattest, zum kritischen Teil meines Kommentares.
    Ich werde die einzelnen Punkte einfach mal ohne weitere Anmerkungen auflisten.
    Verzeih mir bitte bereits JETZT SCHON.
    🙂

    – Deine Geschichte liest sich zuweilen wie eine Hergangsbeschreibung. Sie wirkt oft zu nüchtern, zu seelenlos.
    – Dir sind in den Bereichen Rechtschreibung, Zeichensetzung, Wortwiederholung, Grammatik und Wörtliche Rede viele Fehler unterlaufen. Das stört zuweilen den Lesefluss und das unbewusste Empfinden. Sorry, bin halt Lehrer. 🙁
    – Lass deine Geschichten in Zukunft immer noch einmal 4 bis 6 x gegenlesen. Und zwar von einem versierten Deutsch- und Grammatikprofi.
    Dann hast du dieses Problem nicht mehr.
    – Höre dir deine Geschichte vor der Veröffentlichung an. Sprich: Lies sie selbst in dein Handy ein oder bitte einen guten Freund, eine Freundin, dieses zu tun. Durch das Hören der eigenen Story entwickelt sich bei dir ein Meta-Verständnis. Heißt, du gewinnst Abstand zum eigenen Text. Auf diese Weise kannst du dich leichter in deine Leserinnen hineinversetzen.
    – Deine Geschichte ist zu lang. Viele Sätze wirken überflüssig, belanglos, an den künstlichen Haaren herbeigezogen und, SORRY, wie aus einem Schulaufsatz.
    Reduziere dich bei einer Kurzgeschichte auf das Wesentliche.
    – Deine Geschichte ist vom Grundansatz her megaspannend. Leider „unterbrichst“ du selbst diese Spannung durch zu lange und zu farblos gestaltete Sätze und Erklärungen. Du musst dem Leser nicht alles „erklären“.
    Lass ihn denken, fühlen, sich fragen.

    Und oftmals ist eine offen gebliebene Frage literarisch und psychologisch wertvoller als eine zu viel gegebene Antwort und Erklärung.
    Eine Kurzgeschichte ist kein Rezept.
    Keine absolute Nacherzählung von etwas Gewesenem.
    Eine Kurzgeschichte regt zum Denken an, zum Fühlen, zum Zweifeln, zum Träumen, zum Leiden, zum Wachsen.

    Eine gute Kurzgeschichte hallt im Herz, im Kopf des Lesers nur dann weiter, wenn es offene Fragen gibt. Wenn der Leser innerlich getriggert, berührt, geflasht, ergriffen ist.

    Liebe Anna-Lena

    Wir kennen uns nicht.
    Haben uns nie gesehen, nie gesprochen, uns nie geschrieben.

    Warum also beschäftige ich mich mehr als 75 Minuten mit deiner Geschichte und dem Kommentar?

    Ganz einfach:

    Weil deine Geschichte danach schreit.
    Weil deine Geschichte eine ganz große Geschichte werden kann.
    Weil du das Schreiben liebst.
    Weil die Grundidee hinter der Story wirklich gut, gut, gut ist.

    Du hast ein riesiges Potenzial.
    Und ein gegebenes Erzähltalent.

    Gib jetzt nicht auf.
    Ich habe jedes Wort kollegial und liebevoll gemeint.

    Schreib weiter.
    Arbeite an dir.
    Setze die Ratschläge um.

    Du hast gezeigt, dass du viel Fantasie hast.
    Dass du komplexe und intelligente Geschichten erarbeiten, konstruieren kannst.

    Und jetzt lerne, sie auch zu schreiben.
    Zu kreieren.
    Zu stylen.
    Zu überarbeiten.

    Ich fühle deutlich, dass du es drauf hast.
    Und dass du mir nach meinem Kommentar nicht böse bist.

    Weil in dir eine Könnerin, ein Profi steckt.

    So.
    Ich glaube, das war tatsächlich der längste Kommentar, den ich hier jemals verfasst habe.

    Aber ich bereue keine Sekunde.

    Natürlich lasse ich dir ein Like zurück.

    Ich wünsche dir und deiner Geschichte alles Gute und viel Erfolg.

    Und wenn du etwas Neues geschrieben hast, melde dich bitte.
    Ich würde gerne noch mehr von dir lesen.

    Ganz liebe Grüße.
    Swen Artmann (Artsneurosia)

    Vielleicht hast du ja Lust und Zeit, auch meine Story zu lesen.
    Aber nur, wenn du mir auch so ein ehrliches Feedback gibst.
    Du musst kein Blatt vor den Mund nehmen.

    Meine Geschichte heißt:

    „Die silberne Katze“

    Ich danke dir für die letzten 75 Minuten.
    Swen

    1. Hallo Swen
      Wow wirklich danke danke danke für die Zeit die du in meine Geschichte investiert hast und dass du dir die Mühe gemacht hast diesen super konstruktiven Kommentar zu verfassen!!! Ich bin sehr dankbar über deine Ehrlichkeit, das findet man nicht so oft.
      Deine Worte haben mich echt aufgebaut und motiviert und ich empfinde deine Anmerkungen als super hilfreich und sinnvoll für mich und meine Geschichte, also auch hierfür Danke!
      Ich bin wirklich noch ein bisschen sprachlos über so tolle Worte von jemand fremden, das bedeutet mir echt viel!!
      Ich schaue so bald wie möglich bei deiner Geschichte vorbei und lasse dir auch meine unzensierte Meinung da.:)

      Danke Swen!
      Liebe Grüße Anna-Lena

  3. Liebe Anna-Lena!
    Ich bin auch über Instagram zu deiner Geschichte gekommen und ich finde de Plot wirklich toll. wie du das Obdachlosenmilieu hineingebracht hast, das war richtig hautnah und gruslig.

    Auch ich möchte ehrlich sein, mir dauerte es etwas zu lange, bis die Geschichte an Fahrt aufnimmt. Du muss den Leser/die Leserin vor allem bei eine Kurzgeschichte gleich mit den ersten Absätzen packen, sonst brechen sie ab.
    Danach ging es schon recht heftig zu und her, ich musste ein paarmal schlucken. Ich muss Swen zustimmen, es ist einiges zu lang. Gerade bei einer Kurzgeschichte muss man darauf achten, dass man sich auf das Wesentliche beschränkt und viele Informationen sind überflüssig, beispielsweise wir ihr der Hund zugelaufen ist.
    Aber ich finde, es steckt ein großes Potenzial in dir, schreib weiter, lass deine Seele sprechen – das Handwerk ist das Eine, das kann man lernen, aber die Kreativität muss aus dir herauskommen und die hast du eindeutig.
    Ich lasse dir auf jeden Fall mein Like da und wünsche dir alles Gute.
    Vielleicht hast du Zeit und Lust auch meine Geschichte zu lesen, sie heißt. „Der alte Mann und die Pflegerin“ und bitte sei genauso ehrlich, wie ich. Feedback ist für jeden Autor enorm wichtig.
    Liebe Grüße Lotte

  4. Guten Abend,

    Ich habe den Post bei Wir-schreiben-zuhause gesehen und dachte mir, dass ich mir deine Geschichte durchlesen werde. Gesagt, getan… Leider bin ich nicht gut darin so ausführliche Feedbacks zu geben wie die anderen. Ich hoffe mein Herzchen ist Feedback genug.

    Liebe Grüße Sandra (Das zerstörte Band)

    Vielleicht möchtest du auch meine Geschichte lesen und bewerten. Ich würde mich sehr freuen 🤗

    https://wirschreibenzuhause.de/geschichten/das-zerstoerte-band

  5. Liebe Anna-Lena,
    Ich bin auch über instagram zu Deiner Geschichte gekommen. Ich schließe mich meinen Vor-Kommentatoren an: Im Grunde bin ich vom Thema Deiner Geschichte von Anfang an gefesselt. Der Einstieg ist meiner Meinung nach super. Ich selbst war oft und bin auch heute manchmal überfordert, wenn es darum geht, mich kurz zu fassen. Ich denke, es macht immer wieder Sinn, beim Schreiben inne zu halten, und sich zu überlegen, ob die Passage, die ich selbst zwar super finde, an der Stelle Sinn macht und ob sie – gerade bei einer Kurzgeschichte – vielleicht gar nicht gebraucht wird / für die eigentliche Handlung nicht wichtig ist. Am besten ist es, sich – um das zu lernen – eine grobe Handlungsskizze zu zeichnen (z.B. auf ein Whitboard oder einen sehr großen Zettel). Hier erkennt man schnell, wer wichtig ist auf dem Weg zum Zeil und man verliert den roten Faden nicht. Aber das bringt die Zeit – Übung macht beim Schreiben wirklich den sprichwörtlichen Meister. Und da ist wirklich nur eine kleine Hilfestellung beim Schreiben – Deine Gedanken an sich sind unübertroffen! Mein Herzchen hast Du.
    Liebe Grüße
    Anna

    P.S.: Meine Geschichte ist „Die Nachtschicht“, ich würde mich freuen, wenn Du mal bei mir vorbeischaust;-)

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